Mystische Traditionen

Native American Vision Quest — indianische Visionssuche

Eine Initiationspraxis bei den Völkern der Großen Ebenen wie Lakota, Cheyenne und Arapaho, bei der junge Menschen durch ein Ritual aus Einsamkeit, Fasten und Vision ihre geistliche Bestimmung finden.

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Definition und Terminologie

Vision Quest (deutsch: „Visionssuche", „Schaureise") ist ein angelsächsisch geprägter wissenschaftlicher Begriff, der eine initiatische Praxis der indigenen Völker der Großen Ebenen Nordamerikas und anderer Regionen bezeichnet — insbesondere von Stämmen wie Lakota, Cheyenne, Arapaho, Crow, Blackfoot, Ojibwe und Cree —, bei der man sich, um eine geistliche Vision, einen Schutzgeist („medicine") oder eine Lebensbestimmung („calling") zu erlangen, vom physischen Leib und vom sozialen Umfeld trennt und inmitten der Natur eine langanhaltende Zeit in Einsamkeit, Fasten und Gebet verbringt.

Dieser Begriff ist ein Oberbegriff, der die ursprünglichen Konzepte der indianischen Sprachen auf einer übergeordneten Ebene zusammenfasst; jeder Stamm hat seine eigene Terminologie:

Eine etablierte deutsche Entsprechung gibt es nicht; in der wissenschaftlichen Literatur finden sich Übersetzungsvorschläge wie „Visionsreise", „Offenbarungssuche", „Ruf der Einsamkeit". In diesem Text werden „Vision Quest" und „Visionssuche" abwechselnd verwendet.

Wissenschaftliche Quellen und Ethnografie

Die wertvollste Erstquelle über die Vision Quest ist das Werk The Sacred Pipe: Black Elk's Account of the Seven Rites of the Oglala Sioux (1953), das aus den Gesprächen zusammengestellt wurde, die Joseph Epes Brown (1920-2000) im Jahr 1947 mit dem Lakota-Heiligen Black Elk (Hehaka Sapa, 1863-1950) führte. Dieses Buch ist das geistliche Vermächtnis, in dem Black Elk die Sieben Ursprünglichen Riten der Oglala-Sioux schildert — die sich um die heilige Pfeife (chanunpa), das Geschenk der White Buffalo Cow Woman, drehen. Hanbleceyapi (die Visionssuche) ist das dritte dieser Sieben Riten.

Brown lebte 1947 ein Jahr lang in der Pine-Ridge-Reservation mit Black Elk; er wurde unter dem Namen „Chanunpa Yuha Mani" („Der mit der heiligen Pfeife geht") in die Sioux-Gemeinschaft aufgenommen. Das in dieser engen Beziehung zusammengestellte Material ist im Hinblick auf das innere Wissen der Lakota-Spiritualität von unvergleichlichem Wert.

Zuvor hatte der Dichter-Historiker John G. Neihardt (1881-1973) aus seinen Gesprächen mit Black Elk im Jahr 1931 das Werk Black Elk Speaks (1932) veröffentlicht. Dieses eher populär-literarisch geprägte Werk schildert die „Große Vision", die Black Elk im Alter von 9 Jahren hatte — einen langen und detaillierten kosmischen Traum von Untergang und Wiedergeburt — und führte dem westlichen Leser vor Augen, was für eine Art Vision den Höhepunkt dieser Vision-Quest-Tradition bildet. Der Einfluss von Black Elk Speaks auf Carl Gustav Jung ist viel diskutiert worden; Jungs Schüler Joseph Henderson positionierte das Buch im Zeugnis der analytischen Psychologie als eine grundlegende Native-American-Quelle.

Weitere kritische ethnografische Quellen:

Historischer Kontext

Auch wenn sich die Vision-Quest-Tradition in die Hochjahre der indianischen Kultur der Großen Ebenen (etwa zwischen 1700 und 1880) datieren lässt, reichen ihre Wurzeln weit tiefer. Archäologische Befunde zeigen, dass es Beispiele künstlicher runder/ovaler Steinkreise, die als mit der Vision Quest verbundene „fasting structures" (Fastenstrukturen) bekannt sind, an archäologischen Fundstätten der Plains Indians gibt, die bis zu 3000 Jahre zurückreichen. Strukturen wie das Bighorn Medicine Wheel (Wyoming, auf 7.200 Fuß Höhe) sind mindestens 700 Jahre alt und werden noch immer von Crow, Cheyenne, Arapaho, Lakota und anderen Stämmen als heilig-aktive Orte genutzt.

In der amerikanischen Geschichte erlitt die Vision-Quest-Tradition eine Reihe kritischer Schläge:

Ab den 1970er Jahren wurde mit dem Aufstieg der indianischen Spiritualitätsbewegung (American Indian Spiritual Renaissance) die Vision-Quest-Tradition wiederbelebt; im modernen Amerika wird sie sowohl innerhalb der indigenen Stämme in ihrer traditionellen Form als auch in „New-Age"-Kreisen mit umstrittenen Adaptationen am Leben erhalten.

Hanbleceyapi: Einzelheiten der Lakota-Visionssuche

In der Lakota-Tradition ist Hanbleceyapi unter den Sieben Ursprünglichen Riten der individuellste; es ist das Ritual, das darauf abzielt, dass jeder Einzelne für sich allein Kontakt mit Wakan Tanka (dem Großen Geheimnis, dem höchsten Wesen der Lakota) aufnimmt. Die Stufen, wie sie in Joseph Epes Browns Sacred Pipe detailliert geschildert werden, lauten:

Vorbereitungsphase

1. Das Gespräch mit dem Wičháša Wakaŋ

Die Person, die zur Visionssuche aufbrechen will (in der Regel ein Heranwachsender im Alter zwischen 12 und 16 Jahren; in der modernen Zeit auch Frauen und Erwachsene), geht zum Zelt eines Wičháša Wakaŋ („heiliger Mann", medicine man, holy man), um mit ihm zu sprechen. Nach dem Protokoll des Gesprächs kommt die Person mit einer gestopften chanunpa (heiligen Pfeife) und einem Tabakgeschenk. Dieser Austausch von Geschenken bestätigt den geistlichen Ernst; nimmt der heilige Mann das Anliegen an, wird die Pfeife herumgereicht und gemeinsam Tabak geraucht.

2. Inípi (Sweat Lodge) — Reinigung

Vor der Visionssuche ist eine strenge leiblich-geistliche Reinigung erforderlich. Diese wird mit dem Ritual des Inípi (Sweat Lodge, Schwitzhütte) vollzogen. Inípi ist das zweite der Sieben Riten der Lakota und die verpflichtende Vorbedingung der Vision Quest. Die Schwitzhütte ist ein niedriger Bau, der kuppelförmig aus Weidenzweigen geflochten und mit Decken/Häuten überzogen ist; in der Mitte werden erhitzte vulkanische Steine („Inyan", Steinahnen) platziert und durch das Übergießen mit heiligem Wasser Dampf erzeugt.

Während vier „Runden" („rounds") wird das Schwitzritual mit Achtung vor den Geistern der vier Himmelsrichtungen (Westen: Wiyohpeyata, Norden: Waziyata, Osten: Wiyohinyanpata, Süden: Itokagata) vollzogen. Mit jeder Runde steigt die Hitze; sie verläuft begleitet von Gebeten, Liedern und dem Rauch von sweetgrass (Mariengras) und sage (Beifuß). Wer aus dem Inípi heraustritt, gilt als „neugeboren"; er ist für die Visionssuche geistlich bereit.

3. Die Wahl des Ortes

Der heilige Mann wählt einen Ort für die Visionssuche: typischerweise einen hohen Hügel („bluff"), einen abgelegenen Berg, ein heiliges Flussufer oder einen Ort, von dem bekannt ist, dass er von geistlicher Kraft erfüllt ist. Die Black Hills (Paha Sapa) sind für die Lakota eine heilige Region; Orte wie Bear Butte (Mato Paha) und Devil's Tower (Mato Tipila) werden für die Vision Quest bevorzugt. Die Helfer („helpers") gehen an diesen Ort und errichten einen Kreis für die Visionssuche („vision pit" oder „crying for a vision station"): vier in die vier Himmelsrichtungen gesetzte Pfähle mit Tabak, in deren Mitte ein kleiner Bereich.

4. Die Vorbereitung der Tabakbündel

Der Suchende bereitet 405 kleine Tabakbündel („prayer ties") vor. Jedes Bündel wird hergestellt, indem etwas Tabak auf ein kleines Stück Stoff gelegt und mit einem Faden zusammengebunden wird. Die Zahl 405 ist symbolisch und ist die kanonische heilige Zahl der Lakota-Tradition (Black Elk zufolge repräsentiert die Zahl 405 alle Formen der Schöpfung). Diese Bündel werden am Ort der Visionssuche in die vier Himmelsrichtungen ausgelegt.

Durchführungsphase: Isolation

Der Suchende, dessen Vorbereitung abgeschlossen ist, beginnt das eigentliche Ritual, das aus vier Tagen und vier Nächten besteht (in manchen Traditionen zwischen 1 und 4 Tagen variabel). Der Suchende nimmt nur mit sich:

Er nimmt keinerlei Speise, keinerlei Wasser zu sich. In der Mitte des vision pit sitzt er am Boden oder steht; er wendet sich unablässig in die vier Himmelsrichtungen, betet und „weint" — das ist die genaue Bedeutung des Ausdrucks „crying for a vision": Er betet mit lauter Stimme, mit Tränen, mit beharrlichem Flehen zu Wakan Tanka, zu Tunkasila („dem Großen Großvater"), zum Geist jeder der vier Himmelsrichtungen, zur Mutter Erde (Maka Iná) und zum Himmel.

In der Schilderung, die Black Elk Brown gab, ist das Weinen hier nicht nur ein Ausdruck der Trauer; es ist auf geistlichem Grund ein Akt des „Zur-Schau-Stellens der Ohnmacht". In der Lakota-Spiritualität ist der Glaube grundlegend, dass „der Mensch, wenn er am ohnmächtigsten ist, von der geistlichen Welt gehört werden kann."

Ob Tag oder Nacht macht keinen Unterschied; der Suchende versucht, wach zu bleiben. Wenn Erschöpfung, Hunger, Durst und Schlaflosigkeit zusammenkommen, verändert sich physiologisch die Schwelle des Bewusstseins. Wie Wissenschaftler (Walter Burkert, Andrew Newberg) festgestellt haben, führt diese Kombination zu einer Verdichtung der Theta-Wellen im Gehirn, zu einer vorübergehenden Hemmung des präfrontalen Cortex und zu einer Hypersensibilisierung des limbischen Systems; dieser neurologische Zustand korreliert mit Vision und mystischer Erfahrung. In der indigenen Tradition jedoch ist dies kein „neurologisches Nebenprodukt"; es ist ein Fenster, durch das sich die geistliche Wirklichkeit selbst zeigt.

Die Erscheinungsformen der Vision

Die Vision kann in mehreren verschiedenen Modi kommen:

Das gemeinsame Merkmal aller Visionsarten ist, dass sie symbolisch sind und der Deutung bedürfen. Die Vision Quest ist keine „rohe" Erfahrung, sondern eine gedeutete Erfahrung.

Rückkehr und Deutung

Der Suchende wird am Ende der vier Tage von den Helfern abgeholt und erneut ins Inípi (die Schwitzhütte) gebracht. Hier durchläuft er eine weitere Inípi-Runde; er wird geistlich aufgeweicht. Dann kommt er mit dem heiligen Mann zusammen und schildert seine Vision im Detail.

Der heilige Mann deutet die Vision — die Bedeutung der Symbole, die für das Leben des Suchenden gegebene Botschaft, seine Verantwortungen gegenüber dem Stamm. Diese Deutung ist strukturell noch immer Teil der schamanischen Hermeneutik, auf die Eliade (1951) verwies: Die Vision selbst trägt eine objektive Wirklichkeit, doch sie zu „lesen" ist die Aufgabe eines geschulten und begabten geistlichen Fachmanns.

Der von der Vision zurückkehrende Jugendliche ist kein Kind mehr. Er wird in die Gemeinschaft aufgenommen, kann einen neuen Namen erhalten („vision name"), und wenn seine Vision eine besondere Mission anzeigt, wendet er sich diesem Weg zu (Anwärter auf den heiligen Mann, Krieger, Heiler, Volksweiser usw.).

Die Cheyenne-Visionstradition

Beim Stamm der Cheyenne ist die Vision Quest der Lakota-Tradition strukturell sehr nahe, weist jedoch einige Unterschiede auf. Nach der detaillierten Schilderung in George Bird Grinnells Werk The Cheyenne Indians (1923) gilt für die Cheyenne-Praktizierenden:

In einer historischen Erläuterung, die ein alter Cheyenne namens Elk River 1921 Grinnell gab, wird die strukturelle Parallele zwischen dem Bighorn Medicine Wheel und der Cheyenne-Sonnentanz-Lodge geschildert: 28 Speichen (im Wheel) = 28 Dachsparren (in der Sonnentanz-Lodge). Diese Gleichheit zeigt die geographienübergreifende Konsistenz der geistlichen Architektur.

Die Arapaho-Visionstradition

Der den Cheyenne benachbarte Stamm der Arapaho vollzieht die Vision-Quest-Praxis auf ähnliche Weise, jedoch mit einigen eigenen Unterschieden. In der Arapaho-Tradition:

Über die Arapaho-Spiritualität ist Alfred Kroebers Arbeit The Arapaho (eine Serie von Aufsätzen zwischen 1902 und 1907) die grundlegende ethnografische Quelle.

Die Beziehung zum Sonnentanz

Die Vision Quest ist zwar überwiegend eine individuelle Praxis, steht jedoch in organischer Verbindung mit dem größten kollektiven Ritual der Plains-Indian-Spiritualität, dem Sonnentanz (Lakota: Wiwanyag Wachipi, „Tanz des Schauens auf die Sonne"). Der Sonnentanz ist das große Sommerritual, das vier Tage dauert und an dem der gesamte Stamm teilnimmt. Die Sonnentanz-Praktizierenden („dancers") sind in der Regel Personen, die vor dem Sonnentanz einer Vision teilhaftig wurden und denen diese Vision die Verpflichtung auferlegte, am Sonnentanz teilzunehmen.

Im Zentrum des Sonnentanzes stehen die Tänzer, die um den in der Mitte aufgerichteten heiligen Pappelbaum (cottonwood, sacred tree) tanzen und mit Holzpflöcken durch ihre Brusthaut an den Baum gebunden sind. Drei Tage lang tanzen sie und blicken dabei zur Sonne; am Ende reißen sie die an den Baum gebundenen Pflöcke los und befreien sich. Dieser physische Schmerz ist ein individuelles Opfer und eine für den Stamm vollzogene geistliche Erneuerung.

Vision Quest und Sonnentanz sind die beiden Hauptachsen der Plains-Indian-Spiritualität: die erste nach innen gerichtet (interior, geistlich), die zweite nach außen gerichtet (kollektiv, stammesbezogen). Joseph G. Jorgensens Arbeit Sun Dance Religion: Power for the Powerless (1972) analysiert diese beiden Achsen gemeinsam.

Vergleichende Perspektiven

Vision Quest ↔ schamanische Initiation (Mircea Eliade)

In Mircea Eliades klassischem Werk Shamanism: Archaic Techniques of Ecstasy (1951) wird die Vision Quest als die Plains-Variante eines typischen Kultmodells der schamanischen Traditionen der Welt positioniert. Eliades These zufolge sind die fünf strukturellen Elemente der Vision Quest universal archetypisch:

  1. Isolation: Die Trennung von der Gesellschaft — der schamanische „Tod".
  2. Entbehrung (Fasten, Durst, Schlaflosigkeit): Die leibliche Schwächung — die Veränderung der psycho-physiologischen Schwelle.
  3. Tier-/Geistbesuch: Die Begegnung mit einem transphysischen Wesen — das Eintreten in den Zustand der „Empfänglichkeit".
  4. Empfang der Vision/Botschaft: Die Übertragung des geistlichen Wissens.
  5. Rückkehr und Deutung: Die „Wiedergeburt" und der neue Status in der Gemeinschaft.

Diese fünf Stufen lassen sich in einem weiten Spektrum mystischer Anthropologie beobachten, das von der Initiation des sibirischen Kam (Tengrismus) über den Rückzug des hinduistischen Sannyāsin aus der Welt und die Praxis der Chalwa/Tschile im Sufismus bis zu den Wüstenpraktiken des christlichen Eremiten/Hesychasten reicht.

Vision Quest ↔ sufische Chalwa/Tschile

Die im Sufismus zentrale Chalwa (Chalîl) — der geistliche Rückzug, der 40 Tage lang allein in einem geschlossenen Raum unter Fasten und Gottesgedenken (Dhikr) verbracht wird — und die Tschile (die 1001-tägige Derwischausbildung) im Mevlevitum überschneiden sich strukturell weitgehend mit der Vision Quest. Beide Traditionen:

Der deutlichste Unterschied ist theologisch: Die sufische Chalwa vollzieht sich im Rahmen eines islamischen Tauhîd; die Vision Quest hingegen wirkt innerhalb einer polytheistisch-monistischen Kosmologie, da der Kontakt mit vielfältigen Geistern und insbesondere mit dem höchsten Wesen (Wakan Tanka, Maheo) angestrebt wird. Strukturell jedoch sind beide Ausdruck desselben menschlich-typischen geistlichen Verlangens: durch Entbehrung zur geistlichen Wahrheit zu gelangen.

Vision Quest ↔ christliche Eremitentradition

Die Wüstenväter (Desert Fathers, 3.-6. Jahrhundert, Ägypten-Syrien-Palästina) — Antonius der Große, Makarius der Ägypter, Evagrius Ponticus, Johannes Cassian — zogen sich in die Wüste zurück und suchten durch langanhaltende Praktiken des Fastens, des Gebets und des Schweigens geistliche Visionen (oramata). Die strukturelle Ähnlichkeit zwischen dieser christlichen Tradition und der Vision Quest ist ein Thema, auf das Joseph Epes Brown in seinen eigenen vergleichenden Arbeiten (The Spiritual Legacy of the American Indian, 1982) verwies.

Brown zufolge ist die strukturelle Gleichheit zwischen der indianischen und der christlichen Eremitentradition ein starker Beleg, der die von der perennialen Philosophie (Frithjof Schuon, Coomaraswamy, René Guénon) vorgeschlagene These der „transhistorischen geistlichen Einheit" stützt. Brown war selbst ein Schüler Schuons und vollzog die Anwendung der These der transcendent unity of religions auf die Native-American-Spiritualität.

Vision Quest ↔ aboriginer australischer „Walkabout"

Die strukturelle Parallele zwischen der „Walkabout"-Praxis australischer Aborigine-Jugendlicher (langer Fußmarsch außerhalb der Gesellschaft, in der Natur, und Visionssuche) und der Vision Quest ist ein anthropologisches Klischee. Mircea Eliade positioniert in seinem Werk Australian Religions: An Introduction (1973) beide Praktiken als eine Form der „archetypischen Initiation, in der sich der junge Mensch der Welt öffnet".

Vision Quest ↔ bektaschitischer Rückzug

Die Praktiken des „Rückzugs" in der anatolischen bektaschitischen Tradition — insbesondere das Motiv des sich in die Berge zurückziehenden und einer Offenbarung teilhaftig werdenden Helden in den Legenden über Hadschi Bektasch Velî — lassen sich als der fortdauernde anatolische Ausdruck des Archetyps von Rückzug und Visionssuche des tengristischen Erbes lesen. Das frühe Leben Hadschi Bektaschs in Solucakarahöyük wird in Texten wie dem Velâyetnâme des Süleyman Hazinedaroglu in einem Charakter von Rückzug und Vision geschildert. Die anatolische Kultur der „yatir" und „türbe" (Heiligengräber) lässt sich als die islamisierte Form der Vision-Quest-Struktur deuten.

Gegenwärtiger Stand und ethische Fragen

Wiederbelebung innerhalb der indigenen Gemeinschaft

Mit dem Erlass des „American Indian Religious Freedom Act" der USA im Jahr 1978 wurden traditionelle Praktiken wie die Vision Quest unter gesetzlichen Schutz gestellt. Bei den modernen Lakota, Cheyenne, Arapaho und anderen Stämmen erlebt die Vision-Quest-Tradition besonders nach den 1990er Jahren eine ernsthafte Wiederbelebung. Kulturbewegungen wie AIM (American Indian Movement, gegründet 1968) und Sun Dance Survival unternehmen systematische Anstrengungen zur Bewahrung und Weitergabe der Traditionen.

Stand 2026 nehmen in den Reservationen Pine Ridge und Rosebud jedes Jahr Hunderte von Jugendlichen an der Vision-Quest-Praxis teil. Die Wičháša-Wakaŋ-Spezialisten (die Nachfolger von Figuren wie Frank Fools Crow, Pete Catches, Leonard Crow Dog) sind die lebendigen Träger dieser Tradition.

Die Debatte um Cultural Appropriation

Andererseits steht die moderne Vision-Quest-Tradition vor einer bedeutenden ethischen Krise: der kulturellen Aneignung / cultural appropriation. Ab den 1970er Jahren wurde die indianische Vision-Quest-Praxis in anglo-amerikanischen „New-Age"-Kreisen — in der Regel losgelöst von den authentischen Traditionen und der Anleitung durch einen vermittelnden wičháša wakaŋ — neu verpackt und in Form von „vision quest retreats" dargeboten, die für tausende Dollar verkauft werden.

Die Gefahren dieser Praxis:

Wilmer Mesteth, Darrell Standing Elk und andere geistliche Lakota-Führer veröffentlichten 1993 die „Declaration of War Against Exploiters of Lakota Spirituality" und riefen zur Beendigung dieser kulturellen Ausbeutung auf. Die Arbeiten von Vine Deloria Jr. Custer Died for Your Sins: An Indian Manifesto (1969) und God Is Red: A Native View of Religion (1973) sind Standardreferenzen dazu, wie die indianische Spiritualität bewahrt werden sollte.

Wissenschaftler und die Bewahrung der Tradition

Indianische Wissenschaftler wie Vine Deloria Jr. (1933-2005), George Tinker und Phillip Deloria haben die wissenschaftliche Untersuchung der Vision-Quest-Tradition mit ihrem eigenen Insiderwissen unterstützt. Charlotte Black Elk, eine Enkelin von Black Elk, bemüht sich um die Bewahrung des geistlichen Erbes ihrer Familie. Diese Innenperspektive ist eine wertvolle Schicht, die die ethnografischen Arbeiten sympathisierender Außenbeobachter wie Brown und Neihardt ergänzt.

Fazit

Die Native American Vision Quest ist der eigenständige Plains-Indian-Ausdruck eines universalen Initiationsarchetyps, der eine der tiefsten Formulierungen der Beziehung zwischen Mensch, Natur und geistlicher Welt bei den Steppenvölkern Nordamerikas darbietet. Diese Praxis, die sich in lokalen Formen wie dem Lakota-Hanbleceyapi, dem Cheyenne-Heshenestoz und dem Arapaho-Béseiht'oo unterscheidet, aber ein gemeinsames strukturelles Rückgrat (Isolation + Fasten + Gebet + Vision + Deutung) teilt, ist dank Joseph Epes Browns Sacred Pipe und John G. Neihardts Black Elk Speaks in die Weltliteratur eingegangen; sie hat in den modernen vergleichenden Spiritualitätsstudien eine zentrale Stellung erlangt.

Im Vergleich mit Mircea Eliades Phänomenologie des Schamanismus, der Chalwa/Tschile im Sufismus, der christlichen Eremitentradition, der Initiation des hinduistischen Sannyāsin und der Erfahrung der schamanischen Krankheit im Anwärterprozess des Kam im Tengrismus lässt sich die Vision Quest als ein starker Beleg für die von der perennialen Philosophie aufgezeigte „transkulturelle geistliche Einheit" lesen. Einsamkeit inmitten der Natur, leibliche Disziplin durch Fasten, geistliche Öffnung durch Gebet, Kontakt mit dem Transzendenten durch die Vision und Integration in das alltägliche Leben durch die Deutung — diese fünf Stufen sind ein universaler Schritt der Suche des Menschen nach seiner „geistlichen Lebensbestimmung".

Andererseits steht die Vision-Quest-Praxis in der modernen Zeit auch im Zentrum der Debatten um kulturelles Eigentum und Authentizität. Die Spannung zwischen authentischer traditionsinterner Kontinuität (der lebendigen Lakota-Spiritualität in Pine Ridge) und globaler Popularisierung ist eine kritische Gleichung für die Zukunft der Tradition. Die Lakota, Cheyenne, Arapaho und anderen indigenen Völker, die die Eigentümer der Tradition sind, befinden sich in einem beharrlichen Kampf um die Bewahrung ihres Erbes und dessen Weitergabe in geistlicher Unversehrtheit; für die Wissenschaftswelt und die geistlich Suchenden besteht die moralische Verantwortung darin, diesen Kampf anzuerkennen und zu unterstützen.

Die Vision Quest bietet im Ergebnis dem modernen westlichen Menschen angesichts seiner „geistlichen Dürre" eine tiefe „Erinnerung": In nahezu allen bekannten mystischen Kulturen der Menschheitsgeschichte wurde die geistliche Wahrheit zumeist nicht in der Stadt, sondern in der Einsamkeit der Natur gefunden; nicht im Komfort, sondern im Zwang der Entbehrung. Dies ist eine beharrliche geistliche Einladung aus der Native-American-Tradition an unser dichtes urban-konsumistisches Leben.