Mystische Traditionen

Das Feenvolk (Sidhe): Die Anderswelt der Kelten

Das keltische Feenvolk — irisch aos sí, das „Volk der Hügel" — sind in der irischen und schottischen Überlieferung die fortlebenden Tuatha Dé Danann, die sich nach ihrer Niederlage in die Sidhe-Hügel und die Anderswelt zurückzogen. Die Notiz erzählt ihre Mythen — den Rückzug des Göttervolks unter die Erde, die klagende Banshee als Todeskünderin, den untergeschobenen Wechselbalg, die Zeitverzerrung im Reich des Oisín, die Trennung von Seelie und Unseelie Court — und stellt sie vergleichend neben die germanischen Elben, die islamischen Dschinn, die hinduistischen Yakshas und Nagas sowie die Natur- und Ahnengeister anderer Traditionen.

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Definition

Als Feenvolk bezeichnet man im deutschen Sprachgebrauch die Gesamtheit jener übernatürlichen, in der Regel verborgenen Wesen der keltischen — vor allem irischen, schottischen, walisischen, manx- und bretonischen — Überlieferung, die im Irischen aos sí oder daoine sídhe heißen: das „Volk der Hügel" oder die „Leute der ". Das Wort (älter síd, sídhe; ausgesprochen etwa „schii") bezeichnet zunächst die Hügel selbst — die grasbewachsenen prähistorischen Grabhügel und Erdwerke, die über ganz Irland verstreut liegen — und dann, in einer für das keltische Denken bezeichnenden Verschmelzung von Ort und Bewohner, das Volk, das in ihnen wohnt, sowie die ganze Anderswelt, zu der diese Hügel die Tore bilden. Wer vom aos sí spricht, meint also in einem Atemzug einen Ort, ein Volk und ein Reich. Die englische Lehnübersetzung fairy (über altfranzösisch faerie, von lateinisch fata, „Schicksalsfrau") und das deutsche Fee haben diese Wesen später unter einem gemeinsamen, weltweit geläufigen Namen versammelt — auf Kosten freilich ihrer ursprünglichen Würde, denn die kleine, geflügelte Blütenfee der modernen Kinderbuchwelt hat mit den hohen, gefährlichen, gottgleichen Gestalten der alten Sagen nur noch den Namen gemein.

Das Feenvolk ist im Kern nicht „niedlich", sondern ambivalent und mächtig. Die ältesten Quellen kennen die Feen nicht als possierliche Naturgeister, sondern als die fortlebenden Tuatha Dé Danann, das alte Göttervolk Irlands, das nach seiner Niederlage gegen die menschlichen Eroberer nicht starb, sondern sich in die Hügel und in die Anderswelt zurückzog und dort als verborgene, übermenschliche Andersmenschheit weiterlebt. Sie sind unsterblich oder doch ungeheuer langlebig, schön und schrecklich zugleich, leicht zu kränken und dann gefährlich, fähig, Menschen zu segnen oder zu verderben, zu beschenken oder zu rauben. Mit ihnen pflegt der Mensch kein Verhältnis der Anbetung und kein Verhältnis der Verdammung, sondern ein heikles Nachbarschaftsverhältnis aus Höflichkeit, Gabentausch und ängstlicher Tabu-Achtung.

Diese Notiz erzählt zuerst, woher das Feenvolk kommt und aus welchen Quellen wir von ihm wissen; dann entfaltet sie ausführlich seine großen Mythen, Legenden und Geschichten — den Rückzug der Tuatha Dé Danann unter die Erde, die klagende Banshee als Künderin des Todes, den untergeschobenen Wechselbalg, die Zeitverzerrung im Feenreich und die Scheidung von Seelie und Unseelie Court — und beschreibt die Arten und die Schutzbräuche. Schließlich stellt sie das Feenvolk vergleichend neben verwandte Geistwesen anderer Traditionen: die germanischen Elben, die islamischen Dschinn, die indischen Yakshas und Nagas sowie die Natur- und Ahnengeister des Schamanismus. Sie dokumentiert, sie wertet nicht; ob es Feen „gibt", ist nicht ihre Frage, sondern wie eine Kultur die Erfahrung des Unsichtbaren, des Schönen und des Bedrohlichen am Rande der Menschenwelt gedeutet hat.

Herkunft und Quellen: Vom Göttervolk zum Volk der Hügel

Das Feenvolk ist älter als seine Märchen. Seine Wurzel liegt in der vorchristlichen Götterwelt der inselkeltischen Völker, deren Spuren uns nur mittelbar erreichen — denn die Druiden, die Hüter dieses Wissens, gaben ihre Lehre ausschließlich mündlich weiter und mieden die Schrift. Was wir besitzen, verdanken wir erst den christlichen Mönchen des Mittelalters, die ab dem frühen Mittelalter die heidnischen Erzählungen Irlands aufzeichneten, ordneten und — als gelehrte Christen — in eine pseudohistorische Weltchronik einpassten. So sind die Götter selbst zu uns gelangt: nicht als Gegenstand eines lebendigen Kultes, sondern als Helden und Vorzeitkönige einer sagenhaften Frühgeschichte.

Die wichtigste Quelle ist das Lebor Gabála Érenn, das „Buch der Landnahmen Irlands" (im Wesentlichen im 11. Jahrhundert kompiliert) — eine gelehrte mittelalterliche Konstruktion, die die Besiedlung Irlands in einer Folge von Invasionswellen erzählt. In ihr erscheinen die Tuatha Dé Danann, das „Volk der Göttin Danu", als vorletzte dieser Wellen: ein göttliches, in Magie, Dichtung und Handwerk übermächtiges Geschlecht, das die Insel beherrscht, ehe es seinerseits den menschlichen Eroberern weicht. Ergänzt wird dieses Werk durch die großen Erzählzyklen — den Mythologischen Zyklus (die Göttergeschichten, darunter Cath Maige Tuired, „Die Schlacht von Mag Tuired"), den Ulster-Zyklus um den Helden Cú Chulainn und den Finn-Zyklus (Fíanaigecht) um Fionn mac Cumhaill und seinen Sohn Oisín, dem wir die schönste Anderswelt-Erzählung verdanken. Hinzu treten die echtrai und immrama, die „Ausfahrten" und „Seereisen" in die Anderswelt, die walisischen Mabinogi mit ihrem Anderwelt-Reich Annwn und, viele Jahrhunderte später, die reiche mündliche Volksüberlieferung Irlands und Schottlands, die Sammler wie Lady Augusta Gregory, William Butler Yeats, Walter Evans-Wentz (The Fairy-Faith in Celtic Countries, 1911) und die schottische Folkloristin Katharine Briggs im 19. und 20. Jahrhundert dem Vergessen entrissen.

Aus diesem Doppelursprung — alte Götter einerseits, lebendiger bäuerlicher Geisterglaube andererseits — erklärt sich die Doppelnatur des Feenvolks. In der gelehrten Literatur sind die aos sí die abgedankten Götter; im Mund des Landvolks sind sie „die guten Leute", die man fürchtet und beschwichtigt. Eine verbreitete christliche Volksdeutung wiederum erklärte die Feen zu „gefallenen Engeln", die beim Sturz Luzifers nicht tief genug fielen, um in die Hölle zu gelangen, sondern in der Luft, im Wasser und unter den Hügeln hängen blieben — ein Versuch, das alte Volk nachträglich in die christliche Heilsordnung einzupassen, dem im folgenden Vergleich noch zu begegnen sein wird. Es lohnt schon hier eine sprachliche Feinheit: Das Wort sídhe meint zugleich den Hügel, das Volk und den Frieden (síd bedeutet auch „Friede") — als wäre die Anderswelt der Ort einer tieferen, vorzeitlichen Stille, in die das laute Menschengeschlecht nicht eindringen darf.

Mythen, Legenden und Geschichten

Das Wesen des Feenvolks erschließt sich, wie schon bei den verwandten Geistwesen anderer Kulturen, weit weniger über Definitionen als über die Geschichten, die man sich erzählt. Fünf Erzählkreise ragen heraus: der mythische Ursprung im Rückzug der Götter, die Todeskünderin Banshee, der geraubte Mensch und der Wechselbalg, die Verzerrung der Zeit im Feenreich und die Scheidung der Feen in einen hellen und einen dunklen Hof.

Wie die Götter zum Feenvolk wurden: Der Rückzug der Tuatha Dé Danann

Am Anfang steht ein Krieg und eine Niederlage. Nach der Erzählung des Lebor Gabála kamen zuletzt die Milesier (die Meic Míled, die „Söhne des Míl") — die mythischen Ahnen der gälischen Menschen — über das Meer nach Irland und forderten das Land von den Tuatha Dé Danann. Die entscheidende Schlacht fand bei Tailtiu (dem heutigen Teltown in der Grafschaft Meath) statt; in ihr unterlag das alte Göttervolk den neuen, sterblichen Herren der Insel.

Doch die Tuatha Dé Danann starben nicht. Mit den siegreichen Milesiern wurde ein Vertrag der Teilung geschlossen, der zur Grundurkunde der ganzen Feenwelt werden sollte: Die Menschen erhielten die obere Welt — die sichtbare, greifbare Oberfläche der Erde —, das Göttervolk aber die untere, unsichtbare Welt, das Reich „unter" und „neben" der Menschenwelt. In der Überlieferung weist der Dagda, der große Vatergott und letzte König der Tuatha Dé, jedem seiner Leute einen síd zu — einen der grünen Hügel, der nun zu seiner verborgenen Wohnung und zum Tor in die Anderswelt wird. So zogen sich die Götter in die Hügelgräber, unter die Seen, hinter den Nebel zurück und wurden zum aos sí, zum „Volk der Hügel". Aus den Göttern wurden Feen — nicht durch Tod, sondern durch Rückzug ins Verborgene.

Diese Erzählung ist der Schlüssel zu allem Folgenden. Sie erklärt, warum die Feen an bestimmte Orte gebunden sind (an eben jene Hügel, die ihnen zugeteilt wurden); warum sie mächtiger und älter sind als der Mensch (sie sind die alten Götter); warum es zwischen Mensch und Feenvolk ein Verhältnis vertraglicher Nachbarschaft gibt (es geht auf den Teilungspakt zurück); und warum die Anderswelt nicht „oben" im Himmel, sondern „unten" und „nebenan" liegt, durch jeden Grabhügel, jede Quelle, jeden einsamen Weißdornbusch erreichbar. Die großen Gestalten der Tuatha Dé — der Dagda mit seinem Kessel der Fülle, der lichte Lugh der vielen Künste, die Schlachtenkrähe Morrígan, die heilkundige Brigid, der Meeresgott Manannán mac Lir, der die Tore der Anderswelt hütet — leben als die hohen Herren und Königinnen des Feenreichs fort. Ihr berühmtester Wohnsitz ist Brú na Bóinne, das gewaltige neolithische Ganggrab von Newgrange am Fluss Boyne, das die Sage dem Dagda und seinem Sohn Aengus, dem Gott der Jugend und Liebe, zuschreibt.

Die Banshee: Die klagende Frau, die den Tod ansagt

Keine Gestalt des Feenvolks ist berühmter und keine unheimlicher als die Banshee (irisch bean sí, „Frau der Hügel", „Frau der Anderswelt"; schottisch bean shìth). Ihr Name sagt schon alles: Sie ist eine Feenfrau, doch eine von besonderer, schauerlicher Bestimmung — sie ist die Künderin des Todes. Wenn in einer Familie jemand sterben soll, so erhebt die Banshee in der Nacht ihre Stimme: ein lang gezogenes, durchdringendes Klagen, Wehklagen, Heulen oder Kreischen, das die Hörenden nicht erschreckt, sondern mit unsäglicher Trauer erfüllt. Ihr Ruf heißt caoine — „Keening", die Totenklage. Damit weist die Banshee unmittelbar auf einen uralten gälischen Brauch zurück: das Amt der bean chaointe, der „klagenden Frau", die bei Begräbnissen die improvisierte Totenklage anstimmte. Die Banshee ist gleichsam die übernatürliche Klagefrau, die nicht erst beim Begräbnis, sondern schon vor dem Tod zu weinen beginnt.

Die Banshee bringt den Tod nicht — sie kündigt ihn nur an. Darin liegt eine eigentümliche Würde: Sie ist keine Mörderin, sondern eine trauernde Wächterin, oft an eine bestimmte Familie gebunden, deren Geschicke sie über Generationen begleitet. Die Überlieferung verband ihre Klage ursprünglich mit den großen alten gälischen Geschlechtern, deren Namen das irische Vorsilbenpaar Ó und Mac tragen — genannt werden etwa die O'Neills, O'Briens, O'Connors, O'Gradys und die Kavanaghs —; eine Familie mit „eigener" Banshee zu haben, galt zugleich als Schrecken und als Zeichen alten, edlen Blutes. In ihrer Gestalt schwankt sie zwischen drei Bildern: der schönen jungen Frau, der würdevollen Matrone und der schrecklichen, zerzausten Greisin mit langem, weißem oder rotem Haar, die in einem grauen Umhang oder Leichengewand erscheint und sich oft die Haare rauft. In manchen Erzählungen sieht man sie an einem Fluss kauern und blutbefleckte Totenhemden waschen — hier verschmilzt sie mit der schottischen bean nighe, der „Waschfrau", deren Anblick verrät, wessen Leichentuch sie wäscht: das des Beschauers oder eines ihm Nahestehenden. So verdichtet die Banshee die ganze keltische Haltung zum Tod: Er ist nicht das gänzlich Fremde, sondern wird von einer Stimme aus der Anderswelt angesagt, beweint und in die Ordnung der Hügel eingebunden.

Der geraubte Mensch und der Wechselbalg (Changeling)

Die dunkelste und im Volksglauben folgenreichste Furcht vor dem Feenvolk ist die vor dem Raub von Menschen. Die Feen, so glaubte man, begehren die Schönheit, die Gesundheit und vor allem die Neugeborenen und jungen Mütter (Wöchnerinnen) der Menschenwelt. Sie stehlen sie und tragen sie fort in die Hügel — und an die Stelle des geraubten Kindes legen sie ein Wechselbalg (englisch changeling, irisch iarlais): ein untergeschobenes Wesen, das dem geraubten Kind zum Verwechseln ähnlich sieht, in Wahrheit aber ein alter, kränkelnder Feenmann, ein gestaltetes Stück Holz (ein stock) oder ein siechender Feenabkömmling ist.

Man erkannte den Wechselbalg, so die Überlieferung, an verräterischen Zeichen: Das einst gesunde, blühende Kind wurde plötzlich mürrisch, zehrend, schreiend und nicht zu sättigen, gedieh nicht, blieb verkümmert oder zeigte eine unheimliche, altkluge Reife — es „aß für vier und wuchs doch nicht". Hinter dieser Vorstellung steht, das ist heute kaum zu übersehen, der verzweifelte Versuch vorindustrieller Gesellschaften, das plötzliche Verkümmern, Erkranken oder Sterben von Säuglingen — Gedeihstörungen, angeborene Behinderungen, den plötzlichen Kindstod — in einer Welt ohne Medizin zu erklären und zu ertragen. Die Schutz- und „Rückgewinnungs"-Bräuche, die sich daran knüpften, konnten harmlos sein (man legte dem Kind Eisen oder ein Gebet bei), in grausamen Fällen aber auch tödlich, wenn man das vermeintliche Wechselkind durch Feuer, Glut oder Wasser zu „vertreiben" suchte — ein finsteres Kapitel, das die irische Folklore bis in dokumentierte Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts hinein begleitet. Genau diese Wechselbalg-Furcht hat eine fast wörtliche Entsprechung im anatolisch-türkischen Glauben an die Albastı (Al Karısı), den weiblichen Dämon, der Wöchnerinnen und Neugeborene bedroht und gegen den man — wie gegen die Feen — Eisen ans Wochenbett legte (siehe die anatolische Volksmedizin und den Vergleich unten). Die Angst der Mutter um ihr neugeborenes Kind hat über die Kulturen hinweg dieselben Bilder hervorgebracht.

Die Zeit, die anders fließt: Oisín in Tír na nÓg

Wer das Feenreich betritt, gerät aus der Zeit der Menschen heraus — das ist eines der schönsten und melancholischsten Motive der ganzen keltischen Überlieferung. Die klassische Erzählung ist die von Oisín (Ossian), dem Dichter-Krieger und Sohn des Helden Fionn mac Cumhaill, und der Feenprinzessin Niamh „vom goldenen Haar".

Niamh, die Tochter des Königs von Tír na nÓg — dem „Land der Jugend", einer der Anderswelten —, reitet auf einem weißen, über das Meer galoppierenden Ross in die Menschenwelt, weil sie sich in den Ruf des Dichters Oisín verliebt hat, und nimmt ihn mit in ihr Reich. Dort lebt Oisín mit ihr in vollkommenem Glück: ewige Jugend, kein Alter, kein Tod, kein Mangel. Nach — wie es ihm scheint — drei Jahren überkommt ihn dennoch das Heimweh nach Irland, nach seinem Vater und seinen Gefährten, und Niamh lässt ihn ziehen, auf demselben weißen Ross, mit der einen, alles entscheidenden Warnung: Er dürfe in Irland niemals den Boden berühren, niemals vom Pferd steigen.

Oisín aber findet ein verändertes Land. Fionn und die Fianna sind längst tot, ihre Burgen verfallen, ihre Taten zur fernen Sage geworden — denn in der Menschenwelt sind nicht drei, sondern dreihundert Jahre vergangen. Als er, sich zu Hilfe beugend, vom Pferd gleitet (oder herabstürzt) und mit der Hand oder dem Fuß die irische Erde berührt, holen ihn im selben Augenblick die drei Jahrhunderte ein: Das weiße Ross flieht, und Oisín altert in einem Atemzug zum uralten, gebrechlichen Greis, der nur noch lange genug lebt, um seine Geschichte zu erzählen — in der christlichen Rahmung der späteren Fassungen dem heiligen Patrick selbst, womit das alte heidnische Zeitalter dem neuen christlichen sein Vermächtnis übergibt.

Dieses Motiv der Zeitverzerrung kehrt in der Feenliteratur unzählige Male wieder: Wer im Feenhügel an einem Tanz oder einem Mahl teilnimmt und glaubt, eine einzige Nacht geblieben zu sein, kehrt nach sieben, hundert oder mehr Jahren zurück und findet alle Vertrauten gestorben; oft zerfällt der Heimkehrer zu Staub, sobald er Brot der Menschenwelt isst oder den Boden berührt. Eng damit verbunden ist das Nahrungstabu: Wer in der Anderswelt isst oder trinkt, bindet sich an sie und kann nicht mehr in die Menschenwelt zurück — denn, so die Logik der Überlieferung, die Speise der Feen verwandelt den Leib des Essenden in einen feenhaften, der für die Menschenwelt nicht mehr taugt. Die Anderswelt ist eben keine Ferne im Raum, sondern eine andere Ordnung der Zeit und des Stoffes; man kehrt aus ihr nie ungestraft und nie unverändert zurück.

Der helle und der dunkle Hof: Seelie und Unseelie Court

Vor allem die schottische Überlieferung gliedert das Feenvolk in zwei große „Höfe" oder Heerscharen — eine Scheidung, die in dieser Klarheit beinahe einzigartig in der Folklore der Welt ist. Das Wort „Seelie" stammt aus dem älteren Schottischen (verwandt mit deutsch selig) und bedeutet „gesegnet, glücklich, gut gesinnt"; „Unseelie" entsprechend „ungesegnet, unheilvoll, böswillig".

Der Seelie Court („Gesegneter Hof") umfasst die Feen, die dem Menschen im Ganzen wohlgesinnt sind: Sie nehmen Gaben an und vergelten Freundlichkeit mit Hilfe, warnen den, der sie versehentlich gekränkt hat, statt ihn sogleich zu strafen, und schließen sich der nächtlichen, prächtigen Feenkavalkade (dem Fairy Rade) an. Doch — und das ist entscheidend — auch die „seligen" Feen bleiben launisch und gefährlich: Sie rächen jede bewusste Beleidigung, und der Name „Seelie" war womöglich von Anfang an ein beschwichtigender Euphemismus, eine höfliche Anrede, die das gefürchtete Volk gnädig stimmen sollte — ganz so, wie der irische Volksmund von den „guten Leuten" (na daoine maithe) oder „der Gentry" sprach, gerade weil man sie fürchtete.

Der Unseelie Court („Ungesegneter Hof") dagegen versammelt die durchweg bösartigen Wesen: jene Feen, Spukgestalten und finsteren Geister, die dem Menschen schaden, ihn schrecken, jagen und verderben — und zwar, anders als beim Seelie Court, ohne dass es einer Kränkung bedurft hätte. Sie greifen aus reiner Bosheit an, oft in heulenden Scharen, die nachts durch die Lüfte ziehen (eine schottische Parallele zur germanischen Wilden Jagd). Diese Zweiteilung in einen hellen und einen dunklen Hof ist im Übrigen kein archaisches Erbe, sondern eine relativ späte, vor allem neuzeitlich-schottische Systematisierung des Glaubens — sie ordnet die ältere, durchgehend ambivalente Feenwelt nachträglich nach Gut und Böse. Über die moderne Fantasyliteratur (von Märchen über die Romantik bis zu zeitgenössischen Romanen und Rollenspielen) sind „Seelie" und „Unseelie" zu festen Begriffen der Populärkultur geworden.

Die Anlässe und Schwellen: Wann und wo das Feenvolk nahe ist

Das Feenvolk ist nicht überall und nicht immer gegenwärtig, sondern an Schwellen gebunden — an Übergänge in Raum und Zeit, an denen die Grenze zwischen den Welten dünn wird. Räumlich sind dies die raths und forts (die ringförmigen Erdwälle), die Grabhügel, einzelne Weißdorn- und Holunderbäume (der „Feenbaum", den zu fällen Unglück bringt), Feenringe aus Pilzen im Gras, Quellen, Furten, Wegkreuzungen und die Grenzen der Felder. Zeitlich ist es vor allem die Dämmerung — die Schwelle zwischen Tag und Nacht — sowie die großen keltischen Schwellenfeste: Samhain (die Nacht des 31. Oktober auf den 1. November, an der die Grenze zur Anderswelt am durchlässigsten ist und Lebende wie Tote umgehen) und Beltane (1. Mai), ferner die Feste des Imbolc und Lughnasadh. An diesen „Nahtstellen" zieht das Feenvolk um, hält seine Feste, raubt und beschenkt — und gerade dann gilt es, die Bräuche der Vorsicht zu wahren.

Arten und Gestalten des Feenvolks

Das Feenvolk ist kein einförmiges Geschlecht, sondern eine vielgestaltige Bevölkerung. Die Folkloristik unterscheidet grob zwei große Klassen, die schon W. B. Yeats hervorhob: die „trooping fairies", die in Scharen auftreten — das höfische, ritterliche Volk der Kavalkaden, das in Hügeln residiert und Könige und Königinnen kennt —, und die „solitary fairies", die einzeln und meist abseits der Menschen leben und oft die unheimlicheren, mürrischeren Gestalten stellen. Zu den bekanntesten Einzelgestalten gehören:

Über diesem bunten Volk stehen die Feenkönige und -königinnen — Erben der alten Götter —, deren bekannteste die Königin Medb (Maeve) und, in der englischen Dichtung, Oberon und Titania (Shakespeares Ein Sommernachtstraum) sind. So reicht die Skala vom hilfreichen Hausbrownie über den listigen Leprechaun und den mörderischen Kelpie bis zur hoheitlichen Feenkönigin — ein ganzes Spiegelvolk, das die Menschenwelt in der Anderswelt noch einmal abbildet.

Schutz und Umgang: Eisen, Milch und die Achtung der Tabus

Da das Feenvolk mächtig, gegenwärtig und leicht zu reizen war, entwickelte der Volksglaube ein abgestuftes Arsenal des Schutzes und des klugen Umgangs — weniger eine Magie der Abwehr als eine Etikette der guten Nachbarschaft.

Das wirksamste Schutzmittel ist Eisen, vor allem „kaltes Eisen" (cold iron). Die Feen, so der gemeineuropäische Glaube, scheuen und fürchten das Eisen — vielleicht ein ferner Nachhall der Verdrängung einer älteren (bronze- oder steinzeitlichen) Kultur durch die eisenführenden Neuankömmlinge, sodass das „alte Volk" gerade vor dem Metall der „neuen" Menschen zurückweicht. Man nähte einem Säugling ein Stück Eisen in den Saum des Hemdchens, legte eine eiserne Schere oder einen Nagel in oder unter die Wiege, hängte ein Hufeisen mit der Öffnung nach oben (wie ein „C", damit das Glück nicht ausläuft) über die Tür und trug einen Eisennagel bei sich — denn „kaltes Eisen in der Tasche heftet den Menschen an die Erde", sodass ihn keine Fee forttragen kann.

Daneben steht die uralte Praxis der Gabe und Beschwichtigung. Man stellte den „guten Leuten" allabendlich oder zu bestimmten Festen ein Schälchen Milch, Sahne oder Butter, ein Stück Brot oder Barmbrack vor die Tür, an die Schwelle oder an die Wurzeln des Feenbaums; man ließ beim Buttern einen Klecks Butter „für sie" zurück und einen letzten Tropfen im Glas. Dahinter steht die feste Überzeugung: Bleibt die Gabe aus, rächen sich die Feen mit Unglück, verdorbener Butter, krankem Vieh, Missernte — und die Schuld trifft dann den Menschen, der die Pflicht der Nachbarschaft versäumt hat. Hinzu treten weitere Bräuche: das Salz, die Vogelbeere (Eberesche, rowan) und der Holunder als schützende Pflanzen, das Umkrempeln der Kleidung (das die Feen verwirrt), das Vermeiden ihrer Orte und Stunden, der Segensspruch beim Ausgießen heißen Wassers, beim Betreten eines Hügels oder beim Nennen ihres Namens — wobei man ihren wahren Namen lieber gar nicht aussprach, sondern sie umschrieb als „die guten Leute", „die Gentry", „die Nachbarn". Genau dieselbe Scheu vor dem Namen kennt der anatolische Volksglaube, der die Dschinn als „die Drei-Buchstabigen" umschreibt — und genau dasselbe Eisen am Wochenbett schützt dort gegen die Albastı wie hier gegen den Wechselbalg.

Die großen Vergleiche

Stellt man das Feenvolk neben die Geistwesen anderer Traditionen, so zeigt sich dasselbe durchgehende Muster, das schon den Dschinn-Vergleich bestimmte: Fast jede Kultur kennt eine dritte Klasse von Wesen zwischen dem höchsten Göttlichen und dem Menschen — mächtiger, unsichtbarer und langlebiger als der Mensch, an Schwellenorte gebunden, leicht zu reizen und tief ambivalent. Die Gemeinsamkeiten sind real; ebenso real sind die Unterschiede, und sie liegen meist an drei Bruchlinien: am ontologischen Status (geschaffen und sterblich, oder göttlich-vorzeitlich?), an der moralischen Verfassung (neutral-ambivalent, eindeutig böse oder jenseits von Gut und Böse?) und an der erlaubten Beziehung (Abwehr, Verehrung, Kooperation oder höfliche Nachbarschaft?).

Keltische Welt — das Feenvolk (Sidhe)

Das Feenvolk bildet, wie dargestellt, eine gottgleich-vorzeitliche, amoralische Andersmenschheit. Die aos sí sind weder von einem Schöpfergott geschaffen noch einem Gericht unterworfen noch ursprünglich nach Gut und Böse geschieden — sie sind die fortlebenden alten Götter selbst, in die Hügel und die Anderswelt zurückgezogen. Mit ihnen unterhält der Mensch kein Verhältnis der Anbetung und kein Verhältnis der Verdammung, sondern eine heikle Nachbarschaft aus Gabentausch, Höflichkeit und Tabu-Achtung. Genau diese Verbindung von göttlicher Herkunft, sittlicher Neutralität und nachbarschaftlicher Gegenseitigkeit ist die Eigenart, an der sich die folgenden Vergleiche messen lassen.

Germanische Welt — die Elben (Álfar)

Die nächste und natürlichste Parallele bieten die germanischen Elben (altnordisch álfar, altenglisch ælfe, daher das deutsche „Elf/Elbe"). Auch sie sind übernatürliche, schöne, mächtige Wesen, eng mit den Göttern verbunden — die nordische Überlieferung nennt oft „Æsir und Álfar" in einem Atemzug, und der Vanengott Freyr herrscht über Álfheimr, die „Elbenwelt". Snorri Sturluson scheidet in der Prosa-Edda Ljósálfar („Lichtelben", „schöner als die Sonne") und Dökkálfar („Dunkelelben", „schwärzer als Pech") — eine Hell-Dunkel-Teilung, die der schottischen Scheidung von Seelie und Unseelie Court frappierend ähnelt. Wie die Feen können die Elben Krankheit senden (der „Elbenschuss", ælfscot; vgl. das deutsche „Alpdruck" vom Alp), Menschen betören und an Schwellenorten wohnen; und ebenso teilen die kleineren germanischen Hausgeister — Holda/Frau Holle, Kobolde, Wichtel, Zwerge — mit dem keltischen Brownie und Leprechaun die häusliche Sphäre und das Bedürfnis nach Achtung und kleiner Gabe.

Der Unterschied liegt im Grad der theologischen Einbindung, nicht im Wesen: Die Álfar stehen fest in einem polytheistischen Götterkosmos mit eigenen Welten (Álfheimr) und göttlichen Herrschern, während die aos sí gerade die abgedankten, ins Verborgene zurückgewichenen Götter eines untergegangenen Kultes sind. Beide Traditionen aber teilen denselben Grundzug — eine amoralische, gottverwandte Andersmenschheit, gegen die dasselbe Mittel hilft (Eisen) und der dieselbe Höflichkeit gebührt. Hier liegen die Familienähnlichkeiten so dicht, dass die spätere europäische Sammelvorstellung von „Feen, Elfen und Zwergen" beide Stränge fast bruchlos verschmolzen hat.

Islam — die Dschinn

Eine reichere, weil theologisch ganz anders gebaute Parallele bieten die islamischen Dschinn. Die Gemeinsamkeiten sind auffallend und gehen bis ins Erzähldetail: Beide sind unsichtbar oder nur zu bestimmten Zeiten sichtbar, bewohnen Schwellenorte (Ruinen, Quellen, Schwellen, die Dämmerung), sind leicht zu kränken und dann gefährlich, rauben Menschen — der untergeschobene Wechselbalg entspricht genau der anatolischen Albastı-Furcht —, und werden mit denselben Mitteln abgewehrt: Eisen, bestimmte Kräuter, Schwellensegen, die Scheu vor dem Namen (die „Drei-Buchstabigen" hier, „die guten Leute" dort).

Der tiefe Unterschied ist der religiöse Rahmen. Die Dschinn sind in eine streng monotheistische Schöpfungsordnung eingebunden: Sie sind ausdrücklich geschaffen (aus rauchlosem Feuer), sterblich, moralisch frei (es gibt fromme und frevelnde, gläubige und ungläubige Dschinn) und am Jüngsten Tag dem Gericht unterworfen wie der Mensch. Das Böse unter ihnen ist nicht ihr Wesen, sondern ihre Wahl. Das Feenvolk dagegen steht außerhalb jeder Schöpfungs- und Heilstheologie: Die aos sí sind weder geschaffen noch gerichtet noch ursprünglich nach Glaube und Tat geschieden, sondern die vorzeitliche, gottgleiche Macht des Landes selbst. Und während der bewusste Umgang mit Dschinn — ihre Beschwörung und Dienstbarmachung — im Islam grundsätzlich verdächtig und meist verboten ist (erlaubt ist nur die Abwehr, die Zuflucht zu Gott), pflegt der keltische Volksglaube mit dem Feenvolk gerade ein erlaubtes, ja gebotenes Verhältnis der gegenseitigen Gabe. Bezeichnenderweise versuchte die christliche Volksdeutung, die Feen nachträglich doch in eine Heilsordnung zu zwingen, indem sie sie zu „gefallenen, aber nicht verdammten Engeln" erklärte — eine Lösung, die strukturell an die islamische Einordnung erinnert, ohne deren Klarheit zu erreichen.

Hinduismus — Yakshas und Nagas

Im indischen Raum bieten sich vor allem zwei Vergleichsgrößen an, die den ortsgebundenen, ambivalenten Zug des Feenvolks teilen. Die Yakshas sind Natur- und Ortsgeister, die in Bäumen, Wäldern, Bergen und vor allem an Quellen, Teichen und verborgenen Schätzen hausen — wohltätige Spender der Fruchtbarkeit und des Reichtums in der einen, gefährliche, menschenfressende Schreckgestalten in der anderen Gestalt. Ihre Doppelnatur (segnend und bedrohlich), ihre Bindung an Orte und ihre Rolle als Hüter verborgener Schätze machen sie zu einer der nächsten außereuropäischen Entsprechungen des Feenvolks — der schatzhütende Yaksha und der goldhütende Leprechaun sind nahe Verwandte. Die Nagas wiederum, die schlangengestaltigen Wassergeister, die Quellen, Flüsse und unterirdische Schatzreiche bewohnen, entsprechen funktional den keltischen Wassergeistern (Kelpie, den Bewohnern der Feenseen) und teilen die Gefährlichkeit des berührten Wassers. Auch die Asuras und die nächtlichen, gestaltwandelnden Rakshasas berühren sich mit den dunkleren Feen.

Der Unterschied liegt im kosmologischen Rahmen: Yakshas, Nagas und Rakshasas sind eingebettet in das Gesetz von Karma und Wiedergeburt — ein Wesen kann als Yaksha oder Naga geboren werden infolge früherer Taten und in einem künftigen Leben aufsteigen oder absteigen; ihre Existenzform ist eine Daseinsstufe im Kreislauf, nicht eine feste, parallele Andersmenschheit wie die aos sí. Wo der keltische Glaube eine vorzeitliche Nachbarschaft kennt, kennt der indische einen durchlässigen Kreislauf, in dem die Grenze zwischen Mensch, Geist und Gott eine Frage der karmischen Wiedergeburt ist.

Schamanismus und Naturreligion — Natur- und Ahnengeister

Am weitesten, aber in einem entscheidenden Punkt am aufschlussreichsten, führt der Vergleich mit den Geistwesen des Schamanismus und der animistischen Naturreligionen. In den nord- und zentralasiatischen Traditionen, die unter dem Himmelsgott Tengri eine ganze Stufenleiter von Geistern kennen, ist die Welt durchwirkt von Orts-, Berg-, Wasser-, Wald- und Ahnengeistern, die — wie das Feenvolk — an bestimmte Plätze gebunden sind, gekränkt werden können und Krankheit senden. Hier ist die Bindung an den Ort und die Ambivalenz dem keltischen Befund sehr nahe.

Der entscheidende Unterschied liegt in der erlaubten Beziehung. Der Schamane tritt mit diesen Geistern in eine bewusste, geregelte, rituelle Beziehung: Er ruft Hilfsgeister an, verhandelt mit ihnen, reist in ihre Sphären, um Seelen zurückzuholen oder Heilung zu erwirken — die Geister sind Partner und Helfer im rituellen Haushalt der Gemeinschaft. Im keltischen Volksglauben dagegen gibt es keine schamanische Reise zum Feenvolk und keine geregelte Beschwörung; das Verhältnis ist das einer scheuen, distanzwahrenden Nachbarschaft — man meidet, beschwichtigt und tauscht Gaben, aber man verbündet sich nicht. Wer doch in den Hügel eindringt oder von den Feen geholt wird, kehrt — wie Oisín — verändert, gealtert oder gar nicht zurück. So markiert der Bogen von der schamanischen Kooperation über die nachbarschaftliche Tabu-Achtung der Kelten bis zur islamischen Abwehr der Dschinn die ganze Bandbreite, wie Menschen sich zu den verborgenen Mitbewohnern ihrer Welt verhalten können.

Bilanz der Vergleiche

Quer durch die Traditionen kehrt dieselbe Grundfigur wieder: eine Klasse unsichtbarer, mächtiger, an Schwellenorte gebundener und leicht reizbarer Wesen, die zwischen Gott(heit) und Mensch stehen — und überall begegnen dieselben Erzähl- und Abwehrmotive: der Kindsraub und der Wechselbalg, die Scheu vor Eisen, die gefährliche Dämmerstunde, die Bindung an Hügel, Quellen und Bäume, die Furcht vor dem Namen. Ebenso beständig kehren die Unterschiede wieder. Erstens der ontologische Status: Das Feenvolk und die ältesten Elben sind gottgleich-vorzeitlich; die Dschinn ausdrücklich geschaffen und sterblich; die indischen Geister Stufen im Kreislauf der Wiedergeburt. Zweitens die moralische Verfassung: Das Feenvolk ist (wie die Naturgeister) ursprünglich jenseits von Gut und Böse und wird erst spät, im Seelie/Unseelie-Schema, nachträglich geschieden; die Dschinn sind ambivalent und frei; die christlichen gefallenen Engel unwiderruflich böse. Drittens die erlaubte Beziehung: höfliche Nachbarschaft und Gabentausch bei den Kelten, Abwehr im Islam, kultische Kooperation im Schamanismus. In dieser dritten Achse zeigt sich am schärfsten, dass nicht das Wesen der Geister, sondern die religiöse Ordnung, in die eine Kultur sie stellt, über ihre Bedeutung entscheidet.

Moderne Rezeption

Wie wenige andere mythische Vorstellungen hat das Feenvolk den Sprung in die globale Kultur geschafft — meist freilich in stark verniedlichter Gestalt. Aus den hohen, gefährlichen Göttergestalten der alten Sagen wurde über die Märchensammlungen, die viktorianische Feenmalerei und die Kinderliteratur die kleine, geflügelte, harmlose Blütenfee — ein Bild, das von der Bühne (Peter Pans „Tinker Bell") über die Werbung bis zur Spielzeugindustrie reicht und mit dem ursprünglichen aos sí nur noch wenig gemein hat. Der Leprechaun wurde, grün gekleidet, zum touristischen Wahrzeichen Irlands.

Parallel dazu lebt die ernste Tradition kraftvoll fort. Die keltische Renaissance um 1900 — W. B. Yeats, Lady Gregory, die Folkloristen des Fairy-Faith — sammelte und veredelte den Feenglauben zu großer Dichtung und nationaler Selbstvergewisserung. J. R. R. Tolkien schöpfte für seine hohen, unsterblichen, lichten Elben bewusst aus dem germanischen álfar- und dem keltischen Feen-Erbe und gab der Fantasyliteratur damit ihr bis heute prägendes Elbenbild; in seinem Gefolge sind „Seelie" und „Unseelie", die Feenhöfe und das „kalte Eisen" zu festen Bausteinen unzähliger Romane, Filme und Rollenspiele geworden. Das Neuheidentum und moderne keltisch inspirierte Strömungen wiederum nehmen das Feenvolk wieder spirituell ernst und pflegen Bräuche der Gabe und der Achtung neu. Und in Irland ist der Glaube keineswegs nur Folklore der Vergangenheit: Bis in die jüngste Zeit reichen dokumentierte Fälle, in denen man Straßen oder Bauvorhaben um einen „Feenbaum" oder einen rath herumführte, statt ihn zu zerstören — aus einer bis heute nicht ganz erloschenen Scheu, die „guten Leute" zu kränken.

Auch die vergleichende und psychologische Deutung hat sich des Feenvolks angenommen. Wo eine ältere Religionswissenschaft in ihm das Fortleben vorchristlicher Götter und Naturgeister sah, lesen tiefenpsychologisch geprägte Deutungen die Feen — wie verwandte Geistgestalten — als Bilder innerer und kollektiver Mächte, als Personifikationen des Unverfügbaren, des Schönen, des Todes (die Banshee) und der Angst der Mutter um ihr Kind (der Wechselbalg). Ob man die aos sí als reale unsichtbare Wesen, als abgedankte Götter, als Personifikationen seelischer Kräfte oder als kulturelles Gedächtnis einer untergegangenen Vorzeit versteht — sie bleiben eines der eindrücklichsten Beispiele dafür, wie der Mensch die unsichtbare Hälfte seiner Welt bevölkert und sie mit Höflichkeit und Furcht zugleich bewohnt hat.

Fazit

Das keltische Feenvolk ist die Antwort der inselkeltischen Kultur auf jene Frage, die jede Tradition stellt: Wer sonst noch bewohnt die Welt — neben den Göttern und den Menschen? Aus den besiegten, aber nicht gestorbenen Tuatha Dé Danann machte die Überlieferung das „Volk der Hügel", das sich nach dem Teilungspakt in die Anderswelt zurückzog und dort als gottgleiche, amoralische, leicht zu kränkende Andersmenschheit fortlebt. In seinen Geschichten — dem Rückzug der Götter unter die Erde, der klagenden Banshee, dem untergeschobenen Wechselbalg, dem in Tír na nÓg aus der Zeit gefallenen Oisín, den beiden Höfen der seligen und unseligen Feen — verdichtet sich eine ganze Anthropologie der Schwelle: der Furcht und der Höflichkeit, des Todes und der Gabe, der dünnen Grenze zwischen den Welten.

Im Vergleich tritt das Feenvolk als eine eigene Lösung unter vielen hervor: gottgleich-vorzeitlicher und amoralischer als die geschaffenen, gerichteten Dschinn, dem germanischen Álfar-Volk eng verschwistert, den schatzhütenden Yakshas und Nagas in der Ambivalenz nahe und doch ohne deren karmischen Kreislauf, scheuer und distanzierter als die kooperativen Geister des Schamanismus. Es neben sie zu stellen heißt nicht, sie gleichzusetzen, sondern zu sehen, worin die Traditionen einander berühren — im Bild des unsichtbaren, mächtigen Nachbarn — und worin sie unwiderruflich verschieden bleiben: in der Ordnung, die jede von ihnen über die andere Hälfte der Welt legt. Und vielleicht liegt gerade in der keltischen Antwort eine eigene Tiefe: dass man die verborgenen Mächte weder anbetet noch verdammt noch beherrscht, sondern mit ihnen — vorsichtig, höflich, ein Schälchen Milch an der Schwelle — als Nachbarn lebt.