Mystische Traditionen

Zurvanismus: Die Zeit als erstes Prinzip und die heterodoxe zoroastrische Auslegung

Zurvanismus: die heterodoxe zoroastrische Auslegung, die die unendliche Zeit (Zurvan) zum ersten Prinzip macht; der Mythos, der Ohrmazd und Ahriman als Zwillingssöhne gebiert, der sassanidische Kontext, der Fatalismus und der Unterschied zum orthodoxen Dualismus.

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Zurvanismus: Die Zeit als erstes Prinzip

Eine der interessantesten, spekulativsten und umstrittensten Auslegungen in der Geschichte des zoroastrischen Denkens ist der Zurvanismus, der den letzten Ursprung des Universums in der „Zeit" sucht. Diese heterodoxe Strömung versucht, den grundlegenden Dualismus der orthodoxen zoroastrischen Lehre — nämlich den uranfänglichen Gegensatz zwischen Ahura Mazda (Ohrmazd, dem Prinzip des Guten) und Angra Mainyu (Ehrimen/Ahriman, dem Prinzip des Bösen) — an ein höheres Prinzip, die unendliche Zeit (Zurvan), zu binden. Diese Auslegung stellt die Frage: „Wenn die zwei Prinzipien einander entgegengesetzt sind, muss es dann eine gemeinsame Quelle geben, die sie gebiert?" — und findet diese Quelle in Zurvan, der personifizierten unendlichen Zeit. Avestisch zruvan/zrvan bedeutet „Zeit"; der Zurvanismus hingegen ist eine theologische Spekulation, die die Zeit in den Rang des ersten Prinzips des Seins (archē, primordiales Prinzip) erhebt. In dieser Notiz werden wir die Natur Zurvans, den berühmten Mythos der Zwillingsgeburt, seine Stellung in der sassanidischen Zeit, seine Dimension des Fatalismus, seinen Unterschied zum orthodoxen Dualismus und die verschiedenen Zweige des Zurvanismus behandeln. Die Grundlage des Themas bildet die Tradition des Zoroastrismus.

Zurvan: Die Personifikation der unendlichen Zeit

Im Zentrum des Zurvanismus steht das erste Prinzip namens Zurvan, die personifizierte Gestalt der unendlichen Zeit und des unendlichen Raums. Zurvan wird als ein leidenschaftsloses, unparteiisches (neutrales) und transzendentes Wesen vorgestellt; für ihn gibt es keine Unterscheidung zwischen Gut und Böse, denn er ist die alles umfangende Zeit, die dieser Unterscheidung vorausgeht. Zurvan wird auch als „der Eine" oder „der Alleinige" bezeichnet; er ist das absolute Prinzip, das am Anfang allein existiert und kein Gegenüber hat.

Im zoroastrischen Zeitdenken werden zwei Arten von Zeit unterschieden, und diese Unterscheidung ist für den Zurvanismus grundlegend. Die erste ist Zurvan Akarana (Zurvan akarana, „grenzenlose Zeit", „unendliche Zeit"); die absolute und uranfänglich-ewige Zeit, die weder Anfang noch Ende hat. Die zweite ist Zurvan Daregho-Chvadhata (Zurvan daregho-khvadhāta, „Zeit der langen Herrschaft", „nach eigenem Gesetz bestimmte langwährende Zeit"); die begrenzte, zwölftausendjährige Zeit mit Anfang und Ende, in der sich das kosmische Drama vollzieht. Dieses zweifache Zeitverständnis ist ein Bemühen, sowohl die Unendlichkeit (Akarana) als auch die begrenzte Zeit des historisch-kosmischen Prozesses (Daregho-Chvadhata) zugleich zu denken. Der Zurvanismus nimmt die unendliche Zeit (Akarana) als höchstes Prinzip an und behauptet, dass aus ihr die begrenzte Zeit des kosmischen Dramas und der in ihm liegende Gegensatz von Gut und Böse hervorgehen. Diese zeit-zentrierte Kosmologie hat sich als spekulative Auslegung der Zeitaussagen in den Avesta-Texten entwickelt.

Die Auffassung der Zeit als ein göttliches Prinzip oder gar als höchstes Prinzip ist ein eigenständiger Schritt in der Geschichte der Religion und Philosophie. In den meisten Kosmologien ist die Zeit ein Erzeugnis oder ein Rahmen der Schöpfung; der Zurvanismus hingegen erhebt die Zeit in den Rang des schöpferischen Prinzips selbst. Dies wirft tiefe philosophische Fragen auf: Wenn alles aus der Zeit hervorgeht, woher kommt dann die Zeit selbst? Ist die Zeit ein persönlicher Gott oder ein unpersönliches Prinzip? Das zurvanische Denken schwankt zwischen diesen beiden Auffassungen, indem es Zurvan zugleich als ein personifiziertes Wesen (das einen Sohn begehrt, Opfer darbringt, Zweifel hegt) und als ein abstraktes Prinzip (grenzenlose Zeit und grenzenloser Raum) darstellt. Dieses Schwanken rührt daher, dass der Zurvanismus zugleich seinen mythologischen und seinen philosophischen Charakter in sich trägt; er ist sowohl eine Erzählung (Mythos) als auch eine Spekulation (Theologie).

Der Mythos der Zwillingsgeburt: Der Vater von Ohrmazd und Ahriman

Die bekannteste und eindrucksvollste Lehre des Zurvanismus ist der berühmte Mythos der Zwillingsgeburt. Dieser Mythos ist uns durch verschiedene polemische Quellen überliefert, allen voran durch den armenischen christlichen Autor Eznik von Kolb (Eznik of Kolb, 5. Jahrhundert). Dem Mythos zufolge gab es am Anfang nur Zurvan. Zurvan begehrte, einen Sohn zu haben, der den Himmel, die Erde und alles dazwischen erschaffen würde, und brachte zu diesem Zweck tausend Jahre lang Opfer (yasna) dar. Doch am Ende dieser langen Zeit fiel ein Zweifel in Zurvan: „Wird dieses Opfer wirklich etwas nützen, werde ich einen Sohn haben?" Eben dieser Augenblick legte den Keim des kosmischen Dramas.

Aus diesem inneren Zwiespalt Zurvans wurden zwei Wesen ersonnen: Ohrmazd (Ahura Mazda, das Gute), das Erzeugnis des Opfers und des Begehrens, und Ahriman (Angra Mainyu, das Böse), das Erzeugnis des Zweifels. Als Zurvan erkannte, dass seine Zwillingssöhne geboren werden würden, gab er ein Versprechen, dem zuerst Geborenen die Herrschaft (das Königtum) über das Universum zu verleihen. Als Ahriman dieses Versprechen vernahm, riss er, um vor seinem Bruder geboren zu werden, den Schoß seiner Mutter (oder Zurvans) auf und kam vorzeitig, hässlich und finster zur Welt. Zurvan war verblüfft, als er anstelle des erwarteten leuchtenden Ohrmazd den finsteren Ahriman vor sich sah; doch da er sein Versprechen halten musste, gewährte er Ahriman eine zeitweilige Herrschaft von neuntausend Jahren. Am Ende dieser Zeit aber würde die wahre und endgültige Herrschaft an Ohrmazd übergehen, und das Gute würde endgültig siegen. So werden die zeitweilige Herrschaft des Bösen in der Welt und der endgültige Sieg des Guten durch diesen Mythos erklärt. Dieser endgültige Sieg deckt sich mit der Frashokereti (der Erneuerung des Universums) in der orthodoxen Lehre.

Die theologische Genialität und zugleich die problematische Seite dieses Mythos liegt darin, dass er den Ursprung des Bösen an den „Zweifel" bindet. Ahriman ist das Erzeugnis eines Zweifels, den Zurvan für einen Augenblick hegte; das Böse entspringt also einem Zögern, einem Augenblick der Unentschlossenheit im Inneren des absoluten Prinzips. Dies ist eine überaus interessante Antwort auf das Problem des Ursprungs des Bösen (Theodizee): Das Böse ist keine äußere und unabhängige Macht, sondern entspringt einem Riss, einer inneren Spaltung im Inneren der uranfänglichen Einheit. Ein weiteres eindrucksvolles Motiv des Mythos ist, dass Ahriman „vorzeitig, durch List" geboren wird; das Böse wird als ein seiner Natur nach ungeduldiger, zerstörerischer und die Ordnung (die Reihenfolge, das Versprechen) verletzender Charakter gezeichnet. Das Gute (Ohrmazd) hingegen ist geduldig, geordnet und seinem Wort treu — doch eben wegen dieser Tugenden tritt es zeitweilig an die zweite Stelle. Diese Einzelheiten zeigen, dass der Mythos nicht nur eine Ursprungserzählung, sondern zugleich ein tiefes moralisches Gleichnis über die Natur von Gut und Böse ist. Diese Spekulation über die Quelle des Bösen weicht grundlegend vom Verständnis Angra Mainyus in der orthodoxen Lehre ab — wo Ahriman von Anfang an ein unabhängiges Gegenprinzip ist.

Die sassanidische Zeit und der historische Kontext

Der Zurvanismus ist eine Strömung, die sich weitgehend in der Zeit des Sassanidenreiches (224–651 n. Chr.) entwickelt und Wirkung entfaltet hat. Viele Forscher haben vorgebracht, dass der Zurvanismus in der sassanidischen Zeit, besonders in Hof- und Priesterkreisen, eine wichtige Auslegung, ja zu manchen Zeiten eine offizielle oder halboffizielle theologische Tendenz geworden sei. Die Strömung trat vermutlich in der frühsassanidischen Zeit (3. Jahrhundert) deutlich hervor und erreichte im 5. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Innerhalb der mächtigen Priesterklasse dieser Epoche (der Mobeds) besaß die zurvanische Auslegung eine angesehene intellektuelle Stellung.

Ein wichtiger Teil unseres Wissens über den Zurvanismus stammt nicht unmittelbar aus zurvanischen Quellen, sondern aus äußeren Quellen, die diese Lehre kritisieren — besonders aus den polemischen Texten armenischer und syrischer christlicher Autoren sowie aus manichäischen und späteren islamischen Quellen. Das Werk Ad Versus Haereses (Gegen die Häresien) des Eznik von Kolb enthält die ausführlichste Schilderung des Mythos der Zwillingsgeburt. Auch Quellen wie der spätzoroastrische Text Ulema-i Islam (persisch „Die Gelehrten des Islam", in Wahrheit ein zoroastrischer theologischer Text) spiegeln das zurvanische Denken wider. Im 20. Jahrhundert hat der britische Iranologe R. C. Zaehner diese verstreuten Quellen zusammengetragen, eine umfassende Rekonstruktion des Zurvanismus vorgelegt und mit seinem Werk Zurvan: Ein zoroastrisches Dilemma (Zurvan: A Zoroastrian Dilemma, 1955) den Grund für die moderne wissenschaftliche Erörterung dieses Themas gelegt. Dieses geistige Umfeld der sassanidischen Zeit ist zugleich die Epoche, in der auch der heilige Feuerkult (Feuertempel und Atar) und die Institution des Mobedtums ihren Höhepunkt erreichten.

Fatalismus und astrologischer Determinismus

Das deutlichste und theologisch folgenreichste Merkmal des Zurvanismus ist, dass er sich durch seinen Fatalismus auszeichnet. Wenn die Zeit (Zurvan) als erstes Prinzip von allem angenommen wird, ergibt sich als natürliche Folge der Gedanke, dass alles durch die Zeit im Voraus bestimmt (determiniert) ist. Im zurvanischen Denken ist das Schicksal des Menschen weitgehend im Voraus verfügt, durch die Bewegungen der Zeit und der himmlischen Körper (der Sterne, der Planeten) bestimmt. Dieser Fatalismus hat, besonders unter dem Einfluss der chaldäischen (babylonischen) Astrologie, eine starke Form des astrologischen Determinismus angenommen; das Geschick des Menschen wurde als mit den Sternkonstellationen im Augenblick seiner Geburt verbunden angesehen.

Diese fatalistische Tendenz ist einer der wichtigsten Punkte, die den Zurvanismus scharf von der orthodoxen zoroastrischen Lehre unterscheiden. Denn der orthodoxe Zoroastrismus legt, wie in den Gathas (den Hymnen Zarathustras) klar ausgedrückt, großes Gewicht auf den freien Willen des Menschen und auf die Verantwortung, bewusst zwischen Gut und Böse zu wählen. Der Mensch ergreift mit dieser Wahl im kosmischen Drama aktiv Partei und trägt zum Sieg des Guten bei. Der zurvanische Fatalismus hingegen schwächt diese Betonung des freien Willens und der moralischen Verantwortung, indem er behauptet, dass alles von der Zeit im Voraus bestimmt sei. Eben deshalb wurde der Zurvanismus von der orthodoxen Tradition als eine „Abweichung" (Heterodoxie) angesehen. Diese Spannung zwischen Fatalismus und freiem Willen steht in Wahrheit auch in tiefer Verbindung mit der Frage, wie der Gegensatz von Asha-Druj im Hinblick auf das menschliche Handlungssubjekt auszulegen ist.

Diese Spannung ist nicht nur eine innerzoroastrische Erörterung, sondern ein grundlegendes Problem, mit dem sich nahezu alle großen religiösen und philosophischen Traditionen auseinandersetzen. Wenn alles im Voraus bestimmt ist, wie lässt sich dann die moralische Verantwortung des Menschen begründen? Wenn der Mensch wirklich frei ist, wie wirken dann göttliches Wissen und göttliche Vorsehung? Die orthodox-zurvanische Scheidung innerhalb der zoroastrischen Tradition ist eine iranische Erscheinung dieses universalen Problems: Die Orthodoxie legt das Gewicht auf den freien Willen, der Zurvanismus hingegen auf das Schicksal. Für eine vergleichende Analyse dieses Problems in sechs großen Traditionen siehe Freier Wille und Schicksal. Eine weitere wichtige Folge des zurvanischen Fatalismus ist, dass er auch das Verständnis der individuellen Verantwortung nach dem Tod in eine Spannung bringt; denn wenn die Taten einer Person im Voraus bestimmt sind, wie lässt sich dann die Gerechtigkeit des Gerichts an der Chinvat-Brücke rechtfertigen? Dies ist einer der tiefsten Gründe dafür, dass die orthodoxe Tradition dem zurvanischen Fatalismus entgegentrat: Damit das moralische Gericht sinnvoll sein kann, muss der Mensch frei sein.

„Der Erstgeborene wird herrschen": Die Theologie des Versprechens

Das Motiv des „Versprechens, dem Erstgeborenen die Herrschaft zu verleihen" im Zentrum des zurvanischen Mythos trägt tiefe theologische Bedeutungen. Dass Zurvan dieses Versprechen gibt und Ahriman es durch List, indem er zuerst geboren wird, zu seinen Gunsten wendet, ist eine kunstvolle Erzählung, die ersonnen wurde, um die zeitweilige Herrschaft des Bösen in der Welt zu erklären. Da Zurvan ein leidenschaftsloses und unparteiisches Prinzip ist, kann er sein Versprechen nicht brechen; dies unterstreicht, dass die kosmische Ordnung (das Versprechen, das Wort) unverletzlich ist. Doch die Herrschaft Ahrimans ist begrenzt — sie dauert nur neuntausend Jahre; am Ende dieser Zeit geht die wahre und bleibende Herrschaft an Ohrmazd über, den eigentlichen Rechtsinhaber.

Diese Erzählung bewahrt den grundlegenden Optimismus des zoroastrischen Denkens in einem zurvanischen Rahmen: Auch wenn das Böse gegenwärtig die Welt zu beherrschen scheint, ist dieser Zustand zeitweilig und schreitet auf ein im Voraus bestimmtes Ende zu — den endgültigen Sieg des Guten. Diese Seite des Mythos hält, während sie die Existenz des Bösen erklärt, zugleich die Hoffnung gegen es lebendig. Das Thema des endgültigen Sieges des Guten und der Tilgung des Bösen deckt sich mit der Frashokereti in der orthodoxen Lehre; der Zurvanismus gelangt, obwohl er von einem anderen kosmologischen Rahmen ausgeht, zu demselben hoffnungsvollen Ergebnis. Dies ist ein wichtiger Punkt, der zeigt, wie sehr der Zurvanismus „zoroastrisch" bleibt: Obwohl er heterodox ist, bewahrt er den grundlegenden Optimismus der Tradition und die Ausrichtung des Dramas von Gut und Böse.

Der Unterschied zum orthodoxen Dualismus

Der grundlegende Unterschied zwischen dem Zurvanismus und dem orthodoxen (mazdaischen) Zoroastrismus liegt in der Positionierung des Dualismus. Der orthodoxe Zoroastrismus wird häufig als „moralischer Dualismus" oder „begrenzter Dualismus" bezeichnet: Hier ist Ahura Mazda das absolute, ungeschaffene und höchste Prinzip; Angra Mainyu hingegen ist kein von ihm geschaffenes Wesen, sondern ein von Anfang an existierendes, aber am Ende zu besiegendes Gegenprinzip. Die zwei Prinzipien treten im kosmischen Drama einander gegenüber; doch das Gute (Ahura Mazda) ist am Anfang wie am Ende absolut überlegen. Hier gibt es kein übergeordnetes „Vater"-Prinzip; Ahura Mazda selbst steht im höchsten Rang.

Der Zurvanismus hingegen verändert dieses Bild von Grund auf: Ahura Mazda (Ohrmazd) und Angra Mainyu (Ahriman) sind nun nicht mehr die höchsten Prinzipien, sondern die Zwillingssöhne eines höheren Prinzips — nämlich Zurvans. Dies zieht zwei wichtige theologische Folgen nach sich. Erstens schwächt sich die absolute Erhabenheit Ahura Mazdas und seine alleinige Ungeschaffenheit; denn nun gibt es ein Prinzip (Zurvan), das ihm vorausgeht und ihn ins Dasein bringt. Zweitens werden die absoluten Gegensätze von Gut und Böse in gewissem Maße relativiert, da sie aus einem gemeinsamen Ursprung (Zurvan) hervorgehen. Eben diese zwei Punkte — die Erschütterung der Stellung Ahura Mazdas als „Einer, Ungeschaffener Gott" und die Opferung des freien Willens des Menschen an den Fatalismus — sind die grundlegenden Faktoren, die den Zurvanismus von der orthodoxen Lehre unterscheiden und dazu führen, dass er als „heterodox" gilt. Dieser Unterschied kann auch bei der Begründung der individuellen Verantwortung nach dem Tod (des Gerichts an der Chinvat-Brücke) zu unterschiedlichen Betonungen führen.

Die verschiedenen Zweige des Zurvanismus

Wissenschaftliche Untersuchungen, besonders die Arbeit Zaehners, haben gezeigt, dass der Zurvanismus keine einheitliche, monolithische Lehre ist, sondern in sich verschiedene Tendenzen birgt. Meist ist von drei Hauptzweigen oder Tendenzen die Rede. Der erste ist der materialistische Zurvanismus; dieser Zweig behauptet, dass die Materie uranfänglich sei, stellt sich damit gegen den Gedanken der Schöpfung aus dem Nichts (creatio ex nihilo) und leitet den Kosmos aus der Wechselwirkung von Zeit und Materie ab; man nimmt an, dass er den Einfluss der aristotelischen Philosophie trägt. Die Anhänger dieser materialistischen Tendenz wurden in späteren Zeiten mit dem persischen Begriff dahrî (auf die Zeit/dahr bezogen; später erhielt das Wort die Bedeutung „materialistisch/gottlos") bezeichnet.

Der zweite ist der fatalistische Zurvanismus; der Zweig, der, wie oben geschildert, den astrologischen Determinismus annimmt und das menschliche Schicksal an die Bewegungen der himmlischen Körper bindet. Der dritte ist ein spekulativerer Zweig, den manche Forscher als ästhetischen/asketischen (zühdî) Zurvanismus bezeichnen; in dieser Auslegung wird Zurvan als ungeschiedene Zeit vorgestellt, die sich aus sich selbst heraus in entgegengesetzte Pole wie Vernunft (männliches Prinzip) und Begehren (weibliches Prinzip) spaltet. Man hat vorgebracht, dass dieser Zweig Parallelen zu gnostischen und indischen kosmologischen Vorstellungen trägt. Diese Vielfalt zeigt, dass der Zurvanismus weniger eine starre Konfession als vielmehr eine um eine gemeinsame zeit-zentrierte Intuition versammelte Denk-Familie ist. Themen wie die Zeit und die Einheit der Gegensätze weisen interessante begriffliche Nähen zum gnostischen Denken auf; das Motiv, dass entgegengesetzte Prinzipien (Licht-Finsternis, Vernunft-Begehren) aus einem gemeinsamen Ursprung hervorgehen oder sich voneinander scheiden, ist ein typisches Merkmal der gnostischen Kosmogonien. Zu diesen Nähen siehe Gnostizismus.

Vergleich mit dem Manichäismus: Zwei zeit-zentrierte Dualismen

Einer der erhellendsten Vergleiche zum Verständnis des Zurvanismus lässt sich mit seinem Zeitgenossen und Nachbarn, dem Manichäismus, anstellen. Mani (3. Jahrhundert n. Chr.) trat ebenso wie der Zurvanismus im sassanidischen Iran auf und errichtete ein dualistisches System, das den kosmischen Kampf zwischen Licht und Finsternis in den Mittelpunkt stellt. Manis Kosmologie ist auf dem Schema der „drei Zeiten" (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) und der „zwei Prinzipien" (Licht und Finsternis) errichtet; das anfangs getrennte Licht und die Finsternis vermischen sich in der Mitte und scheiden sich am Ende wieder. Zu diesem dreizeitigen Schema siehe Manis Kosmologie.

Die Beziehung zwischen dem Zurvanismus und dem Manichäismus ist kunstvoll und lehrreich. Beide sind iranischen Ursprungs, beide sind dualistisch, und in beiden ist die Zeit eine grundlegende Dimension des kosmischen Dramas. Doch zwischen ihnen besteht ein wichtiger Unterschied: Der Manichäismus ist ein absoluter (radikaler) Dualismus, der Licht und Finsternis von Anfang an als zwei völlig getrennte und unabhängige uranfängliche Prinzipien annimmt; der Zurvanismus hingegen ist ein „monistisch begründeter Dualismus", der die zwei entgegengesetzten Prinzipien (Ohrmazd und Ahriman) aus einer gemeinsamen Quelle (Zurvan) ableitet. Das heißt, im Manichäismus gibt es zwei Wurzeln, im Zurvanismus hingegen eine einzige Wurzel (die Zeit) und zwei aus ihr hervorgehende Zweige. Dieser Unterschied spiegelt die verschiedenen Zugänge der beiden Systeme zum Problem des Bösen wider. Auch die negative Haltung des Manichäismus gegenüber der materiellen Welt und dem Körper unterscheidet ihn vom Zurvanismus. Der Vergleich dieser beiden Strömungen zeigt, über welch reiches und vielfältiges religiös-philosophisches Denkumfeld das Iran der sassanidischen Zeit verfügte; für eine ausführliche Untersuchung siehe Manichäismus.

Die Ikonographie Zurvans und der rituelle Kontext

Ob der Zurvanismus eine Konfession oder nur eine theologische Tendenz innerhalb des orthodoxen Zoroastrismus war, ist aus wissenschaftlicher Sicht umstritten. Eine wichtige Beobachtung ist die folgende: Es gibt keinen starken Beleg dafür, dass der Zurvanismus ein vom orthodoxen Zoroastrismus getrenntes, eigenes Verehrungssystem, eigene Tempel oder eine eigene Priesterklasse besessen hätte. Auch diejenigen, die die zurvanische Auslegung annahmen, wandten sich höchstwahrscheinlich denselben heiligen Feuern zu, rezitierten dieselben Avesta-Texte und vollzogen dieselben Rituale; der Unterschied zwischen ihnen lag nicht in der Praxis, sondern in der kosmologischen Auslegung — nämlich in der Antwort auf die Frage „Wer ist das höchste Prinzip?". Deshalb wird der Zurvanismus meist weniger als eine eigene Religion oder Konfession denn als eine „spekulative Schule" oder „theologische Tendenz" innerhalb des zoroastrischen Denkens bewertet. Zum heiligen Feuerkult und zum Ritualleben siehe Feuertempel und Atar.

In spätantiken und künstlerischen Quellen wurde Zurvan mit ikonographischen Motiven verbunden, die ihn mitunter als eine geflügelte, löwenköpfige oder von einer Schlange umwundene Gestalt darstellen; ein Teil dieser Darstellungen trägt Parallelen zu den „Zeitgott"-Figuren (Aion/Zurvan-ähnlich), die in den Mithras-Mysterien der römischen Welt zu sehen sind. Diese künstlerischen Parallelen legen nahe, wie verbreitet und einflussreich der Begriff des Zeitgottes in der antiken Mittelmeer- und iranischen Welt war; doch die genaue Deutung dieser Darstellungen und ihre Verbindung zum Zurvanismus sind der wissenschaftlichen Erörterung offen. Zum Kontext der römischen Mysterienreligion siehe Mithraismus. All diese Unsicherheiten rühren daher, dass unser Wissen über den Zurvanismus weitgehend auf indirekten und bruchstückhaften Quellen beruht.

Vergleichender und philosophischer Kontext

Die zeit-zentrierte Kosmologie des Zurvanismus steht in der Geschichte der Religionen und Philosophien in einer eigenständigen Position. Spekulationen, die die Zeit oder eine Art uranfängliches Prinzip in den Ursprung des Seins setzen, begegnen uns in verschiedenen Kulturen. Das Kāla (Zeitgott/-prinzip) des indischen Denkens, der Begriff Chronos (Zeit) der griechischen Philosophie und die Suche nach dem Ur-Prinzip in verschiedenen Kosmogonien zeigen lockere thematische Parallelen zu Zurvan. Bei der Verzeichnung dieser Parallelen ist Neutralität und Sorgfalt geboten: Das Ziel ist nicht, eine Behauptung über unmittelbare Wechselwirkung oder Ursprung aufzustellen, sondern zu beobachten, wie sich das menschliche Denken in verschiedenen Kulturen auf ähnliche Weise (Zeit, Unendlichkeit, Ur-Prinzip) der Frage „Was ist das letzte, umfassende Prinzip hinter allem?" nähert.

Auch die fatalistische Dimension des Zurvanismus ist im Zusammenhang mit der Verbreitung des Themas „Schicksal" in den Weltkulturen interessant. Viele antike Traditionen haben eine über Mensch und Göttern waltende, unpersönliche und unüberwindliche Schicksalsmacht vorgestellt. In der nordisch-germanischen Mythologie sind die Nornen, denen selbst die Götter sich beugen müssen und die das Schicksal (mit dem Bild des Webens/Spinnens) bestimmen, ein eindrucksvolles Beispiel dieses Verständnisses; zu dieser schicksals-zentrierten Kosmologie siehe Nordisch-germanische Mythologie. Ebenso spiegelt auch die etruskische Religion, in der die Kunst der Weissagung und des Schicksals im Mittelpunkt steht, den Glauben wider, dass die kosmische Ordnung nach einem im Voraus bestimmten Plan wirkt; zu dieser Tradition siehe Etruskische Religion. Der zurvanische Fatalismus kann als eine zeit-zentrierte und astrologische Erscheinung dieses weiten Themas „Schicksal" innerhalb des Iran gelesen werden. Diese Parallelen zeigen, dass die Frage nach der Natur des Schicksals und nach der Stellung des Menschen ihm gegenüber eine gemeinsame und universale spirituelle Angelegenheit der Menschheit ist.

Aus philosophischer Sicht ringt der Zurvanismus mit einer tiefen Theodizee-Frage (dem Problem des Bösen): Wenn das Gute (Ahura Mazda) absolut und ungeschaffen ist, woher kommt dann das Böse (Ahriman)? Die orthodoxe Lehre beantwortet diese Frage, indem sie die zwei Prinzipien von Anfang an als getrennt annimmt. Der Zurvanismus hingegen bietet, indem er beide an eine gemeinsame Quelle (Zurvan) bindet, eine alternative Lösung in Form des „Hervorgehens der Gegensätze aus einem gemeinsamen Ursprung" — doch diese Lösung wirft diesmal neue Fragen auf, etwa: „Wenn die Quelle des Guten die unparteiische Zeit ist, ist dann auch das Böse aus dieser Quelle hervorgegangen?" Eben deshalb hat Zaehner seinem Werk den Titel „Dilemma" gegeben: Der Zurvanismus ist eine spannungsreiche und nachdenklich stimmende Spekulation, die, während sie ein theologisches Problem zu lösen versucht, ein anderes erzeugt. Dieser spekulative Reichtum macht ihn zu einer der philosophischsten Ecken der Geschichte des zoroastrischen Denkens.

Das spirituelle und historische Erbe des Zurvanismus

Der Zurvanismus ist in der Zeit nach dem Kommen des Islam in den Iran zunehmend verblasst und nach dem 10. Jahrhundert weitgehend verschwunden. Die heutige lebendige zoroastrische Tradition (sowohl im Iran als auch die Parsi-Gemeinschaft in Indien) setzt weitgehend die orthodox-mazdaische Linie fort; das heißt, sie nimmt das Verständnis an, das Ahura Mazda als absoluten und alleinigen Schöpfer anerkennt und den freien Willen des Menschen betont. So wird der Zurvanismus weniger als eine lebendige Konfession denn als ein intellektuell überaus reicher Abschnitt der Geschichte des zoroastrischen Denkens, als ein „Gedankenexperiment", erinnert.

Dennoch ist das Erbe des Zurvanismus bedeutend: Er ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie tief und kühn eine religiöse Tradition mit ihren eigenen Grundfragen — dem Ursprung des Bösen, der Natur der Zeit, der Spannung zwischen Schicksal und freiem Willen — ringen kann. Der aus dem materialistischen Zweig des Zurvanismus hervorgehende Begriff dahrî hat auch in der späteren Geschichte des islamischen Denkens eine Spur hinterlassen; der Begriff „dahrî" (jemand, der die Zeit/dahr für ewig hält und behauptet, die Welt sei nicht geschaffen) wurde in der mittelalterlichen islamischen Philosophie verwendet, um eine bestimmte materialistisch-naturalistische Position zu kennzeichnen. Dies zeigt, dass die begriffliche Wirkung des zurvanischen Denkens, selbst nachdem seine Anhänger aus der Geschichte verschwunden waren, indirekt fortbestand. Der Gedanke, den Begriff der Zeit in das Zentrum der Metaphysik zu setzen, hat in der Geschichte der Philosophie als eine bleibende Frage weiter widergehallt.

Im Ergebnis ist der Zurvanismus keine geschlossene und dogmatische Lehre, sondern ein offenes und fragendes Denkabenteuer. Er repräsentiert die intellektuelle Lebendigkeit der zoroastrischen Tradition, den Mut, selbst die eigenen Grundüberzeugungen neu zu durchdenken, und die eigenständigen Antworten, die sie auf metaphysische Fragen gibt. Die „heterodoxen" Zweige einer Tradition zu untersuchen, lässt uns oft den Hauptstrom dieser Tradition tiefer verstehen; denn die Heterodoxie verdeutlicht, was die Orthodoxie vertritt und warum sie es vertritt. Den Zurvanismus zu verstehen heißt so, sowohl den Reichtum des zoroastrischen Denkens als auch die unermüdliche Suche des menschlichen Geistes angesichts der größten Fragen wie Zeit, Schicksal und Böses zu erfassen. Dadurch, dass er den Begriff der Zeit in das Zentrum der Theologie setzt, hat er einen eigenständigen Platz in der Geschichte der Philosophie und Religion erlangt. Den Zurvanismus zu untersuchen, lässt uns sehen, dass der Zoroastrismus keine monolithische Doktrin ist, sondern eine lebendige Denktradition, in der verschiedene Auslegungen, Erörterungen und Spekulationen leben. Zu verwandten Themen siehe Zoroastrismus, Ahura Mazda, Avesta, Angra Mainyu, Asha-Druj, Amesha Spentas, cinvat-koprusu-ahiret, frasokereti-yenilenme, ates-tapinagi-atar und auf vergleichender Ebene mithraizm sowie manizeizm.

Fazit

Zusammengefasst ist der Zurvanismus eine in der sassanidischen Zeit entwickelte heterodoxe zoroastrische Auslegung, die die unendliche Zeit (Zurvan) in den Rang des ersten Prinzips des Seins erhebt. Die Unterscheidung zwischen Zurvan Akarana (grenzenloser Zeit) und Zurvan Daregho-Chvadhata (begrenzter Zeit der langen Herrschaft) bildet die Grundlage seines Zeitdenkens. Der berühmte Mythos der Zwillingsgeburt erklärt, indem er Ohrmazd und Ahriman als Söhne Zurvans gebiert, sowohl die zeitweilige Herrschaft des Bösen als auch den endgültigen Sieg des Guten. Sein mit dem astrologischen Determinismus verbundener Fatalismus und die Bindung der absoluten Erhabenheit Ahura Mazdas an ein übergeordnetes Prinzip unterscheiden ihn vom orthodoxen Dualismus und machen ihn „heterodox". Der Zurvanismus, der mit seinem materialistischen, fatalistischen und asketischen Zweig Vielfalt zeigt, bietet eine tiefe Theodizee-Spekulation über den Ursprung des Bösen und die Natur der Zeit. Die Theologie des Versprechens „Der Erstgeborene wird herrschen" bewahrt, während sie die zeitweilige Herrschaft des Bösen erklärt, die Hoffnung auf den endgültigen Sieg des Guten; der Vergleich mit dem Manichäismus wiederum erhellt das reiche und vielfältige Denkumfeld des sassanidischen Iran. Der Widerhall des Begriffs dahrî in der späteren Geschichte des Denkens zeigt, wie bleibend die begriffliche Wirkung der zurvanischen Spekulation war. Auch wenn er heute keine lebendige Konfession ist, verdient er es, als ein einzigartiger Zeuge des philosophischen Mutes und des intellektuellen Reichtums des zoroastrischen Denkens erinnert zu werden.

Als abschließende Betrachtung ist die wichtigste Lehre, die uns der Zurvanismus erteilt, vielleicht die, dass religiöse Traditionen keine einstimmigen und unwandelbaren Ganzheiten sind, sondern vielstimmige Denkwelten, in denen lebendige Erörterungen, verschiedene Auslegungen und kühne Spekulationen leben. Die zurvanischen Denker haben sich nicht gescheut, selbst die grundlegendste Überzeugung ihrer Tradition — die absolute Erhabenheit Ahura Mazdas — zu hinterfragen, und haben nach eigenständigen Antworten auf die schwierigsten Fragen wie den Ursprung des Bösen und die Natur der Zeit gesucht. Dieser intellektuelle Mut lässt uns den Zurvanismus nicht als eine historisch „gescheiterte" oder „getilgte" Strömung, sondern als ein wertvolles Denkmal der metaphysischen Suche des menschlichen Geistes ansehen. Für jeden, der weiterhin über Zeit, Schicksal, Böses und Freiheit nachdenkt, birgt der Zurvanismus noch immer tiefe Fragen, die der Betrachtung wert sind; und diese Fragen machen ihn aus einer trockenen Fußnote der Geschichte zu einer lebendigen philosophischen Angelegenheit. So ist es für den Menschen, wann immer er fragt „Was ist die letzte Wirklichkeit hinter allem, herrscht Schicksal oder Freiheit, warum gibt es das Böse?", zugleich Demut und Inspiration, sich zu erinnern, wie der Zurvanismus vor Jahrtausenden mit diesen Fragen rang.