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Das Mabinogion

Das „Mabinogion" ist die Sammlung von elf mittelwalisischen Prosaerzählungen aus dem Roten Buch von Hergest und dem Weißen Buch von Rhydderch — mit den „Vier Zweigen des Mabinogi", frühen Artus-Stoffen und mythologischen Resten keltischer Götterwelt — ein Hauptzeugnis walisischer Erzählkunst.

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Definition

Das Mabinogion (walisisch Mabinogion; ausgesprochen etwa „ma-bi-NOG-yon") ist die seit dem 19. Jahrhundert übliche Sammelbezeichnung für ein Korpus von elf mittelwalisischen Prosaerzählungen, die in zwei großen Handschriften des 14. Jahrhunderts überliefert sind: dem Weißen Buch von Rhydderch (Llyfr Gwyn Rhydderch, um 1350) und dem Roten Buch von Hergest (Llyfr Coch Hergest, um 1382–1410). Die Erzählungen sind erheblich älter als ihre Niederschrift; ihre sprachliche und stoffliche Schichtung weist auf eine mündliche Vorgeschichte und teilweise auf das 11. bis frühe 13. Jahrhundert zurück. Das Mabinogion gilt als das bedeutendste Prosadenkmal des mittelalterlichen Wales und als eines der wichtigsten Zeugnisse der gesamten keltischen Erzähltradition — vergleichbar in seiner kulturellen Stellung mit der nordischen Edda oder den irischen Sagenzyklen.

Inhaltlich vereinigt das Korpus sehr verschiedene Texttypen: vier eng zusammengehörige Erzählungen mythologischen Gepräges (die „Vier Zweige"), eine archaische Artus-Erzählung (Culhwch ac Olwen), zwei „Träume", zwei legendarische Stoffe und drei höfische Romanzen, die mit dem Werk des nordfranzösischen Dichters Chrétien de Troyes verwandt sind. Hinter der ritterlichen Oberfläche vieler Episoden schimmern die euhemerisierten — also zu Menschen oder Helden herabgestuften — Gestalten einer älteren keltischen Götterwelt durch: die Anderswelt Annwn, magische Verwandlungen, Souveränitätsgöttinnen und Schwellenorte. Das Mabinogion ist damit zugleich Literatur und mythologisches Sediment.

Die Datierung der einzelnen Stücke ist Gegenstand fortdauernder Diskussion. Während die Handschriften ins 14. Jahrhundert gehören, setzt die sprachliche Analyse die Entstehung der ältesten Schichten — vor allem der Vier Zweige und der Erzählung Culhwch ac Olwen — deutlich früher an, in das 11. bis frühe 12. Jahrhundert; die drei höfischen Romanzen gelten als jünger und stehen unter dem Einfluss der kontinentalen Ritterdichtung des späten 12. Jahrhunderts. Hinter allen Texten liegt jedoch ein noch älterer, mündlich tradierter Erzählbestand, dessen Wurzeln teils bis in die vorchristliche keltische Welt reichen.

Der Name und seine Geschichte

Der Titel Mabinogion ist im strengen Sinn eine gelehrte Erfindung der Neuzeit. Im Mittelwalisischen erscheint am Ende der vier zusammenhängenden Haupterzählungen jeweils die Formel „ac yuelly y teruyna y geing hon o'r Mabinogi" — „und so endet dieser Zweig des Mabinogi". Das Wort Mabinogi ist von der Wurzel mab („Sohn, Knabe, Jugend") abgeleitet; seine genaue Bedeutung ist bis heute umstritten. Traditionell deutete man es als „Erzählung von der Jugend (eines Helden)" oder als das, was ein angehender Barde (mab, Lehrling) zu lernen hatte. Die heute am breitesten akzeptierte Deutung von Eric Hamp und anderen führt Mabinogi auf einen Götternamen zurück: auf Maponos („der göttliche Sohn", gallisch-britischer Gott), dessen walisische Entsprechung Mabon fab Modron („Sohn der Mutter") ist. Mabinogi wäre demnach ursprünglich „die Geschichte(n) der (Familie des) Mabon/Maponos" — ein mythologischer, kein bloß biographischer Begriff.

Die Form Mabinogion mit der Endung -on findet sich tatsächlich nur ein einziges Mal in den Handschriften, am Ende des Ersten Zweigs (Pwyll), und ist dort mit großer Wahrscheinlichkeit ein Schreibfehler — eine versehentliche Übertragung der Pluralendung aus einem benachbarten Wort. Dieser Verschreibung verdankt die ganze Sammlung ihren heutigen Namen. Es war die walisisch-englische Adlige und Sprachgelehrte Lady Charlotte Guest (1812–1895), die zwischen 1838 und 1849 die erste vollständige englische Übersetzung der elf Erzählungen in mehreren Bänden vorlegte und für das Gesamtwerk den vermeintlichen Plural „The Mabinogion" einführte. Ihre Ausgabe machte die Texte erstmals einem breiten europäischen Publikum zugänglich und wurde zu einem Gründungsdokument der keltischen Renaissance des 19. Jahrhunderts. Streng philologisch bezeichnet Mabinogi nur die vier zusammenhängenden Zweige; der Titel Mabinogion für die ganze Sammlung der elf Stücke ist eine Konvention, die sich gleichwohl unwiderruflich durchgesetzt hat.

Überlieferung: die beiden großen Handschriften

Die elf Erzählungen sind vollständig nur in den beiden genannten Codices erhalten, doch finden sich Fragmente bereits in älteren Handschriften (Peniarth 6, frühes bis mittleres 13. Jahrhundert), was die hohe Stabilität der Texttradition belegt.

Handschrift Walisisch Datierung Aufbewahrung
Weißes Buch von Rhydderch Llyfr Gwyn Rhydderch um 1350 Nationalbibliothek von Wales, Aberystwyth
Rotes Buch von Hergest Llyfr Coch Hergest um 1382–1410 Jesus College, Oxford (Aufbewahrung: Bodleian)

Das Rote Buch von Hergest ist eine umfangreiche Sammelhandschrift, die neben den Mabinogion-Erzählungen auch historische, religiöse und poetische Texte sowie Teile des Buches von Taliesin enthält und damit den literarischen Kontext der bardischen Kultur (vgl. Taliesin und Awen, die bardische Inspiration) sichtbar macht. Die wissenschaftliche Standardedition des mittelwalisischen Textes besorgte Ifor Williams (Pedeir Keinc y Mabinogi, 1930); die maßgebliche moderne englische Übersetzung stammt von Sioned Davies (The Mabinogion, Oxford 2007), die ältere klassische von Gwyn und Thomas Jones (1949).

Die Vier Zweige des Mabinogi (Pedeir Cainc y Mabinogi)

Den Kern und ältesten Bestand bilden die „Vier Zweige" (Pedeir Cainc), vier kunstvoll miteinander verflochtene Erzählungen, die wahrscheinlich von einem einzigen, anonymen Autor um die Mitte des 11. Jahrhunderts (nach anderer Datierung später) zu einem Zyklus zusammengestellt wurden. Sie verbindet eine Reihe wiederkehrender Figuren, vor allem Pryderi, der Sohn Pwylls, dessen Geburt, Aufstieg und Tod den Zyklus durchzieht.

Erster Zweig: Pwyll, Fürst von Dyfed

Pwyll Pendefig Dyfed erzählt von Pwyll, dem Herrn von Dyfed (Südwestwales), der durch einen Jagdzwischenfall in die Anderswelt Annwn gerät und für ein Jahr die Gestalt ihres Königs Arawn annimmt, um dessen Gegner zu besiegen — eine klassische Schilderung der durchlässigen Grenze zwischen Menschen- und Götterwelt. Im zweiten Teil begegnet ihm Rhiannon, die auf einem weißen, übernatürlich schnellen Pferd erscheint und sich, obwohl nie einzuholen, ihm aus freiem Willen zur Frau gibt. Rhiannon trägt deutliche Züge einer Souveränitätsgöttin und einer Pferdegöttin, was sie mit der gallisch-römischen Göttin Epona und der irischen Macha (Morrígan-Kreis) verbindet; die spirituelle Bedeutung des Pferdes in solchen Mythen behandelt vergleichend das schamanische Reit- und Pferdesymbol. Als Rhiannons neugeborener Sohn auf rätselhafte Weise verschwindet, wird sie zu Unrecht des Kindsmordes bezichtigt und muss eine erniedrigende Buße ableisten — ein Motiv der verleumdeten Königin. Der wiedergefundene Knabe erhält den Namen Pryderi („Sorge"). Eine zweite zentrale Episode des Ersten Zweigs ist die Werbung Gwawls um Rhiannon und Pwylls List mit dem Zauberbeutel, der sich nie füllt, bis der Nebenbuhler selbst hineinsteigt — das demütigende Spiel „Dachs im Sack" (broch yng nghod). Der Zweig verbindet so Anderswelt-Reise, Liebeswerbung und die Geburt des Helden zu einer in sich geschlossenen Komposition über Würde, Wort und Wiedergutmachung.

Zweiter Zweig: Branwen, Tochter Llŷrs

Branwen ferch Llŷr ist die tragischste der vier Erzählungen. Branwen, Schwester des Riesenkönigs Brân der Gesegnete (Bendigeidfran), wird mit dem irischen König Matholwch vermählt; eine Beleidigung durch ihren Halbbruder Efnisien führt zu Misshandlung Branwens in Irland und schließlich zum verheerenden Krieg zwischen Britannien und Irland. Im Zentrum steht der magische Kessel der Wiederbelebung (pair dadeni), der gefallene Krieger über Nacht wieder zum Leben erweckt — ein Motiv, das mit dem späteren Gral und dem „Kesselraub" des Gedichts Preiddeu Annwn verbunden wird (vgl. Arthur und die Gralslegende). Der Krieg endet in fast völliger Vernichtung; der sterbende Riese Brân befiehlt, ihm das Haupt abzuschlagen, das daraufhin jahrzehntelang weiterspricht und die Überlebenden in einem zeitlosen Festmahl bewirtet — ein eindrückliches Zeugnis des keltischen Kopfkults (vgl. keltischer Kopfkult und heilige Brunnen). Schließlich wird das Haupt unter dem Weißen Hügel (Gwynfryn, traditionell mit dem Tower of London identifiziert) begraben, mit dem Gesicht nach Frankreich, um die Insel als magisches Bollwerk vor Invasion zu schützen — eine ätiologische Gründungslegende von hohem symbolischem Gewicht. Die Episode vom siebenundachtzig Jahre währenden, zeitlosen Festmahl im „Verwunschenen Saal", bei dem die Überlebenden in seliger Vergessenheit verharren, bis das Öffnen einer verbotenen Tür sie wieder dem Lauf der Zeit aussetzt, gehört zu den eindringlichsten Bildern keltischer Anderswelt-Erfahrung und der Zeitkrümmung an der Schwelle.

Dritter Zweig: Manawydan, Sohn Llŷrs

Manawydan fab Llŷr setzt die Handlung fort: Manawydan, Bruder Brâns und walisische Entsprechung des irischen Meeresgottes Manannán mac Lir, heiratet die nun verwitwete Rhiannon. Über Dyfed legt sich ein magischer Bann: Das Land verödet, Menschen und Tiere verschwinden, Rhiannon und Pryderi werden in eine Anderswelt-Falle verschlagen. Manawydan, hier als besonnener, listenreicher Held gezeichnet, löst den Zauber nicht durch Gewalt, sondern durch geduldiges Verhandeln, als er eine als Maus verwandelte Frau des feindlichen Zauberers Llwyd zu hängen droht. Dieser Zweig zeigt die ältesten Götter bereits stark vermenschlicht und ist als Geschichte der Geduld und der Aufhebung eines Fluchs angelegt.

Vierter Zweig: Math, Sohn Mathonwys

Math fab Mathonwy ist der mythologisch dichteste Zweig. Math, Herr von Gwynedd (Nordwales), besitzt magische Macht, ist aber an die seltsame Bedingung gebunden, seine Füße im Schoß einer Jungfrau ruhen zu lassen. Sein Neffe, der Zaubererschmied Gwydion, entfesselt durch eine List Krieg und Verstrickung. Im Mittelpunkt steht Lleu Llaw Gyffes („der mit der geschickten Hand"), Sohn der Göttin Arianrhod, der die walisische Entsprechung des pankeltischen Lichtgottes Lugh ist (siehe Lugh und Danu). Seine Mutter belegt ihn mit drei Verboten (er solle keinen Namen, keine Waffen und keine menschliche Frau erhalten), die Gwydion durch Zauber überwindet. Da Lleu keine sterbliche Frau heiraten kann, erschaffen Math und Gwydion ihm aus Blüten von Eiche, Ginster und Mädesüß die Frau Blodeuwedd („Blumengesicht"). Blodeuwedd jedoch verrät Lleu mit einem Liebhaber und stiftet seine fast unmögliche Tötung an; Lleu verwandelt sich sterbend in einen Adler, wird von Gwydion geheilt, und Blodeuwedd wird zur Strafe in eine Eule verwandelt. Diese Erzählung verbindet Schöpfungs-, Verrats- und Verwandlungsmotive zu einem der reichsten mythischen Gewebe der gesamten keltischen Literatur.

Die innere Einheit der Vier Zweige

Trotz ihrer Stoffvielfalt bilden die Vier Zweige einen kunstvoll geschlossenen Zyklus. Ihn durchzieht die Figur Pryderi, der im Ersten Zweig geboren, im Dritten in den Bann verschlagen und im Vierten durch Gwydion getötet wird — seine Vita verklammert die Erzählungen zu einem einzigen Erzählbogen. Wiederkehrend sind ferner die beiden großen Dynastien, das „Haus des Llŷr" (Brân, Branwen, Manawydan) und das „Haus des Dôn" (Math, Gwydion, Arianrhod, Gilfaethwy), deren Namen auf alte Göttergeschlechter zurückgehen. Strukturierende Leitmotive sind der Bruch eines Tabus mit verheerenden Folgen, die falsche Anklage und Buße einer Frau (Rhiannon, Branwen), die Verödung des Landes als Folge gestörter Ordnung und die Wiederherstellung durch Geduld oder List statt durch bloße Gewalt. Die ältere Forschung (W. J. Gruffydd) versuchte, hinter dieser Komposition einen verlorenen „Ur-Mythos" der Geburt, Gefangenschaft und Wiederkehr eines göttlichen Sohnes zu rekonstruieren; neuere Arbeiten betonen demgegenüber die bewusste literarische Leistung des anonymen Verfassers, der heterogenes Sagenmaterial zu einer moralisch grundierten Erzähleinheit über rechtes und unrechtes Handeln, über Freundschaft, Treue und die Verantwortung des Herrschers verwob.

Die weiteren Erzählungen

Culhwch ac Olwen — der früheste Artus-Stoff

Culhwch ac Olwen („Culhwch und Olwen", wohl spätes 11. Jahrhundert) gilt als die älteste vollständige Artus-Erzählung überhaupt und ist damit für die Artus- und Gralstradition von kaum zu überschätzender Bedeutung. Der junge Held Culhwch wird von seiner Stiefmutter verflucht, nur die Riesentochter Olwen heiraten zu können. Er sucht den Hof seines Vetters Artus (Arthur) auf, der ihm ein gewaltiges Gefolge berühmter Krieger zur Seite stellt — ein langer Katalog von über zweihundert Namen, der eine Fülle archaischer keltischer Sagengestalten bewahrt. Olwens Vater, der Riese Ysbaddaden, stellt vierzig nahezu unmögliche Aufgaben (anoethau), darunter die Jagd auf den dämonischen Eber Twrch Trwyth und die Befreiung des Gefangenen Mabon fab Modron — eben jenes göttlichen Sohnes, dessen Name möglicherweise im Wort Mabinogi fortlebt. Die Erzählung mischt mythische Tiefe mit übersprudelnder Erzählfreude und Humor und ist sprachlich ein Glanzstück der mittelwalisischen Rhetorik, etwa in der berühmten, rhythmisch gebauten Beschreibung der schönen Olwen, deren Schritte vier weiße Kleeblätter aufsprießen lassen.

Die zwei Träume

Zwei Erzählungen tragen das Wort „Traum" im Titel: Breuddwyd Macsen Wledig („Der Traum des Macsen Wledig") verknüpft die Liebe des historischen römischen Usurpators Magnus Maximus (gest. 388) mit einer walisischen Prinzessin und dient der Legitimierung walisischer Herrscherhäuser. Breuddwyd Rhonabwy („Der Traum des Rhonabwy") ist eine literarisch hochbewusste, fast satirische Vision, in der ein Krieger im Traum in die Zeit des Artus versetzt wird; sie ist die einzige Erzählung der Sammlung, die ausdrücklich als bewusste schriftliche Komposition gekennzeichnet ist.

Die drei Romanzen und der Chrétien-Bezug

Die drei „Romanzen" — Owain (Iarlles y Ffynnon, „Die Herrin der Quelle"), Peredur fab Efrawg und Geraint fab Erbin — entsprechen thematisch den Versromanen Chrétiens de Troyes (Yvain, Perceval, Erec et Enide, um 1170–1190). Das Verhältnis ist umstritten: Schöpften beide aus einer gemeinsamen keltisch-bretonischen Quelle, oder bearbeitet das Walisische Chrétien? Besonders Peredur ist hier zentral, denn er ist die walisische Parallelfigur zu Perceval, dem Gralssucher; in Peredur erscheint zwar kein „Gral", wohl aber ein blutendes Lanzenmotiv und ein abgeschlagenes Haupt auf einer Schale, in dem viele Forscher (so Roger Sherman Loomis) den keltischen Urgrund des Gralsmotivs sehen. Damit bildet das Mabinogion eine entscheidende Brücke zwischen keltischem Mythos und der hochmittelalterlichen, später christlich-mystisch gedeuteten Gralsdichtung des europäischen Festlands.

Die mythologischen Schichten

Das Mabinogion ist kein heidnisches Religionsbuch, sondern ein von christlichen Schreibern fixiertes Literaturwerk; doch unter seiner Oberfläche liegen erkennbare mythologische Schichten:

Die bardische Verschriftlichung dieser Stoffe steht im Zusammenhang mit der walisischen Dichterkultur, ihrem Ideal der inspirierten Eingebung Awen und ihrem Baum- und Zeichensystem Ogham. Der Jahreslauf der mit diesen Mythen verbundenen Feste — Samhain, Imbolc, Beltane und Lughnasadh, dessen Lughnasadh nach Lugh/Lleu benannt ist (siehe Imbolc und Lughnasadh) — bildet den rituellen Hintergrund.

Sprache und Erzählkunst

Das Mabinogion ist nicht nur mythologisch, sondern auch literarisch von hohem Rang. Sein Mittelwalisisch ist eine entwickelte, geschmeidige Prosasprache — bemerkenswert für eine Zeit, in der die meisten europäischen Volkssprachen Erzählstoff noch in Versen behandelten. Die Texte arbeiten mit einem ausgeprägten Sinn für Tempo, Dialog und Szenenführung: Knappe, schnelle Handlungssequenzen wechseln mit ausgestalteten Schauwerten — höfischen Aufzügen, Gewändern, Gastmählern. Charakteristisch ist die häufige Wendung „Ac ar hynny..." („Und darauf...") als Gelenk zwischen den Szenen, ein Erbe der mündlichen Vortragstradition der Cyfarwydd, der professionellen walisischen Erzähler. Auffällig ist die psychologische Zurückhaltung: Die Texte berichten Handlungen und Reden, kommentieren aber selten Innenleben, was den Figuren eine archaische, fast schicksalhafte Würde verleiht.

Anders als die kontinentale Romanze ist die Darstellung oft trocken-ironisch und von einem feinen Humor durchzogen. Zugleich bewahren die Erzählungen Reste einer formelhaften Diktion und Triaden — jener für die walisische Tradition typischen Dreiergruppierungen („die drei...") —, die auf die Gedächtniskunst der Barden zurückweisen. Die enge Verbindung von Prosaerzählung und eingestreuten Versdialogen (englynion) in einigen Stücken (etwa im Vierten Zweig) deutet auf eine ältere Form der Prosimetrum-Erzählung hin, in der Schlüsselmomente in gebundener Rede gesprochen wurden. In dieser Verschränkung von Mythos, mündlicher Technik und schriftlicher Kunstfertigkeit liegt die besondere Stellung des Werks.

Bedeutung für die walisische Identität

Für Wales ist das Mabinogion weit mehr als eine Sammlung von Märchen: Es ist ein nationales Kulturdenkmal und das Herzstück der mittelalterlichen Prosa in einer der ältesten lebenden Literatursprachen Europas. Die geographische Verankerung der Erzählungen in realen Landschaften — Dyfed, Gwynedd, Harlech, Aberffraw, der Berg Arberth — verbindet Mythos und Topographie und prägt bis heute das walisische Selbstverständnis. In der „keltischen Renaissance" des 19. Jahrhunderts wurde das Mabinogion, befördert durch Lady Charlotte Guest, zum Beleg für die Eigenständigkeit und Tiefe der walisischen Kultur gegenüber dem englischen Übergewicht. Die Stoffe leben in Ortsnamen, in der modernen walisischsprachigen Literatur und im wiederbelebten Eisteddfod-Festival fort. Lady Charlotte Guests Übersetzung erfüllte dabei eine doppelte Funktion: Sie bewahrte einen bedrohten Bestand und stellte ihn zugleich in den Dienst eines romantischen Nationalgefühls, das die alten Erzählungen zum Spiegel eines ungebrochenen kulturellen Gedächtnisses erhob. In der heutigen Erinnerungskultur von Wales — von Schulbüchern über die Bildende Kunst bis zu Musik und Film — gehören Rhiannon, Blodeuwedd und Brân zu den unmittelbar erkennbaren Identifikationsfiguren; die Sängerin Stevie Nicks etwa machte den Namen Rhiannon weltweit bekannt, wenngleich in popularisierter Form. Das Mabinogion fungiert so als kulturelles Reservoir, aus dem sich walisische Selbstvergewisserung bis in die Gegenwart speist.

Vergleichende Perspektive

Das Mabinogion lässt sich fruchtbar in die weltweite Tradition der mündlich-bardischen Epik und der Mythenkompendien einordnen, deren Vergleich die strukturelle Verwandtschaft menschlicher Mythenbildung sichtbar macht.

Über solche Einzelmotive hinaus lässt sich das Mabinogion als Beispiel eines weltweit verbreiteten Typs verstehen: des schriftlich fixierten Mythenkompendiums am Übergang von der mündlichen zur literarischen Kultur. Wie die Edda, die irischen Zyklen oder die griechischen Sammlungen der Mythographen bewahrt es einen Bestand, der ursprünglich religiös-rituelle Funktion besaß, nun aber als ästhetisch geformte Erzählung tradiert wird. Diese Spannung zwischen sakralem Ursprung und literarischer Gegenwart, zwischen heidnischem Stoff und christlichem Schreiber, ist kein Mangel, sondern macht gerade die kulturelle Tiefe und Vieldeutigkeit solcher Werke aus.

Moderne Rezeption

Seit Lady Charlotte Guest hat das Mabinogion eine breite Nachwirkung entfaltet, weit über die Keltologie hinaus.

Kritik und Kontroversen

Die Forschung ist sich in mehreren Punkten uneins. Erstens bleibt der Status des „Mythologischen" umstritten: Ältere Forscher (etwa Gruffydd) lasen die Vier Zweige als kaum verschleierte Götterdichtung, während neuere Arbeiten die literarische Eigenständigkeit, die christliche Prägung und die bewusste Komposition stärker betonen und vor allzu direkten Rückschlüssen auf eine „keltische Religion" warnen. Zweitens ist die Datierung des Urtextes der Vier Zweige (11. oder spätes 12. Jahrhundert?) und die Identität des Autors offen; vorgeschlagen wurde u. a. eine gebildete Verfasserin oder ein Verfasser aus dem Umfeld von Dyfed. Drittens ist das Quellenverhältnis der drei Romanzen zu Chrétien de Troyes — gemeinsame Quelle, walisische Vorlage oder Übersetzung aus dem Französischen — bis heute nicht abschließend geklärt. Viertens ist die populäre Verwendung des Titels „Mabinogion" für alle elf Erzählungen, wie gezeigt, philologisch ungenau, hat sich aber als praktische Konvention durchgesetzt.

Fazit

Das Mabinogion ist das große Prosabuch des mittelalterlichen Wales: elf Erzählungen, in zwei Handschriften des 14. Jahrhunderts überliefert, doch viel älteren Stoffes. In den „Vier Zweigen" bewahrt es die reichste Schicht britisch-keltischer Mythologie — Rhiannon und die Anderswelt, Brân und der belebende Kessel, Lleu und Blodeuwedd —, in Culhwch ac Olwen den ältesten Artus-Stoff und in den drei Romanzen die Brücke zur europäischen Gralsdichtung. Als euhemerisiertes Mythenkompendium steht es neben der Edda und den irischen Zyklen, als bardisches Erzählwerk neben den großen Epen der Welt. Von Lady Charlotte Guest der Moderne erschlossen, wurde es zum Fundament walisischer Identität und zu einer Quelle der modernen Fantasy. In seiner Verbindung von erzählerischer Frische, mythischer Tiefe und literarischer Kunst gehört es zu den bleibhaftigsten Zeugnissen dafür, wie eine Kultur ihre ältesten Bilder über die Schwelle der Schrift hinweg lebendig erhält.