Gandharva und Apsara: Die himmlischen Musiker und Tänzerinnen
Die Gandharvas (Sanskrit gandharva) sind die himmlischen Musiker am Hof des Götterkönigs Indra, vermählt mit den Apsaras, den Tänzerinnen und Nymphen des Himmels. Die Notiz erzählt ihre Mythen — die Musiker an Indras Hof, den Gandharva-König Chitraratha, die nach ihnen benannte Liebesheirat (Gandharva-vivāha), die Apsara Urvashi und König Pururavas, Menaka und Vishvamitra, die Gandharva-Veda als göttlichen Ursprung der Musik — und stellt sie vergleichend neben die musizierenden Engel, die griechischen Nymphen, die Huris des Paradieses und die mit ihnen verwandten Yaksha.
Definition
Als Gandharva (Sanskrit गन्धर्व gandharva, Pali gandhabba; Plural eingedeutscht Gandharvas) bezeichnet die indische Tradition eine Klasse halbgöttlicher männlicher Geistwesen, deren Wesen sich in einem einzigen Bild verdichtet: Sie sind die himmlischen Musiker, die Sänger und Instrumentalisten am Hof der Götter. Ihr weibliches Gegenstück sind die Apsaras (Sanskrit अप्सरस् apsaras, „die sich im Wasser Bewegende"), die himmlischen Tänzerinnen und Nymphen, mit denen die Gandharvas nach gängiger Überlieferung vermählt sind. Gemeinsam bilden sie das Ensemble des Himmels: Wo der Gandharva die Laute schlägt und singt, dort tanzt die Apsara — Musik und Tanz, Klang und Bewegung als ein untrennbares göttliches Paar.
Beide gehören in jene eigentümliche Zwischenklasse der indischen Kosmologie, die weder volle Götter (deva) noch Menschen umfasst, sondern die machtvollen, langlebigen, gestaltwandelnden Wesen dazwischen — dieselbe Daseinsstufe, auf der auch die schatzhütenden Yaksha, die Schlangenwesen der Naga und die dämonischen Widersacher der Asura stehen. Anders als diese aber tragen die Gandharvas und Apsaras kaum einen bedrohlichen Zug: Sie sind die Wesen der Schönheit, der Lust und der Kunst, Verkörperungen von allem, was den Himmel zum Himmel macht. Der Gandharva gilt als schön, in duftende Gewänder gekleidet und „begierig nach weiblicher Gesellschaft"; die Apsara ist von so vollkommener Anmut, dass ihr Name in den modernen indischen Sprachen geradezu zum Wort für eine außerordentlich schöne Frau oder eine begnadete Tänzerin geworden ist.
Diese Notiz klärt zuerst Herkunft, Wortbedeutung und Quellen, erzählt dann ausführlich die großen Mythen und Legenden — die Musiker an Indras Hof, den Gandharva-König Chitraratha, die nach den Gandharvas benannte Liebesheirat, die Apsara Urvashi und ihren sterblichen Geliebten Pururavas, die Verführerin Menaka und den Asketen Vishvamitra, die Gandharva-Veda als göttlichen Ursprung der Musik —, ordnet dann ihre Typen und Eigenschaften und stellt sie schließlich vergleichend neben verwandte Wesen anderer Traditionen: die musizierenden Engel des Himmels, die griechischen Nymphen, die Huris des islamischen Paradieses und die mit ihnen am engsten verwandten Yaksha. Sie dokumentiert und vergleicht; sie wertet nicht. Ob es Gandharvas „gibt", ist nicht ihre Frage, sondern wie verschiedene Kulturen sich den Klang, den Tanz und die Schönheit des Himmels vorgestellt haben.
Herkunft, Wortbedeutung und Quellen
Das Wort gandharva ist alt und in seiner Geschichte lehrreich gewandelt. Die geläufigste Volksetymologie zerlegt es in gandha („Duft, Geruch") und deutet den Gandharva als das duftliebende Wesen — die Wesen, die sich von Düften nähren und in wohlriechende Kleider hüllen; manche Überlieferung lässt sie überhaupt vom Duft leben. Eine andere alte Deutung versteht gandharva als „Trinker des Liedes" oder „Verschlinger des Gesangs", was den späteren Musikercharakter vorwegnimmt. Die strenge Sprachwissenschaft sieht in beidem volkstümliche Umdeutungen eines noch älteren, dunkleren Wortes.
Denn im Rigveda (um 1500–1200 v. Chr.), der ältesten Schicht, ist der Gandharva noch kein Musikervolk, sondern eine zumeist im Singular genannte, geheimnisvolle Einzelgestalt. Dort erscheint er vor allem in zwei Rollen. Erstens als Hüter des Soma, des berauschenden Göttertranks: Der Gandharva bewacht den heiligen Soma im Himmel zum Nutzen der Götter und der Opfernden, empfängt ihn von der „Tochter der Sonne" und bringt überhaupt Dinge aus dem Jenseits — auch das Pferd und den Menschen. Zweitens als eine Macht, die mit der Sphäre der Geburt, der Zeugung und der noch unvermählten Frau zu tun hat; er gilt als himmlischer Bräutigam, der jede Braut vor dem irdischen Gatten besitzt. Diese Verbindung zur Sexualität und zur Schwelle des Lebens wird die Gandharvas durch ihre ganze Geschichte begleiten.
Der Atharvaveda kennt bereits eine Vielzahl von Gandharvas und beschreibt sie als haarige, halb tierische — halb menschliche, halb vogelgestaltige — Wesen; auch das Pferd haftet ihnen an. Manche Forscher führen die Gestalt noch über Indien hinaus zurück: Das altiranische Avesta kennt einen verwandten Dämon namens Gandarewa, der im Meer des weißen Haoma (des iranischen Soma) haust — ein Hinweis darauf, dass der Gandharva-Glaube in die gemeinsame indo-iranische Frühzeit zurückreicht.
Erst in den Epen und Purāṇas — im Mahābhārata, im Rāmāyaṇa und in den großen mythologischen Sammelwerken — treten die Gandharvas dann als das hervor, als das sie bis heute bekannt sind: ein hochorganisiertes Volk von Himmelsmusikern mit Königen, Heeren und Wohnsitzen, fest verbunden mit den tanzenden Apsaras und eingegliedert in den glänzenden Hofstaat des Götterkönigs Indra. Neben den Epen speist sich das Wissen über sie aus den Gesetzbüchern (der Manusmṛti mit ihrer Lehre von den acht Eheformen), aus der Sanskrit-Dichtung — allen voran Kālidāsas Dramen — und aus der bildenden Kunst, in der Apsaras und Gandharvas seit den frühen buddhistischen Stūpas zu den beliebtesten Motiven gehören.
Mythen, Legenden und Geschichten
Das Wesen der Gandharvas und Apsaras erschließt sich nicht über Definitionen, sondern über die Geschichten, in denen sie auftreten — als Musiker bei Tafel der Götter, als König im Zauberwald, als himmlische Geliebte eines sterblichen Königs, als Verführerin eines Asketen. Die folgenden Erzählungen gehören zum festen Bestand der Tradition.
Die Musiker am Hof Indras und die tanzenden Apsaras
Über dem ganzen Geschehen steht ein Bild: der Hof des Götterkönigs Indra auf dem Weltberg, sein Himmelspalast, der Versammlungssaal Sudharmā. Hier, im Svarga, dem Indra-Himmel, vergeht die Zeit in unaufhörlichem Fest. Die Apsaras tanzen, und die Gandharvas spielen dazu auf — sie sind „die Musiker schlechthin", die mit Laute (vīṇā), Flöte, Trommel und Gesang die Götter ergötzen. In den Epen und Purāṇas sind die beiden Klassen zu darstellenden Künstlern der Götter geworden: die Apsaras zu Sängerinnen, Tänzerinnen und Hofdamen, die Gandharvas zu den Instrumentalisten und Meistern aller Töne. Eine verbreitete Aufzählung nennt sechsundzwanzig Apsaras an Indras Hof, von denen jede einen anderen Aspekt der darstellenden Künste verkörpert — eine mythische Enzyklopädie von Musik und Tanz in Gestalt von sechsundzwanzig Schönen.
Dass dieser Himmel ein Ort der sinnlichen Vollendung ist, gehört zu seinem Wesen. Der Indra-Himmel ist nicht das letzte Ziel der indischen Heilslehre — er ist ein herrlicher, aber vergänglicher Lohn für gute Taten, ein Paradies der Lust, das man wieder verlässt, wenn das angesammelte Verdienst aufgezehrt ist (siehe zur Einordnung der Paradiesvorstellungen den Vergleich von Himmel und Hölle). Eben darum sind seine Bewohnerinnen, die Apsaras, zugleich die Belohnung der gefallenen Helden: Dem Krieger, der tapfer auf dem Schlachtfeld stirbt, versprechen die Epen die Umarmung der Apsaras im Himmel Indras — ein Motiv, das, wie unten zu zeigen, eine auffallende Parallele in den Huris des islamischen Paradieses findet.
Chitraratha, der König der Gandharvas, und sein Kampf mit Arjuna
Über das Musikervolk herrscht ein König: Chitraratha (Sanskrit Citraratha, „der mit dem glänzenden Wagen"), auch Aṅgāraparṇa genannt, der Sohn des Urvaters Kashyapa und der Pradhā, der mächtigste der Gandharvas. Seine berühmteste Geschichte erzählt das Mahābhārata.
Die fünf Pāṇḍava-Brüder, im Exil auf dem Weg zur Stadt der Pāñcāla, ziehen bei Nacht durch einen Wald an den Ufern der Gangā. Dort aber badet gerade Chitraratha mit seinen Frauen, und kein Sterblicher darf zu solcher Stunde seinen Bereich betreten. Zornig fährt der Gandharva mit seinem flammenden Wagen auf die Brüder los und fordert sie zum Kampf. Arjuna, der größte Bogenschütze unter den Pāṇḍavas, nimmt die Herausforderung an. Mit einer Feuerwaffe verbrennt er den prächtigen Wagen des Gandharva — daher dessen Beiname Aṅgāraparṇa, „dessen Wagen zu Kohle ward" — und zwingt ihn nieder. Doch Arjuna schenkt dem Besiegten das Leben. Aus Feind wird Freund: Chitraratha lehrt die Pāṇḍavas himmlisches Wissen und schenkt ihnen die Gabe der cākṣuṣī, einer übernatürlichen Sehkraft, während Arjuna ihm seine Feuerwaffe überlässt. Die Episode zeigt den Gandharva in seiner ganzen Ambivalenz: stolz und gefährlich, wenn man in seine Sphäre eindringt, doch edelmütig und freigebig mit himmlischen Künsten, sobald die Ehre gewahrt ist.
In einer zweiten, berühmten Mahābhārata-Episode greifen die Gandharvas abermals in das Geschick der Helden ein: Als der hochmütige Duryodhana, der Anführer der Kauravas, sein prahlerisches Lustlager just dort aufschlägt, wo Gandharvas sich vergnügen wollen, wird er von ihnen gefangen genommen und gedemütigt — und ausgerechnet die verfeindeten Pāṇḍavas müssen ihn befreien. Auch dies ein Zug der Gandharvas: Sie dulden keine menschliche Anmaßung in ihrem himmlischen Revier.
Die Gandharva-Hochzeit: die Liebesheirat ohne Riten
Kein Begriff hat den Namen der Gandharvas tiefer in die indische Kultur eingeschrieben als die Gandharva-Ehe (Sanskrit gāndharva vivāha). Die altindischen Gesetzbücher, vor allem die Manusmṛti, zählen acht Formen der Eheschließung auf — von der frommen Brahma-Ehe, in der der Vater die geschmückte Tochter einem gelehrten Bräutigam übergibt, bis hinab zur gewaltsamen Rākṣasa-Ehe (der Raubehe) und zur verworfenen Paiśāca-Ehe (der heimlichen Schändung). Mitten unter ihnen steht die Gandharva-Ehe: die Verbindung eines Mannes und einer Frau aus freiem, gegenseitigem Einverständnis, aus Liebe und Begehren, ohne Riten, ohne Zeugen, ohne Zustimmung der Eltern.
Sie trägt den Namen der Gandharvas, weil sie der Sphäre dieser Wesen entspringt — der Sphäre der Lust, des spontanen Verlangens, der unmittelbaren Anziehung, die keiner Vermittlung bedarf. Anders als die heimlich-gewaltsamen Formen ist die Gandharva-Ehe ausdrücklich anerkannt und galt insbesondere für den Kriegerstand (kṣatriya) als eine durchaus ehrenhafte, ja ritterliche Weise der Verbindung. Das berühmteste Beispiel der Sanskrit-Literatur ist die Liebe zwischen König Duṣyanta und der Einsiedlertochter Śakuntalā, die sich im Wald begegnen, einander auf der Stelle in Liebe zugetan sind und sich ohne jede Förmlichkeit als Gatten erklären — eine Verbindung, aus der nach der Überlieferung der große König Bharata hervorgeht, nach dem Indien (Bhārata) seinen Namen trägt. So wurde das spontane Liebespaar des Mythos zum Urbild der ganzen Nation.
Urvashi und Pururavas: die Apsara und der sterbliche König
Die ergreifendste aller Apsara-Geschichten ist die von Urvashi (Sanskrit Urvaśī) und dem sterblichen König Pururavas (Purūravas) — eine Liebe zwischen Himmel und Erde, deren Spur bis in die ältesten Texte zurückreicht. Sie steht bereits im zehnten Maṇḍala des Rigveda (Hymne 10.95), wird im Śatapatha-Brāhmaṇa und im Viṣṇu-Purāṇa ausgeführt und schließlich von Kālidāsa in seinem Drama Vikramorvaśīyam („Urvashi, durch Tapferkeit gewonnen") zur klassischen Bühnenform geadelt.
Im Kern erzählt sie von der Liebe der schönsten Apsara des Himmels zu einem irdischen König. Urvashi steigt zu Pururavas herab und willigt ein, bei ihm zu leben — doch nur unter Bedingungen, wie es das Wesen der himmlischen Geliebten verlangt: Sie stellt heikle Verbote auf, an deren Bruch ihre Gemeinschaft zerbrechen wird. In der epischen Fassung sind es ihre beiden Schoßlämmer, die er hüten muss und niemals nackt vor ihr erscheinen darf. Die eifersüchtigen Gandharvas des Himmels, die Urvashi vermissen, stehlen in einer Nacht die Lämmer; Pururavas springt unbekleidet auf, um sie zu retten — und im selben Augenblick lässt ein Blitz der Gandharvas ihn nackt vor Urvashi erscheinen. Die Bedingung ist gebrochen, und Urvashi verschwindet.
Es folgt die berühmte, schon im Rigveda festgehaltene Klage: Der verzweifelte König irrt umher und fleht die entschwindende Geliebte an zu bleiben — sie aber antwortet mit den kühlen, unsterblichen Worten, sie sei „so schwer zu fassen wie der Wind". In dieser einen Zeile liegt das ganze Wesen der Apsara beschlossen: Sie ist himmlisch, flüchtig, an keine irdische Bindung dauerhaft zu fesseln; die Liebe zwischen dem Sterblichen und dem Himmelswesen ist von Natur aus zum Verlust bestimmt. Kālidāsa allerdings, der Dichter des Gupta-Zeitalters, gibt der Geschichte ein versöhnlicheres Gesicht: Bei ihm rettet König Pururavas die Apsara zunächst aus den Klauen eines Dämons, ehe die Liebe entbrennt, und das Drama strebt einer Wiedervereinigung zu. Manche Ausleger lasen das uralte Paar zudem als Naturbild: Pururavas als die Sonne, Urvashi als der Morgennebel, der vor dem Blick der aufgehenden Sonne vergeht — oder als die Wolke und den Blitz, der für einen Augenblick aufzuckt und sogleich wieder erlischt.
Menaka und Vishvamitra, Tilottama und die zwei Dämonen
Die Apsaras sind nicht nur Geliebte und Tänzerinnen, sondern auch Werkzeuge des Götterkönigs Indra — und zwar dort, wo seine Macht bedroht ist. Denn ein Mensch, der durch unerschütterliche Askese (tapas) übermenschliche Kräfte ansammelt, kann den Göttern gefährlich werden; und nichts bricht die Askese so sicher wie das Begehren. So sendet Indra immer wieder eine Apsara aus, um einen allzu mächtig werdenden Asketen zu verführen und von seinem Weg abzubringen.
Das berühmteste Beispiel ist Menaka und der große Büßer Vishvamitra (Viśvāmitra). Vishvamitra, einst König, dann Asket von solcher Glut, dass selbst die Götter zu zittern beginnen, wird von der Apsara Menaka in ihren Bann gezogen. Seine jahrelange Askese schmilzt in ihrer Gegenwart dahin; aus ihrer Verbindung geht ein Kind hervor — Śakuntalā, eben jene, die später durch die Gandharva-Ehe mit Duṣyanta zur Stammmutter Indiens werden wird. Als Vishvamitra die List durchschaut, ringt er sich von neuem zur Askese durch; Menaka aber, selbst von Liebe ergriffen, verlässt das Kind schweren Herzens. Die Geschichte zeigt die zwiespältige Macht der Apsara: süß und unwiderstehlich, doch zugleich gefährlich für jeden, der nach dem Höheren strebt.
Noch düsterer ist die Geschichte der Tilottama. Als die beiden unbesiegbaren Dämonenbrüder Sunda und Upasunda die Welt bedrängen und durch ein Geschenk der Götter nur durch einander selbst getötet werden können, erschafft der Schöpfergott die Apsara Tilottama „aus dem Besten von allem", aus der Essenz aller schönen Dinge des Universums (ihr Name bedeutet „die aus winzigsten kostbaren Teilchen Gebildete"). Von solcher Schönheit erblickt, entbrennen die beiden Brüder in rasendem Begehren, jeder will sie für sich allein — und im Streit um die eine Apsara erschlagen sie einander. So wird die himmlische Tänzerin zur Waffe, mit der die Götter die Unbesiegbaren zu Fall bringen.
Diese Geschichten haben auch eine Kehrseite: Apsaras und Gandharvas, so freibeweglich und lustvoll sie sind, geraten in den Erzählungen immer wieder mit den strengen Asketen aneinander und werden von diesen verflucht — verbannt, auf die Erde geboren, in Tiere oder Missgestalten verwandelt, oft erlösbar erst nach langer Zeit durch die Berührung eines Gottes oder Helden. Selbst die schönsten Himmelswesen stehen unter dem Gesetz von Tat und Folge.
Die Gandharva-Veda: der himmlische Ursprung der Musik
Dass die Musik den Gandharvas gehört, hat einen tiefen Grund: In der indischen Tradition ist die Musik göttlichen, nicht menschlichen Ursprungs. Davon zeugt die Gandharva-Veda (gāndharvaveda) — ein als „Nebenveda" (upaveda) verstandenes Wissensgebiet, das der Überlieferung nach dem Sāmaveda zugeordnet ist, jenem Veda, dessen Verse nicht gesprochen, sondern gesungen werden und den die Forschung als frühesten Ahnen der späteren Rāga-Kunst betrachtet. Die Gandharva-Veda gilt als das Lehrgebäude der heiligen Musik: ein riesiges, sagenhaft tausende von Versen umfassendes Wissen von den Tönen (svara), den Tonleitern, den Rhythmen und dem Spiel der Instrumente. Ihr Name sagt, woher sie stammt — von den Gandharvas, den Musikern des Himmels, die diese Kunst hüten und an Götter und Menschen weitergeben.
In diesem Lehrgebäude treten zwei Gestalten besonders hervor. Tumburu gilt als der vornehmste der Gandharvas, der Meistersänger des Himmels. Und über allem steht der himmlische Weise Nārada, der nach dem Bhāgavata-Purāṇa sogar Tumburus Lehrer war: Mit seiner vīṇā in der Hand zieht Nārada durch die Welten als der göttliche Bote der Musik und der Hingabe, der die Tonkunst überhaupt erst unter Göttern und Menschen verbreitet. So führt die indische Musik ihre eigene Herkunft nicht auf eine Erfindung zurück, sondern auf eine Offenbarung aus dem Himmel der Gandharvas — ein Gedanke, der die Tonkunst von vornherein als heiligen, kosmischen Weg versteht (zur spirituellen Dimension des Klanges siehe Klang, Musik und Geist und zur indischen Klangtheologie Nāda Brahma in Kīrtana und Bhajan).
Eigenschaften und Stellung in der Schöpfungsordnung
Fasst man die Überlieferung zusammen, ergibt sich ein erstaunlich geschlossenes Bild dieser beiden zusammengehörigen Klassen — der Wesen des himmlischen Festes.
Stofflichkeit und Gestalt. Gandharvas und Apsaras sind von übermenschlicher Schönheit, langlebig und gestaltwandelnd. Der Gandharva trägt duftende Gewänder und glänzende Waffen; die ältesten Texte zeichnen ihn auch als halb tierisches Mischwesen mit Zügen von Vogel oder Pferd. Die Apsara ist die vollkommene Verkörperung weiblicher Anmut, „aus Wasser hervorgegangen" und mit dem Element des Wassers wie der Wolke verbunden.
Kunst und Funktion. Ihr Wesenskern ist die Kunst: Die Gandharvas sind die Musiker, die Apsaras die Tänzerinnen und Sängerinnen des Himmels; ihnen eignet die Kenntnis aller vierundsechzig Künste. Sie schmücken den Hof der Götter, begleiten die großen Feste und gelten als Hüter und Lehrer der heiligen Tonkunst.
Liebe, Lust und die Schwelle des Lebens. Beide Klassen sind tief mit Eros und Fruchtbarkeit verbunden — die Gandharvas als Wesen der Lust und himmlische Bräutigame, die Apsaras als Geliebte der Götter, Helden und Asketen. Aus dieser Sphäre leitet sich die Gandharva-Ehe ab; und aus ihr stammt auch die altvedische Verbindung des Gandharva mit Zeugung und Geburt.
Macht und ihre Grenzen. Anders als die Götter können Apsaras nach mancher Überlieferung weder fluchen noch Gnadengaben (vara) verleihen; ihre Macht liegt im Zauber der Schönheit und der Kunst, nicht in der Weltordnung. Und auch sie stehen, wie alles Geschaffene, unter dem Gesetz von Karma und Wiedergeburt: Sie können verflucht und auf die Erde verbannt werden, und ihr himmlisches Dasein ist, wie der Indra-Himmel selbst, kein endgültiges Heil, sondern ein herrlicher, doch vergänglicher Zustand im Kreislauf (siehe māyā zur Verschleierung und sat-cit-ānanda als dem eigentlichen, jenseitigen Ziel).
Die großen Vergleiche
Stellt man die Gandharvas und Apsaras neben verwandte Wesen anderer Traditionen, so zeigt sich ein durchgehendes Muster: Fast jede Kultur kennt himmlische Wesen der Schönheit, der Musik und des Tanzes, die das Jenseits mit Klang und Anmut erfüllen. Die Gemeinsamkeit ist real; ebenso real sind die Unterschiede, die meist an drei Bruchlinien liegen — am ontologischen Status (geschaffen und vergänglich oder ewig?), an der Funktion (Lohn und Lust oder Lobpreis Gottes?) und an der moralischen Färbung (sinnlich-ambivalent oder rein-heilig?).
Hinduismus und Buddhismus — Gandharva und Apsara
Im indischen Rahmen selbst sind die Gandharvas und Apsaras, wie dargestellt, halbgöttliche Wesen der Kunst und der Lust innerhalb eines vielgestaltigen, von Karma und Wiedergeburt durchwirkten Kosmos. Bemerkenswert ist die Wandlung, die der Buddhismus mit dem Gandharva vollzog. Einerseits leben die gandhabba (so die Pali-Form) als kleinere, mit Musik, Pflanzen und Düften verbundene Gottheiten weiter — der Pali-Kanon widmet ihnen ein eigenes Kapitel, die „Verbundenen Lehrreden über die Gandhabbas". Andererseits aber gewann das Wort im Buddhismus eine ganz neue, technische Bedeutung: Der gandhabba wurde zum Namen des Wesens im Zwischenzustand zwischen Tod und Wiedergeburt. Nach einer berühmten Lehre müssen für eine Empfängnis drei Bedingungen zusammentreffen — die Vereinigung der Eltern, die fruchtbare Zeit der Mutter und die Gegenwart eines gandhabba, der zur Wiedergeburt bereitsteht. So wurde aus dem himmlischen Musiker ein Träger des Wiedergeburtsgeschehens — eine Vorstellung, die der tibetische Buddhismus später im Bardo, dem Zwischenzustand, weiter ausbaute. Dieselbe altvedische Bindung des Gandharva an Zeugung und Geburt klingt hier nach, ins Lehrhafte gewendet.
Griechische Welt — die Nymphen und Musen
Die nächste Parallele im Mittelmeerraum bieten die griechischen Nymphen — und sie ist auffallend eng, schon im Wort: Wie die Apsara „die sich im Wasser Bewegende" ist, sind die Najaden, Nereïden und Okeaniden Wassernymphen, weibliche Naturgeister von großer Schönheit, mit Quellen, Flüssen und dem Meer verbunden, langlebig, doch nicht eigentlich unsterblich, oft Geliebte der Götter und Helden. Beide, Apsara wie Nymphe, sind halbgöttliche weibliche Wesen zwischen Gottheit und Mensch, beide an das Element des Wassers gebunden, beide von gefährlich-betörender Anmut. Eine zweite griechische Entsprechung sind die Musen, die Töchter der Mnemosyne, die als Schutzgöttinnen von Musik, Tanz und Dichtung den Gandharvas und den künstlerischen Apsaras funktional nahestehen.
Der Unterschied liegt im Rahmen. Die Nymphen und Musen agieren in einem vielgöttlichen Kosmos ohne Karmagesetz; sie sind nicht an Wiedergeburt und Erlösung gebunden und nicht durch Verdienst „verdienbar". Vor allem fehlt der griechischen Welt das systematische Paar aus männlichem Musiker und weiblicher Tänzerin als feste Klasse: Bei den Griechen sind die musisch begabten Mächte vorwiegend weiblich gedacht (Nymphen, Musen), während die indische Tradition Gandharva und Apsara als komplementäres Doppelgespann von Klang und Bewegung entwirft.
Islam — die Huris des Paradieses
Eine ebenso aufschlussreiche Parallele bilden die Huris (arabisch ḥūr al-ʿayn, „die mit den großen, klaren Augen") des islamischen Paradieses. Mit den Apsaras teilen sie auffallend viel: Beide sind himmlische Wesen vollkommener Schönheit, beide bewohnen das Paradies, beide werden in den Quellen als Gefährtinnen der Seligen geschildert — und beide erscheinen, das ist die schärfste Berührung, als Lohn für den gefallenen Krieger: Wie die epische Tradition Indiens dem auf dem Schlachtfeld gestorbenen Helden die Apsaras im Himmel Indras verheißt, so verbindet die volkstümliche islamische Vorstellung den Märtyrertod mit den Huris des Paradieses (zur genauen koranischen Schilderung des Paradieses siehe das detaillierte Paradies).
Doch der Bauplan ist ein anderer, und der Unterschied ist grundlegend. Erstens der ontologische Rahmen: Die Apsaras gehören einem vergänglichen, im Kreislauf der Wiedergeburt stehenden Himmel an, den man wieder verlässt; das koranische Paradies (ǧanna) dagegen ist die ewige, endgültige Wohnstatt der Seligen, und die Huris sind dauerhafte, eigens erschaffene Gefährtinnen, nicht flüchtig wie der Wind. Zweitens die Funktion: Die Apsara ist Tänzerin, Künstlerin und Verführerin, ein Werkzeug auch der göttlichen Politik (man denke an Menaka); die Huri ist allein Gefährtin der Wonne, ohne die künstlerisch-musikalische Rolle und ohne die ambivalente Gefährlichkeit. Und drittens fehlt dem Paradies der Huris jedes Gegenstück zu den musizierenden Gandharvas: Wo der indische Himmel von der Musik der Gandharvas erklingt, kennt das islamische Paradies kein eigenes Musikervolk — die himmlische „Musik" des Islam ist eher der Lobpreis und die Rezitation als der instrumentale Klang.
Christentum und Islam — die musizierenden Engel
Sucht man nach dem männlichen, musizierenden Gegenstück — nach Wesen, die wie die Gandharvas den Himmel mit Klang erfüllen —, so führt der Vergleich zu den musizierenden Engeln der abrahamitischen Traditionen (zur Einordnung der Engelvorstellungen siehe den Engel-Vergleich). Die Bibel zeichnet den Himmel als einen Ort unaufhörlichen Gesangs: Die sechsflügeligen Seraphim singen vor Gottes Thron das Sanctus, „Heilig, heilig, heilig" (Jesaja 6); in der Offenbarung des Johannes stimmen die vierundzwanzig Ältesten und „Tausende mal Tausende" von Engeln ihre Hymnen an, und sieben Engel mit Posaunen stehen vor Gott (Offb 8–9). In der christlichen Kunst wurde daraus das vertraute Bild der Engel mit Harfe, Laute und Posaune, des himmlischen Chores, mit dem die irdische Liturgie sich zu vereinen sucht. Im Islam wiederum ist es der gewaltige Engel Isrāfīl, der am Ende der Zeit in die Posaune (ṣūr) stoßen wird, um Weltende und Auferstehung anzukündigen.
Die Berührung mit den Gandharvas ist offenkundig: himmlische Wesen, die musizieren und den Lobgesang des Jenseits tragen. Doch der Unterschied könnte tiefer kaum sein, und er liegt in der Richtung und im Sinn der Musik. Die Musik der Gandharvas ist Unterhaltung und Schmuck des Götterfestes — sie ergötzt die Götter und die Seligen, sie begleitet den Tanz der Apsaras, sie gehört zur sinnlichen Fülle des Himmels. Die Musik der Engel dagegen ist Anbetung: Sie ist nicht auf den Genuss, sondern allein auf Gott gerichtet, ein ewiger Lobpreis des einen Schöpfers. Hinzu kommt die schon genannte ontologische Differenz: Die Engel sind nach abrahamitischer Lehre aus Licht (im Islam) geschaffene, sündlose oder doch reine Diener des einen Gottes, an kein Karma und keine Wiedergeburt gebunden; die Gandharvas sind ambivalente, lustverbundene, im Kreislauf stehende Wesen eines vielgöttlichen Kosmos. Wo der Engel vor Gott steht und singt, spielt der Gandharva für die Götter und ihre Gäste. Es ist derselbe Klang des Himmels — aber einmal als Gottesdienst, einmal als himmlisches Fest.
Die mitverwandten Wesen — Yaksha, Naga, Asura
Innerhalb der indischen Welt selbst gehören die Gandharvas und Apsaras schließlich zu einem ganzen Geflecht halbgöttlicher Klassen, von denen sie sich durch ihre eigene Note abheben. Die Yaksha sind die erd- und schatzgebundenen Naturgeister, ambivalent zwischen Segen und Gefahr; die Naga die Schlangenwesen des Wassers und der Unterwelt; die Asura die mächtigen Widersacher der Götter; die Rakshasa die menschenfressenden Nachtdämonen. Gemeinsam ist ihnen allen die Stellung zwischen Gott und Mensch. Was die Gandharvas und Apsaras eigens auszeichnet, ist ihre fast durchweg lichte, kunstvolle, dem Schönen zugewandte Natur: Während Yaksha, Naga und zumal Rakshasa stark bedrohliche Züge tragen, sind die Gandharvas und Apsaras die Wesen des Festes, der Musik, des Tanzes und der Liebe — der heiterste und sinnlichste Teil der indischen Geisterwelt.
Bilanz der Vergleiche
Quer durch die Traditionen kehrt dieselbe Grundfigur wieder: himmlische Wesen, die das Jenseits mit Schönheit, Musik und Tanz erfüllen — die Apsara und die Nymphe als wasserverbundene Schöne, die Apsara und die Huri als Lohn des Seligen, der Gandharva und der musizierende Engel als Tonmeister des Himmels. Ebenso beständig kehren die Unterschiede wieder. Erstens der ontologische Status: Die Gandharvas und Apsaras sind halbgöttlich und vergänglich, im Kreislauf der Wiedergeburt stehend; die Engel sind geschaffene, an kein Karma gebundene Diener des einen Gottes; die Huris ewige Bewohnerinnen eines endgültigen Paradieses. Zweitens die Funktion der Musik und Schönheit: im indischen Himmel Fest, Lust und Schmuck, im abrahamitischen Himmel Anbetung Gottes. Drittens die moralische Färbung: die Apsara sinnlich und ambivalent, zugleich verführerisch und gefährlich; die Huri und der Engel rein und dem Heiligen zugeordnet. In dieser dritten Achse zeigt sich am schärfsten, dass nicht die Schönheit der Himmelswesen selbst, sondern die theologische Ordnung, in die eine Kultur sie stellt, über ihre Bedeutung entscheidet.
Moderne Rezeption
Wie wenige andere mythische Gestalten haben die Gandharvas und besonders die Apsaras über die Religion hinaus eine eigene kulturelle Nachwirkung entfaltet. Am sichtbarsten ist sie in der Kunst Südostasiens: Die zahllosen tanzenden Apsaras an den Tempeln von Angkor in Kambodscha gehören zu den berühmtesten Steinbildern der Welt, und die klassische Khmer-Tanztradition versteht sich in ungebrochener Linie als irdisches Abbild des Tanzes der himmlischen Apsaras am Hof der Götter — die Tänzerin verkörpert die Apsara leibhaftig. Auch die klassischen Tanzformen Indiens und die Tempelkunst von Bharhut und Sāñcī bis zu den großen Hindu-Tempeln sind ohne die Apsara-Figur nicht zu denken.
In den modernen indischen Sprachen lebt das Wort Apsara als poetischer Ausdruck für eine außerordentlich schöne Frau oder eine begnadete Tänzerin weiter; in Film, Literatur und Werbung ist es bis heute gegenwärtig. Die Geschichte von Urvashi und Pururavas wurde in Theater, Dichtung und Film immer neu erzählt, und die Gandharva-Ehe ist im indischen Rechts- und Kulturbewusstsein als Inbegriff der Liebesheirat lebendig geblieben — der freien Verbindung aus gegenseitiger Zuneigung, im Gegensatz zur arrangierten Ehe.
Auch die musikalische Seite wirkt fort: Der Name Gandharva ist in der indischen Klassik ein Ehrentitel für große Sänger geblieben, und die Vorstellung von der Gandharva-Veda als göttlichem Ursprung der Musik wurde im 20. Jahrhundert von spirituellen Bewegungen wieder aufgegriffen, die in der „Gandharva-Musik" einen Weg der Harmonisierung von Mensch und Kosmos sehen. So bleiben die himmlischen Musiker und Tänzerinnen, ob als steinerne Apsara am Tempeltor, als poetisches Bild der Schönheit oder als mythischer Ursprung der Tonkunst, ein lebendiges Erbe.
Fazit
Die Gandharvas und Apsaras sind die indische Antwort auf eine Frage, die viele Kulturen stellen: Wie klingt und wie tanzt der Himmel? Aus dem geheimnisvollen Soma-Hüter des Rigveda und der wasserverbundenen Nymphe der Frühzeit formten die Epen und Purāṇas ein leuchtendes Paar — den Musiker und die Tänzerin, den Klang und die Bewegung —, das den Hof des Götterkönigs Indra mit Schönheit erfüllt. In ihren Geschichten verdichtet sich eine ganze Kultur des Schönen: die ritterliche Liebesheirat, die nach den Gandharvas heißt; die unfassbare Apsara Urvashi, „so schwer zu fassen wie der Wind"; die verführerische Macht der Menaka, die selbst den größten Asketen niederringt; und die Gandharva-Veda, die die Musik nicht als menschliche Erfindung, sondern als Offenbarung aus dem Himmel begreift.
Im Vergleich treten sie als eine eigene Lösung unter vielen hervor: sinnlicher und vergänglicher als die anbetenden Engel des Himmels, künstlerischer und ambivalenter als die Huris des Paradieses, paarweise gefügt aus Mann und Frau, wo die griechische Welt nur die weiblichen Nymphen und Musen kennt, und lichter und heiterer als ihre eigenen Verwandten, die schatzhütenden Yaksha und die dämonischen Rakshasa. Sie nebeneinanderzustellen heißt nicht, sie gleichzusetzen, sondern zu sehen, worin die Traditionen einander berühren — im Traum von einem Himmel voller Musik, Schönheit und Tanz — und worin sie unwiderruflich verschieden bleiben: in der Frage, ob dieser Klang dem Genuss der Seligen oder dem Lobpreis Gottes gilt.