Bedeutende Persönlichkeiten

David Bohm: Die implizite Ordnung und die Ganzheit

Quantenphysiker und Philosoph des 20. Jahrhunderts; mit den Begriffen der impliziten Ordnung (implicate order), des Holomovement und der Ganzheit, seinen Dialogen mit Krishnamurti und seiner Denk- und Dialogtheorie steht er an der Brücke zwischen Wissenschaft und Philosophie.

28 Verbindungen Bedeutende Persönlichkeiten Auf der Karte zeigen → ⌛ Sonstige

Sein Leben und der wissenschaftliche Kontext

David Joseph Bohm (1917–1992) ist einer der eigenständigsten theoretischen Physiker des 20. Jahrhunderts und einer der Wissenschaftler, die am tiefsten über die philosophischen Grundlagen der Quantenmechanik nachdachten. Er wurde in den Vereinigten Staaten in Pennsylvania als Kind einer jüdischen Familie osteuropäischer Herkunft geboren. Nach seinem Bachelorabschluss am Pennsylvania State College absolvierte er sein Promotionsstudium am California Institute of Technology und danach an der University of California in Berkeley; dort arbeitete er unter der Betreuung des berühmten Physikers J. Robert Oppenheimer und wurde 1943 promoviert. Seine frühen Arbeiten über Plasmaphysik und Quantentheorie reihten ihn unter die führenden Physiker seiner Zeit ein.

Bohms Leben war sowohl in wissenschaftlicher als auch in persönlicher Hinsicht stürmisch. Aufgrund des politischen Drucks während des Kalten Krieges musste er die Vereinigten Staaten verlassen; er setzte seine Laufbahn zunächst in Brasilien (Universität São Paulo), dann in Israel (Technion) und schließlich in England (zunächst Bristol, danach Birkbeck College in London) fort. Diese geographische Reise mag seinem Denken auch eine Art Grenzüberschreitung, eine Neigung zum Zusammenführen verschiedener Traditionen, verliehen haben. Bohm war über einen bloß technischen Physiker hinaus ein Denker, der beharrlich über den philosophischen und sogar existenziellen Sinn der Wissenschaft nachsann und interdisziplinäre Brücken schlug.

Das Ziel dieser Notiz ist es, Bohms Beiträge im Rahmen der Wissenschaftsphilosophie und des vergleichenden Denkens in akademischer und unparteiischer Weise zu behandeln. Bohm selbst achtete sorgfältig darauf, seine technische Physik und seine philosophisch-spekulativen Ansichten zu trennen; seine technischen Aufsätze enthalten keine Philosophie, doch behandeln seine Bücher nach den 1970er Jahren das Thema der Ganzheit. Diese Unterscheidung zu wahren ist wichtig, um sein Erbe richtig zu verstehen. Dennoch hielt Bohm seine Physik und seine Philosophie nicht gänzlich getrennt; im Gegenteil, er wandte sich einer Metaphysik des „Werdens" (becoming) zu, die sich mit Gedanken wie der Prozessontologie des zeitgenössischen Prozessphilosophen Alfred North Whitehead deckt. Für ihn bestand die Wirklichkeit nicht aus festen „Dingen", sondern aus beständig fließenden Prozessen; diese Sicht bietet eine grundlegende Alternative zum statischen Teilchenmodell der modernen Physik.

Frühe wissenschaftliche Arbeiten und das Exil

Um Bohms Ganzheitsphilosophie der reifen Zeit zu verstehen, muss man sich erinnern, dass er als ein solider experimentell-theoretischer Physiker begann. Seine in den Berkeley-Jahren und danach durchgeführten Arbeiten über die Plasmaphysik hinterließen dem Feld bleibende Beiträge; noch heute trägt ein als „Bohm-Diffusion" (Bohm diffusion) bezeichnetes Plasmaverhalten seinen Namen. Seine Beobachtung, dass sich Elektronen und Ionen im Plasma — also im ionisierten Gas — geradezu wie ein organisiertes, kollektives Ganzes verhalten, war interessanterweise ein früher Vorbote der „Ganzheits"-Intuition, die er später entwickeln sollte. Bohm interessierte sich schon zu Beginn seiner Laufbahn für kollektive Ordnungsphänomene, die sich nicht auf die Summe der Teile zurückführen lassen.

In den Jahren 1949-1950, während der McCarthy-Zeit des Kalten Krieges, war Bohm politischen Untersuchungen ausgesetzt und weigerte sich, vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe auszusagen; in der Folge verlor er seine Stelle an der Princeton University und musste sein Land faktisch verlassen. Dieses erzwungene Exil führte ihn zunächst nach Brasilien, dann nach Israel und England. Dieser geographische Bruch bereitete paradoxerweise auch den Boden dafür, dass Bohm sich vom Druck der orthodoxen Physikerkreise entfernte und seine eigenen, eigenständigen Deutungen entwickelte; in der Tat veröffentlichte er seine bahnbrechenden Aufsätze über die Pilotwellentheorie gerade in dieser Wandlungszeit. Dieser biographische Hintergrund zeigt zugleich, dass diese Notiz Bohm rein im philosophisch-wissenschaftlichen Kontext, unabhängig von irgendeiner aktuellen politischen Debatte, behandelt; Gegenstand ist das Denkabenteuer eines Wissenschaftlers.

Pilotwellentheorie und die Deutung der Quantenmechanik

Bohms wichtigster technischer Beitrag zur Physik ist die alternative Deutung, die er der Quantenmechanik gab: die de-Broglie–Bohm-Theorie oder die Pilotwellentheorie (Führungswellentheorie). Die orthodoxe Kopenhagener Deutung vertrat, dass in der Quantenwelt eine grundlegende Unbestimmtheit und Zufälligkeit herrsche, dass das Teilchen vor der Messung keine bestimmte Position habe. Bohm dagegen schlug in seinen 1952 veröffentlichten bahnbrechenden Aufsätzen ein deterministisches (kausales) Modell vor, in dem die Teilchen stets eine bestimmte Position besitzen und von einer „Führungswelle" gelenkt werden. In diesem Modell deckt die Messung nur eine ohnehin bereits vorhandene Position auf; die Wirklichkeit existiert unabhängig von der Beobachtung.

Interessanterweise war dieses Modell Bohms eigentlich die Wiederentdeckung der von Louis de Broglie 1927 vorgeschlagenen, dann aber aufgegebenen Pilotwellenidee; Bohm wusste damals nichts von de Broglies Arbeit, erfasste aber die Bedeutung der Idee tiefer als de Broglie. Der auffälligste Aspekt der Pilotwellentheorie war ein Begriff namens „Quantenpotenzial" (quantum potential), der eine im Raum nichtlokale (non-lokale) Wirkung trägt. Diese Eigenschaft der Nichtlokalität (non-locality) öffnete dem Gedanken die Tür, dass alles im Universum auf einer tiefen Ebene miteinander verbunden ist, und trug die Samen von Bohms späterer Ganzheits-Philosophie in sich. So weitete sich eine technische physikalische Theorie in Bohms Hand allmählich zu einer metaphysischen Vision der Ganzheit aus.

Die implizite Ordnung (Implicate Order)

Bohms eigenständigster und meistdiskutierter philosophischer Begriff ist die Unterscheidung zwischen der impliziten Ordnung (implicate order) und der expliziten/entfalteten Ordnung (explicate order). Diese Begriffe entwickelte er in seinem Hauptwerk von 1980, Die implizite Ordnung und die Ganzheit (Wholeness and the Implicate Order).

Für Bohm ist die Welt, die wir alltäglich wahrnehmen — die Welt gesonderter Gegenstände, der im Raum nebeneinanderstehenden Körper —, nur die explizite (entfaltete) Oberfläche der Wirklichkeit. Unter dieser Oberfläche aber liegt eine tiefere und grundlegendere implizite (eingefaltete) Ordnung, in der alles „in alles eingefaltet" (enfolded) ist. In der impliziten Ordnung sind Teile und Ganzes nicht gesondert; jeder Bereich birgt das Wissen des Ganzen in sich. Bohm wählt den Begriff „implicate" bewusst aus der lateinischen Wurzel implicare (einfalten, einwickeln); sein Gegenteil „explicate" wiederum bedeutet explicare (ausfalten, entwickeln). So wird die Wirklichkeit als ein beständiger Prozess von „Einfaltung" (enfoldment) und „Ausfaltung" (unfoldment) geschildert. Dies trennt sich grundlegend vom Bild der „unabhängigen Teilchen an gesonderten Positionen im Raum" der traditionellen mechanischen Weltsicht: Grundlegend ist nun nicht mehr die äußere Beziehung gesonderter Teile, sondern die innere Dynamik des Ganzen, das sich beständig ein- und ausfaltet. Die explizite Ordnung entsteht aus dieser tieferen Ebene durch einen beständigen Prozess der „Ausfaltung" (unfolding) und erneuten „Einfaltung" (enfolding) und kehrt zu ihr zurück. Das heißt, die festen, harten Gegenstände, die wir sehen, sind eigentlich die vorübergehenden, relativ stabilen Erscheinungen eines unaufhörlich fließenden Ein- und Ausfaltungsprozesses.

Bohm berichtet, dass er auf diesen Gedanken durch ein bemerkenswertes, im Fernsehen gesehenes Experiment kam: In einen Glyzerinzylinder wird ein Tropfen Tinte geträufelt; wenn der Zylinder gedreht wird, verteilt sich die Tinte im Glyzerin und wird unsichtbar. Doch sobald die Drehrichtung umgekehrt wird, sammelt sich die verteilte Tinte wieder und bildet den Tropfen. Für Bohm war dies ein kraftvolles Gleichnis, das zeigt, dass die dem Anschein nach „verschwindende" Ordnung in Wahrheit in das Medium eingefaltet wird und unter geeigneten Bedingungen wieder ausgefaltet werden kann. Der Begriff der impliziten Ordnung ist einer der entwickeltsten modernen Ausdrücke des Gedankens, dass unter der sichtbaren Oberfläche der Wirklichkeit eine verborgene, schöpferische Ganzheit liegt, und bietet einen fruchtbaren Boden für Vergleiche der Ost-West-Ontologie.

Der Gedanke der impliziten Ordnung hat in der Philosophiegeschichte auffällige Vorläufer. Baruch Spinozas Verständnis der gesamten aus einer einzigen Substanz hervorgehenden Wirklichkeit, die welterzeugende Selbstentfaltung von Hegels Absolutem Geist und Whiteheads Prozessphilosophie behandeln allesamt die Motive der „Einheit unter der Vielheit" oder der „sich entfaltenden tiefen Wirklichkeit". Bohms Eigenständigkeit besteht in dem Versuch, diese klassische metaphysische Intuition mit der Sprache der modernen Physik — den Begriffen des Quantenpotenzials, der Nichtlokalität und der Wellenmuster — neu zu formulieren. In dieser Hinsicht lässt sich die implizite Ordnung sowohl als eine physikalische Hypothese als auch als eine zeitgenössische Verlängerung einer langen philosophischen Tradition lesen.

Holomovement und Ganzheit

Die Quelle sowohl der impliziten als auch der expliziten Ordnung ist der grundlegende Fluss, den Bohm Holomovement (Ganzheits-Bewegung) nennt. Das Holomovement verbindet das Prinzip der „ungeteilten Ganzheit" (undivided wholeness) mit dem Gedanken, dass alles ein Prozess, ein Werden ist. Bohm bestimmt es als eine „unerkennbare und undefinierbare Ganzheit", als eine „unmessbare" Wirklichkeit. Alle bestimmten Strukturen — Teilchen, Gegenstände, ja sogar Gedanken — entstehen als vorübergehende Formen aus diesem beständigen Fluss und kehren wieder zu ihm zurück.

Bohms Betonung der Ganzheit (wholeness) trägt eine grundlegende Kritik am herrschenden Paradigma der modernen Wissenschaft — also am reduktionistischen (reductionist) Zugang, der die Wirklichkeit untersucht, indem er sie in gesonderte, unabhängige Teile zerlegt. Für Bohm ist die Zerlegung des Universums in Teile eine künstliche „Fragmentierung" (fragmentation), die das Denken hervorbringt; in Wahrheit aber ist die Wirklichkeit ihrem Wesen nach ein ungeteiltes Ganzes. Bohm wählt den Begriff „holomovement" eigens: Die Verbindung von holo (ganz) und movement (Bewegung) betont zugleich die ganzheitliche und die unaufhörlich fließende, bewegliche Natur der Wirklichkeit. Dies ist eine grundlegende Alternative zum Bild der „unveränderlichen, gesonderten Teilchen" des klassischen Atomismus; für Bohm sind nicht die Teilchen grundlegend, sondern der sich beständig ein- und ausfaltende ganzheitliche Fluss. Die Teilchen sind die relativ stabilen, sich wiederholenden Muster dieses Flusses — so wie die Wirbel in einem Fluss keine vom Fließen des Wassers gesonderten Dinge sind.

Diese Sicht hallt auch mit der modernen Systemtheorie, der Ökologie und den Komplexitätswissenschaften wider; diese Felder betonen allesamt, dass das Ganze sich nicht auf die bloße Summe der Teile zurückführen lässt (Emergenz/Hervortreten). Bohms Eigenständigkeit besteht darin, dass er diesen Ganzheitsgedanken bis auf die grundlegendste physikalische Ebene — die Quantenwirklichkeit — hinabführt. Während die meisten Wissenschaftler die Ganzheit in höherstufigen komplexen Systemen suchen, versuchte Bohm, sie in der tiefsten Schicht der Materie, in der nichtlokalen Struktur des Quantenpotenzials, zu begründen. Diese Sicht steht in enger Beziehung zum holografischen Prinzip: So wie in einem Hologramm jeder Teil das Bild des Ganzen trägt, so birgt auch in Bohms Universum jeder Bereich das Wissen des Ganzen in sich. Darum wird Bohms Denken oft in den Debatten der Quantenmystik und der Quanten-Bewusstseinsphilosophie erwähnt — doch hat Bohm selbst diese Verbindungen im Rahmen eines zurückhaltenden wissenschaftlichen Realismus hergestellt.

Die holonome Hirntheorie mit Pribram

Bohms Ganzheitsgedanke reichte auch in das Feld der Neurowissenschaft. In der Zusammenarbeit, die er mit dem Neurowissenschaftler Karl Pribram von der Stanford University entwickelte, wurde eine Theorie aufgestellt, der zufolge das Gehirn wie ein Hologramm arbeiten könnte: die holonome Hirntheorie. Diesem Modell zufolge speichert das Gehirn die Information nicht an einem bestimmten einzelnen Punkt, sondern verteilt (distributed), in Gestalt von Wellenmustern — so wie jeder Teil einer holografischen Platte das gesamte Bild enthält.

Diese Theorie versuchte zu erklären, warum das Gedächtnis bei der Schädigung eines bestimmten Hirnbereichs nicht vollständig verloren geht (warum das Gedächtnis „keinen Raum einnimmt"). So wie ein kleiner Teil einer holografischen Platte das ganze Bild (mit geringerer Auflösung) wiedergeben kann, so könnte auch die Information im Gehirn nicht an eine einzelne Zelle, sondern an wellenartige Interaktionsmuster in weiten Neuronennetzen verteilt sein. Werden Pribrams holonomes Hirnmodell und Bohms Begriffe des Holomovement und der impliziten Ordnung verbunden, so entsteht ein ganzheitliches Bild, in dem sowohl die äußere Wirklichkeit als auch der sie wahrnehmende Geist nach demselben holografisch-ganzheitlichen Prinzip wirken. Diese Synthese hat eine weite interdisziplinäre Debatte rund um das holografische Prinzip genährt; sie wurde in den 1980er Jahren unter dem Namen „holografisches Paradigma" zu einem populären Diskussionsthema. Doch ist der wissenschaftliche Status dieses Modells noch umstritten und in der neurowissenschaftlichen Gemeinschaft nicht allgemein anerkannt; Kritiker weisen darauf hin, dass die metaphorische Kraft der holografischen Analogie für die Arbeitsweise des Gehirns über ihren experimentellen Beleg hinausgeht. Darum ist die holonome Hirntheorie als eine inspirierende Hypothese zu werten, nicht als eine bewiesene wissenschaftliche Theorie.

Bewusstsein, Materie und Bedeutung

Ein eigenständiger Begriff in Bohms Denken der reifen Zeit ist auch das Verhältnis zwischen Bedeutung (meaning) und Materie. Bohm vertrat in seinen Spätwerken mit Begriffen wie „soma-significance" (Leib-Bedeutung) und „signa-somatic", dass die Bedeutung nicht nur etwas Geistiges sei, sondern selbst die materiellen Prozesse beeinflusse. Für ihn sind Bedeutung und Materie zwei Seiten der impliziten Ordnung; Bewusstsein und physische Wirklichkeit sind untrennbare Aspekte einer tieferen Ganzheit. Diese Sicht wird in den Debatten der Quanten-Bewusstseinsphilosophie und besonders im Zusammenhang mit Bewusstseinshypothesen wie denen von Penrose-Hameroff, Stapp und Wheeler oft erwähnt; doch trägt Bohms Zugang, anders als diese Modelle, eine eher metaphysische Betonung der gemeinsamen Wurzel von Bewusstsein und Materie.

Dieser Rahmen ist offen für einen Vergleich mit den Motiven der Einheit von Bewusstsein und Wirklichkeit im östlichen Denken. In der Lehre der Brahman-Ātman-Einheit sind das individuelle Bewusstsein (Ātman) und die universale Wirklichkeit (Brahman) ihrem Wesen nach eins; die Formel Tat Tvam Asi („Das bist du") fasst diese Einheit zusammen. Bohms Vision der Ganzheit von Materie-Bedeutung-Bewusstsein trägt eine strukturelle Ähnlichkeit mit solchen Einheitslehren — wenngleich Bohm diese Ähnlichkeiten stets in einer zurückhaltenden, wissenschaftlich-philosophischen Sprache herstellte. Der Begriff des kosmischen Bewusstseins steht als Gedanke einer das gesamte Universum umfassenden Gewahrseins-Wirklichkeit in einer natürlichen Nähe zu Bohms Ganzheitsthema. Dabei trägt Bohms Begriff der „Bedeutung" jedoch auch einen wichtigen Unterschied: Er sieht die Bedeutung nicht als eine passive Widerspiegelung, sondern als eine Kraft, die die Wirklichkeit aktiv gestaltet. Die Bedeutung, die ein Mensch einer Situation beimisst, verändert den Leib und das Verhalten (soma) dieses Menschen; und dies wirkt auf die Umwelt. So besteht zwischen Bedeutung und Materie eine beständige, zyklische Wechselwirkung. Dieses ganzheitliche Bedeutungsverständnis weitet Bohms Vision der impliziten Ordnung bis auf die menschliche Erfahrung und die ethische Verantwortung aus; denn unsere Gedanken und die Bedeutungen, die wir ihnen beimessen, werden zu einem Teil des Ein- und Ausfaltungsprozesses der Wirklichkeit.

Die Fragmentierung des Denkens (Fragmentation)

Bohms vielleicht praktischster und am weitesten widerhallender Gedanke ist die Kritik der Fragmentierung (fragmentation). Für Bohm ist das Grundproblem des modernen Menschen, dass er die Wirklichkeit — die Natur, die Gesellschaft, ja sogar das eigene Selbst — in gesonderte, unabhängige Teile zerlegt sieht. Doch besteht diese Teilung nicht in der Wirklichkeit selbst, sondern in der Arbeitsweise des Denkens. Das Denken zerlegt die Welt, um sie zu erfassen; doch dann hält es diese künstliche Teilung für die Struktur der Wirklichkeit selbst und handelt danach. Bohm bestimmt dies als das „Vergessen des Denkens an die von ihm selbst geschaffene Teilung".

Diese Fragmentierungsanalyse deckt sich auf bemerkenswerte Weise mit den Lehren der Śūnyatā (Leerheit) und des Pratītya-samutpāda (wechselseitig bedingten Entstehens): Auch im buddhistischen Denken ist es ein grundlegender Irrtum (avidyā), die Dinge als gesonderte, unabhängige „Selbste" zu sehen; in Wahrheit existiert alles innerhalb eines Netzes wechselseitiger Abhängigkeit, ohne Eigenwesen. Ebenso betont der Begriff der Māyā, dass die Vielheit und die Getrenntheit eine Art Erscheinung/Illusion sind; die Methode des Neti Neti wiederum verweist durch die Verneinung jeder begrenzten Bestimmung auf die ungeteilte Wirklichkeit. Bohms These von der „fragmentierenden Natur des Denkens" bildet eine erstaunliche Brücke zu diesen östlichen Lehren, errichtet aus der Sprache eines modernen Wissenschaftlers. Auch der Begriff des „Inter-Seins" (interbeing) des vietnamesischen Zen-Meisters Thich Nhat Hanh ist ein zeitgenössischer Ausdruck dieser ganzheitlichen Sicht, in der alles mit allem verflochten ist.

Die Dialoge mit Krishnamurti

Eine der wichtigsten Dimensionen von Bohms Denkabenteuer sind die intensiven und langjährigen Dialoge mit dem indischstämmigen Denker Jiddu Krishnamurti, die von 1959 bis zu Krishnamurtis Tod 1986 währten. Bohm war in Krishnamurtis Büchern auf Beobachtungen über das Verhältnis zwischen „Beobachter und Beobachtetem" gestoßen und hatte erkannt, dass diese erstaunliche Nähen zum Messproblem seiner eigenen Quantentheorie aufwiesen. Die beiden Denker erforschten über Jahre gemeinsam Themen wie die Natur des Denkens, die Einsicht, die Zeit, den Tod, die Wahrheit, die Wirklichkeit und die Intelligenz.

Ein Teil dieser Dialoge wurde in Büchern wie Das Ende der Zeit (The Ending of Time), Die Grenzen des Denkens (The Limits of Thought) und Die Zukunft der Menschheit (The Future of Humanity) veröffentlicht. Der gemeinsame Brennpunkt der beiden Denker war die vom Denken erzeugte Fragmentierung: Für sie ist das Denken eine Reaktion der Vergangenheit (des Gedächtnisses); es ist seinem Wesen nach begrenzt und wird, indem es die Wirklichkeit in künstliche Teile zerlegt, sowohl im Einzelnen als auch in der Welt zur Quelle des Konflikts. Bohms Suche nach der Ganzheit in der Physik und Krishnamurtis Suche nach der psychologisch-spirituellen Ganzheit begegnen sich in diesen Dialogen auf einem gemeinsamen Boden. Diese Begegnung bildet ein wichtiges Beispiel für die Debatten um das kosmische Bewusstsein und die Ost-West-Denksynthese.

Die Beziehung zwischen Krishnamurti und Bohm war über den bloßen Gedankenaustausch hinaus eine tiefe intellektuelle Freundschaft; doch traten mit der Zeit auch Spannungen zwischen ihnen auf. Während Bohm Krishnamurtis Lehre mit wissenschaftlicher Sorgfalt prüfen wollte, betonte Krishnamurti bisweilen, über die begrifflichen Analysen hinauszugehen, das unmittelbare „Sehen" (insight) zu erfahren. Die beiden Denker gingen in Fragen wie der, ob die „Einsicht" das Gehirn physisch verändern könne und ob das Denken gänzlich zum Schweigen gebracht werden könne, mitunter auseinander. Diese Spannung war eigentlich fruchtbar: auf der einen Seite die wissenschaftlich-philosophische Analyse, auf der anderen das unmittelbare erfahrungsmäßige Erfassen. Für Bohm waren diese Dialoge das Bemühen, sich einem Erfassen der Ganzheit zu nähern, das er mit der formalen Sprache der Physik nicht erreichen konnte; in der Tat sagte Bohm, die Begegnung mit Krishnamurti sei eine der wichtigsten Erfahrungen seines Lebens gewesen. Diese Beziehung ist ein wertvolles Zeugnis einer seltenen und langjährigen Begegnung zwischen einem modernen Wissenschaftler und einem Lehrer der Weisheit.

Denk- und Dialogtheorie (Bohm Dialogue)

Bohm verwandelte diese Erforschung der fragmentierenden Natur des Denkens in eine konkrete Gruppenpraxis: die als Bohm-Dialog (Bohm Dialogue) bekannte Methode. Dieser Zugang unterscheidet sich grundlegend von der herkömmlichen Diskussion und Verhandlung. In der gewöhnlichen Diskussion (discussion) verteidigen die Parteien ihre eigenen Ansichten und versuchen zu „gewinnen"; im Bohm-Dialog dagegen ist das Ziel nicht, zu gewinnen oder zu einem Ergebnis zu gelangen, sondern den Denkprozess selbst gemeinsam zu beobachten.

Für Bohm achten wir meist nur auf den Inhalt des Denkens, nicht aber auf seinen Prozess — also darauf, wie das Denken wirkt, wie es Voraussetzungen erzeugt und wie es Fragmentierung schafft. Der Dialog ist das Zusammenkommen einer kleinen Gruppe (gewöhnlich 20-40 Personen) ohne eine bestimmte Tagesordnung oder Hierarchie, um die eigenen Denkprozesse gemeinsam und urteilsfrei zu beobachten. Das Ziel dieser Praxis ist es, die verborgenen Voraussetzungen im kollektiven Denken sichtbar zu machen und durch „partizipatives Denken" (participatory thought) zu einer Art gemeinsamer Bedeutung (shared meaning) und Ganzheitserfahrung zu gelangen. In dieser Hinsicht lässt sich der Bohm-Dialog sowohl als eine erkenntnistheoretische Praxis als auch als eine Art zeitgenössischer Kontemplation und Disziplin gemeinsamen Gewahrseins betrachten; sein Werk Thought as a System (Das Denken als System) behandelt diese Themen eingehend.

Sprache, Rheomode und die Struktur des Denkens

Bohm erkannte, dass die Fragmentierung nicht nur im Denken, sondern auch in der Struktur der Sprache verwurzelt ist. In dem Buch Die implizite Ordnung und die Ganzheit vertrat er, dass die auf der Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur beruhenden modernen westlichen Sprachen (z. B. „Ich tue dies") die Wirklichkeit als feste „Dinge" und Akte zwischen ihnen zerlegen. Diese Struktur zwingt dazu, die Welt wie die Summe statischer Gegenstände zu sehen. Als Alternative dazu schlug Bohm eine experimentelle Sprachform vor, in der das Verb im Zentrum steht und die den Fluss und den Prozess betont — den „Rheomode" (Fluss-Modus; griechisch rheo, „fließen"). Im Rheomode wird die Wirklichkeit nicht durch erstarrte Substantive, sondern durch beständig bewegte Verben ausgedrückt; so wird versucht, auch die Sprache selbst so zu verwandeln, dass sie die ganzheitlich-fließende Wirklichkeit widerspiegelt.

Diese Sprachkritik zeigt, wie grundlegend Bohms Denken war: Für ihn bedarf es, um die Wirklichkeit ganzheitlich zu erfassen, nicht nur neuer Gedanken, sondern auch einer neuen Weise des Denkens und Sprechens. Bohm behauptete nicht, der Rheomode werde an die Stelle der Alltagssprache treten; dies war vielmehr ein experimentelles Werkzeug, eine Denkübung, die dazu bestimmt war, bewusst zu machen, wie die Sprache die Wirklichkeit formt. Dennoch zeigt dieser Versuch, wie ernst Bohm die Verbindung zwischen Sprache, Denken und Wirklichkeit nahm und wie weit er die Suche nach der Ganzheit bis in die grundlegendsten Werkzeuge des menschlichen Bewusstseins hinabtrieb. In dieser Hinsicht begegnet sich Bohm mit dem tiefen Gewahrsein der östlichen Traditionen für die Grenzen der Sprache; etwa teilt die Betonung im taoistischen Denken „das aussprechbare Tao ist nicht das ewige Tao" oder in der buddhistischen Methode der Verneinung, dass die letztgültige Wirklichkeit mit keinem Begriff vollständig zu fassen ist, dieselbe Intuition wie Bohms Sprachkritik. Die Ganzheit der Wirklichkeit erfordert ein Erfassen jenseits der fragmentierenden begrifflichen Sprache.

Bohm unter den Deutungen der Quantentheorie

Bohms Pilotwellentheorie nimmt in der Debatte um die Deutung der Quantenmechanik einen besonderen Platz ein. In dieser Debatte sind die wichtigsten konkurrierenden Deutungen: die Kopenhagener Deutung (Bohr, Heisenberg), die Viele-Welten-Deutung (Everett), die Theorien des objektiven Kollapses und Bohms kausale/Pilotwellen-Deutung. Die stärkste Seite von Bohms Deutung ist, dass sie eine deterministische und realistische Lösung des Messproblems bietet, ohne ein unbestimmtes Element wie „das Bewusstsein des Beobachters" hinzuzufügen; die Teilchen besitzen jederzeit bestimmte Positionen, und das Universum existiert unabhängig von der Beobachtung. Ihre umstrittenste Seite wiederum ist die Nichtlokalität (non-locality), die das Quantenpotenzial trägt — also dass entfernte Teilchen einander augenblicklich beeinflussen können.

Für Bohm war diese Nichtlokalität kein Mangel, sondern im Gegenteil ein Beleg für die grundlegende Ganzheit des Universums: Wenn alles auf einer tieferen Ebene ein einziges, eingefaltetes Ganzes ist, dann ist die „Getrenntheit" entfernter Teilchen ohnehin nur Erscheinung. John Bells berühmtes Theorem von 1964 und die nachfolgenden Experimente (die Aspect-Experimente) zeigten, dass es in der Quantenwelt tatsächlich nichtlokale Beziehungen gibt; dies lieferte Bohms Ganzheitsintuition eine mittelbare Stütze. Ein interessantes historisches Detail ist, dass Bell sich auf dem Weg zu seinem eigenen Theorem unmittelbar von Bohms Arbeiten inspirieren ließ; Bohms Pilotwellenmodell hielt die Frage, ob verborgene Variablen möglich sind, lebendig und trug so zur Wiedergeburt des Feldes der Quantengrundlagen bei. So spielte Bohm eine wichtige Rolle dabei, dass das als „Grundlagen der Quantenmechanik" (foundations of quantum mechanics) bekannte, lange vernachlässigte Feld wieder zu einem angesehenen Forschungsgebiet wurde. Dennoch betrachten die meisten Physiker die Wahl zwischen den Deutungen weitgehend als eine philosophische Präferenz; denn diese Deutungen liefern dieselben experimentellen Ergebnisse. Darum bestand Bohms Beitrag weniger darin, der Quantentheorie neue experimentelle Vorhersagen hinzuzufügen, als vielmehr darin, ihre begrifflich-philosophischen Grundlagen zu bereichern.

Nähen zum östlichen Denken und kritische Distanz

Bohms Vision der Ganzheit trägt auffällige strukturelle Ähnlichkeiten mit verschiedenen mystischen und philosophischen Traditionen. Der Gedanke, dass die physische Welt eine „Widerspiegelung" einer grundlegenderen Wirklichkeit sei, ruft das Verhältnis von Brahman und Erscheinung im Advaita Vedanta, die Lehre der Vahdet-i Vücûd (Einheit des Seins) von der Selbstoffenbarung des einen Seins als Vielheit und die Voll-Leer-Dialektik des Begriffs der Śūnyatā (Leerheit) in Erinnerung. Im Zusammenhang des Vergleichs von Tauhîd, Advaita und Śūnyatā lässt sich Bohms implizite Ordnung als ein moderner wissenschaftlich-philosophischer Ausdruck der Suche nach der „Einheit unter der Vielheit" lesen.

Bohm trat in seinen letzten Lebensjahren sowohl mit Krishnamurti als auch mit dem Dalai Lama in Kontakt und ließ sich von den Ganzheitsmotiven des östlichen Denkens inspirieren. Sein Denken wird oft in der Integraltheorie Ken Wilbers, im holografischen Paradigma und im weiteren Sinne in den Debatten der Quanten-Bewusstseinsphilosophie zur Bezugsgröße genommen. Bohms Vision der Ganzheit kann auch im Rahmen des Vergleichs der „Absolut"-Verständnisse verschiedener Traditionen behandelt werden; denn jede große mystische Tradition verweist auf die eine, ungeteilte Wirklichkeit hinter der Vielheit. Denker wie Aldous Huxley und Huston Smith, Vertreter der Tradition der immerwährenden Weisheit (perennial philosophy), haben eben diese Intuition der „universalen Ganzheit" als gemeinsamen Kern der verschiedenen Religionen vertreten; Bohms Physik lässt sich als eine Suche nach einer modernen wissenschaftlichen Sprache für diese Intuition lesen. Auch die Lehre des indischen Denkers Sri Aurobindo von der Evolution des Bewusstseins und dem „Supramental" (supermind) trägt interessante Parallelen zu Bohms Vision, indem sie eine ganzheitliche Wirklichkeitsvorstellung bietet, die von der Materie zum Bewusstsein reicht. Dennoch ist um der akademischen Redlichkeit willen zu betonen: Das Verhältnis zwischen Bohms Physik und diesen mystischen Deutungen ist ernsthaft umstritten. Kritische Wissenschaftskreise weisen darauf hin, dass die Behauptung, die Quantenmechanik „beweise" unmittelbar eine mystische „Ganzheit", spekulativ sei; dass Bohms technische Physik eine gesonderte, solide wissenschaftliche Leistung sei, ihre philosophisch-spirituellen Verlängerungen aber einen anderen erkenntnistheoretischen Status besäßen. Bohm selbst war sich dieser Unterscheidung bewusst und achtete darauf, seine Physik nicht mit metaphysischen Behauptungen zu vermengen. Folglich ist Bohm nicht als jemand zu würdigen, der die Brücke zwischen Wissenschaft und Spiritualität schlug, sondern als eine zurückhaltende Figur, die über die Möglichkeit und die Grenzen dieser Brücke nachdachte.

Vergleichende Tabelle: Bohms Ordnungsbegriffe und mystische Parallelen

Dimension Bohm — Implizite Ordnung Advaita Vedanta Vahdet-i Vücûd Śūnyatā / Leerheit
Grundwirklichkeit Holomovement (ganzheitlicher Fluss) Brahman Vücûd (Hak) Śūnyatā (Leer-Fülle)
Sichtbare Welt Explizite Ordnung (explicate) Erscheinung / vyavahārika Tecellî (Erscheinung) Muster des bedingten Entstehens
Status der Vielheit Vorübergehende Ein- und Ausfaltung Māyā (Erscheinung) Widerspiegelung von Namen und Eigenschaften Eigenwesenlos, bedingt
Methode Wissenschaft + Dialog Jñāna (Wissen), neti neti Kaschf, Tafakkur Vipassanā, Analyse
Einheit-Vielheit Ungeteilte Ganzheit Advaita (Nicht-Zweiheit) Vielheit in der Einheit Form = Leerheit
Status Wissenschaftlich-philosophische Hypothese Metaphysische Lehre Mystische Doktrin Soteriologische Lehre

Sein Erbe und seine Würdigung

David Bohm steht im Denken des 20. Jahrhunderts an einer seltenen Position: Er war sowohl ein erstklassiger theoretischer Physiker als auch ein Denker, der die philosophischen Grenzen der Wissenschaft auslotete. Die Pilotwellentheorie ist auch heute noch eine lebendige, in den Debatten um die Deutung der Quantenmechanik ernst genommene Alternative und erfährt in den letzten Jahren wieder zunehmendes Interesse. Die Begriffe der impliziten Ordnung, des Holomovement und der Ganzheit wiederum sind herausfordernde und fruchtbare Denkwerkzeuge geworden, die an der Grenze zwischen Wissenschaft und Philosophie stehen.

Bohms Erbe hallt weiterhin in vielen Feldern wider, etwa in der Bewusstseinsforschung, im holografischen Paradigma und im Ost-West-Denkdialog. Sein bleibendster Beitrag ist vielleicht der folgende: dass er, gegen die fragmentierende Sicht der modernen Wissenschaft, daran erinnerte, dass die Wirklichkeit als ein ungeteiltes Ganzes gedacht werden kann, und dass er diese Ganzheit sowohl in der Physik als auch in der Arbeitsweise des menschlichen Denkens suchte. Seine Dialogpraxis wiederum erfährt als eine eigenständige Methode zur kollektiven Verwandlung des Denkens auch jenseits der akademischen Philosophie weiterhin Interesse in den Feldern der Bildung, des organisationalen Lernens und des inneren Gewahrseins.

Bei der Würdigung von Bohms Denken ist eine ausgewogene Haltung geboten. Auf der einen Seite ist sein Erfolg in der technischen Physik — die Pilotwellentheorie, seine Beiträge zur Plasmaphysik, der Begriff des Quantenpotenzials — unbestreitbar und wird in der Wissenschaftsgemeinschaft mit Achtung erwähnt. Auf der anderen Seite tragen seine philosophischen Spätbegriffe wie die implizite Ordnung und das Holomovement weniger den Charakter einer wissenschaftlichen Theorie als vielmehr den einer metaphysischen Vision; ihre empirische Prüfung ist schwierig. Dass Bohms Erbe von manchen populären Deutern in dem Sinne überdeutet wurde, dass „die Quantenphysik die Spiritualität beweise", hat zu ernster Kritik geführt; solche Reduktionen werden sowohl Bohms Physik als auch der inneren Geschlossenheit der mystischen Traditionen nicht gerecht. Die fruchtbarste Lesart ist es, Bohm als eine Figur zu betrachten, die „an der Grenze zwischen Wissenschaft und Philosophie redlich nachdachte": Er war keiner, der eindeutige Antworten bot, sondern ein Denker, der tiefe Fragen stellte und behutsame Brücken zwischen verschiedenen Wissensgebieten zu schlagen suchte. Gerade diese Eigenschaft — eine offene, fragende und interdisziplinäre Haltung — macht ihn zu einem der inspirierendsten Denker des 20. Jahrhunderts. Bohm verkörpert es, angesichts der letztgültigen Natur der Wirklichkeit demütig zu bleiben und statt der Gewissheit die Neugier und die Ganzheit zu suchen.