Leben nach dem Tod — im Vergleich

NDE — Nahtoderfahrung (Near-Death Experience)

An der Grenze des klinischen Todes oder im Augenblick der Lebensgefahr erlebtes Bewusstseinserlebnis, das die Motive Tunnel, Licht, Sehen des eigenen Körpers von außen und Lebensrückschau umfasst; eine der fruchtbarsten Brücken zwischen moderner Wissenschaft und mystischen Traditionen.

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Definition und konzeptueller Rahmen

Die Nahtoderfahrung (englisch near-death experience — NDE) ist die Bezeichnung für jenes Bewusstseinserlebnis, das in Augenblicken der Lebensgefahr wie Herzstillstand, schwerem Trauma, tiefem Koma oder klinischem Tod erlebt wird und in den meisten Fällen bestimmte, wiederkehrende Motive enthält. Der Begriff wurde 1975 von dem amerikanischen Psychiater Raymond Moody in seinem Buch Life After Life systematisiert und wandelte sich binnen kurzem zu einem interdisziplinären Forschungsfeld, das Medizin, Psychologie, Religionsgeschichte und die Philosophie des Bewusstseins durchschneidet.

Der wesentliche Grund, weshalb die NDE nicht als bloße Folklore oder literarisches Motiv, sondern als klinisches Phänomen behandelt wird, sind die strukturellen Ähnlichkeiten, die die Berichte tragen, obgleich sie von Person zu Person und von Kultur zu Kultur variieren. Die prospektive Studie, die der niederländische Kardiologe Pim van Lommel mit seinem Team durchführte und 2001 in The Lancet veröffentlichte, zeigte, dass etwa 18 % der 344 Patienten, die einen Herzstillstand erlitten hatten, eine fortgeschrittene NDE berichteten, und wurde zu einer klassischen Referenz, die die neurologischen Grundlagen des Erlebnisses in Frage stellt.

Vergleichende Arbeiten, die die NDE mit dem Augenblick des Sakarât al-maut (Todesrausch) im Sufismus, mit dem chikhai-Bardo in Tibet oder mit der siebenstufigen Reise der Miʿrâdsch-Erzählung verbinden, zeigen, wie reich die symbolischen Karten sind, die die überlieferten Kosmologien dort bieten, wo die moderne Wissenschaft immer wieder ins Stocken gerät. Der Zugang dieser Notiz liest die Brücke zwischen Wissenschaft und Mystik weder reduktionistisch noch naiv idealisierend: Sie sieht die NDE zugleich als ein messbares Phänomen und als die moderne Verlängerung tausendjähriger geistlicher Erzählungen.

Historischer Hintergrund

Die Schauungen, von denen Menschen berichteten, die bis an die Grenze des Todes kamen und zurückkehrten, reichen mindestens bis zum Mythos des Er im Staat-Dialog Platons zurück (Buch X, 614b–621b). Der Soldat Er aus Pamphylien wird auf dem Schlachtfeld für tot gehalten, erwacht zwölf Tage später auf dem Scheiterhaufen und erzählt, was er im Jenseits sah: eine Wiese, auf der die Seelen gerichtet werden, die am Himmelsgewölbe sich drehende Spindel und das Losverfahren der Seelen, die ihr Leben aufs Neue wählen. Diese Erzählung ist eines der ersten großen Beispiele des Jenseitsberichts im abendländischen Denken und zugleich der antike Keim sowohl der Seelenwanderung (Metempsychose) als auch des Motivs der Lebensrückschau.

Im mittelalterlichen Europa setzte die visio-Literatur (z. B. Visio Tnugdali, 12. Jahrhundert; Die Vision des Drythelm, 731 — von Beda Venerabilis aufgezeichnet) die Berichte von der Todesgrenze in einen religiösen Rahmen. In der islamischen Welt die Schilderungen des Übergangs zwischen den Welten in der al-Futûhât al-Makkîya Ibn Arabîs, die Allegorie Hayy ibn Yaqzân Suhrawardîs und die Miʿrâdsch-Erzählung; das Bardo Thödol in Tibet (in der herabgekommenen Form das Tibetische Totenbuch); das Buch vom Hervorgehen in Ägypten (unter dem irreführenden Namen Totenbuch) — sie alle bearbeiten innerhalb verschiedener Kosmologien dasselbe Grundphänomen: ein Bewusstseinserlebnis, das körperlos oder im vom Körper getrennten Zustand durchlebt wird.

Die Geburt der modernen NDE-Forschung fällt in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Schweizer Psychiater Karl Jansen, der amerikanische Kardiologe Maurice Rawlings und besonders das Buch Raymond Moodys von 1975 sammelten die verstreuten Patientenerzählungen erstmals in einer systematischen Typologie. 1981 entwickelte Bruce Greyson die NDE-Skala (ein standardisierter Fragebogen mit 32 Punkten) und definierte Erlebnisse mit 7 oder mehr Punkten als „NDE". Von den 1980er Jahren an institutionalisierten die International Association for Near-Death Studies (IANDS) und das Journal of Near-Death Studies (seit 1981) das Feld.

Die kanonischen Motive — Moodys 15 Elemente

Moody ordnete die typischen Elemente, die er aus seinen ersten 50 Fällen herausarbeitete, wie folgt. Kein Erlebnis enthält sie alle; jeder Fall ist eine ihm eigene Kombination:

  1. Unsagbarkeit (ineffability) — das Gefühl, für das Worte nicht ausreichen
  2. Das Vernehmen einer Stimme, die den Tod ankündigt
  3. Gefühl von Frieden und Geborgenheit
  4. Geräusch (Sausen, Wind, Musik)
  5. Dunkler Tunnel
  6. Heraustreten aus dem Körper (autoskopische Beobachtung — siehe Außerkörperliche Erfahrung (OBE))
  7. Begegnung mit verstorbenen Angehörigen
  8. Kontakt mit einem Lichtwesen (being of light)
  9. Lebensrückschau (life review) — das Zurückspulen des Lebens
  10. Die Wahrnehmung einer Grenze / eines Hindernisses
  11. Die Rückkehr
  12. Die Unfähigkeit, anderen davon zu erzählen
  13. Die grundlegende Wandlung der Lebenssicht
  14. Das Schwinden der Todesfurcht
  15. Wiederholung — kleine, später eintretende Erlebnisse

Die hervorstechenden der in van Lommels Lancet-Studie von 2001 vertieften Elemente wurden hingegen wie folgt berichtet: (a) positive Emotion (56 %), (b) Heraustreten aus dem Körper (24 %), (c) Tunnel (31 %), (d) Licht (23 %), (e) farbenreiche Landschaften (23 %), (f) Begegnung mit Verstorbenen (32 %), (g) Lebensrückschau (13 %) und (h) Grenzwahrnehmung (8 %).

Topographie — Tunnel, Licht, Grenze

Die Topographie der NDE zeigt sowohl in modernen Berichten als auch in den überlieferten Kosmologien eine erstaunliche Konsistenz. Drei zentrale Orte:

Tunnel

Der dunkle, rasch durcheilte Tunnel ist beinahe zum Markenzeichen der NDE geworden. Vergleichende Lesarten setzen den Tunnel gleich mit dem Übergang vom chikhai bardo zum chönyi bardo in der Terminologie des Bardo, mit dem Öffnen des Tores des Barzach in der Sprache des Sufismus oder mit dem Abstiegstunnel zur Duat in der ägyptischen Kosmologie. Neurobiologische Erklärungen bringen vor, dass der Zusammenbruch des peripheren Gesichtsfeldes während der Anoxie (Sauerstoffmangel) die Illusion des Tunnelsehens hervorrufen könne; van Lommel und Greyson betonen jedoch, dass diese Erklärung die phänomenologische Ganzheit des Erlebnisses nicht erfasst.

Licht

Das „Licht" wird in den meisten Berichten weder als ein gewöhnliches Licht noch als eine blendende Quelle geschildert; es wird beschrieben als ein Wesen, das eine Persönlichkeit besitzt, Liebe ausstrahlt und zugleich richtet und nicht richtet. In christlichen Erlebnissen kann es als Christus (Messias), in hinduistischen Berichten als Krishna/Yama, in jüdischen Fällen als eine Engelsgestalt gedeutet werden; doch der Kern des Erlebnisses erscheint überkulturell. Für Frithjof Schuon ist dieses Motiv in seiner perennialistischen Lesart der erfahrungsmäßige Beleg für „dieselbe Wahrheit, die unter verschiedenen Namen kommt". Im Sufismus zeigt sich ein ähnliches Motiv in der Vorstellung des Nûr-i Muhammadî (muhammadanisches Licht) und in der Lichtschilderung Mevlânâs, die „Hû, Hû" spricht.

Grenze und Lebensrückschau

Die Grenze ist die Schwelle, die die Rückkehr aus dem Erlebnis möglich macht — ein Fluss, ein Tor, eine Linie. Die Lebensrückschau hingegen lässt sich lesen wie die Entsprechung des Symbols der muhâsaba (das Ablegen der Rechenschaft in der Gegenwart Gottes) im Sufismus und der krisis (Gericht) im Evangelium in moderner Sprache. In einem erheblichen Teil der Fälle erlebt die Person nicht nur ihre eigenen Handlungen, sondern auch die Wirkungen, die sie auf andere ausübte, aus deren Perspektive — in Greysons Buch After (2021) wird dieses Motiv als der aus Sicht der Moralphilosophie erstaunlichste Befund hervorgehoben.

Geistiger Leib und Bewusstsein

Der in den NDE nahezu stets beschriebene Zustand eines körperlosen oder den eigenen Körper von außen beobachtenden Bewusstseins entspricht einer Wirklichkeit, die innerhalb der überlieferten Sprachen unter verschiedenen Namen bekannt ist:

Van Lommel bringt vor, dass die physikalistischen Erklärungen unzureichend bleiben für die Frage, wie sich in einem Zeitfenster, in dem das EEG während des Herzstillstands flach wird — die zerebrale Aktivität also messbar zum Stillstand kommt —, ein komplexes, integriertes, erinnerbares Erlebnis vollziehen kann. Dies öffnet die Tür zu einem Argument, das entweder die Quanten-Theorien des Geistes (das Orchestrated-Objective-Reduction-Modell von Penrose und Hameroff) oder die Linie von William James, Aldous Huxley und Bergson, die das Bewusstsein nicht als vom Gehirn erzeugt, sondern als vom Gehirn gefiltert auffasst, aktualisiert (siehe Quantenphysik, Bewusstsein).

Vergleichende Perspektive

Sufismus — die Miʿrâdsch-Erzählung

Die Miʿrâdsch (Isrâʾ und Miʿrâdsch) erzählt von der Aufstiegsreise des Propheten Muhammad, der in einer einzigen Nacht von der Heiligen Moschee (Masdschid al-Harâm) zur Fernen Moschee (Masdschid al-Aqsâ) und von dort über die sieben Himmel zum Lotosbaum der äußersten Grenze (Sidrat al-Muntahâ) emporsteigt. Die Miʿrâdsch als eine paradigmatische NDE zu lesen, ist in theologischer Hinsicht zwar umstritten, doch die phänomenologischen Parallelen sind bemerkenswert: ein Zustand, in dem der Leib sich von der Welt löst, durchschrittene Schleier/Schwellen, die Begegnung mit den Propheten (verstorbenen Seelen), das Von-Angesicht-zu-Angesicht-Treten mit dem Licht. Ibn Arabî sagt in den Miʿrâdsch-Abschnitten der al-Futûhât, dass diese Reise nicht nur ein geschichtliches Ereignis, sondern der Archetyp der inneren Reise eines jeden Wanderers (sâlik) sei — die Miʿrâdsch ist also die Karte der mystischen Erfahrung.

Der Begriff Sakarât al-maut (der Rausch des Todes, der Augenblick des letzten Atemzugs) ist im Sufismus der der NDE nächstliegende Fachterminus. Al-Ghazâlî schildert im Abschnitt „Kitâb Dhikr al-maut" der Ihyâʾ ausführlich, was die Seele im Augenblick des letzten Atemzugs erlebt, während sie aus dem Körper gezogen wird, welche Engel sie sieht (die Gestalten vor Munkar und Nakîr) und welchen Angesichtern sie begegnet.

Tibet — das Bardo Thödol

Das Bardo Thödol (geläufig das Tibetische Totenbuch) ist der im 8. Jahrhundert Padmasambhava zugeschriebene Text, der den Sterbeprozess innerhalb von sechs Bardo kartiert. Aus Sicht der NDE die drei kritischen Bardo:

  1. Chikhai bardo — die Begegnung des Bewusstseins mit dem strahlenden Licht (ösel) im Augenblick des letzten Atemzugs
  2. Chönyi bardo — das Sichtbarwerden der Natur der Wirklichkeit (eigenschafts-zeitliche Lichter, friedvolle und zornvolle Gottheiten)
  3. Sidpa bardo — das Bewusstsein, das für die Wiedergeburt einen Mutterleib sucht

Die Begegnung mit dem Licht in den NDE-Berichten entspricht genau dem ösel-Erlebnis (das strahlende Leere-Licht) des Chikhai-bardo; Tunnel und Übergang dem Übergang ins Chönyi; die Rückkehr der vor dem Sidpa abgebrochenen Reise. Lama Anagarika Govinda und in der folgenden Generation Sogyal Rinpoche in Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben (1992) arbeiten diese Parallele systematisch heraus.

Hinduismus — Garuda Purāṇa und Bhagavad-Gītā

In der hinduistischen Kosmologie wird die Reise nach dem Tod im Garuda Purāṇa ausführlich geschildert: der Yama-marga (der Weg des Yama), der 13-tägige Übergang, der Zustand des preta (Ahnen-Seele), die Überquerung des Flusses Vaitarani. Die Bhagavad-Gītā 8.5–8.7 betont die Bedeutung des Bewusstseins im Augenblick des Todes: „Wer in seinem letzten Augenblick meiner gedenkt, gelangt zu mir, wenn er den Leib verlässt." Dies überschneidet sich auf erstaunliche Weise mit der in der NDE-Literatur vertretenen These, dass „die Bewusstseinsqualität des Todesaugenblicks den Übergang bestimmt".

Christliche Mystik — der heilige Paulus, der heilige Salvius

Die Wendung des Paulus im 2. Korintherbrief 12,2–4 — „ich wurde in den dritten Himmel entrückt, ob im Leibe, ob außerhalb des Leibes, weiß ich nicht" — ist der der NDE nächste Berührungspunkt der frühchristlichen Offenbarungsliteratur. Die Aufzeichnung Gregors von Tours über das Heraustreten und die abermalige Rückkehr des heiligen Salvius aus seinem Leib im 6. Jahrhundert ist der Prototyp der mittelalterlichen visio-Literatur. Der moderne orthodoxe Theologe Seraphim Rose versucht in seinem Buch Die Seele nach dem Tod (1980), die NDE aus der patristischen Tradition heraus zu lesen.

Judentum — Merkabah- und Hekhalot-Literatur

Die Merkawa-Mystik (himmlischer Wagen) und die Hekhalot-Literatur (Paläste) (1.–5. Jh. n. Chr.) erzählen von der Reise, die der auserwählte Zaddik durch die sieben himmlischen Paläste unternimmt, während der Leib noch am Leben ist. Diese Texte gelten als die jüdisch-mystische Version der willentlichen NDE oder der kontrollierten OBE.

Moderner wissenschaftlicher Dialog

Die Van-Lommel-Studie (2001)

Die Studie in The Lancet zeigte, dass in 10 niederländischen Krankenhäusern 18 % (62 Patienten) der 344 nach einem Herzstillstand reanimierten Patienten eine Art NDE berichteten und 12 % (41 Patienten) eine fortgeschrittene NDE (7 oder mehr Punkte auf der Greyson-Skala) erlebten. Die methodische Stärke der Studie:

Greyson, Parnia, Sabom

Bruce Greyson (Universität von Virginia), der Entwickler der Greyson-NDE-Skala, ist das klinisch-wissenschaftliche Gesicht des Feldes. Die Studien AWARE I (2014) und AWARE II (laufend) von Sam Parnia zielen darauf, die Bewusstseinsaktivität während der NDE mit im Krankenzimmer platzierten Zielobjekten zu testen. Michael Saboms Recollections of Death (1982) ist die aus kardiologischer Perspektive verfasste Pionier-Monographie.

Die neurowissenschaftlichen Erklärungskandidaten

Die wichtigsten Kandidaten, die die NDE vollständig gehirnintern erklären wollen:

Greyson erörtert in seinem Buch After stellenweise ausführlich, weshalb jede dieser Erklärungen die Ganzheit der NDE nicht zu erfassen vermag: insbesondere (a) dass sie während eines flachen EEG eintreten, (b) dass sie verifizierbare Wahrnehmungen enthalten (die nachträgliche Bestätigung dessen, was sich im Krankenzimmer zutrug), (c) dass das Erlebnis selbst Jahre später noch frisch und verwandelnd bleibt.

Praktische Implikationen — geistige Vorbereitung

Die am wenigsten diskutierte, vielleicht aber praktischste Folge der NDE-Forschung: die praktische Wandlung unseres Verhältnisses zum Tod. In den meisten Fällen ist es das Schwinden der Todesfurcht, das das Erlebte am tiefsten verändert.

Die überlieferten Zugänge haben dies seit Jahrtausenden bei verschiedenen Gelegenheiten eingeschärft:

Die NDE-Literatur lässt sich als eine moderne Version der experimentellen Bestätigung dieser Praktiken lesen: Das Leben wird gerichtet, mitsamt der Spur, die es bei anderen hinterlassen hat; folglich bestimmt die Qualität dessen, was jetzt gelebt wird, was wir im Augenblick des Todes ins Bewusstsein hinübertragen werden.

Kritik und Diskussionen

Materialistische Einwände

Susan Blackmore (Dying to Live, 1993), Kevin Nelson (The Spiritual Doorway in the Brain, 2011) und Olaf Blanke (Genf — Studien, in denen er durch Reizung der temporoparietalen Verbindungsregion die OBE im Labor auslöste) sind die führenden Namen, die vertreten, die NDE sei ein vollständig neurologisches Produkt. Das Hauptargument dieses Lagers: Dass sich ähnliche Erlebnisse im Labor auslösen lassen, ist kein Beleg für ein übernatürliches Bewusstsein, sondern weist auf das Verhalten des Gehirns in seinen Grenzzuständen hin.

Kulturell-konstruktivistische Einwände

Allan Kellehear (Experiences Near Death, 1996) zeigt, dass die im Westen nahezu stereotyp gewordenen Motive der NDE (Tunnel–Licht–Rückschau) in verschiedenen Kulturen verschiedene Formen annehmen — in chinesischen Fällen ist das Tunnelmotiv weit seltener, in melanesischen Berichten überwiegt die „Leiter". Dies könnte zeigen, dass das Erlebnis sich in einem kulturell-geistigen Rahmen formt.

Religiöse Kritik

Einige orthodox-christliche und islamische Kritiker (Seraphim Rose eingeschlossen) betonen, dass die durchweg „schönen" Schilderungen der NDE theologisch fragwürdig seien: Das Jenseits ist nicht nur Licht, sondern Rechenschaft und Gerechtigkeit. Greyson und van Lommel erinnern an dieser Stelle daran, dass es auch „belastende" oder negative NDE in der Literatur gibt, diese aber seltener berichtet werden (Scham, Furcht, die Berichtsschwelle ist höher).

Perennialistische Synthese

Perennialistische Denker wie Frithjof Schuon und Huston Smith ziehen es vor, die NDE als Beleg für die phänomenologische Wirklichkeit ihrer Thesen zu lesen, denen zufolge verschiedene Traditionen dieselbe Kernwahrheit (Miʿrâdsch, Bardo, Merkabah, Phaidon) in verschiedenen Sprachen aussprechen.

Wissenstransfer — türkischsprachige Literatur

Im Türkischen sind umfassende Arbeiten zur NDE noch begrenzt; populäre Werke wie Ölüm Deneyimleri (Todeserfahrungen, 2013) von Yalçin Yaman und Ölüme Hazirlik (Vorbereitung auf den Tod) von Iskender Pala haben einführenden Charakter. Auf akademischer Ebene beginnen in den Kreisen der Theologischen Fakultät Marmara und der DTCF Ankara Dissertationen und Aufsätze zu erscheinen, die einen Vergleich zwischen „Sakarât al-maut und der modernen NDE-Forschung" anstellen.

Fazit

Die NDE steht an einer der fruchtbarsten Grenzen zwischen Wissenschaft und Geistigkeit der modernen Welt. Unverkürzt genommen ist sie ein klinisches Phänomen — wiederholt, gemessen, standardisiert. Geht man an ihre Deutung, ist sie das abermalige Sprechen tausendjähriger geistlicher Erzählungen in der heutigen Sprache. Es entspricht der akademischen Redlichkeit, das Erlebnis weder auf einen bloßen neurologischen Programmfehler zu reduzieren noch es für den Beweis unbestätigter kosmologischer Behauptungen zu halten. Aus Sicht des Weisheitstagebuchs trägt die NDE die folgende praktische Lehre: Auch wer dieses Erlebnis nicht selbst durchlebt, kann die aus NDE-Erfahrenen gewonnenen Wandlungsmuster (Liebe, Schlichtheit, das Wissen um die Rechenschaft, die Furchtlosigkeit vor dem Tod) in seinen Alltag hinübertragen.