Das Köroglu-Epos
Ein anatolisches Volksepos des 16. Jahrhunderts; der Kampf eines Unrecht erlittenen und in die Berge gezogenen Helden gegen die tyrannischen Beys. Eine epische Erzählung, die das Thema der Gerechtigkeit in eine geistlich-gesellschaftliche Offenbarung verwandelt.
Vorstellung des Werks
Das Köroglu-Epos ist eine der am weitesten verbreiteten, am tiefsten verwurzelten und langlebigsten epischen Erzählungen der anatolischen Volksliteratur. Es formte sich im 16. Jahrhundert in Anatolien, doch nahmen seine Spuren vom 17. bis zum 20. Jahrhundert von Aserbaidschan bis Turkmenistan, von Usbekistan bis Kasachstan, von den tatarischen Gebieten bis zum Balkan in jeder Ecke der türkischen Welt Erzählversionen und volksmusikalische Formen an. Im Zentrum des Epos steht ein Held namens Köroglu („Sohn des Blinden"), der schwört, Rache zu nehmen, nachdem seinem Vater zu Unrecht die Augen ausgestochen wurden und er erblindete, der in die Berge zieht, ein Räuber-Heiligen-Leben führt und gegen die tyrannischen Beys kämpft.
Der historische Boden des Epos im Anatolien des 16. Jahrhunderts ist bedeutsam. Pertev Naili Boratav verknüpft in seinem Werk Köroglu Destani (Das Köroglu-Epos, 1931, seine erste akademische Arbeit) den Ursprung des Epos mit den sozialen Wirren der Epochen Selims II. und Murads III. (1566–1595), mit den Dschelâlî-Aufständen, mit den vom osmanischen Provinzbürokratismus auf den unterdrückten Bauern abgewälzten Ungerechtigkeiten und mit dem Phänomen des In-die-Berge-Ziehens. Der Begriff Dschelâlî bezeichnet bewaffnete Aufständische/Räubergruppen, die vor der staatlichen Autorität in die Berge geflohen sind; die Köroglu-Gestalt ist die Erhebung dieser historisch-soziologischen Schicht zu einer geistlich-mythischen Höhe in der Volksvorstellung.
Gab es einen wirklichen historischen Köroglu? In osmanischen Archivdokumenten des 16. Jahrhunderts — besonders in den zentralen Diwan-Aufzeichnungen aus der Epoche Selims II. — finden sich Spuren einer Aufrührergestalt, die unter dem Namen Köroglu Ruschen oder Ruschen erwähnt wird. Nach Boratav beruht das Grundgerüst des Epos auf einer wirklichen historischen Persönlichkeit; doch hat es über die Jahrhunderte durch die Verhüllungen, Zusätze und das Verschmelzen anderer Heldengeschichten der Volksfantasie eine mythische Tiefe gewonnen.
Das Epos wurde nicht in der klassischen epischen Form (als geschriebener, fester Text), sondern innerhalb der Aschik-Tradition über mündlich-musikalische Weitergabe von Generation zu Generation überliefert. Die Aschiks (Volksdichter-Sänger) erzählten, die Saz spielend, die Köroglu-Zweige auf den Dorfplätzen, in den Kaffeehäusern, bei den Hochzeiten. Dies ließ das Epos jahrhundertelang als eine lebendige Form strömen; jeder Aschik nahm kleine Veränderungen, Zusätze vor.
Inhaltsstruktur: Die Zweige (Kollar)
Das Köroglu-Epos wird in Form von Zweigen (kollar) erzählt. Jeder Zweig ist eine eigenständige, aber miteinander verbundene Episode, die für ein bestimmtes Abenteuer Köroglus zuständig ist. In den anatolischen Varianten zählt man 24 Hauptzweige; in den aserbaidschanischen und turkestanischen Varianten steigt diese Zahl bis auf 60.
Der Zweig der Geburt und der Blendung des Vaters: Köroglus Vater Yusuf Seyis (in manchen Varianten der Schmied) war der Pferdepfleger des Beys von Bolu (in manchen Varianten Hasan Pascha). Die zwei Fohlen, die Yusuf aufzog, waren von außerordentlicher Schönheit. Als der Bey von Bolu eines der Fohlen verlangte, stach er Yusuf mit der Begründung, die Fohlen hätten ihm nicht gefallen, die Augen aus. Eben hier wird der Name Köroglu geboren: der Sohn des Blinden.
Der Zweig des Kirat (der Aufzucht des Kirat): Yusuf hatte, bevor er erblindete, die zwei Fohlen in einer besonderen Höhle im Dunkeln aufgezogen und ihnen Bergkraft gegeben. Eines davon wird ein außerordentlich gewandtes und schnelles Pferd, der Kirat (Kir At — das fahlgraue Pferd). Der Kirat ist eine der beliebtesten Gestalten des Köroglu-Epos; nicht bloß ein Reittier, sondern ein geistlicher Gefährte, ein sprechendes, kluges Geschöpf, der zweite Held des Epos. In der türkischen Volksliteratur besitzt der Kirat eine mythisch-archetypische Stellung, die mit Rustams Rachsch, dem Pferd Robin Hoods und dem Pegasus des Achilleus vergleichbar ist.
Der Zweig von Çamlibel: Nachdem Köroglu den Racheschwur geleistet hat, zieht er in die Berge. Er macht einen Burg-Ort namens Çamlibel (hoher Bergpass) zu seiner Bleibe. An seiner Seite bildet sich allmählich eine Schar von Recken — Demirci-oglu, Hoylu, Hasan Pascha, Ayvaz und andere. Çamlibel formt sich als ein geistlich-geographischer Boden, den der Staat nicht erreicht, an den aber das Volk seine Hoffnung knüpft.
Der Zweig von Ayvaz: Es ist vielleicht der gefühlvollste und vielschichtigste Zweig des Epos. Ayvaz ist ein junger Mann, der geistliche Ziehsohn Köroglus. Köroglu entführt ihn, als er klein ist, und zieht ihn in den Bergen auf. Die Gestalt des Ayvaz wird von manchen Deutern (Boratav, Halk Edebiyatina Giris — Einführung in die Volksliteratur, 1969) als die geistliche Nachfolge Köroglus, als die kommende Generation, als die Kontinuität der Tradition gedeutet. Ayvaz ist zugleich eine Gestalt, die Köroglus Fütüvvet-Band (die Ethik der Jung-Gefährtenschaft) stärkt.
Der Zweig von Han Nigâr: Köroglu heiratet die Tochter des Beys von Bolu namens Han Nigâr. Dieser Zweig eröffnet die persönlich-familiäre Dimension des Helden. Han Nigâr wird sowohl klug als auch tapfer gezeichnet, als eine mit Köroglu zusammen kämpfende, gleichrangig-gefährtenhafte Gestalt. Dies ist ein wichtiges Beispiel der Verortung weiblicher Gestalten in den türkischen Volksepen nicht als passives Objekt, sondern als aktive Gefährtin.
Die Zweige von Kanli Mahmut, Reyhan Arap, Bey von Bolu: Die Zweige bestimmter Schlachten, die Köroglu mit tyrannischen Beys, Räubern und Paschas ausficht. In jedem von ihnen handelt Köroglu als eine Art richtende Gerechtigkeit; er bestraft nicht nur die persönliche Rache, sondern im Namen des Volkes das Böse.
Der Zweig vom Aufkommen des Gewehrs: Es ist der melancholischste Zweig des Epos. Das Aufkommen des Gewehrs wird als das Ende des mannhaften Kampfes (des Kampfes mit Schwert und Schild, mit Lanze, zu Pferde) gedeutet. Köroglu spricht: „Das Gewehr kam, die Mannhaftigkeit zerbrach / Von nun an wird, wer das Gewehr nimmt, sterben" und zieht sich zurück. Dieser Zweig ist ein Zusatz, der das Ende einer Epoche symbolisiert; er formte sich vermutlich im 17.–18. Jahrhundert mit der Verbreitung der Feuerwaffen in der Volksvorstellung.
Grundlehren
Das Köroglu-Epos ist nicht nur eine epische Erzählung; es lässt sich zugleich als eine geistlich-gesellschaftliche Offenbarung lesen. Es hat mehrere doktrinäre Hauptschichten:
1. Die geistliche Dimension der Gerechtigkeit: Köroglus Kampf beginnt an der Grenze der persönlichen Rache, steigt aber zur Dimension der universalen Gerechtigkeit auf. In der Volksvorstellung wird Köroglu nicht bloß als ein Sohn vorgestellt, der die Rache seines Vaters nimmt, sondern als die Verkörperung der Stimme des Unrecht erleidenden Volkes. Dies ist eine Lesart, die auf den geistlich-spirituellen Grundlagen des Begriffs der Gerechtigkeit (arabisch ʿadl) beruht. Im islamischen Tasawwuf war einer der Namen Gottes al-ʿAdl (der vollkommen Gerechte); in der Volksvorstellung wird Köroglu als ein Licht der irdischen Erscheinung dieser Gerechtigkeit aufgefasst.
2. Der Archetyp des In-die-Berge-Ziehens: Köroglus Verlassen der Stadt und des Zentrums und sein In-die-Berge-Ziehen ist eine Version des Archetyps der geistlichen Zurückgezogenheit in der klassischen Mythologie. Der Berg — vom Sinai bis zum Hirâ, vom Olymp bis zum Himalaya — ist einer der zentralen Orte des Heiligen. Köroglus Çamlibel bedeutet den Bruch mit der ungerechten Ordnung des Staates + die Errichtung einer neuen geistlich-gesellschaftlichen Ordnung. Dies ist die eigentümliche Synthese der Gestalt des Räuber-Heiligen oder des Abdal-Recken in der anatolischen Volkssprache.
3. Die Ethik der Gefährtenschaft (Fütüvvet): Das Band zwischen Köroglu und den um ihn versammelten Recken (Demirci-oglu, Ayvaz, Hoylu usw.) ist die Volksversion der klassischen islamisch-sufischen Fütüvvet-Tradition. Das Fütüvvet ist das Sich-Binden einer Gruppe von Recken/Derwischen aneinander als Seelengefährten, das Führen eines teilenden Lebens, das Beschützen des Schwachen. Köroglus Çamlibel-Gemeinschaft ist ein auf diesem doktrinären Boden ruhendes geistlich-gesellschaftliches Modell. Die Ahi-Traditionen (die Handwerker-Derwisch-Organisationen der anatolisch-seldschukischen Zeit), die bektaschitischen Wegregeln bilden den literarisch-historischen Hintergrund von Köroglus Çamlibel-Gemeinschaft.
4. Alevitisch-bektaschitische Töne: In vielen Varianten des Köroglu-Epos, besonders dort, wo sich der Zusammenhang der Dschelâlî-Bewegung des 16.–17. Jahrhunderts mit ihrem alevitisch-kizilbaschen Fundament widerspiegelt, trägt es Elemente der bektaschitischen Prägung. In manchen Zweigen Köroglus wird auf Hâdschî Bektasch Walî verwiesen; die Anrufung „Pîr", die Fürsorge für den Düschkün (den Gefallenen), die Gefährten-Ethik sind die Zeichen dieses Rahmens. Die Arbeiten Ahmet Yaschar Ocaks und Boratavs betonen, dass diese alevitisch-bektaschitische Schicht ein wichtiger Teil der Tiefenstruktur des Epos ist.
5. Das Sprecher-des-Volkes-Sein: Eine der stärksten geistlichen Dimensionen Köroglus ist das Ideal des Sprechers des Volkes. In den Liedern des Epos spricht Köroglu häufig so: „Ich bin die Stimme des Volkes mit verwundeter Brust / Vor dem Tyrannen halte ich nicht still." Dies ist eine in die Volksliteratur widergespiegelte epische Version der islamischen Propheten-Heiligen-Tradition — der Prophet antwortet nicht dem Volk, sondern dem Staat; er übernimmt die Mission, das Volk zu beschützen.
Vergleichende Perspektive: Robin Hood und Rustam
Die Gestalt Köroglus trägt tiefe Parallelen zu den zwei großen Räuber-Helden-Archetypen der Volksliteraturen der Welt: dem englischen Robin Hood und dem Rustam des iranischen Schâhnâme.
Robin Hood (englische Volkstradition, 13.–14. Jh.): Der im Sherwood Forest lebende Outlaw-Heilige (gesetzlose Heilige), der dem tyrannischen Sheriff von Nottingham trotzt, dem Reichen nimmt und dem Armen gibt. Die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen Robin Hood und Köroglu sind erstaunlich:
- Beide trotzen einem tyrannischen lokalen Herrscher (dem Bey von Bolu // dem Sheriff von Nottingham).
- Beide gründen mit Gefährten eine Gemeinschaft (Köroglus Recken // Robin Hoods Merry Men: Little John, Friar Tuck, Will Scarlet).
- Beide haben eine Geliebte/Gemahlin (Han Nigâr // Maid Marian), die an der Seite des Helden kämpft.
- Beide verwandeln sich in das Symbol der geistlich-gesellschaftlichen Gerechtigkeit.
- Bei beiden ist es wahrscheinlich, dass sie auf einer historisch-wirklichen Persönlichkeit beruhen, doch haben sie in der Volksvorstellung eine mythische Tiefe gewonnen.
Unterschiede: Robin Hood ist eine Gestalt aus dem Inneren der englisch-christlich-feudalen Ordnung; Köroglu tritt aus dem Inneren der osmanisch-islamischen Ordnung hervor. Die musikalisch-erzählerische Tradition Robin Hoods (die angelsächsischen Balladen) unterscheidet sich strukturell von der anatolischen Aschik-Tradition. Dennoch ist die Parallele zwischen beiden Gestalten ein Beispiel für das Phänomen, dass die Volksvorstellung demselben universalen Bedürfnis — einem geistlich-mythischen Beschützer angesichts des tyrannischen Staates — verschiedene kulturelle Ausdrücke verleiht.
Rustam (Schâhnâme, Firdausî, 10.–11. Jh.): Der Hauptheld des iranischen Nationalepos Schâhnâme. Der Sohn Zals, des Herrschers von Sîstân, der mächtigste Recke der pahlawanischen Welt. Die Parallelen zwischen Köroglu und Rustam:
- Beide haben ein außerordentliches Pferd: Köroglus Kirat, Rustams Rachsch. Beide Pferde tragen menschlichen Verstand, sind die Gefährten ihres Herrn, treffen in der Schlacht selbst Entscheidungen.
- Beide durchschreiten sieben/ehrenhafte Hân (schwierige Abenteuer): Rustams Haft-chân (sieben Abenteuerzweige im Schâhnâme), Köroglus zahlreiche Zweige.
- Beide erfahren Widerstand durch einen Sohn (oder geistlichen Sohn): Rustam begegnet seinem Sohn Suhrâb in einer Tragödie; Köroglu zieht Ayvaz als geistlichen Sohn auf (keine Tragödie, aber ein ähnliches archetypisches Band).
- Beide werden als Recken-Vermittler gegen den tyrannischen Herrscher verortet.
Unterschiede: Das Schâhnâme ist ein geschrieben-literarisches Epos (Firdausîs einhändige Niederschrift, ein klassisches Vers-Werk von 50.000 Doppelversen); das Köroglu-Epos ist eine auf der mündlich-aschikhaften Tradition beruhende, mehrfach-verfasste, flüssig-veränderliche Form. Rustam ist ein aristokratisches Recken-Prinzip (er tritt aus dem Hof hervor, dient dem König, ist aber unabhängig); Köroglu hingegen ist eine volksnahe, räuberische, aus der Ordnung des Staates hinausgetretene Gestalt.
Die Synthese der drei Helden: Köroglu ist eine eigentümliche Gestalt, die die episch-pahlawanische Dimension Rustams mit der Räuber-Heiligen-Dimension Robin Hoods in der anatolischen Volkssprache synthetisiert. Pertev Naili Boratav stellt in seinem Werk Halk Edebiyatina Giris (Einführung in die Volksliteratur, 1969) einen tiefen historischen Zusammenhang dieser Synthese mit dem Kreuzungscharakter der Geographie Anatoliens (zwischen Iran und Europa, Islam und Christentum, Ost und West) her.
Einfluss und Rezeption
Die Verbreitung in der türkischen Welt: Das Köroglu-Epos ist eines der am weitesten verbreiteten Epen der türkischen Welt. In Aserbaidschan gibt es Koroglu (Aschik Cunun, Aschik Alesker), in Turkmenistan Görogly (besonders die Tradition der Dombira-Begleitung), in Usbekistan Gorogl (die modernen Deutungen Erkin Vahidovs), in den tatarischen und kasachischen Gebieten mit Gestalten wie Korkit-ata verbundene Versionen. Die UNESCO nahm 2015 das aserbaidschanische Koroglu-Epos in die Liste des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit auf.
Moderne Widerspiegelungen in der türkischen Literatur: Die Köroglu-Gestalt wurde in der modernen türkischen Literatur vielfach bearbeitet. Yaschar Kemals Roman Ince Memed (Memed, mein Falke, 1955–1987, vier Bände) ist unmittelbar eine moderne Neudeutung des Köroglu-Archetyps: Die Gestalt des Memed, der gegen den tyrannischen Agha in die Berge zieht und ein Volksbeschützer ist, ist eine Reinkarnation Köroglus im Anatolien des 20. Jahrhunderts. Nâzim Hikmet liest in seinem Werk Memleketimden Insan Manzaralari (Menschenlandschaften aus meinem Land, 1939–1950) Köroglu in einem sozialistisch-volksverbundenen Licht. Ahmed Arif verortet in seinem Buch Hasretinden Prangalar Eskittim (Aus Sehnsucht nach dir habe ich Ketten zermürbt, 1968) Köroglu als geistlich-widerständige Gestalt der Volksdichtung.
Musikalische Form und Karacaoglan: Die Köroglu-Lieder bilden eines der umfangreichsten Repertoires der anatolischen Aschik-Saz-Musik. Große Aschik-Sänger wie Karacaoglan (17. Jh.), Dadaloglu (19. Jh.), Aschik Veysel (1894–1973) und Neschet Ertasch (1938–2012) sangen die Köroglu-Lieder und fügten neue Köroglu-Motive hinzu. Das Lied „Mein Gruß sei dem Bey von Bolu" ist eines der bekanntesten Stücke der türkischen Volksmusik.
Film und Theater: Das Köroglu-Epos wurde im 20. Jahrhundert vielfach auf die Leinwand, das Theater und die Opernbühne gebracht. Die Koroglu-Oper (1937, Baku) des aserbaidschanischen Komponisten Üzeyir Hacibeyli gilt als eine der größten Opern der türkischen Welt. In der Türkei ist der von Cüneyt Arkin gespielte Köroglu (1968, Regie Atif Yilmaz) ein klassisch gewordener Film.
Akademisches Interesse: Nach Pertev Naili Boratavs erster akademischer Arbeit von 1931 wurden Hunderte akademischer Aufsätze und Dutzende Bücher über Köroglu veröffentlicht. Forscher wie Behçet Mahir, Cahit Öztelli, Ilhan Baschgöz und Karl Reichl analysierten verschiedene Aspekte des Köroglu-Epos — die Dynamiken der mündlichen Weitergabe, die musikalische Struktur, den historischen Boden, die vergleichende Epik der türkischen Welt — eingehend.
Moderne geistliche Lesart: Im 21. Jahrhundert wird das Köroglu-Epos nicht nur als eine epische Erzählung oder ein historisch-folkloristisches Element gelesen, sondern als eine geistliche Offenbarung der anatolischen Volksspiritualität. Gerechtigkeit, Gefährtenschaft, der Schutz des Volkes, der Glaube an eine geistliche Ordnung jenseits des Staates — dies sind die Ausdrücke transzendenter Werte in der modernen Welt in der Sprache der Volksliteratur. Die Köroglu-Gestalt ist daher ein gemeinsamer Bezugspunkt sowohl des linken, volksverbundenen Denkens als auch der alevitisch-bektaschitischen geistlichen Tradition wie auch des weiteren anatolischen kulturellen Gedächtnisses.
Vierhundert Jahre später singt ein Hirte in den Bergen von Bolu noch immer „In Çamlibel soll es einst einen Köroglu gegeben haben". Dies ist der Beweis, dass das Epos als eine lebendige geistliche Form ununterbrochen weiterströmt. Ein einmal in die Volksvorstellung eingelassener Archetyp findet, unabhängig vom Vergehen der Jahrhunderte, immer wieder neues Leben.
Köroglu als mündliche Tradition: Die Dynamiken der Weitergabe
Um das Köroglu-Epos zu verstehen, muss man es nicht als einen geschriebenen Text, sondern als eine lebendige mündliche Performance behandeln. Die anatolische Aschik-Tradition bewahrte das Epos nicht als ein eingefrorenes literarisches Werk; sie ließ es als eine flüssige Form leben, die in jeder Aschik-Versammlung neu erzeugt und je nach der augenblicklichen sozial-geistlichen Stimmung des Volkes erweitert und verkürzt wurde.
Die Aschik-Performance: Eine typische Köroglu-Zweig-Erzählung hat folgenden Aufbau: Der Aschik nimmt seine Saz, liest in Begleitung des divan ayagi oder des koschma ayagi (klassischer Volksmusik-Modi) zunächst ein Döscheme (Eingangsgedicht). Dann geht er zur Geschichte über — er erzählt das Ereignis eines Zweiges in Prosa; in den kritischen Augenblicken springt er zu Liedern (der Gefühls-Monolog des Helden, die Schlacht-Herausforderung, das der Geliebten gesagte Wort usw.). Eine Zweig-Erzählung kann 1–3 Stunden dauern. Ein ganzes Epos aber wird innerhalb einer sieben bis zehn Nächte währenden Versammlungs-Kette vollendet.
Gedächtnis und Improvisation: Der angloamerikanische Klassizist Albert Bates Lord legte mit seinem Werk The Singer of Tales (1960) den Grundmechanismus der von Homer bis zu den serbisch-kroatischen Guslaren reichenden mündlich-epischen Traditionen dar: Der Aschik lernt den Text nicht auswendig, sondern baut ihn jedes Mal über Formeln (Formelausdrücke) und Themen (typische Szenen-Muster) neu auf. Die türkische Aschik-Tradition steht den serbisch-kroatischen Arbeiten Lords strukturell nahe. Karl Reichl untersucht in seinem Werk Singing the Past: Turkic and Medieval Heroic Poetry (2000) die epischen Traditionen der türkischen Welt in diesem Rahmen und betont, dass die formelhaft-thematische Struktur Köroglus außerordentlich reich ist.
Musikalische Struktur: Die Köroglu-Lieder werden meist im Köroglu- oder Mihaliçoglu-Modus gesungen — einem der bekanntesten Modi der türkischen Volksmusik. Der Yildirim uzun hava-Anfang ist die Herausforderung vor der Schlacht; das yelpik uzun hava hingegen das der Geliebten oder den Recken gesagte innere Gespräch. In Anatolien werden für die Saz-Begleitung dieser Lieder Chordophone verschiedener Größen wie çögür, baglama und cura verwendet.
Die geistlich-archetypische Dimension Köroglus: Die Räuber-Heiligen-Synthese
Um die eigentümliche Stellung der Köroglu-Gestalt in der anatolischen Volksvorstellung zu verstehen, muss man sehen, dass er nicht bloß ein Räuber oder bloß ein Krieger ist. Er ist eine Räuber-Heiligen-Synthese — ein von einem geistlichen Licht geformter Volksheld.
Der theologisch-kulturelle Boden dieser Synthese ist die Kalenderî- und Abdâliyya-Dimension der anatolischen sufischen Traditionen. Im 13.–16. Jahrhundert entwickelten die fahrenden Derwische — die abdâlân-i Rûm — in der anatolisch-balkanischen Geographie außerhalb der institutionellen Medrese-Konvent-Ordnung, inmitten des Volkes, einen schlicht-lebenden, nachdrücklich gerechtigkeitssuchenden geistlichen Stil. Gestalten wie Sari Saltuk, Otman Baba, Demir Baba und Geyikli Baba sind die historischen Vertreter dieser Prägung. In der Volksvorstellung galt dieser Abdal-Heiligen-Typus als die Verkörperung einer geistlichen Gerechtigkeit jenseits der weltlichen Macht- und Herrschaftsordnung.
Die Köroglu-Gestalt ist die bewaffnete, in die Berge gezogene, in Räuberform getretene Version dieses Abdal-Heiligen-Archetyps. Seine Gerechtigkeit trägt keinen persönlichen, sondern einen universal-geistlichen Charakter; seine Gemeinschaft ist nicht bloß eine Schar bewaffneter Räuber, sondern eine durch die Fütüvvet-Ethik gebundene geistliche Brüderschaft; sein Ziel ist nicht bloß die Rache, sondern Zeuge der Erscheinung der Wahrheit (al-Haqq) im Untergang des Tyrannen zu sein. Diese Lesart erklärt auch den engen Zusammenhang des Epos mit dem alevitisch-kizilbaschen Fundament des 16.–17. Jahrhunderts.
Die Parallele zwischen Pir Sultan Abdal (16. Jh.) und Köroglu ist in diesem Rahmen bedeutsam. Auch Pir Sultan war ein alevitisch-bektaschitischer Sänger-Heiliger, der in Sivas-Banaz lebte, vom osmanischen Hizir Pascha hingerichtet wurde (~1590) und in seinen Gedichten den geistlichen Widerstand gegen den tyrannischen Staat zum Klang brachte. Jene revolutionär-geistliche Stimme in Pir Sultans Lied „Öffnet euch, ihr Tore, lasst uns zum Schâh gehen" schwingt in derselben geistlichen Frequenz wie Köroglus Lied „Das Gewehr kam, die Mannhaftigkeit zerbrach".
Modernistisch-sozialistische Neulesung
In der Türkei des 20. Jahrhunderts wurde die Köroglu-Gestalt zu einem zentralen Bezugspunkt der modernistisch-sozialistischen Literatur. Nâzim Hikmet las in seinem zwischen 1939 und 1950 geschriebenen Epos Memleketimden Insan Manzaralari (Menschenlandschaften aus meinem Land) Köroglu und das Räuberdasein als geistliches Symbol des Volkswiderstands neu. Nâzims Köroglu-Deutung ruht in einem marxistisch-volksverbundenen Rahmen: Das gegen die tyrannisch-feudal-bürgerliche Ordnung widerständige Volk ist die moderne Reinkarnation Köroglus.
Yaschar Kemals Ince Memed-Tetralogie (1955, 1969, 1984, 1987) ist die romaneske Version dieser modernistischen Neulesung. Der gegen den tyrannischen Abdi Agha in der Çukurova-Ebene in die Berge ziehende Ince Memed ist einer der beliebtesten Helden des modernen türkischen Romans. Yaschar Kemal hat den Einfluss der Köroglu-Geschichten, die er im Dorf seines Vaters hörte, offen eingestanden; Ince Memed ist eine Wiedergeburt des Köroglu-Archetyps im Anatolien des 20. Jahrhunderts. Ince Memed wurde weltweit in viele Sprachen übersetzt; die Begegnung des Köroglu-Archetyps mit der globalen Leserschaft geschah weitgehend durch die Vermittlung Yaschar Kemals.
In der Dichtung Ahmed Arifs — besonders in Hasretinden Prangalar Eskittim (1968) — ist das Köroglu-Motiv das Rückgrat der Verbannungs-, Gefangenen- und Widerstandsdichtung. Der Aufschrei „Ach, ich bin verbrannt, Mutter / Ich entflammte und verbrannte" ist ein Nachklang der das Volksleid tragenden Stimme Köroglus in der Zeit nach der Republik.
Diese moderne Neulesung verlor die anfängliche geistlich-gesellschaftliche Dimension des Köroglu-Epos nicht, sondern fügte ihr eine neue sozial-politische Dimension hinzu. Das Epos trug dank der Geschmeidigkeit der Volksvorstellung diesen Zusatz mit Leichtigkeit.
Die Geschichts-Folklore-Debatte: War Köroglu wirklich?
Die historische Wirklichkeit Köroglus war ein beständiges Thema der akademischen Debatte. Drei Positionen lassen sich unterscheiden:
1. Die Boratav-Çobanoglu-Position: Pertev Naili Boratav (1931, 1969) und später Özkul Çobanoglu (1995) legen die Existenz eines wirklichen Dschelâlî-Anführers dar, der in den osmanischen Archivdokumenten gegen Ende des 16. Jahrhunderts unter dem Namen „Ruschen" oder „Köroglu Ruschen" erwähnt wird. Nach Boratav beruht das Gerüst des Epos auf einer wirklichen Persönlichkeit, sein Fleisch sind die Verhüllungen der Volksvorstellung über die Jahrhunderte.
2. Die Köprülü-Banarli-Position: Große Literaturhistoriker wie Fuad Köprülü und Nihat Sâmi Banarli lesen Köroglu als die vereinigte Widerspiegelung mehrerer historisch-vorstellungsmäßiger Quellen. Das heißt, es gibt nicht einen einzigen Köroglu, sondern in der Volksvorstellung mehrere ineinander verflochtene Räuber-Helden.
3. Die gänzlich mythische Position: Manche moderne Folkloreforscher (besonders einige Arbeiten Karl Reichls) vertreten, dass die historische Grundlage Köroglus unbedeutend sei und der eigentliche Interessenpunkt der archetypische Inhalt und die kulturell-literarische Funktion des Epos sei.
Diese drei Positionen schließen einander nicht aus; ergänzende Lesarten sind möglich. Was eigentlich erwiesen ist, ist dies: Das Köroglu-Epos formte sich im Anatolien des 16.–17. Jahrhunderts, verbreitete sich über die mündliche Tradition über Jahrhunderte in der türkischen Welt und wurde in der Moderne zu einer der zentralen Quellen von Literatur, Musik und Film.
Vergleich mit den Versionen der türkischen Welt
Die Unterschiede zwischen den Versionen des Köroglu-Epos in der türkischen Welt zeigen, wie sich das Epos als eine lebendige Form gewandelt hat.
Der anatolische Köroglu: Eine Bolu-Çamlibel-zentrierte Gestalt, die der osmanischen Provinzbürokratie-Ordnung trotzt und alevitisch-bektaschitische Töne trägt. Der Name Ruschen Ali kommt manchmal vor. Die Blendung des Vaters, der Kirat, Çamlibel, Ayvaz, Han Nigâr sind die Hauptelemente.
Der aserbaidschanische Koroglu: Eher Çenlibel-zentriert (die aserbaidschanische Lautform von Çamlibel); eine Gestalt, die zwischen Schah Abbas (dem safawidischen Herrscher, 1571–1629) und den osmanischen Paschas manövriert. Die reichsten volksmusikalischen Aufzeichnungen der aserbaidschanischen Version wurden von Aschik Cunun (19. Jh.) und Aschik Alesker (1821–1926) bewahrt. Üzeyir Hacibeylis Oper von 1937 ist die höchste künstlerische Kristallisation dieser Version.
Der turkmenische Görogly: In Turkmenistan ist Görogly eine weniger historisch-realistische, mehr mythisch-heldenhafte Gestalt. Das in Begleitung der Dombira gesungene Görogly-Epos ist eine der längsten Versionen der türkischen Welt (bis zu 60 Zweige). Die UNESCO nahm 2015 auch das turkmenische Görogly-Epos in die Liste des immateriellen Erbes auf.
Der usbekische Goroglu: In der usbekisch-karakalpakischen Geographie wird das Goroglu-Epos aus dem Mund des baxschi (Volkssängers) in Begleitung von tor und Dombira gesungen. Goroglu ist ein Çembil-zentrierter Held (die usbekische Lautform von Çamlibel); der Haupt-Erzählkern ist mit der anatolischen Version gleich.
Dieser vielversionige Charakter macht das Köroglu-Epos zu einem verbindenden Motiv des ganzheitlichen geistlich-literarischen Gedächtnisses der türkischen Welt. Köroglu ist die gemeinsame Signatur des türkischen Helden-Archetyps — mit lokalen Variationen je nach Region, Sprache und Staat, aber im Wesen derselbe: der dem Tyrannen trotzende, das Volk beschützende, in die Berge gezogene, mit seinem Pferd zum geistlich-inneren Gefährten gewordene Räuber-Heilige.