Glossar & Vergleich

Engel im Vergleich: Boten zwischen Himmel und Erde

Vergleichende Angelologie: Boten und Mittlerwesen zwischen Himmel und Erde — die christlichen Engelhierarchien des Pseudo-Dionysius, die islamische Melâike-Lehre um Cebrail, Mikâil, Azrâil und Isrâfîl, die zarathustrischen Amesha Spentas, die hinduistischen Devas und die jüdischen Merkaba-Engelklassen — nebeneinandergestellt samt der großen Erzählungen vom Engelssturz, von Iblîs' Weigerung, von Jakobs Kampf und von Hesekiels Thronwagen.

50 Verbindungen Schwer Glossar & Vergleich Auf der Karte zeigen → ⌛ Sonstige

Definition

Als Engel (griechisch ángelos, hebräisch malʾāḵ, arabisch malak, jeweils wörtlich „Bote") bezeichnet man in den abrahamitischen und in zahlreichen weiteren Traditionen ein geschaffenes, geistiges Mittlerwesen, das zwischen einer transzendenten Gottheit und der erschaffenen Welt steht und in deren Auftrag handelt — als Verkünder, Vollstrecker, Lobpreiser, Wächter und Geleiter der Seelen. Schon das Wort verrät das Wesen der Sache: Der Engel ist nicht durch seine Substanz definiert (ob Licht, ob Feuer, ob reiner Geist), sondern durch seine Funktion — er ist Beziehung in Person, der ausgestreckte Arm und die hörbare Stimme eines Himmels, der sich sonst dem Zugriff entzöge. Beide Quellsprachen der biblisch-koranischen Welt drücken dies parallel aus: Das hebräische malʾāḵ wie das arabische malak bedeuten zunächst schlicht „Gesandter, Bote", und erst der Zusammenhang macht aus dem irdischen einen himmlischen Boten.

Diese Notiz stellt die großen Lehren von den Boten zwischen Himmel und Erde nebeneinander: die christlichen Engelhierarchien, wie sie Pseudo-Dionysius Areopagita in neun Chöre ordnete; die islamische Lehre von den Melâike mit den vier großen Erzengeln Cebrail, Mikâil, Azrâil und Isrâfîl; die zarathustrischen Amesha Spentas, die heiligen Unsterblichen des Zoroastrismus; die hinduistischen Devas; und die jüdischen Engelklassen der Merkaba-Überlieferung. Sie tut dies dokumentierend, nicht wertend — und sie legt besonderes Gewicht auf die Erzählungen: auf die Verkündigung an Maria und die Offenbarung in der Höhle Hira, auf den Sturz der abtrünnigen Engel, auf Iblîs' Weigerung, sich vor Adam niederzuwerfen, auf Jakobs nächtlichen Ringkampf und auf Hesekiels Vision des feurigen Thronwagens. Denn die Engel leben in den Geschichten lebendiger als in den Definitionen.

Herkunft, Wortfeld und die zwei Wurzeln der Engelvorstellung

Die abendländisch-vorderorientalische Engelvorstellung speist sich aus zwei großen Strömen, die im Lauf der Antike zusammenflossen. Der erste ist der semitisch-biblische: Im ältesten Israel ist der malʾāḵ JHWH, der „Bote des HERRN", oft kaum von Gott selbst zu unterscheiden — er spricht in der ersten Person als Gott, und doch tritt er als gesondertes Gegenüber auf. Daneben kennt die hebräische Bibel den himmlischen Hofstaat (ṣəḇāʾôt, die „Heerscharen"), die b'nê hāʾĕlōhîm („Söhne Gottes"), die feurigen Serafim der Berufungsvision Jesajas und die geflügelten Kerubim, die den Zugang zum Paradies und später die Bundeslade hüten. Der zweite Strom ist der iranisch-zarathustrische: Hier tritt mit den Amesha Spentas und den zahllosen Yazatas („Verehrungswürdige") eine ganze gestufte Welt lichter Mittlerwesen auf, und die Forschung sieht in der nachexilischen jüdischen Angelologie — der Vervielfachung der Engelnamen, der Vorstellung benannter Erzengel, des kosmischen Kampfes von Licht und Finsternis — vielfach den nachhaltigen Einfluss persischer Vorstellungen während und nach dem babylonischen Exil.

Erst in dieser nachexilischen Phase erhalten einzelne Engel Eigennamen und Ämter: Im Buch Daniel erscheinen Gabriel als Deuter der Visionen und Michael als der „große Fürst", der für das Volk Israel einsteht; das (deuterokanonische) Buch Tobit stellt Raphael vor, „einen der sieben heiligen Engel", der die Gebete der Heiligen vor Gott trägt. Aus dieser Schicht — Bibel, zwischentestamentliche Apokalyptik (vor allem das äthiopische Henochbuch), rabbinische Überlieferung und Merkaba-Mystik — schöpfen Judentum, Christentum und Islam gemeinsam. Der Koran macht den Glauben an die Engel (īmān bi-l-malāʾika) zu einem der sechs Glaubensartikel; das Neue Testament setzt die himmlischen Heerscharen selbstverständlich voraus; die jüdische Liturgie lässt die Gemeinde im Qedusha den Lobgesang der Serafim mitsprechen. Über allen Differenzen steht so eine gemeinsame Grundfigur — der geschaffene Bote, der den Abgrund zwischen dem Heiligen und dem Menschen überbrückt.

Mythen, Legenden und Geschichten

Die Engel sind keine Lehrsätze, sondern Gestalten des Erzählens. In den großen Geschichten der Traditionen treten sie aus der theologischen Abstraktion heraus und werden zu handelnden, sprechenden, ja ringenden Wesen. Die folgenden Episoden gehören zu den wirkmächtigsten der Religionsgeschichte; an ihnen lässt sich ablesen, was eine Tradition unter einem Boten zwischen Himmel und Erde wirklich versteht.

Gabriel und Maria: „Sei gegrüßt, du Begnadete"

Im Lukasevangelium (Lk 1,26–38) sendet Gott „im sechsten Monat" den Engel Gabriel in die galiläische Stadt Nazaret zu einer Jungfrau namens Maria. Der Engel tritt bei ihr ein und grüßt: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir." Maria erschrickt über das Wort und überlegt, was dieser Gruß bedeute — eine kleine, menschliche Geste der Verstörung, die der Erzählung ihre Tiefe gibt. Gabriel beruhigt sie mit der uralten Engelsformel „Fürchte dich nicht" und verkündet ihr, sie werde einen Sohn empfangen und ihm den Namen Jesus geben; er werde Sohn des Höchsten heißen. Auf Marias verständige Rückfrage — „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?" — antwortet der Bote mit dem Verweis auf den Heiligen Geist, der über sie kommen werde, und mit dem Zeichen der ebenfalls schwangeren Verwandten Elisabet: „Denn für Gott ist nichts unmöglich." Maria spricht ihr Fiat: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort." Diese Szene der Verkündigung (lateinisch Annuntiatio) ist nicht nur ein Gründungsmoment des Christentums, sondern auch eines der meistgemalten Bilder der Kunstgeschichte: der herabschwebende Engel, oft mit Lilie, und die lesend unterbrochene Jungfrau, zwischen ihnen der schmale Raum, in dem sich Himmel und Erde berühren.

Bemerkenswert für eine vergleichende Schau ist, dass derselbe Engel auch im Islam eine zentrale Rolle bei Jesus spielt. Im Koran (Sure Maryam 19,16–21) erscheint Maryam der „Geist" Gottes „in Gestalt eines wohlgeschaffenen Menschen"; die islamische Tradition identifiziert diesen Boten mit Cebrail (Gabriel), der ihr die Geburt eines reinen Knaben ankündigt. Maria wendet ein, kein Mensch habe sie berührt — und der Engel antwortet, für Gott sei dies ein Leichtes. Die beiden Schriften erzählen dieselbe Schwellenbegegnung mit je eigener theologischer Grammatik: Im Lukasevangelium mündet sie in die Menschwerdung des Gottessohnes, im Koran in die Geburt eines großen, doch geschöpflichen Propheten (Jesus in mystischer Sicht). Dass aber in beiden Fällen Gabriel der Bote ist, der die Schwelle zwischen Himmel und Mutterleib überschreitet, gehört zu den auffälligsten Berührungspunkten der beiden Religionen — ein und derselbe Engel an der Wiege zweier verschiedener Christologien.

Die christliche Liturgie hat aus dieser Szene das Ave Maria geschöpft, dessen erster Teil wörtlich der Gruß des Engels ist; die Ikonographie hat die Verkündigung zu einem festen Bildtypus geformt, in dem die Haltung Marias — erschrocken, fragend, schließlich zustimmend — die ganze Spannung der Begegnung des Menschen mit dem Himmel in eine einzige Geste bündelt. Der Engel ist hier reiner Bote: Er bringt nicht sich selbst, sondern ein Wort, und tritt, sobald es gesprochen und angenommen ist, lautlos wieder zurück — „und der Engel schied von ihr".

Die Höhle Hira: „Lies!"

Die islamische Überlieferung erzählt von der ersten Offenbarung an den Propheten Muhammad eine Szene von großer dramatischer Wucht. Im Alter von etwa vierzig Jahren zog sich Muhammad zur Andacht in die Höhle Hira auf dem Berg an-Nūr nahe Mekka zurück. Dort, in der Einsamkeit, überfiel ihn der Engel — die Tradition nennt ihn Cebrail (Gabriel) — mit dem Befehl „Iqraʾ!" („Lies!" oder „Trag vor!"). Muhammad, der nach der Überlieferung nicht der Schrift kundig war, antwortete: „Ich kann nicht lesen." Da, so berichten die Hadith-Sammlungen, umfing und presste ihn der Engel, bis ihn alle Kraft verließ, ließ ihn los und wiederholte den Befehl. Dreimal geschah dies, dreimal die Bedrängnis — und beim dritten Mal sprach der Engel die ersten Verse der Sure al-ʿAlaq (96,1–5): „Lies im Namen deines Herrn, der erschaffen hat — den Menschen erschaffen hat aus einem Embryo. Lies, und dein Herr ist der Edelmütigste, der gelehrt hat durch die Feder, gelehrt hat den Menschen, was er nicht wusste."

Zitternd kehrte Muhammad zu seiner Frau Hatîce (Khadīdscha) heim und bat: „Hüllt mich ein, hüllt mich ein!" Erst allmählich und durch Hatîces Beistand begriff er, dass ihm nicht ein Dämon, sondern ein göttlicher Bote begegnet war. Die Szene — die körperliche Härte des Umfangens, die Überwältigung des Menschen durch das Heilige, das wiederholte „Lies!" gegen das menschliche „Ich kann nicht" — gehört zu den eindrücklichsten Engelbegegnungen überhaupt und steht am Anfang des Korans. In ihr zeigt sich der Engel nicht als sanfter Verkünder wie bei Maria, sondern als unwiderstehliche, fast erschreckende Macht der Offenbarung.

Die islamische Überlieferung kennt überdies eine zweite, gewaltige Schau: Cebrail in seiner wahren Gestalt. Der Koran berichtet (Sure an-Nadschm 53,5–14), der Prophet habe den Boten „am obersten Horizont" und ein zweites Mal „beim Lotusbaum am äußersten Ende" (Sidrat al-Muntahâ) erblickt — ein Wesen von solcher Größe, dass es den Horizont ausfüllte. Spätere Hadithe schildern Cebrail mit sechshundert Flügeln, die den Himmel verhüllten. Diese Spannung zwischen der menschengestaltigen Erscheinung, in der der Engel den Menschen begegnet (etwa als der schöne Fremde im berühmten „Hadith Dschibrîl", der die Gemeinde nach Glaube, Islam und Vollkommenheit befragt), und der überwältigenden wahren Form kehrt in nahezu allen Traditionen wieder — von Hesekiels feurigen Wesen bis zu den biblischen Boten, die ihr Gegenüber zuerst mit „Fürchte dich nicht" beruhigen müssen. Der Engel ist mild in seiner Sendung und schrecklich in seinem Wesen.

Michael und der Sturz der abtrünnigen Engel

Die Vorstellung eines Engelssturzes ist eines der folgenreichsten Motive der Religionsgeschichte — und zugleich eines, dessen biblische Grundlage schmaler ist, als die spätere Tradition vermuten lässt. Die Erzählung setzt sich aus mehreren Texten zusammen. In der Offenbarung des Johannes (Offb 12,7–9) entbrennt ein Krieg im Himmel: „Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht behaupten." Der große Drache wird hinabgestürzt, „die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt" — und mit ihm seine Engel. Erst dieser Text verknüpft den himmlischen Kampf ausdrücklich mit Satan.

Die spätere christliche Deutung verband dies mit einer Stelle bei Jesaja (Jes 14,12), wo es vom gestürzten König von Babel heißt: „Wie bist du vom Himmel gefallen, du Morgenstern, Sohn der Morgenröte!" Das hebräische Helel ben Schachar („Glänzender, Sohn der Morgenröte") übersetzte die lateinische Vulgata des Hieronymus mit Lucifer („Lichtträger") — und aus dieser Übersetzung eines ursprünglich auf einen irdischen Tyrannen gemünzten Spottlieds formten die Kirchenväter die Gestalt des gefallenen, einst höchsten Engels, der aus Hochmut gegen Gott rebellierte und in die Tiefe stürzte. Eine verwandte Klage über einen vollkommenen, dann gefallenen „Kerub" bei Hesekiel (Ez 28,12–17) trat hinzu. So entstand, aus apokalyptischem Bild, prophetischem Spottlied und patristischer Auslegung, die große Erzählung von Luzifers Fall — kanonisch ausgestaltet erst in der Literatur, am mächtigsten in John Miltons Paradise Lost. Es ist lehrreich, dass die vergleichende Religionsgeschichte hier eine theologische Konstruktion im Werden beobachten kann: Die vertraute Geschichte vom stolzen Engel, der zum Teufel wird, ist das Ergebnis einer langen, nachvollziehbaren Deutungsarbeit (siehe auch Das Böse im Vergleich).

Iblîs' Weigerung: „Ich bin besser als er"

Der Islam erzählt den „Fall" anders — und mit einer ganz eigenen, fast philosophischen Zuspitzung. Nach dem Koran (al-Baqara 2,34; al-Aʿrâf 7,11–13; al-Hidschr 15,28–35; Sâd 38,71–78) befiehlt Gott den Engeln, sich vor dem neu erschaffenen Adam niederzuwerfen. Alle Engel gehorchen — außer Iblîs. Auf Gottes Frage, was ihn an der Niederwerfung gehindert habe, antwortet er mit den berühmten Worten: „Ich bin besser als er. Mich hast du aus Feuer erschaffen, ihn aber aus Lehm" (7,12). Der Koran stellt eigens klar (al-Kahf 18,50), dass Iblîs nicht zu den Engeln, sondern zu den Dschinn gehörte — ein aus rauchlosem Feuer geschaffenes Wesen, das sich gleichwohl in der Schar der Engel befand. Seine Sünde ist mithin nicht Ungehorsam aus Schwäche, sondern Hochmut (istikbâr) und ein falscher Analogieschluss (qiyâs): Er hält das Feurige für edler als das Irdene und maßt sich an, Gottes Befehl mit eigener Vernunft zu überstimmen. Zur Strafe wird er verflucht und aus der göttlichen Nähe verstoßen; er erbittet jedoch Aufschub bis zum Jüngsten Tag und schwört, die Menschen vom rechten Weg abzubringen — woraus die islamische Lehre von der Einflüsterung (vesvese) und vom Widersacher der menschlichen Seele erwächst.

Auffällig ist die Nähe zu einer syrisch-christlichen Quelle: In der „Schatzhöhle" (Me'arat Gazzē) wird ebenfalls erzählt, die Engel hätten sich vor Adam niederwerfen sollen, und der Teufel habe sich geweigert. Die islamische und die syrische Erzählung teilen das Motiv der Niederwerfung vor Adam und die Begründung „Feuer gegen Lehm". In der späteren Sufi-Tradition wird Iblîs sogar zur tragisch-ambivalenten Gestalt: Mystiker wie al-Hallâdsch deuteten seine Weigerung als paradoxen Ausdruck eines fehlgeleiteten Monotheismus — Iblîs habe sich vor niemandem außer Gott niederwerfen wollen und sei gerade an dieser Liebe gescheitert. Psychologisch wiederum lässt sich seine Gestalt mit der gebietenden Seele und mit dem Schatten-Archetyp in Verbindung bringen.

Jakobs Kampf am Jabbok

Eine der rätselhaftesten Engelgeschichten der hebräischen Bibel steht im Buch Genesis (Gen 32,23–33). Auf dem Rückweg in sein Heimatland, in der Nacht vor der gefürchteten Wiederbegegnung mit seinem Bruder Esau, bleibt Jakob allein am Ufer des Flusses Jabbok zurück. Da „rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte heraufzog". Der nächtliche Gegner kann Jakob nicht überwältigen; er schlägt ihm auf das Hüftgelenk, sodass es sich verrenkt, und verlangt, losgelassen zu werden, „denn die Morgenröte ist heraufgezogen". Jakob aber, zäh und unbeugsam, antwortet: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn." Der Unbekannte fragt nach Jakobs Namen und gibt ihm einen neuen: „Nicht mehr Jakob sollst du heißen, sondern Israel (Gottesstreiter); denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und gesiegt." Jakob nennt den Ort Pniel („Angesicht Gottes"), „denn ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet" — und er zieht hinkend weiter, gezeichnet vom Segen.

Die jüdische und christliche Auslegung hat über die Identität des Ringers seit jeher gerungen: ein Engel, der Gott selbst vertritt? Gott in Engelsgestalt? Die rabbinische Tradition sieht in ihm vielfach den Schutzengel Esaus oder einen himmlischen Fürsten. Was die Erzählung so eindringlich macht, ist ihre Umkehrung des üblichen Engelschemas: Hier verkündet der Bote nicht, sondern kämpft; der Mensch erleidet die Begegnung mit dem Himmel nicht passiv, sondern hält dem Ringen stand und erzwingt sich den Segen. Es ist das biblische Urbild des „Ringens mit Gott" — eine bis heute in der Frömmigkeit nachhallende Chiffre für das nächtliche, verwundende und doch segenbringende Gottesleben.

Hesekiels Thronwagen: Räder voller Augen

Am Anfang des Buches Hesekiel (Ez 1) steht eine der überwältigendsten Visionen der gesamten religiösen Literatur — die Schau, die Jahrhunderte jüdischer Mystik begründen sollte. Im babylonischen Exil, „am Fluss Kebar", sieht der Priester Hesekiel einen Sturmwind aus dem Norden, eine gewaltige Wolke und loderndes Feuer. Aus der Mitte treten vier lebende Wesen (ḥayyôt) hervor, jedes mit vier Gesichtern — dem eines Menschen, eines Löwen, eines Stieres und eines Adlers — und vier Flügeln; sie funkeln „wie glühendes Erz" und fahren dahin „wie der Blitz". Neben jedem Wesen erblickt Hesekiel ein Rad auf der Erde, „und die Räder waren anzusehen wie der Glanz eines Chrysoliths … ein Rad mitten im andern", und ihre Felgen waren ringsum voller Augen. Wohin der Geist die Wesen treibt, dahin gehen die Räder mit, „denn der Geist der lebenden Wesen war in den Rädern". Über den Häuptern aber wölbt sich ein Firmament wie aus Kristall, und darüber ein Thron wie aus Saphir, auf dem „eine Gestalt wie ein Mensch" thront, umgeben von einem Glanz „wie der Regenbogen in den Wolken".

Aus dieser Vision entwickelte die jüdische Mystik die Merkaba — den „Thronwagen" Gottes — zum Zentrum einer ganzen esoterischen Disziplin, des Maʿase Merkava („Werk des Thronwagens"). Die Räder voller Augen werden zu den Ofanim, einer eigenen Engelklasse; die vier Wesen zu den Chajot ha-Qodesch, den „heiligen Lebewesen", die den Thron tragen. Die spätere Hechalot-Literatur (etwa 3.–8. Jh.) schildert die gefährliche Aufstiegsreise des Mystikers durch sieben himmlische Paläste (hēḵālôt), an deren Toren furchterregende Engel Wache halten und nur den durchlassen, der die rechten Hymnen und Siegel kennt. So wurde aus einer einzigen Prophetenschau die Keimzelle der jüdischen Engel- und Thronmystik — und zugleich, in moderner Zeit, ein beliebter Anknüpfungspunkt spekulativer Deutungen aller Art.

Typen, Ämter und Eigenschaften der Engel

Quer durch die Traditionen lassen sich die Boten nach ihren Funktionen ordnen, und es ist aufschlussreich, wie ähnlich diese Ämter wiederkehren. Da sind zunächst die Offenbarungs- und Verkündigungsengel, die Gottes Wort zu den Menschen tragen — Gabriel/Cebrail ist ihr Inbegriff. Da sind die Vollstrecker des göttlichen Willens in der Natur und Geschichte, zuständig für Regen, Wind und Lebensunterhalt (Mikâil) oder für Krieg und Schutz des Gottesvolkes (Michael). Da sind die Lobpreis- und Thronengel, die unablässig das „Heilig, heilig, heilig" singen und Gottes Thron umstehen (Serafim, Chajot). Da sind die Todes- und Seelengeleitengel, die den Sterbenden die Seele abfordern und sie ins Jenseits geleiten (Azrâil; vgl. Berzah). Da sind die Schreiber- und Aufzeichnungsengel, die das Tun der Menschen protokollieren (Kiramen Kâtibîn). Und da sind die Wächter- und Schutzengel, die dem einzelnen Menschen, einem Volk oder einem Ort beigeordnet sind.

Ein wiederkehrender Streitpunkt ist die Substanz der Engel. Die islamische Theologie lehrt, die Engel seien aus Licht (nûr) geschaffen, die Dschinn dagegen aus rauchlosem Feuer und die Menschen aus Lehm — eine klare Dreiteilung der Schöpfung. Die christliche Scholastik, vor allem Thomas von Aquin, bestimmte die Engel demgegenüber als reine, körperlose Geister (substantiae separatae), reine Formen ohne Materie, weshalb jeder Engel — da Individuation bei Thomas durch die Materie geschieht — eine eigene Art für sich bilde. Ein weiteres gemeinsames Merkmal ist die Willenlosigkeit zum Bösen: Die Engel im Islam sind ihrem Wesen nach gehorsam und können nicht sündigen (der ungehorsame Iblîs ist ja gerade kein Engel), während das Christentum mit dem Engelssturz die Möglichkeit eines freien, sündigen Abfalls in die Engelwelt selbst hineinträgt — ein feiner, aber folgenreicher Unterschied in der Architektur der himmlischen Welt.

Besonders verbreitet und über die Konfessionen hinweg lebendig ist der Glaube an den Schutzengel. Das Christentum stützt ihn auf ein Jesuswort über die „Kleinen", deren Engel „im Himmel allezeit das Angesicht meines Vaters schauen" (Mt 18,10), und auf die Szene in der Apostelgeschichte, in der die Gemeinde den befreiten Petrus für „seinen Engel" hält (Apg 12,15). Der Islam kennt die Muʿaqqibât, die „einander Ablösenden", die den Menschen „von vorn und von hinten" behüten (Sure ar-Raʿd 13,11), neben den schreibenden Begleitengeln. Der Zoroastrismus verlegt die schützende Funktion in die Fravashi, das geistige Urbild des Menschen; das Judentum kennt dem Volk und dem Einzelnen beigeordnete Engelfürsten. So tritt überall neben den verkündenden und vollstreckenden Boten ein dem Menschen persönlich zugewandtes Mittlerwesen — vielleicht die volkstümlich wirksamste Engelgestalt überhaupt.

Die großen Vergleiche

Hier liegt der eigentliche Gegenstand dieser Notiz: die Lehren von den Mittlerwesen nebeneinanderzustellen. Die Familienähnlichkeiten sind groß — überall geschaffene Boten zwischen einem transzendenten Grund und der Welt. Doch ebenso real sind die Unterschiede, und sie verlaufen meist an einer bestimmten Bruchlinie: Sind die Mittlerwesen personale Diener eines persönlichen Gottes (so im semitischen Strang), personifizierte Eigenschaften des Göttlichen (so bei den Amesha Spentas), oder selbst anbetungswürdige Götter (so die hinduistischen Devas)?

Christentum — die neun Chöre des Pseudo-Dionysius

Die einflussreichste Ordnung der Engelwelt verdankt das Christentum dem syrischen Mystiker Pseudo-Dionysius Areopagita (um 500), der in seiner Schrift Über die himmlische Hierarchie (De caelesti hierarchia) die in der Schrift verstreuten Engelnamen zu einem strengen System ordnete. Er unterscheidet neun Chöre, gegliedert in drei Triaden. Die erste, höchste Triade — unmittelbar um Gott — bilden die Serafim (die „Brennenden" der Liebe), die Kerubim (die Fülle des Wissens) und die Throne. Die mittlere Triade der „Weltordner" bilden die Herrschaften (Dominationes), die Kräfte / Mächte (Virtutes) und die Gewalten (Potestates). Die dritte, der Welt zugewandte Triade bilden die Fürstentümer (Principatus, Schutzherren der Völker), die Erzengel und die Engel im engeren Sinne, die dem einzelnen Menschen nahestehen. Entscheidend ist Pseudo-Dionysius' Grundgedanke: Die Hierarchie ist kein bloßes Rangsystem, sondern ein Kanal der Erleuchtung — das göttliche Licht strömt von oben nach unten, Chor um Chor, und jede Stufe empfängt, reinigt sich und gibt weiter. So ist gerade die niederste Stufe, der einfache Engel, dem Menschen am nächsten. Diese Ordnung prägte das gesamte Mittelalter, von Thomas von Aquin bis zu Dantes Paradiso.

Islam — die Melâike und die vier großen Erzengel

Die islamische Angelologie (ʿilm al-malāʾika) kennt keine derart abgestufte neunstufige Hierarchie, dafür aber klar umrissene Ämter. Die Engel (Melâike, Singular malak) sind aus Licht geschaffen, sündlos und gehorsam; der Glaube an sie ist Glaubensartikel. An ihrer Spitze stehen vier große Erzengel:

Hinzu treten weitere benannte Klassen: die Kiramen Kâtibîn, die „edlen Schreiber", von denen einer zur Rechten die guten, einer zur Linken die schlechten Taten verzeichnet; die Grabengel Münker und Nekîr, die den Verstorbenen befragen; die Träger des göttlichen Thrones (ḥamalat al-ʿarsch); und Ridwân als Hüter des Paradieses sowie Mâlik als Wächter der Hölle. Die islamische Engelwelt ist also weniger nach Rang als nach Auftrag geordnet — eine himmlische Verwaltung des göttlichen Willens (vgl. Hakîkat-i Muhammediyye zur Mittlerstellung im Kosmos).

Zoroastrismus — die Amesha Spentas und die Yazatas

Der Zoroastrismus kennt mit den Amesha Spentas („Heilige Unsterbliche") eine eigentümliche Mittelgestalt zwischen Engel und göttlicher Eigenschaft. Sie sind die sechs erhabenen Hervorgänge Ahura MazdasVohu Manah (Guter Sinn), Asha Vahishta (Beste Wahrheit/Ordnung), Khshathra Vairya (Erstrebenswerte Herrschaft), Spenta Armaiti (Heilige Hingabe), Haurvatat (Ganzheit) und Ameretat (Unsterblichkeit) —, die zusammen mit Ahura Mazdas eigenem heiligem Geist Spenta Mainyu die heilige Siebenheit bilden. Sie sind zugleich personifizierte göttliche Eigenschaften und wirkende Schutzmächte, von denen jede ein Element der Schöpfung hütet (so Asha Vahishta das Feuer, Haurvatat die Wasser, Ameretat die Pflanzen). Drei gelten als männlich, drei als weiblich. Unter ihnen steht eine zahllose Schar von Yazatas („Verehrungswürdige"), darunter Mithra, Sraosha (der „Gehorsam", ein Wächter über die Seele, besonders in den drei Nächten nach dem Tod) und Verethragna. Eine eigene Rolle spielen die Fravashis — die geistigen Urbilder und Schutzgeister der Seelen, die der Vorstellung vom persönlichen Schutzengel am nächsten kommen: Jeder Mensch, ja jedes gute Geschöpf besitzt seine Fravashi, die schon vor der leiblichen Geburt existiert und nach dem Tod fortbesteht; sie wird im Jahresfest eigens angerufen. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie nah die zarathustrische Lichtwelt der späteren Engelvorstellung kommt — und zugleich, wie eigentümlich sie bleibt, indem sie das geistige Urbild des Menschen selbst zu einem schützenden Mittlerwesen erhebt. Die Forschung sieht in diesem reich gestaffelten Lichtreich eine wichtige Quelle der späteren jüdischen und christlichen Engelvorstellungen. Der ganze Aufbau steht im Dienst des kosmischen Kampfes von Asha gegen Druj (Ordnung gegen Lüge) und zielt auf die endzeitliche Frashokereti, die „Wunderbarmachung" der Welt. Zum Gegenspieler Angra Mainyu und seinen Daēvas vgl. die eigene Notiz.

Hinduismus — die Devas als „Leuchtende"

Anders gelagert ist die hinduistische Deva-Vorstellung. Das Wort deva bedeutet „der Leuchtende, Glänzende" (von der Wurzel div-, „leuchten") und ist sprachlich verwandt mit dem griechischen theós-nahen dios, dem lateinischen deus und dem Namen Zeus — ein Hinweis auf die gemeinsame indoeuropäische Wurzel. Devas wie Indra (Donner und Krieg), Agni (Feuer), Vâyu (Wind), Varuna (kosmische Ordnung und Wasser) oder Sûrya (Sonne) sind die vedischen Mächte, die Naturkräfte und sittliche Werte verkörpern. Der entscheidende Unterschied zu den abrahamitischen Engeln liegt im Status: Devas sind nicht bloß Boten eines höheren Gottes, sondern selbst anbetungswürdige Gottheiten — wenngleich im Rahmen des Vedānta dem einen Brahman nachgeordnet und selbst dem Kreislauf von Werden und Vergehen unterworfen. Sie sind keine Mittler zwischen einem absolut transzendenten Schöpfer und seinen Geschöpfen, sondern Teilhaber an einer durchwirkten, vielfach beseelten Wirklichkeit. Eine strukturelle Parallele zum Engel — das geistige Wesen, das Naturkräfte verwaltet — besteht durchaus; der ontologische Rahmen aber ist ein gänzlich anderer (zur weiblichen Gottesvorstellung vgl. Devî). Bezeichnend ist die religionsgeschichtliche Umkehrung an der iranisch-indischen Sprachgrenze: Während in Indien die devas die guten Götter und die asuras die Dämonen wurden, erhöhte der Iran die ahuras und verdammte die daēvas zu bösen Geistern — dieselben Wörter, entgegengesetzte Wertung.

Judentum — die Merkaba-Engelklassen

Das Judentum entwickelte aus der biblischen Grundlage — den Serafim Jesajas, den Kerubim, den Boten und Heerscharen — und besonders aus Hesekiels Thronwagen eine reiche, gestufte Engelwelt. Merkaba- und Hechalot-Mystik kennen eigene Klassen: die Chajot ha-Qodesch (die throntragenden „heiligen Lebewesen"), die Ofanim (die augenbesetzten „Räder"), die Serafim und die Malachim (Boten im engeren Sinn). Maimonides systematisierte im Mischne Tora schließlich zehn Rangstufen der Engel — von den Chajot über Ofanim, Erelim, Chaschmallim und Serafim bis hinab zu den Ischim, den „menschennahen" Engeln. Die Kabbala ordnete diese Klassen den Welten und Sefirot zu und verband die Engelwelt so mit der gesamten Emanationsordnung, die aus dem verborgenen Ein Sof hervorgeht; der Adam Qadmon als urbildlicher Mensch und die Schechina als gegenwärtige Herrlichkeit Gottes bilden den weiteren Rahmen. Charakteristisch fürs Judentum ist die Funktionalität: Ein klassischer Midrasch lehrt, ein Engel erfülle stets nur einen einzigen Auftrag und werde danach gleichsam wieder eingezogen — die Engel sind Augenblicksgestalten des göttlichen Wirkens, nicht ein dauerhaftes himmlisches Beamtentum. Diese Zurückhaltung hat einen tiefen Grund: Der strenge Monotheismus wacht eifersüchtig darüber, dass die Engel nicht zu eigenen Mächten neben Gott werden. Im Qedusha-Gebet darf die Gemeinde zwar in den Lobgesang der Serafim („Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen") einstimmen, doch die rabbinische Tradition betont, dass Israel den Engeln gleichgestellt oder gar vorgeordnet sei, wo es um die Erfüllung der Tora geht — der Mensch, der das Gebot tut, steht Gott näher als der Engel, der nur lobsingt. Eben deshalb blieb die jüdische Engelverehrung stets gebremst; die Engel sind Diener, niemals Gegenstand des Kultes.

Eine Bilanz der Vergleiche

Quer durch alle Traditionen kehrt dieselbe Grundfigur wieder: ein geschaffenes, geistiges Mittlerwesen, das den Abstand zwischen dem Heiligen und der Welt überbrückt. Das ist die echte, nicht wegzudiskutierende Gemeinsamkeit. Ebenso beständig kehren aber drei Unterschiede wieder. Erstens der ontologische Status: personale Diener eines persönlichen Gottes (Judentum, Christentum, Islam), personifizierte göttliche Eigenschaften (Amesha Spentas) oder selbst anbetungswürdige Gottheiten (Devas). Zweitens die Architektur: eine streng abgestufte Erleuchtungshierarchie (Pseudo-Dionysius), eine nach Ämtern geordnete himmlische Verwaltung (Islam), eine Siebenheit von Eigenschaften (Zoroastrismus) oder ein vielgestaltiges, dem Absoluten nachgeordnetes Götterreich (Hinduismus). Drittens die Möglichkeit des Falls: Wo das Christentum den sündigen Abfall in die Engelwelt selbst hineinträgt (Luzifer), schließt der Islam ihn für die Engel kategorisch aus und verlegt ihn auf den Dschinn Iblîs. So zeigt der Vergleich beides zugleich — eine erstaunliche Konvergenz in der Grundfigur des Boten und eine ebenso klare Divergenz in seiner metaphysischen Verfassung.

Moderne Rezeption

Die Engel haben die Säkularisierung bemerkenswert gut überstanden — verwandelt zwar, aber lebendig. In der Tiefenpsychologie las man die Engelgestalten als Bilder der Seele: als Boten des Unbewussten, als Projektionen des Selbst oder, im Fall des gestürzten Engels, als Gestalt des Schattens. Der Religionsphilosoph Henry Corbin rückte — im Anschluss an Suhrawardî und Ibn ʿArabî — die Angelologie ins Zentrum einer ganzen Lehre vom mundus imaginalis, der „imaginalen Welt": einer realen Zwischenwelt zwischen reinem Geist und Materie, in der die Engel als wirkliche, erkenntnisstiftende Gestalten erscheinen; der persönliche Engel wird hier zum himmlischen „Ich" des Menschen, zu seinem geistigen Gegenüber. Toshihiko Izutsu verglich solche Strukturen über die Kulturgrenzen hinweg.

Zugleich entstand ein populärer, oft von den Traditionen abgelöster Engel-Glaube der Gegenwart: Schutzengel-Frömmigkeit, „Erzengel"-Anrufungen der esoterischen Szene, Engelkarten und Engel-Channeling, in denen die strengen theologischen Konturen einer allgemeinen, tröstlichen Lichtspiritualität weichen. Die Kunst und die Literatur — von Rilkes furchtbaren Engeln der Duineser Elegien („Jeder Engel ist schrecklich") bis zu Wim Wenders' Himmel über Berlin — haben das Bild des Boten zugleich verinnerlicht und verfremdet. So bleibt der Engel, was er von Anfang an war: eine Chiffre für die Berührung zwischen einer anderen Ordnung und der menschlichen Welt — ob man diese andere Ordnung nun Gott, das Unbewusste oder das ganz Andere nennt.

Fazit

Der Engel ist die wohl universalste Brückengestalt der Religionsgeschichte: in seinem Namen schon nicht Substanz, sondern Beziehung — der Bote, der den Abgrund zwischen Himmel und Erde überspannt. Stellt man die Traditionen nebeneinander, so zeigt sich eine doppelte Wahrheit, die festzuhalten der eigentliche Ertrag des Vergleichs ist. Auf der einen Seite eine tiefe Konvergenz: Überall gibt es geschaffene geistige Wesen, die verkünden, vollstrecken, lobpreisen, geleiten und behüten; überall berührt sich in ihnen eine höhere Ordnung mit der menschlichen. Auf der anderen Seite eine ebenso klare Divergenz im metaphysischen Bau — vom personalen Diener über die personifizierte Eigenschaft bis zum eigenständigen Gott, von der lückenlosen Erleuchtungshierarchie bis zur Augenblicksgestalt des einen Auftrags. Wer Gabriel bei Maria wiedererkennt und Cebrail in der Höhle Hira, wer den stürzenden Luzifer neben den hochmütigen Iblîs hält und Hesekiels augenbesetzte Räder neben die Throne des Pseudo-Dionysius, der übt jene nebeneinanderstellende Schau ein, die nicht behauptet, alles sei dasselbe, sondern fragt, worin die Traditionen einander berühren und worin sie unwiderruflich verschieden bleiben — und gerade darin den Boten zwischen Himmel und Erde am genauesten zu Wort kommen lässt.