Xian: Die taoistischen Unsterblichen und die Stufen der Unsterblichkeit
Der Begriff des taoistischen Unsterblichen/transzendenten Wesens (Xian); die Debatte, ob die Unsterblichkeit leiblich oder geistig sei; die Stufen des Himmels-, Erden- und Menschen-Xian; shijie (Leichnam-Auflösung); und die Verbindung zum Ideal des zhenren (wahrer Mensch) bei Zhuangzi.
Einleitung: Auf den Spuren des Unsterblichen
Eine der anziehendsten, geheimnisvollsten und meistdiskutierten Gestalten des taoistischen spirituellen Denkens ist der Xian (仙 / 僊) — ein Wesen, das gewöhnlich als „Unsterblicher" oder „transzendentes Wesen" übersetzt wird und von dem man glaubt, es habe den Tod überschritten oder eine außergewöhnliche Ebene des Lebens und Bewusstseins erreicht. Der Begriff des Xian, der sowohl im philosophischen als auch im religiösen Zweig des Taoismus eine zentrale Stellung einnimmt, umfasst weit mehr als die schlichte Vorstellung einer „Unsterblichkeit": ein vielschichtiges Lehrgebäude, das die Debatte einschließt, ob die Unsterblichkeit leiblich oder geistig sei, verschiedene Unsterblichkeits-Stufen, eigentümliche Übergangsmethoden wie die „Leichnam-Auflösung" (shijie) und die tiefe Verbindung zum Ideal des „wahren Menschen" (zhenren) bei Zhuangzi.
Ziel dieser Notiz ist es, den Begriff des Xian mit akademischer Sorgfalt und vergleichender Sensibilität zu entfalten und die historische Entwicklung, die Stufen, die Methoden und die philosophischen Spannungen der Unsterblichkeitslehre herauszuarbeiten. Der Xian ist ein vielschichtiger und stets neu gedeuteter Begriff, der sowohl in den philosophischen Klassikern des Taoismus als auch in seinen reichen religiösen und volkstümlichen Traditionen widerhallt; deshalb ist es geboten, ihn nicht in eine einzige Definition zu zwängen, sondern seine verschiedenen Gesichter und historischen Phasen gemeinsam zu betrachten. Schon das Wort selbst verrät die Natur dieses Begriffs: Eine Form des Schriftzeichens Xian setzt sich aus den Elementen „Mensch" (人) und „Berg" (山) zusammen — der Xian ist also der „Bergmensch", das eremitisch-transzendente Wesen, das sich aus der zivilisierten Welt zurückzieht und in der Erhabenheit der Natur im Einklang mit dem Tao lebt. Der Berg ist in der chinesischen spirituellen Imagination der dem Himmel nächste Ort, ein heiliger und gereinigter Raum fern vom Lärm der gewöhnlichen Welt; dass der Unsterbliche auf dem Berg lebt, deutet an, dass er sowohl physisch als auch geistig über die gewöhnliche Menschheit hinausgelangt ist. Ein weiteres frühes Bild ist das yuren (羽人, „gefiederter/geflügelter Mensch") — die Darstellung des in die Himmel aufsteigenden, halb Vogel, halb Mensch gestalteten Unsterblichen.
Ursprung: Zhuangzis wahrer Mensch
Die frühesten Spuren des Xian-Begriffs reichen zu den taoistischen Klassikern, bis zu Zhuangzi (4.–3. Jh. v. Chr.), zurück. Interessanterweise steht das Wort „Xian" nicht im Zentrum der reichen Begriffe, die Zhuangzi für den idealisierten Menschen verwendet; stattdessen gebraucht Zhuangzi Begriffe wie zhenren (真人, „wahrer Mensch" oder „Mensch der Wahrheit"), zhiren („vollkommener Mensch") und shenren („geistiger Mensch"). Dennoch trägt Zhuangzis Schilderung dieser Gestalten die Keime der späteren Xian-Vorstellung in sich.
Der von Zhuangzi geschilderte zhenren ist ein Weiser, der das gewöhnliche Dasein übersteigt: Hitze und Kälte berühren ihn nicht, er versinkt nicht im Wasser, verbrennt nicht im Feuer; er schläft traumlos, erwacht sorglos; Leben und Tod nimmt er als Phasen eines einzigen Stroms der Verwandlung an und freut sich über keines noch trauert er um eines. Seine Gelassenheit entspringt nicht der Gleichgültigkeit gegenüber äußeren Ereignissen, sondern einer tiefen Annahme, die daraus erwächst, dass er begriffen hat, dass alles Teil der großen Verwandlung des Tao ist. Das Bild des „geistigen Menschen", der auf dem fernen Berg Guye lebt, sich von Tau und Wind nährt und auf Drachen reitend jenseits der Welt umherschweift, ist die unmittelbare Inspirationsquelle der späteren Darstellungen des Unsterblichen (xian). Diese märchenhaften Schilderungen sind in Zhuangzis Hand zumeist weniger eine konkrete Lehre als vielmehr poetische Bilder, die darauf zielen, die Grenzen des gewöhnlichen Verstandes zu erschüttern und den Leser über seine gewohnten Schemata hinauszutragen; ihr Zweck ist nicht, ein leibliches Wunder zu beweisen, sondern einen Zustand freien und grenzenlosen Bewusstseins heraufzubeschwören. Der zhenren ist mit dem Tao in so vollkommenem Einklang, dass Wu-Wei (mühelose Handlung) zu seinem natürlichen Zustand geworden ist; er ist eins geworden mit dem Strom des Universums und hat das Gefühl eines abgesonderten „Ich" überwunden.
Hier liegt ein kritischer Punkt: Im Kontext Zhuangzis sind diese Schilderungen weitgehend allegorisch und geistig. „Unsterblichkeit" wird zumeist nicht als leibliche Ewigkeit gelesen, sondern als ein Bewusstseinszustand, in dem die Todesfurcht überwunden, die natürliche Verwandlung in Frieden angenommen und mit dem Tao eins geworden ist. Wie der Historiker Holmes Welch hervorgehoben hat, waren für die philosophischen Taoisten die außergewöhnlichen „Kräfte" metaphorische Ausdrücke des Einklangs mit der Natur. Für Zhuangzi ist der Tod kein zu meidendes Unglück, sondern eine natürliche Verwandlung wie der Wechsel der Jahreszeiten. In einer seiner berühmten Erzählungen gelangt der Weise nach dem Tod seiner Gattin, statt zu trauern, zu einer ruhigen Annahme, indem er über den Platz von Leben und Tod innerhalb der großen Verwandlung nachsinnt; denn für ihn ist das Leben eine geliehene Form und der Tod die Rückkehr dieser Form zu ihrer Quelle. Diese geistig-allegorische Lesart bildet eine bedeutende Spannung zu der in späteren Epochen sich entfaltenden literal-leiblichen Unsterblichkeitssuche und bestimmt von Anfang an die beiden Pole des Xian-Begriffs — die ruhige Annahme und die tätige Suche nach Verwandlung.
Historische Entwicklung: Von der Allegorie zur Praxis
Der Xian-Begriff verdichtete sich von der Han-Dynastie (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) an zunehmend und wurde zu einem zentralen Ziel des religiösen Taoismus (daojiao). In dieser Zeit bildeten Texte wie das Shenxian zhuan („Biographien der geistigen Unsterblichen") eine reiche Erzähltradition, die die Lebensgeschichten der Unsterblichen, die außergewöhnlichen Zustände, die sie erreichten, und die Wege, auf denen sie zu dieser Stufe gelangten, schilderte.
In dieser Erzähltradition werden die Unsterblichen zumeist als Gestalten dargestellt, die in den Bergen leben, über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen und die Beschränkungen von gewöhnlicher Zeit und gewöhnlichem Raum überschreiten. Ihre Geschichten sind nicht nur Wundererzählungen, sondern zugleich Beispiele einer bestimmten Lebensweise, einer Disziplin und des Einklangs mit dem Tao. Unsterblich zu werden ist in diesen Erzählungen kein angeborenes Vorrecht, sondern zumeist eine Stufe, die am Ende einer langen Reise der Reinigung, Übung und Tugend errungen wird. Diese Betonung ist wichtig: Der Xian repräsentiert, anders als die Götter (shen), eine Form der Transzendenz, die durch menschliche Anstrengung erreicht wird. Gerade in dieser Hinsicht trägt die Unsterblichkeitslehre die Hoffnung, dass der Mensch sein eigenes Potential auf höchster Ebene verwirklichen kann.
Der Höhepunkt dieser Verdichtung kommt mit Ge Hong (葛洪, 283–343) und seinem berühmten Werk Baopuzi („Der Meister, der die Einfachheit umfängt"). Ge Hong vertrat die Auffassung, dass die Unsterblichkeit nicht nur allegorisch, sondern ein wirkliches und erreichbares Ziel sei; und er behandelte systematisch die Methoden, sie zu erreichen (äußere Alchemie/waidan, Elixiere und Quecksilber-Zinnober-Verbindungen, Atemtechniken, Ernährungsregime, Meditation und die Anhäufung sittlicher Tugend). So weitete sich das geistig-allegorische Unsterblichkeitsverständnis des philosophischen Taoismus zur literal-leiblichen Unsterblichkeitssuche des religiösen Taoismus aus. In den folgenden Jahrhunderten trat an die Stelle der äußeren Alchemie (Elixiere mit Vergiftungsrisiko) weitgehend die innere Alchemie (neidan); in dieser Methode ist das „Elixier" ein geistiger Körper, der im Inneren des Leibes selbst durch die Läuterung der Drei Schätze (jing-qi-shen) gebildet wird.
Der stärkste Träger dieser inneren Wendung wurde die in der Spätzeit entstandene Quanzhen-Schule (Vollkommene Wahrheit). Diese Tradition suchte die Unsterblichkeit nicht in äußeren Elixieren, sondern in der inneren Läuterung von jing, qi und shen, in der sittlichen Reifung und in einem mit dem Tao vereinten Bewusstseinszustand. Für Quanzhen ist „unsterblich werden" kein Trick des leiblichen Überlebens, sondern das Überschreiten des zersplitterten Selbst und das gemeinsame Erreichen der ursprünglichen Natur (xing) und der Lebenskraft (ming), um so an der ruhigen Einheit jenseits des Todes teilzuhaben. Dieser Ansatz hat die geistig-innere Deutung des Xian-Begriffs auf ihren Gipfel geführt und ihn an eine lebendige geistige Disziplin gebunden.
Methoden zur Unsterblichkeit
Die taoistische Tradition hat zur Erreichung der Xian-Stufe eine reiche Reihe von Methoden entwickelt; diese haben sich mit der Zeit vom Äußeren zum Inneren, vom Physischen zum Geistigen hin gewandelt. Die wichtigsten Methodenfamilien lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
- Äußere Alchemie (waidan): Das Bemühen, aus Stoffen wie Quecksilber, Zinnober und Gold ein „Elixier der Unsterblichkeit" herzustellen. So bedeutsam sie historisch auch war, wurde sie wegen der Vergiftungsgefahr zunehmend aufgegeben.
- Innere Alchemie (neidan): Den Leib als einen „Ofen" gebrauchen und die Drei Schätze läutern; das innere „goldene Elixier" bilden. Der hauptsächliche Weg des spätzeitlichen Taoismus.
- Atem- und Energiearbeit: Mit Qigong, Tai Chi und verschiedenen Atemtechniken (tuna) das qi regulieren, vermehren und läutern.
- Ernährung und Fasten: Das Meiden bestimmter Speisen („das Getreide abschneiden", bigu), pflanzliche Regime und ein maßvolles Leben.
- Meditation und innere Schau: Stille, die Visualisierung innerer Landschaften und die Läuterung des Geistes.
- Sittliche Tugend: Gutes anhäufen, das Schaden-Zufügen meiden; denn nach vielen Texten lassen sich ohne sittliche Reife die höheren Stufen nicht erreichen.
Diese Methoden wurden zumeist gemeinsam und innerhalb eines Meister-Schüler-Verhältnisses geübt; die meisten der als geheim geltenden Techniken wurden nur unter der Führung eines vertrauenswürdigen Meisters und nach angemessener Vorbereitung weitergegeben. Ihr gemeinsames Ziel ist es, das gewöhnliche, verbrauchende, „abwärts" fließende Leben in ein gereinigtes, gesammeltes, mit dem Tao im Einklang stehendes Dasein zu verwandeln. In dieser Hinsicht ist der Weg zur Unsterblichkeit nicht als ein einziger wundersamer Sprung, sondern als ein geduldiger, stufenweiser und ganzheitlicher Verwandlungsprozess gedacht. Hier ist hervorzuheben, dass diese Methoden als ein traditionelles geistiges System dargestellt werden; nicht als eine moderne medizinische Behandlung oder ein physiologisches Versprechen.
Die Natur der Unsterblichkeit: Leiblich oder geistig?
Die tiefste philosophische Spannung der Xian-Lehre ist die Debatte über die Natur der Unsterblichkeit. Es gibt zwei Hauptlesarten, und beide haben sich durch die taoistische Tradition hindurch erhalten:
Leibliche/literale Unsterblichkeit: Nach dieser Auffassung besteht das Ziel darin, durch Verwandlung des Leibes (durch Läuterung, „Verleichterung", Umwandlung in einen unsterblichen Körper) den physischen Tod zu überschreiten. Texte wie das Baopuzi und das Shenxian zhuan lassen sich in diese Richtung lesen; alchemistische Elixiere, Unsterblichkeitskräuter und Techniken der leiblichen Reinigung zielen auf dieses Ziel. Der Körper des Unsterblichen „wird federleicht" und steigt in die Himmel auf (yuhua, 羽化, „Verwandlung zur Feder"/Beflügelung).
Geistige/allegorische Transzendenz: Nach dieser Auffassung ist die eigentliche Sache nicht die leibliche Ewigkeit, sondern das Erreichen eines Bewusstseinszustands, in dem die Todesfurcht überwunden, das abgesonderte Selbst aufgelöst und mit dem Tao vereint ist. Der zhenren Zhuangzis ist der Prototyp dieser Lesart. In dieser Perspektive bedeutet „Unsterblichkeit" das Teilhaben an jenem ruhigen Bewusstsein der Einheit jenseits der Zeit; die natürliche Verwandlung des Leibes (der Tod) hingegen ist kein zu Verleugnendes, sondern ein in Frieden zu umfangender Übergang.
Viele taoistische Denker und Traditionen haben einen Ansatz übernommen, der diese beiden Pole nicht als einander ausschließend, sondern in einem Kontinuum sieht: In den höheren Stufen der inneren Alchemie verschränken sich leibliche Reinigung und geistige Transzendenz; das letzte Ziel ist die „Rückkehr des shen (des Geistes) in die Leere" (lianshen huanxu), das heißt das Gelangen zur ungeschiedenen Einheit des Tao. So wird „Unsterblichkeit" weder als ein bloß leibliches Überleben noch als eine den Leib völlig verleugnende Flucht begriffen, sondern als eine ganzheitliche Rückkehr zur Quelle des Seins.
Diese Spannung spiegelt im Grunde den Unterschied zwischen den beiden großen Strömungen des Taoismus wider: Während der philosophische Taoismus (daojia) die ruhige Weisheit Lao Tzus und Zhuangzis repräsentiert, welche die natürliche Verwandlung annimmt und den Tod als Teil des Lebens sieht, hat der religiöse Taoismus (daojiao) eine reiche Praxis- und Ritualtradition entwickelt, die darauf zielt, mit konkreten Techniken über den Tod hinauszugelangen. Dennoch sind diese beiden Strömungen nicht durch scharfe Grenzen getrennt; zumeist verschränken sie sich in denselben Texten, in denselben Meistern. Die Unsterblichkeitslehre ist das Erzeugnis des fortwährenden Dialogs dieser beiden Ansätze.
Die Stufen des Xian: Die Sprossen der Unsterblichkeit
Der religiöse Taoismus hat die Unsterblichkeit nicht als einen einzigen Zustand, sondern als eine Reihe von Stufen und Phasen vorgestellt. Verschiedene Texte bieten verschiedene Klassifikationen; betrachten wir die beiden verbreitetsten Schemata.
Ge Hongs dreigliedriges Schema (Baopuzi):
- Tianxian (天仙, „Himmels-Unsterblicher"): Die höchste Stufe. Das transzendente Wesen, das mit seinem Leib in die Himmel aufsteigt, in den himmlischen Sphären ein Amt übernimmt und frei zwischen den Welten umherschweift.
- Dixian (地仙, „Erden-Unsterblicher"): Die mittlere Stufe. Der Unsterbliche, der noch nicht in die Himmel aufgestiegen ist und sein Leben auf berühmten Bergen und an heiligen Orten fortsetzt.
- Shijie xian (尸解仙, „Leichnam-Auflösungs-Unsterblicher"): Die unterste Stufe. Der Unsterbliche, der sich durch den „Tod" von seinem Leib trennt und eine Verwandlung erfährt (wird unten ausführlich behandelt).
Fünfgliedriges Schema (Zhongli Chuandao ji und ähnliche Texte der Song-Zeit): Dieses Schema staffelt die Unsterblichkeit nach dem Grad der Energie-Läuterung:
- Guixian (鬼仙, „Geister-Unsterblicher"): Die unterste Ebene; ein Wesen mit übermäßiger Yin-Energie, das sich noch nicht vollständig verwandeln konnte und im Reich der Geister verbleibt.
- Renxian (人仙, „Menschen-Unsterblicher"): Ein Unsterblicher, der das Yin-Yang-Gleichgewicht hergestellt hat; vor Krankheit und Alterung geschützt, aber noch an die Welt gebunden und auf Nahrung und Obdach angewiesen.
- Dixian (地仙, „Erden-Unsterblicher"): Ein Unsterblicher, der sich zum reinen Yang hin gewandelt hat; der die physischen Bedürfnisse überschritten, aber noch nicht in die Himmel aufgestiegen ist.
- Shenxian (神仙, „Geistiger Unsterblicher"): Ein Unsterblicher, der zu einem dampffeinen Körper und außergewöhnlichen Verwandlungsfähigkeiten gelangt ist; der durch das Lehren des Tao Tugend anhäuft und den himmlischen Ruf erwartet.
- Tianxian (天仙, „Himmels-Unsterblicher"): Die höchste Stufe; das transzendente Wesen, das in den himmlischen Sphären ein Amt innehat und zwischen den Welten umherschweift.
Dieses Stufengefüge zeigt, dass die Unsterblichkeit kein „Alles-oder-Nichts"-Zustand ist, sondern ein stufenweiser Aufstieg der inneren Energie-Läuterung und der geistigen Reifung. Jede Sprosse entspricht einem tieferen Einklang mit dem Tao und einer feineren Seinsebene.
Shijie: Leichnam-Auflösung oder „das Zurücklassen des Leichnams"
Einer der eigentümlichsten und geheimnisvollsten Begriffe der Xian-Lehre ist shijie (尸解, „Auflösung/Trennung vom Leichnam", „das Zurücklassen des Leichnams"). Dies ist ein besonderer Weg oder eine Übergangsform der Erlangung der Unsterblichkeit: Dem Anschein nach erlebt man einen gewöhnlichen Tod; doch nach der überlieferten Erzählung hat der Unsterbliche in Wirklichkeit seinen Leib verlassen und eine Verwandlung erfahren. In den Erzählungen findet man, wenn das Grab des Unsterblichen später geöffnet wird, statt eines Leichnams nur einen Gegenstand darin (einen Bambusstab, ein Schwert, einen Schuh, ein Talisman); der Leib aber ist „aufgelöst", in einen transzendenten Körper verwandelt.
Obwohl shijie in Ge Hongs Schema als die unterste Unsterblichkeits-Stufe gilt, ist es ein bedeutender Begriff, der in sich eigene Unterstufen hat und dennoch als eine wirkliche Form der Transzendenz bewertet wird. In manchen Deutungen wird shijie als ein Zwischenweg gesehen, den jene gehen, die noch nicht für den vollständigen leiblichen Aufstieg (die Himmelfahrt) bereit sind; als eine verborgene Verwandlung, die sich der Form des Todes bedient. Dieser Begriff zeigt auf eindrückliche Weise, wie fließend und symbolisch die Grenze zwischen Tod und Unsterblichkeit im taoistischen Denken sein kann; der Tod wird nicht als ein Ende, sondern als eine „Verkleidung", als eine Übergangspforte neu gedeutet.
Die shijie-Lehre hat einen tiefen philosophischen Widerhall: Sie trägt die Ahnung in sich, dass der Tod kein absolutes Ende sei, dass der Leib eine „ablegbare Hülle" sein könne. Dies deckt sich zutiefst mit Zhuangzis ruhiger Haltung gegenüber dem Tod — mit seiner Sicht, die den Leib als eine zeitweilige, vom Universum verliehene Form und den Tod als eine natürliche Phase der großen Verwandlung betrachtet. Im shijie ist der scheinbare Tod in Wirklichkeit der Vorhang einer Verwandlung; der Unsterbliche lässt seine alte Form zurück und geht in ein feineres Dasein über. So lässt sich der Begriff sowohl als ein konkretes Element der religiösen Praxis als auch als ein poetischer Ausdruck der Lehre des Tao von der fortwährenden Verwandlung lesen. Hier werden Tod und Leben, gleich dem Yin-Yang, zu zwei ineinander übergehenden Polen.
Die Weisheit des zhenren: Das geistige Gesicht der Transzendenz
Was die geistige Tiefe des Xian-Begriffs am besten erklärt, ist das Ideal des zhenren (真人, „wahrer Mensch/Mensch der Wahrheit"), seine Wurzel bei Zhuangzi. Der von Zhuangzi geschilderte wahre Mensch ist transzendent nicht durch außergewöhnliche Kräfte, sondern vor allem durch seine innere Haltung: Er freut sich nicht über Erfolg, betrübt sich nicht über Misserfolg; er bereut nicht das Vergangene, sorgt sich nicht um das Künftige; er schläft traumlos, erwacht sorglos. Leben und Tod sieht er als die beiden Gesichter eines einzigen Stroms und klammert sich an keines. Eben diese innere Freiheit ist das Wesen der wahren Transzendenz.
Der zhenren ist mit dem Tao so sehr eins geworden, dass das Gefühl eines abgesonderten „Ich" sich aufgelöst hat; er ist in einem mühelosen Einklang mit dem Strom des Universums — er ist ein lebendiges Beispiel des Wu-Wei. In dieser Hinsicht ist der zhenren mit dem Weisen verwandt, den Lao Tzu im Tao Te Ching preist und der die Sanftheit des Wassers und die Natürlichkeit des Säuglings besitzt. In der späteren taoistischen Tradition haben sich die Begriffe zhenren und xian zumeist verschränkt; der „wahre Mensch" wurde als „wahrer Unsterblicher" (zhen xianren) gedeutet. So wurde die Unsterblichkeit nicht nur als eine leibliche Leistung begriffen, sondern auch als ein Bewusstseinszustand, in dem die Todesfurcht überwunden, das Selbst aufgelöst und mit dem Tao vereint ist. Diese geistige Deutung ist die tiefste und universellste Schicht der Xian-Lehre.
Unsterblichkeit und Kosmologie: Die Läuterung des Yin-Yang
Die Xian-Lehre ist eng mit den Grundmustern der taoistischen Kosmologie verwoben. Viele Texte schildern den Weg zur Unsterblichkeit in Begriffen des Yin-Yang: Der gewöhnliche Mensch ist eine vermischte und unausgewogene Verbindung von Yin und Yang; die Alterung ist das allmähliche Überhandnehmen des Yin (Niedergang, Erkalten, Schwerwerden). Der Prozess des Unsterblichwerdens hingegen wird als die Läuterung des Yin im Leib und seine Umwandlung in reines Yang (qing yang) geschildert. Wie wir am fünfgliedrigen Stufenschema gesehen haben, ist der „Geister-Unsterbliche" durch übermäßiges Yin, der „Himmels-Unsterbliche" hingegen durch reines Yang gekennzeichnet. So ist die Unsterblichkeit die Wiederherstellung des Gleichgewichts der kosmischen Polarität im Leib und ihre Erhebung zum feinsten, lichtesten Zustand (Yang).
Ebenso liefert die Lehre der Fünf Wandlungsphasen die Landkarte der inneren Reinigung; das Ausgleichen und Vereinen der fünf inneren Kräfte gilt als eine Sprosse des Unsterblichkeitswegs. Auch die Wandlungsmuster des Yi Jing und das zyklische Zeitverständnis der chinesischen Astrologie begleiten diesen Prozess; das Beachten günstiger Zeiten, kosmischer Rhythmen und innerer Phasen ist Teil der überlieferten Praxis. So ist der Xian kein abstraktes Wunder, sondern ein integriertes Verwandlungsideal, in dem die gesamte taoistische Kosmologie (Yin-Yang, Fünf Wandlungsphasen, Drei Schätze) zusammenkommt. Dieser kosmologische Rahmen ist als ein traditionelles System zu verstehen; nicht als eine moderne wissenschaftliche Behauptung.
Das Pantheon der Unsterblichen und die kulturelle Spur
Die Xian-Gestalten sind in der chinesischen Kultur nicht nur eine abstrakte Lehre, sondern auch Gegenstand einer reichen Mythologie und eines reichen Volksglaubens gewesen. Von der Literatur bis zur Malerei, vom Theater bis zu den Volksmärchen sind die Unsterblichen in vielen Bereichen als zugleich bewunderte und nachgeahmte Gestalten in Erscheinung getreten. Die berühmtesten sind die in der spätzeitlichen chinesischen Kultur zu großer Popularität gelangten Acht Unsterblichen (Baxian, 八仙) — geliebte Gestalten, von denen jede eine andere gesellschaftliche Schicht (jung-alt, Frau-Mann, edel-arm) repräsentiert und über eigentümliche Symbole und Geschichten verfügt. Diese Unsterblichen sind zu unveränderlichen Elementen der Kunst, der Literatur, des Theaters und der Volksfeste geworden.
Jeder der Acht Unsterblichen besitzt eine eigentümliche Geschichte und ein eigentümliches Symbol: Der eine hat einen Fächer, der andere eine Flöte, der eine einen Flaschenkürbis, der andere ein Schwert; und diese Symbole deuten zumeist ihre eigenen außergewöhnlichen Fähigkeiten oder Lebensgeschichten an. Diese Gestalten fallen dadurch auf, dass sie Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft repräsentieren (alt und jung, Frau und Mann, edel und arm, gesund und versehrt); dies trägt die Botschaft, dass der Weg zur Unsterblichkeit allen offensteht. Im Volksglauben wurden diese Unsterblichen als schützende Gestalten geliebt, die Fülle, langes Leben und gutes Geschick bringen; sie wurden in vielen Zusammenhängen dargestellt, von Geburtstagsfeiern bis zu Tempelmalereien.
Die Unsterblichen werden überdies mit heiligen Bergen (etwa der sagenhaften Insel Penglai oder dem heiligen Berg Tai), mit Unsterblichkeitskräutern und mit himmlischen Palästen in Verbindung gebracht. Diese reiche Imagination ist eine kulturelle und künstlerische Verkörperung der taoistischen Kosmologie (der Muster von Yin-Yang und Fünf Wandlungsphasen). Der Unsterbliche repräsentiert das verkörperte Ideal des Menschen, der zu vollkommenem Einklang mit dem Tao gelangt ist. In dieser Hinsicht haben die Xian-Gestalten, indem sie eine abstrakte Lehre in lebendige, geliebte und einprägsame Bilder verwandelten, die taoistische Weisheit in die alltägliche Welt des Volkes getragen.
Vergleichender Blick: Gestalten der Transzendenz
Der Xian-Begriff weist interessante Parallelen zu den Vorstellungen vom „transzendenten Menschen" und von der „Unsterblichkeit" in den religiösen und mystischen Traditionen der Welt auf. Das Ziel ist hier nicht, die Traditionen gleichzusetzen, sondern auf neutrale Weise auf die Ausdrücke gemeinsamer menschlicher Sehnsüchte und Ahnungen in verschiedenen Sprachen hinzuweisen.
Das Ideal des transzendenten/vollkommenen Menschen: In vielen mystischen Traditionen findet sich das Ideal des „reifen/vollkommenen Menschen", der das gewöhnliche Dasein überschreitet und mit dem Prinzip oder dem Absoluten vereint ist. Der Begriff des „al-insân al-kâmil" (vollkommener Mensch) in der islamischen Mystik lässt sich strukturell als ein weiterer Ausdruck dieses universellen Archetyps lesen; beide deuten auf das Vorbild-Wesen, das das menschliche Potential auf höchster geistiger Ebene verwirklicht hat, das heißt auf die Person, die die gewöhnliche Menschheit überschritten und zu einer Art „vollendetem" oder „verwirklichtem" Dasein gelangt ist. Doch der taoistische zhenren/xian stellt den Einklang mit dem unpersönlichen Tao ins Zentrum, der mystische al-insân al-kâmil hingegen das Verhältnis zu einem persönlichen göttlichen Wesen — dieser strukturelle Unterschied darf nicht übersehen werden.
Geistiger Leib und Verwandlung: Die Vorstellung vom gereinigten, „verleichterten", den Tod überschreitenden Körper des Unsterblichen trägt eine strukturelle Parallele zu den Vorstellungen vom „Lichtkörper" oder „Auferstehungsleib" in verschiedenen Traditionen. Der „Regenbogenkörper" des tibetischen Buddhismus oder die Vorstellungen vom verwandelten-verherrlichten Leib in verschiedenen Traditionen teilen den Gedanken einer gereinigten Daseinsform jenseits des Todes. Dennoch verleiht der je eigene kosmologische und theologische Kontext jeder Tradition diesen Begriffen verschiedene Bedeutungen; die Ähnlichkeit ist strukturell, nicht eine Identität.
Der Archetyp des Eremiten-Weisen: Das Bild des Xian als „Bergmensch" — der Eremit, der sich aus der zivilisierten Welt zurückzieht und in der Erhabenheit der Natur ein gereinigtes Leben führt — trägt auch eine Parallele zur Gestalt des asketischen Weisen in den Traditionen der Welt. Der zâhid und der ârif der islamischen Mystik, die christlichen Wüstenväter, die indischen sannyâsî und Eremiten — sie alle teilen eine gemeinsame menschliche Ausrichtung, die sich von den weltlichen Bindungen löst und einer höheren Wirklichkeit zuwendet. Dennoch wird der taoistische xian zumeist in einem heiteren und spielerischen Einklang mit der Natur geschildert; seine Askese ist kein düsterer Verzicht, sondern eine freie und leichte Einheit mit dem Tao.
Diese Vergleiche zeigen, warum die Xian-Lehre nicht nur als ein Element der chinesischen Kultur, sondern als ein eigentümlicher Ausdruck der menschlichen Sehnsucht gesehen werden kann, den Tod zu überschreiten, zur Quelle zurückzukehren und die höchste Daseinsebene zu erreichen. Die Hoffnung auf das Jenseits des Todes und die Sehnsucht nach dem Erreichen der höchsten Daseinsebene sind ein tiefes menschliches Thema, das in jeder Kultur in verschiedenen Sprachen erzählt wird; der Xian ist ein für China eigentümlicher, reicher und poetischer Ausdruck dieses Themas.
Die Bedeutung des Xian: Die Vielschichtigkeit eines Ideals
Der bleibende Reiz des Xian-Begriffs liegt in seiner auf keine einzige Bedeutung reduzierbaren Vielschichtigkeit. Auf einer Ebene ist der Xian die geliebte, wundersame, schützende Gestalt des Volksglaubens — wie die Acht Unsterblichen. Auf einer anderen Ebene ist er der Gipfel einer Hierarchie von Stufen, die der religiöse Taoismus mit konkreten Techniken (innere Alchemie, Atem, Fasten, Tugend) zu erreichen sucht. Und auf der tiefsten Ebene ist er, gleich dem „wahren Menschen" Zhuangzis, das Symbol eines Bewusstseinszustands, in dem die Todesfurcht überwunden, das Selbst aufgelöst und mit dem Tao vereint ist. Diese drei Ebenen schließen einander nicht aus; im Gegenteil, sie sind verschiedene Gesichter desselben reichen Ideals.
Diese Vielschichtigkeit macht die Xian-Lehre zu einer Zusammenfassung der taoistischen Spiritualität: In ihr kommen die Polarität des Yin-Yang, die Verwandlung der Fünf Wandlungsphasen, die Läuterung der Drei Schätze und die Weisheit des Wu-Wei zusammen. Der Xian verkörpert den gemeinsamen Horizont, auf den all diese Lehren zielen — den Zustand des Menschen, der zu vollkommenem Einklang mit der Natur, dem Kosmos und seiner eigenen tiefsten Natur gelangt ist. Deshalb bedeutet es, den Xian zu verstehen, nicht nur, eine Sagengestalt kennenzulernen, sondern die gesamte Vorstellung des taoistischen Denkens von Mensch und Transzendenz zu erfassen. Hier ist noch einmal hervorzuheben: Diese Lehre wird als ein traditionelles geistiges System dargestellt; sie ist innerhalb ihres historischen und kulturellen Kontexts zu beurteilen.
Fazit: Die Weisheit des Bergmenschen
Der Xian — der taoistische Unsterbliche oder das transzendente Wesen — ist einer der reichsten und vielschichtigsten Begriffe des Taoismus. Diese Lehre, die vom allegorischen „wahren Menschen" (zhenren) Zhuangzis bis zur systematischen Unsterblichkeitslehre Ge Hongs reicht, von den Stufen der Himmels-, Erden- und Menschen-Unsterblichkeit bis zum geheimnisvollen Übergang der „Leichnam-Auflösung" (shijie), umschließt eine tiefe philosophische Betrachtung über die Natur des Todes und der Unsterblichkeit. Diese Lehre hat durch die Jahrhunderte hindurch philosophische Feinheit und die Buntheit des Volksglaubens, konkrete Praxis und hohe Metaphysik zugleich in sich getragen; sie hat ihre Lebendigkeit bewahrt, indem sie in jeder Epoche neu gedeutet wurde.
Die Debatte, ob die Unsterblichkeit leiblich oder geistig sei, spiegelt eine Spannung im Herzen des taoistischen Denkens wider; und vielleicht ist die reifste Antwort, diese beiden in einem Kontinuum zu begreifen — als ein durch die Läuterung der Drei Schätze und die innere Alchemie vollzogenes Zurückkehren zur ungeschiedenen Einheit des Tao. Letztlich ist der Xian, der „Bergmensch", das verkörperte Ideal des Menschen, der sich aus der Hast der zivilisierten Welt zurückgezogen hat und sich mit dem mühelosen Strom des Wu-Wei völlig dem Tao angeglichen hat. Jene Rückkehr zur Wurzel, auf die Lao Tzu hingewiesen hat — die ruhige Einheit jenseits von Leben und Tod — findet in der Gestalt des Xian ihren eindrücklichsten symbolischen Ausdruck.
Vielleicht ist die bleibendste Einsicht, die uns die Xian-Lehre bietet, diese: Unsterblichkeit bedeutet nicht das bloße Verlängern der Lebenszeit, sondern das Bringen des Lebens in einen so tiefen Einklang mit dem Tao, dass die Todesfurcht sich auflöst und das Sein mit seiner eigenen Quelle eins wird. Ob leiblich oder geistig gedeutet, das Ideal des Xian repräsentiert das höchste Potential des Menschen — die Fähigkeit, in vollkommenem Einklang mit der Natur, dem Kosmos und seiner eigenen tiefsten Natur zu existieren. In dieser Hinsicht ist der „Bergmensch" nicht nur eine Sagengestalt, sondern ein Symbol jener Möglichkeit eines ruhigen, freien und mit dem Strom im Einklang stehenden Daseins, die in jedem Menschen liegt. Und eben deshalb bleibt das Ideal des Xian, vom wahren Menschen Zhuangzis bis zu den spätzeitlichen taoistischen Erweckungstraditionen, der hellste Stern der taoistischen Spiritualität.