Tao
Der Zentralbegriff des Taoismus: der unbenennbare, aus sich selbst existierende kosmische Weg, aus dem alle Dinge hervorgehen; der chinesische Ausdruck der urewigen Ordnung und des absoluten Prinzips.
Definition
Tao (道, Dào; in traditioneller Romanisierung Tao, im Pinyin Dao) bedeutet wörtlich „Weg", „Pfad", „Methode"; in der Tradition des Taoismus erhebt sich dieser Begriff jedoch von einem bloßen Pfad zu den Bedeutungen kosmische urewige Ordnung, Quelle aller Dinge und absolutes Prinzip. Tao ist in jener Form, in der es Laozi (ca. 6. Jh. v. Chr.) in seinem Werk Tao Te Ching (Dào Dé Jīng, Buch vom Weg und von der Tugend) systematisiert hat, der auf ontologischer Ebene tiefste Begriff der chinesischen philosophisch-mystischen Tradition.
Der berühmte Eröffnungssatz des Tao Te Ching beginnt mit folgender paradoxer Wendung:
道可道,非常道;名可名,非常名。 Dào kě dào, fēi cháng dào; míng kě míng, fēi cháng míng. „Das Tao, das sich aussprechen lässt, ist nicht das urewige Tao; der Name, der sich benennen lässt, ist nicht der urewige Name."
Dieser Satz verkündet unmittelbar den apophatischen Charakter des Tao: Tao ist eine Wirklichkeit jenseits der begrifflichen Sprache, unerreichbar für Namen und Definitionen. Aus diesem Grund steht der Begriff des Tao in der Geschichte der Mystik auf derselben Ebene apophatischer Transzendenz wie das Ein Sof der Kabbala, das Nirguna Brahman des Advaita und die śūnyatā des Mahāyāna.
Das Schriftzeichen 道 in der chinesischen Schreibung trägt in sich eine tiefe symbolische Bedeutung: Es besteht aus der Verbindung der Zeichen „shou" (首, Kopf) oben und „chuo" (辶, gehen) unten — also „gehender Kopf" oder „bewusstes Gehen". Schon auf etymologischer Ebene umfasst Tao die Bedeutungen sowohl Weg (objektive kosmische Ordnung) als auch Gehen (subjektive menschliche Praxis). Diese Doppelseitigkeit spiegelt den eigentümlichen Charakter des Begriffs wider, der eine Brücke zwischen Ontologie und Ethik schlägt. Tao ist kein „Ding"; es ist ein Wirken, ein Fließen, eine Weise des Seins.
Die drei Hauptbedeutungsschichten in der Tradition lauten: (1) Tao als kosmisches absolutes Prinzip (ontologisch); (2) Tao als Wirken der Natur (kosmologisch); (3) Tao als Weg der Tugend (ethisch-praktisch). Diese drei Ebenen durchdringen einander untrennbar und bilden das Unterscheidungsmerkmal des daoistischen Denkens.
Historischer und doktrinärer Hintergrund
Laozi und das Tao Te Ching
Laozi (老子, „Alter Meister") ist ein halblegendärer Weiser, von dem traditionell angenommen wird, dass er im 6. Jh. v. Chr. gelebt habe. Nach der Darstellung im Shiji des Sima Qian (1. Jh. v. Chr.) arbeitete Laozi als Archivar in der Hofbibliothek der Zhou-Dynastie und verfasste angesichts des Verfalls jener Zeit, als er sich nach Westen aufmachte, auf Bitten des Grenzwächters Yinxi das Tao Te Ching in einem Zug. Moderne philologische Forschungen (insbesondere anhand der in Mawangdui und Guodian gefundenen frühen Handschriften) zeigen, dass das Werk nicht das eines einzelnen Autors ist, sondern ein Traditionstext, der sich zwischen dem 6. und 4. Jh. v. Chr. allmählich herausgebildet hat.
Das Tao Te Ching besteht aus 81 kurzen Kapiteln (zhang), enthält etwa 5.000 chinesische Schriftzeichen und ist das am zweithäufigsten übersetzte Buch der Welt (nach der Bibel). In der Bopsecrets-Datenbank sind allein für den Eröffnungssatz mehr als 175 englische Übersetzungen dokumentiert.
Der Fund von Mawangdui (1973, Provinz Hunan, China) enthält zwei auf 168 v. Chr. datierte Seidenhandschriften („jiaben" und „yiben"); dies lieferte eine weit ältere Textgrundlage als die zuvor bekannten frühesten Handschriften (Kommentar des Wang Bi, 3. Jh. n. Chr.). Bemerkenswert an der Mawangdui-Version ist, dass der „De"-Teil (Tugend) vor dem „Dao"-Teil steht; das heißt, obwohl der traditionelle Name des Textes Tao Te Ching lautet, ist die Reihenfolge in den ältesten Handschriften „De-Dao Jing". Dieses Detail hat die sinologischen Debatten über die Entstehungsgeschichte des Werkes vertieft. Der Fund von Guodian (1993, Provinz Hubei, China) wiederum bietet mit auf etwa 300 v. Chr. datierten Bambuslamellen eine partiell-frühe Version des Werkes; diese Handschrift stützt die Annahme, dass das Werk nicht in einem Zug, sondern zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Schichten geformt wurde.
Zu den wichtigsten Übersetzungen des Tao Te Ching ins Türkische zählen die Übersetzungen von Sonat Kaya, Lütfi Dogan und Muhsin Akbash. Diese Übersetzungen bemühen sich, die philosophische Tiefe des Textes dem türkischen Leser mit unterschiedlichen Akzentsetzungen zu vermitteln; insbesondere die Formulierung des Eröffnungskapitels „der Weg, der sich aussprechen lässt, ist nicht der bleibende Weg" knüpft fruchtbare Parallelen zur Tradition des „Aussprechens des Unausgesprochenen" im türkischen Sufi-Denken (etwa zur eröffnenden Weisheit der Rohrflöte (nay) in Rumis Masnawī).
Der Beitrag des Zhuangzi
Zhuangzi (莊子, ca. 369–286 v. Chr.) ist der Verfasser des nach ihm benannten Werkes Zhuangzi (33 Kapitel). Zhuangzis Tao-Begriff ist im Vergleich zu Laozi ironischer, paradoxer und von radikaler Relativität. In seinem berühmten Kapitel vom „Schmetterlingstraum" (彭蝶之夢) fragt Zhuangzi, ob er ein Schmetterling sei oder vielmehr Zhuangzi, der im Traum sieht, dass er ein Schmetterling ist — und verwischt so die Grenze zwischen Wirklichkeit und Illusion, zwischen Sein und Nichtsein. Dieser Ansatz hat nach der Ankunft des Mahāyāna-Buddhismus in China (1.–3. Jh.) bei der Entstehung der Zen-Tradition tiefen Einfluss ausgeübt.
Zhuangzis Tao-Vorstellung ist im Vergleich zu Laozi stärker multiperspektivisch. In seinem Kapitel „Qi Wu Lun" („Über die Gleichheit der Dinge") legt Zhuangzi dar, dass kein Blickwinkel vorrangig vor einem anderen sei, dass alle Bewertungen relativ seien. Dies ist eine Weise, das Tao nicht als ein absolutes transzendentes Sein, sondern als das Fließen selbst zu denken — als einen dynamischen Prozess, in dem die Dinge sich beständig ineinander verwandeln. Zwischen der modernen Prozessphilosophie (Whitehead, Bergson) und der process theology und dem Denken Zhuangzis sind tiefe strukturelle Verwandtschaften festgestellt worden.
Zhuangzis berühmte „Geschichte vom Koch" (der unvergleichliche Metzger) lässt sich als Ausdruck des Tao auf praktischer Ebene lesen: Der Metzger benutzt sein Messer über Jahre hinweg, ohne dass es stumpf wird, indem er in die anatomische Struktur des Ochsen nicht eingreift — sondern sich ihr nur anpasst. Dies ist das konkrete Beispiel des wu wei: ohne Zwang, in Einklang mit der natürlichen Struktur zu handeln. Diese Geschichte hat die daoistische Meditation, die Weisheit des Körpers und sogar moderne Untersuchungen zum „flow state" (Flow-Zustand) inspiriert.
Die Han-Dynastie und philosophischer vs. religiöser Taoismus
Ab dem 2. Jh. v. Chr. entwickelt die „Huang-Lao"-Tradition (Lehre des Gelben Kaisers und des Laozi) auf Hofebene die politisch-administrative Dimension des Tao-Denkens. Später, am Ende der Han-Dynastie (142 n. Chr. mit der Offenbarung des Zhang Daoling), entsteht der institutionell-ritualistische religiöse Taoismus: Tempel, Priester, Alchemisten (waidan, neidan), Praktiken der Langlebigkeit, Talisman- und Zaubersysteme.
In der akademischen Tradition der Sinologie ist die Unterscheidung zwischen daojia (philosophische Tao-Schule) und daojiao (religiöse Tao-Tradition) wichtig, jedoch nicht allzu scharf — beide Stränge nähren sich aus dem Begriff des Tao.
Der religiöse Taoismus gliedert sich in drei Hauptströmungen: (1) Tianshi Dao (Weg der Himmlischen Meister, von Zhang Daoling gegründet); (2) Quanzhen Dao (Weg der Vollkommenen Wahrheit, von Wang Chongyang im 12. Jh. gegründet, eine konfuzianisch-buddhistisch-daoistische Synthese); (3) Zhengyi Dao (Weg der Orthodoxen Einheit). In allen drei Strömungen fungiert Tao zugleich als ontologisches Absolutes, als kosmische Energie (qi/chi) und als sittlicher Weg.
Das von Livia Kohn herausgegebene Daoism Handbook (2000) behandelt die Überschneidungen dieser Stränge aus Philosophie, Religion, Ritual und Wissenschaft in enzyklopädischer Weise und gilt als das Standardnachschlagewerk der modernen Daoismus-Studien. Kohn zufolge ist die Grenze zwischen dem philosophischen und dem religiösen Gebrauch des Tao-Begriffs eine moderne akademische Künstlichkeit; innerhalb der traditionellen Praxis war Tao stets eine gelebte und praktizierte Wirklichkeit.
Die Wei-Jin-Zeit und Xuanxue (3.–4. Jh. n. Chr.)
Xuanxue (玄學, „Lehre des Geheimnisses") ist die metaphysische Vertiefung des Tao-Begriffs in den Händen von Denkern wie Wang Bi (226–249) und Guo Xiang (252–312). Wang Bis Kommentar zum Tao Te Ching deutet den Begriff wu (無, Nichtsein/Nichts) als die Grundeigenschaft des Tao: Tao kann gerade deshalb die Quelle von allem sein, weil es kein bestimmtes Ding ist.
Guo Xiangs Kommentar zum Zhuangzi hingegen schreitet in eine andere Richtung voran: Tao ist in der inneren Natur eines jeden Dinges (xing) bereits immanent; jedes Wesen verwirklicht sein eigenes Tao durch ziran (Selbst-so-Sein, Spontaneität). Diese Lesart bietet, indem sie die Annahme eines transzendenten Tao zurückweist, ein Verständnis eines immanent-radikalen Tao — und zeigt eine erstaunliche strukturelle Ähnlichkeit mit Spinozas Auffassung von Deus sive Natura (Gott oder Natur). Diese Debatte zwischen dem „transzendenten" Tao Wang Bis und dem „immanenten" Tao Guo Xiangs hat in der chinesischen Philosophiegeschichte als „you-wu zhi bian" (Debatte über Sein und Nichtsein) ein Jahrtausend lang angedauert.
In der Xuanxue-Zeit erlebt der Tao-Begriff zudem seine erste strukturelle Begegnung mit der buddhistischen Philosophie; insbesondere im Werk Zhao Lun des Sengzhao (384–414 n. Chr.) werden das daoistische wu und das buddhistische kong (Leere) zum ersten Mal systematisch in einen Dialog gebracht. Diese Synthese sollte das philosophische Fundament für die Entwicklung des chinesischen Buddhismus zu den Schulen Sanlun, Tiantai und schließlich Chan (Zen) bilden.
Konzeptuelle Analyse
Wu (無) und You (有): Nichtsein und Sein
Das 40. Kapitel des Tao Te Ching enthält folgende berühmte Wendung:
天下萬物生於有,有生於無。 „Die zehntausend Dinge unter dem Himmel werden aus dem you (Sein) geboren; das you aber wird aus dem wu (Nichtsein) geboren."
Diese Wendung fasst die ontologische Logik des Tao zusammen: Das Nichtsein (wu) ist keine bloße Nichtigkeit, sondern eine übergeordnete Kategorie, aus der das Sein selbst geboren wird. Dies zeigt eine strukturelle Ähnlichkeit damit, dass im Neuplatonismus das To Hen (das Eine) jenseits des Seins (des Nous) liegt. Ebenso durchdringen sich die śūnyatā (Leere) des Mahāyāna-Buddhismus und die wu-Eigenschaft des Tao in der indisch-buddhistischen Synthese Chinas (insbesondere in der Zen/Chan-Tradition).
Die berühmte Metapher des 11. Kapitels des Tao Te Ching zeigt die praktische Funktion des wu:
Dreißig Speichen des Rades vereinigen sich in einer einzigen Nabe; das, was das Rad brauchbar macht, ist jene Leere. Wir kneten Ton und machen ein Gefäß daraus; das, was das Gefäß brauchbar macht, ist jene Leere. Wir bauen ein Zimmer, brechen Tür und Fenster aus; das, was das Zimmer brauchbar macht, ist jene Leere.
Dies bringt mit einem konkreten Bild zum Ausdruck, dass Tao ein negatives Prinzip ist — dass das Sein seine Quelle nicht auf seiner eigenen Seite, sondern auf der Seite des Nichtseins findet.
Diese Beziehung zwischen wu und you spiegelt sich auf allen praktischen Ebenen des daoistischen Denkens wider. In der chinesischen Malerei das „liubai" (留白, das Weißlassen): In einem Bild ist die leere Fläche bedeutsamer als die gefüllte; das, was die Komposition ausmacht, ist das Nicht-Vorhandene. In der chinesischen Musik der „yün" (韻, Klangtendenz/Hauch): Die Stille zwischen den Tönen ist das Element, das die Musik erschafft. In der chinesischen Medizin das Netz der jing-luo (经络, Leitbahnen): Der Fluss der Lebensenergie verläuft durch die Leerräume des Körpers. Dieses wu-Prinzip auf praktischer Ebene sind die künstlerisch-medizinisch-körperlichen Ausdrucksformen des ontologischen Charakters des Tao.
An diesem Punkt ist auch der Einfluss des daoistischen Denkens auf die moderne westliche Kunst bemerkenswert. John Cages Stille-Komposition „4'33''" speist sich unmittelbar aus dem daoistischen wu-Verständnis. Abstrakte expressionistische Maler wie Mark Rothko und Agnes Martin haben die intensive spirituelle Möglichkeit der „leeren Fläche" ins Zentrum ihrer Werke gestellt.
Ziran (自然) und Wu Wei (無為)
Der Ausdruck des Tao auf praktisch-ethischer Ebene sind die Begriffe ziran (Selbst-so-Sein, Natürlichkeit) und Wu Wei (zwangloses Handeln). Ziran bedeutet wörtlich „aus sich selbst seiend" — also ohne Eingriff nach seiner eigenen Natur wirkend. Dies ist der Zustand, in dem die Dinge in Übereinstimmung mit dem Tao nach ihren eigenen Gesetzen existieren.
Wu Wei hingegen ist keine absolute Bewegungslosigkeit, sondern Handeln ohne Zwang, gereinigt von ego-zentrischer Absicht. Tao Te Ching, 37. Kapitel:
道常無為而無不為。 „Tao handelt stets nicht, und doch gibt es nichts, was nicht getan würde."
Dieses Paradox ist der Ausdruck dafür, dass Tao alles vollbringt, ohne zu handeln — das spontane Wirken des Kosmos bedarf keines Eingriffs. Wu wei ist natürliches Handeln in Einklang mit dem Tao, wie das Wasser nach unten fließt. Dieser Begriff knüpft schöpferische Parallelen zu Begriffen wie dem buddhistischen karuṇā (tätiges Mitgefühl), dem indischen kartavya (Pflicht) und der islamisch-sufischen teslimiyet (Hingabe, Ergebung). Auch Aristoteles' Begriff der entelecheia (innere Zweckerfüllung) und Heideggers Auffassung des Sein-lassen lassen sich als westliche Mitglieder dieser Begriffsfamilie lesen. Doch die Eigentümlichkeit des wu wei liegt in der Intuition, dass das Handeln selbst — also der Akt des Tuns — nicht durch Zwang, sondern durch das Fließen geschieht. Dies bietet eine tiefe Alternative gegen eines der Grundprobleme des modernen Lebens, die Erschöpfung durch Überanstrengung; wahrer Erfolg ist nicht das Erzeugnis der Anstrengung, sondern des richtigen Timings und der richtigen Haltung.
Laozis Wasser-Metapher (8. Kapitel): „Das höchste Gute ist wie das Wasser; es nützt den zehntausend Dingen, doch wetteifert es nicht mit ihnen; es wählt die niedrigsten Orte, die alle meiden — deshalb ist es dem Tao nahe." Das Wasser fließt, seinem natürlichen Weg folgend, nach unten, umgeht Hindernisse, wenn es auf sie stößt, und höhlt mit der Zeit selbst die härtesten Felsen aus. Dies ist das naturphilosophische Modell des wu wei. In den modernen Daoismus-Studien (insbesondere in Alan Watts' The Watercourse Way, 1975) gilt diese Wasser-Metapher als der grundlegende praktische Schlüssel zum Tao.
Wu wei ist zudem eine politische Doktrin. Tao Te Ching, 57. Kapitel: „Das Volk, das der weise Herrscher nicht regiert, ordnet sich von selbst." Dies ist nicht die daoistische Version des Laissez-faire, sondern ein tieferes Verständnis: Wenn der Herrscher nicht in das natürliche Wirken des Volkes eingreift, entsteht von selbst ein Einklang. Die Aufgabe des Herrschers besteht darin, seinem eigenen Ego und seinem Verlangen nach Kontrolle zuvorzukommen. Diese Doktrin hat sich in der chinesischen Reichsgeschichte besonders unter der Han- und der Tang-Dynastie in der Herrschaftsideologie niedergeschlagen.
Die Yin-Yang-Polarität und die dialektische Bewegung
Tao wirkt über die urewige Polarität von yin (陰, weiblich, negativ, empfangend) und yang (陽, männlich, positiv, tätig). Tao Te Ching, 42. Kapitel:
道生一,一生二,二生三,三生萬物。 „Tao gebiert das Eine; das Eine gebiert die Zwei; die Zwei gebiert die Drei; die Drei gebiert die zehntausend Dinge."
Dieses kosmologische Schema bietet ein nahezu universelles Emanationsmodell und lässt sich strukturell mit dem Paradigma Ein Sof → Keter → Hokhmah-Binah → Tiferet → zehntausend Dinge in der Kabbala in Entsprechung setzen.
Yin-Yang ist keine statische Zweiheit, sondern ein dialektisches Fließen, das beständig ineinander übergeht und einander gebiert. Dies wird im Symbol des Tai Ji Tu (太極圖) — im Ineinander-Verwandeln zweier geschwungener Flächen mit kleinen Punkten darin — visuell zum Ausdruck gebracht.
Das I Ching (易經, Buch der Wandlungen) ist die systematische kosmologische Anwendung der Yin-Yang-Polarität. Die 64 Hexagramme versuchen, als Sechserkombinationen von Yin-Linien (unterbrochene Linie) und Yang-Linien (durchgehende Linie) alle grundlegenden Wandlungsmuster des Universums auszudrücken. Dieser Text bildet eine gemeinsame kanonische Grundlage in der konfuzianischen und der daoistischen Tradition und zeigt den praktisch-dynamischen Charakter des Tao in konkretester Form. Der moderne Mathematiker Leibniz entdeckte die strukturelle Äquivalenz der Hexagramme des I Ching zum binären (dualen) Zahlensystem und hinterließ begeistert schriftliche Kommentare dazu; dies ist eine erstaunliche Brücke zwischen dem Tao-Denken und der modernen mathematisch-computationalen Logik.
Eine tiefere kosmologische Ebene: Wuji (無極, das Grenzenlose) → Taiji (太極, der Große Pol) → Yin-Yang → Wu Xing (五行, die Fünf Phasen) → zehntausend Dinge. Dieses fünfstufige Emanationsmodell bildet das Rückgrat der daoistischen Kosmologie. Wuji — wörtlich „das Grenzenlose" — ist die Stufe der reinen Potenzialität, die strukturelle Verwandtschaft mit dem Ein Sof und dem Nirguna Brahman trägt. Taiji wiederum ist die erste Differenzierung; es lässt sich mit dem Keter in der Kabbala vergleichen. Dieses kosmologische Schema wurde vom chinesischen neukonfuzianischen Denken (insbesondere von Zhou Dunyi, 1017–1073, und Zhu Xi, 1130–1200) systematisiert und wurde zum gemeinsamen metaphysischen Erbe sowohl der philosophischen als auch der religiösen chinesischen Tradition. Dieses Emanationsschema, das sich von Wuji zu Taiji, von dort zu Yin-Yang, von dort zu Wu Xing und schließlich zu den zehntausend Dingen erstreckt, zeigt tiefe strukturelle Verwandtschaft mit dem neuplatonischen Fluss One → Nous → Soul → Cosmos und mit der kabbalistischen Struktur Ein Sof → Keter → Hokhmah-Binah → Sefirot → Worlds.
Vergleichende Perspektive
Tao und Ein Sof
Die Parallele zwischen dem Ein Sof der Kabbala und dem Tao ist überaus tief:
- Apophatischer Charakter: Beide sind unbenennbar, undefinierbar.
- Emanationsmodell: Beide sind die Quelle der vielfältigen Manifestation (Ein Sof → Sefirot; Tao → zehntausend Dinge).
- Nichtsein-Sein-Paradox: Ein Sof ist identisch mit ayin (dem Nichts); die Grundeigenschaft des Tao ist wu (Nichtsein).
- Praktische Ethik: Beide spiegeln sich über Nicht-Eingreifen und Spontaneität in der menschlichen Ethik wider.
Die vergleichenden Arbeiten von Lawrence J. Schiffman und Livia Kohn (2000er Jahre) legen nahe, dass diese strukturelle Verwandtschaft nicht nur typologisch ist, sondern sich auch durch mittelbare Wechselwirkungen im Lauf der Geschichte (Sogdien, Seidenstraße) genährt hat.
Tao und Nirguna Brahman
Zwischen dem Nirguna Brahman (eigenschaftslosen Brahman) der Advaita Vedanta und dem Tao bestehen tiefe philosophische Ähnlichkeiten. Beide sind:
- jenseits aller Eigenschaften
- unbenennbar
- Quelle der unendlichen Vielheit
- zweiseitig: auf praktischer Ebene erreichbar (Saguṇa Brahman / innerweltliches Tao) und auf absoluter Ebene transzendent
Shankaras Methode des neti neti („weder dies noch das") teilt dieselbe erkenntnistheoretische Logik mit Laozis Formulierung „das Tao, das sich aussprechen lässt, ist nicht das urewige Tao". Zudem ähnelt die Dreiheit sat-cit-ānanda (Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit) des Brahman der Dreiheitsstruktur yin-yang-chi des Tao.
Tao und Śūnyatā
Mit dem Übergang des Buddhismus nach China (1. Jh. n. Chr.) vollzog sich eine tiefe Synthese zwischen dem Tao und der śūnyatā (Leere). Die frühen chinesischen buddhistischen Übersetzer (Kumarajiva, 4. Jh.) verwendeten bei der Übersetzung der buddhistischen Begriffe häufig die daoistische Terminologie — dies nennt man die Methode des geyi (格義, „Bedeutungs-Zuordnung"). So wurde etwa nirvāṇa in den frühen Übersetzungen als wu wei; śūnyatā hingegen als kong (空, Leere) — ein naher Verwandter des wu des Tao — übersetzt.
Diese Synthese bereitete den Boden für die Entstehung des Chan/Zen-Buddhismus in der Tang-Zeit (7.–9. Jh.). Zen ist nicht eine daoistische Schale über einem buddhistischen Kern, sondern die strukturelle Verfugung zweier Traditionen.
Tao und Vahdet-i Vücud
Zwischen der Doktrin der Vahdet-i Vücud (Einheit des Seins) Ibn Arabîs und dem Tao ist keine unmittelbare historische Wechselwirkung belegt; die strukturellen Ähnlichkeiten sind jedoch auffällig. Beide weisen auf:
- die Kontinuität zwischen der absoluten Wirklichkeit (Tao / al-Haqq) und der Vielheit (zehntausend Dinge / âlam al-khalq, Welt der Geschöpfe)
- die Dialektik der manifesten (zâhir) und der verborgenen (bâtin) Dimension
- eine Ethik, die auf praktischer Ebene mit Hingabe und Natürlichkeit verflochten ist
Toshihiko Izutsus Werk Sufism and Taoism (1983) ist der moderne Klassiker des strukturellen Vergleichs zwischen dem Denken Ibn Arabîs und dem Laozis und Zhuangzis.
Izutsus Grundthese lautet: Sowohl Ibn Arabî als auch Laozi/Zhuangzi betrachten die absolute Wirklichkeit als einen Bereich, in dem die begriffliche Sprache überschritten wird, und systematisieren sodann die vielfältige Manifestation dieses Absoluten — die Namen al-Haqqs / die zehntausend Dinge. Auf struktureller Ebene teilen beide Systeme die Formel „negative Theologie + Emanationsmetaphysik". Izutsu stellt trotz dieser strukturellen Verwandtschaft einen tiefen Unterschied in der Akzentsetzung zwischen den beiden Systemen fest: Für Ibn Arabî ist al-Haqq ein aktiv-willientliches Wesen; Laozis Tao hingegen ist ein vom Willen unabhängiges natürliches Fließen. Dieser Unterschied spiegelt die grundlegende Scheidung zwischen theistischer und atheistischer Mystik wider.
Auch die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen Rumi und Zhuangzi haben in den letzten Jahren akademische Aufmerksamkeit erregt. Beide Denker versuchen, durch Paradox, Ironie und Geschichtenerzählung die Grenzen der begrifflichen Vernunft zu überschreiten. Vergleichende Forscher wie Annemarie Schimmel und Sachiko Murata haben auf die dramatisch-erzählerische Verwandtschaft zwischen Rumis „ney"-Metapher (Rohrflöte) und Zhuangzis „Schmetterlingstraum" hingewiesen.
Moderne Reflexionen
Chinesische Volksspiritualität und Qigong
Tao verkörpert sich in der modernen chinesischen Volksspiritualität über Qigong (氣功, chi-Praktiken), Tai Chi (太極) und die traditionelle chinesische Medizin (TCM). Chi (氣, Lebensenergie) ist das körperlich-energetische Fließen des Tao und zeigt in diesem Aspekt Verwandtschaft mit dem indischen prāṇa und den sufischen latâʾif.
Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) ist die praktisch-medizinische Anwendung der Tao-Kosmologie. Akupunktur, Kräuter (caoyao), Ernährung (yangsheng, Lebenspflege), Atempraktiken (Qigong) — sie alle zielen darauf ab, Krankheiten zu heilen, indem sie das Fließen des qi (chi) im Körper regulieren. Krankheit wird als Blockade oder Aus-dem-Gleichgewicht-Geraten des qi-Flusses verstanden; Gesundheit ist die Rückkehr des Flusses zu seiner natürlichen Ordnung. Dies ist der Ausdruck des ziran-Prinzips des Tao auf medizinischer Ebene.
Neidan (內丹, innere Alchemie) — die daoistische innere alchemistische Praxis — betrachtet den Körper als einen „lebendigen Kessel"; jing (Essenz/sexuelle Energie), qi (Lebensenergie) und shen (geistige Energie) — die „drei Schätze" — werden durch körperliche Praxis stufenweise verfeinert. Dieser Prozess wird als eine kosmische Transformation betrachtet, die auf körperliche Unsterblichkeit (xian, ein Unsterblicher/Genius zu werden) oder zumindest auf die Verlängerung der Lebensdauer gerichtet ist. Zwischen modernen Körper-Geist-Praktiken (Yoga, Achtsamkeit, somatische Therapie) und der daoistischen inneren Alchemie bestehen tiefe strukturelle Ähnlichkeiten.
Daoistische Synthesen im Westen
Alan Watts (1915–1973) hat das Tao in seinen Werken The Watercourse Way (1975, posthum) und Tao: The Watercourse Way dem westlichen Denken nähergebracht. Aldous Huxleys Werk The Perennial Philosophy (1945) ordnet das Tao in die universelle perenniale Weisheit ein.
Das Werk The Tao of Physics (1975) des Physikers Fritjof Capra bietet einen bahnbrechenden Vergleich, indem es das Tao parallel zur modernen Quantenphysik liest. Hier wird die „Prozess-Ontologie" des Tao (alles ist relationales Fließen) strukturell mit der Feld-Ontologie der Quantenfeldtheorie in Entsprechung gesetzt.
Ursula K. Le Guins Übersetzung Tao Te Ching: A Book About the Way and the Power of the Way (1997) präsentiert das Werk in einer zeitgenössisch-literarisch-philosophischen Lesart neu und hebt zugleich die frauenzentrierten, ökologischen und friedlichen Dimensionen des Werkes hervor. Le Guins Version hat Arbeiten beflügelt, die die strukturelle Verwandtschaft zwischen Heidegger und dem daoistischen Denken behandeln. Heideggers Begriff der „Gelassenheit" in seiner Spätphilosophie ist unmittelbar strukturell verwandt mit dem daoistischen wu wei; Heidegger begann 1947–1948 zusammen mit dem chinesischen Philosophen Paul Shih-yi Hsiao eine deutsche Übersetzung des Tao Te Ching, konnte das Werk jedoch nicht vollenden. Der von May Reinhardt Maa herausgegebene Sammelband Heidegger and Asian Thought (1987) dokumentiert diese strukturelle Verwandtschaft systematisch. Heideggers Begriffe des späten „Dasein" — insbesondere „Lichtung" und „Ereignis" — tragen tiefe strukturelle Verwandtschaft mit dem daoistischen wu und ziran.
Auch die Parallele zwischen Alfred North Whiteheads process philosophy und dem daoistischen Denken ist tief. Beide legen nicht die Dinge, sondern die Ereignisse, nicht die Substanz, sondern das Fließen, nicht das statische Sein, sondern das relationale Werden zugrunde. David L. Halls und Roger T. Ames' Arbeit Daodejing: „Making This Life Significant" (2003) ist eine moderne Leistung, die das daoistische Denken mit der Sprache der Whitehead'schen Prozessphilosophie in den Bereich der westlichen akademischen Philosophie integriert.
Die Arbeiten François Julliens, insbesondere The Propensity of Things (1995) und Detour and Access (2000), lesen das daoistische Denken von außerhalb der modernen europäischen Philosophie — jedoch in intensivem Dialog mit ihr — neu. Jullien zufolge arbeitet das daoistische Denken, anders als die Kategorien der europäischen Metaphysik, mit dynamischen Begriffen wie „Prozess", „Tendenz" (shi) und „Muster" (li); dies fungiert als ein hilfreicher „anderer Spiegel" für das europäische Denken, um seine eigenen Grenzen zu verstehen.
Auch die Literatur der Kampfkünste ist eine praktische Anwendung des Tao-Denkens. Bagua Zhang, Xing Yi Quan und insbesondere Tai Chi Chuan sind die Ausdrucksformen der daoistischen Philosophie auf der Ebene körperlicher Bewegung. Für die Praktizierenden dieser Künste ist Tao kein abstrakter Begriff; es ist eine in jeder Bewegung, jedem Atemzug, jeder Haltung gelebte Wahrheit.
Zeitgenössische Wissenschaft und daoistisches Denken
Nach Fritjof Capras The Tao of Physics (1975) haben die Parallelen zwischen der modernen Wissenschaft und dem daoistischen Denken akademische Aufmerksamkeit erregt. Die relationale Ontologie der Quantenmechanik (Teilchen sind nicht unabhängig, sondern aus Wechselwirkung entstehende Manifestationen) erscheint strukturell verwandt mit der daoistischen Prozess-Ontologie. Die Komplexitätstheorie (complexity theory), die Chaostheorie und die Studien zur Systemdynamik lassen sich als mathematisch-wissenschaftliche Verwandte der Prinzipien ziran (Spontaneität) und wu wei (zwangloses Handeln) lesen.
Ilya Prigogines Theorie der „dissipativen Strukturen" und Stuart Kauffmans Studien zur „Selbstorganisation" (self-organization) legen nahe, dass der schöpferische Prozess der Natur sich mit dem daoistischen ziran-Prinzip deckt. Diese strukturellen Verwandtschaften zeigen den bleibenden Beitrag des daoistischen Denkens im modernen Dialog zwischen Wissenschaft und Spiritualität.
Umweltphilosophie und Tiefenökologie
Arne Naess' Bewegung der Tiefenökologie hat das ziran-Prinzip des Tao als Modell für die zeitgenössische Umweltethik übernommen. Prinzipien wie „nicht in die Natur eingreifen", „Achtung vor dem spontanen Wirken" speisen sich unmittelbar aus dem daoistischen Erbe.
Auch Murray Bookchins Arbeiten zur Sozialökologie und Joanna Macys Arbeiten zur buddhistischen Ökologie haben fruchtbare Dialoge mit dem daoistischen Denken geführt. Macys Rahmen des „wechselseitig-abhängigen Entstehens" (interdependent co-arising) ist eine zeitgenössische Synthese aus dem Mahāyāna-buddhistischen pratītya-samutpāda und dem daoistischen ziran. Dieser Ansatz deckt sich auch mit wissenschaftlich-philosophischen Rahmen wie dem modernen „Systemdenken" und der Gaia-Hypothese (Lovelock-Margulis).
Zeitgenössische chinesische Daoismus-Studien
Zeitgenössische chinesische Akademiker — insbesondere Mou Zongsan, Tang Junyi und Liu Xiaogan — haben sich darum bemüht, das daoistische Denken mit der Sprache der modernen Philosophie neu zu rekonstruieren. Mou Zongsan verglich das Tao mit Kants Begriff des „Ding an sich" und Heideggers Begriff des „Sein" und vertrat die Auffassung, dass Tao ein eigentümlicher immanent-transzendenter Begriff sei, der die Grenzen der westlichen metaphysischen Tradition überschreitet.
Liu Xiaogans Werk Classifying the Zhuangzi Chapters (1994) hat den akademischen Standard für die Textgeschichte des Zhuangzi gesetzt; diese Arbeit hat die Brücke zwischen der traditionellen Orthodoxie und der modernen philologischen Forschung geschlagen.
Yoga und daoistische Wechselwirkung
Zwischen der indischen Yoga-Tradition und der daoistischen inneren Alchemie sind, besonders im Hinblick auf die Chakren und die körperlichen Energiesysteme, tiefe strukturelle Verwandtschaften festgestellt worden. Die im Neidan vorkommenden Zentren des dantian (unterer Unterleib, Herz, drittes Auge) sind die strukturellen Entsprechungen des indischen Chakra-Systems (insbesondere muladhara, anahata, ajna). Während einige Akademiker (Lokesh Chandra, Mircea Eliade) die Auffassung vertreten, dass diese Parallelen das Erzeugnis wechselseitiger Wechselwirkung entlang der Seidenstraße seien, legen andere (Livia Kohn) nahe, dass es sich um unabhängig entwickelte, aber strukturell verwandte körperlich-mystische Systeme handelt.
Kritik und Diskussionen
Historisch-philologische Kritik
Die historische Existenz Laozis ist in der modernen Sinologie umstritten. Forscher wie A. C. Graham (1989) und Michael LaFargue (1992) vertreten die Auffassung, dass das Tao Te Ching nicht das Werk eines einzelnen Autors sei, sondern ein Anthologie-Text, der sich zwischen dem 6. und 3. Jh. v. Chr. entwickelt hat. Durch die Funde von Mawangdui (1973) und Guodian (1993) ist erwiesen, dass es von den frühen Handschriften unterschiedliche Anordnungen gibt.
Konzeptuelle Kritik
Hans-Georg Moeller widerspricht in seinem Werk The Texture of the Way (2007) den „westlich-mystischen" Lesarten des Tao. Ihm zufolge ist Tao, anders als das plotinische Absolute des Westens, ein relationaler und dynamischer Begriff — keine statische Transzendenz. Diese Kritik trägt den Vorschlag, dass der Daoismus weniger als Mystik denn als Naturphilosophie gelesen werden sollte.
Politisch-ethische Diskussionen
Der daoistische Begriff des wu wei ist in der Moderne als philosophische Stütze des „Laissez-faire"-Liberalismus dargestellt worden; zugleich hat er auch den Strategien totalitärer Herrscher, „unter dem Anschein des Nicht-Eingreifens aufzuzwingen", einen Boden bereitet. Roger T. Ames und David L. Hall vertreten in ihrem Werk Daodejing: „Making This Life Significant" (2003) die Auffassung, dass wu wei als wirksame partizipative Praxis gelesen werden sollte.
Vergleichende Kritik
Einige Akademiker (insbesondere Russell Kirkland) vertreten die Auffassung, dass der unmittelbare Vergleich des Tao mit dem Ein Sof oder dem Brahman ein Kategorienfehler sei. Ihnen zufolge ist Tao kein Gottesbegriff, sondern ein Prozess-Prinzip. Diese Kritik fährt fort, die methodologischen Grundlagen des Feldes der vergleichenden Spiritualität zu hinterfragen.
Gender- und Yin-Yang-Diskussionen
Zeitgenössische feministische Denkerinnen haben die traditionelle Deutung des daoistischen yin-yang-Dualismus kritisiert. Robin R. Wangs Werk Yinyang: The Way of Heaven and Earth in Chinese Thought and Culture (2012) erörtert die geschlechtlichen Verfestigungen in den klassischen Deutungen von yin und yang. Die klassischen Gleichsetzungen von yin mit „Frau", „passiv", „dunkel" und von yang mit „Mann", „aktiv", „hell" mögen in einer die gesellschaftliche Stellung der Frauen einschränkenden Weise verwendet worden sein. Doch laut Wang ist yin-yang in Wahrheit eine nicht-hierarchische, komplementäre und dynamische Polarität; diese Polarität mit Geschlechterrollen festzuschreiben, vernachlässigt die Flexibilität des daoistischen Denkens.
Kritik der daoistischen Hegemonie
Einige zeitgenössische chinesische Intellektuelle kritisieren, dass der Daoismus in der chinesischen Geschichte häufig der politischen Ideologie der herrschenden Klasse gedient habe. Die wu wei-Haltung des Herrschers hat oftmals als „die Lage der unteren Klassen nicht in Frage zu stellen" gewirkt. Von Karl Marx inspirierte moderne chinesische Denker (insbesondere zur Zeit der Kulturrevolution) haben den Daoismus als „passive metaphysische Mystik" bewertet und die Auffassung vertreten, dass wahre Befreiung nur durch aktive gesellschaftliche Transformation möglich sei. Diese Kritik hat einen berechtigten Anteil, doch zeitgenössische daoistische Akademiker haben darauf geantwortet, indem sie die Auffassung vertraten, dass das daoistische Denken eine nicht untätige, sondern richtig verstanden aktive politische Vision in sich birgt.
Fazit
Die türkische Spiritualitätsliteratur und das Tao
In der türkischen Spiritualitätsliteratur begann der Tao-Begriff im 20. Jahrhundert bekannt zu werden, besonders durch Hilmi Ziya Ülkens Arbeiten zur östlichen Philosophie und die ins Türkische übersetzten Werke Annemarie Schimmels. Forscher wie Mehmet Aydin, Selami Shimshek und Reha Çamuroglu haben die strukturellen Verwandtschaften zwischen dem Tao und dem Tasawwuf (islamische Mystik), dem Bektaschitum und der anatolischen Volksspiritualität auf akademischer Ebene zur Diskussion gestellt. Dies entwickelt sich als ein fruchtbarer Strang der türkischen vergleichenden Spiritualitätsstudien.
Das Gedicht Yunus Emres — „Wissen ist, Wissen zu wissen / Wissen ist, sich selbst zu wissen / Wenn du dich selbst nicht weißt / Was nützt dann all dein Lesen" — trägt strukturelle Verwandtschaft mit dem daoistischen ziran (Spontaneität). Die Maxime Haci Bektash Velis „Beherrsche deine Hand, deine Zunge, deine Lenden" ist der Ausdruck des wu wei in der anatolisch-islamischen Sprache. Das Aufdecken derartiger struktureller Verwandtschaften könnte ein eigenständiger Beitrag der türkischen vergleichenden Spiritualitätsstudien sein. Das Schema der „vier Tore, vierzig Stufen" der alevitisch-bektaschitischen Tradition trägt strukturelle Verwandtschaft mit der gestuften Kosmologie des Tao; beide entwerfen den geistigen Weg als eine stufenweise Entwicklung, erkennen jedoch an, dass die letzte Wirklichkeit unbenennbar ist. Diese Parallele ist ein konkretes Beispiel für die tiefe Verwandtschaft der türkischen Volksspiritualität mit dem universellen mystischen Erbe.
Fazit
Tao ist der tiefste ontologische Begriff der chinesischen Philosophie und Spiritualität: der unbenennbare, aus sich selbst existierende kosmische Weg, aus dem alle Dinge hervorgehen. Der Eröffnungssatz des Tao Te Ching — „Das Tao, das sich aussprechen lässt, ist nicht das urewige Tao" — ist die chinesische Version des universellen Ausdrucks der apophatischen Mystik. Tao steigt über Wu Wei, Ziran und die Yin-Yang-Dialektik zur praktischen Ethik und zur Kosmologie herab; mit dem Ein Sof der Kabbala, dem Nirguna Brahman des Advaita, der śūnyatā des Mahāyāna und der Vahdet-i Vücud (Einheit des Seins) des Tasawwuf zeigt es unter dem Dach der perennialen Philosophie tiefe strukturelle Verwandtschaft.
Der Tao-Begriff findet im „postsäkularen" Denkklima des 21. Jahrhunderts einen besonderen Platz. Der moderne Leser, der aus der Krise der ideologischen Absoluta hervorgeht, findet in der Formulierung des Tao „das Tao, das sich aussprechen lässt, ist nicht das urewige Tao" ein Beispiel begrifflicher Demut sowohl gegen den wissenschaftlich-positivistischen Absolutismus als auch gegen den dogmatisch-religiösen Absolutismus. Aus diesem Grund bleibt der Tao-Begriff eine zentrale Referenz in den zeitgenössischen Diskussionen der vergleichenden Spiritualität. Die tiefste pädagogische Lehre des Tao besteht vielleicht darin, das Leben in der beständigen Spannung zwischen dem „Aussprechbaren" und dem „Urewigen" anzunehmen: Wir nähern uns mit Begriffen, doch sagen wir nicht, dass irgendein Begriff vollständig sei; wir verknüpfen mit Anwendungen, doch sagen wir nicht, dass irgendeine Anwendung absolut sei. Diese Position der „Halb-Offenheit" zeigt die strukturelle Verwandtschaft der daoistischen Weisheit mit der „halb-offenen Loge (dergâh)" des anatolischen Tasawwuf. Beide Traditionen ziehen es vor, das Absolute zu leben statt es auszusprechen, darauf hinzuweisen statt es zu erklären. Dies bleibt in der zeitgenössischen postsäkularen Welt noch immer eine tiefe geistige pädagogische Quelle. Der bis heute reichende bleibendste Beitrag des daoistischen Denkens ist die Disziplin, das Absolute sich selbst offenbaren zu lassen, statt es in seinem eigenen Namen sprechen zu lassen. Dies ist gegenüber dem westlichen kategorial-definierenden Denken das Wesen der reichsten alternativen begrifflichen Architektur, die die chinesische Philosophietradition bietet. Sowohl in seinen antiken Quellen als auch in seinen zeitgenössischen Reflexionen wirkt dieses Paradox des „Aussprechens des Unausgesprochenen" beim Tao-Begriff weiterhin als bleibende Quelle des Ertrags; es wird auch eine der produktivsten Referenzen der vergleichenden Spiritualitätsstudien bleiben.