Die Ziqqurat: Kosmischer Berg, Brücke zwischen Erde und Himmel und Tempelarchitektur
Die Ziqqurat: der gestufte Tempelturm Mesopotamiens. Als kosmischer Berg und Achse zwischen Erde und Himmel (axis mundi) Etemenanki, die Ziqqurat von Ur, der Tempel auf der Spitze und der Abstieg des Gottes; mit einem Vergleich zur Symbolik des heiligen Berges.
Die Ziqqurat: Kosmischer Berg, Brücke zwischen Erde und Himmel und Tempelarchitektur
Die gestuften Tempeltürme, die sich in der Schwemmlandebene Mesopotamiens, einer berg- und steinlosen Landschaft, erheben — also die Ziqqurate — zählen zu den prachtvollsten heiligen Bauwerken der Menschheitsgeschichte. Diese mit den Wörtern sumerisch u-nir und akkadisch ziqqurratu (an dessen Wurzel das Verb zaqāru steht, im Sinne von „hoch sein, zur Spitze aufsteigen") bezeichneten Bauwerke waren nicht nur Tempel; sie waren zugleich eine architektonische Zusammenfassung des Kosmos, eine heilige Achse (axis mundi), die Erde und Himmel miteinander verbindet, und ein Begegnungspunkt, der den Abstieg des Gottes auf die Erde ermöglichte. In dieser Notiz behandeln wir mit akademischer Tiefe die Ursprünge der Ziqqurat, ihre architektonische Struktur, ihre kosmische Symbolik und ihren Platz in der vergleichenden Religionsgeschichte. Für den weiteren Rahmen der mesopotamischen Spiritualität siehe die Traditionen Sumers und Babylons.
Einen Berg in der ebenen Fläche erschaffen: eine geographische und theologische Notwendigkeit
Mesopotamien, das „Land zwischen den zwei Flüssen" genannt, ist eine nahezu vollständig ebene Landschaft, die vom Schwemmland von Tigris und Euphrat geformt wurde. In diesen Landen gibt es keine natürlichen Erhebungen, Felsen oder erhabenen Berge. In der religiösen Vorstellung des alten Menschen aber ist der Berg ein bevorzugter Ort, an dem die Götter wohnen, der als Stütze des Himmels dient, an dem sich das Heilige verdichtet. Der Gipfel des Berges ist der dem Himmel nächste Punkt; dort berühren sich Himmel und Erde. Als der mesopotamische Mensch in seiner Umgebung keinen solchen Berg fand, ging er daran, ihn mit eigenen Händen zu errichten. Die Ziqqurat ist eben jener aus diesem theologischen Bedürfnis geborene „künstliche Berg"; ein aus Ziegeln aufgetürmter kosmischer Berg.
Der Gedanke hinter diesem errichteten Berg ist nicht ein bloß ästhetisches oder monumentales Schaustück. Der Mesopotamier dachte, dass der Gott, um auf die Erde herabsteigen zu können, einer Treppe, einer Stufenfolge bedürfe. Die Ziqqurat war ein zweiseitiges Übergangsbauwerk, an dem der Gott vom Himmel herabsteigend Schritt für Schritt hinabstieg und die Priester, nach oben emporsteigend, sich ihm näherten. In dieser Hinsicht drückt die Ziqqurat in konkreter architektonischer Sprache die Funktion der „Brücke zwischen Erde und Himmel" aus, die den Kern des Begriffs ziggurat-kozmik-dag bildet. Das Bauwerk ist weder ein bloßes Grab (im Gegensatz zu den ägyptischen Pyramiden) noch ein bloßer Tempel; es ist vielmehr ein Vermittler, ein Medium, das die ontologische Distanz zwischen Gott und Mensch schließt.
Die architektonische Struktur: Anatomie der gestuften Masse
Die Ziqqurat ist eine massive, im Inneren volle Ziegelmasse. Im Gegensatz zu den ägyptischen Pyramiden gibt es in ihrem Inneren keine verborgenen Kammern, Gänge oder Grabräume. Ihr Kern wird aus Lehmziegeln (in der Sonne getrockneten Ziegeln) gemauert; ihre Außenhülle hingegen wurde zur Haltbarkeit mit gebrannten Ziegeln und Bitumen (Pech) verkleidet. Diese Bautechnik war eine durch den Mangel an Stein erzwungene Lösung und bildet die charakteristische Signatur der mesopotamischen Architektur.
Eine typische Ziqqurat besteht aus einer Reihe nach und nach kleiner werdender Terrassen (Stufen). Die unterste quadratische oder rechteckige Plattform ist die breiteste; auf sie wird eine kleinere Plattform, auf diese eine noch kleinere gesetzt, sodass eine pyramidale, aber gestufte Silhouette entsteht. Frühe sumerische Ziqqurate sind in der Regel dreiterrassig; in späteren Epochen, besonders in babylonischer und assyrischer Zeit, stieg die Zahl der Stufen bis auf sieben. Das Bauwerk wurde über prächtige Treppen erreicht, die sich gewöhnlich senkrecht oder parallel zur Vorderfront erstreckten. Wie bei der Ziqqurat von Ur vereinigen sich drei gesonderte Treppenzüge auf der ersten Terrasse; diese Treppen waren zugleich ein funktionaler Aufstiegsweg und eine heilige Route, auf der die rituellen Prozessionen emporstiegen.
Auf der Spitze der Ziqqurat befand sich ein kleiner Tempel (Hochtempel), der eigentliche Daseinsgrund des Bauwerks. Dieser Tempel auf der Spitze war als die Wohnstatt des Gottes auf Erden gedacht. Unten, am Fuß der Ziqqurat-Masse oder im ihr angegliederten Hof, lag der „Niedertempel" (Tieftempel); hier war das Zentrum der täglichen Andacht, der Opfergaben und der Tempelverwaltung. So bildete die Ziqqurat entlang einer senkrechten Achse ein architektonisches Diagramm, das den unteren weltlich-institutionellen Bereich mit dem oberen himmlisch-heiligen Bereich verband.
Etemenanki: „Das Haus des Fundaments von Himmel und Erde"
Die berühmteste Ziqqurat in Babylon ist Etemenanki, geweiht dem Hauptgott Marduk. Ihr sumerischer Name É-temen-an-ki bedeutet „das Haus des Fundaments von Himmel und Erde", und dieser Name spricht die kosmische Funktion des Bauwerks unmittelbar aus: Etemenanki ist die Grundstütze des Kosmos, der Achspunkt, an dem das Universum verankert ist. Das Wort temen („Fundament, Grundlage") im Namen des Bauwerks betont, dass die Ziqqurat nicht nur ein zum Himmel reichender Turm ist, sondern zugleich eine Achse, die die Erde und sogar die unterirdischen Wasser (apsû) verwurzelt. In dieser Hinsicht war Etemenanki die konkretisierte Gestalt der dreischichtigen kosmischen Struktur, die das Oben (Himmel), die Mitte (Erde) und das Unten (Unterwelt) miteinander verbindet.
Etemenanki errichtete mit ihrer Höhe von etwa neunzig Metern und ihrer in sieben Stockwerken aufsteigenden Masse eine gewaltige visuelle Vorherrschaft über die Ebene von Babylon. Jedes aufsteigende Stockwerk brachte die Andächtigen dem Schutzgott der Stadt, Marduk, einen Schritt näher; der Tempel auf der äußersten Spitze aber war die Wohnstatt des Gottes. Wie im babylonischen Schöpfungsepos Enūma Eliš erzählt wird, errichten die Götter, um die Königswürde Marduks zu ehren, Babylon und seinen großen Tempel; in dieser mythologischen Erzählung erscheint Etemenanki als ein monumentales Sinnbild des Sieges der kosmischen Ordnung (kosmos) über das Chaos (Tiāmat). Das Bauwerk ist eine architektonische Widerspiegelung des urzeitlichen Hügels (des Urhügels), der bei der ersten Schöpfung aus den Wassern emporstieg.
In historischer Hinsicht wurde Etemenanki über lange Jahrhunderte hinweg mehrfach zerstört und wiedererrichtet. Ihre prachtvollste Gestalt entstand in der neubabylonischen Zeit, besonders zur Zeit Nabopolassars und seines Sohnes Nebukadnezar II.; diese Herrscher setzten das Bauwerk mit großer Sorgfalt instand und erhöhten es. Etemenanki wird in der religionsgeschichtlichen Literatur zumeist als der historische Kern der Erzählung vom „Turmbau zu Babel" in der Tora bewertet. Diese Zuordnung ist eine rein strukturell-historische Beobachtung: Dass die Erinnerung an einen gewaltigen, gestuften, zum Himmel reichenden Turm sich auch in den späteren literarischen Traditionen widerspiegelt, ist ein zu erwartender Umstand. Hier geht es um kein theologisches Urteil, sondern allein um eine Motivkontinuität im Kontext der vergleichenden Religionsgeschichte.
Die Ziqqurat von Ur: Der Berg des Mondgottes Nanna
Die am besten erhaltene und am prachtvollsten restaurierte unter den mesopotamischen Ziqquraten ist die Ziqqurat von Ur in der antiken Stadt Ur. Dieses Bauwerk wurde in der Zeit der Dritten Dynastie von Ur von König Ur-Nammu begonnen und von seinem Sohn Schulgi vollendet. Die Ziqqurat war zu Ehren des Schutzgottes der Stadt, des Mondgottes Nanna (akkadisch Sîn), errichtet. Der „Abstieg" des Mondgottes in die Stadt und das Gelangen der Stadt unter seinem Schutz zu Wohlstand bildeten die theologische Begründung dieses prachtvollen Bauwerks.
Die Ziqqurat von Ur war ein anfänglich dreiterrassiges Bauwerk, das sich über einer breiten unteren Plattform erhob. Die drei großen Treppen des Bauwerks vereinigen sich in prächtiger Weise auf der ersten Terrasse; von dort gelangte man nach oben zum Tempel des Mondgottes. Die Ziegel an der Außenfläche des Bauwerks waren mit Bitumen verfestigt, sodass Haltbarkeit gegen die Feuchtigkeit und den Niederschlag der Schwemmlandebene gewährleistet war. Ihre heute noch stehenden Untergeschosse bieten ein eindrückliches Zeugnis von der Kraft und der Dauerhaftigkeit der Ziqqurat-Architektur. Die Ziqqurat von Ur ist eines der konkretesten Denkmäler der gottzentrierten Weltsicht der sumerischen Stadtstaaten und ihrer mit der Tempelökonomie verflochtenen institutionellen Struktur.
Die Symbolik des kosmischen Berges und die Axis mundi
Die Ziqqurat ist aus der Sicht der Religionsphänomenologie einer der reinsten architektonischen Ausdrücke des Archetyps des „kosmischen Berges" (cosmic mountain). Der kosmische Berg ist ein achsiales Symbol, das das Zentrum der Welt bezeichnet, Himmel und Erde miteinander verbindet und in dem sich das Heilige verdichtet. In dem vom Religionshistoriker Mircea Eliade entwickelten begrifflichen Rahmen erfüllt ein solches Zentrum drei grundlegende Funktionen: Es stellt den urzeitlichen Punkt dar, an dem die Welt erschaffen wurde (omphalos, der Nabel der Welt); es bildet eine Achse (axis mundi), an der sich Himmel, Erde und Unterwelt schneiden; und es dient als ein Übergangstor zwischen dem Heiligen und dem Nicht-Heiligen. Eliade zufolge erfordert die Begründung des heiligen Raumes (Hierophanie, das Erscheinen des Heiligen) stets die Errichtung eines „Zentrums"; die Ziqqurat ist die architektonische Verleiblichung eines solchen Zentrums, einer „Weltsäule", die die Achse der Welt festsetzt. Der Priester, der auf das Bauwerk emporsteigt, steigt nicht nur physisch empor; er vollzieht zugleich einen ontologischen Übergang von der nicht-heiligen weltlichen Ebene zur heiligen himmlischen Ebene, einen „Wechsel der Ebene" (rupture of planes).
Diese Vorstellung vom kosmischen Berg verwandelt den Blick auf die Ziqqurat von Grund auf. Das Bauwerk ist nun nicht mehr ein bloßer Ziegelhaufen oder ein administrativer Tempel; es ist ein Miniaturmodell des Universums, die Darstellung des Kosmos auf Erden. Für den Mesopotamier war die Stadt das Eigentum des Gottes; die Ziqqurat aber das zum Himmel führende Tor dieses Eigentums. Tatsächlich spiegelt einer der Namen des größten Tempeltors von Babylon, Bāb-ili („Tor des Gottes"), diese räumliche Theologie unmittelbar wider: Die Ziqqurat war die Schwelle, an der sich der Himmel und der Gott der Welt öffneten.
Jede einzelne Schicht der Ziqqurat konnte eine kosmische Ebene darstellen. Manchen Deutungen zufolge symbolisierten die siebenstöckigen Ziqqurate die sieben Himmel, die sieben Himmelskörper (die klassischen Planeten) und die ihnen entsprechenden Ebenen. Diese Deutung steht im Einklang mit der mesopotamischen Astraltheologie, also mit der Gleichsetzung der Himmelskörper mit Göttern; denn in Mesopotamien war die Himmelsbeobachtung und die Kunst der Wahrsagung einer der grundlegenden Wege, den göttlichen Willen zu lesen. Die Ziqqurat war das Miniaturmodell dieser astral-kosmischen Ordnung auf Erden: Der Priester, der auf das Bauwerk emporstieg, durchschritt symbolisch Schicht um Schicht die Himmel und stieg zum Angesicht des Gottes empor.
Der Begriff axis mundi bindet die Ziqqurat an eine universale Familie heiliger Architektur. In vielen Traditionen der Welt symbolisiert das Motiv des heiligen Berges oder der Treppe die Verbindung zwischen Erde und Himmel. Für diese vergleichende Perspektive siehe karsilastirma-dag-sembolu; dort wird die gemeinsame symbolische Sprache heiliger Berge wie Tûr, Meru, Sînâ, Kailash und Olymp behandelt. Die Ziqqurat ist das „von Menschenhand gemachte" Mitglied dieser Familie heiliger Berge; ein Beispiel dafür, dass die Kultur den Berg erschaffen hat, den die Natur nicht bot. In dieser Hinsicht ist die Ziqqurat ein eindrückliches Zeugnis dafür, wie die Architektur mit der Theologie, der Stein (der Ziegel) mit dem Heiligen verflochten ist.
Sieben Schichten und Astraltheologie: Die Treppe der Planeten
Die siebenstöckige Struktur der spätzeitlichen Ziqqurate, besonders der Etemenanki in Babylon, ist eng mit der mesopotamischen Astraltheologie verbunden. Im mesopotamischen Denken wurden die Himmelskörper (Sonne, Mond und die fünf mit bloßem Auge sichtbaren Planeten) mit bestimmten Göttern gleichgesetzt: der Mondgott Sîn (Nanna), der Sonnengott Schamasch, die Venus mit Inanna/Ischtar und andere. Die siebenstöckige Ziqqurat mochte diese sieben himmlischen Ebenen, die sieben planetarischen Sphären, auf Erden symbolisieren. Manche spätzeitlichen Quellen deuten an, dass jede Schicht der Ziqqurat in einer anderen Farbe bemalt war und dass diese Farben mit den Planeten in Verbindung gebracht wurden; doch die historische Gewissheit dieser Einzelheiten ist umstritten und beruht weitgehend auf den Deutungen späterer Epochen.
Diese astrale Lesart sieht die Ziqqurat als ein kosmisches Modell: Wer auf das Bauwerk emporsteigt, steigt symbolisch Schicht um Schicht durch die planetarischen Sphären zum höchsten Himmel, zum Angesicht des Gottes empor. Diese Vorstellung steht im Einklang mit der zentralen Bedeutung, die Mesopotamien der Himmelsbeobachtung und der Kunst der Wahrsagung beimaß; denn der Himmel war eine „Tafel", auf die der göttliche Wille geschrieben war, die Ziqqurat aber die Sternwarte-Tempel, auf der jene Tafel gelesen wurde. Die Himmelswissenstradition Babylons hat die Geschichte der Astrologie und Astronomie der folgenden Epochen tief beeinflusst; diese Dimension der „Sternenweisheit" ist eines der dauerhaftesten Vermächtnisse der babylonischen Religion.
Der Abstieg des Gottes und die Funktion des Tempels auf der Spitze
Der Tempel auf der Spitze der Ziqqurat ist der Punkt, an dem sich die ganze Bedeutung des Bauwerks verdichtet. Dies war die „Kammer", in der der Gott verweilte, wenn er auf die Erde herabstieg. In der mesopotamischen Theologie gilt der Gott im Kultbild (cult statue) als in wirklicher Weise gegenwärtig; das Bild war nicht nur eine Darstellung des Gottes, sondern seine verleiblichte Gegenwart auf Erden. Der Tempel auf der Spitze diente in manchen Zusammenhängen als der intime Raum, in dem diese heilige Begegnung, der Kontakt zwischen Gott und Mensch, stattfand.
Manche Quellen berichten, dass es im Tempel auf der Spitze der Ziqqurat ein besonderes Bett gab und dass hier die symbolischen Dimensionen des Rituals der heiligen Ehe (hieros gamos) gelebt wurden. Die ausführlichere Untersuchung dieses Rituals wird in der Notiz Tempelökonomie behandelt; doch hier ist so viel festzuhalten, dass der Gedanke des „Abstiegs" des Gottes betont, dass die Ziqqurat nicht eine bloße Beobachtungswarte oder ein Denkmal, sondern ein lebendiger Begegnungsraum war. Die Verbindung zwischen den Kultzentren der Göttin Inanna und diesem Thema der heiligen Ehe steht im Zentrum der mesopotamischen Fruchtbarkeitstheologie.
Zum Tempel auf der Spitze durften nur auserwählte Priester emporsteigen; das gewöhnliche Volk betete im Hof am Fuß des Bauwerks, im Niedertempel. Diese räumliche Hierarchie spiegelte eine abgestufte Struktur des Heiligen wider: Je weiter man von unten nach oben stieg, desto heiliger, desto verbotener, desto näher zum Gott wurde der Raum. So war die senkrechte Achse der Ziqqurat zugleich ein architektonischer Ausdruck der gesellschaftlichen und religiösen Hierarchie.
Die Ziqqurat und die Schöpfungsmythologie: Der Urhügel
In der mesopotamischen Schöpfungsvorstellung bestand der Kosmos am Anfang aus einer unendlichen Wassermasse (dem urzeitlichen Ozean, apsû und Tiāmat). Die Schöpfung begann mit dem Emporsteigen eines Landstücks, eines urzeitlichen Hügels, aus diesen Wassern. Die Ziqqurat ist eben eine architektonische Darstellung dieses Urhügels (primordial mound): das erste Land, das aus den Wassern emporstieg, das kosmische Zentrum, auf dem das Leben und die Ordnung begründet wurden. Auf das Bauwerk emporzusteigen bedeutete, symbolisch zu jenem ersten Augenblick der Schöpfung, zu dem Punkt zurückzukehren, an dem die kosmische Ordnung geboren wurde.
In dieser Hinsicht ist die Ziqqurat zutiefst mit dem kosmogonischen Drama verbunden, das in Enūma Eliš erzählt wird. Dass Marduk das Chaosungeheuer Tiāmat besiegt und aus ihrem Körper Himmel und Erde erschafft, sodann für die Götter Babylon und seinen großen Tempel errichtet, bildet den theologischen Hintergrund der Ziqqurat. Das Bauwerk war eine monumentale Feier des Übergangs vom Chaos zum Kosmos, des Sieges der Ordnung (me) über das Chaos. Beim jährlich wiederkehrenden Neujahrsfest (akītu) wurde dieses Schöpfungsdrama rituell wiederbelebt, und die Ziqqurat wurde zur zentralen Bühne dieser kosmischen Erneuerung.
Die Theologie des Ziegels: Material und Heiligkeit
Einer der bemerkenswertesten Aspekte der Ziqqurat-Architektur ist die Bescheidenheit des verwendeten Materials. Im Gegensatz zu den prachtvollen Steindenkmälern Ägyptens ist die Ziqqurat aus Lehmziegel und Ziegel errichtet, also aus der schlichtesten Verbindung von Erde und Wasser. Dieser Umstand ist einerseits das Ergebnis einer geographischen Notwendigkeit (des Mangels an Stein), andererseits trägt er eine tiefe theologische Bedeutung. In den mesopotamischen Schöpfungsmythen ist der Mensch aus dem mit dem Blut der Götter gekneteten Lehm (aus Erde) erschaffen. Auch der Ziegel wird aus demselben Lehm, aus derselben Erde gemacht. So teilen der Mensch und das Bauwerk, das er dem Gott weiht, dieselbe urzeitliche Materie; die Ziqqurat ist das Schlagen einer Brücke des Menschen zum Gott aus demselben Material wie sein eigenes Wesen.
Die Ziegelherstellung galt in Mesopotamien beinahe als ein heiliger Akt. In den Bauinschriften der Könige wird erzählt, dass der erste Ziegel vom Herrscher selbst, mit einer religiösen Zeremonie, geformt wurde. Der Tempelbau war eines der größten Zeichen der Frömmigkeit eines Königs; eine dem Gott würdige Wohnstatt zu errichten gewährleistete die Legitimität des Königtums und die Kontinuität der göttlichen Gnade. In dieser Hinsicht war der Ziqqurat-Bau nicht ein bloß architektonisches Unterfangen, sondern ein religiöser und politischer Akt höchsten Ranges; diese politisch-religiöse Dimension sollte in assyrischer Zeit innerhalb der Reichstheologie noch deutlicher hervortreten.
Rituelle Prozessionen und der Platz der Ziqqurat im gesellschaftlichen Leben
Die Ziqqurat war nicht ein geschlossenes Bauwerk, auf das nur die Priester emporstiegen; sie war zugleich der Brennpunkt des gesamten religiösen und gesellschaftlichen Lebens der Stadt. Die großen Feste, besonders das Neujahrsfest (akītu), wurden rund um die Ziqqurat und den ihr angegliederten Tempelkomplex begangen. Bei diesen Festen wurde das Götterbild in prächtigen Prozessionen getragen, entlang der Hauptstraße der Stadt (wie der berühmten „Prozessionsstraße" in Babylon) geschritten, auf die Ziqqurat hinauf- oder von ihr herabgestiegen. Diese rituellen Bewegungen inszenierten den Abstieg und Aufstieg des Gottes, die Erneuerung des kosmischen Zyklus.
Diese Feste waren Ereignisse, die die kollektive Identität der Stadt festigten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkten. Das Akitu-Fest (Neujahr) wurde besonders im Frühjahr gefeiert und dauerte tagelang; während dieser Zeit wurden die Götterbilder in ein besonderes „Festhaus" (bīt akīti) außerhalb der Stadt gebracht und sodann in einer prächtigen Prozession zurückgeführt. Diese rituelle Bewegung inszenierte den Übergang vom Chaos zum Kosmos, vom Tod zum Leben, vom Winter zum Frühling; die Ziqqurat aber war die senkrechte Achse dieses kosmischen Dramas, das heilige Zentrum, auf das der Gott hinauf- und von dem er herabstieg. Die Rolle des Königs bei diesem Fest war zentral: Der Herrscher beugte sich vor dem Angesicht des Gottes in Demut und empfing sein Königtum jedes Jahr aufs Neue vom Gott. So diente die Ziqqurat nicht nur als ein Ort der Andacht, sondern zugleich als eine Bühne, auf der die Legitimität des Königtums erneuert, auf der die kosmische und die politische Ordnung zusammen aufgefrischt wurden. Da die Ziqqurat die physische Gegenwart des Schutzgottes der Stadt symbolisierte, war sie auch der Bürge des Wohlstands, der Sicherheit und der Identität der Stadt. Dass die Ziqqurat einer Stadt zerstört oder geplündert wurde, bedeutete, dass der Gott jener Stadt sie verlassen hatte, dass der kosmische Schutz entzogen war; darum trug es in Kriegen einen nicht bloß materiellen, sondern einen tiefen theologischen Schlag, die Tempel und Ziqqurate feindlicher Städte anzugreifen. Auch die Praktiken der Wahrsagung und des Orakels wurden zumeist im Umfeld des Tempels, unter der Aufsicht der Priester, ausgeübt.
Das Motiv des Turmbaus zu Babel und das legendäre Gedächtnis
Die gewaltige Silhouette Etemenankis hinterließ im Gedächtnis der folgenden Epochen eine bleibende Spur und wurde in der religionsgeschichtlichen Literatur zumeist als der historische Kern der Erzählung vom „Turmbau zu Babel" bewertet. Diese Zuordnung ist vollständig im Kontext der Religionsgeschichte, als eine strukturelle Beobachtung zu behandeln: Die Erinnerung an einen gewaltigen, zum Himmel reichenden, gestuften, mit der gemeinsamen Mühe von Menschen errichteten Turm hat in verschiedenen literarischen Traditionen in unterschiedlichen Formen widergehallt. In diesem legendären Gedächtnis erscheint bisweilen auch eine legendäre Herrschergestalt, die das Bauwerk errichtet oder deren Name mit ihm verknüpft wird; so etwa tritt Nimrod (Nemrut) als eine legendäre Königsgestalt auf, die zwischen Mesopotamien, der Tora und den späteren Traditionen umläuft und mit großen Bauwerken und der Herausforderung des Himmels in Verbindung gebracht wird. Hier geht es um kein theologisches Urteil; es wird allein eine vergleichende Untersuchung dessen angestellt, wie sich ein architektonisches Denkmal im kulturellen Gedächtnis in ein mythologisches Motiv verwandelt.
Die Pracht und die ingenieurtechnische Leistung der Ziqqurate sind in der Moderne auch der Gegenstand mancher spekulativer Ansätze gewesen. So haben etwa nicht-akademische Theorien wie die Prä-Astronautik versucht, die mesopotamischen Götter (besonders die Anunnaki) und die Errichtung der Ziqqurate mit außerirdischen Wesen in Verbindung zu bringen. Solche Deutungen werden von der ernsthaften Mesopotamienwissenschaft (Assyriologie) nicht gestützt und werden hier nur als ein Beispiel für die Widerspiegelungen der Ziqqurat in der gegenwärtigen Kultur, mit kritischer Distanz, erwähnt. Die wahre Bedeutung der Ziqqurate liegt nicht im Suchen nach einem außerirdischen Ursprung, sondern in der theologischen Vorstellungskraft und dem ingenieurtechnischen Genie des mesopotamischen Menschen selbst.
Vergleichende Perspektive: Treppe, Turm und heiliger Berg
Die Funktion der Ziqqurat als „Treppe zwischen Erde und Himmel" lädt dazu ein, sie strukturell mit ähnlichen Symbolen in den Weltreligionen zu vergleichen. In vielen Traditionen wird die Verbindung zwischen Himmel und Erde mit dem Bild einer Treppe, eines Baumes, einer Säule oder eines Berges ausgedrückt. Diese Motive sind universale Ausdrücke des Verlangens des Menschen, das Transzendente zu erreichen, seine begrenzte weltliche Existenz zu überschreiten und mit dem Heiligen in Kontakt zu treten. Die Ziqqurat ist die Mesopotamien eigene, aus Ziegeln gemachte, gestufte Antwort auf dieses universale Verlangen.
Dieser Vergleich ist strukturell und phänomenologisch; er enthält keinen Anspruch auf einen historischen Ursprung und keine Behauptung, dass eine Tradition aus einer anderen hervorgegangen sei. Für eine ausführliche Untersuchung der Symbolik des heiligen Berges kann die Notiz karsilastirma-dag-sembolu herangezogen werden. Wie sich dort zeigt, ist das Motiv der heiligen Erhebung, die das Zentrum der Welt bezeichnet, ein grundlegendes Muster der Art und Weise, wie der menschliche Geist das Heilige verräumlicht. Die Ziqqurat (ziggurat-kozmik-dag) ist vielleicht die älteste und systematischste architektonische Erscheinung dieses Musters; denn hier ist der Berg keine Gabe der Natur, sondern das Erzeugnis eines bewussten theologischen Entwurfs des Menschen.
In gleicher Weise gibt es in den verschiedenen Traditionen der Welt Räume, die als „heiliges Zentrum" dienen; diese Räume wirken als Achspunkte, auf die sich die Gläubigen ausrichten, an denen die kosmische Ordnung verankert ist. Die funktionale Logik eines solchen heiligen Raumes — also die Institutionalisierung eines Punktes als des geistigen Zentrums der Welt, als des zum Himmel führenden Tores — lässt sich auch am Beispiel von Mekka und der Kaaba beobachten; auch dort wird ein Raum zu einer kosmischen Ausrichtungsachse. Dieser Vergleich verweist allein auf eine phänomenologische Parallele; das Ziel ist es, zu betonen, wie verbreitet und grundlegend die Institution des heiligen Raumes in der Religion des Menschen ist. Die Ziqqurat ist eine in einer berglosen Ebene, aus Ziegeln errichtete, gestufte und ersteigbare Version dieses universalen Musters. In dieser Hinsicht verbindet sie auf einzigartige Weise sowohl die senkrechte (zum Himmel aufsteigende) als auch die zentrale (die Achse der Welt bezeichnende) Dimension des heiligen Raumes.
Die wichtigsten Ziqqurat-Zentren und das archäologische Zeugnis
Nahezu jede große Stadt Mesopotamiens hatte ihre eigene Ziqqurat; denn jede Stadt wollte ihrem eigenen Schutzgott einen würdigen „kosmischen Berg" errichten. Zu den bekanntesten Zentren zählen Ur (dem Mondgott Nanna geweiht), Uruk (der Eanna-Komplex, Inanna geweiht), Eridu (dem Süßwasser- und Weisheitsgott Enki/Ea geweiht, eines der ältesten Kultzentren Mesopotamiens), Nippur (die heilige Stadt des Hauptgottes Enlil) und Babylon (die Marduk geweihte Etemenanki). Diese Zentren waren nicht nur in religiöser, sondern auch in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht das Herz der Städte; die Ziqqurat band als sichtbares Sinnbild der Tempelökonomie das gesamte Leben der Stadt an sich.
Die Vorstellung der siebenstöckigen Ziqqurat hängt auch mit der besonderen Bedeutung der Zahl „sieben" in der mesopotamischen Kosmologie zusammen. Sieben Himmel, sieben Planeten, sieben Tore der Unterwelt — ganz wie die sieben Tore, die die Göttin in Inannas Abstieg durchschreitet — sind ein wiederkehrendes Motiv im mesopotamischen Denken. Die siebengliedrigen Sternhaufen am Himmel, etwa das Gestirn der Plejaden (Ülker), hatten in der mesopotamischen Himmelsbeobachtung einen besonderen Platz und waren ein Teil der religiös-astralen Symbolik. Die Ziqqurat verwandelte dieses Thema der „sieben" in eine senkrechte architektonische Anordnung und konkretisierte so die geschichtete Struktur des Kosmos auf Erden. Moderne archäologische Grabungen haben den Maßstab und die Kontinuität dieser Bauwerke vor Augen geführt; es hat sich gezeigt, dass jeder Herrscher das Bauwerk seines Vorgängers instand setzte und erhöhte, sodass die Ziqqurate über Jahrhunderte hinweg wuchsen und sich schichteten.
Verbindungen zu anderen mesopotamischen Themen
Die Ziqqurat ist mit dem gesamten Gewebe der mesopotamischen Spiritualität verflochten. Die theologische Bedeutung des Bauwerks nährt sich aus dem Verständnis der Gott-Stadt-Beziehung der sumerischen spirituellen Tradition, aus der Marduk-zentrierten Kosmologie der babylonischen Religion und aus dem Schöpfungsdrama von Enūma Eliš. Die Verbindung des Weisheitsgottes Enki/Ea mit Wasser und Ordnung (me) hallt im Gedanken wider, dass die Fundamente der Ziqqurat in den urzeitlichen Wassern (apsû) verwurzelt sind. Inannas Abstieg und das Thema der heiligen Ehe sind mit den Fruchtbarkeitsritualen des Tempels auf der Spitze der Ziqqurat verbunden.
In gleicher Weise werden im Gilgamesch-Epos, wo die Mauern und prachtvollen Bauwerke der Stadt Uruk gepriesen werden, die Tempelarchitektur der Stadt und ihre Monumentalität als ein bleibendes Sinnbild menschlicher Leistung erhöht. Die politische Dimension der Ziqqurat wird in der Reichstheologie Aššurs, und die wirtschaftlich-gesellschaftliche Struktur der Stadt in der sumerischen Tempelökonomie tiefer behandelt. So steht die Ziqqurat gleichsam am Knotenpunkt der mesopotamischen Weltsicht: Architektur, Theologie, Kosmologie, Politik und Wirtschaft kommen in diesem gestuften Turm zusammen.
Das Erbe der Ziqqurat und die symbolische Kontinuität
Selbst nach dem politischen Zusammenbruch der mesopotamischen Zivilisationen hinterließ das Bild der Ziqqurat tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Menschheit. Der Gedanke eines gewaltigen, gestuften, zum Himmel reichenden Turms hallte in der Literatur und Kunst der folgenden Epochen in verschiedenen Formen wider. Diese Kontinuität ist nicht eine bloße Frage architektonischen Einflusses; sie ist vielmehr ein Zeichen der Dauerhaftigkeit des Verlangens des Menschen, das Heilige zu verräumlichen, zum Himmel emporzusteigen und mit dem Gott zusammenzutreffen.
Die Ziqqurat-Überreste, die die moderne Archäologie in Zentren wie Ur, Babylon, Uruk, Eridu und Nippur ans Licht gebracht hat, bieten konkrete Beweise für den Maßstab und die ingenieurtechnische Leistung dieser prachtvollen Bauwerke. Diese Überreste sind die Zeugen der theologischen Vorstellungskraft einer Zivilisation, die in einer berglosen Ebene einen Berg erschuf, die zwischen Himmel und Erde eine Brücke aus Ziegeln schlug. Die Ziqqurat (ziggurat-kozmik-dag) erzählt uns heute weiterhin von der Kosmosvorstellung des mesopotamischen Menschen, von seiner Art, eine Beziehung zum Gott zu knüpfen, und von seinem Genie, das Heilige in einen konkreten Raum zu verwandeln.
Schluss: Eine Kosmologie aus Ziegeln
Die Ziqqurat ist vielleicht der verdichtetste Ausdruck der mesopotamischen Spiritualität. Dieser gestufte Tempelturm war einerseits ein überaus konkretes architektonisches Bauwerk (Ziegel, Terrasse, Treppe, Tempel auf der Spitze), andererseits aber die verleiblichte Gestalt eines überaus abstrakten theologischen Gedankens (kosmischer Berg, axis mundi, Brücke zwischen Erde und Himmel). Der Name Etemenankis „Haus des Fundaments von Himmel und Erde", die dem Mondgott geweihte Pracht der Ziqqurat von Ur, der heilige Raum auf der Spitze, der den Abstieg des Gottes erwartet; all dies waren monumentale Ausdrücke des Bemühens des Menschen, mit dem Heiligen in Kontakt zu treten.
Die Ziqqurat zu verstehen heißt zu verstehen, wie der mesopotamische Mensch die Welt sah: als einen Kosmos, der aus dem Widerstreit ordnender und chaotischer Mächte geboren ist, der durch den Willen der Götter steht und der jeden Augenblick der Erneuerung bedarf. In dieser Weltsicht ist der Mensch ein Wesen, das erschaffen wurde, um den Göttern zu dienen; die Ziqqurat aber ist der prachtvollste architektonische Ausdruck dieses Dienstes. Das Bauwerk zielte darauf ab, dem Gott eine würdige Wohnstatt darzubieten und so die kosmische Ordnung zu bewahren, die Kontinuität der Fülle und den Wohlstand der Stadt zu gewährleisten. Wenn der Aufstieg der Priester zum Tempel auf der Spitze mit dem Abstieg des Gottes vom Himmel zusammentraf, schloss sich für einen Augenblick die uralte Trennung zwischen Erde und Himmel; das Heilige und das Weltliche berührten sich vorübergehend. Eben in diesem Augenblick der Begegnung verdichtet sich die ganze Bedeutung der Ziqqurat. Im Zentrum dieses Kosmos erhob sich ein heiliger Berg, der Himmel und Erde miteinander verband, auf den der Gott herab- und der Mensch hinaufstieg; und dieser Berg war nicht das Werk der Natur, sondern des Menschen. Die Ziqqurat hat so als ein eindrückliches Sinnbild sowohl der Demut des Menschen (aus gewöhnlichem Lehm gemacht zu sein) als auch seines erhabenen Verlangens (zum Himmel zu reichen) einen einzigartigen Platz in der Architekturgeschichte und in der Religionsgeschichte. Für den weiteren Zusammenhang zum Thema können die Notizen zu den Traditionen Sumers, Babylons und Assyriens sowie zur Tempelökonomie herangezogen werden.