Mithraismus: Römische Mysterienreligion, Tauroktonie und sieben Grade
Die Mithras-Mysterienreligion (Rom, 1.–4. Jh. n. Chr.): die Ikonographie der Tauroktonie, der Höhlentempel (Mithräum), die sieben Initiationsgrade und ihr Planetenbezug, die astrale kosmische Symbolik und die Debatte über die Beziehung zum iranischen Mihr.
Definition und historischer Rahmen
Mithraismus (der römische Mithras-Kult; lateinisch cultus Mithrae) ist eine ausschließlich Männern offenstehende Mysterien- (mysteria) und Initiationsreligion, die sich im Römischen Reich von etwa dem Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. bis zum Ende des 4. Jahrhunderts ausbreitete. Im visuellen und gedanklichen Zentrum der Tradition stehen der Gott namens Mithras und die Tauroktonie (Stiertötung) genannte Szene, die seine Opferung eines kosmischen Stieres darstellt. Der Kult war in Form straff gefügter Gemeinden organisiert, die sich in kleinen, der Öffentlichkeit verschlossenen, unterirdischen oder halb unterirdischen Tempeln (Mithräum) versammelten; ihre Mitglieder stiegen Stufe um Stufe eine siebenstufige Initiationsleiter empor, die mit den Planeten in Verbindung gebracht wurde.
Der Mithraismus war einer der verbreitetsten und eigenständigsten Vertreter der Familie der antiken griechischen Mysterienreligionen im römischen Zeitalter. Er teilte dasselbe religiöse Klima mit den anderen „aus dem Osten stammenden" Mysterienreligionen wie dem Isis-Kult ägyptischen Ursprungs, den Kybele-Attis-Mysterien und den Bakchos-Feiern; jedoch unterscheidet ihn von all diesen Traditionen, dass er keinen literarischen heiligen Text hinterlassen hat und dass nahezu unser gesamtes Wissen aus der Ikonographie (Reliefs, Fresken, Statuen) und der Epigraphik (Inschriften) stammt. Darum stützt sich die zeitgenössische Deutung in großem Maße auf die Entzifferung der visuellen Symbolik und ist ihrer Natur nach bis zum Äußersten der wissenschaftlichen Debatte offen.
Der Ursprung des Gottesnamens reicht zu Mihr / Mitra in der iranisch-indischen Welt — dem Gott des Vertrages, der Aufrichtigkeit, des Lichts und der Sonne. Dieses Herkunftsband hat die Frage aufgeworfen, ob der römische Kult unmittelbar aus dem Zoroastrismus hervorgeht, und so eine der schwierigsten Debatten der Kultforschung in Gang gesetzt. Wie unten ausgeführt wird, erkennt die heutige maßvolle Auffassung an, dass der Name und das Prestige aus Iran entlehnt wurden, der Inhalt der Religion aber im Wesentlichen in der römisch-hellenistischen Welt Gestalt annahm.
Das Quellenproblem: Eine schweigende Religion
Das auffälligste Merkmal des Mithraismus ist, dass er eine „schweigende" Religion ist. Kein theologisches Handbuch, keine Hymnensammlung, kein Ritualleitfaden ist auf uns gekommen. Darum wissen wir nicht unmittelbar, wie die Mithras-Initianden ihren eigenen Glauben erzählten, welche Mythen sie sich zu eigen machten und was sie in ihren Riten genau sprachen. Die uns vorliegenden Zeugnisse sind dreierlei Art:
- Ikonographie — das Tauroktonie-Relief im Brennpunkt jedes Mithräums; die Erzählszenen auf den Seitentafeln (das Kultmahl, die Geburt des Mithras aus dem Felsen, das Wasserwunder, der Vertrag mit Sol); die Planeten- und Tierkreismotive an Decken und Rahmen.
- Epigraphik — Weihinschriften; kurze Texte, die die Grade der Initianden, die Namen der „Väter" und die Anlässe der Weihungen angeben. Die Formel Deo Soli Invicto Mithrae („Dem unbesiegten Sonnengott Mithras") ist die am häufigsten anzutreffende Wendung.
- Äußere Quellen — die feindseligen Zeugnisse der christlichen Apologeten (besonders Justin der Märtyrer und Tertullian) sowie die mittelbaren Deutungen der neuplatonischen Autoren, allen voran das Werk Über die Nymphengrotte (De antro nympharum) des Porphyrios.
Diese Zeugnislage bildet einen scharfen Gegensatz zur Erforschung des Gnostizismus: Während die Gnostiker reiche Textkorpora wie Nag Hammadi hinterließen, hinterließen die Mithras-Initianden im Wesentlichen Stein, Putz und Geheimnis. Folglich ist alles, was als „Mithras-Theologie" dargeboten wird, in Wirklichkeit eine Rekonstruktion; der Kult wird zu einem lebendigen Laboratorium der Debatten der Symboltheorie. Der Deuter bringt, wenn er einer schweigenden Ikonographie Bedeutung beilegt, auch seine eigenen Annahmen mit ins Spiel; diese methodische Zerbrechlichkeit erfordert, dass alle Behauptungen über den Mithraismus mit Vorsicht gelesen werden.
Tauroktonie: Die Ikonographie der Stiertötung
Das visuelle Herz des Kults ist die Tauroktonie. Die Komposition der Szene wiederholt sich von einem Ende des Reiches zum anderen mit erstaunlicher Beständigkeit: Der junge Mithras, der eine phrygische Mütze (Phrygian cap) trägt und dessen Mantel im Wind flattert, kniet mit dem linken Knie auf dem Rücken des Stieres, wendet seinen Kopf zurück und stößt mit der rechten Hand den Dolch in den Schultermuskel des Tieres. Das Gesicht des Mithras ist zumeist nicht dem Stier, sondern nach oben oder zur Seite gewandt — als erfüllte er widerwillig eine Aufgabe. Die festen Elemente, die die Szene umgeben, sind die folgenden:
- Hund und Schlange springen zu dem Blut hin, das aus der Wunde des Stieres fließt; beide scheinen einen Anteil an dieser lebenspendenden Flüssigkeit zu begehren.
- Der Skorpion klemmt mit seiner Zange die Hoden des Stieres; er zielt auf die Zeugungskraft.
- Der Rabe wird zumeist als Bote dargestellt, der mit einem Strahlenbündel Mithras den „Befehl" übermittelt.
- Der Schwanz des Stieres verwandelt sich häufig in ein Ährenbündel; dies deutet an, dass aus dem Tod die Fruchtbarkeit hervorgeht.
- Zu beiden Seiten stehen zwei Fackelträgerfiguren, die Dadophoroi genannt werden: Cautes, der seine Fackel nach oben hält, und Cautopates, der sie nach unten hält.
- In den oberen Ecken befinden sich die Büsten von Sol (Sonne) und Luna (Mond); auf manchen Reliefs trägt Sol eine Strahlenkrone, Luna hingegen eine Mondsichel.
Für Franz Cumont, den ältesten Deuter dieser Szene, war die Tauroktonie eine römische Bearbeitung der iranischen Kosmologie: ein Schöpfungsmythos, in dem aus dem Blut des Stieres Pflanzen, Tiere und Fruchtbarkeit hervorsprießen. Doch haben die Elemente der Szene, die sich Punkt für Punkt mit der Sternkarte decken, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine ganz andere, astronomische Lesart herausgefordert. Ehe wir zu dieser Lesart übergehen, ist es nützlich, einen Blick auf die Seitenszenen zu werfen, die als „Erzählzyklus" der Szene bezeichnet werden; denn die Tauroktonie ist kein isoliertes Bild, sondern der Höhepunkt einer Erzählung.
Die Geburt des Mithras und der Erzählzyklus
Die Seitentafeln um die Tauroktonie erzählen Stück für Stück die „Lebensgeschichte" des Mithras. Auch wenn die Reihenfolge dieser Szenen von Mithräum zu Mithräum wechselt, gibt es einen wiederkehrenden Kern:
- Geburt aus dem Felsen (petra genetrix): Mithras wird mit nacktem Leib und einer Fackel in der Hand aus einem Felsen oder einem eiförmigen Stein geboren. Diese „Felsgeburt" (Petrogenesis) betont den kosmischen und überweltlichen Ursprung des Gottes; manchen Deutungen zufolge symbolisiert der Fels die Urmaterie des Universums.
- Wasserwunder: Mithras stößt seinen Pfeil in einen Felsen, und aus dem Felsen sprudelt Wasser; eine verdurstete Gestalt eilt zu diesem Wasser. Die Szene wird als eine Erzählung von Fülle und Errettung gelesen.
- Das Ergreifen und Tragen des Stieres (transitus): Mithras ergreift den Stier, lädt ihn sich auf den Rücken und trägt ihn mühevoll. Diese „transitus"-Szene gilt als das visuelle Gegenstück zur Reifung des Initianden durch Mühsal und Arbeit.
- Vertrag mit Sol und Mahl: Mithras und Sol kommen über dem Fell des Stieres zusammen; sie reichen einander die Hand (dexiosis) und essen gemeinsam. Dieses Kultmahl ist ein zentrales Ritual, das die Initianden regelmäßig wieder zum Leben erweckten.
- Himmelfahrt: In einer der letzten Szenen steigt Mithras auf den vierspännigen Wagen (quadriga) des Sol und fährt zum Himmel auf.
Dieser Erzählzyklus erinnert an die Ordnung der „Lebensszenen" in den christlichen Heiligendarstellungen; gleichwohl sind die Einzelheiten der Mithras-Erzählung nicht in einem Text, sondern allein im Stein verzeichnet. Die genaue Bedeutung der Szenen ließ sich erst durch die mündlichen Deutungen ergänzen, die aus dem Munde der Initianden zu hören gewesen wären — Deutungen, die uns heute verborgen sind.
Astronomisch-kosmische Deutung: Ulansey und Beck
Nahezu alle Figuren der Tauroktonie entsprechen bestimmten Sternbildern: der Stier (Taurus), der Hund (Canis Minor/Major), die Schlange (Hydra), der Skorpion (Scorpius), der Rabe (Corvus), die Ähre und die Weizenähre (Spica/Virgo), der Kultbecher (Crater). Diese Übereinstimmung hat den Gedanken hervorgebracht, die Tauroktonie könnte eine verborgene Sternkarte sein, und hat die Szene unmittelbar mit der Symbolik des Tierkreises in Verbindung gebracht. Überdies ist bemerkt worden, dass sich alle Sternbilder der Szene in einem bestimmten Gürtel des Himmelsäquators versammeln, besonders im Halbkreis zwischen dem Stier und dem Skorpion.
David Ulansey (The Origins of the Mithraic Mysteries, 1989) deutet Mithras als den personifizierten Gott des Phänomens der Präzession der Äquinoktien (precession of the equinoxes). Die von Hipparch im 2. Jahrhundert v. Chr. festgestellte Präzession ist das langsame Verschieben des Himmelspols und der Äquinoktialpunkte in einem gewaltigen Zyklus von etwa 26.000 Jahren. Ulansey zufolge symbolisiert die Tötung des Stieres den Übergang des Frühlingsäquinoktiums vom Sternzeichen Stier zum Sternzeichen Widder, also das Ende des „Stier-Zeitalters"; Mithras hingegen ist ein Wesen, das jenseits der Sterne steht und den ganzen Kosmos drehen kann, mächtig genug, um die Sternbilder von der Stelle zu rücken. Ulansey stützt diesen Gedanken auf die Verbindung des Kults mit den stoischen Kreisen Kilikiens (Tarsus); denn die Tradition, die die Präzession entdeckte, und die stoische Kosmologie trafen sich in derselben Region.
Roger Beck (The Religion of the Mithras Cult in the Roman Empire, 2006) errichtet ein maßvolleres und systematischeres Modell. Beck zufolge ist das Mithräum selbst als ein „Abbild des Universums" (imago mundi) entworfen; die Seele des Initianden steigt innerhalb der symbolischen Architektur des Tempels empor, indem sie die Planetensphären durchquert. Beck begründet die Verbindung zwischen den Planeteneinflüssen und den sieben Graden im Rahmen der spätantiken Astrologie und des neuplatonischen Seelenaufstiegs (anabasis). Diese Lesart nähert den Mithras-Kult strukturell dem Schema der „Rückkehr zum Einen" in der Tradition des Plotin und des Nous und dem Theurgie-Verständnis des Iamblichos an. Beck legt überdies dar, dass die „Sprache der Sternkarte", in der jede Figur der Szene sowohl einem Sternbild als auch einer planetaren Eigenschaft entspricht, den Initianden als eine Art kosmischer Geheimschlüssel gelehrt wurde.
Beide Deutungen stellen die Präzession und die Himmelsmechanik in den Kern der Kultsymbolik; der Punkt, an dem sie sich trennen, ist die Frage, welche kosmische Macht Mithras repräsentiert. Für Ulansey ist Mithras der Urheber der Präzession; für Beck hingegen ein Führer, ein Psychopompos, der die Seele entlang der Planetensphären erhebt. Beide Ansätze sind umstritten und wurden kritisiert; doch legen sie beide zusammen dar, dass der Mithraismus kein bloßer Fruchtbarkeitskult, sondern eine zutiefst astrale Spiritualität war.
Mithräum: Der Höhlentempel
Der Kultort, das Mithräum (Plural: Mithräa), ist ein Bauwerk mit niedriger Decke, eng, schummrig und zumeist feucht, das bewusst eine Höhle (spelaeum) nachahmt. Sein Grundriss ist typisch: in der Mitte ein Durchgang, zu beiden Seiten erhöhte Bänke (podia), auf denen die Initianden liegend am Kultmahl teilnahmen, und am Ende, im obersten Winkel, das Tauroktonie-Relief. Die Decke ist häufig mit Sternen, bisweilen auch mit Tierkreiszeichen geschmückt; so wird der Raum zu einem Miniaturmodell des Universums. Wenn der Initiand in das Mithräum eintritt, hat er symbolisch einen Schritt in den Kosmos hinein getan; zum obersten Winkel zu gehen, heißt, sich auf eine Reise zwischen den Sternen zu begeben.
Die Höhlensymbolik wird in der Abhandlung Über die Nymphengrotte des Porphyrios philosophisch ausgedeutet: Die Höhle ist sowohl das Bild des materiellen Universums als auch des Herabstiegs der Seele in den Leib; ihre zwei Tore repräsentieren die Wege des Herabstiegs der Seelen in die Welt und ihres Ausgangs aus der Welt. Diese Deutung deckt sich mit dem Prinzip „wie oben, so unten" und mit der Mikrokosmos-Makrokosmos-Lehre der hermetischen Kosmologie, besonders des Corpus Hermeticum. Die Mithräa sind klein; die meisten fassen nur 20 bis 40 Personen. Diese Enge beweist, dass der Kult keine an breite Massen gerichtete Volksreligion, sondern eine straff gefügte Initiationsgemeinde war. In Rom, Ostia, Londinium (London), Dura-Europos, Aquincum und an den Grenzlinien von Rhein und Donau sind Hunderte von Mithräa ausgegraben worden; manche von ihnen sind mit ihrem gesamten Boden, ihrem Relief und ihrer Inschrift erstaunlich gut erhalten geblieben.
Die sieben Initiationsgrade und die Planeten
Der Mithraismus stützte sich auf eine aufsteigende siebenstufige Hierarchie. Ein Brief des heiligen Hieronymus und besonders das Bodenmosaik des Felicissimus-Mithräums in Ostia reihen diese Grade und ihre planetaren „Beschützer" auf. Die Zentralität der Sieben bindet den Kult hier sowohl an die Zahlensymbolik als auch an das klassische Schema des Seelenaufstiegs, der durch die sieben Planetensphären führt:
| Grad | Lateinischer Name | Symbol und Eigenschaft | Planetarer Beschützer |
|---|---|---|---|
| 1 | Corax (Rabe) | Bote; geflügelter Gesandter; erste Schwelle | Merkur |
| 2 | Nymphus (Bräutigam) | Verschleierte „Braut"; Reinheit und Hingabe | Venus |
| 3 | Miles (Soldat) | Kampf; das Versiegeln der Stirn (signum) | Mars |
| 4 | Leo (Löwe) | Element des Feuers; Reinigung mit Honig | Jupiter |
| 5 | Perses (Perser) | Ernte; Sichel; Schutzfunktion | Mond |
| 6 | Heliodromus (Sonnenläufer) | Vertreter des Sol auf Erden | Sonne |
| 7 | Pater (Vater) | Führer der Gemeinde; Stellvertreter des Mithras | Saturn |
Die Zuordnung der Grade zu den Planeten war nicht willkürlich. Der Initiand reinigte auf jeder Stufe, indem er durch das „Tor" einer Planetensphäre schritt, seine Seele ein wenig mehr von der Schwere der Materie; im obersten Grad, also als Pater, gelangte er zur äußersten Sphäre des Kosmos, zu Saturn. Dieses Modell des psychischen Aufstiegs verbindet die Leitmotive des inneren Lichts und der Erleuchtung mit der Himmelsmechanik. Wegen der Beziehung des Grades Leo zum Feuer wissen wir, dass die Löwen nicht mit Wasser, sondern mit trockenen und süßen Substanzen wie Honig gereinigt wurden; selbst diese kleine Einzelheit zeigt, wie sorgfältig die symbolische Stimmigkeit zwischen den Graden ausgearbeitet war. Jeder Übergang zu einem Grad enthielt höchstwahrscheinlich eine ihm eigene Zeremonie, ein Losungswort und eine Prüfung; an manchen Mithräums-Wänden sind denn auch kurze Segensformeln erhalten, die zu den Graden gehören.
Die Unterscheidung zwischen den zwei unteren Graden (Corax und Nymphus) und den drei oberen Graden weist manchen Forschern zufolge auf eine Grenze zwischen den „Dienenden" und den „vollen Initianden" hin; man nimmt etwa an, dass diejenigen im Grad Corax beim Kultmahl dienten, die höheren Grade hingegen bei Tisch lagen. So war die siebenstufige Leiter nicht nur ein geistiger Aufstieg, sondern auch eine gesellschaftliche Struktur, die das alltägliche Wirken der Gemeinde ordnete.
Cautes, Cautopates und die Doppelsymbolik
Die Fackelzwillinge, die zu beiden Seiten der Tauroktonie stehen, Cautes (Fackel nach oben) und Cautopates (Fackel nach unten), tragen eine der dichtesten Schichten der Kultsymbolik. Die verbreitetste Deutung ist, dass die beiden entgegengesetzte, aber einander ergänzende kosmische Pole repräsentieren:
- Die Fackel nach oben (Cautes) — die aufgehende Sonne, das Frühlingsäquinoktium, Geburt, Licht, Wärme.
- Die Fackel nach unten (Cautopates) — die untergehende Sonne, das Herbstäquinoktium, Tod, Finsternis, Kälte.
Mithras selbst steht in der Mitte dieser beiden Pole als dritter und vereinender Begriff; manche Deuter setzen ihn mit der Mittagssonne, also mit dem höchsten Punkt, gleich. Diese dreigliedrige Ordnung ist eine visuelle Zusammenfassung des kosmischen Kreislaufs — Geburt, Höhepunkt und Untergang — und hallt die universelle Polarität in den Themen der Schöpfung und des Lichts wider. Cautes und Cautopates werden bisweilen auch mit den Sternzeichen Stier und Skorpion in Verbindung gebracht, also mit den Sternbildern des Frühlings- und des Herbstäquinoktiums; dies zeigt, wie sehr sie sich mit der astronomischen Deutung verschränken.
Sol Invictus und die Sonnentheologie
Mithras wird in den Inschriften häufig mit Sol Invictus („unbesiegte Sonne") gleichgesetzt oder in einer sehr engen Beziehung zu ihm dargeboten; die Formel Deo Soli Invicto Mithrae ist der deutliche Beweis dieser Verschmelzung. In einer der Szenen des Erzählzyklus reichen Mithras und Sol einander bei einem Mahl die Hand oder essen gemeinsam; dies symbolisiert das Bündnis zwischen den beiden Gestalten und vielleicht die Überlegenheit des Mithras über Sol. Auf manchen Reliefs lässt Mithras Sol niederknien und erteilt ihm gleichsam einen Auftrag; in anderen Szenen hingegen werden die beiden Seite an Seite, freundschaftlich dargestellt.
Dass Kaiser Aurelian im Jahr 274 n. Chr. einen offiziellen Sol-Invictus-Kult begründete, ist der Widerhall der Mithras-Sonne-Gleichsetzung auf der Ebene des Reiches. Gleichwohl wäre es irreführend, Sol Invictus und Mithras völlig gleichzusetzen: Sol Invictus ist eine weitere, öffentliche und staatlich geförderte Sonnentheologie; Mithras hingegen ist die besondere, initiatische und geheime Seite dieses Sonnengottes innerhalb der Mysterienreligion. Diese starke Sonnenbetonung bringt den Kult mittelbar mit der Lichttheologie Ahura Mazdas und mit den Motiven des Hervortretens aus dem Licht in Verbindung; doch ist diese Beziehung weniger eine unmittelbare Übertragung einer Doktrin als vielmehr das Teilen einer gemeinsamen symbolischen Sprache.
Die Debatte über die Beziehung zum iranischen Mithra
Das hitzigste Problem der Kultforschung ist dieses: Ist der römische Mithras eine unmittelbare Fortsetzung des iranischen Gottes Mithra/Mihr, oder ist er eine im Wesentlichen römisch-hellenistische Neuerfindung, die nur seinen Namen und einige Anklänge entlehnt?
- Kontinuitätsthese (Cumont): Franz Cumont (Textes et monuments figurés relatifs aux mystères de Mithra, 1896–1899) sah den Kult als eine nach Westen ausgewanderte Form des iranischen Mazdaismus. Ihm zufolge waren die Avesta-Texte und die zoroastrische Kosmologie der „Schlüssel" zur römischen Ikonographie; selbst die Tauroktonie sei aus einer Erzählung vom Urstier in der iranischen Mythologie hervorgegangen.
- These der Diskontinuität und der Neuerung (moderner Konsens): Seit dem Manchester-Kongress von 1971 vertreten die meisten Fachleute — allen voran Roger Beck, Manfred Clauss und Robert Turcan —, dass der iranische Name und einige Anklänge bewahrt wurden, der römische Kult aber mit seiner astronomischen Tauroktonie, seiner siebenstufigen Initiation und seiner Höhlentempel-Struktur im Kern ein neues und im Westen geformtes Phänomen ist. Die stärkste Stütze dieser These ist, dass sich in den Quellen zum iranischen Mithra die Szene der Stiertötung überhaupt nicht findet; dabei steht diese Szene im genauen Zentrum des römischen Kults.
Die heutige ausgewogene Auffassung errichtet zwischen den beiden einen Mittelweg in der Form „Kontinuität des Namens und des Prestiges, Neuheit des Inhalts". Diese Debatte ist ein schönes Beispiel der Spannung zwischen dem perennialistischen Ansatz der „vielen Formen der einen Wahrheit" und dem historisch-philologischen Ansatz der „kontextuellen Eigenständigkeit". Auch die vergleichende Religionsphänomenologie von Mircea Eliade erörtert dieses zwiespältige Erbe: einerseits die archaischen iranischen Wurzeln des Mithras-Namens, andererseits die völlig eigene symbolische Architektur des römischen Kults. Dass die Debatte heute noch andauert, ist eine unmittelbare Folge der tiefgreifenden Schwierigkeit, eine schweigende Religion zu deuten.
Verbreitung im römischen Heer und gesellschaftliche Struktur
Die geographische Verteilung des Mithraismus deckt sich mit dem Netz der Garnisonen des römischen Heeres und der großen Handelswege. Eine Häufung von Mithräa fällt besonders an den Grenzlinien von Rhein und Donau (Germania, Pannonia, Dacia), in der Hafenstadt Ostia und in der Hauptstadt Rom auf. Auch in den Militärlagern, die sich entlang des Hadrianswalls in Britannia reihen, sind zahlreiche Beispiele gefunden worden. Unter den Initianden überwiegen Legionäre, Offiziere, Zollbeamte, Staatssklaven, Freigelassene und Kaufleute; Mitglieder aus dem Senatorenstand hingegen sind verhältnismäßig selten, und die meisten gehören der Spätzeit an.
Zu den Gründen, weshalb sich der Kult so gut an die Welt der Soldaten anpasste, lassen sich die Zentralität des Grades Miles (Soldat), die Werte der Treue und der Kameradschaft, die Verschwiegenheit und die disziplinierte Hierarchie zählen. Für die an den Grenzlinien dienenden, beständig versetzten Soldaten bot der Mithras-Kult eine tragbare geistige Heimat, in der sie, wohin sie auch gingen, dieselben Symbole und dasselbe Band der Bruderschaft finden konnten. Der Kult gehörte zu den seltenen Mysterienreligionen, die die Frauen ausschlossen; auch dies unterscheidet ihn vom Isis-Kult und von den Eleusinischen Mysterien, an denen Frauen wirksam teilnahmen. Da die Gemeinden klein und autonom waren, entwickelte sich nie eine zentrale „Kirche" oder eine bindende Orthodoxie; jedes Mithräum wirkte unter der Führung seines eigenen Pater verhältnismäßig unabhängig. Diese lokale Autonomie führte auch dazu, dass von Region zu Region kleine ikonographische Unterschiede entstanden.
Verschwiegenheit, Initiation und Ritual
Das gemeinsame Prinzip aller Mysterienreligionen ist die Unaussprechlichkeit (arrheton) der Erfahrung und das Geheimnis, das den Initianden mit einem Eid auferlegt wird. Es gibt sowohl ikonographische als auch literarische Andeutungen dafür, dass die Anwärter in der Mithras-Initiation verschiedene Prüfungsrituale durchliefen: symbolische Todesszenen, Erfahrungen von Furcht und Finsternis, Erprobungen des Ausharrens in Kälte oder Hunger. Die Freskenreihe im Mithräum von Capua zeigt Initianden mit verbundenen Augen, nackt, kniend oder auf dem Boden ausgestreckt; diese Bilder weisen auf eine Art symbolische Reihe von Tod-Wiedergeburt-Zeremonien hin. Die geschriebenen Gebete im Mithräum von Santa Prisca wiederum enthalten Zeilen, die erzählen, dass die Initianden „errettet" und „wiedergeboren" wurden.
Das Kultmahl — Brot und das Getränk im Becher (höchstwahrscheinlich Wein oder eine Wein-Wasser-Mischung) — und die Reinigungsriten bildeten die regelmäßige Praxis des Kults. Dieses Mahl war die irdische Wiederbelebung des Mahles von Mithras und Sol über dem Stierfell. Das Muster des initiatischen Tod-Wiedergeburt ist eine gemeinsame mystische Grammatik, die mit Eleusis und den anderen Mysterienreligionen geteilt wird; es deckt sich auch mit der hermetischen Aufstiegslehre und den Leitmotiven der inneren Erleuchtung. Der Gedanke, durch einen symbolischen Tod eine tiefgreifende Verwandlung zu erfahren, stellt den Mithraismus in eine weitere Initiationsphänomenologie; diese Phänomenologie weist auf eine universelle religiöse Struktur hin, die in höchst unterschiedlichen Kulturen ähnliche Muster hervorbringt.
Vergleichende Perspektive
Es ist weit fruchtbarer, den Mithraismus nicht als eine isolierte Sonderbarkeit, sondern als ein Mitglied der Familie der spätantiken Mysterienreligionen zu betrachten. Die folgende Tabelle vergleicht vier Traditionen in neutraler Weise im Hinblick auf die Maßstäbe der Mysterienreligion:
| Maßstab | Mithraismus | Eleusinische Mysterien | Zoroastrismus (Iran) | Frühes Christentum |
|---|---|---|---|---|
| Zentrale Gestalt | Mithras (Stieropfer) | Demeter und Persephone | Ahura Mazda / Zarathustra | Jesus Christus |
| Kultort | Höhlentempel (Mithräum) | Telesterion (Eleusis) | Feuertempel | Hauskirche, später Basilika |
| Initiation | Siebenstufig, eidlich gebundenes Geheimnis | Mehrstufig, Geheimnisschwur | Durch Geburt plus rituelle Gürtung | Taufe |
| Geschlechterzugang | Nur Männer | Frau und Mann | Frau und Mann | Frau und Mann |
| Kosmologie | Astral, Planetenaufstieg | Landwirtschafts- und Jahreszeitenzyklus | Dualistisch: Licht-Finsternis | Monotheistische Erlösung |
| Texttradition | Keine; vollständig ikonographisch | Begrenzt | Avesta-Korpus | Evangelium |
Dieser Vergleich hebt die Eigenständigkeit des Mithraismus — sein Schweigen, sein astrales Schema, seine ausschließlich Männern offenstehende Struktur — hervor und macht zugleich gemeinsame mystische Muster wie „Tod-Wiedergeburt" und „Erlösung durch geheimes Wissen" sichtbar. Die Parallelen in den Themen der Schöpfung und des Lichts weisen auf das Vorhandensein einer gemeinsamen symbolischen Sprache zwischen den Traditionen hin; jedoch speisen sich diese Parallelen zumeist weniger aus einer unmittelbaren historischen Abstammung als vielmehr aus einem gemeinsamen religiös-kulturellen Klima. Der Wert des Vergleichs liegt darin, die Unterschiede nicht auszulöschen, ohne die Ähnlichkeiten zu übertreiben.
Die Debatte über die Parallele zum Christentum (Neutral)
Seit dem 19. Jahrhundert haben manche Autoren behauptet, zwischen dem Mithras-Kult und dem frühen Christentum fänden sich frappierende Parallelen: ein gemeinsames Mahl (Brot und Becher), Symbole von Wasser und Reinigung, eine starke Lichttheologie, eine Sonnenfeier nahe dem 25. Dezember. Die moderne Wissenschaft ist in dieser Frage deutlich vorsichtig und bringt die folgenden Vorbehalte zum Ausdruck:
- Ein bedeutender Teil der Parallelen sind unabhängige Ähnlichkeiten, die daraus hervorgehen, dass die beiden Religionen dasselbe spätantike mediterrane Klima teilen; Parallele heißt nicht Entlehnung.
- Dass christliche Autoren wie Tertullian die Mithras-Riten als eine „Nachahmung des Teufels" beschuldigten, zeigt, dass die Ähnlichkeiten schon in jenem Zeitalter bemerkt wurden; doch ist diese Beschuldigung nicht der Beweis einer unmittelbaren Beeinflussung, sondern höchstens der Konkurrenz.
- Die Chronologie ist oftmals ungewiss; welches Element in Wirklichkeit zuerst kam, lässt sich mit den uns vorliegenden Quellen nicht mit Sicherheit feststellen.
Aus diesem Grund werden reduktionistische Behauptungen von der Art „das Christentum entstand in Wirklichkeit aus dem Mithraismus" von der ernsthaften Kultforschung nicht gestützt. Der zutreffendere Rahmen ist, dass sich beide Traditionen aus einem gemeinsamen symbolischen Repertoire speisten, sich aber als voneinander unabhängige Strukturen entwickelten. Diese neutrale Haltung muss auch bei vergleichenden Lesarten zu Themen wie der mystischen Dimension Jesu und der christlichen Mystik sorgfältig bewahrt werden; sensationelle „Kopie"-Diskurse verschatten sowohl die historische Wahrheit als auch die jeder der beiden Traditionen eigene Tiefe.
Philosophischer Zusammenhang: Neuplatonismus und kosmischer Aufstieg
Das Modell des Seelenaufstiegs des Mithraismus, der durch die Planetensphären führt, steht in tiefem Einklang mit der philosophischen Atmosphäre seines Zeitalters. Das Schema Plotins vom Herabstieg des Einen in die Vielheit und der Rückkehr zum Einen, die Lehre vom Nous (Göttlicher Intellekt) und das Theurgie-Verständnis (Vergöttlichung durch Ritual) des Iamblichos tragen eine frappierende strukturelle Parallele zum Aufstieg des Mithräums-Initianden durch die sieben Tore. Auch stoische Begriffe wie Logos spermatikos und Pneuma nähren den Gedanken eines dem Kosmos immanenten göttlichen Intellekts und Lebenshauchs und decken sich mit der astralen Sprache des Kults.
Diese philosophische Schicht befreit den Mithraismus davon, ein bloßer „Soldatenglaube" zu sein, und macht ihn zu einem unabtrennbaren Teil der spätantiken kosmischen Spiritualität. Die Höhlendeutung des Porphyrios ist der unmittelbare Zeuge dieser Philosophierung; die Ikonographie eines Mysterienkults konnte zum Gegenstand eines der feinsinnigsten neuplatonischen Texte der Epoche werden. Die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos und die astralen Symbole, die mit der Tradition des Hermes geteilt werden, machen den Mithraismus zu einem Mitglied derselben gedanklichen Familie wie die griechischen Mysterienreligionen und der Hermetismus. So erscheint der Kult nicht als ein grober Aberglaube, sondern als ein geistiges System, das mit den entwickeltsten kosmologischen Gedanken der Epoche zu sprechen vermochte.
Niedergang und Erbe
Am Ende des 4. Jahrhunderts ging der Mithras-Kult mit dem Aufstieg des Christentums zur offiziellen Religion des Reiches rasch zurück. Die Edikte des Theodosius, die die heidnischen Kulte verboten (391–392 n. Chr.), führten zur Schließung, zur Zerstörung oder zur Umwandlung der Mithräa in Kirchen. Dass unmittelbar über manche Mithräa Kirchen errichtet wurden — etwa das Mithräum, das heute noch unter der Basilika San Clemente in Rom zu sehen ist — symbolisiert das physische Ende des Kults auf eindrückliche Weise. An manchen Orten wurden die Reliefs bewusst zerschlagen, an anderen Orten hingegen wurden die Mithräa mit Schutt und Erde gefüllt und gleichsam begraben; das Eigentümliche daran ist, dass dank dieser Begrabung viele Tempel bis in unser Zeitalter bewahrt werden konnten.
Der Mithraismus erlosch, ohne einen unmittelbaren Erben zu hinterlassen; keine lebendige Tradition sieht sich als seine Fortsetzung. Gleichwohl bleiben seine astrale Symbolik, sein Schema des initiatischen Aufstiegs und das Bild der „unbesiegten Sonne" ein bleibender Gegenstand des Interesses in der Symboltheorie und in der vergleichenden Mystikforschung. In der modernen Zeit wurde der Kult sowohl auf akademischer Ebene (die kritische Tradition nach Cumont) als auch auf populärer Ebene (die Diskurse der Astrologie und des kosmischen Bewusstseins) wieder und wieder gelesen. Bei diesen Neulesarten ist große Vorsicht geboten: Die meisten der „gewissen" Erzählungen, die über den Mithraismus umlaufen, sind in Wirklichkeit Deutungen, die einer schweigenden Religion nachträglich übergestreift wurden. Die eigentliche Lehre der Tradition liegt vielleicht eben hier — ein in Stein gemeißeltes Schweigen ist zu einem Spiegel geworden, in dem jedes Zeitalter seine eigenen Fragen widerspiegelt.
Akademische Methode und Deutungsdebatten
Die tiefgreifendste Schwierigkeit, mit der die Forscher konfrontiert sind, die über den Mithraismus arbeiten, ist das Fehlen einer primären Erzählung, die die Bedeutung trägt. Außer den Reliefs in den Tempeln und den kurzen Weihinschriften gibt es nahezu keine Erläuterung, die uns aus den eigenen Stimmen der Initianden erreicht. Darum ist der Forscher, wenn er jede Szene deutet, die er sieht, beständig gezwungen, eine Lücke zu füllen; es wird oftmals schwierig, zu unterscheiden, wie viel seiner Analyse auf dem Stein und wie viel auf seinen eigenen Annahmen beruht. Dieser Umstand erklärt, weshalb die Debatten auf dem Gebiet so lange dauern und weshalb noch immer kein gewisser Konsens erreicht werden konnte.
Die wegweisenden Arbeiten Cumonts hatten anfangs eine unbestrittene Autorität erlangt; doch wurde seine iranzentrierte Lesart von den nachfolgenden Generationen Schritt für Schritt in Frage gestellt. Die Kritiker betonten, dass es methodisch bedenklich sei, dass Cumont, um die römischen Reliefs zu deuten, unmittelbar zu den iranischen Texten griff, weil die beiden kulturellen Zusammenhänge sich erheblich voneinander unterscheiden. Demgegenüber brachten die aufkommenden astronomischen Lesarten — besonders die Sternkartenanalysen — zwar einen frischen Atemzug, trugen aber in sich selbst die Gefahr, in eine Überdeutung abzugleiten. Heute machen sich die ausgewogenen Forscher weder eine starre iranische Kontinuität noch einen reduktionistischen Astronomismus zu eigen, der jede Einzelheit an die Sterne bindet; stattdessen ziehen sie einen maßvollen und vielschichtigen Ansatz vor, der das ikonographische Zeugnis, die Inschriften und die Architektur zusammen liest. So ist der Mithraismus zu einem wichtigen Prüffeld sowohl der Religionsgeschichte als auch des Methodenbewusstseins geworden.
Der gesellschaftliche Hintergrund der Verbreitung
Um die Verbreitung dieses Glaubens in alle Himmelsrichtungen des Reiches zu verstehen, muss man die Lebensbedingungen der Menschen, die ihn trugen, aus der Nähe betrachten. Die Soldaten, die in den Lagern an den Grenzlinien dienten, lebten zumeist Tausende von Kilometern von ihrer Heimaterde entfernt, umgeben von Völkern, die sie nicht kannten, mit einem beständigen Gefühl der Gefahr. In einem solchen Umfeld trug ein Band der Bruderschaft, das der Person ein festes Gefühl der Zugehörigkeit und der Solidarität verlieh, einen unschätzbaren Wert. Die Mithras-Gemeinschaft entsprach eben diesem Bedürfnis; sie verhieß einem müden Soldaten, in welche ferne Region er auch entsandt würde, dort die vertrauten Symbole, die ihn erwarteten, eine gemeinsame Sprache und Kameraden, denen er vertrauen konnte.
Die Anziehungskraft dieser Struktur rührte nicht nur daher, dass sie eine gefühlsmäßige Zuflucht bot. Die Ordnung der Grade, die den Initianden Schritt für Schritt emporhob, eröffnete ihm auch einen Weg der persönlichen Entwicklung und der Ehrung. Selbst ein gewöhnlicher Soldat konnte, indem er mit Geduld und Hingabe voranschritt, zur Stellung eines angesehenen Älteren der Gemeinschaft gelangen; er konnte zu einer Person werden, die anderen den Weg weist, die Zeremonien leitet und das Geheimnis bewahrt. Diese Möglichkeit war in der von einer starren Hierarchie beherrschten Welt des Militärs besonders bedeutsam; denn sie bot der Person eine ganz eigene Reihe von Stufen, auf der sie, unabhängig von ihrer von Geburt an gegebenen gesellschaftlichen Stellung, aus eigener Anstrengung emporsteigen konnte. So wirkte der Kult sowohl als ein Punkt der Flucht als auch als eine Quelle der Hoffnung.
Dass er sich auch unter Kaufleuten, Zollbeamten und freigelassenen Sklaven verbreitete, zeigt eine andere Seite derselben Logik. Für diese Menschen, die auf den Wegen umherzogen, beständig den Ort wechselten und zumeist am Rande der Gesellschaft standen, war eine vertraute geistige Heimat, die sie finden konnten, wohin sie auch gingen, ein sowohl praktisches als auch seelisches Bedürfnis. Dass die Gemeinschaften klein und nah waren, erleichterte das Knüpfen straffer Bande zwischen den Mitgliedern; diese Nähe festigte auch die Bewahrung der nach außen verschlossenen Geheimnisse. So schlug der Glaube nicht mit prachtvollen Bauwerken, sondern mit einem geteilten Geheimnis und einer aufrichtigen Hingabe, still, aber tief, Wurzeln.
Über die Schichten der Symbolik
Die Symbolwelt der Tradition ist zu vielschichtig, als dass sie sich mit einem einzigen Schlüssel öffnen ließe, und vielleicht rührt eben daher ihre eigentliche Kraft. Dieselbe Stierszene wurde in manchem Auge als eine Erzählung von Fruchtbarkeit und Erneuerung gelesen, während sie in einem anderen Auge als eine kosmische Karte erschien, die das Sich-Drehen des Himmels erzählt. Diese Mehrdeutigkeit erscheint nicht als ein Mangel, sondern im Gegenteil als ein bewusster Reichtum; denn jeder Initiand konnte je nach seinem eigenen Reifegrad und den Deutungen, die er empfangen hatte, in derselben Szene eine andere Tiefe finden. Die Szene, die für einen Anfänger eine visuelle Erzählung war, verwandelte sich für einen Fortgeschrittenen in ein Fenster, das sich zur verborgenen Ordnung des Universums öffnete.
Die beständige Wiederholung gegensätzlicher Paare wie Licht und Finsternis, Geburt und Untergang, Aufstieg und Abstieg webt das Gewebe dieser Symbolwelt. Vom Gegensatz der zwei Fackelfiguren über das Nebeneinanderstehen von Sonne und Mond, von der Finsternis der Höhle bis zum Glanz der Sterne an der Decke spiegelte jede Einzelheit die zweifache, aber ausgewogene Ordnung des Kosmos wider. Während der Initiand inmitten dieser Gegensätze schritt, lernte er gleichsam auch, die Spannungen in seiner eigenen inneren Welt zu einem Einklang zu bringen. Der Gott in der Mitte der Szene stand als ein drittes Prinzip da, das all diese Gegensätze zusammenbringt, sie übersteigt und vereint; auch dies legt das vereinende Wesen der Tradition offen, das die verstreuten Symbole auf einer einzigen Bedeutungsachse versammelt.
Geistige Bedeutung und Würdigung
Allen diesen Ungewissheiten zum Trotz erscheint der geistige Rahmen, den die Mithras-Tradition bietet, erstaunlich stimmig. Wenn der Initiand seinen Schritt in eine dunkle und enge Höhle hineinsetzte, begab er sich in Wirklichkeit auf eine Reise zu den Tiefen seiner eigenen inneren Welt und zur verborgenen Ordnung des Universums. Die siebenstufige Leiter lehrte ihn Stufe um Stufe, sich zu reinigen, zu reifen und Verantwortung zu übernehmen; jede Stufe erforderte eine tiefere Hingabe, die auf der vorhergehenden errichtet war. Diese Struktur verband den Glauben, dass die Seele zwischen den Sternen hindurch zu ihrer ursprünglichen Heimat zurückkehrt, mit alltäglicher Disziplin und brüderlicher Solidarität.
Dass die Tradition ausschließlich Männern offenstand, ihre enge Gemeindestruktur und ihre straffe Verschwiegenheit erschweren es, sie nach zeitgenössischen Maßstäben zu beurteilen; doch verliehen diese Merkmale in ihrem historischen Zusammenhang den an den Grenzlinien verstreuten, beständig in Gefahr befindlichen Menschen ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit und des Sinns. Der Mithras-Kult lebte nicht mit prachtvollen Tempeln oder volkreichen Riten, sondern mit einem stillen Geheimnis, das in kleinen Gemeinschaften geteilt wurde. Vielleicht fährt er eben darum auch nach Jahrhunderten fort, die Einbildungskraft der Menschen anzuregen: Jene schweigende Stierszene, in den Stein gemeißelt, lässt jeden, der sie betrachtet, mit seinen eigenen Fragen allein und bleibt so ein Rätsel, das jede Generation aufs Neue entdeckt. Den Mithraismus zu untersuchen, heißt letztlich, nicht nur eine alte Religion zu verstehen, sondern auch, wie beharrlich und vielgesichtig die Sinnsuche des Menschen ist.