Mystische Traditionen

Asura: Die Gegenspieler der Götter

Die Asura sind in der indischen Mythologie die mächtigen Widersacher der Devas (Götter). Die Notiz erzählt ihre großen Mythen — das Quirlen des Milchozeans um den Unsterblichkeitstrank Amrita, Indras Erschlagung des Drachen Vritra, den gerechten Asura-König Mahabali und den Zwerg Vamana — und verfolgt den rätselhaften Bedeutungswandel des Wortes vom edlen „Herrn" des Rigveda zum Dämon. Sie stellt die Asura vergleichend neben die zoroastrische Ahura/Daeva-Umkehrung, die griechischen Titanen und Giganten, die gefallenen Engel und Dämonen der abrahamitischen Religionen und die nordischen Jötunn.

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Definition

Als Asura (Sanskrit asura, असुर) bezeichnet die indische Überlieferung eine Klasse mächtiger, übermenschlicher Wesen, die den Devas — den Göttern des Himmels — als Widersacher gegenüberstehen. In ihrer geläufigsten, nachvedischen Bedeutung sind die Asura die „Dämonen" oder „Anti-Götter" des Hinduismus: gewaltige, ehrgeizige, oft hochmütige Geschöpfe, die mit den Göttern um die Herrschaft über die drei Welten — Himmel, Erde und Unterwelt — in einem nie endenden Ringen liegen. Die Mythologie erzählt diesen Kampf in immer neuen Bildern: als Schlacht um den Unsterblichkeitstrank, als Drachenkampf um die eingesperrten Wasser, als List um drei Schritte Land. Wo immer die kosmische Ordnung bedroht ist, wo der Himmel erobert oder das Licht verschluckt wird, stehen die Asura auf der einen, die Devas auf der anderen Seite.

Doch dieses Bild — Asura gleich Dämon — ist erst das Ergebnis einer langen Entwicklung, und gerade darin liegt das Faszinierende dieses Begriffs. In den ältesten Schichten des Rigveda war asura keineswegs ein Schimpfwort, sondern ein Ehrentitel: ein Beiwort gerade der höchsten und edelsten Götter, der „mächtige Herr", der „göttliche Gebieter". Erst im Lauf der vedischen Zeit kippte die Bedeutung ins Negative, bis asura schließlich den Gegenspieler des deva bezeichnete. Diese semantische Umkehrung ist mehr als eine sprachliche Kuriosität: Sie verbindet die indische Welt über eine gemeinsame indo-iranische Wurzel mit dem Zoroastrismus, in dem dasselbe Wort — als ahura — den genau entgegengesetzten Weg nahm und zum Namen des höchsten Gottes Ahura Mazda aufstieg, während die deva dort als daēva zu Dämonen herabsanken (siehe ausführlich den Vergleich unten). Im Spiegel dieser einen Wortgeschichte lässt sich ablesen, wie zwei Schwesterkulturen aus demselben Erbe entgegengesetzte Theologien formten.

Diese Notiz erzählt zuerst die Herkunft und den Bedeutungswandel des Begriffs, dann ausführlich die großen Asura-Mythen — das Quirlen des Milchozeans, Indras Sieg über Vritra, die Geschichte des frommen Asura-Königs Mahabali —, sodann die Typen und berühmten Gestalten der Asura, und stellt sie schließlich vergleichend neben die zoroastrischen Ahura und Daeva, die griechischen Titanen und Giganten, die gefallenen Engel und Dämonen der abrahamitischen Religionen und die nordischen Jötunn. Sie dokumentiert, sie wertet nicht; ob es Asura „gibt", ist nicht ihre Frage, sondern wie verschiedene Kulturen die Erfahrung des mächtigen, dem Göttlichen widerstrebenden Gegenprinzips gedeutet haben.

Herkunft und Wortgeschichte: Vom „Herrn" zum Dämon

Kaum ein religiöser Begriff hat einen so vollständigen Bedeutungswandel durchlaufen wie asura — und dieser Wandel ist innerhalb der Texte selbst noch ablesbar.

In den frühesten Büchern des Rigveda (den sogenannten Familienbüchern, Mandalas II–VII, der ältesten Schicht der Sammlung) ist asura ein rühmendes Beiwort, das „mächtig", „herrschaftlich", „mit göttlicher Lebenskraft begabt" bedeutet. Es wird gerade den höchsten Göttern zugesprochen: Der Himmelsgott und Hüter der kosmischen Ordnung Varuna heißt der asura schlechthin, ebenso Mitra, der Vertragsgott, der Feuergott Agni, der Sonnengott Savitr und der ungestüme Rudra. Asura meint hier also nicht eine eigene Gattung von Wesen, sondern eine Eigenschaft — die geheimnisvolle, herrscherliche Macht (asuratva, „Asura-Sein"), über die ein großer Gott verfügt. Sprachwissenschaftlich gehört das Wort zur gemeinsamen indo-iranischen Erbschicht und ist urverwandt mit dem avestischen ahura, „Herr"; manche Forscher leiten beide von einer Wurzel asu- („Lebenskraft, Lebenshauch") ab.

Gegen Ende der rigvedischen Zeit jedoch — in den jüngeren Büchern (Mandalas I sowie VIII–X, etwa 1200–1000 v. Chr.) — beginnt sich die Bedeutung zu verdunkeln. Asura wird zunehmend mit den Gegnern der lichten Götter verknüpft, vor allem mit dem rätselhaften, wasserstauenden Drachen Vritra. In den Brahmanas und den späteren Texten ist die Umdeutung dann vollendet: Devas und Asuras sind nun zwei verfeindete Gruppen — beide Nachkommen des Urvaters Prajapati (oder, in anderer Genealogie, des Weisen Kashyapa), die Devas von seinem „Tag", die Asuras von seiner „Nacht" geboren —, die einander in unaufhörlichen Schlachten um die Weltherrschaft bekämpfen. Aus der Eigenschaft eines Gottes ist die Gattung seiner Feinde geworden.

Die spätere indische Tradition, die den ursprünglichen Sinn nicht mehr kannte, erklärte den Namen durch eine volksetymologische Rückdeutung: a-sura sei „der Nicht-Sura", also „der kein sura (Gott, Licht) ist" — gebildet als verneinendes Gegenstück zu einem (sekundär erfundenen) Wort sura für „Gott". Sprachgeschichtlich ist das ein Trugschluss — sura in der Bedeutung „Gott" ist erst aus dieser falschen Zergliederung von a-sura herausgelöst worden —, aber er zeigt eindrücklich, wie selbstverständlich „Asura" inzwischen als „Gegen-Gott" verstanden wurde. Eine zweite volkstümliche Deutung verband a-surā mit surā („berauschendes Getränk") und erklärte die Asura zu denen, „die den Rauschtrank verschmähten" — ein Motiv, das, wie sich zeigen wird, auch in der buddhistischen Erzählung von ihrem Sturz wiederkehrt.

Die wichtigsten Quellen für die voll ausgebildete Asura-Mythologie sind die großen Epen — das Râmâyaṇa und das Mahâbhârata — sowie die Puranas, allen voran das Vishnu-Purana und das Bhâgavata-Purâṇa, in denen die berühmten Erzählungen vom Milchozean, von Mahabali, von Hiranyakashipu und Prahlada ihre klassische Gestalt fanden.

Mythen, Legenden und Geschichten

Das Wesen der Asura erschließt sich, wie bei allen mythischen Mächten, weniger über Definitionen als über die Geschichten, die von ihnen handeln. Vier Erzählkreise ragen heraus: der große Schöpfungs- und Streitmythos vom Quirlen des Milchozeans, der uralte Drachenkampf Indras gegen Vritra, die Geschichte des gerechten Asura-Königs Mahabali — und, sie umrahmend, die Sagen von den frommen und den frevelnden Asura-Königen.

Das Quirlen des Milchozeans und der Streit um Amrita

Der vielleicht prächtigste und folgenreichste aller Asura-Mythen ist das Quirlen des Milchozeans (Sanskrit samudra manthana, „das Quirlen des Ozeans"). Er erzählt, wie Devas und Asuras — ein einziges Mal — gemeinsam an einem Werk arbeiteten, und wie dieses Bündnis im Verrat endete.

Die Devas waren geschwächt und hatten im ewigen Krieg gegen die Asuras die Oberhand verloren. Auf den Rat Vishnus hin schlossen sie mit ihren Feinden einen Pakt: Gemeinsam wollten sie den Milchozean quirlen, um aus seiner Tiefe das Amrita zu gewinnen, den Trank der Unsterblichkeit. Als Quirlstab diente der gewaltige Berg Mandara, als Quirlseil die Weltenschlange Vasuki. Devas und Asuras fassten das Schlangentau an seinen beiden Enden — die Asuras, durch eine List dazu gebracht, am Kopfende, wo Vasukis Atem sie mit Feuer und Gift versengte, die Devas am Schwanzende — und zogen abwechselnd, sodass der Berg sich drehte und den Ozean aufwühlte. Als der Berg in die Tiefe zu sinken drohte, nahm Vishnu die Gestalt einer riesigen Schildkröte (Kūrma, sein zweiter Avatar) an und trug ihn auf seinem Panzer.

Aus dem aufgewühlten Ozean stiegen nun nacheinander die vierzehn Kostbarkeiten (ratna) empor: die Glücksgöttin Lakshmi, die himmlische Kuh, das Wunschbäumchen, der Mondgott, die Apsaras und vieles mehr. Doch zuvor stieg etwas Schreckliches auf: das Halahala, ein so furchtbares Gift, dass sein bloßer Dunst alle Welten zu vernichten drohte. In dieser Not trank Shiva das Gift, um den Kosmos zu retten; seine Gemahlin Parvati hielt ihm die Kehle zu, sodass das Gift dort stehenblieb und seinen Hals blau färbte — seither heißt Shiva Nilakantha, „der Blaukehlige". Erst danach erschien endlich Dhanvantari, der Götterarzt, mit dem Krug des Amrita in den Händen.

Nun brach der Streit aus, der das ganze Unternehmen vergiftet hatte. Kaum war das Amrita zutage getreten, rissen die Asuras es an sich. Da nahm Vishnu seine berühmteste List: Er verwandelte sich in Mohini, eine Frau von so betörender Schönheit, dass die Asuras ihr wie verzaubert den Krug überließen und sich bereit erklärten, die Verteilung ihr zu überlassen. Mohini ließ Devas und Asuras sich in zwei Reihen setzen — und reichte den Devas das echte Amrita, den Asuras aber nur gewöhnliches Wasser oder Wein. Nur ein einziger Asura durchschaute den Betrug: Rahu schlich sich in Gestalt eines Deva in die Götterreihe und kostete von dem Trank. Doch Sonne und Mond verrieten ihn, und ehe das Amrita seine Kehle hinabglitt, trennte Vishnu ihm mit dem Wurfdiskus (Sudarshana Chakra) den Kopf vom Rumpf. Weil das Unsterblichkeitswasser bereits seinen Mund erreicht hatte, blieb der abgeschlagene Kopf des Rahu unsterblich — und verfolgt seither am Himmel Sonne und Mond, um sie aus Rache zu verschlingen: die mythische Erklärung der Finsternisse.

Mit dem Amrita gestärkt, fielen die Devas über die betrogenen Asuras her und schlugen sie in die Unterwelt zurück. Die Geschichte enthält die ganze Theologie des Asura-Deva-Verhältnisses in einem Bild: Die Asura sind nicht schwächer, sondern oft stärker als die Götter; was den Göttern den Sieg sichert, ist nicht rohe Macht, sondern die List Vishnus — die Klugheit der Ordnung über die Gewalt des Chaos. Und das eine Mal, da beide Seiten zusammenwirken, bringt der Ozean nicht nur den Segen, sondern auch das Gift hervor.

Indra erschlägt Vritra: der Drachenkampf um die Wasser

Der älteste und im Rigveda meistbesungene Asura-Mythos ist die Erschlagung des Vritra durch Indra, den König der Götter und Gott des Gewitters. Ihm ist eine ganze, berühmte Hymne gewidmet (Rigveda 1,32), die mit den Worten beginnt, nun wolle der Sänger „die Heldentaten Indras verkünden, die er als erste vollbrachte, der Keulenträger".

Vritra (sein Name bedeutet „Einhüller", „Verschließer", „Hemmnis") ist ein gewaltiger, schlangen- oder drachengestaltiger Asura — Sohn der Danu, der Stammmutter des Asura-Geschlechts der Danavas —, der sich um die Berge gelegt und die Wasser der Welt gefangen hält: Die Flüsse fließen nicht, das Land verdorrt, das Leben stockt. Vritra ist die Verkörperung der Dürre, der Stauung, des lebensfeindlichen Stillstands. Gegen ihn zieht der junge Indra. Zur Stärkung trinkt er im Hause des Götterschmieds Tvashtri gewaltige Mengen des heiligen Rauschtranks Soma; Tvashtri schmiedet ihm die Vajra, den Donnerkeil, und der Gott Vishnu schafft ihm durch seine drei weltdurchmessenden Schritte den Raum für den Kampf.

Der Zweikampf ist gewaltig: Vritra zerschmettert Indra die beiden Kinnladen, doch Indra schleudert die Vajra und spaltet dem Drachen den Schädel. Mit Vritras Fall „strömten die Wasser zum Meer hinab", heißt es im Rigveda — „wie brüllende Kühe eilten die befreiten Flüsse hinab". Auch Vritras Mutter Danu erschlägt Indra mit demselben Donnerkeil. Aus dem getöteten Drachen bricht das Leben hervor: Die Wasser werden frei, die Sonne geht auf, die kosmische Ordnung ist wiederhergestellt. In einer Variante stehen anfangs sogar drei Götter — Varuna, Soma und Agni — auf Vritras Seite und müssen von Indra erst auf seine Seite gezogen werden, ein deutliches Echo jener älteren Zeit, in der die Grenze zwischen Asura und Deva noch nicht fest gezogen war.

Der Vritra-Mythos ist der indische Urtypus des Drachenkampfs — die Befreiung des lebenspendenden Wassers (oder Lichts, im verwandten Vala-Mythos: der eingesperrten Kühe und der Morgenröte) aus der Umklammerung einer chaotischen, stauenden Macht. Spätere Texte fügten hinzu, dass Indra durch den Mord eine schwere Brahmanen-Schuld auf sich lud (Vritra galt nun als Sohn Tvashtris und damit als Brahmane) und dafür büßen musste — ein Zeichen dafür, wie die strenger werdende Ordnungslehre selbst den Göttersieg moralisch nicht mehr ungetrübt ließ.

Mahabali und Vamana: der gerechte Asura und die drei Schritte

Nicht alle Asura sind böse — und keine Geschichte zeigt das eindrücklicher als die des Mahabali (oder kurz Bali), des großen Asura-Königs, und des Zwerg-Avatars Vamana. Sie ist zugleich eine der beliebtesten Erzählungen Südindiens; das Erntefest Onam in Kerala feiert bis heute alljährlich die Rückkehr dieses guten Dämonenkönigs.

Mahabali war ein Asura von vorbildlicher Tugend — ein Enkel des frommen Prahlada (von dem die nächste Geschichte handelt), wahrhaftig, freigebig, fromm und ein Verehrer Vishnus. Unter seiner Herrschaft, so erzählen die Puranas, lebten die Menschen in Glück, Gleichheit und Überfluss, frei von Lüge, Diebstahl und Not; es war ein goldenes Zeitalter. Doch eben dieser Erfolg wurde zur Gefahr: Mahabalis Macht wuchs, bis er den Devas den Himmel entriss und über alle drei Welten herrschte. Die entthronten Götter, allen voran Indra, wandten sich hilfesuchend an Vishnu. Vishnu aber weigerte sich, Gewalt gegen Mahabali zu gebrauchen, denn der König war gerecht und sein eigener Verehrer. Um die Ordnung dennoch wiederherzustellen, wählte er die List: Er wurde als Vamana geboren, ein kleiner Brahmane von zwergenhafter Gestalt, und trat während eines großen Opferfestes vor den König.

Mahabali, berühmt für seine Freigebigkeit, gewährte dem Brahmanenknaben jeden Wunsch. Vamana bat um ein bescheidenes Geschenk: so viel Land, wie er mit drei Schritten ausmessen könne. Mahabalis weiser Lehrer Shukra, der Hauspriester der Asura, durchschaute den verkleideten Gott und warnte den König — doch Mahabali, sein einmal gegebenes Wort heiliger haltend als seine Herrschaft, bestand auf der Gabe. Kaum war sie zugesagt, wuchs Vamana zu einer kosmischen Riesengestalt (Trivikrama, „der die drei Schritte tut") empor: Mit dem ersten Schritt durchmaß er die ganze Erde, mit dem zweiten den gesamten Himmel — für den dritten war kein Raum mehr. Da neigte Mahabali demütig sein Haupt und bot dem Gott seinen eigenen Kopf als Stand für den letzten Schritt. Vamana setzte den Fuß auf das Haupt des Königs und drückte ihn hinab in die Unterwelt (Pâtâla).

Doch die Geschichte endet nicht als Strafe, sondern als Auszeichnung. Gerührt von Mahabalis Treue, Demut und Opferbereitschaft, gewährte Vishnu ihm einen Segen: Mahabali solle Herr der Unterwelt sein, von Vishnu selbst beschützt, und es wurde ihm zugestanden, einmal im Jahr in sein altes Reich zurückzukehren, um seine geliebten Untertanen zu besuchen. Eben diese jährliche Heimkehr feiern die Menschen Keralas als Onam. In Mahabali zeigt der Mythos, dass die Asura-Natur kein Verdammungsurteil ist: Ein Asura kann frömmer, gerechter und edler sein als die Götter, die ihn stürzen — und der Sturz selbst kann zur Erhöhung werden.

Hiranyakashipu und Prahlada: der gottlose Vater und der fromme Sohn

Eng mit Mahabali verbunden ist die Geschichte seines Großvaters Prahlada und dessen Vaters Hiranyakashipu — die berühmteste Erzählung vom bösen Asura und zugleich die Vorgeschichte des berühmten Mann-Löwen-Avatars Vishnus. Der Asura-König Hiranyakashipu hatte sich durch ungeheure Askese von Brahma einen Segen erworben, der ihn beinahe unverwundbar machte: Er könne weder bei Tag noch bei Nacht, weder drinnen noch draußen, weder von Mensch noch Tier, weder am Boden noch in der Luft, durch keine Waffe getötet werden. Im Hochmut dieser Macht verbot er die Verehrung Vishnus und verlangte, als Gott angebetet zu werden.

Sein eigener Sohn Prahlada aber blieb ein unerschütterlicher Verehrer Vishnus. Vergeblich versuchte der erzürnte Vater, den Knaben zu töten — durch Gift, durch Schlangen, durch Feuer (hier tritt die Dämonin Holika auf, deren Verbrennen das Fest Holi erklärt) —, doch Vishnu beschützte das Kind jedes Mal. Schließlich, als Hiranyakashipu höhnisch fragte, ob denn sein Gott auch in einer Säule sei, zersprang die Säule, und Vishnu trat als Narasimha hervor — halb Mensch, halb Löwe, also weder Mensch noch Tier. In der Dämmerung (weder Tag noch Nacht), auf der Türschwelle (weder drinnen noch draußen), auf seinen Schoß gelegt (weder Boden noch Luft), zerriss er den Asura mit seinen Klauen (keine Waffe). So wurde jede Klausel des Segens erfüllt und doch der Frevler vernichtet. Die Geschichte ist das klassische Beispiel des Asura, der durch Askese echte Macht erwirbt, sie aber im Hochmut (ahamkara) missbraucht — das eigentliche Verhängnis der Asura-Natur.

Typen, Geschlechter und Eigenschaften der Asura

Die Asura sind, wie schon ihre Genealogie zeigt, kein einförmiges Volk, sondern ein weitverzweigtes Geschlecht mit eigenen Sippen, Königen und Lehrmeistern — gleichsam ein Spiegelreich der Götterwelt, dem es an nichts fehlt als am rechten Verhältnis zur Ordnung.

Sippen und Untergruppen. Die episch-puranische Überlieferung kennt mehrere große Familien, meist nach ihren Stammmüttern, den Töchtern des Weisen Kashyapa, benannt: die Daityas (Nachkommen der Diti), zu denen Hiranyakashipu und Mahabali gehören; die Danavas (Nachkommen der Danu), das Geschlecht des Vritra; ferner Gruppen wie die Kalakeyas und Nivatakavachas. Auch die Rakshasa (die menschenfressenden Nachtdämonen, etwa Rāvaṇa im Râmâyaṇa) und die Nagas (Schlangenwesen) werden den dämonischen Mächten zugerechnet, sind aber strenggenommen eigene Klassen neben den Asura.

Mächtige Einzelgestalten. Neben den Genannten ragen heraus: Bali/Mahabali, der gerechte König; Prahlada, der fromme Asura schlechthin; Mahishasura, der Büffeldämon, den die Göttin Durga in einer der großen Schlachtmythen erlegt; Raktabija, aus dessen jedem zu Boden fallenden Blutstropfen ein neuer Dämon entsprang; und der bereits erwähnte Rahu, der unsterbliche Kopf am Himmel.

Der Lehrer der Asura. Bemerkenswert ist, dass die Asura einen eigenen, hochweisen Hauspriester besitzen: Shukra (zugleich der Planet Venus), der — anders als der Götterlehrer Brihaspati — die geheime Kunst beherrscht, Tote wieder zum Leben zu erwecken (sanjivani vidya). Dass gerade die Dämonen über das Wissen der Wiederbelebung verfügen, gehört zu den feinen Ironien der indischen Mythologie.

Das Wesen der Asura-Natur. Über alle Gestalten hinweg zeichnet die Überlieferung ein erstaunlich kohärentes Bild. Die Asura sind nicht von Natur aus schwächer als die Götter — im Gegenteil, sie erringen durch gewaltige Askese (tapas) und Bußübungen oft Segnungen, die sie den Göttern überlegen machen. Ihr Verhängnis ist nicht Ohnmacht, sondern ein moralisch-geistiger Fehler: Hochmut (ahamkara, „Ich-Macherei"), Gier, Zorn und vor allem die Verblendung, die sie ihre Macht gegen die kosmische Ordnung (dharma, siehe Dharma) richten lässt, statt in ihr. In philosophischer Lesart, wie sie die Bhagavadgita andeutet, sind „göttlich" (daiva) und „dämonisch" (âsura) darum weniger zwei Gattungen als zwei Wesenshaltungen, die im Menschen selbst streiten: die eine demütig und der Ordnung zugewandt, die andere selbstbezogen und maßlos.

Die großen Vergleiche

Stellt man die Asura neben die Widersacher-Mächte anderer Traditionen, zeigt sich ein durchgehendes Muster: Fast jede Mythologie kennt eine Klasse mächtiger Gegenwesen, die dem herrschenden Götterhimmel als ältere, chaotische oder gestürzte Macht gegenübersteht. Die Gemeinsamkeit ist real; ebenso real sind die Unterschiede, die meist an drei Bruchlinien liegen: am ontologischen Status (eigene Gattung oder gefallene Götter/Engel?), an der moralischen Wertung (ambivalent oder eindeutig böse?) und an der Heilslogik (Kreislauf der Wiedergeburt, endgültiger Sturz oder zyklische Wiederkehr?).

Hinduismus — Asura

Die Asura bilden, wie dargestellt, eine eigenständige Gattung mächtiger Widersacher der Devas, eingebettet in das Gesetz von Karma und Wiedergeburt (siehe Reinkarnation im Vergleich). Ihre Dämonennatur ist darum keine feste, ewige Verdammnis, sondern eine Daseinsstufe im Kreislauf: Ein Wesen kann infolge früherer Taten als Asura geboren werden und in einem künftigen Leben aufsteigen — so wie der fromme Prahlada und der gerechte Mahabali beweisen, dass selbst ein Asura die höchste Nähe zu Vishnu erlangen kann. Das Böse der Asura ist nicht ihr unveränderliches Wesen, sondern ihre Haltung: Hochmut und maßlose Selbstbehauptung gegen die Ordnung. Genau diese Verbindung von eigener Gattung, ambivalenter Moral und Einbettung in den Wiedergeburtskreislauf ist die Eigenart, an der sich alle folgenden Vergleiche messen lassen.

Buddhismus — die Asura als Wesensbereich

Der Buddhismus übernahm die Asura aus der indischen Mythologie, deutete sie aber im Rahmen seiner Kosmologie eigentümlich um. Hier sind die Asura keine Dämonen schlechthin, sondern einer der sechs Daseinsbereiche (loka), in die man wiedergeboren werden kann — der Bereich der „eifersüchtigen Götter" oder „Halbgötter" (asura-loka), angesiedelt unmittelbar unterhalb der Götterwelt. Die Asura sind hier mächtige, langlebige, an Reichtum reiche Wesen — aber weniger reich und mächtig als die Devas über ihnen, und genau das ist ihr Leiden: Von brennendem Neid und unstillbarer Rivalität zerfressen, können sie ihren eigenen Wohlstand nicht genießen, sondern richten ihre Feindschaft unaufhörlich gegen die Götter und führen Krieg gegen den Himmel der Dreiunddreißig (Trāyastriṃśa).

Eine vielzitierte buddhistische Erzählung berichtet, wie die Asura ihren ursprünglichen Platz im Götterhimmel verloren: Sie wurden bei einem Fest trunken gemacht und, wehrlos durch den Rausch, von Śakra (Indra) über den Rand des Weltbergs Sumeru hinabgestürzt in ihre tiefere Welt — ein deutliches Echo jener indischen Volksetymologie, die a-surā mit dem Verschmähen oder dem Verlust des Rauschtranks verband. Der entscheidende Unterschied zum Hinduismus liegt in der Wertung: Die Wiedergeburt als Asura ist hier die Frucht von Hass und Eifersucht und gilt als ein leidvoller, ungünstiger Daseinszustand — die mächtige Energie der Asura, weil von Neid getrieben, führt nicht zur Befreiung, sondern hält im Leiden gefangen. Aus dem mythischen Gegenspieler ist eine Psychologie des neidischen Ehrgeizes geworden.

Zoroastrismus — die Ahura/Daeva-Umkehrung

Die aufschlussreichste aller Parallelen ist zugleich die engste verwandte: die spiegelbildliche Umkehrung im iranischen Zoroastrismus. Indische und iranische Religion entstammen einer gemeinsamen indo-iranischen Wurzel; in beiden gab es ursprünglich die Wortpaare asura/ahura („Herr") und deva/daēva („Himmlischer, leuchtendes Wesen"). Doch was im Lauf der Jahrhunderte aus ihnen wurde, ist exakt gegenläufig.

In Indien stieg, wie geschildert, der Rang der devas (zu den verehrten Göttern), während die asuras zu Dämonen herabsanken. Im Iran geschah das genaue Gegenteil: Dort wurde Ahura Mazda, der „Weise Herr", zum höchsten und einzigen Schöpfergott erhoben — der Titel ahura (sprachlich identisch mit asura) bezeichnet also gerade das höchste Gute —, während die daēva (sprachlich identisch mit deva) zu bösen Geistern, zu Truggöttern im Gefolge des zerstörerischen Angra Mainyu, abgewertet wurden. Der Prophet Zarathustra verdammt in den Gathas die daēva-Verehrung ausdrücklich. So steht im indischen deva und im iranischen daēva dasselbe Wort für Göttliches und Dämonisches, und ebenso im indischen asura und im iranischen ahura dasselbe Wort für Dämonisches und Göttliches — eine fast vollkommene Kreuzvertauschung (siehe auch Zarathustrismus und den kosmischen Gegensatz von Asha und Druj).

Hier ist allerdings die nötige wissenschaftliche Vorsicht geboten: Die ältere Forschung deutete dies gern als ein einziges, zusammenhängendes „großes Schisma" — als hätten sich Inder und Iraner in einem religiösen Bruderkrieg wechselseitig die Götter des anderen zu Teufeln erklärt. Die neuere Indo-Iranistik ist zurückhaltender: Beide Bedeutungsverschiebungen verliefen vermutlich eigenständig und allmählich, und ein direkter, bewusster gegenseitiger „Umsturz" lässt sich aus den Texten nicht belegen. Festzuhalten bleibt der strukturelle Befund: Wo der Zoroastrismus einen strengen ethischen Dualismus zweier Urprinzipien (guter Schöpfergott gegen zerstörerischen Gegengeist) ausbildet, bleibt der Hinduismus bei einer pluralen, in den Wiedergeburtskreislauf eingebetteten Vielheit von Devas und Asuras, deren Gegensatz nicht der von Gut und Böse schlechthin, sondern der von Ordnung und Maßlosigkeit ist.

Griechische Welt — Titanen und Giganten

Die griechische Mythologie bietet gleich zwei Vergleichsgrößen, die man sorgfältig auseinanderhalten muss — und die zusammen die Asura-Funktion abdecken. Die Titanen sind das ältere Göttergeschlecht, die Generation vor den olympischen Göttern: Unter ihrem Anführer Kronos herrschten sie über den Kosmos, bis Zeus und die Olympier sie in der Titanomachie, dem zehnjährigen „Titanenkampf", stürzten und in den Tartaros verbannten. Die Giganten dagegen sind ein jüngeres Geschlecht: schlangenfüßige Riesen, von der Erdmutter Gaia aus dem Blut des entmannten Uranos geboren, die in der Gigantomachie — nachdem die olympische Ordnung bereits errichtet war — gegen die Götter aufstanden, aus Rache für die gestürzten Titanen, und ebenfalls niedergeworfen wurden (vgl. antike griechische Mystik).

Die Parallele zu den Asura ist auffallend: In beiden Fällen ringt ein jüngeres, „lichtes" Göttergeschlecht (Olympier / Devas) mit mächtigen, älteren oder chaotischen Gegenmächten um die Weltherrschaft, und in beiden Fällen begründet der Sieg die gegenwärtige kosmische Ordnung. Die Titanomachie entspricht in ihrer Funktion — Begründung der Götterherrschaft — am ehesten der grundlegenden Deva-Asura-Konstellation, die Gigantomachie (Aufstand gegen die schon bestehende Ordnung) eher den einzelnen Asura-Empörungen wie der des Mahabali oder Hiranyakashipu. Der Unterschied liegt im Rahmen: Den Griechen fehlt das Gesetz von Karma und Wiedergeburt; ihre Titanen und Giganten sind endgültig gestürzt und eingekerkert, nicht in einen Kreislauf eingebunden, aus dem ein Aufstieg möglich wäre. Und während ein Asura wie Mahabali zum Heiligen werden kann, bleibt der griechische Sturz im Wesentlichen Bestrafung und Bannung chaotischer Mächte — wenngleich auch hier (etwa beim später wieder versöhnten Prometheus oder beim begnadigten Kronos der „Inseln der Seligen") Milderungen erzählt werden.

Abrahamitische Religionen — gefallene Engel und Dämonen

Eine oberflächlich naheliegende, beim genaueren Hinsehen aber andersartige Parallele bieten die gefallenen Engel und Dämonen des Judentums, Christentums und Islams. Auch sie sind mächtige übermenschliche Wesen, die sich gegen die göttliche Ordnung auflehnen — Satan/Luzifer und sein Gefolge, das aus Hochmut von Gott abfiel. Mit den Asura teilen sie das Leitmotiv des Hochmuts als Wurzel des Falls: Wie Hiranyakashipu sich an Vishnus Stelle setzen will, will der gefallene Engel sein wie Gott.

Doch der Bauplan ist grundverschieden. Erstens der ontologische Status: Die abrahamitischen Dämonen sind gefallene Engel — ursprünglich gute, lichte Geschöpfe des einen Gottes, die durch eine einmalige, endgültige Entscheidung böse wurden (vgl. Engel im Vergleich und Dämonen und Exorzismus im Vergleich). Die Asura dagegen sind eine eigene Gattung von Anbeginn, kein abgefallener Teil des Götterheeres, und ihr „Fall" ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein immer neu in jedem Weltzeitalter ausgetragenes Ringen. Zweitens die Endgültigkeit: Der Sturz Satans ist unwiderruflich, eine Bekehrung des Teufels ausgeschlossen; die Asura-Natur ist durchlässig — sie kann durch Frömmigkeit überwunden, ja in Heiligkeit verwandelt werden. Drittens der Rahmen: Wo der strenge Monotheismus das Böse als Auflehnung des Geschöpfs gegen den einen Schöpfer denkt, kennt der Hinduismus keinen solchen absoluten Schöpfer-Geschöpf-Abstand; Devas und Asuras sind verwandt, beide dem Kreislauf und dem Gesetz des Karma unterworfen, und kein Asura ist je der eine, absolute Widersacher Gottes. Eine echte Entsprechung zum gerechten Asura wie Mahabali fehlt der abrahamitischen Dämonologie nahezu völlig. (Zur Figur des verführenden Bösen im Religionsvergleich siehe Das Böse im Vergleich; verwandt ist auch die islamische Vorstellung der freien, moralisch ambivalenten Dschinn, deren Anführer Iblîs allerdings — anders als die Asura — als einzelner Frevler gezeichnet ist.)

Nordische Welt — die Jötunn

Die vielleicht strukturell nächste Parallele außerhalb Indiens bieten die Jötunn (altnordisch jǫtunn, oft „Riesen" übersetzt, treffender „Verschlinger" oder „Gefräßige") der nordisch-germanischen Mythologie. Wie die Asura den Devas, so stehen die Jötunn den Æsir, den Göttern um Odin und Thor, als uralte Gegenmächte gegenüber. Sie bewohnen das Außenland Jötunheim, verkörpern die ungebändigten Kräfte der Natur — Frost, Sturm, Meer, Feuer, Gebirge — und liegen mit den Göttern in beständigem Streit; Thor, der Donnergott, ist ihr großer Bezwinger, ähnlich wie Indra der Bezwinger der Asura ist.

Doch — und hierin liegt die tiefste Verwandtschaft mit den Asura — die Grenze zwischen Göttern und Jötunn ist durchlässig und verwandtschaftlich verflochten. Die Götter selbst stammen von Jötunn ab, nehmen sich Riesinnen zu Frauen (Odins Mutter ist eine Jötunn), und der zwiespältige Loki ist von Geburt ein Jötunn, lebt aber unter den Göttern — eine Ambivalenz, die genau dem fließenden Übergang zwischen Deva und Asura in der ältesten vedischen Zeit entspricht. Der Unterschied liegt im Ende: Die nordische Mythologie denkt nicht in Wiedergeburt, sondern in einem einmaligen, zyklisch wiederkehrenden Weltuntergang: In Ragnarök brechen die Jötunn unter Anführung Lokis und der Feuerriesen zum letzten Kampf gegen die Götter auf, und Götter wie Riesen gehen gemeinsam unter, ehe eine neue Welt aufsteigt. Wo der Deva-Asura-Kampf ein endloser Kreislauf ohne finale Entscheidung ist, läuft der Æsir-Jötunn-Konflikt auf eine eschatologische Katastrophe zu — den gemeinsamen Untergang beider Seiten.

Bilanz der Vergleiche

Quer durch die Traditionen kehrt dieselbe Grundfigur wieder: ein herrschendes Göttergeschlecht und eine mächtige, ihm widerstrebende Gegenmacht — und überall begegnen ähnliche Erzählmotive: der Kampf um die Weltherrschaft, der Sturz des Hochmütigen, die ältere oder chaotische Macht, die der jüngeren Ordnung weichen muss. Ebenso beständig kehren die Unterschiede wieder. Erstens der ontologische Status: Die Asura, die griechischen Titanen und die nordischen Jötunn sind eigene, von Anbeginn bestehende Geschlechter, oft mit den Göttern verwandt; die abrahamitischen Dämonen dagegen sind gefallene Engel, ein abgespaltener Teil der einen guten Schöpfung. Zweitens die moralische Verfassung: Die Asura (wie die Jötunn) sind ambivalent — es gibt fromme und frevelnde unter ihnen —; die abrahamitischen Dämonen sind unwiderruflich böse; und im Zoroastrismus ist der Gegensatz zum reinen ethischen Dualismus verschärft. Drittens die Heilslogik: ein endloser Kreislauf wechselnder Siege (Hinduismus), eine endgültige Verbannung (Griechenland, abrahamitische Religionen) oder ein zyklischer gemeinsamer Weltuntergang (Ragnarök). In dieser dritten Achse zeigt sich am schärfsten, dass nicht das Wesen der Gegenmächte, sondern die kosmische Ordnung, in die eine Kultur sie stellt, über ihre letzte Bedeutung entscheidet.

Moderne Rezeption

Wie wenige mythologische Begriffe haben die Asura den Sprung in die globale Gegenwartskultur geschafft. In Japan — wohin der Begriff über den Buddhismus als ashura gelangte — ist er tief verwurzelt: Die berühmte Statue des dreigesichtigen, sechsarmigen Ashura im Tempel Kōfuku-ji in Nara zählt zu den ikonischen Werken der japanischen Kunst, und das Wort shura bezeichnet im Japanischen bis heute einen Schauplatz blutigen Kampfes. In Manga, Anime und Videospielen ist „Asura" zu einem festen Namen für mächtige, kämpferische, oft tragisch-zornige Gestalten geworden.

Parallel dazu lebt die religiöse und festliche Tradition ungebrochen fort. Das Fest Onam in Kerala feiert alljährlich die Rückkehr des guten Asura-Königs Mahabali; Holi erinnert an Prahlada und die verbrannte Holika; die Erlegung des Büffeldämons Mahishasura durch die Göttin wird im großen Herbstfest Durga Puja und Navaratri begangen. Auch die philosophisch-psychologische Deutung hat sich der Asura angenommen: In der Tradition der Bhagavadgita und in moderner spiritueller Literatur werden die „dämonischen" (âsura) Eigenschaften — Hochmut, Gier, Zorn, Maßlosigkeit — als innere Kräfte im Menschen selbst gelesen, die mit den „göttlichen" Anlagen um die Seele ringen; der Deva-Asura-Kampf wird so zum Bild des inneren ethischen Konflikts. In dieser Lesart berühren sich die Asura mit tiefenpsychologischen Deutungen des Schattenhaften und mit der Lehre von der verblendenden Macht der Mâyâ, die den Menschen die Vielheit für das Wahre nehmen lässt.

Fazit

Die Asura sind die indische Antwort auf eine Frage, die jede Mythologie stellt: Welche Macht steht der Ordnung der Götter entgegen — und woher kommt sie? In ihrer Geschichte verdichtet sich eine ganze Theologie des Gegenprinzips: Aus dem asura, der im ältesten Rigveda noch der ehrwürdige „Herr" und das Beiwort der höchsten Götter war, wurde im Lauf der vedischen Zeit der Dämon, der Widersacher der Devas — eine Bedeutungsumkehr, die ihr genaues Spiegelbild im iranischen Aufstieg des Ahura und Sturz des daēva findet und damit zwei Schwesterkulturen über ein einziges Wort verbindet. In ihren Mythen — dem gemeinsamen und doch verräterischen Quirlen des Milchozeans, Indras Drachenkampf gegen den wasserstauenden Vritra, der Demut des gerechten Mahabali unter dem dritten Schritt des Zwergs Vamana, dem Hochmut des Hiranyakashipu unter den Klauen des Mann-Löwen — entfaltet sich nicht nur ein Götterkrieg, sondern eine Lehre über Macht und Maß, über Askese und Hochmut, über die Durchlässigkeit von Gut und Böse.

Im Vergleich treten die Asura als eine eigene Lösung unter vielen hervor: durchlässiger und in den Wiedergeburtskreislauf eingebundener als die endgültig gestürzten Titanen und Giganten der Griechen, ambivalenter und verwandter mit den Göttern als die unwiderruflich gefallenen Engel der abrahamitischen Religionen, dem ewigen Kreislauf statt dem einmaligen Ragnarök der nordischen Jötunn zugehörig, und — über die gemeinsame Wurzel — der spiegelbildliche Gegenpol der zoroastrischen Ahura. Sie nebeneinanderzustellen heißt nicht, sie gleichzusetzen, sondern zu sehen, worin die Traditionen einander berühren — im Bild der Gegenmacht zur göttlichen Ordnung — und worin sie unwiderruflich verschieden bleiben: in der Frage, ob diese Gegenmacht ein gefallener Teil des Guten, ein eigenes uraltes Geschlecht oder am Ende nur eine Haltung des eigenen Herzens ist.