Leben nach dem Tod — im Vergleich

OBE — Außerkörperliche Erfahrung (Out-of-Body Experience)

Erlebnis, in dem das Bewusstsein sich selbst oder seine Umgebung von einer vom Körper unabhängigen Position aus wahrnimmt; ein weites Vergleichsfeld, das von Erzählungen der Astralreise bis zur Labor-Neurowissenschaft, vom sufischen Sair-i âfâqî bis zum vedischen Vyāna reicht.

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Definition und konzeptueller Rahmen

Die Außerkörperliche Erfahrung (englisch out-of-body experience — OBE) ist die Bezeichnung für jene Erlebnisklasse, in der eine Person berichtet, ihr bewusstes Gewahrsein nehme sich selbst oder seine Umgebung von einer vom physischen Körper getrennten Position aus wahr. Die klinische Definition umfasst drei Grundmerkmale des Erlebnisses: (1) eine Blickrichtung von außerhalb des Körpers, (2) das Sehen des eigenen Körpers von außen (Autoskopie), (3) das Gefühl, das Bewusstsein bewege sich körperlos oder „feinstofflich-leiblich".

Die OBE ist ein häufiger Bestandteil der NDE — das 6. Element in der Moody-Greyson-Liste. Doch nicht jede OBE ist eine NDE: Spontane OBE können auch an der Schlafgrenze, bei tiefer Erschöpfung, unter Narkose, in der Meditation oder ganz ohne Auslöser eintreten. Die Umfragen von Kohr-Gabbard und Sannwald in Deutschland (1968–72) zeigten, dass etwa 10 % der Allgemeinbevölkerung im Laufe ihres Lebens mindestens einmal eine OBE berichten; neuere Meta-Analysen siedeln diesen Anteil zwischen 5 und 10 % an.

Die OBE-Terminologie fand mit Charles Tarts Aufsätzen im Journal of the American Society for Psychical Research von 1968 und sodann mit Robert Monroes Journeys Out of the Body (1971) Eingang in die moderne Psychologie. Das Monroe-Institut, das Monroe in der Nähe von Charlottesville (Virginia) gründete, wurde die erste säkulare Einrichtung, die die OBE systematisch erforschte, und ist für Anwendungen bekannt, die veränderte Bewusstseinszustände auslösen, wie etwa die Klangtechnologie Hemi-Sync.

In den überlieferten Sprachen gibt es zahlreiche Entsprechungen der OBE: Astralreise (Theosophie), Sair-i âfâqî (sufische horizontale Reise), Bilokation (christliche Hagiographie), Vyāna oder liṅga-śarīra (vedisch-yogisch), schamanische Reise (Übergänge zwischen Grau-Erden- und Oberwelt). Der Vergleich dieser Notiz schließt auch die Debatte ein, ob das Erlebnis eine überkulturelle Wirklichkeit oder ein innerhalb der Kultur bedeutsam gewordenes neurologisches Motiv darstellt.

Historischer Hintergrund

Schriftliche Spuren der OBE finden sich mindestens in ägyptischen Texten des 2. Jahrtausends v. Chr.; die Konzepte ka (lebendiges Seelen-Ebenbild) und ba (Vogel-Seele) setzen voraus, dass es einen vom Körper trennbaren Bestandteil der Person gibt. Die Seelenphilosophie in Platons Phaidon, die Schilderungen der „Reise nach innen" in den Enneaden Plotins, Texte wie der gnostische Perlenhymnus sind Variationen über dasselbe Thema.

In der christlichen Hagiographie ist die Bilokation (das gleichzeitige Gesehenwerden an zwei Orten) in den nachneutestamentlich-außerkanonischen Aufzeichnungen verbreitet: Zu den Berichterstattern der Bilokation zählen im 6. Jahrhundert der heilige Severin und im 20. Jahrhundert Padre Pio. In der islamischen Hagiographie ist dasselbe Motiv unter dem Namen tayy-i makân und tayy-i zamân bekannt; es wird von Seyyid Burhâneddin Tirmidhî, in den bektaschitischen Heiligenviten von Hâdschî Bektâsch Velî und von vielen Namen in der anatolischen Heiligen-(Evliyâ-)Literatur überliefert.

In den tibetischen und tantrischen Traditionen ist die Gestalt des delog („gestorben und zurückgekehrt" — Bardo-Wanderer) seit Jahrhunderten als geistige Befähigung zur kontrollierten OBE anerkannt. Im Schamanismus ist die schamanische Reise — der Übergang des Bewusstseins, begleitet vom Trommelrhythmus, in die Oberwelt oder die Unterwelt — die Folklore-Wurzel der modernen OBE-Forschung; Mircea Eliades Schamanismus: Archaische Techniken der Ekstase (1951) ist die klassische Referenz dieser Parallele.

Im modernen Westen popularisierte die Theosophie (1875 von H. P. Blavatsky gegründet) die Sprache von Astralleib und Astralreise. Werke wie The Astral Plane (1895) von C. W. Leadbeater systematisierten die sogenannte Astralreise-Praxis und pfropften sie zugleich auf die Terminologie des hinduistischen Yoga (besonders Kundalini und Chakra).

Die kanonischen Motive

Die in OBE-Berichten wiederkehrenden Elemente (der gemeinsame Kern von Tart 1968, Monroe 1971, Buhlman 1996 und der nachfolgenden Literatur):

  1. Trennungsgeräusch — Sausen, Summen, Vibration
  2. Gefühl des Heraustretens aus dem Körper — Emporschweben, seitliches Rollen, Sichneigen
  3. Sehen des eigenen Körpers von außen (Autoskopie)
  4. Silberne Schnur (silver cord) — das Band, das den Körper mit dem feinstofflichen Leib verbindet; ein Motiv der theosophischen Literatur, in modernen Berichten zu 15–20 %
  5. Schnelle Reise — Ortswechsel in Gedankengeschwindigkeit
  6. Durchlässigkeit — das Hindurchgehen durch Wände und Glas
  7. Farbenreiche, überscharfe Wahrnehmung — eine von der alltäglichen Wahrnehmung verschiedene Schärfe
  8. Begegnung — andere Wesen, Verstorbene oder Wanderer „derselben Ebene"
  9. Rückkehrauslöser — ein Geräusch, eine Berührung oder ein willentlicher Entschluss

Monroe gliedert das Erlebnis typologisch in drei „Locales": Locale I (die physische Ebene — die Person sieht ihr eigenes Zimmer von außen), Locale II (die Traum-/Vorstellungsebene), Locale III (eine parallele Wirklichkeit).

Topographie und Übergänge

Der Augenblick der Trennung

Der Beginn der OBE beginnt in den meisten Berichten mit Vibration — das Phänomen, das Monroe „vibrational state" nennt. Robert Crookall (The Study and Practice of Astral Projection, 1961) verzeichnet in seiner Sammlung Hunderter Fälle denselben Vibrations-Vorläufer. Aus neurophysiologischer Sicht überschneidet sich dies mit den Schwankungen des Muskeltonus, die im Übergang zwischen Schlaf und Wachsein (besonders in hypnagogen und hypnopompen Zuständen) beobachtet werden.

Der feinstoffliche Leib

Das „Gefährt", in das sich das Bewusstsein während des Erlebnisses begibt — in theosophischer Sprache der Astralleib, in der Sprache der Vedânta sūkṣma-śarīra (der feinstoffliche Leib), in der Sprache des Sufismus der rûh-i nafsânî oder die überleiblich-leibliche Erscheinung der Latâʾif, im Tibetischen der Yidam-Leib oder der prāṇa-Leib — wird je nach Person in unterschiedlichem Gewicht, unterschiedlicher Geschwindigkeit und Farbe geschildert.

Die Begegnungsebenen

Hinsichtlich des „Ortes", an den die OBE führt, bieten die Berichte drei Hauptkategorien:

Geistiger Leib und Bewusstsein

In der klassischen sufischen Anthropologie lässt sich der menschliche Leib als ein Bündel von vier Leibern lesen (in der Synthese von Schuons De l'Unité Transcendante des Religions):

  1. Badan-i qâlib — der physische Leib
  2. Badan-i mithâl — der imaginale Leib (in Träumen und OBE aktiv)
  3. Badan-i arwâh — der seelisch-geistige Leib
  4. Badan-i sirr — der Leib des Geheimnisses; der Zustand der vollständigen Vereinigung

Die OBE wird in diesem Schema als eine vorübergehende Verselbständigung des badan-i mithâl gelesen. In der Latâʾif-Lehre Nadschm ad-Dîn Kubrâs und ʿAlâʾ ad-Daula as-Simnânîs (Herz, Geheimnis, Geist, Verborgenes, Verborgenstes) trägt jede feinstoffliche Anlage (latîfa) eine eigene Farbe und Schwingung; aus welcher latîfa OBE-artige Erfahrungen kommen, bestimmt die geistige Stufe des Erlebnisses (siehe Latâʾif).

Im vedisch-yogischen Schema ist das System der pañca-koscha (fünf Hüllen) eine Parallele: anna-maya (physisch), prāṇa-maya (Lebens-Atem), mano-maya (geistig), vijñāna-maya (unterscheidende Erkenntnis), ānanda-maya (Glückseligkeit). Die OBE ereignet sich typischerweise an der Grenze zwischen prāṇa-maya und mano-maya; Erlebnisse, die nach dem Erwachen der Kundalini bis zur vijñāna-maya reichen, sind tiefer.

Im tibetischen Verständnis des prāṇa-Geistes (rlung-sems) trägt das Paar von Wind und Bewusstsein die Atem-Schwingung eines jeden sich bewegenden Bewusstseins. Die Praxis des Chöd (Machig Labdrön, 11. Jh.), die Tradition, den Leib durch Meditation „darzubringen", wird als eine der willentlichen OBE nahestehende Anwendung gelesen.

Vergleichende Perspektive

Sufismus — Sair-i âfâqî und tayy-i makân

Sair-i âfâqî („Reise innerhalb der Horizonte") ist eine der Grundunterscheidungen des Sufismus. Während Sair-i anfusî (die Reise in das eigene Innere) die innere Erfahrung des Wanderers (sâlik) beschreibt, ist das Sair-i âfâqî die Reise, die in der äußeren Welt oder in der anderen Welt unternommen wird. In den klassischen Quellen (Nadschm ad-Dîn Kubrâ, Fawâʾih al-Dschamâl; Scheich Galib, Hüsn ü Ashk) finden sich häufig die OBE-artigen Erscheinungen des Sair-i âfâqî.

Tayy-i makân (das Zusammenfalten des Raumes) und tayy-i zamân (das Zusammenfalten der Zeit) erzählen in der anatolischen Evliyâ-Literatur (die Velâyetnâme des Hâdschî Bektâsch, die Vita des Sari Saltuk, die Sänger-Heiligen-Erzählungen um Pir Sultan) davon, dass die Abdâl und Derwische in einem Augenblick in verschiedenen Städten, ja sogar zu verschiedenen Zeiten gesehen wurden. Dieses Motiv, für das die moderne OBE-Forschung keine Daten liefert, das die Vitenerzählung aber freigebig sich zu eigen macht, bedarf der Deutung — fromme Sufi-Forscher (Annemarie Schimmel, Cyrille Choquette) ziehen es vor, dies als ein Zeichen geistiger Befähigung in symbolisch-literarischer Sprache zu lesen.

Yoga — Vyāna und die Vibhūti des Aṣṭāṅga-Yoga

Vyāna ist eine der fünf prāṇa-vāyu (die übrigen: prāṇa, apāna, samāna, udāna). Vyāna ist der über den ganzen Leib verteilte, die Bewegung tragende Lebens-Atem und wird in manchen Auslegungen als das vāyu bestimmt, das während des Erwachens der Kundalini die Grenzen des Leibes überschreitet.

Der III. Abschnitt des Yoga-Sūtra Patañjalis (Vibhūti-pāda) führt die siddhi — die Kräfte, die der fortgeschrittene Yogi erlangt — auf. In III.39 wird die siddhi des „Heraustretens aus dem Körper und Eintretens in einen anderen Körper" ausdrücklich genannt. Die klassische hinduistische Literatur verbindet die Yogis, die diese siddhi erlangen, mit Gestalten wie Vasiṣṭha und Patañjali sowie in späteren Generationen Trailaṅga Swāmī und Sai Baba (von Shirdi).

Vajrayāna — delog und phowa

Die tibetische Gestalt des delog („die-back" — gestorben und zurückgekehrt) ist die Person, die einige Stunden oder Tage, nachdem sie tot erschien, zurückkehrt und vom Bardo erzählt. Die delog-Erzählungen von Lingza Chökyi im 16. und Karma Wangzin im 17. Jahrhundert sind in der Vajrayāna-Literatur verzeichnet. Die Praxis des phowa (Bewusstseins-Übertragung) hingegen ist die meditative Technik, die lehrt, einen OBE-artigen Übergang im Augenblick des Todes anzuwenden; in der tantrischen Lehre gilt sie als eine der höchsten Praktiken.

Schamanismus — Reisen in die Ober- und Unterwelt

Eliades Klassiker Schamanismus (1951) bestimmt den Schamanen als Meister der Technik der Ekstase. Mit Mitteln wie Trommelrhythmus, Ayahuasca oder anderen enteogenen Pflanzen, Fasten, Klang, Kälte- und Hitzeschocks lenkt der Schamane sein Bewusstsein aus dem Körper hinaus und reist über den Weltenbaum in die Oberwelt (Himmel) oder die Unterwelt (Unterirdisches). Im türkisch-mongolischen Tengrismus und im sibirischen Schamanismus wird dasselbe Schema beobachtet; der Kam (der türkisch-altaische Schamane) begegnet in der Oberwelt Bay Ülgen, in der Unterwelt Erlik Han.

Die Anthropologie Luhrmanns (When God Talks Back 2012, How God Becomes Real 2020) liest die Praktiken des „Gott-Hörens" in modernen pfingstlerischen und evangelikalen Gemeinschaften als eine der schamanischen OBE nahestehende Technik der Bewusstseinsveränderung — sie vertritt, die Praxis sei kulturell erlernt und entwickelt.

Theosophie — die Astralebene

Im System der Theosophie ist der menschliche Leib siebenschichtig: physisch, ätherisch, astral, untermental, obermental, kausal, spirituell. Die Astralreise ist die vorübergehende Eigenständigkeit des Astralleibes und lässt sich durch Schulung entwickeln. Autoren wie Charles Webster Leadbeater, Annie Besant und in einer späteren Generation Alice Bailey und Dion Fortune veröffentlichten Methodenhandbücher. Die theosophische Sprache bestimmte die OBE-Terminologie der New-Age-Bewegung des 20. Jahrhunderts weithin.

Moderner wissenschaftlicher Dialog

Olaf Blanke und die temporoparietale Verbindung (TPJ)

Die Nature/Brain-Aufsätze von Olaf Blanke und seinem Team in Genf aus den Jahren 2002 und 2004 zeigten, dass sich durch elektrische Reizung der temporoparietalen Verbindungsregion des Gehirns OBE-artige Erlebnisse auslösen lassen. Bei einer epileptischen Patientin hatte die Schädigung dieser Region zu wiederkehrenden OBE geführt; die kontrollierte Reizung derselben Region erzeugte in der Laborumgebung das Gefühl „ich bin außerhalb meines Körpers".

Diese Befunde gelten für materialistische Deuter als Beleg dafür, dass die OBE ein vollständig neurologisches Phänomen sei: Die TPJ ist die Hirnregion, die die leibliche Selbstwahrnehmung der Person (die Position des eigenen Körpers im Raum) integriert; ist diese Integration gestört, fühlt sich die Person, als sähe sie sich von außen.

Kritik

Van Lommel und Greyson betonen die Grenzen des Blanke-Modells folgendermaßen:

  1. Während die im Labor erzeugten OBE „verschwommen, kurz, fragmentiert" sind, sind die spontanen und besonders die NDE-kontextuellen OBE lebendige, lange, erinnerte Erlebnisse.
  2. Verifizierbare Wahrnehmung — in manchen Fällen berichtet die Person ein Objekt oder ein Gespräch in einem anderen Zimmer in nachträglich bestätigbarer Weise. In van Lommels Studie der berühmte „Gebiss"-Fall: Der Patient beschrieb das ihm während des Herzstillstands aus dem Mund genommene Zahngebiss und die Reaktion der Pflegekraft nachträglich ohne die Augen geöffnet zu haben zutreffend.
  3. Die während eines flachen EEG erlebten Erfahrungen lassen sich nicht einfach mit der TPJ erklären.

Das Monroe-Institut und Gateway

Die Hemi-Sync-Technologie des Monroe-Instituts (das Angleichen der Hirnwellen durch Darbietung leicht unterschiedlicher Frequenzen an beide Ohren — binaurale Beats) ist die technische Grundlage des Gateway-Experience-Programms der US-amerikanischen CIA aus den 1980er–90er Jahren. Der 1983 von Oberst Wayne McDonnell verfasste Bericht „Analysis and Assessment of Gateway Process" (2003 teilweise freigegeben, 2017 im vollen Wortlaut) bot sowohl im militärisch-geheimdienstlichen Kontext des Fernsehens (remote viewing) als auch über die Objektivität der OBE einen spekulativ-wissenschaftlichen Rahmen. Dieser Bericht erscheint in den Debatten um den Quanten-Geist und das Bewusstsein gelegentlich als Referenz.

Stanford und Berkeley

Das in Berkeley angesiedelte Institute of Noetic Sciences (IONS) von Dean Radin und die frühen Studien Charles Tarts in Stanford (1968 berichtete eine Versuchsperson, die sich während ihrer OBE erinnerte, eine an der Labordecke platzierte Zahl zutreffend) sind der Beginn parapsychologischer OBE-Tests. Die Befunde waren statistisch über dem Zufall, fanden aber wegen methodischer Schwächen in der etablierten Wissenschaft keine Anerkennung.

Praktische Implikationen

Die geistig-kulturelle Bedeutung der OBE ist unbestritten; ihr wissenschaftlicher Status ist nach wie vor umstritten. Auf der praktischen Ebene:

Die überlieferte Warnung ist das gemeinsame Merkmal einer jeden Tradition: Das Streben nach der OBE ist für sich genommen keine geistige Entwicklung. Im Sufismus gilt das Hervortreten der Wundergaben (karâmât) — das In-den-Vordergrund-Treten der siddhi — als ein Abweichen vom Weg. Im Vajrayāna zielt die Bardo-Praxis nicht auf die Anheftung des Ego, sondern auf das Erkennen der reinen Natur des Bewusstseins (rigpa). Diese Warnung gilt auch in der modernen OBE-Forschung: Das Erlebnis ist interessant; wenn es seinen Inhaber im übrigen Leben nicht liebevoller, rechenschaftsbewusster, demütiger macht, ist es nicht geistig, das Phänomen zu verherrlichen.

Kritik und Diskussionen

Materialistische Position

Susan Blackmore (Beyond the Body, 1982) vertritt, die OBE sei ein vollständig innen erzeugtes Erlebnis und das Sehen des eigenen Körpers von außen nichts als eine vorstellungs-gedächtnishafte Rekonstruktion. Thomas Metzinger (The Ego Tunnel, 2009) vertieft dieselbe Position aus philosophischer Sicht: Das „Selbst" ist ohnehin ein vom Gehirn erzeugtes Tunnel-Modell; die OBE ist ein vorübergehender Bruch dieses Tunnels.

Kulturell-konstruktivistische Position

Tanya Luhrmann zeigt in How God Becomes Real (2020) und in ihren früheren Arbeiten, dass OBE-artige Erlebnisse durch kulturelles Lernen geformt werden: Menschen, die innerhalb einer bestimmten Tradition aufwachsen, „sehen" in der von dieser Tradition erwarteten Weise. Hinduistische Yogis berichten von Chakra-Erwachen, Theosophen von der Astralebene, Evangelikale von der Christus-Begegnung. Dies leugnet die Wirklichkeit des Erlebnisses nicht, bietet aber hinreichend Belege, um zu zeigen, dass seine Deutung kulturell ist.

Überlieferte Kritik

Die klassischen hinduistischen und islamischen Texte (Patañjali, Yoga-Sūtra III.37; al-Ghazâlî, Ihyâ, Bd. IV) warnen vor der Versessenheit auf siddhi und Wundergaben: Das Erlebnis allein ist keine spirituelle Meisterschaft; die geistige Reife wird am sittlichen Maßstab gemessen.

Perennialistische Synthese

Frithjof Schuon und Seyyed Hossein Nasr lesen die OBE als Ausdruck der wahren Natur des Menschen: Der Mensch ist ohnehin eine Verbindung aus Seele und Leib; die OBE ist eine außergewöhnliche Betonung dieser Verbindung. Diese Lesart schlägt den Mittelweg zwischen materialistischem Reduktionismus und theosophischer Übertreibung vor.

Fazit

Die OBE bietet einen der provokantesten Hinweise auf die Natur des menschlichen Bewusstseins. Auf der klinischen Ebene ist sie dokumentiert, neurologisch im Labor teilweise erzeugbar, in den tausendjährigen geistlichen Traditionen systematisch bearbeitet. Aus Sicht des Weisheitstagebuchs liegt die Bedeutung der OBE darin: Das Erlebnis ist ein Labor, das zeigt, dass das Verhältnis von Seele und Leib komplex und vielschichtig ist — dass die überlieferten Begriffsbildungen vorleiblicher, körperloser, überleiblicher Zustände sich in die moderne Sprache übersetzen lassen. Der sufische Begriff Sair-i âfâqî ist eine viel ältere, vielleicht aber ebenso wirkliche Karte wie die Methodik der modernen OBE-Forschung.