Westliche Esoterik

Rudolf Steiner und die Anthroposophie

Österreichischer Philosoph und Mystiker (1861–1925); Begründer der Anthroposophie nach seiner Abspaltung von der Theosophie sowie Schöpfer praktischer Anwendungen wie der Waldorfpädagogik, der biodynamischen Landwirtschaft, der anthroposophischen Medizin und der Eurythmie.

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Leben: Kindheit und die Goethe-Jahre (1861–1900)

Rudolf Joseph Lorenz Steiner wurde am 27. Februar 1861 im damals zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörenden Marktflecken Kraljevec — dem heutigen Dorf Donji Kraljevec in Kroatien — als Sohn eines österreichischen Eisenbahnbeamten geboren. Sein Vater Johann Steiner (1829–1910) war der Sohn eines niederösterreichischen Tierhalters; seine Mutter Franziska Blie (1834–1918) stammte aus einer handwerklichen Familie aus der Gegend von Horn. Steiners Kindheit verlief in der Nähe von Eisenbahnstationen (Mödling, Pottschach, Neudörfl); sein Vater arbeitete an verschiedenen Stationen als Verkehrsbeamter. Diese bewegte Umgebung gab dem kleinen Rudolf eine Bewusstseinslandschaft, in der sowohl die Technik (Lokomotiven, Telegrafen) als auch die Naturlandschaft (die Ausläufer der Alpen, die Felder des Burgenlandes) ineinandergriffen.

In seinen Erinnerungen Mein Lebensgang (1923–1925, posthum vollendet) berichtet Steiner, in seiner Kindheit übernatürliche Erfahrungen erlebt zu haben. Im Alter von sieben Jahren, so erzählt er, habe er vom Tod seiner in der Ferne verstorbenen Großmutter, noch bevor die Nachricht eintraf, dadurch erfahren, dass sie ihm im Wartesaal des Bahnhofs „erschienen" sei. Diese frühen Erfahrungen des „Hellsehens" (clairvoyance) sollten zu einem der Grundsteine seiner späteren esoterischen Theorie werden: Die geistige Welt ist ein ebenso wirklicher und erforschbarer Bereich wie die physische Welt, sie verlangt nur eine andere Art von Wahrnehmungsorgan (ein „geistiges Auge").

1879 schrieb er sich an der Technischen Hochschule in Wien ein; er studierte Mathematik, Physik, Chemie, Botanik, Zoologie und Philosophie. Seine eigentliche Leidenschaft galt dem Schnittpunkt von Naturwissenschaft und Philosophie. 1882 übernahm er durch Vermittlung von Professor Karl Julius Schröer die Herausgeberschaft der Neuausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften. Diese Aufgabe — die Herausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften (Farbenlehre, Metamorphose, Geologie, Anatomie) für Kürschners Reihe Deutsche National-Litteratur in Stuttgart — steht im Zentrum von Steiners intellektueller Biografie. Vom 22. Lebensjahr an arbeitete er vierzehn Jahre lang mit Goethes wissenschaftlichem Erbe; aus dieser Arbeit ging Steiners eigenes erkenntnistheoretisch-philosophisches System hervor.

Goethe-Erkenntnistheorie und frühe Werke

Steiners Goethe-Studien führten ihn dazu, die Grenzen der Kantischen Standard-Erkenntnistheorie zu überschreiten. Nach Kant bleibt das Ding an sich jenseits der menschlichen Wahrnehmung als eine unerkennbare Kategorie bestehen. Goethe dagegen verteidigte nach Steiners Lesart die Auffassung, dass ein unmittelbarer kognitiver Zugang zu den inneren Gesetzen der Natur möglich sei, unter der Bedingung der rechten Ausbildung des Organs. Goethes Methode des zarten Empirismus (delicate empiricism) — besonders in seinen Arbeiten zur Pflanzenmetamorphose (das Konzept der Urpflanze) und zur Farbenlehre — wurde für Steiner zum Vorboten einer geistigen Erkenntnistheorie.

Auf dieser Grundlage errichtete Steiner zwei frühe Werke: Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung (1886) und Wahrheit und Wissenschaft (1892, Doktorarbeit). Die 1894 erschienene Philosophie der Freiheit ist Steiners philosophisches Hauptwerk. In diesem Buch behandelt Steiner die Grundlagen von Ethik und Freiheit; er vertritt die Auffassung, das letzte Ziel der geistigen Entwicklung des Menschen bestehe darin, durch „moralische Phantasie" (moralische Intuition) zu einem Wesen zu werden, das in freier Tat handelt. Die Philosophie der Freiheit ist Nachfolgerin Kants und Hegels, zugleich aber Vorbotin Nietzsches (Steiner war einer der Herausgeber des Nietzsche-Archivs) und der späteren Phänomenologie.

Steiner arbeitete zwischen 1890 und 1897 am Goethe-Schiller-Archiv in Weimar; diese Zeit war der Höhepunkt seiner akademischen Laufbahn. Mit Friedrich Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche arbeitete er (nach einer bitteren Auseinandersetzung, in deren Folge sie sich trennten) am Nietzsche-Archiv. In diesen Jahren prägten Eduard von Hartmanns Philosophie des Unbewussten, Max Stirners individueller Anarchismus und der Perspektivismus des jungen Nietzsche sein Denken.

1897 zog er nach Berlin und wurde Herausgeber der Zeitschrift Magazin für Litteratur. In den Berliner Jahren (1897–1902) erlebte Steiners geistiger Horizont eine bedeutende Erweiterung; linke Sozialisten, literarische Kreise und besonders der nahe Umkreis um seine spätere Frau Anna Eunike (1853–1911), die er 1899 kennenlernte, vertieften seine Welt. 1900 hielt er im literarischen Kreis Die Kommenden eine Reihe von Vorträgen über Mystik; diese Vorträge markieren den ersten Kontakt mit theosophischen Kreisen.

Die theosophischen Jahre (1902–1912)

Im Jahr 1902 wurde Steiner zum Generalsekretär der Deutschen Sektion der Theosophical Society in Berlin ernannt. Diese von Annie Besant persönlich gebilligte Ernennung stellte Steiner in die Position des ranghöchsten Vertreters der deutschsprachigen esoterischen Kreise. In den folgenden zehn Jahren (1902–1912) hielt Steiner in Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Norwegen, Skandinavien, Ungarn, Böhmen und anderen europäischen Städten Hunderte von Vorträgen. Die stenografischen Mitschriften dieser Vorträge sollten später als die Reihe der Gesamtausgabe (GA) in 354 Bänden veröffentlicht werden.

Die eigenständigen Beiträge, die Steiner in seiner theosophischen Zeit entwickelte, waren die folgenden:

1. Die esoterische Deutung des Christentums: Während Blavatsky und Besant zum hinduistisch-buddhistischen Rahmen neigten, vertrat Steiner die Auffassung, das Christentum ins Zentrum der esoterischen Tradition zu stellen. Das Christentum als mystische Tatsache (Christianity As Mystical Fact, 1902) war das Manifest dieser Ausrichtung. Steiner zufolge waren der Tod Christi am Kreuz und seine Auferstehung kein symbolisches oder mythologisches Ereignis, sondern eine kosmische Wirklichkeit — das „Mysterium von Golgatha". Dieses Ereignis war der zentrale Wendepunkt der geistigen Evolution der Erde; das einzige Ereignis, das der Menschheit die Erlösung von den Kräften „Luzifers" und „Ahrimans" (die weiter unten erläutert werden) ermöglichte.

2. Die Lehre von der geistigen Evolution: Steiner übernahm Blavatskys Schema der Wurzelrassen, deutete es aber christozentrisch um. Die Geheimwissenschaft im Umriss (An Outline of Esoteric Science, 1909) ist die systematische Darstellung von Steiners Kosmologie. Hier werden die Stufen Saturn, Sonne, Mond und die gegenwärtige Erde (jede als geistig-evolutionäre Phase planetarischer Systeme gedeutet) sowie die Entwicklung der Bestandteile des Menschen — physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich — ausführlich erläutert.

3. Die Methode der geistigen Forschung: Steiner behauptete, die Quelle seiner esoterischen Erkenntnis sei die von ihm selbst entwickelte Methode der „geistigen Forschung" (Geisteswissenschaft, Geistwissenschaft). Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (1904–1905) ist der praktische Leitfaden dieser Methode. Hier bietet Steiner eine geistige Disziplin dar, die durch die Stufen der systematischen Gedankenmeditation, der imaginativen Kontemplation, der Inspiration (Kontemplation der Ehrfurcht) und der Intuition (Kontemplation der Gegenwart) hindurchführt. Diese Methode wird nicht einfach als eine Anpassung des hinduistischen Yoga oder der buddhistischen Meditation positioniert, sondern als eine geistige Fortführung der erkenntnistheoretischen Tradition Goethes und Schillers.

Die Abspaltung von der Theosophie (1912–1913)

Das Verhältnis zwischen Steiner und der Theosophical Society wurde von 1909 an zunehmend angespannt. Im Zentrum der Krise stand der Fall Jiddu Krishnamurti. Charles Webster Leadbeater hatte den kleinen Krishnamurti (damals 14 Jahre alt) in Adyar zum „World Teacher" — also zur Wiederverkörperung des Christus — ausgerufen. Diese Behauptung stand in einem grundlegenden Widerspruch zu Steiners Christologie: Steiner zufolge war die einzige geschichtliche Inkarnation des Christus Jesus von Nazareth; das „Mysterium von Golgatha" war ein unwiederholbares Ereignis der kosmischen Geschichte. Christus konnte sich nicht in einem hinduistischen Kind wiederverkörpern.

Im Laufe des Jahres 1912 schloss Steiner die Mitglieder der Deutschen Theosophical Society von der Mitgliedschaft im „Order of the Star in the East" (der für Krishnamurti gegründeten Organisation) aus. Am 8. Dezember 1912 wurde die Anthroposophische Gesellschaft offiziell gegründet — zunächst noch als Deutsche Sektion der Theosophical Society. Annie Besant lehnte von Adyar aus Steiners Führung ab; im März 1913 trennten sich Steiner und seine Anhänger förmlich von der Theosophical Society. Die Anthroposophische Gesellschaft wurde zu einer unabhängigen Organisation.

Das Goetheanum und die reife Periode (1913–1925)

1913 erwarb Steiner für den internationalen Sitz der Anthroposophischen Gesellschaft ein Grundstück im Schweizer Marktflecken Dornach — südlich von Basel, im Kanton Solothurn. Der dort zu errichtende Komplex erhielt den Namen Goetheanum (zu Ehren Goethes). Das erste Goetheanum (1913–1922) war ein gewaltiger organischer Architekturbau aus Holz, den Steiner selbst entworfen hatte; mit zwei Kuppeln, weichen Linien und Geometrien war es eine architektonische Darstellung der theosophischen Kosmologie. In der Nacht vom 31. Dezember 1922 auf den 1. Januar 1923 brannte das Goetheanum durch einen Brand vollständig nieder; es bestand der Verdacht der Brandstiftung, doch er ließ sich nicht beweisen. Das zweite Goetheanum (1925–1928, posthum vollendet) war Steiners letzter Entwurf, aus Beton gebaut; es dient noch heute als internationaler Sitz der Anthroposophischen Gesellschaft.

Zwischen 1913 und 1925 konzentrierte sich Steiner auf die Entwicklung der angewandten Fortführungen, die er praktische Anthroposophie nannte. Diese Fortführungen sollten zeigen, dass die Anthroposophie nicht bloß ein theoretisches System, sondern eine auf alle Bereiche des Lebens anwendbare geistige Praxis ist.

Waldorfpädagogik: 1919 bat Emil Molt, der Besitzer der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria in Stuttgart, Steiner darum, ein Bildungssystem für die Kinder seiner Fabrikarbeiter zu entwerfen. Die Freie Waldorfschule wurde im September 1919 eröffnet. Steiners Erziehungsphilosophie gliedert die Entwicklung des Kindes in drei zyklische Phasen von je sieben Jahren: (1) 0–7: leibliche Entwicklung, Nachahmung und Sinneserfahrung; (2) 7–14: Rhythmus, Vorstellungskraft, künstlerischer Ausdruck; (3) 14–21: begriffliches Denken, individuelles sittliches Urteil. Dieses dreigliedrige Schema ist die pädagogische Anwendung von Steiners physisch-ätherisch-astralisch-Ich-Anthropologie. Heute arbeiten weltweit mehr als 1200 Waldorfschulen in über 60 Ländern aktiv; in der Türkei gibt es Waldorf-Initiativen in Istanbul, Ankara, Izmir und Antalya.

Biodynamische Landwirtschaft: 1924 trug Steiner in Koberwitz (im heutigen Polen, nahe Wrocław) in acht Vorträgen die Lehre der Geisteswissenschaftlichen Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft vor. Diese Vorträge sind der Grundtext der modernen Bewegung der biodynamischen Landwirtschaft (Demeter-zertifizierte Bewirtschaftung). Die biodynamische Landwirtschaft ist ein umfassenderer Ansatz als die ökologische Landwirtschaft: Sie betrachtet den Boden nicht nur als chemischen, sondern als geistigen Organismus; gesät wird im Einklang mit den Mond-Planeten-Rhythmen nach dem Demeter-Kalender; besondere biodynamische Präparate (BD500–508, in ein Kuhhorn gefüllter Dünger, Kamille, Schafgarbe und andere pflanzliche Präparate) werden dem Boden in winzigen Mengen zugeführt. Die moderne biodynamische Landwirtschaft wird in Europa und in der Welt auf Millionen Hektar Land betrieben; einer der berühmtesten biodynamischen Höfe ist der Hof Meinklang von Werner Michlits im österreichischen Burgenland.

Anthroposophische Medizin: Steiner entwickelte zusammen mit der niederländischen Ärztin Ita Wegman (1876–1943) die Disziplin der anthroposophischen Medizin. Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst (1925, kurz vor seinem Tod vollendet) ist das Grundbuch dieser Lehre. Die anthroposophische Medizin lehnt die allopathische moderne Medizin nicht ab, zielt aber darauf, sie durch eine geisteswissenschaftliche Anthropologie zu ergänzen. In der Behandlung werden pflanzliche und mineralische Arzneien (Iscador, ein Mistelextrakt, wird in der Krebsbehandlung verwendet), Rhythmische Massage, Kunsttherapie und Heileurythmie eingesetzt. Es handelt sich um einen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden und Österreich offiziell anerkannten Zweig der medizinischen Praxis; die Firmen Weleda und Wala sind aus dieser Tradition hervorgegangene Kosmetik- und Arzneimittelunternehmen.

Eurythmie: Einer der eigenständigsten Beiträge Steiners ist die Bewegungskunst der Eurythmie, der „sichtbaren Sprache" und des „sichtbaren Gesangs". Die von 1912 an mit Lory Maier-Smits (später gemeinsam mit Steiners zweiter Frau Marie Steiner-von Sivers) entwickelte Eurythmie verwandelt die Laute der gesprochenen Sprache (besonders des Deutschen) und die musikalischen Töne in bestimmte Hand- und Körperbewegungen. Die Eurythmie wird sowohl als künstlerische Aufführung (regelmäßige Vorstellungen im Goetheanum) als auch als pädagogisches Mittel (Pflichtfach an Waldorfschulen) als auch als therapeutische Anwendung (innerhalb der anthroposophischen Medizin) verwendet.

Weitere praktische Fortführungen: die Christengemeinschaft (Die Christengemeinschaft, 1922), eine unter Steiners liturgischer Beratung gegründete moderne esoterisch-christliche Kirche — heute in 35 Ländern tätig; die Camphill-Bewegung (1939, posthum), eine von seinem Schüler Karl König gegründete Gemeinschaft für das gemeinschaftliche Leben geistig behinderter Menschen; die anthroposophische Architektur (als Erbe des Goetheanums die Tradition der organischen Architektur); die Heileurythmie; die biografische Beratung; sowie moderne therapeutische Traditionen wie die Schattenarbeit (shadow work).

Doktrinäre Grundlagen

Steiners anthroposophische Lehre ruht auf einer viergliedrigen Anthropologie:

1. Physischer Leib: Auf der mineralischen Ebene, den physischen Gesetzen unterworfen. 2. Ätherleib: Das mit den Pflanzen geteilte Lebens- und Organisationsprinzip; Wachstum, Fortpflanzung, Vermehrung, Rhythmus. 3. Astralleib: Die mit den Tieren geteilte Fähigkeit zu Empfindung, Gefühl und Begierde. 4. Ich / Ego (Ich): Der nur dem Menschen eigene geistige Kern des Selbstbewusstseins; das Zentrum der geistig-evolutionären Entwicklung.

Dieses viergliedrige Schema mag weniger komplex erscheinen als Blavatskys siebengliedrige Anthropologie; doch nach Steiner werden sich diese vier Glieder in weiter fortgeschrittenen Evolutionsphasen mit drei „höheren" Gliedern verbinden — Manas (Geistselbst), Buddhi (Lebensgeist) und Atma (Geistesmensch) —, und decken sich damit insgesamt mit Blavatskys siebengliedrigem Schema.

In der Kosmologie umfasst Steiners Evolutionsschema sieben große „planetarische" Stufen: Saturn, Sonne, Mond, Erde (die gegenwärtige Stufe), Jupiter, Venus, Vulkan (künftige Stufen). Jede Stufe ist der Entwicklung einer bestimmten geistig-leiblichen Dimension der Menschheit gewidmet.

Das eigenständigste Merkmal von Steiners Kosmologie ist die Lehre vom Christus-Impuls. Steiner zufolge versuchen in der geistigen Geschichte des Universums zwei grundlegende „Gegenmächte" — Luzifer (Hochmut, fanatische geistige Innerlichkeit, Weltflucht) und Ahriman (Materialismus, Mechanisierung, geistige Blindheit) — die Menschenseele von ihrem geistig-evolutionären Weg abzubringen. Christus (Christus) verkörpert das Gleichgewicht (die Mitte) zwischen diesen beiden Polen. Das „Mysterium von Golgatha" — das Herabsteigen Christi auf die Erde, seine Kreuzigung und seine Auferstehung — wird als ein kosmisches Ereignis gedeutet, das den geistigen Mittelpunkt der Erde verändert hat. Die moderne materialistische Welt steht, besonders im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, unter einem heftigen Angriff der ahrimanischen Kräfte; das Christus-Bewusstsein (Christ-consciousness) ist der Schlüssel, um diesem Angriff zu widerstehen.

Eine der umstrittensten Lehren Steiners ist seine Lehre von der Akasha-Chronik (Akashic Records). In seinem Werk Aus der Akasha-Chronik (1904–1908) behauptet Steiner, in der geistigen Atmosphäre des Planeten („Akasha") seien alle geschichtlichen und vorevolutionären Ereignisse dauerhaft aufgezeichnet, und ein begabter Forscher könne diese Aufzeichnungen lesen. Steiner sagt, er habe die Kenntnisse über die Kontinente Lemurien und Atlantis, über die Wurzelrassen, ja sogar über die Saturn-, Sonnen- und Mondstufen aus diesen Akasha-Lesungen zusammengetragen. Diese Behauptungen bieten vom Standpunkt der akademischen historisch-wissenschaftlichen Methode aus keinerlei Möglichkeit der Überprüfung; moderne anthroposophische Kreise hingegen erkennen diese Behauptungen als das Ergebnis von Steiners eigenständiger geisteswissenschaftlicher Forschung an.

Symbolik und Kunst

Steiner war nicht nur Philosoph, sondern zugleich ein überaus produktiver Künstler und Architekt. Der architektonische Entwurf des Goetheanums (des ersten und des zweiten Baus), die Farbgläser der Fenster, die geschnitzten Türverzierungen, die Entwürfe der Vorhänge — all dies ist Steiners eigener Entwurf. Seine Lehre der „organischen Formen" (organic forms) als Gestaltungssprache ist eine der wichtigsten Quellen der modernen Tradition der organischen Architektur; sie gehört zu den unmittelbaren oder mittelbaren Ahnen der organischen Architekturlinie, die von Frank Lloyd Wright über Imre Makovecz, von Walter Burley Griffin bis zu Antti Lovag reicht.

Steiner schrieb zugleich vier Mysteriendramen: Die Pforte der Einweihung (1910), Die Prüfung der Seele (1911), Der Hüter der Schwelle (1912) und Der Seelen Erwachen (1913). Diese langen dramatischen Werke werden alljährlich im Goetheanum auf die Bühne gebracht; die Figuren stellen die geistig-biografischen Wege verschiedener Menschen dar.

Vergleichende Perspektive

Beim Vergleich der Anthroposophie mit anderen geistigen Traditionen sind mehrere Achsen von Bedeutung.

Mit der Theosophie: Strukturell sehr nah (Wurzelrassen, Evolution, Anthropologie), aber im christologischen Gehalt radikal verschieden. Die Anthroposophie legt einen besonderen Nachdruck auf den esoterischen Kern des Christentums; dies ist die grundlegende Unterscheidung gegenüber dem eklektischeren (hinduzentrierten) Ansatz von Helena Blavatsky und Annie Besant. Helmut Zanders Studie Anthroposophie in Deutschland (2007) verfolgt ausführlich, wie sich die Anthroposophie als eigenständige Tradition von der Theosophie löste.

Mit der hermetischen Tradition: Steiner positionierte sich als ein Erbe der Tradition des Christian Rosenkreuz (des mutmaßlich zwischen 1378 und 1484 lebenden, legendären Begründers der Rosenkreuz-Tradition). Theosophie (1904) und Die Geheimwissenschaft im Umriss (1909) sind dicht von der Rosenkreuz-Symbolik durchzogen. Dies hat spätere Rosenkreuzer-hermetische Synthesen wie Manly P. Halls The Secret Teachings of All Ages (1928) inspiriert.

Mit der christlichen Mystik: Meister Eckhart (1260–1328), Jakob Böhme (1575–1624) und Angelus Silesius (1624–1677) sind für Steiner zentrale Quellen. Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens (1901) zeigt Steiners Schuld gegenüber der deutschen mystischen Tradition offen. Anders als im klassischen Modell der unio mystica (mystischen Vereinigung) vertritt Steiner jedoch die Auffassung, dass die geistige Forschung subjektbewahrend ist — das heißt, der geistige Forscher löst sein individuelles „Ich" nicht auf, sondern stärkt es im Gegenteil noch mehr.

Mit dem Vedanta: Steiner geht mit den hinduistischen Texten ein sorgfältiges, aber distanziertes Verhältnis ein. Die Bhagavad Gita findet er überaus wertvoll, doch nach seiner Ansicht stellt das Bewusstsein Krishnas eine Stufe dar, auf der das „Ich-Bewusstsein" (Ich-Bewusstsein) noch nicht voll entwickelt ist; für den modernen europäischen Menschen ist der Vedânta-Weg nicht unmittelbar anwendbar. Das Christus-Bewusstsein wird eine Stufe „weiter" als das Krishna-Bewusstsein angesetzt — dies mag für hinduistische Leser ein Problem sein, ist aber innerhalb von Steiners evolutionistischem Rahmen schlüssig.

Mit dem Buddhismus: Steiner gedenkt Buddhas mit großer Ehrfurcht als des höchsten Bodhisattva der geistigen Geschichte; die Vorträge Buddha und Christus (1909) sind diesem Thema gewidmet. Da jedoch Buddhas Erdenmission mit dem Kommen Christi vollendet wurde, ordnet sich für den modernen Menschen der buddhistische Weg dem christlich-esoterischen Weg unter. Dies ist eine der am meisten kritisierten Thesen Steiners; gleichwohl ist das Konzept des „Buddha-Christus-Stroms" ein grundlegender Bestandteil der modernen anthroposophischen Theologie.

Mit dem Sufismus: Steiner verweist unmittelbar nur wenig auf die islamische Mystik; in Werken wie Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit (1911) zeigt das Konzept der geistigen Führung jedoch strukturelle Parallelen zur Sufi-Vorstellung des Qutb. In der Lehre vom „Bodhisattva Maitreya" (dem als künftiger Weltenlehrer kommenden Bodhisattva) ist für Steiner die Frage bedeutsam, wie sich das Maitreya-Bewusstsein für den modernen Menschen erschließen kann; dies lässt sich strukturell mit der Sufi-Erwartung des Mahdî vergleichen.

Moderner Einfluss

Der Einfluss der Anthroposophie auf die moderne Welt ist eine überaus weitreichende und meist unbemerkt bleibende Spur. Die Studien von Joe Coulter und Helmut Zander (2007, 2011) untersuchen systematisch die praktischen Institutionen, die anthroposophische Praktiken dem modernen Leben hinzugefügt haben.

In der Bildung: 1200+ Waldorfschulen in 60+ Ländern, 2000+ Waldorf-Kindergärten. Die Steiner-Pädagogik ist als ein von der UNESCO registriertes Bildungssystem anerkannt.

In der Landwirtschaft: Die vom Demeter-Verband zertifizierte biodynamische Landwirtschaft umfasst weltweit mehr als 200.000 Hektar Land. Coulée de Serrant (Weine des Loiretals), Domaine Leroy (Burgund), Frey Vineyards (Kalifornien) und in der Türkei Vinkara zählen zu den führenden biodynamischen Weinproduzenten.

In der Medizin: Die in Deutschland offiziell anerkannte anthroposophisch-medizinische Praxis; die Kosmetik- und Arzneimittelfirmen Weleda und Wala. Iscador (Mistelextrakt) wird in der begleitenden Krebsbehandlung in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden offiziell verwendet.

In der Kunst: Wassily Kandinsky (intensiver Kontakt mit den Münchner Theosophie- und Anthroposophie-Kreisen), Piet Mondrian, Joseph Beuys (deutscher Avantgarde-Künstler, der die anthroposophischen Einflüsse offen zum Ausdruck bringt), Hilma af Klint (eine der Pionierinnen der abstrakten Kunst, unmittelbar unter dem Einfluss von Theosophie/Anthroposophie). Hauser & Wirth und die Tate Modern sind seit Hilma af Klints Ausstellung von 2018 im Prozess der Neubewertung der theosophisch-anthroposophischen Kunst aktiv.

In der Architektur: Frank Lloyd Wright (Einfluss der Goetheschen organischen Form), Imre Makovecz (ungarische organische Architektur), Antti Lovag (französische „bubble architecture"), Vincent Callebaut. Das Goetheanum dient als lebendiges Beispiel der modernen organischen Architektur noch heute in Dornach.

Kritik und Diskussionen

Steiner und die Anthroposophie sind auf ernsthafte Kritik gestoßen.

1. Historisch-wissenschaftliche Behauptungen: Die angeblich aus der Akasha-Chronik gewonnenen Kenntnisse über Lemurien, Atlantis und die Wurzelrassen werden von der modernen Wissenschaft nicht gestützt. Die geschichtlichen Behauptungen, deren Bestätigung Steiner durch die „geisteswissenschaftliche" Methode behauptet (zum Beispiel, dass die modernen indischen Hindus von der vierten Unterrasse von Atlantis abstammen, die Europäer von der fünften Unterrasse usw.), stehen im Widerspruch zur anthropologischen und genetischen Forschung.

2. Die Rasse-Debatte: Die rassebezogenen Aussagen, die sich in den Hunderten von Vorträgen finden, die Steiner zwischen 1909 und 1924 hielt, tragen den Einfluss des wissenschaftlich-rassistischen Diskurses der Epoche. Steiner setzt in der Hierarchie der Wurzelrassen die „arische" Rasse als die geistig-evolutionär am weitesten fortgeschrittene an; das Schema „vierte Unterrasse nach Atlantis" (indoarisch) — „fünfte Unterrasse" (europäisch) — „siebte Unterrasse" (künftig) lässt sich für den modernen Leser als eine überaus verstörende rassistische Hierarchie lesen. Helmut Zanders Studie Anthroposophie in Deutschland (2007) hält fest, dass Steiners Rasse-Deutung auf dem Boden des wissenschaftlichen Diskurses der Epoche bewertet werden muss, doch für den modernen Leser besteht in dieser Frage die Notwendigkeit einer ehrlichen Auseinandersetzung. 2007 hat die offizielle Erklärung des Goetheanums anerkannt, dass einige der rassebezogenen Aussagen Steiners „mit den heutigen Werten unvereinbar" sind.

3. Das Verhältnis zur Wissenschaft: Die wissenschaftlichen Behauptungen der Anthroposophie — besonders die Planetenrhythmen in der biodynamischen Landwirtschaft, die Wirksamkeit von Iscador in der anthroposophischen Medizin, die neurologischen Wirkungen der Heileurythmie — sind durch die moderne wissenschaftlich-experimentelle Methode entweder nicht bestätigt oder nur teilweise gestützt worden. Die Ergebnisse der biodynamischen Landwirtschaft (Produktqualität, Bodengesundheit) sind in einigen wissenschaftlichen Arbeiten positiv ausgefallen (Reganold et al. 1993, Science), doch die vorgeschlagenen Mechanismen (Planetenrhythmen, BD-Präparate) sind wissenschaftlich nicht erklärbar.

4. Institutionelle Kritik: Einige institutionelle Praktiken innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft (besonders in Deutschland die Struktur des Verbands für Anthroposophische Medizin, der Demeter-Zertifizierungsprozess, einige Verwaltungsprobleme innerhalb der Waldorfschulen) tragen, mit modernem kritischem Blick betrachtet, einen Mangel an Transparenz und externer Kontrolle.

Trotz dieser Kritik ist die Anthroposophie eine der reichsten und schöpferischsten Fortführungen der Bereiche der modernen „alternativen" Spiritualität und der angewandten Kultur. Wouter Hanegraaffs Studie New Age Religion and Western Culture (1996) zeigt systematisch, dass die Anthroposophie zu den intellektuell anspruchsvollsten Ahnen der modernen New-Age-Bewegung gehört.

Vermächtnis

Am 30. März 1925 verstarb er im Dornacher Goetheanum infolge von Komplikationen eines Magengeschwürs und einer Nierenerkrankung im Alter von 64 Jahren. Seine Frau Marie Steiner-von Sivers (1867–1948) übernahm die Führung der Anthroposophischen Gesellschaft; Albert Steffen (1884–1963) und die späteren Mitglieder des Vorstands verwalteten das Erbe der Institution. Heute befindet sich der internationale Sitz der Anthroposophischen Gesellschaft noch immer im Goetheanum; weltweit setzen rund 50.000 aktive Mitglieder, Tausende von Initiativen (Schulen, Höfe, Kliniken, Kunstzentren) und ein großes Literaturarchiv (die 354-bändige Gesamtausgabe) sein Erbe fort.

In der Türkei begann der anthroposophische Einfluss in den 1990er Jahren mit der Einführung der Waldorfpädagogik. Die erste Waldorf-Initiative in Istanbul wurde Anfang der 2000er Jahre gegründet; heute gibt es in Istanbul, Ankara, Izmir und Antalya aktive Waldorfschulen und -kindergärten. Die Türkische Anthroposophische Gesellschaft (mit offiziellem Namen „Antroposofi Dernegi") wurde 2003 gegründet. Die biodynamische Landwirtschaft befindet sich in der Türkei zwar noch in einem frühen Stadium, doch der Weinproduzent Vinkara und einige kleine Landwirte betreiben eine Demeter-zertifizierte Produktion. Die türkischen Übersetzungen von Steiners Werken sind begrenzt; die wichtigsten Grundwerke (Die Philosophie der Freiheit, Theosophie, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?) sind übersetzt, doch die gesamte große Gesamtausgabe ist im Türkischen nicht vorhanden.