Die Philosophie der Freimaurerei (Spekulative Freimaurerei)
Die moderne freimaurerische Tradition, die sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Britannien von operativen Handwerkerzünften zu einer spekulativen Initiationsbruderschaft wandelte und mit symbolischen Graden sowie einer ethisch-mystischen Bau-Metapher eine universelle geistliche Pädagogik entwickelte.
Gründung und Geschichte
Die Philosophie der Freimaurerei — selbst keine Religion, sondern eine geistlich-initiatorische Tradition, die sich als „ein Sittensystem, verhüllt durch Allegorie und veranschaulicht durch Symbole" definiert und zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Britannien ihre institutionelle Gestalt annahm. Die offizielle Geschichte nimmt als Anfang den 24. Juni 1717: An jenem Tag schlossen sich in London im Wirtshaus „Goose and Gridiron Ale-House" vier Logen zusammen und gründeten die Premier Grand Lodge of England. Doch dieses Datum ist weder Anfang noch Ende; der wahre Geburtsprozess der Freimaurerei ist weit verwickelter und wurde mit den bahnbrechenden Arbeiten der modernen akademischen Geschichtsschreibung (besonders Margaret C. Jacob, David Stevenson, Andrew Prescott) neu gelesen.
Über die Ursprünge der Freimaurerei werden zwei Haupthypothesen diskutiert. Die operativ-evolutionäre These: ein stufenweiser Übergang aus den mittelalterlichen Handwerkerzünften — besonders aus den Steinmetzzünften Schottlands und Englands („operative masons"). Dieser Ansicht zufolge nahmen die Steinmetzlogen im Lauf des 17. Jahrhunderts allmählich intellektuell-adlige Mitglieder auf („accepted masons"), verloren mit der Zeit ihre operative (eigentliche Steinmetz-) Funktion und wandelten sich zu einer spekulativen (symbolisch-geistlichen) Bruderschaft. David Stevensons The Origins of Freemasonry: Scotland's Century 1590–1710 (1988) hat diesen Übergang in Schottland sehr ausführlich dokumentiert: Die Schaw Statutes von 1599 (William Schaw, Master of Works der Stuart-Könige) fügten den schottischen Steinmetzlogen Elemente wie die „Gedächtniskunst" (die „Art of Memory" — erfordert die Lektüre von Frances Yates' bahnbrechendem Werk The Art of Memory von 1966) und die esoterische Symbolik hinzu.
Die spekulativ-eklektische These: Das eigentliche Wesen der Freimaurerei ist die Verbindung der esoterischen Wiederbelebung des 17. Jahrhunderts (besonders des Rosenkreuzer-Umkreises, der hermetischen Philosophie, der christlichen Kabbala, der alchemistischen Vereinigungen) mit dem strukturellen Schema der operativen Logen. Dieser Ansicht zufolge steht die Freimaurerei vor 1717 weniger den Steinmetzzünften als einer intellektuell-esoterischen Strömung nahe; die Struktur der Loge (Raum, Amtsträger, Grade) ist operativen Ursprungs, doch ihr Inhalt ist großenteils eine Rosenkreuzer-hermetisch-kabbalistische Synthese. Frances Yates hat im Schlussteil von The Rosicrucian Enlightenment (1972) diesen Übergang dokumentiert.
Margaret Jacobs Werk The Origins of Freemasonry: Facts and Fictions (2006) bietet die modernste Synthese: Die Freimaurerei ist ein Erzeugnis des besonderen intellektuellen Klimas Britanniens im späten 17. Jahrhundert — die wissenschaftliche Revolution, der Whig-politische Reformismus, die newtonsche Physik, die Locke-Philosophie, der Einfluss der hugenottischen Flüchtlinge; sie hat operative Wurzeln, gewann aber zwischen 1717 und 1730 ihre gegenwärtige Gestalt.
Eine weitere sehr umstrittene These: die Templer-Verbindung. Dieser Ansicht zufolge ist das freimaurerische Erbe der geheime Nachfolger der 1307 vom französischen König Philipp IV. aufgelösten Tempelritter (Knights Templar); die Tempelritter flohen nach Schottland, setzten unter dem Schutz des Königtums ihr Dasein fort und gingen von dort in das freimaurerische Erbe über. Diese Hypothese wurde im 18. Jahrhundert von Baron von Hund (Rituale der Strikten Observanz, 1751) systematisch vorgebracht und von der modernen akademischen Geschichtsschreibung (besonders Mark Compton, Jacob) als haltlos befunden — es gibt keinen konkreten historischen Beweis, doch der Mythos lebt in der Populärkultur (Dan Browns Romane, esoterischer Populismus) weiter.
Die Gründung nach 1717 breitete sich rasch aus: 1723 die Anderson-Konstitutionen (die von Rev. James Anderson verfasste erste Konstitution der modernen Freimaurerei), 1730 die erste Loge in den USA (Philadelphia, Benjamin Franklin war ein führender Freimaurer), 1736 die Grand Lodge von Schottland, 1738 die die Freimaurerei verbietende Bulle In Eminenti Papst Clemens' XII., Mitte des 18. Jahrhunderts die Verbreitung der Aufklärungsideen über die Freimaurerlogen in Frankreich (Voltaire, Helvétius), 1782 der Konvent von Wilhelmsbad (Deutschland, Debatte um die Hochgrade).
Bedeutende Persönlichkeiten und Struktur
Einer der wahren frühen Architekten der Freimaurerei, Elias Ashmole (1617–1692), englischer Antiquar-Alchemist, verzeichnete sich in seinen Tagebüchern als „accepted mason" (1646 — dies ist die früheste belegte Aufzeichnung eines accepted mason). Ashmole ist zugleich der Sammler der gewaltigen Alchemie-Anthologie Theatrum Chemicum Britannicum (1652); er ist das lebendige Sinnbild der Brücke zwischen Rosenkreuzer- und Freimaurer-Erbe.
Rev. James Anderson (1679–1739), schottischer presbyterianischer Geistlicher, Verfasser der Anderson-Konstitutionen (1723). Diese Konstitution ist der Text, der die universalistische religiöse Formel des freimaurerischen „Großen Baumeisters" („Great Architect of the Universe") begründet: Ein Freimaurer soll die gemeinsame Sittlichkeit jeder einzelnen Religion wahren, aber an keine bestimmte Konfession gebunden bleiben. Diese Formel diente als der mit dem Aufklärungsrationalismus des 18. Jahrhunderts vereinbare „deistische" Boden der Freimaurerei.
Jean-Théophile Désaguliers (1683–1744), Assistent Newtons, Physiker, dritter Großmeister der Premier Grand Lodge. Désaguliers verankerte in der Freimaurerei den mechanisch-rational-universellen Naturbegriff der newtonschen Physik; der freimaurerische Gott des „Großen Baumeisters" ist vom newtonschen Uhrmacher-Gott-Modell inspiriert.
Albert Pike (1809–1891), amerikanischer General und esoterischer Autor. Morals and Dogma of the Ancient and Accepted Scottish Rite of Freemasonry (1871) — dieses gewaltige Werk, die philosophische Auslegung der 33 Grade des Scottish Rite (Schottischer Ritus), verlieh der Freimaurerei eine tiefe hermetisch-kabbalistisch-hinduistisch-zoroastrische vergleichende esoterische Dimension. Pike ist der amerikanische Vorläufer des Perennialismus im 19. Jahrhundert.
Die freimaurerische Struktur ist auf Graden („degrees") errichtet. Die Blaue Loge („Blue Lodge" — „Symbolic Masonry") umfasst drei Grundgrade:
- Lehrling (Entered Apprentice / Apprenti): Der neue Initiat. Er steht in der nordwestlichen Ecke des Logenraums. Der erste Anfang. Der „rohe Stein" (rough ashlar) symbolisiert seinen Zustand.
- Geselle (Fellow Craft / Compagnon): Der mittlere Grad. Er erhält Unterricht in Wissenschaft, Kunst, Geometrie. Die sieben freien Künste (Grammatik, Rhetorik, Logik + Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie) werden symbolisch erlernt. Er schreitet zum Zustand des „behauenen Steins" (perfect ashlar) voran.
- Meister (Maurermeister) (Master Mason / Maître): Der dritte Grad. Er steht im Zentrum der Hiram-Abiff-Legende (der Hauptarchitekt des Tempels Salomos, von drei Schurken getötet, eine geistlich-alchemistische Konflikterzählung). Die Initiation der „geistlichen Auferstehung" wird hier vollzogen.
Die drei Grade der Blauen Loge sind für jeden Freimaurer verpflichtend. Darüber hinaus sind die Hochgrade („High Degrees") wahlfreie Systeme:
- Ancient and Accepted Scottish Rite („Schottischer Ritus"): die Grade 4 bis 33. Der 18. Grad Rose Croix (Rosenkreuz) — sein Name stammt unmittelbar aus dem Rosenkreuzer-Erbe; der 30. Grad Knight Kadosh („Heiliger Ritter" — ein Verweis auf das Templer-Erbe); der 33. Grad Sovereign Grand Inspector General (oberste Leitung).
- York Rite: Unterorganisationen wie Royal Arch (Hoher Bogen), Knight Templar.
- Memphis-Misraïm Rite: ein esoterischer Strang mit 95–100 Graden, der die ägyptischen Mysterien betont.
Doktrinäre Grundlagen
Der doktrinäre Kern der Freimaurerei lässt sich um drei Prinzipien zusammenfassen.
Erstes Prinzip: G.A.O.T.U. — Great Architect Of The Universe (Der Große Baumeister des Universums). Dies ist der Gottesbegriff der Freimaurerei — doch dass statt des Wortes „Gott" das Wort „Baumeister" bevorzugt wird, ist kein Zufall. Der Baumeister drückt ein absichtsvoll machendes-entwerfendes-ordnendes Höchstes aus, aber ohne an den dogmatischen Gehalt einer bestimmten Theologie (christliche Dreieinigkeit, islamischer Tauhîd, jüdische Kabbala) gebunden zu bleiben. Mag ein Freimaurer Christ, Muslim, Jude, Hindu, Buddhist oder Deist sein, er kann den „Gott" seiner eigenen religiösen Sprache als G.A.O.T.U. in die Freimaurerloge bringen. Dieser religiöse Pluralismus-Universalismus ist ein Erbe der Aufklärung und zugleich der Grund dafür, dass die Philosophie der Freimaurerei der historische Vorläufer des Perennialismus ist.
Zweites Prinzip: die ethisch-mystische Bau-Metapher. Die Freimaurerei vergleicht die Entwicklung der menschlichen Seele mit dem Bau eines Tempels. Im Lehrlingsgrad ist der Anwärter „roher Stein" — grob, formlos, unbehauen. Im Gesellengrad verwandelt er sich in „behauenen Stein" — zurechtgeschnitten, gerade, geeignet zur Vereinigung mit anderen. Im Meistergrad wird der „Stein zu einem Teil des Tempels" — das Individuum trägt zur ethisch-geistlichen Architektur der Gemeinschaft bei. Diese Metapher ist mit der Erzählung vom Bau des Tempels Salomos verflochten: die Hauptarchitektenaufgabe Hiram Abiffs, seine Tötung durch drei Schurken (die drei überlieferten geistlichen Gefahren: Unwissenheit, Fanatismus, Furcht), seine Bestattung und seine „geistliche Auferweckung" — diese ganze Erzählung wird in der Initiation des Meistergrades verlebendigt.
Drittes Prinzip: Brüderlichkeit und universelle Wohltätigkeit. Die Freimaurerloge steht (theoretisch — in der praktischen Geschichte sehr oft verletzt) allen „würdigen und freien Männern" ohne Unterschied von Rasse, Klasse, Religion offen. Die zwei symbolischen Stützen der Loge sind Brüderlichkeit („brotherhood") und Wohltätigkeit („charity"). Diese sozial-universalistische Dimension machte die Freimaurerlogen im 18. und 19. Jahrhundert zum Zentrum der Aufklärungspolitik, der amerikanischen und französischen Revolution und der Demokratiebewegungen.
Der theologisch umstrittenste Aspekt der Doktrin hängt mit dem dritten Prinzip zusammen: Die Freimaurerei ist keine dogmatische Religion, sondern ein Spiritualitätssystem. Der Anwärter muss an Gott glauben (für „Agnostiker" ist die Logentür meist verschlossen), aber er muss nicht an einen bestimmten Gottesbegriff gebunden bleiben. Dies wurde von der orthodoxen christlich-katholischen Kirche ausdrücklich verurteilt — dass die Freimaurerbruderschaft alle Religionen gleich annimmt, ist nach katholischer Theologie die Ketzerei des „religiösen Indifferentismus" („indifferentism").
Symbolik und Ritual
Die freimaurerische Symbolik ist ungeheuer reich. Die wichtigsten Symbole:
Zirkel und Winkelmaß (compasses and square): das verbreitetste Symbol der Freimaurerei. Der Zirkel repräsentiert den geistlichen Himmel, das Winkelmaß die weltlich-ethische Ordnung. Ihre Verschränkung ist der Einklang von Sinn und Materie, von geistlichem Gesetz und weltlicher Ordnung.
Der Buchstabe G: Er steht häufig im Zentrum des Zirkel-Winkelmaß-Symbols. Zwei Deutungen: Geometry (Geometrie — die Grundkunst der antiken Weisheit) und God (Gott). Diese Doppellesung trägt im Fundament der freimaurerischen Philosophie den Gedanken, dass die Geometrie die Sprache Gottes ausdrückt — sie ist eine Version des hermetischen Prinzips Wie oben, so unten.
Die zwei Säulen: Boaz (links — Kraft) und Jachin (rechts — Beständigkeit). Sie sind den beiden Säulen am Eingang des Tempels Salomos entnommen (1 Könige 7,21). Sie sind den beiden seitlichen Säulen des Sefirot-Baums (Strenge-Barmherzigkeit, Severity-Mercy) strukturell parallel.
Roher Stein — behauener Stein: die zwei geistlichen Zustände des Menschen.
Das allsehende Auge (Eye of Providence): ein Auge im Dreieck. Das Symbol der göttlichen Vorsehung. Es ist das berühmteste Freimaurersymbol auf der Rückseite der Ein-Dollar-Banknote der USA.
Brett, Hammer, Kelle: die Werkzeuge des Lehrlings. Die Werkzeuge des geistlichen Baus.
Der Akazienzweig: der Baum, der an der Stelle gepflanzt wird, wo Hiram Abiff begraben wurde. Das Symbol der Unsterblichkeit und der geistlichen Auferstehung.
Der schwarz-weiße Mosaikboden (der Boden der Loge): die Polaritäten Gut-Böse, Nacht-Tag, Geist-Materie.
Die Ausrichtung des Logenraums: Er ist nach Osten gewandt. Osten = der Ort, an dem das Licht aufgeht = die Quelle des geistlichen Wissens. Der Logenmeister („Worshipful Master") sitzt im Osten des Raums. Der Anwärter tritt von Westen ein und nähert sich mit seinem geistlichen Fortschreiten dem Osten.
Was das Ritual betrifft, so gibt es in den drei Graden drei verschiedene Zeremonien: Lehrlingsschaft („Initiation des ersten Grades"), Gesellenschaft („Übergang des zweiten Grades"), Meisterschaft („Erhebung des dritten Grades"). Der dritte Grad — das Hiram-Abiff-Drama — ist der Gipfel der freimaurerischen Rituale; der Anwärter stirbt symbolisch und wird auferweckt. Dies ist die unmittelbare Übersetzung des siebenstufigen Opus der Alchemie (besonders der putrefactio und resurrectio) in das freimaurerische Ritual.
Die Eide in den Logen waren historisch sehr schwer („lieber soll mir die Kehle durchschnitten, die Zunge ausgerissen und ich im Sand begraben werden, wenn ich dieses Geheimnis enthülle" …); in der Moderne betonen die meisten Logen, dass sie diese Rhetorik als symbolisch verstehen, doch die Bindungskraft des Eides war historisch das Fundament der Wahrung der freimaurerischen Geheimhaltung.
Vergleichende Perspektive: Ahîlik und Tasawwuf
In der osmanisch-türkischen Tradition ist die der Freimaurerei strukturell-funktional nächste Tradition das Ahî-System (Ahîlik). Das im Anatolien des 13. Jahrhunderts von Ahî Evran (Hace Nasiruddin Mahmud al-Hoyî, 1171–1261) gegründete Ahîlik ist ein organisches System, das die Handwerker- und Kunsthandwerkerzünfte an einen geistlichen Weg — den Futuwwa-Orden (Mannhaftigkeit) — band.
Die Parallelen zwischen dem Ahîlik und der Philosophie der Freimaurerei sind verblüffend:
- Handwerker-Zunft-Grundlage: Die Ahî waren in Handwerkszweigen wie Stein, Leder, Tuch, Eisen organisiert; die Freimaurerei stammt aus den Steinmetzzünften.
- Dreistufige Initiation: Im Ahîlik gibt es die Grade Yigit (Lehrling), Ahî (Geselle), Scheich (Meister). Dies ist dem Lehrling-Geselle-Meister-System der Freimaurerei eins zu eins parallel.
- Geistliche Pîr-Mürschid-Kette: Jeder Ahî ist an einen Mürschid gebunden (siehe Mürid-Mürschid-Beziehung); der Freimaurer-Anwärter ist an einen „Bürgen"-Meister gebunden.
- Zunftversammlung / Logenversammlung: Die Ahî versammelten sich einmal in der Woche in der Zâviye, hielten Gespräch (Sohbet) und Zikir. Die Freimaurer versammeln sich in der Loge, halten Ritual und Beratung.
- Ethikkodex: „Beherrsche deine Hand, deine Lenden, deine Zunge" — die drei goldenen Regeln des Ahîlik. Sie sind dem Dreiklang „Brüderlichkeit, Gleichheit, Ehrlichkeit" der Freimaurerei parallel.
- Mystisch-praktische Synthese: Sowohl das Ahîlik als auch die Freimaurerei sind weder bloß mystisch (nach innen gekehrt) noch bloß praktisch (weltlich); sie sind die Synthese aus beidem.
Der Unterschied: Das Ahîlik trägt in seiner Gründung einen tiefen und kohärenten islamisch-sufischen Boden (der Lehrer Ahî Evrans ist ein Mystiker in der Tradition Cüneyd-i Bagdâdîs), es ist ein Tasawwuf-Orden. Die Freimaurerei hingegen ist ein auf einem religiös-universalistischen Boden errichtetes, mit dem Aufklärungsrationalismus in Einklang gebrachtes System. Das Ahîlik ist eine geistliche Berufszunft innerhalb der Religion; die Freimaurerei ist eine überreligiöse geistliche Bruderschaft.
Ein interessantes historisches Detail: Mit dem Eintreffen der europäischen Freimaurerei im Osmanischen Reich im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert traten einige spätzeitliche Ahî und Bektaschiten in die Freimaurerlogen ein, und zwischen den beiden Traditionen entstanden wechselweise Mitgliedschaften.
Vergleich mit dem Mevlevî-Orden: Auch die innere Struktur des Mevlevî-Ordens ist gradweise — es gibt eine Hierarchie ähnlich Lehrling-Geselle-Meister: „Can", „Derwisch", „Dede". Die Semâ-Zeremonie ist wie das Hiram-Abiff-Drama die rituelle Inszenierung einer geistlich-alchemistischen Verwandlung.
Moderner Einfluss
Der Einfluss der Freimaurerei auf die moderne Welt ist gewaltig. Die Amerikanische Revolution (1776) ist der Gipfel des freimaurerischen Einflusses: Von den 56 Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung waren mindestens 13, ein bedeutender Teil der Verfasser der Verfassung sowie die ersten einigen Präsidenten einschließlich George Washington Freimaurer. Die amerikanischen Nationalsymbole (das Dreieck-Auge auf dem großen Siegel, die Pyramide, die Inschrift Novus Ordo Seclorum) stammen unmittelbar aus der freimaurerischen Symbolik.
Die Französische Revolution (1789) reifte in der gedanklichen Wiege der Freimaurerlogen heran; die Losung Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit ist unmittelbar von den freimaurerischen Werten inspiriert. In derselben Zeit war Simón Bolívar in den lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewegungen Freimaurer.
Die osmanische Modernisierung: Im Osmanischen Reich des 19. Jahrhunderts hatten die Freimaurerlogen (besonders Istanbul, Saloniki, Izmir) bedeutenden Einfluss auf die Jungtürken und die spätere Gründungsmannschaft der Republik. Ob Atatürk Freimaurer war, ist umstritten; doch aus seinem engen Umkreis waren Talat Pascha, Cemal Pascha und Cavid Bey Freimaurer.
Die esoterische Wiederbelebung (1880–1920): Nahezu alle modernen westlichen esoterischen Strömungen wie Golden Dawn, Theosophie, Anthroposophie und Martinismus entstanden auf freimaurerischem Boden und passten die freimaurerische Struktur (Loge-Grad-Initiation) ihren eigenen Synthesen an. Mathers, Westcott, Yeats, Crowley — sie alle waren erst Freimaurer, dann Mitglieder des Golden Dawn.
Literatur und Kunst: Mozarts Oper Die Zauberflöte (1791) ist ausdrücklich eine freimaurerische Allegorie; das Tamino-Pamina-Sarastro-Dreieck inszeniert die Initiationsreise. Goethes Wilhelm Meister ist ein freimaurerisch geprägter Bildungsroman. In der modernen Literatur waren Kipling, Tolstoi und Conan Doyle Freimaurer.
In der zeitgenössischen Welt ist die Mitgliederzahl der Freimaurerei (besonders in der angelsächsischen Welt — Vereinigtes Königreich, USA, Australien) noch in den Millionen; doch seit der Mitte des 20. Jahrhunderts nimmt sie allmählich ab. Die zeitgenössische Freimaurerei ist anstelle des alten mystisch-esoterischen Gehalts meist zum Charakter eines wohltätig-geselligen Klubs hin abgeglitten.
Kritik
Die Freimaurerei war im Lauf der Geschichte sehr ernster Kritik ausgesetzt.
Die katholische Kirche (1738 Papst Clemens XII., In Eminenti; 1751 Papst Benedikt XIV., Providas Romanorum; 1884 Papst Leo XIII., Humanum Genus): Die Freimaurerei ist die Ketzerei des religiösen Indifferentismus („indifferentism"); das Verständnis, das jede Religion als gleich ansieht, verwirft die absolute christliche Offenbarung. Die katholischen Freimaurerverbote sind technisch noch in Kraft.
Der orthodoxe religiöse Konservatismus: Sowohl muslimische als auch protestantische orthodoxe Kreise sahen die Freimaurerei meist als ketzerische Gemeinschaft. Im 20. Jahrhundert ist die Freimaurerei in Ländern wie Saudi-Arabien, Iran und Pakistan gesetzlich verboten.
Verschwörungstheorien: Die Freimaurerei steht seit dem 18. Jahrhundert im Zentrum der Hypothesen einer „die Welt beherrschenden geheimen Macht". Augustin Barruels Memoirs Illustrating the History of Jacobinism (1798) begründete die These, die Freimaurerlogen hätten die Französische Revolution als geheimen Plan organisiert; diese Hypothese verflocht sich im 19. und 20. Jahrhundert mit antisemitischen Verschwörungstheorien (besonders mit dem gefälschten Dokument der Protokolle).
Akademische historische Kritik: Die moderne Geschichtsschreibung (Jacob, Stevenson, Prescott) hat gezeigt, dass die Behauptungen der Freimaurerei von einer „antiken Weisheitskette" — einem vom Tempel Salomos, von Pythagoras, von den ägyptischen Mysterien ununterbrochen fortgesetzten Erbe — keinen historischen Boden haben. Die Freimaurerei ist ein eigenes Erzeugnis Britanniens des 17. und 18. Jahrhunderts; ihre antiken Ursprünge sind romantische Fiktion.
Sexismus-Kritik: Die traditionelle Freimaurerei steht „würdigen und freien Männern" offen — das heißt, sie hat historisch die Frauen ausgeschlossen. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die Co-Freemasonry (gemischte Männer-Frauen-Logen, erstmals 1882 in Frankreich) und der Order of the Eastern Star (eine frauenzentrierte Hilfsorganisation), doch die Mainstream-Freimaurerei blieb großenteils männerzentriert.
Interne Kritik: Auch innerhalb der modernen Freimaurerei gibt es Kritik. René Guénon (siehe Perennialismus) behauptete, dass die Freimaurerei in jüngerer Zeit die Tradition der „echten Initiation" zu einer Institution, einem geselligen Klub, einer inhaltsleeren Formalität verkehrt habe. Nach Guénon ist nur in bestimmten Ritualen (besonders den Hochgraden, Memphis-Misraïm) noch eine „authentische geistliche Übertragung" vorhanden.
Eine allgemeine abschließende Bewertung: Die Freimaurerei ist ein einzigartiger Versuch, die Ideale des modernen Westens — religiöser Universalismus, Brüderlichkeitsethik, individueller geistlicher Fortschritt — in einer institutionellen Struktur widerzuspiegeln. Strukturell stützt sie sich auf die mittelalterlichen Handwerkerzünfte, inhaltlich auf die Esoterik des 17. Jahrhunderts — auf die hermetischen, kabbalistischen, Rosenkreuzer-Strömungen; im Ergebnis ist sie der geistliche Bruder der Aufklärung. Ohne die Philosophie der Freimaurerei zu verstehen, können wir weder die Amerikanische Revolution noch die politische Dynamik der europäischen Aufklärung noch die Struktur der modernen esoterischen Wiederbelebung vollständig erfassen.