Hypothesen zum Quantenbewusstsein: Penrose-Hameroff, Stapp, Wheeler
Versuche der Anwendung der Quantenmechanik auf das Bewusstseinsproblem: Penrose-Hameroff Orch-OR, Stapps beobachterbasierter Ansatz, Wheelers partizipatorisches Universum — und ein Vergleich mit der sufischen Einheit des Seins (Vahdet-i Vücud).
Rahmen der Fragestellung
Die Debatte um das Quantenbewusstsein ist ein Forschungsfeld, das am Schnittpunkt der beiden großen wissenschaftlichen Revolutionen des 20. Jahrhunderts — der Quantenmechanik und der Neurowissenschaft — entstanden ist und sich um das schwierige Problem (hard problem of consciousness) dreht. In der Form, in der David Chalmers es 1995 formulierte, ist das „schwierige Problem" das Unvermögen des klassisch-physikalistisch-reduktionistischen Paradigmas zu erklären, wie es kommt, dass neuronale Aktivität zu subjektivem Erleben (qualia, first-person experience) führt. Die klassische Neurowissenschaft zeigt, dass bestimmte Hirnregionen (etwa der visuelle Kortex V4) bestimmte Funktionen (Farbwahrnehmung) begleiten; doch sie kann nicht in die Sprache der Physik reduzieren, wie es sich im Wesenskern anfühlt, „Rot zu sehen" — also die Qualia selbst.
Das leichte Problem (easy problem) — die Kartierung der physischen Mechanismen — ist weitgehend durch die neurowissenschaftliche Forschung adressiert worden. Welche Neuronen feuern, welcher Neurotransmitter ausgeschüttet wird, welche Schaltkreise miteinander verbunden sind: All dies lässt sich präzise messen. Doch das schwierige Problem fragt, warum diese physiologischen Vorgänge von irgendeinem subjektiven Empfinden begleitet werden. In Chalmers’ Worten hätte ein „im Dunkeln" funktionierender Zombie-Organismus physisch mit dem Menschen identisch sein können; das Vorhandensein des Bewusstseins hat in den Gleichungen der Physik keinen logisch-notwendigen Ort.
Genau in dieser Lücke schlugen vier bedeutende Denker — Roger Penrose, Stuart Hameroff, Henry Stapp und John Archibald Wheeler — vor, dass einige außergewöhnliche Eigenschaften der Quantenmechanik (Superposition, Nichtlokalität, Beobachtereffekt, Verschränkung) ein neues Tor zum Verständnis der Natur des Bewusstseins öffnen könnten. Während diese Ansätze eine Alternative zum materialistisch-reduktionistischen Paradigma bieten, tragen sie zugleich überraschende strukturelle Parallelen zum „Sehen der Welt mit dem Auge des Wahren (Gottes)" des klassischen Tasawwuf und zur Lehre der Einheit des Seins (Vahdet-i Vücud).
Unser Ziel in dieser Notiz ist es weder, eine übermäßig naive Anpassung (die Quantenmechanik beweise die Mystik), noch eine übermäßig ablehnende Deutung (beide seien gänzlich getrennte Welten) vorzutragen; vielmehr geht es darum, die Resonanzen auf der strukturell-begrifflichen Ebene zu kartieren. Was diese strukturellen Resonanzen bedeuten, ist hingegen noch ein umstrittenes, offenes und fruchtbares Feld des Dialogs zwischen Wissenschaft, Philosophie und Religion.
Wissenschaftliche Befunde
Penrose-Hameroff Orch-OR (Orchestrated Objective Reduction)
Roger Penrose (mathematischer Physiker, Nobelpreisträger 2020 — für die gemeinsam mit Stephen Hawking durchgeführte Arbeit zu den Singularitätstheoremen) und Stuart Hameroff (Anästhesist, Universität Arizona) entwickelten ab Mitte der 1990er Jahre die Hypothese der Orchestrated Objective Reduction (Orch-OR) — „orchestrierte objektive Reduktion". Die Hauptbehauptungen der Hypothese lauten:
- Zytoplasmatische Mikrotubuli: Die in den Neuronen befindlichen Mikrotubuli (aus dem Protein Tubulin bestehende Zytoskelettstrukturen, Durchmesser ~25 nm) können Zustände der Quantensuperposition beherbergen. Die konformationellen Veränderungen zwischen den α- und β-Untereinheiten des Tubulins können auf quantenmechanischer Ebene in Superposition sein.
- Objective Reduction (OR): Der von Penrose vorgeschlagene Mechanismus, dass die Wellenfunktion auch ohne Messung gravitativ von selbst kollabiert (Diósi-Penrose-Modell). Dies unterscheidet sich vom Kollaps-Verständnis von Neumann-Wigner: Der Kollaps wird nicht durch einen bewussten Beobachter ausgelöst, sondern durch eine Fluktuation in der Raumzeit selbst, wenn die Masse-Energie-Superposition einen bestimmten Schwellenwert überschreitet.
- Orchestration: Diese Kollapse sind nicht zufällig, sondern werden durch die synaptische Aktivität und die Membranproteine geregelt. Die entstehenden „Proto-Bewusstseinsmomente" werden in den Mikrotubuli als millisekundenlange Quantenberechnungen erlebt.
- Bewusstseinsmoment: Jeder „Bewusstseinsaugenblick" ist ein Orch-OR-Ereignis von etwa 25–100 Millisekunden; die EEG-Oszillationen in der Gammafrequenz (~40 Hz) sind die Makro-Signatur dieser Ereignisse. Das Bewusstsein wird nicht als ununterbrochener Fluss, sondern als eine Folge von „Flashes" erlebt — eine „Bewusstseinspulsation", die 40 Mal pro Sekunde geschieht.
Penroses Ausgangspunkt ist das Argument, ausgehend vom Gödelschen Unvollständigkeitssatz, dass der menschliche Geist nicht algorithmisch (das heißt Turing-äquivalent) sein kann. In den Büchern The Emperor’s New Mind (1989) und Shadows of the Mind (1994) wird dieses Argument entfaltet: Mathematische Intuition und Kreativität lassen sich Penrose zufolge nicht mit einem klassischen Computer simulieren; Mathematiker können in ihren eigenen Systemen unentscheidbare Sätze intuitiv erkennen; dies bedeutet, aus dem formalen Axiomensystem hinauszutreten. Deshalb ist für das Bewusstsein ein „nicht-berechenbarer" Mechanismus — der Quantenkollaps — erforderlich.
Kritiker (allen voran Max Tegmark) berechneten, dass die Quantenkohärenz in der warmen, feuchten, verrauschten Umgebung des Gehirns nicht länger als ~10^-13 Sekunden bestehen könne. Hameroff vertritt hingegen die Ansicht, dass die Quantenvibration (quantum vibration) in den hydrophoben Taschen der Mikrotubuli über Nanosekunden hinweg erhalten bleiben könne. 2014 wurde behauptet, dass Bandyopadhyay und sein Team in Mikrotubuli quantenähnliche Resonanzen beobachtet hätten, doch die unabhängige Reproduzierbarkeit ist umstritten. 2022 berichteten Babcock u. a., dass sie in Mikrotubuli auf Anästhetika empfindliche delokalisierte Anregungen vom Quantentyp beobachtet hätten — dies ist ein Befund, der Hameroffs Hypothese stützt, dass „Anästhetika das Bewusstsein ausschalten, weil sie die Quantenprozesse der Mikrotubuli stören".
Die methodologische Stärke der Orch-OR-Hypothese ist, dass sie in der Kette Anästhetika–Bewusstsein–Mikrotubuli einen einzigen kausalen Mechanismus vorschlagen kann: Dass die Anästhetika trotz ihrer gesamten strukturellen Vielfalt (Ether, Halothan, Propofol, Xenon) als gemeinsame Eigenschaft die Fähigkeit haben, an die hydrophoben Taschen des Tubulins zu binden, ist ein wichtiger Stützpfeiler der Hypothese.
Henry Stapp und der Ansatz des Beobachterbewusstseins
Henry P. Stapp (Lawrence Berkeley National Laboratory, theoretischer Physiker, der mit Heisenberg gearbeitet hat, gestorben 2024) verteidigt eine vertiefte Version der Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik. In den Büchern Mindful Universe (2007/2011) und Mind, Matter and Quantum Mechanics (1993) trägt er folgende Thesen vor:
- Heisenberg-Wahl: Die Wahl, welche Art von Messung an einem Quantensystem durchgeführt wird („Heisenberg choice"), ist dem System äußerlich und kann nicht durch die klassische Physik bestimmt werden. Was beobachtet wird, auf welcher Grundlage gemessen wird — die Wahl dessen liegt außerhalb des formal-mathematischen Rahmens.
- Bewusstsein → Natur: Dasjenige, das diese Wahl trifft, ist die bewusste Absicht des Beobachters (volitional act). Das heißt, das Bewusstsein trägt aktiv zum ontologischen Gewebe der Natur bei. Stapp rahmt dies in einer von Whiteheads process philosophy entlehnten Weise als „actual occasion" (aktuelles Geschehnis).
- Pauli-Prozesse: Stapp übernimmt die Unterscheidung zwischen „Prozess 1" (die vom Beobachter gestellte Frage — die bewusste Absicht) und „Prozess 2" (Schrödinger-Evolution — deterministisch) aus dem Werk Mathematical Foundations of Quantum Mechanics (1932) von John von Neumann und setzt Prozess 1 mit der bewussten Absicht gleich.
- Quantum-Zeno-Effekt: Schnell wiederholte Beobachtungen können ein Quantensystem in einem Zustand „einfrieren". Stapp schlägt vor, dass auch die bewusste Sammlung die neuronalen Superpositionen in Richtung bestimmter Entscheidungen lenken kann — das heißt, die bewusste Absicht ist im Gehirn ein kausal-wirksamer Akteur.
- Ethische Implikationen: Wenn die bewusste Wahl das Kollapsmuster der Quantenwelt beeinflusst, ist die ethische Verantwortung physisch wirklich; das vom deterministischen Materialismus erzeugte Problem der „Illusion des freien Willens" löst sich auf. Dieses Argument Stapps hat in den Kreisen des Wissenschaft-Religion-Dialogs, die eine Brücke zwischen der modernen Wissenschaft und der sittlichen Verantwortung zu schlagen suchen, einen besonderen Widerhall gefunden.
Stapps Ansatz bricht gänzlich von den newtonsch-laplaceschen Wurzeln des Materialismus und schlägt einen idealistisch geneigten neutralen Monismus vor: Materie und Bewusstsein sind die zwei Gesichter eines grundlegenderen „Prozesses des Werdens". Dies stützt sich auf eine auf „actual entities" gegründete Ontologie, die in Whiteheads Werk Process and Reality (1929) eingehend ausgearbeitet wird.
John Wheeler und das partizipatorische Universum
John Archibald Wheeler (Physiker aus Princeton, gestorben 2008; der Riese, der den Begriff „black hole" erfand und mit Bohr und Einstein arbeitete) brachte mit dem zwischen 1970 und 1990 entwickelten Participatory Anthropic Principle (PAP) folgende radikale Auffassung vor:
„No phenomenon is a real phenomenon until it is an observed phenomenon."
Wheelers berühmtes Gedankenexperiment der delayed-choice experiment (1978, 1984 von Hellmuth, Walther u. a. im Labor verwirklicht) zeigte, dass der Beobachter nachträglich „entscheiden" kann, ob sich ein Photon in der Vergangenheit als Welle oder als Teilchen verhalten hat. Ob das Photon während des Doppelspaltexperiments die Welleneigenschaft (Interferenzmuster) oder die Teilcheneigenschaft (durch welchen Spalt ging es?) zeigt, wird durch die Messwahl bestimmt, die nachdem das Photon die Spalte durchquert hat getroffen wird. Wheeler deutete dies so: Die Vergangenheit des Universums wird durch die gegenwärtigen Beobachtungen rückwirkend „geschrieben". Dies stürzt die mechanisch-deterministische Vorstellung vom Universum von Grund auf um.
2017 führte die Gruppe von Andrew Truscott dieses Experiment in Australien mit neutralen Heliumatomen durch und bestätigte Wheelers Hypothese experimentell: Auch auf der makroskopischen Ebene der Atome erfolgt die Welle/Teilchen-Wahl nach der Beobachtung.
Wheelers Lehre It from Bit (1989, im Aufsatz „Information, Physics, Quantum: The Search for Links") wiederum vertritt die Ansicht, dass die gesamte physische Wirklichkeit (it) letztlich aus der Ebene der Informationsbinärität (bit) — das heißt aus den auf „Ja/Nein"-Fragen gegebenen Antworten — hervorgeht. Dies hinterließ später Spuren wie die digitale Physik (Fredkin, Wolfram), das holografische Prinzip (Bekenstein, ’t Hooft, Susskind) und die Simulationshypothese (Bostrom).
Wheelers partizipatorisches Universum ist weder gänzlich materialistisch noch gänzlich idealistisch; es ist eine Ontologie, in der die Dualität von Beobachter und Beobachtetem durch einen grundlegenderen Prozess der Informationsteilhabe überschritten wird. Wheelers berühmte Zeichnung — der „self-excited circuit" — ist die Darstellung des Universums als eine bewusste, schleifenförmige Struktur, die auf ihre eigene Vergangenheit blickt und sie „schreibt".
Weitere Ansätze
- David Bohm: In seinem Werk Wholeness and the Implicate Order (1980) entwickelt er mit den Begriffen der eingefalteten Ordnung (implicate order), des Quantenpotentials und der aktiven Information ein ganzheitlich-holografisches Wirklichkeitsmodell; seine Dialoge mit Jiddu Krishnamurti (zwischen 1980 und 1985 aufgezeichnet) erforschen die Natur des Bewusstseins. Bohms Begriff „holomovement" ist eine Kosmologie, in der die Teile vom Ganzen untrennbar sind und jeder Teil das Ganze widerspiegelt.
- Eugene Wigner: Er formulierte 1961 mit dem Gedankenexperiment „Wigners Freund" die These von der Rolle des Bewusstseins beim Kollaps der Wellenfunktion, zog sich jedoch später von dieser Auffassung zurück.
- Bernardo Kastrup (in den Niederlanden ansässiger brasilianischer Philosoph, Promotion in Computertechnik, zweite Promotion in Philosophie): Analytischer Idealist; er vertritt die Ansicht, dass alles eine Erscheinung des „universalen Geistes" ist und dass auch Gehirn und Materie eine Repräsentation des Bewusstseins sind (Why Materialism Is Baloney, 2014; The Idea of the World, 2019). Kastrup zufolge sind die individuellen Egos wie die dissociative alters (abgespaltene Persönlichkeitsfragmente) des universalen Bewusstseins („mind at large").
- Donald Hoffman (Kognitionswissenschaftler an der UC Irvine): In seinem Werk The Case Against Reality (2019) verteidigt er mathematisch, dass die Wirklichkeit bewusstseinsbasiert ist und dass das physische Universum ein „Interface" des Bewusstseins ist („interface theory of perception").
- Giulio Tononis IIT (Integrated Information Theory): der Vorschlag, dass das Bewusstsein der Menge integrierter Information (φ — phi) gleichkommt. Die IIT bezieht sich nicht auf die Quantenmechanik, trägt aber panpsychistische Implikationen.
Philosophisch-spirituelle Reflexionen
Die Hypothesen zum Quantenbewusstsein öffnen philosophisch verschiedenen monistisch-idealistischen Rahmen die Tür. Die klassische Formulierung des materialistischen Reduktionismus (Daniel Dennett, Patricia Churchland) — „Bewusstsein ist nur ein Muster neuronaler Aktivität" — wird unter den folgenden Gesichtspunkten in Frage gestellt:
- Ontologischer Vorrang: Wenn die Wellenfunktion ohne einen Beobachter nicht kollabiert, ist das Bewusstsein kein abgeleitetes (epiphänomenales) Produkt der Physik, sondern ein konstitutives (constitutive) Element. Dies kehrt das Schema „die Materie kommt zuerst, das Bewusstsein tritt später hervor", das das Grundaxiom des klassischen Materialismus ist, um.
- Nichtlokalität: Die Experimente von Aspect (1982) und Zeilinger (2015) (Verletzung der Bell-Ungleichung) weisen den klassischen lokalen Realismus zurück; die Verbindung zwischen zwei quantenverschränkten Teilchen wird mit einer die Lichtgeschwindigkeit überschreitenden Geschwindigkeit „hergestellt". Könnte auch die Beziehung zwischen Bewusstsein und Universum jenseits der räumlichen Getrenntheit liegen? Dies tritt in Resonanz mit den Intuitionen vom „Alles-in-Allem" (all-in-all) der überlieferten mystischen Lehren.
- Informationsbasiertheit: Wheelers „It from Bit" sagt, dass dasjenige, das das Bewusstsein verarbeitet (die Information), auch auf kosmischer Ebene grundlegend ist — dies tritt in Resonanz mit den Begriffen Logos (griechisch), kalām (das göttliche Wort im Islam, ilâhî kelâm), vāc (das heilige Wort im Hinduismus) der alten Lehren. Die Information lässt sich weder auf die Materie noch auf die Energie reduzieren; sie ist eine dritte konstitutive Kategorie.
In diesem Rahmen fungieren die Debatten um das Quantenbewusstsein als eine „Diskursbrücke", die alte metaphysische Einsichten innerhalb der rationalen Moderne wieder besprechbar macht. Doch hier muss man vorsichtig sein: Den Formalismus der Quantenmechanik mit irgendeiner mystischen Lehre eins zu eins gleichzusetzen (in der häufig kritisierten Weise von Capras The Tao of Physics), ist ein Kategorienfehler. Strukturelle Ähnlichkeit ist nicht ontologische Identität.
Vergleichende Perspektive: Vahdet-i Vücud und Quantenbewusstsein
Die Vahdet-i Vücud (Einheit des Seins) (Ibn Arabî, 1165–1240), die sophistizierteste Ontologie des klassischen Tasawwuf, bietet überraschende strukturelle Ähnlichkeiten — doch diese Ähnlichkeiten sollten auf der begrifflich-strukturellen Ebene gelesen und nicht so verstanden werden, als ob die moderne Physik den „Tasawwuf bewiese".
„Das Sehen der Welt mit dem Auge des Wahren (Gottes)"
Wie in Ibn ʿArabīs Werken al-Futūḥāt al-Makkiyya (4 Bände, etwa 17.000 Seiten) und Fuṣūṣ al-Ḥikam (27 Kapitel) dargelegt wird, ist das Sein (wuǧūd) eine einzige Selbstoffenbarung des Wahren (Gottes); doch diese Selbstoffenbarung erkennt sich selbst nur in der Widerspiegelung der Namen (asmāʾ). Während der Wahre in seinem eigenen Schatz „verborgen" ist (kanz-i maḫfī — das Hadīth qudsī „Ich war ein verborgener Schatz, ich wollte erkannt werden und erschuf die Schöpfung"), sieht er sich durch die Selbstoffenbarung im Spiegel der Welt. Hier sind der Beobachter und das Beobachtete die zwei Gesichter einer einzigen Wahrheit — ganz so, wie in Wheelers partizipatorischem Universum Beobachter und Universum untrennbar sind.
Sadreddin Konevî (1207–1274, Stiefsohn und Nachfolger Ibn ʿArabīs; Zeitgenosse Mawlānās, in Konya) drückt diesen Punkt in Miftāḥ al-Ġayb so aus: „Jeder Erkennende erkennt so weit, wie er Gegenstand seiner eigenen Erkenntnis ist; der Erkennende, das Erkannte und das Wissen sind eines." Diese dreifache Einheit (knower-known-knowledge) ist eine Formulierung, die über die Unterscheidung von first-person und third-person in den modernen Bewusstseinsstudien hinausgeht. Konevî beschreibt dies als ein unendliches Spiegeln: Indem der Wahre sich erkennt, sieht er sich; wenn er sich sieht, wird er er selbst; wenn er es ist, erkennt er sich.
Dies ist eine mystische Version von Wheelers self-excited circuit aus tausend Jahren zuvor: Das Universum besteht, weil es sich durch den Beobachter „sieht".
Aʿyân-i sâbita und Quantenpotential
Ibn ʿArabīs Lehre der feststehenden Wesenheiten (aʿyân-i sâbita, immutable archetypes) sagt, dass die Dinge als „noch nicht offenbarte archetypische Gestalten" im Wissen Gottes vorhanden sind. Die Aʿyân-i sâbita sind weder völliges Nichtsein (ʿadam-i muṭlaq) noch völliges Sein (wuǧūd-i muṭlaq); sie sind die dazwischen befindlichen Dinge, die potentiell „erkannt", aber noch nicht mit dem tatsächlichen Sein offenbart sind.
Diese Lehre hat eine strukturelle Parallele zu David Bohms Begriff der implicate order: Die gesamte Wirklichkeit ist in einer noch nicht entfalteten, eingefalteten Ordnung enthalten; die Entfaltung (explicate order) ist hingegen die raumzeitliche Erscheinung. Zugleich ähnelt die Wahrscheinlichkeitswelle (probability wave) in der Quantensuperposition — das, was Heisenberg „potentia" nannte — strukturell den Aʿyân-i sâbita: Bevor das System durch eine bestimmte Messung kollabiert, befindet es sich in einem Zustand eines „Pools von Möglichkeiten".
Tecelli und der Kollaps der Wellenfunktion
Der Begriff der Selbstoffenbarung (Tecellî) — das „Sichöffnen" des grenzenlosen, eigenschaftsjenseitigen Wesens (Ḏāt) in bestimmten Eigenschaften — ist analog zum Kollaps (collapse) der Quantensuperposition. Die mannigfaltigen Möglichkeiten in der Superposition sind wie die grenzenlosen „Möglichkeiten" auf der Stufe der Aʿyân-i sâbita; der Kollaps wiederum gleicht dem Konkretwerden der Selbstoffenbarung als „diese Eigenschaft in diesem Punkt-Augenblick".
Ibn ʿArabī sagt im Yūsuf-Kapitel der Fuṣūṣ: „Jede Selbstoffenbarung ist neu, es gibt keine Wiederholung" (lā takrāra fī ’t-taǧallī). Dies tritt in Resonanz mit der nicht-wiederholbaren Natur der Quantenphänomene — mit dem Gedanken, dass jede Messung ein einzigartiger Kollaps ist.
Warnung: Diese Analogien liegen auf der strukturellen und begrifflichen Ebene; zwischen Metaphysik und Physik besteht ein Kategorienunterschied. Ibn ʿArabī bietet kein messbares Modell, sondern eine schaubasierte (kontemplativ-mystische) Erkenntnistheorie. Die sufische Erkenntnistheorie unterscheidet zwischen Außenschau (Wissen des Offenbaren, ẓāhir) und Innenschau (Wissen des Verborgenen, bāṭin); die Quantenphysik ist im Wesentlichen eine Disziplin der Außenschau, verwischt jedoch durch die Beobachterteilhabe die Grenze von innen und außen.
Reflexionen aus weiteren Traditionen
- Advaita-Vedānta: Śaṅkaras Lehre „Brahman satyam, jagad mithyā" (Brahman ist wirklich, die Welt ist Erscheinung) ist eine andere Form der „beobachterabhängigen" (observer-dependent) Ontologie. Die Lehre der Māyā verweist auf die wellenfunktionale Erscheinung, der Kollaps hingegen auf den vom Sākṣin (witness consciousness) erlebten Augenblick. In Erwin Schrödingers Werken What Is Life? (1944) und My View of the World (1961) ist der Einfluss von Upaniṣaden und Advaita deutlich erkennbar.
- Yogācāra-Buddhismus: Die Lehre vom „Nur-Bewusstsein" (vijñapti-mātra) wurde von Asaṅga und Vasubandhu systematisiert; sie sagt, dass die äußeren Objekte geistige Projektionen sind. Der Begriff der Ālayavijñāna (Speicherbewusstsein) schlägt ein universales Bewusstseinslager vor — eine überraschende Parallele zu Kastrups „mind at large".
- Kabbala: Der Abstieg vom Ein Sof zu den Sefirot wird als der Durchgang des Konkretwerdens der Ideenformen durch die sefirotischen Spiegel behandelt; die lurianische Lehre des Tikkun betont die kosmische Reparaturaufgabe des Bewusstseins. Das Tzimtzum (Zusammenziehung) — das Sichzurückziehen Gottes, um der Schöpfung Raum zu schaffen — ist eine wichtige kabbalistische Erklärung der Beziehung zwischen Bewusstsein und Universum.
- Die Mahāyāna-Hua-yen-Schule: Die Metapher von „Indras Netz" (Indra’s Net) — in jedem Knoten ein Juwel, jedes Juwel spiegelt alle anderen Juwelen wider — ist eine phänomenologische Vorläufermetapher der nichtlokalen Quantenverschränkung. Autoren wie Fritjof Capra und Joanna Macy haben diese Metapher als Brücke zur modernen Physik verwendet.
- Hermetisches Prinzip: „Wie oben, so unten, wie innen, so außen" (Trismegistos) — der Isomorphismus von Mikrokosmos und Makrokosmos ist strukturell mit dem modernen holografischen Prinzip verwandt.
Kritik (Sokal-Paradigma)
Die Hypothesen zum Quantenbewusstsein sind in der naturwissenschaftlichen Hauptströmung auf ernsthafte Kritik gestoßen:
Der Sokal-Skandal und das Paradigma-Problem
Der pseudoakademische Aufsatz („Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity"), den der Physiker Alan Sokal 1996 der Zeitschrift Social Text vorlegte, enthüllte, wie die zwischen der Quantenmechanik und der postmodernistischen Philosophie hergestellten lockeren Analogien sich in einen unsinnigen Text verwandeln können. Sokals Aufsatz war gänzlich täuschend — eine Parodie, die ein erfundenes Argument enthielt und mit modischem Jargon gefüllt war. Seine Veröffentlichung erzeugte in der akademischen Welt eine große Erschütterung.
Das Buch Sokal-Bricmont Fashionable Nonsense: Postmodern Intellectuals’ Abuse of Science (1998) zeigte, dass Denker wie Deleuze, Lacan, Kristeva und Latour die Quantenbegriffe falsch verwendeten. Diese Erfahrung lehrte, dass die quantenmystischen Analogien einen kritischen Filter durchlaufen müssen. Der moderne quantenspirituelle Diskurs steht noch immer unter der Gefahr eines Missbrauchs vom „Sokal-Typ".
Der Physiker Murray Gell-Mann (der Nobelpreisträger, der die Quarks entdeckte) bezeichnet den quantenmystischen Diskurs als „quantum flapdoodle". Sean Carroll (Caltech) vertritt die Ansicht, dass die Quantenmechanik kein besonderes Licht auf das Bewusstseinsproblem wirft und dass die Tatsache, dass die Quantenmechanik „ebenso" geheimnisvoll ist, wie das Problem geheimnisvoll ist, nicht über eine assoziative Beziehung hinausgeht. Carrolls Buch Something Deeply Hidden (2019) betrachtet das Bewusstseinsproblem im Rahmen der Viele-Welten-Deutung und behauptet, dass keine besondere Quantenbewusstseins-Hypothese erforderlich ist.
Das Dekohärenz-Problem
Der Aufsatz Max Tegmarks von 2000 („Importance of quantum decoherence in brain processes") berechnete, dass die Quantenkohärenz in einer warmen (~310 K), feuchten und verrauschten Umgebung wie dem Gehirn innerhalb von ~10^-13 bis 10^-20 Sekunden zerfällt. Die neuronalen Verarbeitungsvorgänge liegen hingegen in der Größenordnung von Millisekunden; die Kluft dazwischen liegt in der Größenordnung von zehn Milliarden.
Hameroff und Penrose behaupten, dass die hydrophoben Taschen im Inneren der Mikrotubuli die Kohärenz teilweise erhalten könnten und dass die Quantenvibration nicht über Femtosekunden, sondern über Millisekunden andauern könne; doch der experimentelle Beleg ist begrenzt. Tegmarks Kritik ist auf der Ebene des physischen Mechanismus der stärkste Einwand gegen Orch-OR und noch nicht vollständig beantwortet.
Auf der Gegenseite zeigten die jüngsten Entwicklungen im Feld der Quantenbiologie — der experimentelle Nachweis der Quantenkohärenz in der Pflanzenphotosynthese (Engel et al. 2007) und der Quantenverschränkung in der Vogelnavigation (Radikalpaar-Mechanismus, Schulten) —, dass Quantenprozesse in biologischen Systemen nicht unmöglich sind. Doch dies beweist nicht, dass in den Mikrotubuli eine Kohärenz im für das Bewusstsein hinreichenden Maßstab bestehen könnte.
Die Überwindung der Deutung des „Kollapses durch das Bewusstsein"
Diese Deutung ist eine Variante der Kopenhagener Deutung. Alternative Deutungen wie die Viele-Welten-Deutung (Everett 1957, DeWitt 1970), die Pilotwellen-Deutung (Bohm-de Broglie), die decoherent histories (Gell-Mann, Hartle), der QBism (Quantum Bayesianism, Fuchs-Mermin) und die relationale Quantenmechanik (Rovelli) benötigen für den Kollaps der Wellenfunktion keinen „bewussten Beobachter". Alle diese Deutungen erklären dieselben experimentellen Daten; folglich ist die Behauptung „Bewusstsein ist erforderlich" keine notwendige Eigenschaft der Quantenmechanik.
Dies zeigt, dass das philosophische Fundament der Quantenbewusstseins-Hypothesen nicht so fest ist, wie wir meinen: Die Rolle des Bewusstseins wird von einer einzigen Deutung der Quantenmechanik (vom Wigner-Stapp-Typ) gefordert; die anderen Deutungen greifen überhaupt nicht auf das Bewusstsein zurück.
Kategorienfehler und Überinterpretation
Die Neurowissenschaftlerin Patricia Churchland kritisiert mit der Metapher „pixie dust in the synapses" (Feenstaub in den Synapsen) die Quantenbewusstseins-Hypothesen als das Ersetzen eines Geheimnisses, das sie nicht erklären (das Bewusstsein), durch ein anderes Geheimnis (die Quanten). Das Wesentliche sei, dass die klassische neurowissenschaftliche Erklärung sich auf die richtigen Fragen konzentriert; dass das „Qualia"-Problem eine phänomenologische und erkenntnistheoretische Angelegenheit sein könnte, keine physisch-ontologische.
Daniel Dennett vertritt in seinem Werk Consciousness Explained (1991) die Ansicht, dass das Bewusstsein eine „Illusion" ist — genauer eine post-hoc-Deutung, die aus dem vom Gehirn gebildeten Mehrfachentwurf-Modell (multiple drafts) hervorgeht. Dennett zufolge gibt es so etwas wie „Qualia" nicht; das Bewusstsein lässt sich gänzlich durch funktional-informationelle Vorgänge erklären.
Diese Position ist von Kritikern aus dem Inneren scharf kritisiert worden („Dennett erklärt das schwierige Problem nicht, sondern tut nur so, als gäbe es es nicht, um es zurückzuweisen"); doch sie ist die fortgeschrittenste Verteidigung des materialistischen Reduktionismus.
Kritik als „Quantum Mysticism"
Victor Stenger (Quantum Gods, 2009) sowie Physiker wie Tegmark, Gell-Mann und Sean Carroll hegen kategorische Skepsis gegenüber allen Brücken zwischen Quantenmechanik und Spiritualität. Ihnen zufolge ist die Quantenmechanik ein mathematisches Vorhersageinstrument; da die ontologischen Deutungen (Kopenhagen, Viele-Welten, Bohm) noch nicht experimentell unterschieden werden können, ist es methodologisch schwach, auf einer von ihnen eine Spiritualität zu errichten.
Reflexionen in der Türkei
Caner Taslaman
Caner Taslaman (Yildiz Technische Universität, Religionsphilosophie, geb. 1968) bewertet in seinem Buch Kuantum Teorisi, Felsefe ve Tanri (Quantentheorie, Philosophie und Gott, 2008) die Deutungen der Quantenmechanik im Kontext der Debatte zwischen Theismus, Deismus und Naturalismus. Taslaman zufolge:
- weist die Quantenmechanik die klassische materialistisch-deterministische Vorstellung vom Universum zurück und öffnet so dem Theismus einen epistemischen Raum;
- schlägt sie mit dem anthropischen Prinzip und dem partizipatorischen Universum eine Kosmologie vor, die mit dem Begriff des göttlichen Willens (ilâhî irâde) vereinbar ist;
- beweist sie jedoch das Vorhandensein Gottes nicht; sie schwächt nur das geschlossene Argument des Materialismus.
Taslaman nimmt eine vorsichtige Haltung ein: Indem er übermäßige Deutungen („die Quanten beweisen Gott") vermeidet, diszipliniert er den Dialog zwischen Quanten und Spiritualität in erkenntnistheoretischer Hinsicht. In den Büchern Big Bang ve Tanri (Der Urknall und Gott, 2003), Evrim Teorisi, Felsefe ve Tanri (Evolutionstheorie, Philosophie und Gott, 2007) und Tanri’yi Anlamak (Gott verstehen, 2018) zeigt sich eine ähnliche erkenntnistheoretische Sorgfalt.
Taslamans methodologische Betonung ist wichtig: Die Beziehung zwischen Wissenschaft und Religion ist nicht das Beweisen der Religion durch die Wissenschaft oder das Zurückweisen der Wissenschaft durch die Religion, sondern das Herstellen eines Dialogs, in dem beide auf ihren eigenen erkenntnistheoretischen Ebenen verbleiben.
Yalçin Koç
Yalçin Koç (Boghaziçi-Universität, Philosophie, emeritiert) gehört zu den seltenen türkischen Denkern, die einen tiefen Vergleich zwischen der klassischen islamischen Metaphysik und der modernen Wissenschaft anstellen. In den Büchern Anadolu Mayasi (Das Ferment Anatoliens, 2008), Theogony of Iliad (2007) und Yalçinligim (2018) verficht er, jenseits der griechisch-hellenistischen Logik, die Errichtung einer seinsbasierten Erkenntnistheorie in der Linie Ibn Sīnās und Ibn ʿArabīs.
Koç zufolge rührt die Mehrheit der „Probleme" der modernen Wissenschaft (einschließlich des Bewusstseinsproblems) aus der Unzulänglichkeit der aristotelisch-kartesischen Kategorien. Ibn Sīnās Unterscheidung von Sein und Washeit (wuǧūd-māhiyya, die Trennung von Existenz und Wesen) ist eine ontologische Einsicht, die Spinoza und Heidegger Jahrhunderte später wiederzuentdecken suchten. Ibn ʿArabīs Theorie der Aʿyân-i sâbita kann dem modernen Begriff der „Wahrscheinlichkeitswelle" — des „nicht aktualisierten Potentials" — einen alternativen Rahmen bieten.
Koçs kritische Betonung: Dass die islamische Welt der modernen Wissenschaft gegenüber nicht „defensiv" oder „nachahmend", sondern mit ihrem eigenen metaphysischen Gewicht in einen Dialog treten sollte. Die Debatte um das Quantenbewusstsein ist in dieser Hinsicht ein fruchtbares Beispielfeld.
Weitere türkische Arbeiten
- Mehmet Bayrakdar (Universität Ankara, Theologie, emeritiert): die Beziehung von Islam und Wissenschaft in Werken wie Islam Felsefesine Girish (Einführung in die islamische Philosophie, 1988) und Islam’da Bilim ve Teknoloji Tarihi (Geschichte von Wissenschaft und Technik im Islam).
- Sinan Canan (Üsküdar-Universität, Neurowissenschaft): die Werke Içimizdeki Hazine und Anatomistlerle Geçen Bir Gün, die die Beziehung von Gehirn und Bewusstsein auf populärer Ebene erörtern.
- Sennur Imrek: Essays über den Dialog von Tasawwuf und moderner Physik.
- Mustafa Kemal Mutlu: Beiträge zum Feld mit populären Werken wie Kuantum ve Sufi (Quanten und der Sufi) (auf akademischer Ebene umstritten, aber in der Volkskultur einflussreich).
- Hilmi Yavuz (Dichter und Denker): Essays über den Dialog von Tasawwuf, Postmoderne und Wissenschaft.
Fazit und praktische Reflexionen
Die Debatte um das Quantenbewusstsein ist weder eine Bühne der endgültigen „wissenschaftlichen Bestätigung" noch der endgültigen „Widerlegung". Sie ist vielmehr ein fruchtbares Feld des Denkens an den Grenzen der Paradigmen. Aus sufischer Perspektive betrachtet:
- Schaubasierte Erkenntnistheorie: Die moderne Wissenschaft ist noch weitgehend auf die „Außenschau" ausgerichtet. Die sufischen Praktiken der Murāqaba und des Zikr hingegen sind Methoden der Innenschau (first-person empiricism). Die Bewusstseinsstudien der Zukunft werden die Neurowissenschaft der dritten Person mit den kontemplativen Methoden der ersten Person (Neurophänomenologie — Francisco Varela) synthetisieren.
- Demut: Ibn ʿArabīs Warnung „Der Verstand geht überallhin, weil er seine eigene Grenze nicht kennen kann" (al-Futūḥāt) ist ein Aufruf zur Wachsamkeit gegenüber sowohl den übermäßig materialistischen als auch den übermäßig mystischen Behauptungen. Die Wissensmodalitäten der Wahrheit sind nicht nur eine; Verstand, Herz und Schau sind je ein anderes Erkenntnisvermögen.
- Ethisch-ontologische Verbindung: Wenn das Bewusstsein aktiv zum ontologischen Gewebe der Natur beiträgt (Stapp), so haben die Absicht und die Handlungen des Menschen ein metaphysisches Gewicht — dies ist das philosophische Fundament der klassischen islamischen Ethik (der niyya ḫāliṣa, der reinen Absicht).
- Interreligiöser Dialog: Die Hypothese vom Quantenbewusstsein kann die metaphysischen Einsichten verschiedener Religionen an einen gemeinsamen Gesprächstisch setzen. Vahdet-i Vücud, Advaita, Hua-yen, Kabbala — sie alle sind die Darstellung der Einheit von Beobachter und Beobachtetem in verschiedenen Sprachen.
Der Zweizeiler Mawlānās „Solange du dich nicht mit zwei Augen siehst / solange du nicht recht oft hinblickst / wie kannst du begreifen, dass es ein einziges Auge ist?" (Mathnawī) ist gerade die Zusammenfassung der Einheit von Beobachter und Beobachtetem in der sufischen Sprache.
Der Vers Yûnus Emres „Es gibt ein Ich in mir, das innerlicher ist als ich selbst" wiederum ist einer der schönsten Ausdrücke im anatolischen Türkisch für das von den Quantenbewusstseins-Hypothesen angedeutete Problem des „tiefen Selbst". Die Lösung des Bewusstseinsproblems beginnt nicht in den Formeln der Physik, sondern mit der disziplinierten Innenschau dieses „inneren Ich".
Erweiterter historischer Hintergrund
Vorläufer des 19. Jahrhunderts
Das gedankliche Fundament der Debatte um das Quantenbewusstsein wurde am Ende des 19. Jahrhunderts gelegt. William James (The Principles of Psychology, 1890; The Varieties of Religious Experience, 1902) betonte die Flussnatur des Bewusstseins und seinen Widerstand gegen die materialistische Reduktion. James’ Metapher des „stream of consciousness" ist der intellektuelle Ahn von Whiteheads „actual occasions" und schließlich von Stapps quantenprozessualem Bewusstseinsmodell.
Henri Bergson (Matter and Memory, 1896; Creative Evolution, 1907) vertrat die Ansicht, dass die mechanisch-räumlichen Modelle des Verstandes das Leben und das Bewusstsein nicht erfassen können und dass der Begriff der Dauer (durée) eine qualitativ andersartige Zeiterfahrung ist. Dass Bergson das Gehirn als „Werkzeug des Gedächtnisses, aber nicht als dessen Quelle" betrachtete, ist die Vorform des modernen Ansatzes „das Gehirn ist Empfänger, nicht Erzeuger" (Kastrup).
Alfred North Whitehead (Process and Reality, 1929) wies die klassische substanzbasierte Ontologie zurück und vertrat die Ansicht, dass alles „actual entities" — augenblickliche Erfahrungsereignisse — sind. Whiteheads Prozessmetaphysik ist später das Fundament von David Bohms implicate order und Stapps Quantenbewusstseinsmodell.
Die ersten Philosophen der Quantenrevolution
Werner Heisenberg (Physics and Philosophy, 1958) sagte, dass die Quantenmechanik dem aristotelischen Begriff der potentia neues Leben verleihe: Die Wellenfunktion ist die mathematische Repräsentation einer nicht-aktuellen, sondern potentiellen Wirklichkeit. Niels Bohrs Prinzip der Komplementarität (complementarity) — dass Wellen- und Teilcheneigenschaften nicht mit einer einzigen Messung zugleich beobachtet werden können — ist philosophisch dem paradoxzentrierten Denken der östlichen mystischen Traditionen (der Mahāyāna-Śūnyatā, dem cemʿ-i ezdâd des Tasawwuf) nahe.
Erwin Schrödinger (What Is Life?, 1944; My View of the World, 1961) trägt deutlich den Einfluss von Upaniṣaden und Advaita. Die berühmte Passage in Schrödingers letztem Buch: „Die Vielheit der Bewusstseine ist nur eine Erscheinung; in Wahrheit gibt es nur ein einziges Bewusstsein" (sie verweist auf die Identität mit dem Brahman). Erwin Schrödingers Auffassung vom universalen Bewusstsein ist ein wichtiger Vorläufer des modernen analytischen Idealismus vom Kastrup-Typ.
Wolfgang Pauli korrespondierte über viele Jahre mit Carl Gustav Jung und entwickelte mit ihm gemeinsam den Begriff der Synchronizität (synchronicity). Pauli dachte, dass Zahlen — besonders die Feinstrukturkonstante 137 — einen „archetypischen" Charakter tragen könnten; dies weckt an den Grenzen der modernen Physik ein Gefühl mystischen Geheimnisses.
Spektrum der Deutungen der Quantenmechanik
Für die Bereicherung der Debatte um das Quantenbewusstsein ist eine Landkarte der Deutungen der Quantenmechanik erforderlich:
| Deutung | Rolle des Bewusstseins | Viele Welten | Lokalität | Determiniertheit |
|---|---|---|---|---|
| Kopenhagen | Beobachtungsbasierter Kollaps | Eine Welt | Nichtlokal | Probabilistisch |
| Wigner-Stapp | Aktiver Bewusstseinskollaps | Eine Welt | Nichtlokal | Bewusstseinsbestimmt |
| Viele-Welten (Everett) | Keine | Unendlich viele Welten | Lokal | Deterministisch |
| Bohm-de Broglie | Keine | Eine Welt | Nichtlokal | Deterministisch |
| QBism (Fuchs) | Subjektive Wahrscheinlichkeit | Eine Welt | Lokal | Bayessch |
| Relational (Rovelli) | Keine | Eine Welt | Relational | Probabilistisch |
| Decoherent histories | Keine | Eine Welt | Nichtlokal | Klassisch-begrenzt |
Jede Deutung erklärt dieselben experimentellen Daten in verschiedenen metaphysischen Rahmen. Am offensten für die mystische Resonanz ist Wigner-Stapp; am mechanistischsten sind die Viele-Welten-Deutung oder Bohm. Diese Pluralität macht die Debatte um den Quantenmystizismus als Wissenschaftsphilosophie fruchtbar, aber ungewiss.
Wie Sadreddin Konevî in Miftāḥ al-Ġayb andeutet: „Das Wissen ist so begrenzt wie die Art, in der sein Gegenstand zu ihm kommt." Dieser Ausspruch erinnert daran, dass auch die Wahl zwischen den modernen Quantendeutungen von unserer erkenntnistheoretischen Positionierung abhängt — die Wahl der Deutung wird nicht allein durch die Daten, sondern auch durch metaphysische Vorannahmen bestimmt.
Praktische Implikationen: Was sagt es dem Weg des Tasawwuf?
Hindernisse vor dem Dialog von Schau und Wissenschaft
Die Debatte um das Quantenbewusstsein erfordert vom modernen muslimischen Intellektuellen, mehrere methodologische Hindernisse zu überwinden:
- Falle der Überanpassung: Die Behauptung „die Quanten beweisen den Tasawwuf" verletzt sowohl die Wissenschaft als auch den Tasawwuf. Wissenschaft und mystische Texte liegen auf verschiedenen epistemischen Ebenen; der Versuch, das eine durch das andere „beweisen" zu lassen, verzerrt die Natur beider. Die methodologische Sorgfalt Caner Taslamans hilft, dieser Falle zu entgehen.
- Spannung zwischen Ablehnung und Annahme: Manche konservativen Kreise nähern sich der modernen Wissenschaft mit kategorischer Skepsis; manche modernistischen Kreise wiederum verachten das Erbe des Tasawwuf als „Mythos". Beide Extreme sind unfruchtbar; der wirkliche Dialog erfordert sowohl eine tiefe Achtung vor den klassischen Texten als auch die disziplinierte Methodologie der modernen Wissenschaft zugleich.
- Risiko oberflächlicher Analogien: Die Parallelen zwischen der Quantensuperposition und der Vahdet-i Vücud liegen auf der strukturellen Ebene, sie sind keine ontologische Identität. Dies zu verwechseln, erzeugt einen Missbrauch vom Sokal-Typ.
Gibt es auf dem klassischen Weg des Tasawwuf einen Quanteneffekt?
Kurze Antwort: nein. Die tausendjährige Ausbildung in den Orden hat sich bereits vor der Entdeckung der Quantenmechanik zur Reife gebracht. Es ist offensichtlich, dass die Befunde der modernen Physik die spirituelle Praxis nicht vertiefen werden — ein Murīd kennt, wenn er Murāqaba übt, die Heisenberg-Formel nicht, und das ist auch nicht nötig.
Doch für die intellektuelle Beruhigung des modernen gebildeten Muslims können die Quantendebatten von Nutzen sein: Im Umgang mit dem Anspruch der gesicherten Wissenschaft des materialistischen Reduktionismus bietet die Pluralität der Quantendeutungen und die Offenheit des Bewusstseinsproblems eine epistemische Demut, an der es fehlt. Gegen die Behauptung des Materialismus „für Gott ist kein Platz" gewinnt die Entgegnung philosophische Geltung: „Worauf gestützt sprecht ihr, während noch nicht einmal erklärt ist, wie das Bewusstseinsproblem überhaupt beschaffen ist?"
Der Dialog von Mevlana, Yunus und moderner Physik
Es ist der berühmte Zweizeiler Mawlānās im Mathnawī: „Der Mensch ist ein Himmel, mit den Engeln in seinen Schichten / Und er ist ein Meer, mit den Fischen in seinen Tiefen." Dieser Vers bringt den Isomorphismus von Mikrokosmos und Makrokosmos in der östlich-islamischen Sprache zum Ausdruck. Das moderne holografische Prinzip (Bekenstein-Hawking-Susskind) sagt, dass jeder Teil des Universums die Information des Ganzen trägt — dass Mawlānā den Menschen als „kleines Universum" (ʿālam-i ṣaġīr) betrachtet, wird nicht als physikalische Theorie, sondern als phänomenologisch-mystische Wahrheit aus sieben Jahrhunderten zuvor in Erinnerung gerufen.
Was Yûnus Emre im anatolischen Türkisch sagte: „Du bist mir näher als ich mir selbst / ich bin dir ferner als mir selbst" — dies ist einer der schlichtesten türkischen Ausdrücke der Einheit von Beobachter und Beobachtetem. Die moderne Physikphilosophie hat sich in der Frage der Definition des „Beobachters" noch nicht geklärt; Yunus’ Intuition über die Verschränkung zwischen „Ich" und „Du" zeigt eine überraschende Resonanz mit der modernen Quantenverschränkung (entanglement).
Empfehlungen für Bildung und Pädagogik
Die Programme zum Dialog von Wissenschaft und Religion an den Universitäten der Türkei (die religionsphilosophischen Abteilungen von Boghaziçi, ODTÜ, Universität Istanbul, das neurowissenschaftlich-sufische Umfeld der Üsküdar-Universität) können dieses Feld disziplinieren. Vorgeschlagene Lehrplanelemente:
- Selektive Lektüre klassischer Tasawwuf-Texte (Ibn ʿArabī, Konevî, Mevlana).
- Ausbildung in moderner Physikphilosophie (Quantendeutungen, Ontologie, Erkenntnistheorie).
- Einführung in die Bewusstseinsstudien (Chalmers, Dennett, Searle, Nagel).
- Methodologie der vergleichenden Analyse (strukturelle Ähnlichkeiten vs. ontologische Identität).
- Kritik der Missbrauchsbeispiele vom Sokal-Typ.
Diese Kombination zieht weder reinen Szientismus noch reinen Traditionalismus heran, sondern ein diszipliniertes vergleichendes Denken.
Detaillierte kritische Bewertung: Beispiele der Überanpassung
Es ist lehrreich, die im quantenmystischen Diskurs häufig begangenen Fehler an konkreten Beispielen zu behandeln:
Beispiel 1: Das Argument „Der Beobachter beweist Gott"
Ein verbreitetes populäres Argument: „Die Quantenmechanik zeigt, dass der Beobachter die Wirklichkeit erschafft; folglich ist für das Bestehen des Universums ein bewusster Beobachter — Gott — erforderlich." Dieses Argument enthält mehr als einen Kategorienfehler:
- Terminologische Verwirrung um den „Beobachter": Die physische „Beobachtung" erfordert keinen bewussten Beobachter — ein Messgerät, ein Photonendetektor, ja sogar die umgebungsbedingte Dekohärenz ist eine „Beobachtung". Wigners Formulierung ist eine Minderheitsdeutung und wurde später von ihm selbst zurückgewiesen.
- Die Behauptung des „Gottesbeweises": Die Mehrheit der Deutungen der Quantenmechanik schlägt bewusstlose Kollapsmechanismen (Dekohärenz, Viele-Welten, Bohm) vor. Die Behauptung „Bewusstsein ist erforderlich" ist wissenschaftlich nicht bewiesen, sondern nur eine Deutung.
- Die Entbehrlichkeit der klassischen Kalām-Argumente: Der klassische islamische Kalām (Ašʿarī, Māturīdī) stützt sich für das Vorhandensein Gottes auf das Argument des wāǧib al-wuǧūd (des notwendigen Seins); er bedarf keines quantenmechanischen Arguments. Der Versuch, aus der modernen Physik Gott herzuleiten, schwächt die philosophische Tiefe des klassischen Kalām.
Beispiel 2: Das Argument „Die Verschränkung ist die sufische Einheit"
Ein weiteres verbreitetes Argument: „Die Quantenverschränkung und die Vahdet-i Vücud sind dasselbe." Strukturelle Ähnlichkeiten gibt es, das ist richtig; doch es ist keine ontologische Identität:
- Die Verschränkung ist die untrennbare Korrelation der quantenmechanischen Zustände zweier (oder mehrerer) Teilchen; sie unterscheidet sich von der klassischen statistischen Korrelation, doch es gibt dennoch zwei getrennte Teilchen.
- Die Vahdet-i Vücud hingegen ist die ontologische These Ibn Arabîs: In Wahrheit gibt es ein einziges Sein (Vücud); die Vielheit ist die Erscheinung der Selbstoffenbarung. Dies unterscheidet sich kategorial von der Verschränkung — die Verschränkung behauptet keine metaphysische Identität.
Die Redlichkeit der Profession besteht darin, eine Unterscheidung zwischen dem Sehen der Ähnlichkeit und dem Nicht-Sehen der Identität zu treffen.
Beispiel 3: Das Argument „Das Bewusstsein ist die Antenne des Gehirns"
Dieses vom Idealismus des Kastrup-Typs vertretene Argument sagt, dass das Gehirn das Bewusstsein nicht erzeugt, sondern es leitet (Metapher des Transmitters, des Radioempfängers). Das Argument ist interessant, aber für Kritik offen:
- Argument der Hirnschädigung: Die Schädigung spezifischer Hirnregionen erzeugt spezifische Verluste geistiger Inhalte. Wenn das Gehirn nur eine Antenne ist, sollte das teilweise Stören der Antenne „das Signal nicht gänzlich verändern" — doch es erzeugt konkret spezifische geistige Verluste wie die Wernicke- oder Broca-Aphasie. Dies legt nahe, dass das Gehirn das Bewusstsein nicht nur leitet, sondern es formt und sogar teilweise erzeugt.
- Gegenargument: Kastrup verwendet die Antennenmetapher sophistizierter — das Gehirn „filtert und formt" das Bewusstsein, ganz so, wie ein Radiogerät die elektromagnetischen Wellen in bestimmten Frequenzen empfängt und als Klang formt. Die Hirnschädigung ist die Verformung des Empfängers; wenn der Empfänger gestört ist, wird auch das Signal „verformt" geleitet. Dieses Argument ist kohärent, aber experimentell eine Leerversion.
Wahrheit: Diese philosophische Debatte liegt noch in einem nicht auflösbaren Bereich. Die Wissenschaft kann noch nicht zwischen „emergence" (Hervorgehen) und „transmission" (Leitung) entscheiden; dieser Umstand erfordert eine epistemische Demut gegenüber sowohl den materialistischen als auch den idealistischen Behauptungen.
Beispiel 4: Die mystische Deutung „Superposition Schrödingers Katze"
Eine weitere populäre Falschanpassung: „Da Schrödingers Katze zugleich tot und lebendig ist, ist die Wirklichkeit vom Beobachter abhängig — die Lehre des Tasawwuf vom cemʿ-i ezdâd (der Vereinigung der Gegensätze) ist eine von der modernen Physik bestätigte Wahrheit." Dieses Argument enthält mehrere Probleme:
- Schrödingers Gedankenexperiment von 1935 war in Wahrheit eine Kritik, die das Problem in der Deutung der Quantenmechanik hervorhob, keine Bestätigung, die sagte, dass es in Makro-Objekten eine wirkliche Superposition gebe.
- Bei Makro-Objekten (wie Katzen) ist die Dekohärenz sehr schnell; die Superposition bleibt nicht im messbaren Maßstab.
- Das sufische cemʿ-i ezdâd hingegen ist eine gänzlich andere Kategorie: das Zugleich-Bestehenkönnen entgegengesetzter Eigenschaften auf der Ebene der Namen und Eigenschaften in ein und demselben Wesen (Ḏāt) (wie al-Ǧabbār mit ar-Raḥīm, al-Muqaddim mit al-Muʾaḫḫir).
Die beiden Begriffe teilen strukturell das Schema des „Beisammenseins der Gegensätze", doch ihre ontologischen Rahmen sind gänzlich verschieden. Sie zu verwechseln, wird weder der Quantenmechanik noch der Ontologie des Tasawwuf gerecht.