Varanasi (heilige Stadt)
Varanasi am Ufer des Ganges: die älteste lebendige heilige Stadt der hinduistischen Tradition; sie wird als ewiger Wohnsitz [[Shiva]]s und als der gesegnetste Ort zum Sterben unter dem Namen Kashi (Stadt des Lichts) genannt.
Historisch-spirituelle Geschichte
Varanasi — mit seinem kanonischen Sanskrit-Namen Kāśī (Kāśī, ‚die glänzende/erleuchtete Stadt'), in der britischen Kolonialzeit Benares, mit dem modernen offiziellen indischen Namen Varanasi (Vārāṇasī, ‚die zwischen den Flüssen Varuṇā und Asī Gelegene') — ist die älteste und heiligste Stadt der hinduistischen Tradition. Die Geschichte der ununterbrochenen Besiedlung der Stadt reicht bis etwa 1200 v. Chr. zurück, und sie wird im Ramayana ab dem 9. Jahrhundert v. Chr. wiederholt erwähnt; archäologische Daten bestätigen, dass zwischen dem 11. und 9. Jahrhundert v. Chr. auf dem Hügel von Rajghat eine sesshafte Zivilisation bestand. Der berühmte Satz, den Mark Twain 1897 sagte, ist keine Übertreibung: ‚Benares is older than history, older than tradition, older even than legend, and looks twice as old as all of them put together.'
Die am Ostufer des Ganges (Ganga) in Form einer von Norden nach Süden verlaufenden Mondsichel gelegene Stadt ist ein Erzeugnis einer hydrographischen Anomalie: Der Ganges fließt im Allgemeinen von Westen nach Osten, doch bei Varanasi ändert er seine Richtung und wendet sich nach Norden, zur Bergquelle hin. Diese ungewöhnliche Richtungswende — in der hinduistischen Kosmologie ‚uttarvahini' (nordwärtsfließend) genannt — wird als ein Sich-zur-Quelle-Krümmen des Ganges gedeutet und verstärkt die sinnbildliche Kraft der Stadt: Hier ist der Ort der Heimkehr, an dem sich der gewöhnliche Lauf der Welt umkehrt.
Die hinduistische Heiligkeit der Stadt entspringt einem Shiva-zentrierten Proto-Kosmos-Archetyp, der weit über die vedische Zeit hinaus zurückreicht. Den klassischen hinduistischen Kanonschriften, den Puranas, zufolge wird Varanasi als der ewige Wohnsitz Shivas auf Erden — avimuktakṣetra, ‚der nie verlassene Bereich' — bestimmt. Das Buch Kāśī Khaṇḍa des Skanda Purana (eine Kompilation des 12.–13. Jahrhunderts, die jedoch weit älteres Material enthält) bietet die kosmisch-mythische Biographie der Stadt: Shiva und Parvati hielten hier ihre Hochzeit, hier offenbarte er sich zum ersten Mal als jyotirlinga (Lichtlingam), hier findet jede hier sterbende Seele moksha (Befreiung). Dieser letzte Glaube ist die grundlegende Prämisse, die die gesamte historisch-soziologische Identität der Stadt prägt.
Unter den historischen Schichten ist auch die buddhistische Schicht von kritischer Bedeutung: Sarnath, unmittelbar nordöstlich von Varanasi gelegen, ist der Ort, an dem Buddha nach seinem Erwachen seine erste Predigt hielt — die Dharmacakra-pravartana sūtra (die Predigt, die das Rad des Dharma in Bewegung setzt). Dieses geographische Gebiet ist also nicht nur für die hinduistische, sondern auch für die buddhistische Tradition nach Bodh Gaya die zweitheiligste Stätte. Da Varanasi überdies der Geburtsort des elften und des dreiundzwanzigsten Tirthankara ist, zählt es auch zu den Pilgerzentren des Jainismus. Diese dreischichtige dharmische Berührung macht Varanasi zu einem Zentrum nicht nur für den Hinduismus, sondern für die gesamte dharmische Zivilisation.
Mit den muslimischen Eroberungen wurde die Stadt mehrmals zerstört: 1194 Muhammad Ghûrî, 1376 Firûz Schâh Tughluq, 1495 Sikandar Lodî und schließlich ließ 1669 Aurangzeb den Vishwanath-Tempel im Zentrum der Stadt zerstören und an seiner Stelle die Gyanvapi-Moschee errichten. Diese Zyklen von Zerstörung und Wiederaufbau hinterließen in der hinduistischen Kanonliteratur eine bittere Erinnerung, betonen zugleich aber auch die metaphysische Beständigkeit der Stadt: Der Tempel kann zerstört werden, doch die Eigenschaft Kashis, der ‚nie verlassene Bereich' zu sein, das Licht Shivas, dauert fort. 1780 ließ die Maratha-Königin Ahalyabai Holkar den heutigen Kashi Vishwanath-Tempel unmittelbar neben dem zerstörten neu errichten.
Doktrinäre Bedeutung
Der doktrinäre Rang Varanasis in der hinduistischen Tradition gründet sich auf drei Hauptachsen.
Erste Achse — Wohnsitz Shivas: In der klassischen schivaitischen Theologie ist Varanasi der kṣetra (heilige Bereich) Shivas und zugleich der ewige Ort seines liṅga. Dem Skanda Purana zufolge stieg, als Shiva am Anfang des von Brahma erschaffenen Kosmos als eine Lichtsäule erschien, diese Säule genau in der Mitte der Erde — in Varanasi — empor. Dies ist die Grundlage der Doktrin des jyotirlinga (Lichtlingam): In Indien gibt es zwölf jyotirlinga, doch der erste und heiligste von ihnen ist das Kashi Vishwanath-Lingam (der Schöpfergott Kashis). Diese Doktrin setzt die geographische Lage der Stadt mit der kosmischen Achse (Axis mundi) gleich; ganz wie die Kaaba in Mekka oder der Tempelberg in Jerusalem.
Überdies wird Varanasi in der schivaitischen Metaphysik als ‚die Stadt, die auf dem Trishul (dem dreizackigen Speer) Shivas ruht' vorgestellt. Da dieser Trishul von den fließenden Veränderungen der geologischen Welt unberührbar ist, wird angenommen, dass auch Varanasi selbst während der Pralayas (kosmischen Auflösungen) nicht zugrunde geht. Dies ist eine theologische These, die die Stadt im wörtlichen Sinne unsterblich macht.
Zweite Achse — Mokṣa-puri (Stadt der Befreiung): In der klassischen hinduistischen Eschatologie werden vier Städte als ‚mokṣa-puri' gezählt: Varanasi, Haridwar, Ujjain und Dvaraka. Unter ihnen ist die mächtigste Varanasi; denn Varanasi ist nicht nur ein Ort, an dem das ‚dort Geborenwerden' Befreiung bringt, sondern in radikalerer Weise ein Ort, an dem das dort Sterben moksha verleiht. Diese Doktrin entwickelt sich rund um zwei gesonderte kanonische Diskurse: Kāśī-vāsa-māhātmya (die Erhabenheit des Lebens in Kashi) und antyeṣṭi-māhātmya (die Erhabenheit des dortigen Sterberitus).
Der doktrinäre Rahmen lautet so: Shiva flüstert der sterbenden Seele das ‚Tāraka-Mantra' (das erlösende Mantra) ins Ohr; mit diesem Mantra wird die Seele aus der Kette des karma befreit und tritt aus dem Kreislauf von Geburt und Tod (samsara) heraus. An anderen heiligen Stätten häuft sich gutes Karma an, aber moksha ist nicht absolut; in Varanasi hingegen vollzieht sich durch das im Augenblick des Todes erteilte Mantra die unmittelbare Befreiung. Dies ist in der hinduistischen Soteriologie einzigartig.
Dritte Achse — Verdichtungspunkt alles Heiligen: Wie Diana Eck in ihrem Werk Banaras: City of Light zeigt, ist Varanasi nicht nur eine Shiva-Stadt. Das klassische Kāśī Khaṇḍa behauptet, dass die Stadt in ihrem Inneren ‚mikrokosmische Repräsentationen' aller heiligen Stätten des gesamten indischen Subkontinents beherbergt: In Kashi gibt es ein Bodh Gaya, ein Tirupati, ein Rameshwaram. Diese Doktrin ist die kanonische Formulierung des Begriffs der heiligen Dichte (sacred density): Ein Pilger muss nicht ganz Indien bereisen; es genügt, Varanasi zu umrunden. Dies ist strukturell gleichbedeutend mit der ‚Mikrokosmos-Makrokosmos'-Funktion, die Mekka für die Muslime, Jerusalem für Juden/Christen besitzt.
Pilger- und Besuchsrituale
Die Pilgerrituale Varanasis (Yatra) enthalten anders als die Pilgerfahrt nach Mekka keine strikte Jahreszeit oder Dauer — sie werden das ganze Jahr über, nach dem individuellen Rhythmus des Einzelnen, vollzogen. Gleichwohl gibt es ein Standardprogramm der ‚tirth-yatra' (heiligen Pilgerfahrt).
Pañca-tīrtha yātrā (Pilgerfahrt zu den fünf Tirthas): Im klassischen Zyklus besucht der Pilger die fünf wichtigsten Ghats (Flusstreppen) in einer bestimmten Reihenfolge: Asi Ghat (Süden), Dashashwamedh, Manikarnika, Panchganga, Adi Keshava (Norden). Das Fortschreiten von Süden nach Norden in dieser Reihenfolge ist eine sinnbildliche Reise zur ‚Quellrichtung' des Ganges; denn die Quelle des Ganges liegt im Norden, am Gangotri-Gletscher im Himalaya.
Pañcakrośī Parikramā (Umrundung der fünf Krośa): Um die Stadt herum gibt es einen etwa 88 km langen kreisförmigen Pilgerweg, der dem Fuß des Trishul Shivas folgt. Der Pilger vollendet diesen Weg in 5 Tagen mit 5 Übernachtungen; an jedem Übernachtungspunkt vollzieht er bestimmte Rituale (Puja, Bad, Bhojan). Dies ist das paradigmatische Beispiel des Ritus der parikramā (der Umkreisung des Heiligen) in der hinduistischen Tradition; ganz wie der Tawâf in Mekka.
Täglicher Ritualkomplex: Der Pilger oder der ansässige Kāśīvāsi (Kashi-Bewohner) steigt am frühen Morgen zum Ganges hinab und vollzieht das snāna (heilige Bad). Dieses Bad ist nicht gewöhnlich; für jedes Untertauchen wird ein mantra gesprochen, das Wasser wird mit der Hand geschöpft und der Sonne dargebracht (sūrya-arghya), den Ahnen dargebracht (tarpaṇa). Nach dem Bad geht der Pilger zum Kashi-Vishwanath-Tempel und bringt dem liṅga Shivas Wasser dar (abhiṣeka). Sodann umrundet er die kleinen Tempel der Stadt; das sandhya-vandana (das Abend-Bindungsgebet) wird am Ganges vollzogen.
In den Abendstunden ist die am Dashashwamedh Ghat vollzogene Ganga Aarti — das Lichtritual mit großen Öllampen — der Höhepunkt der visuell-akustischen Dramaturgie der Stadt. Sieben Priester heben zugleich große Metalllampen empor und bringen sie dem Ganges dar; jeder von ihnen hält eine 50 kg schwere, mehrarmige Lampe in der Hand. Die Gesänge (bhajan), die Klänge der Glocken (ghaṇṭā), der Ton der traditionellen Muschelhörner (shankha) … diese Szene ist die filmische Gestalt eines hinduistischen darshan-Erlebnisses (des Schauens des Heiligen).
Mumukṣu-vāsa (der Aufenthalt des Befreiungssuchers): Es gibt eine Kategorie von Kāśīvāsi, das sind hochbetagte Menschen, die nunmehr gekommen sind, um in Varanasi zu sterben. Im Zentrum der Stadt bieten ihnen Einrichtungen namens mukti-bhavan (Häuser der Befreiung) Unterkunft; sie gewähren eine durchschnittliche Aufenthaltsdauer von 15 Tagen — kommt zur Zeit der Befreiung der Tod, ist es gut, kommt er nicht, kehrt der Pilger nach Ablauf der Sterbefrist nach Hause zurück. Die berühmteste dieser Einrichtungen ist das Kashi Labh Mukti Bhavan. Diese Einrichtung ist der hinduistische Prototyp einer ‚Sterbebegleitungs'-Tradition, die strukturell den parinirvāṇa-Hospizen im Buddhismus und der modernen Hospizbewegung ähnelt.
Manikarnika Ghat und die Totenverbrennung: Der zentrale Ghat der Stadt, Manikarnika, beherbergt 24 Stunden lang brennende Verbrennungsscheiterhaufen. Jährlich werden hier etwa 30.000–40.000 Leichname verbrannt. Der Verbrennungsritus wird antyeṣṭi — Sanskrit für ‚letzte Darbringung' — genannt und umfasst überaus kodifizierte Schritte: das Waschen des Leichnams mit Gangeswasser, das Aufbahren auf dem Holzscheiterhaufen, das Entzünden des mukhāgni (Mund-Feuers) durch den ältesten Sohn, das Rezitieren von Mantras aus dem Yajurveda. Nachdem der Scheiterhaufen völlig erloschen ist, werden die Asche und die verbliebenen Knochen des Leichnams dem Ganges dargebracht. Dem klassischen Denken nach ‚gibt dieser Vorgang die Person an die panca-mahābhūta (die fünf großen Elemente — Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther) zurück' — er gliedert also den Leib in den natürlichen Lauf des Universums zurück.
Symbolische Dimensionen
Die Symbolik Varanasis erstreckt sich von der Geographie der Stadt bis zu ihrer Metaphysik, von ihrer akustischen Umgebung bis zu ihrer architektonischen Konfiguration.
Lichtsymbolik: Der Sanskrit-Name der Stadt, Kāśī, kommt von der Wurzel ‚kāś' — glänzen, leuchten, zutage treten. Dies ist kein bloßes Farb-Eigenschaftswort; in der hinduistischen Metaphysik ist ‚Licht' (jyoti, prakāśa) das Erscheinungsprinzip der Wirklichkeit. In der Bṛhadāraṇyaka Upaniṣad sagt Yajnavalkya ‚Atman jyotir' — ‚das Selbst ist ein Licht'. Dass Varanasi als ‚Stadt des Lichts' bestimmt wird, ist keine bloß pittoreske Bezeichnung, sondern eine tiefe theologische Prämisse: In dieser Stadt bringt die Wirklichkeit sich selbst unmittelbar zur Erscheinung. Dieser Ansatz ist verwandt mit dem Begriff der tadschallî (göttlichen Selbstoffenbarung) im Tasawwuf des Islam und mit dem Verhältnis zwischen dem Ohr Ein Sof (dem Licht des Unendlichen) und den Sefirot in der Kabbala.
Ganges-Symbolik: Der Ganges wird nicht als ein gewöhnlicher Fluss, sondern als ein vom Himmel herabsteigendes heiliges Wasser vorgestellt. Der mythischen Erzählung nach floss der Ganges anfangs am Himmel; infolge der jahrtausendelangen Verehrung des Königs Bhagiratha nahm Shiva ihn auf und ließ ihn, durch seine Haare gefiltert, zur Erde herab (Gaṅgāvataraṇa). Dieses mythische Motiv betont, dass der Ganges nicht nur eine hydrologische Tatsache, sondern die Erscheinung der göttlichen Wesenheit (amṛta, des Unsterblichkeitswassers) auf Erden ist. In Varanasi nimmt diese Symbolik eine praktische Form an: Die Pilger füllen das Gangeswasser in Flaschen und tragen es in ihre Heimat; dieses Wasser wird in ihren Häusern als heilige Gabe aufbewahrt und an besonderen Tagen bei Familienritualen verwendet.
Dreigeteilte Kosmologie: Varanasi ist in drei gesonderte ‚kṣetra' aufgeteilt: im Norden Adikeśava (das Vishnu-kṣetra), in der Mitte Mahāśmaśāna (das Shiva-Verbrennungs-kṣetra), im Süden Kedāra (das Shiva-Zentrum-kṣetra). Diese dreigeteilte Struktur ist die geographische Projektion der Trimurti-Trias (Brahma-Vishnu-Shiva) in der hinduistischen Theologie. Die Stadt ist im wörtlichen Sinne als ein Mandala strukturiert; ganz wie in einer Mandala-Zeichnung ist sie eine geistige Landkarte, auf der vom Zentrum zur Peripherie hin die kosmischen Prinzipien in Bereiche aufgeteilt sind.
Tod-Leben-Schwellenbereich: Inmitten des Manikarnika Ghat zu stehen ist selbst für einen gewöhnlichen Betrachter überraschend: Auf der einen Seite werden Leichname verbrannt, unmittelbar daneben arbeiten Fischer, baden Kinder, rufen Bootsleute nach Kunden. Tod und Leben stehen nicht als gesonderte Kategorien, sondern als zwei Seiten desselben Gewebes nebeneinander. Dies ist eine Haltung, die der den Tod verbergenden und auf Distanz haltenden Auffassung der modernen westlichen Zivilisation diametral entgegengesetzt ist. Jonathan Parry öffnet diese Beobachtung in seinem Werk Death in Banaras (1994): In Varanasi ist der Tod ein zivilisiertes alltägliches Ereignis.
Akustische Symbolik: Die akustische Umgebung der Stadt fügt ein wichtiges geistig-symbolisches Gewebe hinzu. Die Morgenstunden füllen sich mit Tempelglocken, shankha (Muschelhorn-Trompeten) und dem Murmeln von mantra. Diese Klänge sind in der klassischen hinduistischen phonetischen Tradition mit der Lehre vom śabda-brahman (dem Klang-Absoluten) verbunden: Die Schwingung des Klangs bildet das Grundgewebe der Wirklichkeit. Das Aussprechen eines Mantra ist kein gewöhnliches Gebet, sondern ein In-Resonanz-Treten mit der Grundfrequenz des Universums. Diese Doktrin ist in den kanonischen Texten zur hinduistischen Phonetik, den Pāṇini Sūtras und der Phāra-vyākaraṇa, systematisiert.
Vergleichende Perspektive
Varanasi mit den zentralen heiligen Städten anderer Welttraditionen zu vergleichen, bringt sowohl strukturelle Entsprechungen als auch wichtige Unterschiede ans Licht.
Vergleich mit Mekka
Mekka und Varanasi sind beide die metaphysisch-zentralen Städte ihrer jeweiligen Tradition; doch ihre Unterschiede sind grundlegend.
Ähnlichkeiten:
- Beide haben den Rang eines Axis mundi — einer kosmischen Achse über der geographischen Wirklichkeit.
- In beiden gibt es ein zentrales heiliges Objekt: in Mekka die Kaaba, in Varanasi das Kashi-Vishwanath-Lingam.
- In beiden ist der Ritus der Umkreisung (parikramā / tawâf) kanonisch.
- Beide sind um ein Pilgersystem herum strukturiert.
Unterschiede:
- Zeitliche Festlegung der Pilgerfahrt: Die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch) ist an eine einzige Jahreszeit im Jahr (den Monat Dhû l-Hidschdscha) gebunden; die Pilgerfahrt nach Varanasi kann das ganze Jahr über jederzeit vollzogen werden.
- Zugang: Mekka ist nur Muslimen geöffnet; Varanasi ist Besuchern aller Religionen geöffnet (wenngleich die inneren Bereiche mancher Tempel Nicht-Hindus verboten sind).
- Todessymbolik: In Mekka (während des Hadsch) zu sterben ist eine besondere Gnade, hat aber keine ‚moksha-Gleichheit'; in Varanasi zu sterben ist eine unmittelbare Garantie der Befreiung. Mekka arbeitet mit dem vorbelasteten negativen Wert des Todes (der Leichnam wird rasch fortgetragen); Varanasi verwandelt den Tod in ein positives Ereignis.
- Geographische Struktur: Mekka eine Talsiedlung, ringsum Berge; Varanasi eine Flusssiedlung, ringsum Flachland.
Vergleich mit Jerusalem
Jerusalem und Varanasi sind beide mehrreligiös geschichtete heilige Städte.
Ähnlichkeiten:
- Beide sind das heilige Zentrum mindestens dreier verschiedener religiöser Traditionen (Jerusalem: Judentum, Christentum, Islam; Varanasi: Hinduismus, Buddhismus, Jainismus).
- Beide haben geschichtete archäologisch-mythische Geschichten; sie haben Zyklen von Zerstörung und Wiederaufbau erlebt.
- Beide tragen eschatologische Bedeutung: in Jerusalem ‚die Zeit des Endes', in Varanasi ‚der Ort des Endes'.
Unterschiede:
- Jerusalem ist ein Beispiel für widerstreitende Heiligkeiten (territorial-beanspruchend zwischen drei Traditionen), Varanasi hingegen für eher additive Heiligkeiten (jede Tradition behält ihren eigenen Bereich, ohne ihn zu teilen).
- In Jerusalem liegt die Todessymbolik auf der Achse ‚Exil-Heimat' (wenn das Exil endet, werden die Toten auferstehen); in Varanasi liegt die Todessymbolik auf der Achse ‚Erlangung des Augenblicks der Befreiung'.
- Jerusalem ist ein politisch-geologischer Konfliktpunkt (seit 1948); Varanasi trägt politische Streitigkeiten (insbesondere die Frage der Gyanvapi-Moschee), hat aber keine internationale Dimension.
Vergleich mit Lhasa
Varanasi und Lhasa sind beide asiatische Heiligkeitszentren.
Ähnlichkeiten:
- Beide sind heilige Siedlungen in großer Höhe / besonderer Lage.
- Beide sind lebendige, lebende, noch immer rituell aktive Städte.
- Beide beherbergen eine heilige Autorität (in Varanasi den nie verlassenen Wohnsitz Shivas, in Lhasa den Sitz des Dalai Lama — so sehr dieser gegenwärtig auch im Exil ist).
Unterschiede:
- Lhasa ist stärker politisch zentriert (die Problematik der Autonomie/Unabhängigkeit Tibets); Varanasi ist weniger politisch angespannt.
- Lhasa ist das vorrangige Zentrum des Vajrayāna-Buddhismus; Varanasi das des schivaitischen Hinduismus.
- In Lhasa schlägt die Todestradition die Himmelsbestattung (sky burial) vor, eine gänzlich andere leibliche Verfügung; in Varanasi die Verbrennungsbestattung (cremation).
Vergleich mit Santiago de Compostela
Santiago de Compostela und Varanasi sind beide kanonische Beispiele der Kultur des Pilgerwegs.
Ähnlichkeiten:
- Beide beherbergen eine heilige Gestalt: in Santiago das Grab des Apostels Jakobus (Apóstol Santiago), in Varanasi die Gegenwart Shivas.
- Beide besitzen die Tradition einer Wandlungsreise (Camino de Santiago, Pañcakroshi Yatrā).
- Beide erleben im modernen Zeitalter eine Wiederbelebung.
Unterschiede:
- Santiago beruht auf der Tradition des langen Gehens (des 800 km langen Camino Francés); die Pilgerfahrt Varanasis ist innerstädtisch, siedlungszentriert.
- Santiago ist monodisziplinär (katholisch); Varanasi ist pluralistisch.
- In Santiago ist die Todessymbolik gering (der Schwerpunkt der Eschatologie liegt anderswo); in Varanasi steht die Todessymbolik im Zentrum.
Moderne Situation
Das heutige Varanasi ist ein Ort, der zwischen seiner klassischen mythisch-rituellen Identität und den Zwängen der globalen modernen Welt vielfache Spannungen erlebt.
Demographische Wirklichkeit: Der amtlichen Volkszählung von 2011 zufolge beträgt die offizielle Einwohnerzahl der Stadt etwa 1,2 Millionen; rechnet man jedoch die täglich verkehrenden Pilger, Besucher und Saisonmigranten hinzu, übersteigt die tatsächliche Bevölkerung 1,5 Millionen. Etwa 30 Prozent der Wirtschaft der Stadt hängen unmittelbar von der religiös-touristischen Tätigkeit ab.
Umweltkrise: Das Wasser des Ganges ist im modernen Zeitalter einer schweren Verschmutzung ausgesetzt. Industrieabfälle, Abwasser, die Überreste teilverbrannter Leichname haben die Wasserqualität gemindert. Das Programm Namami Gange der indischen Regierung (seit 2014) wurde mit dem Ziel der Reinigung des Flusses begonnen; im Laufe des zehnjährigen Prozesses gab es gewisse Verbesserungen (insbesondere zwischen 2017 und 2020 stieg der Sauerstoffgehalt), doch das Problem ist nicht vollständig gelöst. Hier gibt es eine paradoxe theologische Frage: Der klassischen hinduistischen Lehre zufolge ist der Ganges nicht verunreinigbar; so sehr die leiblich-praktische Verschmutzung auch zunimmt, die metaphysische Reinheit des Ganges ist unantastbar. Diese Doktrin steht stellenweise im Widerspruch zur modernen Umweltwissenschaft. Diana Eck erörtert diese Frage in ihrem Werk von 2012, indem sie einen theologisch-pragmatischen Mittelweg vorschlägt.
Projekte der Modi-Regierung (2014–2024): Mit der Wahl des indischen Premierministers Narendra Modi in Varanasi wurde die Stadt Gegenstand großer städtischer Erneuerungsprojekte. Das größte ist der 2021 eröffnete Kashi Vishwanath Corridor — zwischen dem Vishwanath-Tempel und dem Ganges wurde ein 5 Hektar großer Korridor geschaffen, etwa 300 Gebäude wurden abgerissen, der Zugang der Pilger wurde weitgehend erleichtert. Dieses Projekt brachte sowohl positive Folgen für die Pilger (ein weiterer, sauberer Raum) als auch negative für die ortsansässigen Bewohner (Vertreibung aus den Häusern, Verlust der städtischen Identität).
Die Frage der Gyanvapi-Moschee: In den seit 2022 eröffneten Verfahren wurde behauptet, dass sich unter der Gyanvapi-Moschee, die 1669 an dem Ort errichtet wurde, an dem der Vishwanath-Tempel zerstört worden war, die Überreste des ursprünglichen Hindu-Tempels befänden. Die Berichte des Archaeological Survey of India aus dem Jahr 2024 bestätigten teilweise das Vorhandensein von Hindu-Überresten; die Frage bleibt auf juristisch-politischer Ebene umstritten. Dies kann als eine Fortsetzung der Krise um Ayodhya/Babri-Moschee nach 1992 betrachtet werden und zeigt die Komplexität der Beziehungen zwischen Religion, Identität und Boden im modernen Indien.
Akademisch-internationales Interesse: Das mit den Arbeiten Diana Ecks in den 1980er Jahren begonnene akademisch-westliche Interesse hat fortwährend zugenommen. Die Banaras Hindu University ist ein Zentrum der Sanskrit- und Hindu-Studien, das in der globalen Rangordnung unter den ersten 100 bleibt. Darüber hinaus halten sich jährlich etwa 5000 ausländische Forscher zum ‚spirituellen Tourismus' oder zu akademischer Forschung in der Stadt auf.
Yoga-Meditations-Tourismus: Varanasi zählt zusammen mit Rishikesh zu den wichtigsten Stationen westlicher Geistigkeitssuchender. In der Stadt sind Hunderte von Ashrams, Yogazentren und Sanskrit-Kursen eröffnet worden. Dies ist die im modernen Zeitalter wiederbelebte Form der klassischen hinduistischen Schau-Ökonomie (dṛṣṭi-kāma, des Verlangens nach dem Schauen), nimmt aber stellenweise klassisch-unauthentische, kommerzialisierte Formen an.
Kritik
Der Heiligkeitsanspruch Varanasis ist Gegenstand äußerer und innerer Kritik.
Umwelt-pragmatische Kritik: Wie oben erwähnt, schafft die Verschmutzung des Ganges eine dramatische Spannung zwischen dem theologischen Anspruch der ‚Reinheit' und der praktischen ‚Verunreinigung'. Kritiker betonen, dass die Pilgerrituale (insbesondere die Verbrennungsbestattung, die Aschedarbringung) den Fluss physisch verschmutzen und dass diese Praktiken nicht nachhaltig sind. Gegenargument: Die hinduistische Doktrin bekräftigt die metaphysische Reinheit des Ganges, ist aber einer physischen Sanierung nicht entgegen; die Sanierungsprojekte (Namami Gange) spiegeln diese Nuance wider.
Kasten-/Klassen-Kritik: Diejenigen, die die Verbrennungsscheiterhaufen am Manikarnika Ghat verwalten, sind traditionell die niederkastige (Dalit-)Gemeinschaft, die Doms genannt wird. Die Doms sind die eigentlichen Schlüsselträger des Feuers; für die Verbrennung jedes Leichnams erhalten sie eine bestimmte Gebühr. Diese sozioökonomische Ordnung ist einerseits eine Fortsetzung der klassischen hinduistischen Sozialstruktur (des varna-jati-Systems), andererseits eine Form der kastengestützten Diskriminierung. Moderne Kritiker — insbesondere Dalit-Intellektuelle (im Einfluss B. R. Ambedkars) — haben diese Struktur in Frage gestellt; doch die Dom-Gemeinschaft widersetzt sich einer Modifikation dieser Rolle, um ihre eigene ökonomische Stellung zu wahren. Die ethnographische Arbeit Jonathan Parrys zeigt dieses Paradox deutlich.
Geschlechter-Kritik: Die Pilgerfahrt Varanasis ist in den klassischen Texten wie in der modernen Praxis überwiegend männerzentriert. Frauen dürfen im Ganges baden, aber ihr Zugang zum inneren Sanktum der Tempel ist im Allgemeinen beschränkt; der Hauptvollzug des Verbrennungsritus (das mukhāgni durch den ältesten Sohn) ist streng ein männlicher Akt. Manche modernen hinduistischen feministischen Kritikerinnen — Madhu Kishwar, Gail Omvedt — haben diese Struktur in Frage gestellt; manche Tempel haben im 21. Jahrhundert den Zugang von Frauen teilweise erweitert, doch eine grundlegende Revision der klassischen Regel hat sich nicht vollzogen.
Modernistisch-hinduistische Kritik: Die hinduistischen Reformbewegungen des 19.–20. Jahrhunderts — Brahmo Samaj (Ram Mohan Roy), Arya Samaj (Dayananda Saraswati), Ramakrishna Mission (Vivekananda) — standen der Varanasi-zentrierten mythologischen Theologie kritisch gegenüber. Ihnen zufolge ist moksha nicht ortsabhängig, sondern abhängig von der inneren Erfahrung; und die Lehre, dass das Sterben in Varanasi unmittelbar Befreiung bringt, bleibt auf der Ebene einer ‚Volksmythologie' und ist nicht an die Doktrin des eigentlichen Vedânta gebunden. Diese Kritik ist eine im modernen Indien unter der gebildeten Mittelschicht zunehmend verbreitete Haltung. Demgegenüber verteidigen die Befürworter der Klassiker (wie Swami Karpatri) die theologische Eigenständigkeit Varanasis.
Vergleichend-perennialistische Kritik: Die Denker in der Linie Frithjof Schuons und René Guénons — die perennialistische Schule — anerkennen die Stellung Varanasis in der hinduistischen Tradition, bestimmen sie aber nicht als ‚absolut-universell', sondern als eine ‚traditionsinterne, besondere' Stellung. Ihnen zufolge ist die Stellung, die Mekka für die Muslime, Varanasi für die Hindus, Jerusalem für die Juden besitzt, strukturell parallel, aber inhaltlich verschieden; keine ist ‚der anderen überlegen', jede ist auf ihrem eigenen traditionellen Weg das Zentrum. Diese perennialistische Lesart übertreibt die globale Heiligkeit Varanasis weder, noch schmälert sie sie; sie stellt es als das Zentrum einer Zivilisation an seinen richtigen historisch-strukturellen Platz.
Widerspiegelungen in Literatur und Kunst
Der Platz Varanasis in der hinduistischen Zivilisation ist nicht nur Theologie und Pilgerfahrt, sondern zugleich eine grundlegende Quelle literarisch-künstlerischen Schaffens.
Klassische Sanskrit-Literatur: Die Stadt ist Gegenstand Dutzender Werke der Sanskrit-Literatur. Das Werk Vairāgya-śataka (Hundert Strophen mutiger Entsagung) von Bhartrihari (5.–7. Jahrhundert) ist tief von der geistigen Atmosphäre Varanasis beeinflusst. Adi Shankara (788–820), der Systematiker der hinduistischen Advaita-Tradition, lebte lange in Varanasi und schrieb hier seinen kanonischen Kommentar zum Brahma Sutra (Brahma-Sutra-Bhāṣya).
Die hinduistische Bhakti-Bewegung und Varanasi: Die im 14.–17. Jahrhundert entwickelte Bhakti-Bewegung nahm Varanasi zum Zentrum. Kabir (etwa 1440–1518), ein in eine muslimische Familie geborener, doch sowohl hinduistische als auch sufische Einflüsse tragender synthetischer mystischer Dichter, verbrachte den größten Teil seines Lebens in Varanasi. Die Dohas (Strophen) Kabirs kritisieren die klassischen religiösen Kategorien; sein berühmter Vers ‚Lebe in Kashi, stirb in Magahar' (gib beim Sterben die Garantie der absoluten Befreiung Kashis auf) stellt das theologische Privileg der Stadt paradoxerweise auf ironische Weise in Frage. Das Grab Kabirs wird sowohl von Hindus als auch von Muslimen beansprucht; unter seinem Leichnam stehen ein Samadhi für die Hindus und ein Maqbara für die Muslime nebeneinander.
Tulsidas (1532–1623), ein Dichter auf dem Gipfel der hinduistischen Bhakti-Literatur, schrieb das Ramayana im Awadhi-Dialekt des Hindi als Rāmcaritmānas neu; einen großen Teil dieses Werks vollendete er in einem Haus nahe dem Assi Ghat in Varanasi. Dieses Werk ist der am meisten gelesene, am meisten gehörte religiöse Text der modernen nordindischen Hindu-Massen; es ist das Hauptmittel, durch das die Erzählung des Ramayana die Volksbasis erreicht.
Klassische Musiktradition: Varanasi ist eines der wichtigsten Zentren der indischen klassischen Musik (insbesondere der Hindustani — der nordindischen klassischen Musik). Die Banaras gharana (die Banaras-Schule) ist der zentrale Hervorbringer der klassischen Vokalmusik (insbesondere halbklassischer Formen wie thumri, kajri, chaiti). Der große Sitar-Virtuose Ravi Shankar (1920–2012) entstammt einer aus Banaras stammenden bengalischen Familie und fühlte sich der Stadt eng verbunden. Der Tabla-Meister Pandit Kishan Maharaj (1923–2008) war der Vertreter der Banaras gharana des 20. Jahrhunderts.
Moderne indische Literatur: In der indischen Literatur des 20. Jahrhunderts nimmt Varanasi einen zentralen Ort ein. Die Erzählungen Premchands (Munshi Premchand, 1880–1936) schildern das Leben der Dörfer nahe Varanasi im Detail. Das am Flussufer dahinfließende tägliche Leben, die Bräuche des Volkes, die Kastenspannungen wurden zur Quelle des realistischen Stils Premchands. Unter den späteren Autoren bieten Kashinath Singh (Kashi ka Assi, 2004) und Akhilesh (Nirvasan, 2014) fassbare Porträts des soziokulturellen Gewebes des zeitgenössischen Varanasi.
Kino: Das indische Kino hat Varanasi mehrmals zum Gegenstand gemacht. Ein bedeutender Teil des Films Aparajito (1956) von Satyajit Ray spielt in Varanasi. In jüngerer Zeit nutzten Anurag Kashyaps Mukkabaaz (2017), Aditya Kripalanis Mai Ghat (2019) und insbesondere Shoojit Sircars Piku (2015) die filmisch-tiefgründige Kapazität Varanasis.
Moderner Vergleich — andere hinduistische Tirthas
Die Heiligkeit Varanasis mit den anderen großen hinduistischen Pilgerzentren zu vergleichen, lässt die Eigenheiten der Stadt deutlicher hervortreten.
Haridwar: Der Punkt, an dem der Ganges aus den Bergen in die Ebene tritt. Eine der klassischen ‚mokṣa-puri'; doch ihr doktrinäres Gewicht ist geringer als das Varanasis. Die Besonderheit Haridwars ist, dass es der Ort ist, an dem die Kumbh Mela-Zeremonien (alle 12 Jahre, bei einer bestimmten Stellung der Planeten) abgehalten werden. An der Mahā-Kumbh von Haridwar 2010 nahmen etwa 40 Millionen Menschen teil — dies ist die menschenreichste religiöse Versammlung der Geschichte der Menschheit. Haridwar ist eher ein Zentrum der ‚Ganges-Reinigung', Varanasi eher ein Zentrum der ‚Shiva-Befreiung'.
Rishikesh: 25 km oberhalb von Haridwar, nahe dem Himalaya. Es ist im modernen Zeitalter als ‚hinduistische Yoga-Hauptstadt' markenbildend geworden. Es gewann globalen Ruhm durch den Aufenthalt der Beatles im Ashram des Maharishi Mahesh Yogi 1968. Rishikesh ist auf Kloster-Yoga-Meditation-spirituellen-Tourismus ausgerichtet; Varanasi hingegen auf klassisches Ritual und Tod.
Tirupati (Tirumala): Eine dem Vishnu-Venkateshwara geweihte Tempelstadt in Südindien, in Andhra Pradesh. Es ist der reichste Hindu-Tempel der Welt, den täglich 50.000–100.000 Pilger besuchen. Tirupati ist Vishnu-vaishnavitisch zentriert; Varanasi Shiva-schivaitisch zentriert. Die historisch-doktrinäre Rivalität zwischen den beiden Traditionen (insbesondere im 7.–11. Jahrhundert) bildet die beiden Pole der modernen hinduistischen Landschaft.
Rameshwaram: An der Spitze Tamil Nadus, die südliche Ecke der klassischen kanonischen Gruppe der ‚Char-Dham' (vier Wohnsitze). Man glaubt, dass Rama hier nach seinem Lanka-Feldzug ein Shiva-Lingam verehrte. Im hinduistischen Kanonkalender ist Rameshwaram der Gegenpol des etwa 4500 km nördlich gelegenen Badrinath an der Nordspitze; Varanasi steht im metaphysischen Zentrum beider.
Mathura-Vrindavan: Geburtsort Krishnas und Ort seiner Jugend. Das Hauptzentrum der hinduistischen Bhakti-Tradition (insbesondere der Krishna-Bhakti). Mathura liegt geographisch etwa 600 km westlich von Varanasi; die beiden Städte sind die geographische Erscheinung der Unterscheidung zwischen den ‚vaishnavitischen' und den ‚schivaitischen' Zentren in der klassischen hinduistischen Soziologie.
Praktische Implikationen
Welche praktischen Implikationen hat die Varanasi-Erfahrung für den gewöhnlichen Pilger oder den westlichen Suchenden?
Für die geistige Praxis: Für moderne westliche Suchende kann Varanasi durch die mit Augen sichtbare Verschränkung von Tod und Leben als ein ‚Katalysator der Ego-Auflösung' wirken. Wer eine Stunde am Manikarnika verbringt, erfährt die unmittelbare Erfahrung seiner eigenen Sterblichkeit; dies ist eine ‚Vergegenwärtigung des Todes', die der klassischen buddhistischen Meditationstechnik maraṇasati (der Betrachtung über den Tod) oder der christlichen memento mori-Tradition gleichwertig ist (Buddhismus).
Für Yoga-Meditations-Praktizierende: Die Ashrams der Stadt bieten Yoga-Vedânta-Unterricht von wechselnder Qualität. Anders als der westliche Mainstream-Yoga kann Yoga in Varanasi in seiner klassischen Form (dem achtgliedrigen Weg Patanjalis, einschließlich der asana, aber nicht in ihrem Zentrum) erlebt werden.
Für die akademische Forschung: Die Abteilungen für Sanskrit, Hindu-Studien und Philosophie der Banaras Hindu University zählen weltweit zu den führenden. In der Stadt werden das ganze Jahr über Sanskrit-, Pali- und Veda-Studienkurse auf verschiedenen Niveaus angeboten.
Für Kunst-Praktizierende: Die Musiktradition der Banaras gharana bietet einen geeigneten Kontext für die klassische Hindustani-Vokal- und Instrumentalausbildung. Mehrere berühmte Meister — Pandit Channulal Mishra, Vidushi Soma Ghosh — ermöglichen in der Stadt eine Spezialisierungsgelegenheit.
Für die Pilgerfahrt: Die oben beschriebene Pañca-tīrtha oder Pañcakroshi Parikramā ist die kanonische Form einer traditionellen hinduistischen Pilgerfahrt. Für nicht-hinduistische Besucher mag die volle Teilnahme an diesen Ritualen nicht angemessen sein; doch ist als ‚spiritueller Tourist' ein anpassbareres Programm möglich — etwa das morgendliche Ganges-Bad, die abendliche Aarti, die Betrachtung am Manikarnika, der Ehrenbesuch beim Vishwanath.
Nachwort: Die jahrtausendelange spirituelle Geographie Varanasis wirkt auch im modernen Zeitalter. Weder klassisch-rein noch vollständig kommerzialisiert; zugleich eine Todesmaschine und eine Befreiungsfabrik; zugleich der traditionellste hinduistische städtische Ort und die Hauptstation des westlichen Geistigkeitstouristen; zugleich der nie verlassene Wohnsitz Shivas und eine der politischen Städte des modernen Indien. Diese Vielschichtigkeit ist der eigentliche Reichtum Varanasis; und um ihn zu begreifen, genügt weder eine rein-romantische noch eine rein-kritische Lesart — nur die ausgewogene Synthese beider kann das eigentliche Phänomen der Stadt erfassen.
Klassische hinduistische Pilgertexte und der Begriff des Tirtha
Um die metaphorisch-doktrinären Grundlagen Varanasis zu verstehen, ist es nützlich, den Platz des weiteren Begriffs tīrtha (heilige Stätte) in der hinduistischen Literatur zu betrachten.
Das Wort tīrtha trägt im Sanskrit die Bedeutungen ‚Furt', ‚Tor', ‚Ort des Übergangs von einer Seite zur anderen'. In der klassischen hinduistischen Metaphysik ist das tīrtha die geographische Repräsentation des Übergangs von der profanen zur heiligen Welt. Dieser Begriff kommt von den Flussfurten: In der Geographie Indiens wurde ein seichter und überquerbarer Teil des Flussbettes ‚tīrtha' genannt; diese gewöhnlich-geographische Bedeutung wurde sodann metaphysiziert und erweiterte sich zur Bedeutung ‚Ort des Übergangs von der materiellen zur geistigen Welt'.
Die Haupttexte der hinduistischen Pilgerliteratur:
- Das Tirthayatra Parva des Mahabharata (Bd. III, Kapitel 80–153): Die klassischen Pilgerrouten, die die Weisen Pulastya, Lomasha und Pulaha während der zwölfjährigen Verbannung der Pandavas dem Yudhishthira lehrten; es werden etwa 600 Tirthas gezählt. Dies ist der erste systematische Katalog der hinduistischen Pilgergeographie.
- Tristhalisetu (Narayana Bhatta, 16. Jh.): ein Pilgerführer der klassischen Zeit; er konzentriert sich auf Prayāga, Kashi und Gaya.
- Kashi Khanda (ein Buch des Skanda Purana): wie oben erwähnt, die kanonische Formulierung der zentralen Stellung Varanasis.
- Kashi Mahatmya: verschiedene Texte, die die Erhabenheit der Stadt preisen.
Der klassischen hinduistischen Doktrin zufolge vervielfacht sich die Wirkung einer an einem tīrtha vollzogenen rituellen Praxis im Vergleich zu einer an einem profanen Ort vollzogenen. Dies ist die grundlegende Prämisse einer ortsabhängigen geistigen Geographie; sie sagt das Gegenteil des im westlich-modernistischen Sinne ‚jeder Ort ist gleich heilig'-Gedankens. Parallel dazu zeigt Diana Eck in ihrem Werk India: A Sacred Geography (2012), dass die hinduistische Geographie als ein Netz heiliger Verbindungen strukturiert ist: Indien ist keine neutrale Tafel, auf der einzelne Tirthas verstreut sind; es ist als Ganzes eine ‚geistige Akupunktur-Landkarte'. Varanasi ist der dichteste Knoten dieses Netzes.
Die Tantra-Tradition und Varanasi
Varanasi ist auch ein wichtiges Zentrum der klassischen hinduistischen Tantra-Tradition. Das Tantra ist im hinduistischen geistigen Universum, neben den vedisch-orthodoxen Traditionen, eine radikalere, experimentellere Strömung. Dem Tantra zufolge ist für die Befreiung die strenge Befolgung der orthodoxen Regeln (Kaste, rituelle Reinheit, jahreszeitliche Angemessenheit) nicht Bedingung; im Gegenteil, selbst das von der klassischen Orthodoxie Verbotene (das ‚panchamakara' — die fünf mit ‚m' beginnenden: matsya/Fisch, mamsa/Fleisch, madya/Wein, mudra/Bodenkräuter, maithuna/sexuelle Vereinigung) kann unter geeigneten Bedingungen für die geistige Praxis genutzt werden.
Das wichtige Zentrum der Tantra-Praxis in Varanasi ist der Manikarnika Ghat. Dieser Ghat, ein Todeszentrum, zog die Praktizierenden (Sadhus) der klassischen Kāpālika- und später der Aghora-Tantra-Traditionen an. Die Aghora-Sadhus entwickelten mit Leichnamen, Aschehaufen und der Friedhofsumgebung die radikalen Konfrontationstechniken der geistigen Praxis. Diese Praktizierenden zielen darauf ab, durch die ‚unmittelbare Erfahrung', die das Tabu des Todes bricht, das Bewusstsein aus seinen vorbelasteten Kategorien zu befreien.
Der Dokumentarfilm Aghora: At the Left Hand of God (1997) des Filmemachers Robbie Coltrane und das Werk Death in Banaras (1994) des Anthropologen Jonathan Parry bieten das ethnographische Gewebe dieser radikalen Tantra-Tradition. Die Aghora-Sadhus werden in der modernen indischen Gesellschaft als ‚Extremphänomen' behandelt; doch innerhalb des klassischen Tantra-Kanons haben sie ein legitimes Dasein.
Der Platz Varanasis in der Wissenschafts- und Bildungsgeschichte
Neben dem Umstand, dass Varanasi ein geistiges Zentrum ist, wird oft vergessen, dass es auch das Bildungszentrum der hinduistischen Zivilisation war.
In der klassischen Zeit war Varanasi eines der wichtigsten Zentren der Sanskrit-Bildung. Es wurden vedische und klassische Philosophie (darshanas) gelehrt; insbesondere einer der kanonischen Hervorbringer des Advaita-Vedânta, Adi Shankara (788–820), und Ramanuja (1017–1137) erhielten hier ihre Bildung oder lehrten hier.
Die im 11.–13. Jahrhundert entwickelten klassischen medrese-artigen ‚Pathshalas' nährten das intellektuelle Leben der Stadt, indem sie Zentren für die Sanskrit-Veda-Bildung der Brahmanenkinder errichteten. Im 16.–17. Jahrhundert wirkten große Philosophen wie Madhusudana Saraswati und Apaya Dikshita in Varanasi; es erlebte das letzte goldene Zeitalter der klassischen hinduistischen Philosophie-Debattentradition (insbesondere der Streitgespräche zwischen Advaita, Dvaita und Vishishtadvaita).
Banaras Hindu University (BHU): Die 1916 von Pandit Madan Mohan Malaviya gegründete moderne Universität. Eines der intellektuellen Zentren des indischen Unabhängigkeitskampfes. Heute eine der größten Residenzuniversitäten Asiens; 35.000 Studierende, mehr als 200 Abteilungen. In den Bereichen Sanskrit, Hindu-Studien und vedische Literatur weltweit führend. Der Vishwanath-Tempel (der moderne BHU-Tempel) auf dem Campus der BHU ist das Sinnbild der geistig-akademischen Vereinigung Varanasis.
Sampurnanand Sanskrit University: Die 1791 von Mahārāja Chet Singh gegründete älteste Sanskrit-Universität der Welt. 1958 neu strukturiert.
Diese Bildungsinfrastruktur zeigt, dass Varanasi nicht nur ein Pilgerzentrum ist, sondern zugleich weiterhin das lebendige Wissenszentrum der klassischen hinduistischen Zivilisation bleibt.
Die hinduistische Verbrennungsdoktrin und vergleichende Eschatologie
Der doktrinäre Hintergrund des Totenverbrennungsritus, der täglich am Manikarnika-Ghat Varanasis vollzogen wird, öffnet das Tor zu einer vergleichenden Analyse der Eschatologien der Welt.
Die hinduistische Verbrennungsdoktrin: Der klassischen hinduistischen Eschatologie zufolge tritt die im Augenblick des Todes vom Leib getrennte jīva (individuelle Seele) je nach ihrem Karma in verschiedene Bahnen ein:
- Moksha — In dem Zustand, in dem die Karma-Kette völlig erloschen ist, gelangt die jīva zum Brahman (dem Absoluten). Dies ist das höchste Ziel der hinduistischen Soteriologie.
- Devayāna (Weg der Götter) — Die Seele mit gutem Karma steigt zu höheren Schichten auf, etwa zur pitṛloka (der Welt der Ahnen) und danach zur devaloka (der Welt der Götter).
- Pitṛyāna (Weg der Ahnen) — Die Seele mit gewöhnlichem Karma geht zur Ahnenschicht, von dort bereitet sie sich stufenweise auf eine Wiedergeburt vor.
- Naraka — Die Seele mit schlechtem Karma leidet in den zeitweiligen Höllenschichten und kehrt sodann zur Wiedergeburt zurück.
- Pretaloka — In dem Fall, dass der Bestattungsritus nicht richtig vollzogen wird, bleibt die Seele als ‚preta' (durstig-hungriger Geist) hängen; dies ist der Grund für die Wichtigkeit des richtigen Ritualvollzugs.
Die Zwecke des Verbrennungsritus: (1) den Leib rasch in die panca-bhūta (die fünf Elemente) zurückzugeben und damit die Bindungspunkte der Seele zu durchtrennen; (2) den Unterbau des Ahnenritus (śrāddha) zu errichten; (3) die richtige pitṛyāna-Bahn zu sichern. In Varanasi verwandelt sich dieser Vorgang dank der besonderen Intervention Shivas in eine Garantie der unmittelbaren moksha.
Vergleichende Eschatologien: Diese hinduistische Verbrennungsdoktrin steht in verschiedenen strukturellen Positionen zu den anderen eschatologischen Systemen der Welt:
Islamisch-jüdisch-christliche Eschatologie: Die Erdbestattung (Inhumation) ist verpflichtend; die Verbrennung ist gesetzlich verboten (im Islam strikt, im Judentum allgemein tabu, im Christentum bis 1963 ein katholisches Tabu). Doktrinäre Grundlage: Für die leibliche Auferstehung (qiyamah, techijjat ha-metim, anastasis) muss der Leib als Ganzes bewahrt werden. Diese strenge Erdbestattungsdoktrin gegenüber der hinduistischen Verbrennung betont die Wichtigkeit der Kontinuität der leiblichen Identität in den abrahamitischen Eschatologien.
Zoroastrische Eschatologie: Die klassische zoroastrische Bestattungsmethode ist die Himmelsbestattung mittels dakhma (Türmen des Schweigens); der Leib wird den Vögeln (insbesondere den Geiern) dargebracht. Dies ist ein dritter Weg, der sich sowohl von der Verbrennung als auch von der Inhumation unterscheidet. Zoroastrische Doktrin: Den Leib in die Erde oder ins Feuer zu legen, verunreinigt diese (die heiligen Elemente); die Darbringung an den Himmel ist der reinste Weg der natürlich-leiblichen Umwandlung. In der Neuzeit nimmt die Anwendung der dakhma (etwa bei der Parsi-Gemeinschaft in Bombay) ab.
Tibetische Eschatologie: Wie oben erwähnt, ist die Himmelsbestattung (jhator) im tibetischen Hochland verbreitet; die doktrinäre Grundlage ist die Lehre des Bardo Thödol. Die Verbrennung wird auch in Tibet praktiziert, ist aber nicht so verbreitet wie die Himmelsbestattung.
Chinesischer Ahnenkult: In der klassischen chinesischen Tradition ist die Erdbestattung verpflichtend; die geographische Lage der Ahnengräber (Feng-Shui) ist der Hauptfaktor, der das künftige Erbe der Familie beeinflusst. Eine Struktur, die sich von der hinduistischen Varanasi-Verbrennung dramatisch unterscheidet.
Dieser Vergleich zeigt, dass der Todesritus das eschatologisch-doktrinäre Herz jeder Zivilisation zum Ausdruck bringt; und die Stellung Varanasis als hinduistisches Verbrennungszentrum weist auf das metaphysische Fundament der hinduistischen Zivilisation hin.