Mystische Traditionen

Die Machi der Mapuche: Heilung, Rewe und Kultrún in Südamerika

Die meist weiblichen Machi des chilenisch-argentinischen Mapuche-Volkes; rewe (gestufter heiliger Pfahl / axis mundi), kultrún (Trommel), das Heilritual machitún, die Zeremonie ngillatún und die Wenu-Mapu-Kosmologie; ein akademischer Vergleich mit dem sibirischen Schamanismus.

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Einleitung: Das Mapuche-Volk und die Institution der Machi

Mapuche („Menschen der Erde"; mapu = Erde, che = Mensch) sind eines der zahlreichsten und historisch widerstandsfähigsten indigenen Völker Südamerikas; sie leben im Südkegel des Kontinents — in der Region Araucanía im zentralen und südlichen Chile sowie in den angrenzenden Gebieten Argentiniens, auf den fruchtbaren Böden zwischen den Anden und dem Pazifik. Im Zentrum der Religion und des Heilsystems der Mapuche steht eine geistliche Autorität und Heilerin namens Machi. Die Machi ist eines der ausgeprägtesten südamerikanischen Beispiele für die Typologie des Schamanen; sie vermittelt zwischen der Menschenwelt und dem geistlichen Reich, heilt Krankheiten, weissagt und wacht über das spirituelle Gleichgewicht der Gemeinschaft.

Diese Notiz behandelt die Institution der Machi — ihr überwiegend weibliches Wesen, den rewe (gestufter heiliger Pfahl / axis mundi), den kultrún (Trommel), das Heilritual machitún, die Zeremonie ngillatún und die Kosmologie des Wenu Mapu (Himmel) — in einem akademisch-vergleichenden Rahmen. Die ethnographische Hauptgrundlage bildet Ana Mariella Bacigalupos auf fünfzehnjähriger Feldforschung beruhendes Werk Shamans of the Foye Tree: Gender, Power, and Healing among Chilean Mapuche (2007). Zum Vergleich werden Verbindungen zum klassischen Schamanismus sibirischen Typs sowie zu anderen indigenen Traditionen hergestellt.

Die Machi-Tradition ist für die vergleichende Religionswissenschaft aus zwei Gründen besonders wertvoll. Erstens trägt sie nahezu alle unterscheidenden Merkmale des klassischen Schamanismus sibirischen Typs — kosmische Achse, Trommel, Berufung, Himmelsreise — deutlich an sich; dies macht sie zu einem starken Beleg für die globale Gemeinsamkeit des Phänomens „Schamanismus". Zweitens stellt sie mit ihrem überwiegend weiblichen Wesen und ihrer ausgeprägten rituellen Geschlechts-Transzendenz die implizite männerzentrierte Norm dieses Modells in Frage; dies verweist auf die lokale Eigenständigkeit der Tradition. Im Folgenden werden wir diese beiden Dimensionen — die universelle schamanische Grammatik und die Mapuche-eigene Geschlechter-Kosmologie — gemeinsam behandeln und die Tradition mit den Traditionen der Sangoma, der Wixárika und der Hmong vergleichen.

Machi: Die meist weibliche Schamanin

Ein wichtiges Merkmal der Machi ist, dass die Mehrheit von ihnen weiblich ist — eine ausgeprägte Eigenschaft, die sie vom vergleichsweise männerlastigen klassischen Schamanismus Sibiriens und Zentralasiens unterscheidet. Historische Quellen zeigen, dass in vorkolonialer Zeit auch männliche Machi verbreitet waren; in der Moderne hat sich die Rolle jedoch weitgehend mit Frauen (und mit Gestalten, welche die Geschlechtergrenzen überschreiten) identifiziert.

Der eigenständigste Beitrag von Bacigalupos Arbeit ist die Geschlechter-Dimension der Machi-Praxis. Die Machi ist eine Gestalt, die im rituellen Kontext die Geschlechtskategorien überschreitet und „männliche" und „weibliche" Kräfte in ihrem Körper und ihrer Performance vereint. Diese „Geschlechts-Transzendenz" wird als eine der Quellen der geistlichen Vermittlungskraft der Machi begriffen: Indem die Machi Gegensätze (Mann–Frau, Himmel–Erde, Leben–Tod) in sich versammelt, ermöglicht sie den Übergang zwischen den Welten. In dieser Hinsicht bietet die Mapuche-Tradition ein eindrückliches Beispiel des in den Schamanismen der Welt häufig anzutreffenden Motivs der rituellen Geschlechter-Fluidität und ist mit dieser Eigenschaft für die vergleichende Religionswissenschaft besonders wertvoll.

Machi zu werden beginnt — wie in den Traditionen der Sangoma oder der Hmong txiv neeb — mit einer Berufung: Die künftige Machi wird durch Träume (pewma) und Visionen (perimontun) von den Geistern erwählt. In diesen Träumen und Visionen offenbaren die Geister die Heilkräfte der Kräuter und schenken der Anwärterin ihre rituellen Werkzeuge — die schamanische Trommel (kultrún), eine axis mundi (rewe) und Geist-Tiere. Die Ablehnung der Berufung wird, ganz wie in anderen Traditionen, mit Krankheit und Unglück in Verbindung gebracht; Annahme und Initiation hingegen sind der Weg der Heilung und der Kraft. Dieses Muster der „Berufungskrankheit" ist Teil der von Eliade beschriebenen universellen schamanischen Initiationsgrammatik. Die zwingende Natur dieser Berufung — die Notwendigkeit, durch Krankheit, Krise und Wandlung zu gehen — betont, dass das Machi-Sein kein freiwillig gewählter Beruf, sondern ein von den Geistern auferlegtes Schicksal ist; auch darin deckt es sich tief mit dem Ukuthwasa der Sangoma und der Berufung der Hmong.

Der Initiationsprozess umfasst eine lange und mühsame Ausbildung — das Erlernen der Kräuter, der Gesänge, der Trommeltechnik und der Kommunikation mit den Geistern unter Aufsicht einer erfahrenen Machi (machi gemu). Der Abschluss vollzieht sich in einer öffentlichen Initiationszeremonie namens machiluwün; in dieser Zeremonie errichtet die angehende Machi ihren Rewe und zeigt vor der Gemeinschaft ihre geistliche Kompetenz. Diese Struktur ist der Abschlusszeremonie der Sangoma und anderen indigenen Initiationen funktional parallel. Das Motiv der Initiation — Berufung, Trennung, Ausbildung, Prüfung und Rückkehr in die Gemeinschaft mit einer neuen Identität — ist das gemeinsame strukturelle Skelett der Schamanismen der Welt; das Machi-Beispiel bietet eine markante südamerikanische Ausführung dieses Skeletts.

In der geistlichen Welt der Machi nehmen die Ahnen-Machi-Geister (filew), die sie führen und ihr ihre Kraft verleihen, einen zentralen Platz ein. Stirbt eine Machi, so glaubt man, dass ihre geistliche Kraft und ihr Wissen an die nächste Generation — an eine neue, meist durch Träume erwählte Anwärterin — weitergegeben werden. Diese generationenübergreifende geistliche Kontinuität ist dem Übergang der neeb-Geister von Familie zu Familie in der Hmong-Tradition und der Ahnenberufung der Sangoma-Tradition strukturell ähnlich: Die schamanische Kraft ist weniger ein individueller Erwerb als ein entlang einer unsichtbaren Ahnenlinie weitergereichtes Anvertrautes.

Rewe: Der gestufte heilige Pfahl und die Axis Mundi

Das grundlegendste heilige Objekt der Machi ist der rewe (im Sinne von „das Reinste"; außerdem mit dem Baum foye bzw. canelo identifiziert). Der Rewe ist ein Baumstamm, in den Stufen eingekerbt sind — meist Lorbeer (laurel) oder Eiche — und wird vor dem Haus der Machi nach Osten ausgerichtet errichtet.

Der Rewe ist im wörtlichen Sinne die axis mundi der Welt (kosmische Achse): der Verbindungspunkt zwischen der Menschenwelt und dem geistlichen Reich, eine „Leiter" oder ein „Übergangsort". Während des Rituals verkündet die Machi der Gemeinschaft, indem sie die Stufen des Rewe emporsteigt, dass sie in den visionären Flug übergegangen, das heißt in das geistliche Reich — insbesondere zum Wenu Mapu, dem „blauen Himmel droben" — aufgestiegen ist. Diese Geste des Emporsteigens verkörpert eines der universellsten Motive der Schamanismen der Welt: das Motiv des Aufstiegs entlang der kosmischen Achse und der „Himmelsreise". Diese Symbolik, die Eliade in seinem Werk Shamanism unter der Überschrift „Weltenbaum / Kosmischer Pfahl" zusammengefasst hat, erscheint im Rewe der Mapuche in nahezu archetypischer Reinheit.

Der mit dem Rewe identifizierte Baum foye (canelo, Drimys winteri) hat eine besondere Bedeutung: sowohl wegen seiner medizinisch-heilenden Eigenschaften als auch wegen seiner hermaphroditischen (zwittrigen) Blüten. Diese zwittrige Eigenschaft spiegelt, wie Bacigalupo betont, die geschlechts-transzendente, gegensatzvereinende Dimension der Machi-Heilpraxis symbolisch wider. Foye ist damit zugleich eine botanische Heilquelle und ein metaphorischer Spiegel der Machi-Identität; der Baum selbst verkörpert in der Natur die vermittelnde Stellung der Machi zwischen Welten und Geschlechtern.

Das Rewe-Motiv deckt sich unmittelbar mit der Symbolik der kosmischen Achse und stellt die Mapuche-Tradition auf einen starken Vergleichsgrund sowohl mit dem sibirischen Schamanismus als auch mit den weltweiten Vorstellungen vom „heiligen Pfahl / Weltenbaum". Die Ostausrichtung des Pfahls spiegelt zudem ein mit Sonnenaufgang und Erneuerung verbundenes kosmologisches Richtungsempfinden wider.

Kultrún: Trommel, Kosmos und Mutterschoß

Das zweite grundlegende heilige Werkzeug der Machi, der kultrún, ist eine flache Zeremonialtrommel: gefertigt aus einer aus Lorbeer- oder Eichenholz gehöhlten Schale, über die Ziegenhaut gespannt ist. Der Kultrún ist ein von der Machi unzertrennliches Objekt und ermöglicht ihre Kommunikation mit den göttlichen Wesen — den Kanal, der sich zum geistlichen Reich öffnet.

Der Kultrún ist ein vielschichtiges symbolisches Objekt:

In dieser Hinsicht bindet der Kultrún die Tradition der mapuche-machi an die globale Familie der schamanischen Trommeltechniken und stellt die Trommel nicht bloß als Musikinstrument, sondern als eine kosmologische und rituelle Technologie dar. Die Herstellung, Weihe und „Bindung" der Trommel an die Machi ist für sich ein ritueller Prozess; der Kultrún gilt als eine Erweiterung der geistlichen Identität der Machi.

Auch die Zeichnungen auf der Oberfläche des Kultrún tragen eine tiefe kosmologische Bedeutung: Ein vierarmiges Kreuz oder eine Vierteilung repräsentiert die vier Richtungen und die vier kosmischen Regionen des Universums; Sonne-, Mond- und Sternsymbole verweisen auf die Himmelsschichten. So hält die trommelnde Machi eigentlich ein verkleinertes Universum in der Hand und stimmt sich mit jedem Schlag auf den Rhythmus des Kosmos ein. Diese „Trommel-Universum"-Identität zeigt eindrücklich, warum Trommel und Rhythmus in den indigenen Schamanismen keine bloß musikalische, sondern eine kosmologische Funktion tragen; dieselbe kosmisch-rhythmische Logik hallt in einem weiten Spektrum wider — vom sibirischen Schamanismus bis zur Ngoma-Tradition der Sangoma.

Machitún: Das Heilritual

Machitún ist das grundlegende Heilritual, das die Machi leitet. In der Krankheitsauffassung der Mapuche hat das Leiden meist einen geistlich-relationalen Ursprung: die Einwirkung böser Geister (wekufe), magischer Angriff (das Werk eines bösen Zauberers, kalku genannt), Störung des geistlichen Gleichgewichts oder Verletzung der kosmischen Harmonie. Das Machitún zielt darauf, diesen Ursprung zu diagnostizieren und zu beheben.

Das Ritual umfasst typischerweise folgende Elemente:

Das Machitún lässt sich mit der Heilpraxis der Sangoma und dem ua neeb-Ritual der Hmong funktional vergleichen: Alle drei diagnostizieren die Krankheit in einem geistlich-relationalen Rahmen und gestalten die Heilung als einen Prozess der Verhandlung mit den Geistern. Diese Gemeinsamkeit zeigt, warum Heilung in den indigenen Traditionen ebenso sehr eine geistliche und gesellschaftliche wie eine körperliche Angelegenheit ist.

Gute und böse Mächte: Machi und Kalku

Die Mapuche-Kosmologie zieht eine deutliche Unterscheidung zwischen guten und bösen geistlichen Mächten. Während die guten, schützenden Mächte und die Ahnengeister mit dem Wenu Mapu verbunden sind, sind die schädlichen, krankheitbringenden Mächte — die wekufe — mit den negativen/dunklen Schichten verbunden. Innerhalb dieser dualen Struktur ist die Machi die gute Heilerin, die zum Wohle der Gemeinschaft wirkt, während der kalku als böser Zauberer (der magische Angriffe ausführt und die Wekufe einsetzt) ihr Gegenpol ist. Die Legitimität der Machi gründet sich gerade in diesem moralischen Gegensatz — darin, dass sie ihre Kraft zum Wohle der Gemeinschaft und gegen die böse Magie des Kalku einsetzt.

Diese Unterscheidung von guter Heilerin und bösem Zauberer ist eine gemeinsame Struktur, die in vielen indigenen Traditionen weltweit anzutreffen ist — im Gegensatz von Sangoma und umthakathi (Hexer) sowie in anderen Schamanentraditionen. Heilkraft und Schadenskraft speisen sich oft aus derselben geistlichen Quelle; das Moralische ist, wie und zu wessen Nutzen diese Kraft eingesetzt wird. In dieser Hinsicht verkörpert die Machi-Tradition eine archetypische Gestalt der „guten Heilerin", die die moralische Ausrichtung der geistlichen Kraft — das Wohl der Gemeinschaft — ins Zentrum stellt. Diese Rolle macht die Machi nicht zu einer bloßen Heilkundigen, sondern zugleich zur geistlichen Beschützerin der Gemeinschaft, zur Hüterin des moralischen Gleichgewichts und der Harmonie.

Die gesellschaftliche Funktion der Machi geht über die Heilung hinaus: Sie vermittelt für die Gemeinschaft, leitet große Zeremonien wie das Ngillatún, gibt durch Traum und Weissagung Orientierung und dient als Trägerin der Identität und des Gedächtnisses der Mapuche. Diese vielseitige Rolle stellt die Machi in dieselbe Kategorie wie den Mara'akame der Wixárika und die Sangoma — eine Gestalt, die zugleich Heilerin, geistliche Führerin und kulturelles Gedächtnis der Gemeinschaft ist.

Ngillatún: Gemeinschaftszeremonie und kosmisches Gleichgewicht

Neben dem individuellen Heilritual Machitún ist die größte kollektive Zeremonie der Mapuche-Religion das ngillatún. Es ist eine große Frucht- und Dankzeremonie, in der eine Gemeinschaft zusammenkommt, um den göttlichen Wesen — insbesondere Ngünechen (der höchsten, meist vierfach/geschlechts-transzendent vorgestellten schöpferisch-schützenden Macht der Mapuche) und den Ahnen — Gebet, Opfergaben und Tieropfer darzubringen; sie wird für Fruchtbarkeit, Regen, Gesundheit und Harmonie abgehalten. Das oft mehrere Tage dauernde und eine lange Vorbereitung erfordernde Ngillatún ist einer der intensivsten und prachtvollsten Augenblicke des Mapuche-Gemeinschaftslebens.

Das Ngillatún:

In dieser Hinsicht trägt das Ngillatún eine tiefe Parallele zur „die-Welt-aufrecht-haltenden" Funktion der Wirikuta-Wallfahrt der Wixárika und zur ubuntu-gegründeten Auffassung gesellschaftlicher Harmonie der Sangoma-Tradition: In allen dreien ist das Ritual nicht nur die Wiederherstellung eines individuellen, sondern eines kosmischen und gemeinschaftlichen Gleichgewichts. Das Ngillatún ist zugleich einer der stärksten Ausdrücke der Mapuche-Identität und des gesellschaftlichen Zusammenhalts; die Zeremonie bindet die Gemeinschaft sowohl aneinander als auch an den Kosmos.

Wenu Mapu und die Mapuche-Kosmologie

Die Mapuche-Kosmologie beruht auf der Vorstellung eines geschichteten Universums. Die grundlegendste Unterscheidung liegt zwischen Wenu Mapu („die Erde droben / der blaue Himmel") und Mapu (dem Ort, an dem die Menschen leben); hinzu treten die unteren/dunklen Schichten (Anka Wenu, Minche Mapu), das Reich der negativen Mächte und der wekufe, die diese Vorstellung vervollständigen. Wenu Mapu ist die Wohnstätte der göttlichen Wesen, der Ahnengeister und der guten Mächte; hierhin steigt die Machi mittels des Rewe auf.

Dieses vielschichtige Universumsmodell — Himmel / Erde / Unterwelt und die sie verbindende kosmische Achse — ist eine nahezu universelle Struktur der Schamanismen der Welt und deckt die Mapuche-Tradition unmittelbar mit der klassischen schamanischen Kosmologie. Als Vermittlerin, die sich zwischen diesen Schichten bewegen kann, entspricht die Machi gerade dem von Eliade beschriebenen Profil der „Meisterin der Ekstasetechniken". Die vertikale Struktur des Kosmos erklärt, warum die rituelle Performance der Machi — der Aufstieg zum Rewe, die Verbindung mit dem Himmel — eine so räumliche und körperliche Dramaturgie enthält. Die Machi durchmisst diesen vertikalen Kosmos während des Rituals mit ihrem Körper: Der Aufstieg von unten nach oben ist eine physische Darstellung des Übergangs von der gewöhnlichen Welt zum heiligen Himmel. In dieser Hinsicht ist das Mapuche-Ritual ein starkes Beispiel dafür, einen abstrakten Glauben in eine konkrete körperliche Handlung zu verwandeln; die Kosmologie ist hier keine bloß gedachte, sondern eine gelebte und verkörperte Wirklichkeit. Diese verkörperte Kosmologie ist ein gemeinsames Merkmal der Schamanentraditionen weltweit — die Ngoma der Sangoma, die Wallfahrt der Wixárika, die Geist-Reise der Hmong: Das Heilige wird nicht als abstrakte Lehre, sondern als eine mit dem Körper und durch das Ritual gelebte konkrete Erfahrung begriffen.

In der Mapuche-Kosmologie gibt es zudem ein starkes Prinzip der dualen Komplementarität: Richtung, Geschlecht, Farbe und Mächte werden meist in Paaren, einander ergänzend gedacht. Die vierfache Vorstellung des Ngünechen (alter Mann, alte Frau, junger Mann, junge Frau) ist der deutlichste Ausdruck dieses Prinzips und deckt sich auch mit der geschlechts-transzendenten Identität der Machi.

Das Mapuche-Weltbild ist überdies zutiefst animistisch: Berge, Flüsse, Seen, Bäume und bestimmte Orte beherbergen Schutzgeister (ngen, „Eigner/Herr"). Diese Auffassung, dass jedes natürliche Element einen „Eigner" hat, stellt das Verhältnis des Menschen zur Natur in einen Rahmen der Gegenseitigkeit und der Achtung: Jagen, Wasser schöpfen oder Holz schlagen kann erfordern, den betreffenden Geist um „Erlaubnis" zu bitten. Dieser animistische Rahmen erklärt, warum die Pflanzen (lawen), welche die Machi in ihrer Heilpraxis verwendet, nicht nur als pharmakologische, sondern zugleich als geistliche Wesen gesehen werden. In dieser Hinsicht teilt die Mapuche-Kosmologie einen gemeinsamen Grund mit dem Animismus der Wixárika und mit den indigenen Naturgeist-Vorstellungen weltweit.

Weissagung, Traum und das Mapuche-Wissensverständnis

Zu den Funktionen der Machi gehört neben der Heilung ebenso die Weissagung und das Wissen um das Künftige und das Verborgene. Dieses Wissen wird vornehmlich durch Träume (pewma) und Visionen (perimontun) gewonnen; die Machi deutet ihre Träume für die Gemeinschaft, ahnt künftige Ereignisse und schaut die verborgenen Ursachen von Krankheiten. Der Traum ist in der Mapuche-Epistemologie der Hauptkanal für die Botschaften aus der geistlichen Welt; in dieser Hinsicht deckt sich das Mapuche-Wissensverständnis eng mit der traum- und ahnenbasierten Epistemologie der Sangoma-Tradition.

In diesem Wissensverständnis tritt das Wirkliche im fortwährenden Austausch zwischen geistlicher und materieller Welt hervor. Die Machi steht in der Stellung der „Übersetzerin" zwischen beiden Welten: Sie überträgt die Sprache der Geister an die Gemeinschaft und die Bedürfnisse der Gemeinschaft an die Geister. In dieser Hinsicht ist das Wissen der Machi kein individuelles Schlussfolgern, sondern ein relationales und auf Vermittlung beruhendes Wissen — ganz wie in den anderen indigenen Schamanentraditionen. Diese gemeinsame epistemologische Struktur erklärt, warum mythische Erzählungen und Traumdeutung in diesen Traditionen so zentral sind: Sie sind die Träger der Kommunikation mit der unsichtbaren Welt und ihres Wissens.

Vergleichende Perspektive: Mit dem sibirischen Typus

Die Mapuche-Machi-Tradition trägt eindrückliche typologische Ähnlichkeiten mit dem klassischen Schamanismus sibirischen Typs; dies macht sie für die vergleichende Religionswissenschaft überaus wertvoll:

Auch der Vergleich der Mapuche-Tradition mit anderen indigenen Systemen ist fruchtbar: Die Berufungserfahrung erinnert an das Sangoma-Ukuthwasa; die Gemeinschaftszeremonie an die Wixárika-Wallfahrt; das Thema von Seelenverlust und Zurückrufen an die Hmong-Tradition. Was den innersüdamerikanischen Vergleich betrifft, so teilt die Machi-Tradition denselben kontinentalen Kontext mit dem Amazonas-Schamanismus; doch anders als bei der entheogen-zentrierten Struktur der Amazonas-Traditionen wird in der Machi-Tradition die Trance weitgehend durch die rhythmische Trommeltechnik erreicht. Dieser Unterschied zeigt, dass der Gebrauch von Entheogenen in den Schamanismen der Welt kein universelles, sondern ein regionales Merkmal ist.

Geschlecht und Schamanismus: Die Bedeutung des Mapuche-Beispiels

Die Geschlechter-Dimension der Machi-Tradition hat für die vergleichende Religionswissenschaft eine besondere Bedeutung, und es lohnt, dieses Thema noch etwas zu vertiefen. Die klassische Schamanismusliteratur — Eliade eingeschlossen — hatte lange das männerlastige Modell Sibiriens als implizite Norm genommen. Das Mapuche-Beispiel ist einer der stärksten Fälle, die diese Norm in Frage stellen: Hier ist die Mehrheit der Schamanen weiblich, und die Tradition begreift die Überschreitung der Geschlechtskategorien im rituellen Kontext — das Vereinen „männlicher" und „weiblicher" Kräfte in der Machi selbst — als eine Quelle der Kraft.

Bacigalupos Analyse zeigt, dass diese Geschlechts-Transzendenz der Machi keine oberflächliche Seltsamkeit, sondern der Ausdruck einer tiefen kosmologischen Logik ist: Um zwischen den Welten vermitteln zu können, muss die Machi über die gewöhnlichen Kategorien — Mann/Frau, Himmel/Erde, Leben/Tod — hinausgehen. Die Zwittrigkeit des Foye-Baums und die vierfache Struktur des Ngünechen lassen diese Logik in der Natur und im Pantheon widerhallen. In dieser Hinsicht legt die Mapuche-Tradition dar, dass die schamanische Kraft im Kern eine schwellenhafte (liminale) und kategorien-transzendente Stellung ist.

Diese Einsicht wirft auch auf andere Traditionen Licht: In vielen Schamanismen der Welt finden sich rituelle Geschlechter-Fluidität, die Bedeutung weiblicher Schamanen oder schwellenhafte Identitäten. So treten etwa auch in der koreanischen Musok-Tradition weibliche Schamaninnen (mudang) deutlich hervor; die Sangoma-Tradition steht sowohl weiblichen als auch männlichen Praktizierenden offen. Das Mapuche-Beispiel bietet eines der am stärksten theoretisierten und am reichsten dokumentierten Beispiele dieses vergleichenden Bildes und zeigt klar, dass die Gestalt des „Schamanen" nicht universell männlich ist und dass das Verhältnis der schamanischen Kraft zum Geschlecht von Kultur zu Kultur variiert.

Historischer Hintergrund: Widerstand und Kontinuität

Die Mapuche sind eines der historisch widerstandsfähigsten indigenen Völker Südamerikas: Sie widerstanden lange sowohl der Inka-Expansion als auch der spanischen Eroberung und bewahrten in der Kolonialzeit südlich des Flusses Bío Bío eine faktische Autonomie. Diese lange Periode des Widerstands ermöglichte das vergleichsweise geschlossene Fortbestehen der Mapuche-Religion und der Institution der Machi — Rewe, Kultrún, Machitún, Ngillatún. Obwohl die Mapuche-Gebiete durch die Militäroperationen der chilenischen und argentinischen Staaten am Ende des 19. Jahrhunderts (die „Befriedung" der Araucanía und der Wüstenfeldzug) weitgehend den Staaten einverleibt wurden, bestanden die kulturellen und religiösen Traditionen — oft unter Unterdrückung und Marginalisierung — fort.

Diese historische Kontinuität hat die Machi-Tradition zugleich zu einer Heilinstitution und zu einem Symbol der Mapuche-Identität und des Widerstands gemacht. Die Machi haben in der Kolonialzeit und danach als Trägerinnen des geistlichen und kulturellen Gedächtnisses der Gemeinschaft gewirkt. In dieser Hinsicht teilt die Mapuche-Machi-Tradition ein gemeinsames Muster mit den Traditionen der Sangoma und der Wixárika: Indigene Spiritualität ist oft auch das Rückgrat des kulturellen Überlebens und der Identität. Die Mapuche-Bewegungen kultureller Wiederbelebung des 20. und 21. Jahrhunderts haben die Machi und ihre heiligen Werkzeuge zu zentralen Symbolen der erneuten Selbstbehauptung der Identität gemacht.

Gegenwärtige Lage

Heute wandelt sich die Machi-Tradition im Kontext von Urbanisierung, Verschränkung mit der modernen Medizin, kulturellen Wiederbelebungsbewegungen und den Mapuche-Identitätskämpfen; doch Kernelemente wie Rewe, Kultrún, Machitún und Ngillatún bewahren ihre Lebendigkeit. Die Machi bleiben in einer wichtigen Stellung — sowohl als traditionelle Heilerinnen als auch als symbolische Trägerinnen der kulturellen Kontinuität der Mapuche. Bacigalupos späteres Werk Thunder Shaman (2016) untersucht anhand des Lebens einer einzelnen Machi eingehend, wie sich die Tradition mit Geschichte, Gedächtnis und Identitätskämpfen verschränkt. Es ist wesentlich, diese lebendige Tradition mit Achtung und Sensibilität für die Repräsentation der Gemeinschaften zu untersuchen, die sie weitertragen.

Was das Verhältnis zur modernen Medizin betrifft, so ist auch die Machi-Tradition — wie in den Beispielen der Sangoma und der Hmong — auf der Suche nach einer Komplementarität; in manchen Regionen wurden interkulturelle Gesundheitsmodelle entwickelt, die traditionelle Mapuche-Medizin und biomedizinisches System verbinden (etwa die Erfahrungen des Krankenhauses von Makewe). Dies zeigt ein gemeinsames Muster dafür, wie indigene Heiltraditionen in gegenwärtigen, multikulturellen Gesellschaften lebendig bleiben können.

Phänomenologische und vergleichende Synthese

Betrachten wir die Machi-Tradition aus phänomenologischer Sicht, treten einige grundlegende Muster hervor. Erstens die vertikale Kosmologie und der Aufstieg: Der Aufstieg entlang der kosmischen Achse des Rewe zum Wenu Mapu ist das räumliche Rückgrat der geistlichen Reise der Machi; dies ist ein nahezu lehrbuchhaftes Beispiel des Eliade'schen Modells der „Ekstasetechniken". Zweitens die Vereinigung der Gegensätze: Die geschlechts-transzendente Identität der Machi, die Zwittrigkeit des Foye-Baums und die vierfache Struktur des Ngünechen spiegeln eine tiefe symbolische Logik wider, die durch das Vereinen der Gegensätze den Übergang zwischen den Welten ermöglicht. Drittens die Zentralität des Rhythmus: Der Trommelrhythmus des Kultrún ist der Motor der Bewusstseinswandlung und der geistlichen Reise.

Diese Muster bringen die Machi-Tradition mit anderen indigenen Systemen auf einen gemeinsamen Grund. Mit der Sangoma-Tradition teilt sie die Berufungskrankheit und die ahnenbasierte Weissagung; mit der Wixárika-Tradition die gemeinschaftsbasierte Verantwortung für das kosmische Gleichgewicht und die animistische Naturauffassung; mit der Hmong-Tradition die geistliche Vermittlung und die generationenübergreifende Geist-Weitergabe. Doch die Machi-Tradition zeichnet mit ihrem überwiegend weiblichen Wesen, ihrer ausgeprägten rituellen Geschlechts-Transzendenz und der Symbolik der kosmischen Achse des Rewe ein eigenständiges Profil. In dieser Hinsicht sind die Mapuche-Machi ein für die vergleichende Religion unschätzbares Beispiel, das das Gleichgewicht zwischen der universellen Grammatik und der lokalen Eigenständigkeit des Phänomens „Schamanismus" zeigt.

Fazit und Weisheitsnotiz

Die Mapuche-Machi repräsentieren eine der ausgeprägtesten Schamanentraditionen Südamerikas: Die kosmische Achse des Rewe, die rhythmische Kosmologie des Kultrún, die Heilung des Machitún und das Gemeinschaftsgleichgewicht des Ngillatún bilden ein stimmiges und ganzheitliches Spiritualitätssystem. Die mit dem Schamanismus sibirischen Typs übereinstimmende Struktur der Tradition verweist auf die globale Gemeinsamkeit des Phänomens „Schamanismus"; ihr überwiegend weibliches Wesen und ihre rituelle Geschlechts-Transzendenz hingegen auf ihre lokale Eigenständigkeit. Die Machi-Tradition ist uns ein lehrreiches Beispiel dafür, dass die schamanische Vermittlung sowohl eine universelle Grammatik besitzt als auch in jeder Kultur eine eigene Gestalt annimmt.

Eine weitere wichtige Lehre der Machi-Tradition ist die moralische Ausrichtung der geistlichen Kraft: Die Machi ist eine gute Heilerin, die ihre Kraft zum Wohle der Gemeinschaft einsetzt und der bösen Magie des Kalku entgegentritt. Dies betont, dass die geistliche Kraft im Kern neutral ist und dass dasjenige, was sie moralisch macht, die Richtung ihres Gebrauchs ist — ein in den Heiltraditionen weltweit wiederkehrendes Motiv. In dieser Hinsicht ist die Machi nicht nur eine technische Spezialistin, sondern auch die Hüterin des geistlichen und moralischen Gleichgewichts der Gemeinschaft. Diese vielseitige Rolle macht die Machi zu einem Mitglied derselben Familie wie die Heiler-Führer-Gedächtnis-Gestalten der drei anderen Traditionen — Sangoma, Wixárika und Hmong.