Versunkene Zivilisationen

Aššur: Der Hauptgott Assyriens und die antike Reichstheologie

Aššur: der Aufstieg des assyrischen Stadtgottes zum Hauptgott des Reiches. Die assyrische Bearbeitung des Enūma Eliš (Aššur an Marduks Stelle), die Beziehung von König und Gott und die Ideologie des heiligen Krieges — im Kontext einer antiken Reichsreligion, neutral.

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Aššur: Der Hauptgott Assyriens und die antike Reichstheologie

Im Zentrum der religiösen Welt der assyrischen Zivilisation, die sich im Norden des antiken Mesopotamien am Ufer des Tigris erhob, steht der Hauptgott Aššur (Aschur, Assur). Dieser Gott, anfangs ein kleiner Stadtgott, wurde mit der Zeit zum höchsten Gott eines gewaltigen antiken Reiches, zur Quelle der kosmischen Ordnung und der Herrschaft. Dieser Aufstieg Aššurs ist eines der bemerkenswertesten Beispiele der Religionsgeschichte; denn hier verflicht sich die „Laufbahn" eines Gottes Schritt für Schritt mit dem politischen Aufstieg eines Staates. In dieser Notiz untersuchen wir mit akademischer Tiefe die Ursprünge Aššurs, seinen Aufstieg vom Stadtgott zum Hauptgott des Reiches, die assyrische Bearbeitung des Enūma Eliš, die Beziehung von König und Gott und die antike Ideologie des heiligen Krieges. All dies wird vollständig im Kontext einer antiken Reichsreligion (reichsreligion), mit einem historischen und neutralen Blick, behandelt. Für den weiteren Rahmen siehe die Traditionen Sumers und Babylons.

Der Name der Stadt, der Name des Gottes: Eine Identität

Einer der außergewöhnlichsten Aspekte der Figur Aššurs ist, dass der Name des Gottes und der Stadt derselbe ist. „Aššur" ist zugleich der Name des Gottes, der Stadt (Stadt Assur) und mit der Zeit des ganzen Landes (Land Assyrien). Diese dreifache Identität (Gott-Stadt-Land) steht im Zentrum der assyrischen religiösen Identität. Im Gegensatz zu den meisten mesopotamischen Göttern besaß Aššur anfangs keine ausgeprägte mythologische Persönlichkeit, keine umfangreiche mythologische Erzählung; er war vor allem die geheiligte Gegenwart seiner eigenen Stadt. Sein Tempel, der sich auf dem felsigen Vorsprung der Stadt erhob, war die Wohnstatt des Gottes auf Erden; und das Schicksal der Stadt war eines und dasselbe mit dem Schicksal des Gottes.

Dieser Umstand erklärt, wie eng die theologische Persönlichkeit Aššurs mit der politischen Geschichte des assyrischen Staates gewoben war. Je mehr die Stadt Assur erstarkte, je mehr sich ihr Handel ausweitete und ihr politischer Einfluss wuchs, desto mehr wurde auch der Gott Aššur erhöht; je weiter sich die Herrschaft der Stadt ausbreitete, desto mehr weitete sich auch das „Königtum" des Gottes. In dieser Hinsicht war Aššur weniger die Personifikation einer abstrakten Naturkraft oder eines kosmischen Prinzips als der vergöttlichte Ausdruck der kollektiven Identität und des Schicksals einer Gemeinschaft, einer Stadt, eines Staates. Für den Assyrer war es ein und dasselbe, seinem Gott zu dienen und seiner Stadt und seinem Staat zu dienen.

Frühe Zeit: Ein bescheidener Stadtgott

Die Ursprünge Aššurs scheinen im Widerspruch zu seiner späteren prachtvollen Stellung zu stehen. In den frühen Zeiten war Aššur ein verhältnismäßig bescheidener lokaler Gott; der Schützer der Stadt Assur, aber noch nicht unter den großen Göttern des mesopotamischen Pantheons. Die Stadt Assur war anfangs ein Stadtstaat, der durch den Handel, besonders durch den bis nach Anatolien reichenden Karawanenhandel, reich wurde; und der Gott Aššur war der Schutzgeist dieser Handelsgemeinschaft. In dieser Zeit war das Kultzentrum Aššurs sein Tempel, das älteste und heiligste Bauwerk der Stadt.

Da die theologische Persönlichkeit Aššurs anfangs unbestimmt war, wurden ihm mit der Zeit die Eigenschaften anderer großer mesopotamischer Götter übertragen. Aus der tief verwurzelten religiösen Tradition Südmesopotamiens — aus dem Pantheon Sumers und Babylons — wurden Aššur zahlreiche Eigenschaften, Mythen und Beiwörter zugeschrieben. So verwandelte sich Aššur in einen vielseitigen Hauptgott, der zahlreiche Funktionen wie die des Kriegsgottes, des Weisheitsgottes, des Gerechtigkeitsgottes, des Fruchtbarkeitsgottes und des Herrschaftsgottes in sich vereinte. Dieser Prozess der „Eigenschaftsübernahme" bildet den theologischen Mechanismus des Aufstiegs Aššurs: Mit den vom alten Götterbestand des Südens entlehnten Eigenschaften wurde er zum Hauptgott der neu aufsteigenden Macht des Nordens.

Der Aufstieg: Vom Stadtgott zum Hauptgott des Reiches

Der eigentliche Aufstieg Aššurs vollzog sich mit dem politischen Machtgewinn des assyrischen Staates, besonders in den Zeiten, in denen Assyrien sich in eine große regionale Macht verwandelte. Je mehr die assyrischen Herrscher ihre Gebiete ausweiteten, desto mehr stellten sie sich selbst als die irdischen Vertreter Aššurs, als die Vollstrecker seines Willens dar. In diesem Prozess wurde auch die theologische Stellung Aššurs von Grund auf erhöht: Er war nun nicht mehr nur der Schützer einer Stadt, sondern wurde als der Herr des gesamten Kosmos vorgestellt, als die höchste Macht über Göttern und Menschen.

Eine bedeutende Stufe dieses Aufstiegs war die Gleichsetzung Aššurs mit „Anschar". Anschar war im babylonischen Schöpfungsepos Enūma Eliš ein uraltes Wesen unter den urzeitlichen Göttern, das den Horizont des Himmels darstellte. Die assyrischen Theologen nutzten die Klangähnlichkeit zwischen den Namen „Aššur" und „Anschar" und setzten ihren eigenen Hauptgott mit diesem urzeitlichen, kosmischen Gott gleich. So wurde Aššur neu bestimmt als ein Wesen, das von Anbeginn der Schöpfung an existierte, ja als der Ahn der übrigen großen Götter. Dieser theologische Zug verlieh Aššur einen kosmischen Vorrang und eine kosmische Überlegenheit; er wurde nun jenseits von Zeit und Schöpfung als eine absolute göttliche Macht (omnipotentia divina) verortet.

Dieser Prozess ist aus der Sicht der Religionsgeschichte überaus lehrreich. Hier sehen wir, wie die theologische Stellung eines Gottes nicht aus bloß religiösen, sondern zugleich aus politischen Gründen neu errichtet werden konnte. Die Reichsideologie Assyriens bedurfte, um sich selbst zu legitimieren, eines „universalen Hauptgottes"; und Aššur wurde so an die Spitze der kosmischen Ordnung gesetzt, dass er dieses Bedürfnis erfüllte. Dies ist ein eindrückliches Beispiel der Beziehung von Politik und Theologie in der antiken Welt und sollte allein als eine historische Tatsache behandelt werden.

Die Stufen der theologischen Reform und die göttliche „absolute Macht"

Die Verwandlung Aššurs in den Hauptgott des Reiches vollzog sich nicht in einem einzigen Augenblick, sondern durch eine Reihe theologischer Reformen, die sich über Jahrhunderte erstreckten. Eine der Schlüsselstufen dieses Prozesses war es, dem Hauptgott Aššur in der Zeit, in der Assyrien zur Großmacht wurde, eine Art „göttliche absolute Macht" (omnipotentia divina) zuzuschreiben. Mit dieser Reform wurde Aššur nicht nur als der Erste unter den Göttern, sondern als die höchste, umfassende Macht bestimmt, von der sowohl die Götter als auch die Menschen abhängen. Sein Wille galt als die letzte Quelle des Funktionierens des Kosmos; seine Gnade als der Bürge sowohl der natürlichen Ordnung als auch der politischen Herrschaft.

Einer der konkretesten Schritte dieser Reform war die zuvor erwähnte Gleichsetzung Aššurs mit Anschar. Die assyrischen Theologen verliehen ihrem Hauptgott, indem sie ihn mit Anschar, dem urzeitlichen Gott des Enūma Eliš, gleichsetzten, einen kosmischen Vorrang, der bis an den Anbeginn der Schöpfung reichte. So wurde Aššur nicht als ein nachträglich erhöhter Stadtgott, sondern als eine urzeitliche Macht neu entworfen, die von Anbeginn an existierte, als der Ahn und die Quelle der übrigen Götter. Dies war eine rückwirkende Strategie der theologischen Legitimation: Die neue Stellung des Gottes wurde, als wäre sie von Ewigkeit her so gewesen, auf den Anfang der kosmischen Geschichte zurückprojiziert. Wie der Religionshistoriker Mircea Eliade betont, rührt im archaischen Denken die Legitimität einer Sache zumeist von ihrer Verbindung mit einer urzeitlichen, ursprünglichen Wirklichkeit her; die Gleichsetzung Aššurs mit Anschar ist genau ein Beispiel einer solchen Legitimation durch „Rückkehr zum Ursprung".

Die assyrische Bearbeitung des Enūma Eliš: Aššur an Marduks Stelle

Der konkreteste theologische Ausdruck des Aufstiegs Aššurs ist die assyrische Bearbeitung des babylonischen Schöpfungsepos Enūma Eliš. Im ursprünglichen babylonischen Text ist der heldenhafte Gott, der das Chaosungeheuer Tiāmat besiegt, den Kosmos erschafft und zum König der Götter ausgerufen wird, Marduk. Dieses Epos bildete die theologische Grundlage der religiösen Überlegenheit Babylons und der Stellung Marduks als Hauptgott. Die assyrischen Theologen aber schrieben diesen Text zugunsten ihres eigenen Hauptgottes um: In der assyrischen Fassung ist der Name des Helden nicht Marduk, sondern Aššur.

Diese Bearbeitung war weit mehr als eine bloße Namensänderung. Indem sie im ganzen Text Aššur an die Stelle Marduks setzten, rückten die Assyrer ihren eigenen Gott ins Zentrum des kosmischen Schöpfungsdramas. Der Gott, der nun das Chaos besiegt, Himmel und Erde erschafft, den Göttern die Ordnung gibt und zum König des Universums ausgerufen wird, ist Aššur. Dies war die theologische Verkündung der kosmischen Herrschaft Aššurs, dass er der Schöpfer und Ordner des Universums sei. So erhob Assyrien gegen die religiös-kulturelle Überlegenheit Babylons seinen eigenen theologischen Anspruch: Wenn Aššur das Universum erschuf, dann war auch der wahre Herr der Welt Assyrien.

Diese textliche Bearbeitung zeigt, wie in der antiken Welt religiöse Texte als politische Werkzeuge gebraucht werden konnten. Enūma Eliš wurde jedes Jahr in Babylon, beim Neujahrsfest (akītu), mit einer Zeremonie verlesen; auch die Assyrer verlasen ihre eigene Fassung in ihren eigenen Hauptstädten und bestätigten so rituell aufs Neue das kosmische Königtum Aššurs. Dies ist ein deutliches Beispiel dafür, dass der Schöpfungsmythos als ein lebendiger ideologischer Text wirkte, der die Legitimität und die Weltsicht eines Staates stützte. Der Übergang von Marduk zu Aššur war nicht nur ein theologischer, sondern auch der Ausdruck eines geopolitischen Anspruchs.

König und Gott: Der irdische Stellvertreter Aššurs

In der assyrischen religiösen Welt war die Beziehung zwischen dem König und dem Gott Aššur überaus zentral. Der assyrische König war der Hohepriester, der Stellvertreter und der Vertreter Aššurs auf Erden. Der König hatte die Aufgabe, den Willen des Gottes zu vollstrecken, seine Ordnung auf Erden zu errichten und sein Königtum auszuweiten. Diese Beziehung bildet den theologischen Kern der assyrischen politischen Ideologie: Der König herrscht nicht im eigenen Namen, sondern im Namen Aššurs; seine Eroberungen vollzog er nicht zu seinem eigenen Ruhm, sondern zur Herrlichkeit des Gottes.

Diese Beziehung von König und Gott wird in den assyrischen Königsinschriften beständig betont. Der König schreibt seine Siege Aššur zu; er erzählt, dass er „auf das Geheiß meines Herrn Aššur" jene Stadt erobert, jenen Feind besiegt habe. Die Macht des Königs empfängt ihre Legitimität unmittelbar vom Gott; er ist eine Gestalt, die der Gott erwählt, die der Gott unterstützt, die im Namen des Gottes handelt. Diese Beziehung ist eine Version des Verständnisses vom „heiligen Königtum" des Alten Vorderen Orients. Eine ähnliche Vorstellung vom heiligen Königtum findet sich auch in Ägypten, im göttlichen Königtum des Pharaos; auch dort ist der Herrscher der irdische Bürge der göttlichen Ordnung. Dieser Vergleich ist rein strukturell und verweist auf die Verbreitung der antiken Institution des heiligen Königtums.

Der assyrische König trug zugleich den Titel des Hohepriesters (šangû) Aššurs. Dies zeigt, dass der König sowohl die politische als auch die religiöse Autorität in sich vereinte. Die grundlegendste religiöse Aufgabe des Königs war es, den Kult des Gottes fortzuführen, seine Tempel instand zu setzen, ihm seine Opfer darzubringen und so den heiligen Vertrag zwischen Gott und Staat lebendig zu halten. Die Frömmigkeit des Königs war der Bürge des Wohlstands des Staates und der Kontinuität der göttlichen Gnade; vernachlässigte der König seine Pflicht, so waren der Zorn des Gottes und die Störung der kosmischen Ordnung zu erwarten.

Die Ideologie des heiligen Krieges: Ein antiker theologischer Begriff

Einer der markantesten und meistdiskutierten Aspekte der assyrischen Reichstheologie ist die Ideologie des „heiligen Krieges". Dieser Begriff muss vollständig in einem antiken Zusammenhang, im Rahmen der eigenen Weltsicht Assyriens, behandelt werden; er darf mit keinem modernen Zusammenhang in Verbindung gebracht werden. Im assyrischen Denken waren die vom König geführten Kriege nicht bloß weltliche Eroberungen, sondern die Verwirklichung des Willens des Gottes Aššur auf Erden. Das Vorrücken gegen den Feind wurde als der Sieg der Ordnung Aššurs über das Chaos gedeutet.

Die theologische Grundlage dieser Ideologie liegt in der Vorstellung Aššurs als des Schöpfers und Königs des Universums. Da Aššur der rechtmäßige Herr des Universums ist, sollte folglich die ganze Welt unter seiner Herrschaft stehen; die Völker, die sich Aššur nicht beugten, galten als die Mächte des „Chaos", die die kosmische Ordnung herausforderten. Der assyrische König errichtete, indem er diese Völker in die Ordnung Aššurs einfügte, die kosmische Ordnung auf Erden. In diesem Rahmen sahen sich die Assyrer beinahe als ein „erwähltes Volk", als die Träger der Mission Aššurs, der Welt Ordnung zu bringen.

Diese Vorstellung vom heiligen Krieg ist unmittelbar mit der Ordnung-Chaos-Dialektik von Enūma Eliš verbunden. So wie Aššur (in der assyrischen Fassung) das urzeitliche Chaosungeheuer Tiāmat besiegt und den Kosmos errichtet, so besiegte auch der assyrische König die „Chaos"-Mächte auf Erden (die feindlichen Völker) und breitete die Ordnung Aššurs aus. So gewann jede Eroberung als die Wiederbelebung des urzeitlichen Schöpfungsdramas auf Erden, als die fortwährende Erneuerung der kosmischen Ordnung an Bedeutung. Dies ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass ein antikes Reich seine eigene militärische Ausbreitung in einen theologischen Rahmen stellte, und es sollte allein als eine historische Tatsache, mit kritischer Distanz, untersucht werden.

Das Akitu-Fest und das rituelle Königtum Aššurs

Eines der wichtigsten Ereignisse des assyrischen religiösen Lebens war das Neujahrsfest, das akītu. In Babylon war dieses Fest Marduk-zentriert, und die Verlesung von Enūma Eliš stand im Zentrum dieser Feier. In Assyrien hingegen wurde Aššur ins Zentrum des Festes gesetzt. Die assyrischen Könige errichteten in ihren Hauptstädten besondere Festhäuser (bīt akīti) für Aššur; diese Bauwerke waren die heiligen Räume, in denen die Neujahrszeremonien stattfanden. Während des Festes wurde der Sieg Aššurs (in der assyrischen Fassung) über das Chaos rituell wiederbelebt und das kosmische Königtum des Gottes jedes Jahr aufs Neue bestätigt.

Dieses Fest war nicht eine bloß religiöse Feier, sondern zugleich ein politisch-theologisches Ereignis, bei dem die Legitimität des Königs erneuert wurde. Der König beugte sich während des Festes in Demut vor dem Angesicht des Gottes und empfing sein Königtum jedes Jahr aufs Neue von Aššur. So diente das akītu als eine Bühne, auf der sowohl die kosmische Ordnung (der Sieg über das Chaos) als auch die politische Ordnung (die Legitimität des Königs) zusammen erneuert wurden. Das heilige Band zwischen Gott und König, zwischen Gott und Staat wurde durch diese jährliche Zeremonie lebendig gehalten. Die Pracht und Regelmäßigkeit des Festes war auch ein Zeichen der Stabilität und Kontinuität der assyrischen religiös-politischen Ordnung.

Die assyrischen Herrscher und die Erhöhung Aššurs

Die großen Herrscher der assyrischen Geschichte spielten eine bestimmende Rolle bei der Erhöhung Aššurs. Jeder große König erhöhte, indem er seine eigenen Eroberungen und Erfolge Aššur zuschrieb, sowohl den Gott als auch die eigene Legitimität. Die Königsinschriften sind von Anfang bis Ende erfüllt vom Namen Aššurs: Der König zieht „auf das Geheiß seines Herrn Aššur" in den Feldzug, gewinnt „mit der von Aššur verliehenen Kraft" den Sieg, errichtet „zur Herrlichkeit Aššurs" Tempel. Diese Inschriften sind die deutlichsten Belege dafür, wie sehr Aššur im Zentrum der assyrischen Staatsideologie stand.

Die assyrischen Könige waren zugleich große Förderer der Kultur. Besonders in der letzten großen Epoche der assyrischen Geschichte sammelten und bewahrten die Königspaläste und -bibliotheken das jahrtausendealte literarische und religiöse Erbe Mesopotamiens. Die berühmte Königsbibliothek in Ninive barg, das Gilgamesch-Epos eingeschlossen, die Abschriften zahlloser literarischer, religiöser und wissenschaftlicher Texte. Diese Bibliothek zeigt, dass Assyrien nicht nur eine militärische Macht, sondern zugleich ein Bewahrer und Überlieferer der mesopotamischen Kultur war. Diese kulturelle Aneignung stand auch im Einklang mit der theologischen Überlegenheit Aššurs: Wenn der Schöpfer des Universums Aššur war, dann sollte folglich auch das Wissens- und Weisheitserbe der Menschheit unter dem Schutz Assyriens stehen. Auch Gestalten wie Nimrod (Nemrut), die zwischen den späteren Traditionen über die legendären Ursprünge Assyriens umliefen, fanden als ein Teil des legendären Gedächtnisses der assyrischen Städte und der Herrschaft in verschiedenen Erzählungen Eingang; dies ist, rein im Kontext der Religionsgeschichte, ein Beispiel für den kulturellen Umlauf von Motiven.

Die Symbole und die Ikonographie Aššurs

Aššur wurde in der assyrischen Kunst und Ikonographie mit verschiedenen Symbolen dargestellt. Eines seiner bekanntesten Symbole ist eine Gottesgestalt, die in einer geflügelten Sonnenscheibe erscheint und einen Bogen spannt; dieses Bild drückt sowohl die himmlisch-kosmische Dimension Aššurs als auch seine kriegerische, schützende Eigenschaft aus. Die geflügelte Sonnenscheibe symbolisierte die überallhin reichende, allsehende kosmische Macht des Gottes; der Bogen aber stellte seinen Schutz gegen den Feind und seine Unterstützung im Kampf dar. Dieses Symbol wurde in den Kriegsszenen der assyrischen Könige häufig als der über dem König schwebende Gott dargestellt, der ihm den Sieg verleiht.

Das Kultzentrum Aššurs war sein großer Tempel in der Stadt Assur; dieser Tempel galt als die eigentliche Wohnstatt des Gottes auf Erden. Die Heiligkeit der Stadt Assur rührte unmittelbar von der Gegenwart dieses Tempels und des Gottes her. Auch die Ziqqurat der Stadt diente, ganz wie in den übrigen mesopotamischen Städten, als das zum Himmel führende Tor des Gottes, als sein kosmischer Berg. Diese Symbolik des „kosmischen Berges" ist nicht Assyrien eigen; sie ist ein Teil des Motivs der heiligen Erhebung, die Erde und Himmel verbindet und das in vielen Traditionen der Welt anzutreffen ist. Für eine vergleichende Untersuchung der Symbolik des heiligen Berges kann die Notiz Symbolik des heiligen Berges herangezogen werden; dort wird die gemeinsame symbolische Sprache heiliger Berge wie Tûr, Meru und Olymp behandelt. Die Ziqqurat Aššurs war ein Assyrien eigener Ausdruck dieser universalen symbolischen Sprache.

Die kriegerische Dimension Aššurs war in seiner Ikonographie ebenso ausgeprägt wie im rituellen Leben des assyrischen Heeres. An der Spitze des in den Feldzug ziehenden Heeres schritt symbolisch der Gott selbst; das Feldzeichen (das Banner) des Gottes wurde dem Heer vorangetragen, sodass man glaubte, Aššur führe den Feldzug selbst an. Die Siege wurden als die Gnade des Gottes; die Niederlagen aber zumeist als der Zorn des Gottes oder als die Folge einer religiösen Nachlässigkeit gedeutet. In dieser Hinsicht wurde das assyrische Heer nicht als eine bloß militärische Institution, sondern zugleich als ein religiöses Werkzeug vorgestellt, das den Willen Aššurs auf Erden vollstreckt. Die assyrischen Könige zählten es, wenn sie den Thron bestiegen oder nach großen Siegen, zu ihren heiligsten Aufgaben, den Tempel Aššurs instand zu setzen und zu bereichern; denn die Wohnstatt des Gottes prachtvoll zu halten, hieß, seine Gnade und seine Unterstützung zu gewährleisten.

Aššur und die übrigen Götter im assyrischen Pantheon

Mochte Aššur auch an der Spitze des assyrischen Pantheons stehen, so war er doch nicht der einzige Gott. Die assyrische Religion war ein Teil des tief verwurzelten mesopotamischen Polytheismus und umfasste viele Götter und Göttinnen. Die Göttin des Krieges und der Liebe Ischtar (besonders in den Städten Ninive und Arbela), der Weisheits- und Süßwassergott Ea, der Wettergott Adad, der Mondgott Sîn, der Sonnengott Schamasch und andere spielten eine wichtige Rolle im assyrischen religiösen Leben. Doch all diese Götter waren unter der Überlegenheit Aššurs, seiner kosmischen Herrschaft unterworfen, verortet.

Besonders Ischtar war in der assyrischen Religion eine Gestalt, die neben Aššur hervortrat. Als Kriegsgöttin war Ischtar bei den militärischen Feldzügen der assyrischen Könige eine wichtige Schützerin und Unterstützerin; die Ischtar von Arbela und die Ischtar von Ninive wurden in den königlichen Orakeln und als Kriegsgöttin häufig genannt. Diese kriegerische Dimension Ischtars stand im Einklang mit der militärischen Reichskultur Assyriens. Auch die Traditionen der Himmelsbeobachtung und der Wahrsagung Mesopotamiens hatten am assyrischen Hof große Bedeutung; die Könige befragten, bevor sie wichtige Entscheidungen trafen, die Wahrsager und zogen die Himmelszeichen und die Orakelergebnisse in Betracht. Der Wille Aššurs wurde durch diese Wahrsagepraktiken zu lesen versucht.

Die Götterversammlung und der Vorsitz Aššurs

In der mesopotamischen Theologie wurden die kosmischen Entscheidungen nicht von einem einzigen Gott, sondern von der Götterversammlung (puhru) getroffen. Diese Versammlung war ein kosmisches Gremium, in dem die großen Götter zusammenkamen, um das Schicksal des Universums zu bestimmen, das Königtum zu verleihen und Urteile zu fällen. Dass die Götter in Enūma Eliš angesichts der Bedrohung durch Tiāmat zusammenkommen und dem heldenhaften Gott (in Babylon Marduk, in Assyrien Aššur) das Königtum verleihen, ist eben der mythologische Ausdruck dieser Versammlungstradition. In der assyrischen Theologie wurde Aššur als der Vorsitzende dieser Götterversammlung, als der letzte Bestätiger der Entscheidungen verortet.

Diese Vorstellung von der Versammlung war eine wichtige theologische Stütze der Überlegenheit Aššurs. Aššur ignorierte die übrigen Götter nicht und nahm auch nicht ihren Platz ein; aber er stand über ihnen allen, als der Vorsitzende und die höchste Autorität der Versammlung. Dies zeigt, dass die assyrische Religion den tief verwurzelten mesopotamischen Polytheismus bewahrte, ihn aber unter dem Vorsitz Aššurs in hierarchischer Weise neu ordnete. Die übrigen Götter — Ischtar, Ea, Adad, Sîn, Schamasch — setzten ihr Dasein und ihre Funktionen fort; aber sie alle waren unter dem Dach des kosmischen Königtums Aššurs verortet. Dies war kein absoluter Monotheismus, sondern ein hierarchischer Polytheismus, der sich durch die ausgeprägte Überlegenheit eines Gottes über die übrigen auszeichnete.

Der Aššur-Kult als Reichsreligion: Eine strukturelle Bewertung

Der Aššur-Kult stellt eine der entwickeltsten „Reichsreligionen" (reichsreligion) der antiken Welt dar. Eine Reichsreligion ist ein religiös-ideologisches Gefüge, das die politische Herrschaft eines Staates in einen theologischen Rahmen stellt, die Herrschaft heiligt und die Ausbreitung des Staates als eine religiöse Mission darstellt. Der Aššur-Kult ist ein beinahe lehrbuchhaftes Beispiel dieser Definition: Der Gott ist der Hauptgott des Staates; der König ist der Stellvertreter des Gottes; die Eroberungen sind die Verwirklichung des Willens des Gottes; und die Feinde des Staates sind die Feinde der kosmischen Ordnung.

Dieses strukturelle Merkmal unterscheidet den Aššur-Kult von den übrigen antiken Fruchtbarkeits- oder Naturkulten. So konzentrierte sich etwa der Kult des Hirtengottes Dumuzi/Tammuz auf den Zyklus der Natur, das Kommen und Gehen des Segens, den Rhythmus der Jahreszeiten; dort liegt die Betonung auf der Heiligung des landwirtschaftlichen Lebens und der natürlichen Zyklen. Der Aššur-Kult hingegen konzentriert sich weniger auf die Natur als auf den Staat, weniger auf den Zyklus als auf die Herrschaft, weniger auf den Segen als auf das Königtum. Dies ist eine religiöse Widerspiegelung des militärisch-imperialen Charakters Assyriens. Dieser Unterschied zwischen den beiden Kulten zeigt, wie vielschichtig und vielfältig die mesopotamische Religion war; dass in derselben Zivilisationswelt sowohl natur-zentrierte Fruchtbarkeitskulte als auch staats-zentrierte Reichstheologien nebeneinander bestehen konnten.

Kosmische Ordnung und göttliche Gerechtigkeit

Eine der Funktionen Aššurs als Hauptgott war es, der Bürge der kosmischen Ordnung und der göttlichen Gerechtigkeit zu sein. Im mesopotamischen Denken war das Universum auf eine bestimmte Ordnung gegründet (sumerisch me, die Gesamtheit der universalen Prinzipien und Institutionen); und die Aufgabe der Götter war es, diese Ordnung zu bewahren. Aššur wurde als Hauptgott als der höchste Bewahrer und die Quelle dieser kosmischen Ordnung vorgestellt. Sein Königtum war der Bürge der Ordnung gegen das Chaos, der Gerechtigkeit gegen die Ungerechtigkeit, des Segens gegen die Zerstörung.

Dieses Verständnis von der kosmischen Ordnung ist ein universales Thema, das auch in Kulturen außerhalb Mesopotamiens Parallelen hat. So wurde etwa in Ägypten das Prinzip der kosmischen Ordnung und Gerechtigkeit mit dem Begriff Ma'at ausgedrückt; auch dort war es die Aufgabe des Herrschers, die Ma'at zu bewahren und gegen das Chaos (isfet) zu verteidigen. Diese strukturelle Entsprechung zwischen der Funktion Aššurs, die kosmische Ordnung zu bewahren, und dem Prinzip der Ma'at zeigt, wie verbreitet die Vorstellung von der „kosmischen Ordnung und dem sie bewahrenden heiligen Königtum" in der Welt des Alten Vorderen Orients und des Mittelmeerraums war. Dieser Vergleich ist rein phänomenologisch und enthält keinen Anspruch auf einen historischen Ursprung. Aššur stellt eine Assyrien eigene, mit der Reichstheologie durchwirkte Version dieser universalen Vorstellung von der kosmischen Ordnung dar.

Die historische Bedeutung und das Erbe des Aššur-Kults

Der Aššur-Kult stellt eines der langlebigsten und einflussreichsten religiös-politischen Gefüge der Geschichte des Alten Vorderen Orients dar. Während der Jahrhunderte währenden Herrschaft des assyrischen Staates diente der Aššur-Kult sowohl als die einigende Ideologie des Staates als auch als der Kern der religiösen Identität des Volkes. Dieser Kult war das Erzeugnis einer außergewöhnlichen theologischen Entwicklung, die vom Schutzgeist einer Stadt bis zu einem universalen Hauptgott, dem Herrn des Kosmos, reichte. Die Geschichte Aššurs ist eines der eindrücklichsten Beispiele dafür, wie sehr Religion und Politik, Gott und Staat, Theologie und Ideologie in der antiken Welt miteinander verflochten sein konnten.

Nach dem historischen Zusammenbruch des assyrischen Staates verlor auch der Aššur-Kult seine einstige zentrale Stellung. Doch das religiöse, literarische und kulturelle Erbe Assyriens bestand innerhalb der weiteren Tradition Mesopotamiens fort. Die in den assyrischen Bibliotheken bewahrten Texte sorgten dafür, dass Werke wie Enūma Eliš und das Gilgamesch-Epos bis in unsere Zeit gelangten; so wurde Assyrien, in paradoxer Weise, zu einer der Zivilisationen, die den größten Beitrag zur Bewahrung des jahrtausendealten religiösen Gedächtnisses Mesopotamiens leisteten. Der theologische Aufstieg Aššurs bleibt für die modernen Religionshistoriker ein unschätzbares Fallbeispiel dafür, wie sich ein Gott unter politisch-historischen Bedingungen wandeln kann. Dieser Prozess sollte vollständig aus einer historischen und neutralen Perspektive, im Rahmen der inneren Logik der religiösen Welt einer antiken Zivilisation, bewertet werden.

Verbindungen zu anderen mesopotamischen Themen

Die Figur Aššurs ist mit vielen Themen der mesopotamischen Spiritualität verflochten. Sein theologischer Aufstieg ist unmittelbar mit der assyrischen Bearbeitung von Enūma Eliš verbunden; dieser Text ist das grundlegende Dokument der kosmischen Herrschaft Aššurs. Die Übernahme von Eigenschaften der tief verwurzelten Götter des Südens durch Aššur bindet ihn an die religiöse Tradition Sumers und Babylons; besonders seine Ersetzung von Marduk ist der theologische Ausdruck des assyrisch-babylonischen religiösen Wettstreits.

Die Kulträume Aššurs sind mit der Architektur der Ziqqurat und der Tempelinstitution verbunden; die Wohnstatt des Gottes war das heilige Zentrum der Stadt. Die Kriegsgöttin Ischtar war im assyrischen Pantheon eine Gestalt, die neben Aššur hervortrat. Auch die Eigenschaften des Weisheitsgottes Enki/Ea waren in die assyrische Theologie übertragen. Die Traditionen der Magie und Wahrsagung Mesopotamiens waren am assyrischen Hof die grundlegenden Werkzeuge, den göttlichen Willen zu lesen. Eine der umfassendsten Abschriften des Gilgamesch-Epos wurde in der berühmten Bibliothek des assyrischen Königs Assurbanipal in Ninive gefunden; dies ist ein Zeichen für das Bemühen Assyriens, das literarische und religiöse Erbe Mesopotamiens zu bewahren und sich anzueignen. So tritt Aššur und die assyrische Religion zugleich als Erbe und als eigentümlicher Wandler der jahrtausendealten religiösen Tradition Mesopotamiens hervor.

Schluss: Das gemeinsame Schicksal eines Gottes und eines Reiches

Aššur ist eine der außergewöhnlichsten Gestalten der religiösen Welt des antiken Mesopotamien. Seine Geschichte ist die Geschichte eines Gottes, der von einem kleinen Stadtgott zum kosmischen Hauptgott eines gewaltigen Reiches aufsteigt, der sich Schritt für Schritt mit dem politischen Schicksal eines Staates verflicht. Die theologische Persönlichkeit Aššurs wurde mit den von den tief verwurzelten Göttern des Südens entlehnten Eigenschaften, mit einer schöpferischen Bearbeitung von Enūma Eliš und mit der Ideologie des heiligen Königtums und des heiligen Krieges errichtet. Er bietet als das zentrale Sinnbild einer antiken Reichsreligion, einer Reichsreligion, ein eindrückliches Beispiel dafür, wie Religion und Politik, Theologie und Ideologie miteinander verflochten sein können.

Aššur zu verstehen heißt, die Beziehung von Politik und Theologie in der antiken Welt zu verstehen, zu verstehen, wie ein Staat seine eigene Legitimität und Weltsicht in einen religiösen Rahmen stellte. All dies sollte vollständig aus einem historischen und neutralen Blick, im Rahmen der inneren Logik einer antiken Zivilisation, behandelt werden. Aššur hat als der Bewahrer der kosmischen Ordnung, die Quelle der Herrschaft, der Schöpfer und König des Universums (in der assyrischen Vorstellung) einen einzigartigen Platz in der Religionsgeschichte Mesopotamiens. Seine Figur bleibt ein bleibender Zeuge dafür, wie das Schicksal eines Gottes und einer Zivilisation sich unter einem einzigen Namen — Aššur — vereinigen konnte. Für den weiteren Zusammenhang können die Notizen zu Babylon, Enūma Eliš, Ziqqurat und Tempelökonomie herangezogen werden.