Leben nach dem Tod — im Vergleich

Das Bardo (tibetische Zwischenwelten)

Die sechsstufige Zwischenweltlehre des tibetischen Vajrayāna-Buddhismus; die Bardos, die das Bewusstsein zwischen Tod und Wiedergeburt durchläuft, sowie die spirituell-pädagogische Systematik des Bardo-Thödol-Leitfadens und der Chöd-Praxis.

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Definition und konzeptueller Rahmen

Bardo (tibetisch: བར་དོ་, bar-do; sanskritisch: antarābhava) bedeutet wörtlich „das Dazwischen, der Übergang, der Zwischenzustand". Es ist einer der zentralen Begriffe des tibetischen Vajrayana-Buddhismus und insbesondere der Dzogchen-Tradition. Auch wenn der Begriff in einer mechanischen Lesart als „Zwischenwelt zwischen Tod und Wiedergeburt" übersetzt wird, ist sein semantischer Umfang sehr viel weiter: Das Bardo ist nicht nur ein Post-mortem-Zustand, sondern jede Art von Schwellenzustand, den das Bewusstsein fortwährend durchläuft.

Das ursprüngliche Sanskrit-Äquivalent des Begriffs, antarābhava (wörtlich „Zwischen-Existenz"), wurde im indischen Buddhismus von den Schulen der Sarvāstivāda und Mahāsāṃghika diskutiert und von der Theravāda-Schule überwiegend abgelehnt. Nach der Theravāda vollzieht sich die Wiedergeburt gleichzeitig mit dem Tod; es gibt keine Zwischenzeit. Das Mahāyāna und besonders das Vajrayāna hingegen akzeptierten das antarābhava und arbeiteten es im Detail aus.

Das semantische Feld des Bardo weist eine erstaunliche Parallele zum Begriff Barzach-Reich der islamischen Mystik auf — beide Termini tragen die Bedeutung „das Dazwischen / der Schleier zwischen zwei Dingen" und bezeichnen eschatologisch die Zwischenzeit nach dem Tod. Diese Parallele gilt als eines der stärksten Argumente, die die These der perennialistischen Philosophie bestätigen; Henry Corbin und Robert Thurman heben diese Parallele ausdrücklich hervor.

In der tibetischen Konzeptualisierung vereint das Bardo drei Haupteigenschaften: (1) Übergangscharakter — kein fester Zustand, sondern beständiges Fließen; (2) plastischer Charakter — der Zustand, in dem die bildschaffende Kapazität des Bewusstseins ihre maximale Öffnung erreicht; (3) Befreiungspotenzial — jedes Bardo ist, wenn es richtig erkannt wird, ein Übergangstor von Samsara (Kreislauf der Wiedergeburten) zu Nirvana (Verlöschen).

Kanonische Quellen

Der grundlegende Text der Bardo-Lehre ist das Bardo Thödol (བར་དོ་ཐོས་གྲོལ), mit vollem Namen Bar do thos grol chen mo — „Die Große Befreiung durch Hören im Bardo". Es wird traditionell dem Meister des 8. Jahrhunderts Padmasambhava (Guru Rinpoche) zugeschrieben, und es heißt, dass es im 14. Jahrhundert von dem Terma-Finder (Entdecker verborgener Schätze) Karma Lingpa (1326–1386) am Gampo-Berg „wiedergefunden" wurde. In der akademischen Literatur ist diese Gattung als „Terma-Tradition" bekannt; es ist jene Textgattung, bei der die Tibeter behaupten, dass spätdatierte Funde in Wirklichkeit älter seien.

Das Bardo Thödol wurde im Westen durch die englische Übersetzung von W. Y. Evans-Wentz aus dem Jahr 1927 (mit dem berühmten Vorwort von Carl Jung) bekannt. Später setzten die Übersetzungen von Francesca Fremantle & Chögyam Trungpa (1975) und Robert Thurman (1994) strengere akademische Maßstäbe. Die jüngste und umfassendste Übersetzung ist die Penguin-Classics-Edition von Graham Coleman & Thupten Jinpa aus dem Jahr 2005 — die erste westliche Ausgabe, die zeigt, dass das Bardo Thödol nur ein Teil einer größeren Sammlung (Kar gling Zhi khro) ist.

Die grundlegenden Quellen außerhalb des Bardo Thödol sind folgende:

A. Padmasambhavas „Lehren über die sechs Bardos" (Bar do drug gi khrid yig): Enthält die angewandten Lehren über die sechs Bardo-Typen des Bewusstseins. B. Alan Wallaces Übersetzung „Natural Liberation" (1998) ist die westliche Standardausgabe dieses Textes.

B. Milarepas Bardo-Lieder: Die improvisierten Bardo-Lehren des tibetischen Heiligen Milarepa aus dem 11.–12. Jahrhundert sind grundlegende Leittexte in der Kagyü-Tradition.

C. Longchenpas Sieben Schätze (Mdzod bdun): Die Werke des Dzogchen-Meisters Longchenpa aus dem 14. Jahrhundert, die das Bardo innerhalb der Dzogchen-Systematik behandeln, repräsentieren die höchste philosophische Synthese.

D. Tsongkhapas Lam Rim: Tsongkhapa (1357–1419), der Begründer der Gelug-Schule, ordnet die Bardo-Lehre in eine systematische Landkarte der spirituellen Reise ein.

Topografie und Übergänge — Die sechs Bardos

Die Vajrayāna-Systematik unterscheidet sechs Bardo-Typen. Die ersten drei sind Bardos innerhalb des Lebens, die letzten drei Bardos nach dem Tod.

1. Shinay Bardo / Kye-shi'i bardo (Lebens-Bardo): Die gesamte Lebensspanne zwischen Geburt und Tod ist ein Bardo. Denn jeder Augenblick ist vergänglich; alles befindet sich im Wandel. Aus buddhistischer Sicht ist das „feste Leben" eine Illusion; das Leben ist bereits ein Übergangszustand. Der spirituell-pädagogische Appell dieses Bardo lautet: das Leben bewusst zu leben, als sei es der Augenblick des Todes.

2. Milam Bardo (Traum-Bardo): Die Traumphase jeder Nacht ist ein Mini-Bardo. Die tibetische Traumyoga-Praxis (mi lam gyi rnal 'byor) ist die Übung, das Bewusstsein im Traum zu erwecken (in der westlichen Terminologie luzides Träumen) und die Leerheits-Natur (śūnyatā) der Traumbilder unmittelbar zu erkennen. Dies ist die direkteste Probe für das Todes-Bardo.

3. Samten Bardo (Meditations-Bardo): Der Bewusstseinszustand in tiefer Meditation ist ein Bardo anderer Art. Wie im Samadhi (meditative Versenkung) und im Shikantaza wird, während man aus dem Gedankenstrom heraustritt und in „reinem Gewahrsein" verweilt, ein Bardo erfahren, in dem das Ego fällt und die natürliche Lichthaftigkeit des Bewusstseins berührt wird.

4. Chikha Bardo (Bardo des Todesaugenblicks): Der Zeitraum vom Beginn des physischen Sterbeprozesses bis zur Vollendung der Trennung des Bewusstseins vom Körper. Nach der tibetischen Anatomie-Systematik durchläuft das Bewusstsein in diesem Prozess die Erfahrung der „acht Auflösungen" (rim brgyad): Zuerst ziehen sich die äußeren Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft) der Reihe nach zurück — löst sich die Erde auf, wird der Körper schwer; löst sich das Wasser auf, trocknet der Mund; löst sich das Feuer auf, erkaltet der Körper; löst sich die Luft auf, setzt der Atem aus. Danach folgen vier innere Sinnesauflösungen: das weiße Schauen (weißes Licht), das rote Schauen (rotes Licht), das schwarze Schauen (schwarzes Licht) und schließlich tritt das klare Licht des Dharmakāya (das reine Bewusstsein selbst) zutage. Diese letzte Stufe ist als „Begegnung mit dem Grund-Licht" (ground luminosity) bekannt, und wenn der Sterbende dieses Licht erkennen kann (recognition), wird er in diesem Augenblick augenblicklich befreit — das heißt, er entkommt dem Rad der Wiedergeburten.

5. Chönyi Bardo (Dharmatā-Bardo — Bardo der Wirklichkeit): Wenn die Person sich im Augenblick des Grund-Lichts nicht befreit, erfährt sie in den folgenden Tagen (in der traditionellen tibetischen Chronologie zwischen 14 und 49 Tagen) das Erscheinen der friedvollen und zornvollen Gottheiten (śānti-krodha). Dies ist der bildreichste Abschnitt des Bardo Thödol. Die ersten sieben Tage: die friedvollen Formen der fünf Buddha-Familien — der weiße Vairocana, der blaue Akṣobhya, der gelbe Ratnasambhava, der rote Amitābha, der grüne Amoghasiddhi. Die nächsten sieben Tage: die zornvollen Formen derselben Buddhas — die Herukas. Diese Gottheiten sind symbolische Erscheinungen des eigenen Bewusstseins des Sterbenden — also der reine Ausdruck der eigenen karmischen Ansammlung der Person. Wenn die Person erkennt, dass diese die Spiegelung ihres eigenen Geistes sind, wird sie befreit. Erkennt sie es nicht, deutet sie sie als erschreckende Szenen und flieht.

6. Sidpa Bardo (Bardo der Wiedergeburt): Wenn die Person sich auch im Chönyi-Bardo nicht befreit, geht sie in die letzte Stufe über, in der das Bewusstsein den Weg zur Wiedergeburt sucht. Hier zeigt sich, dass die Person je nach ihrer karmischen Ansammlung in einen der sechs Daseinsbereiche (lokā) gezogen wird — Devas (Götter), Asuras (Halbgötter), Menschen, Tiere, hungrige Geister (Preta), Höllenwesen (Naraka). An diesem Punkt setzt die karmische Trägheit das Leben gewaltsam von Neuem in Gang.

Kritischer Punkt: Die Lesung des Bardo Thödol (am Kopf des Verstorbenen, während der ersten 49 Tage, dreimal täglich) zielt darauf ab, dem Verstorbenen in diesen Bardo-Stufen Geleit zu geben. Sie gibt sehr detaillierte Anweisungen in der Art von „O edelgeborenes Wesen, jetzt siehst du dies, tue jenes nicht, fliehe vor jenem". Dies ist einer der messbarsten spirituell-technologischen Beiträge Tibets an die Welt.

Geistiger Körper und Bewusstsein

Was ist der Träger des Bewusstseins im Bardo? Die tibetische Systematik beantwortet diese Frage mit dem Begriff des „subtilen Körpers" (rdo rje lus, Vajra-Körper). Der subtile Körper besteht nicht wie der physische Körper aus materiellen Teilchen, sondern aus dem Dreigespann von Prana (Lebensatem, Wind-Energie), Nadi (Energiekanälen) und Bindu (Essenz-Tropfen). Dieser Körper besteht auch nach dem Tod fort und ist im Bardo die Operationsplattform des Bewusstseins.

Das Konzept des subtilen Körpers hat gemeinsame Wurzeln mit den Kundalini- (Schlangenkraft) und Cakra-Systemen des indischen Tantra. Śivaitische Tantra-Texte wie der Cidvilāsa-Yogamārga sind mit dem Vajrayāna nach Tibet geflossen. Die drei Haupt-Nadis (avadhūti/uma/Zentralkanal, lalanā/linker Kanal, rasanā/rechter Kanal) und die fünf Haupt-Chakren (Krone, Kehle, Herz, Nabel, geheimes Zentrum) bilden das Rückgrat dieser Systematik.

Hinsichtlich der Bewusstseinsqualität ist das Bardo ein Zustand gesteigerter imaginaler Intensität. Sogyal Rinpoche erläutert diesen Zustand in seinem Werk „Das tibetische Buch vom Leben und Sterben" folgendermaßen: „Im Bardo verwandelt sich jeder Gedanke unmittelbar in eine Wirklichkeit. Hier gibt es keinen indirekten Gedanken. Furcht erschafft eine erschreckende Szene; Liebe erschafft eine schöne Szene. Deshalb bedeutet, sich auf das Bardo vorzubereiten, den Geist jetzt zu reinigen." Dies zeigt eine bemerkenswerte Parallele zur Lehre Ibn Arabîs, wonach der imaginale Körper im Barzach-Reich aus den Gestalten der Taten geformt ist.

Aus der Dzogchen-Perspektive betrachtet ist die eigentliche Frage im Bardo nicht, ob man verkörpert ist oder nicht, sondern ob man Rigpa (die ursprüngliche reine Natur des Bewusstseins, primordiales Gewahrsein) erkennen kann. Rigpa ist das „Grund-Licht", das im Hintergrund aller Bardo-Erfahrungen stets gegenwärtig ist und darauf wartet, gefunden zu werden. Wenn Rigpa erkannt wird, wird das Bardo nicht zu einem Käfig, sondern zu einem Fenster der Befreiung.

Vergleichende Perspektive (mindestens 4 Traditionen)

Die Bardo-Lehre ist die systematischste unter den Eschatologien der Welt und bietet daher ein hervorragendes Zentrum für vergleichende Studien.

A. Islamische Mystik — Barzach-Reich: Wie bereits erwähnt, ist die etymologische (beide bedeuten „das Dazwischen / der Übergang") und phänomenologische Parallele erstaunlich. Strukturelle Ähnlichkeiten: (1) Die sechs Bardos und die Barzach-Stufen (sakarāt al-maut, Munkar-Nakīr, ʿarḍ al-aʿmāl, ʿilliyyūn/sidschdschīn) sind zahlenmäßig ähnlich; (2) das Motiv der Lichtbegegnung ist in beiden vorhanden — im Bardo die „Begegnung mit dem Grund-Licht" (gzhi 'od), im Barzach die Begegnung mit dem „Nūr-i Muhammadī"; (3) die Lehre, dass die Bilder eine Spiegelung der eigenen karmischen/Taten-Ansammlung sind, ist beiden Traditionen gemeinsam. Grundlegender Unterschied: Die tibetische Systematik setzt das Rad der Wiedergeburt (Samsara) voraus, das islamische Barzach das Modell einer einmaligen Auferstehung (haschr).

B. Jüdische Eschatologie — Sheol und Gilgul: Eine interessante Parallele findet sich in der kabbalistischen Lehre vom Gilgul ha-Neschamot (Wanderung der Seelen) — diese erstarkte in der talmudischen Zeit und wurde besonders in der lurianischen Kabbala zentral. Die frühen Schichten des Scheol sind minimaler (lediglich ein Schatten-Warten), doch die Gilgul-Lehre der Kabbala hat eine ähnliche Struktur wie das tibetische Wiedergeburtssystem: Die Seele wandert durch mehrere Körper, bis sie ihren Tikkun (Wiederherstellung) vollendet. Diese Parallele hat die Aufmerksamkeit von Kabbala-Forschern wie Allan Arkush und Eitan Fishbane erregt.

C. Hinduistische Eschatologie — Pretā und Pitṛ-loka: In der indischen Tradition lebt die Seele des Verstorbenen die ersten 12 Tage im Zustand des Pretā (entkörperter Geist); in dieser Zeit verrichtet die Familie die Śrāddha-Zeremonien. Danach geht die Seele über die Pitṛ-loka (Welt der Ahnen) oder die Deva-loka (Welt der Götter) und vollzieht schließlich entsprechend ihrem Karma die Wiedergeburt. Das Garuḍa Purāṇa, das Mārkaṇḍeya Purāṇa und andere Purāṇa-Texte schildern diese Reise sehr detailliert — besonders lässt sich mit den 24 Stunden-Stufen eine Systematik beobachten, die den 8 Auflösungen Tibets ähnelt.

D. Altes Ägypten — Amduat: Die zwölfstündige Nachtreise des ägyptischen Totenbuchs ist der archetypische Vorläufer des Bardo. Die Komponenten Ka (Lebenskraft), Ba (persönliche Seele) und Ach (erleuchtete Seele) des Verstorbenen reisen jeweils gesondert; in jeder Stunde werden sie von Anubis und Thot befragt; das Herz wird mit der Feder der Maat gewogen. Diese Dimension des „Befragtwerdens" ähnelt den Gottheitsbegegnungen im Bardo Thödol, und die These eines kulturellen Stroms von Ägypten über Indien nach Tibet (M. A. Schmidt, 2004) wird diskutiert.

E. Christliche Mystik — Purgatorio: Die Parallelen zwischen Dantes Purgatorio und dem Bardo Thödol sind ein Forschungsfeld, auf das im 20. Jahrhundert Robert A. F. Thurman hingewiesen hat. In beiden durchläuft die Seele nach dem Tod Reinigungsstufen; jede Stufe entspricht der Läuterung einer anderen Fehlerart; Führergestalten (Vergil/Beatrice ↔ der Bardo-Thödol-Vorleser) lenken die Reise.

F. Perennialistische Perspektive: Die Arbeiten von Frithjof Schuon und besonders Henry Corbin behandeln die Nähe von Bardo, Barzach und Purgatorio als eine systematische perennialistische These: Die Post-mortem-Eschatologien aller Traditionen sind die Übersetzung einer einzigen metaphysischen Wirklichkeit in verschiedene kulturelle Sprachen.

Moderner wissenschaftlicher Dialog (NDE, OBE)

Die Bardo-Lehre ist die religiöse Tradition, die den fruchtbarsten Dialog mit der zeitgenössischen Forschung zu NDE (Near-Death Experience, Nahtoderfahrung) und OBE (Out-of-Body Experience, außerkörperliche Erfahrung) führt. Dafür gibt es mehrere Gründe:

Grund 1: Phänomenologische Spezifität. Obwohl das Bardo Thödol volle 600 Jahre vor den NDEs verfasst wurde, beschreibt es die in der NDE-Forschung katalogisierten Motive (Lichttunnel, Lebensrückschau, Begegnung mit verstorbenen Angehörigen, das Sehen göttlicher Wesen, außerkörperliches Wahrnehmen) im Voraus mit äußerst spezifischen Schilderungen. Dies ist entweder ein Zufall, eine anthropologische Universalie oder die Spiegelung einer ontologischen Wirklichkeit.

Grund 2: Die Mind-&-Life-Institute-Initiative des 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso. Seit 1987 führt der Dalai Lama einen regelmäßigen Dialog mit Neurowissenschaftlern wie Francisco Varela, Richard Davidson und Antonio Damasio, und es werden Hirnscan-Studien an tibetischen Meditationsmeistern (besonders an Lamas mit langjähriger Dzogchen-Praxis) durchgeführt. Die Arbeiten von Olga Klimecki, Tania Singer und Matthieu Ricard gehören zu den Ergebnissen dieses Programms.

Grund 3: Das Tukdam-Phänomen. In der tibetischen Tradition verharren einige fortgeschrittene Meditationsmeister nach dem Augenblick des physischen Todes mehrere Tage, ja sogar Wochen, in einem Post-mortem-Meditationszustand namens Tukdam — der Körper verfällt nicht, die Wärme bleibt erhalten, er bleibt geschmeidig. Das Labor von Richard Davidson an der University of Wisconsin-Madison und die Dokumentationen über den Tod von Meistern wie Dilgo Khyentse Rinpoche haben dieses Phänomen wissenschaftlich untersucht. Das Tukdam ist der Zustand jener Meister, die im Zustand der „Erkennung des Grund-Lichts" der klassischen Bardo-Lehre sterben — also ein jahrelang andauernder Augenblick der Befreiung im Chikha-Bardo.

Grund 4: Übereinstimmung mit Theorien des Quantenbewusstseins. Das Orchestrated-Objective-Reduction-Modell von Penrose und Hameroff sagt voraus, dass das Bewusstsein auf subneuronaler Ebene mit einem nichtlokalen Informationsfeld verbunden sein könnte. Dies ist theoretisch mit dem Konzept der „reinen Bewusstseinsbasis" (Rigpa, gzhi) des Bardo vereinbar.

Entscheidend ist: Die tibetisch-buddhistische Tradition behauptet nicht, dass die NDEs die „volle Erscheinung" des Bardo seien — sie legt nahe, dass sie nur eine Vorschau sind. Das heißt, eine Person, die eine NDE erlebt, ist, weil sie zurückgekehrt ist, nicht in die vollen Bardo-Stufen eingetreten; sie hat nur die ersten Wellen an der Schwelle gesehen. Das volle Bardo vollzieht sich im Augenblick des Todes ohne Rückkehr.

Praktische Implikationen (Geistige Vorbereitung)

Die Vajrayāna- und Dzogchen-Traditionen haben zur Vorbereitung auf das Bardo vielleicht die am höchsten entwickelte Praxis-Systematik der Welt geschaffen.

Praxis 1: Phowa (འཕོ་བ — Übertragung des Bewusstseins). Die Technik, das Bewusstsein im Augenblick des Todes durch die Brahmarandhra (Kronen-Chakra) nach oben zu projizieren. Sie wird zuvor vielfach geübt; im Augenblick des Todes wird angestrebt, das Bewusstsein direkt in das reine Reich des Buddha Amitābha (Sukhāvatī) zu lenken. Dies ist eine der fortgeschrittensten Praktiken und wird in der Regel in Monate oder Jahre dauernden Klausuren (retreats) gelehrt.

Praxis 2: Chöd (གཅོད — das Abschneiden). Eine radikale Praxis, die von Machig Labdrön (1055–1149) begründet wurde. Der Praktizierende „schneidet" seinen eigenen Körper und sein Ego imaginal ab, zerteilt sie in Stücke und bietet sie den hungrigen Geistern, den Dämonen, allen Wesen dar. Dies ist die Praxis des Tötens des Ego vor dem Tod — die Entwicklung einer Immunität gegen die Furcht-Bilder des Bardo schon im Voraus. Chöd wird gewöhnlich auf Friedhöfen unter Begleitung einer Damaru-Trommel aus der Schädelschale (Kapāla) und eines Kangling (Trompete aus Menschenknochen) verrichtet.

Praxis 3: Dzogchen / Mahamudra — Erkennen des Rigpa. Die höchste Praxis. Aus dem Gedankenstrom heraustreten und mit der ursprünglichen reinen Natur des Bewusstseins (Rigpa) in Berührung kommen. Eine Person, die diese Praxis meistert, kann im Augenblick des Todes das Grund-Licht im Chikha-Bardo erkennen und sich augenblicklich befreien. Welche Praxis grundlegender ist, wird von Lama zu Lama diskutiert.

Praxis 4: Traumyoga. Jede Nacht wird die Übung verrichtet, das Bewusstsein im Traum zu erwecken. Die Erkenntnis „dies ist ein Traum" ist die Probe für die Erkenntnis „dies ist die Spiegelung meines Geistes" im Bardo. Sie ist ein zentraler Bestandteil der Sechs Yogas des Nāropa.

Praxis 5: Tonglen (Geben und Nehmen). Eine Atempraxis, bei der man das Leid anderer in sich hineinzieht und das eigene Glück nach außen gibt. Dies entwickelt die Kapazität, im Bardo mögliche Begegnungen (leidende Wesen) anzunehmen. Sie stammt aus dem Bodhicharyāvatāra des Atiśa Dīpaṃkara.

Praxis 6: Lesung des Bardo Thödol für den Verstorbenen. Die Lesung des Textes durch nahe Verwandte oder einen Lama am Kopf des Verstorbenen während 49 Tagen — besonders während der ersten 7 Tage dreimal täglich. Dies dient dem Verstorbenen als „Erinnerung": „Das Licht, das du jetzt siehst, ist das Grund-Licht, es ist dein eigener Geist, fliehe nicht, gehe auf es zu."

Kritik

Die Bardo-Lehre war sowohl von innen als auch von außen verschiedener Kritik ausgesetzt.

A. Theravāda-Kritik von innen: Die Theravāda-Schule, die die Grundlinie des Buddhismus in Sri Lanka, Birma und Thailand bildet, lehnt das antarābhava (die Zwischen-Existenz) ab. Nach der in Buddhaghosas Visuddhimagga vertretenen Auffassung ist die Wiedergeburt gleichzeitig mit dem Tod — der „letzte Gedankenaugenblick" verbindet sich direkt mit dem „ersten Wiedergeburts-Gedankenaugenblick", es gibt keine Zwischenzeit. Für diese Schule ist das Bardo Thödol nicht kanonisch.

B. Akademische Ursprungskritik: Donald Lopez Jr. („The Tibetan Book of the Dead: A Biography", 2011) vertritt die Auffassung, dass die Zuschreibung des Bardo Thödol an Padmasambhava historisch unzuverlässig sei und der Text in Wirklichkeit eine Komposition Karma Lingpas aus dem 14. Jahrhundert sei. Dennoch mindert dies den spirituell-pädagogischen Wert des Textes nicht — es stellt lediglich seine historische „Altertümlichkeit" zur Diskussion.

C. Säkularistische Kritik: Moderne Wissenschaftler (Kritiker von Susan Blackmore, Bruce Greyson) vertreten die Auffassung, dass die Bardo-Erfahrungen vollständig hirnintern seien und mit dem physischen Tod keinerlei „Bewusstseins-Diskontinuität" entstehe. Diese Position steht in tiefem Widerspruch sowohl zur Ontologie der klassischen Mystik als auch des Vajrayāna.

D. Kritik an der Jung'schen Deutung: Carl Jungs Lesart in seinem Vorwort von 1935, das Bardo Thödol als „Landkarte des kollektiven Unbewussten" zu deuten (also nicht als ein wirkliches Post-mortem, sondern als archetypische Projektionen), ist innerhalb der tibetischen Gemeinschaft umstritten. Sogyal Rinpoche bewertet diese Jung'sche Lesart als „respektvolle, aber unzureichende Reduktion".

E. Kritik an der New-Age-Fundamentalisierung: Die Verwendung des Bardo Thödol im Westen durch Timothy Leary als LSD-Leitfaden (The Psychedelic Experience: A Manual Based on the Tibetan Book of the Dead, 1964) wurde von tibetischen Meistern überwiegend als Reduktion und Degeneration bewertet. Das Bardo ist ein heiliger Bereich, dem man sich nicht durch chemische Veränderung, sondern durch jahrelange Meditationsdisziplin nähert.

F. Innertibetische Schulstreitigkeiten: Zwischen der Gelug-Schule (von Tsongkhapa begründet, der der Dalai Lama angehört) und der Nyingma-Schule (die in der Nachfolge Padmasambhavas steht, der Heimat des Bardo Thödol) gibt es Unterschiede darin, wie das Bardo behandelt wird. Während die Gelug einen eher rational-philosophischen Zugang vorschlägt, schlägt die Nyingma einen eher unmittelbar-erfahrungsbezogenen Weg vor.

Im Ergebnis ist das Bardo weder bloß eine Post-mortem-Geografie noch bloß eine psychologische Metapher noch bloß ein therapeutisches Werkzeug — aus der Vajrayāna-Perspektive ist das Bardo die Natur des Bewusstseins selbst. Jeder Augenblick des Lebens ist ein Bardo; und richtig gesehen ist jedes Bardo ein Tor zur Befreiung.