Bedeutende Persönlichkeiten

Johannes Tauler

Elsässischer Dominikaner und Prediger des 14. Jahrhunderts, Eckhart-Schüler und dritte Hauptgestalt der rheinischen Mystik; bekannt für seine seelsorgliche Predigtmystik vom Seelengrund, der Gottesgeburt und der Gelassenheit, mit Nachwirkung bis in Luther und den Pietismus.

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Definition

Johannes Tauler (um 1300–1361) ist ein Predigermönch des Dominikanerordens aus dem Elsass und gilt als eine der drei Hauptgestalten der spätmittelalterlichen rheinischen Mystik — neben seinem Lehrer Meister Eckhart und seinem Mitbruder Heinrich Seuse (Suso). Während Eckhart als der spekulative Architekt und Seuse als der dichterisch-affektive Sänger dieser Bewegung gelten, ist Tauler ihr Seelsorger und Prediger: Er übersetzt die kühnen, teils verurteilten Gedanken Eckharts in eine praktische, nüchterne und seelenführende Frömmigkeit, die sich an Ordensleute, Beginen und fromme Laien richtet. Sein Werk besteht fast ausschließlich aus mittelhochdeutschen Predigten (Sermones), die von Zuhörern mitgeschrieben und später gesammelt wurden; eigene Traktate hat er, anders als Eckhart oder Seuse, kaum hinterlassen.

Im Zentrum von Taulers Verkündigung stehen die Lehre vom Seelengrund (dem innersten, ungeschaffenen Punkt der Seele, an dem Gott wirkt), die Geburt Gottes in der Seele (nativitas Dei in anima) und die Gelassenheit (das vollständige Loslassen des Eigenwillens). Anders als bei Eckhart sind diese Begriffe bei Tauler weniger metaphysisch zugespitzt als vielmehr auf den konkreten geistlichen Weg, auf Leiden, Demut und Selbstaufgabe hin orientiert. Diese seelsorgliche Wendung machte Tauler über Jahrhunderte hinweg zu einem der meistgelesenen geistlichen Autoren des deutschen Sprachraums und sicherte seiner Mystik — anders als der Eckharts — eine ungebrochene, niemals verurteilte Rezeption, die über Martin Luther und die reformatorischen Spiritualisten bis tief in den deutschen Pietismus reicht.

Historischer Hintergrund und Leben

Herkunft und Eintritt in den Orden

Über Taulers Leben ist erheblich weniger gesichert als über sein Werk; viele biografische Einzelheiten beruhen auf späterer, teils legendarischer Überlieferung. Gesichert ist, dass er um 1300 in Straßburg geboren wurde, vermutlich als Sohn einer wohlhabenden Bürgerfamilie. In jungen Jahren — wohl um 1315 — trat er in das Straßburger Dominikanerkloster ein. Der Dominikanerorden (Ordo Praedicatorum, „Predigerorden") war seit seiner Gründung durch Dominikus im frühen 13. Jahrhundert auf Studium und Predigt ausgerichtet; seine Mitglieder erhielten eine anspruchsvolle theologische Ausbildung in den ordenseigenen Studienhäusern (studia).

Tauler durchlief diese Ausbildung im Straßburger Konvent, einem der bedeutendsten geistigen Zentren des Ordens im deutschen Sprachraum. Es ist wahrscheinlich, dass er einen Teil seiner Studienzeit am Kölner Studium generale verbrachte, wo zu dieser Zeit auch Meister Eckhart lehrte. Tauler selbst hat — anders als Eckhart — nie den akademischen Grad eines Magisters der Theologie erworben; er blieb zeitlebens ein Lesemeister und Prediger und kein Universitätstheologe. Gerade diese Distanz zur scholastischen Hochschule prägt den unmittelbar seelsorglichen Charakter seiner Verkündigung.

Eckhart, Köln und das geistige Klima

Taulers Bildungsjahre fallen in eine Epoche höchster intellektueller Spannung. Meister Eckhart, die führende Gestalt der dominikanischen Mystik im deutschen Raum, wurde 1326 in Köln einem Inquisitionsverfahren unterworfen; 1329 verurteilte die päpstliche Bulle In agro dominico achtundzwanzig seiner Sätze als häretisch oder häresieverdächtig (vgl. Eckharts Lehre vom göttlichen Nichts). Tauler hat diese Verurteilung als junger Ordensmann miterlebt. Bemerkenswert ist, dass er — obwohl er Eckharts Gedankengut weitertrug — selbst niemals der Häresie verdächtigt wurde. Er übernahm den geistigen Kern Eckharts (Seelengrund, Gottesgeburt, Via negativa), vermied jedoch dessen rhetorische Zuspitzungen und bettete alles in einen Rahmen aus Demut, Sakramentsfrömmigkeit und kirchlichem Gehorsam ein.

Ob Tauler ein direkter Hörer Eckharts war, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit belegen, gilt jedoch in der Forschung als sehr wahrscheinlich. In seinen Predigten zitiert er Eckhart respektvoll, meist verhüllt als „ein hoher Meister" oder „ein Meister", was die heikle Lage nach der Verurteilung widerspiegelt. Der Religionshistoriker Bernard McGinn ordnet Tauler im vierten Band seiner großen Mystikgeschichte (The Harvest of Mysticism in Medieval Germany) entschieden in die unmittelbare Schülerschaft Eckharts ein, betont aber zugleich Taulers eigenständige seelsorgliche Leistung.

Wirken in Straßburg und Basel

Taulers Hauptwirkungsort blieb Straßburg, wo er als Prediger und geistlicher Begleiter tätig war. Eine wichtige Zielgruppe seiner Predigten waren die Dominikanerinnen der zahlreichen Frauenklöster im Umkreis sowie die Beginen — fromme Frauen, die ohne feste Ordensgelübde in gemeinschaftlicher Frömmigkeit lebten. Viele der überlieferten Predigten Taulers wurden in diesen Frauenkonventen mitgeschrieben; ihnen verdankt die Nachwelt die Erhaltung seines Werkes.

Taulers Lebenszeit war von tiefen Krisen geprägt. Der Konflikt zwischen Papst Johannes XXII. und Kaiser Ludwig dem Bayern führte 1329 zum Interdikt über Straßburg: Der reguläre Gottesdienst, die Sakramentsspendung und das kirchliche Begräbnis waren weithin untersagt. Die Dominikaner, die dem Papst treu blieben, mussten Straßburg teilweise verlassen; Tauler hielt sich in dieser Zeit zeitweise in Basel auf. Dort kam er in Kontakt mit dem Kreis der „Gottesfreunde" (amici Dei) — einem losen Netzwerk geistlich gesinnter Geistlicher und Laien am Oberrhein, das die mystische Frömmigkeit jenseits der amtskirchlichen Strukturen pflegte.

Den vielleicht schwersten Einschnitt brachte der Schwarze Tod: Die Pestepidemie von 1348–1349 raffte in Straßburg und am ganzen Oberrhein einen großen Teil der Bevölkerung dahin. Sie löste zugleich Wellen der Panik, der Geißlerzüge und der Judenpogrome aus — 1349 kam es in Straßburg zu einem grauenhaften Massaker an der jüdischen Gemeinde. In diesem Klima der Angst und der religiösen Erregung blieb Tauler, der Überlieferung nach, während der Seuche bei den Sterbenden und Trauernden — ein seelsorglicher Dienst, der seiner Predigt von der Annahme des Leidens eine erschütternde existentielle Tiefe verleiht. Johannes Tauler starb am 16. Juni 1361 in Straßburg, wo sein Grabstein mit der lateinischen Inschrift im einstigen Dominikanerkloster erhalten geblieben ist.

Die Legende vom „Gottesfreund aus dem Oberland"

Untrennbar mit Taulers Nachruhm verbunden ist eine fromme Legende: das sogenannte „Meisterbuch" oder die Historia vom „Gottesfreund aus dem Oberland". Darin wird erzählt, wie ein namenloser Laie Tauler aufsucht, ihm seine geistliche Selbstgerechtigkeit vorhält und ihn zu einer zweijährigen Bußzeit und einer „zweiten Bekehrung" führt, nach der Tauler erst zum wahren Prediger geworden sei. Lange galt diese Geschichte als biografische Tatsache. Die heutige Forschung sieht in ihr jedoch weitgehend eine erbauliche Dichtung des Laienmystikers Rulman Merswin und seines Straßburger Kreises der Gottesfreunde aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Sie ist als historische Quelle für Taulers Leben unzuverlässig, bezeugt aber eindrücklich, wie sehr seine Gestalt schon kurz nach seinem Tod zum Inbegriff echter, durch Demut geläuterter Frömmigkeit wurde.

Lehre und Kernideen

Taulers Theologie ist keine systematische Spekulation, sondern eine gepredigte Mystik: Sie entfaltet sich anlassbezogen entlang der liturgischen Lesungen des Kirchenjahres. Dennoch lassen sich einige Grundbegriffe herausarbeiten, die sein Werk durchziehen und es mit der rheinischen Mystik insgesamt verbinden.

Der Seelengrund

Der zentrale Begriff von Taulers Mystik ist der Grund (mittelhochdeutsch grunt) — der Seelengrund. Damit meint Tauler den innersten, verborgenen Mittelpunkt der menschlichen Seele, der tiefer liegt als Verstand, Wille und Gedächtnis, also tiefer als die seelischen Kräfte (Fakultäten), mit denen wir die Welt erfassen. Dieser Grund ist der Ort, an dem die Seele Gott unmittelbar berührt — eine „Abgründe rufen einander zu" (abyssus abyssum invocat, Ps 42), wie Tauler unter Berufung auf den Psalter formuliert: Der Abgrund der Seele ruft den Abgrund Gottes herbei.

Der Seelengrund knüpft an Eckharts Lehre vom Seelenfünklein (das „Fünklein", scintilla animae) an, verlagert aber den Akzent. Während Eckharts Fünklein metaphysisch als ein „ungeschaffenes und unerschaffbares" Etwas in der Seele bestimmt wird — eine der von Rom beanstandeten Aussagen —, beschreibt Tauler den Grund eher dynamisch und erfahrungsbezogen: als den verborgenen Raum, in den der Mensch durch „Einkehr" (introversio) zurücksinken muss, um Gott zu begegnen. Diese Bewegung der Einkehr — das Sich-Abwenden von den äußeren Dingen und das Sinken in den eigenen Grund — bildet den Kern von Taulers geistlichem Weg.

Tauler verwendet für diesen Grund eine ganze Reihe von Bildern, die seine Predigten durchziehen: Er spricht vom „Gemüt", von der „Innigkeit", vom „obersten Teil der Seele" und immer wieder vom „verborgensten und tiefsten Grund". Charakteristisch ist seine Betonung, dass dieser Grund dem Menschen selbst weithin unbekannt bleibt: Wir leben gewöhnlich an der Oberfläche unserer Kräfte, in den „äußeren Menschen" zerstreut, und ahnen nichts von dem stillen, tiefen Punkt, an dem Gott uns näher ist als wir uns selbst. Die geistliche Arbeit besteht eben darin, diese Zerstreuung zu überwinden und in den eigenen Grund „heimzukommen". Hierin liegt eine bleibende Aktualität von Taulers Mystik, die sie auch der religionspsychologischen Deutung zugänglich gemacht hat.

Die Geburt Gottes in der Seele

Eng mit dem Seelengrund verbunden ist die Lehre von der Gottesgeburt — der Geburt des Sohnes Gottes in der Seele des Gläubigen. Diese aus der griechischen und lateinischen Vätertheologie stammende, von Eckhart neu zugespitzte Idee besagt: So wie der Vater den Sohn von Ewigkeit zeugt, so will und kann er ihn zugleich im Grund jeder Seele gebären, die sich ihm öffnet. Tauler greift dieses Theologumenon besonders in seinen Weihnachtspredigten auf, die zu den berühmtesten seines Werkes zählen.

Entscheidend ist die Bedingung dieser Geburt: Gott kann nur dort geboren werden, wo der Mensch zuvor „leer" und „ledig" geworden ist — frei von Eigenbesitz, Eigenwillen und Bildvorstellung. Hier verbindet sich die Gottesgeburt mit der Gelassenheit. Strukturell ähnelt diese Verbindung von Selbstentleerung und göttlicher Erfüllung dem, was die islamische Mystik als Fanâ (das Vergehen des Ich in Gott) und das anschließende Baqâ (das Fortbestehen in Gott) kennt — eine strukturelle Parallele, die im vergleichenden Teil weiter ausgeführt wird.

Gelassenheit

Der vielleicht folgenreichste Begriff, den Tauler prägt und popularisiert, ist die Gelassenheit. Das Wort, das später durch die Reformation, durch Jakob Böhme und durch die Romantik (bis hin zu Martin Heideggers philosophischer Aneignung) eine lange Geschichte erleben sollte, meint bei Tauler das vollständige Sich-Lassen: das Loslassen nicht nur der äußeren Güter, sondern des Eigenwillens, der eigenen geistlichen Ansprüche und schließlich des Ich selbst. Gelassenheit ist die innere Haltung, in der der Mensch sich Gottes Willen restlos überlässt — auch und gerade im Leiden.

Bei Eckhart hieß die parallele Tugend „Abgeschiedenheit" (detachment); Tauler bevorzugt „Gelassenheit", was eine subtile Akzentverschiebung anzeigt. Abgeschiedenheit betont das aktive Sich-Trennen von allem Geschaffenen; Gelassenheit betont das passive, vertrauensvolle Sich-Überlassen an Gott. Diese Haltung der Gottergebenheit weist eine bemerkenswerte strukturelle Nähe zu den Begriffen taslim (Hingabe) und rida (Gottwohlgefälligkeit, Einwilligung in den göttlichen Willen) im Sufismus auf. Tauler verbindet die Gelassenheit eng mit der Demut (humilitas): Nur der zutiefst Demütige, der sein eigenes Nichts erkennt, kann wahrhaft gelassen werden.

Leiden und der Weg durch die Finsternis

Ein Zug, der Tauler von der überschwänglichen Brautmystik mancher Zeitgenossen unterscheidet, ist sein nüchterner Realismus gegenüber dem geistlichen Leiden. Tauler weiß um die Phase der inneren Dürre, der Verlassenheit und der Gottesferne, die den mystischen Weg begleitet — jenen Zustand, den die spätere Tradition (etwa Teresa von Ávila und vor allem Johannes vom Kreuz) als „dunkle Nacht der Seele" beschreiben sollte. Tauler deutet diese Finsternis nicht als Strafe, sondern als notwendige Läuterung: Gott entzieht sich, um die Seele von jedem Trost loszulösen, den sie noch an sich selbst statt an ihm festmacht.

Diese Theologie des Leidens hat ihren konkreten Sitz im Leben in Taulers Erfahrung der Pest und der Krisen seiner Zeit. Sie macht seine Predigt seelsorglich tragfähig: Sie verspricht nicht ekstatische Höhenflüge, sondern lehrt, das alltägliche Leiden, die „Trübsal" und die Dunkelheit als verborgenen Ort der Gottesnähe anzunehmen. Tauler kennt dabei eine wichtige Unterscheidung: Es gibt ein Leiden, das den Menschen verbittert und in sich verschließt, und ein Leiden, das ihn — in Gelassenheit angenommen — gerade aufbricht und für Gott durchlässig macht. Der Unterschied liegt nicht im Leiden selbst, sondern in der inneren Haltung, mit der es getragen wird. Damit gibt Tauler seinen Hörern ein seelsorgliches Werkzeug an die Hand, das weit über die Klostermauern hinaus tauglich ist: Auch der einfache, ungebildete Mensch, der keine spekulative Theologie versteht, kann den Weg der gelassenen Leidensannahme gehen.

Mystische Einung und ihre Grenzen

Wie die gesamte rheinische Mystik kennt Tauler das Ziel der Unio mystica (mystische Einung) — der Vereinigung der Seele mit Gott. In den Höhepunkten seiner Predigten beschreibt er, wie die Seele im Grund „verschmilzt" und „eins wird" mit Gott. Tauler wahrt dabei jedoch — vorsichtiger als Eckhart in manchen Formulierungen — die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf. Die Einung ist bei ihm keine substantielle Verschmelzung, in der die Seele aufhörte, Geschöpf zu sein, sondern eine Einung der Liebe und des Willens, in der der Mensch ganz in Gottes Willen übergeht, ohne sein Geschöpfsein zu verlieren. Diese Behutsamkeit ist einer der Gründe, weshalb Tauler — im Unterschied zu Eckhart — nie in den Verdacht der Häresie geriet.

Werk und Überlieferung

Taulers Werk besteht im Kern aus etwa achtzig als echt geltenden mittelhochdeutschen Predigten. Sie wurden zu seinen Lebzeiten und kurz danach von Zuhörern — überwiegend Nonnen und Beginen — mitgeschrieben und in Sammlungen zusammengestellt. Die maßgebliche kritische Ausgabe besorgte Ferdinand Vetter (Die Predigten Taulers, 1910), die bis heute die wissenschaftliche Grundlage bildet.

Es ist wichtig, zwischen dem echten und dem unter Taulers Namen verbreiteten Werk zu unterscheiden. Mehrere lange beliebte Schriften gelten heute als unecht:

Werk Status Anmerkung
Die etwa 80 mittelhochdeutschen Predigten echt (Kernbestand) Grundlage der Vetter-Ausgabe (1910)
Die Nachfolgung des armen Lebens Christi unecht / zugeschrieben Erbauungsschrift, nicht von Tauler
Das Buch von geistlicher Armut unecht lange Tauler zugeschrieben
Lateinische Institutiones (Tauler-Werke) unecht spätere Kompilation, frühneuzeitlich verbreitet
Medulla animae u. a. lat. Drucke unecht barocke Tauler-Editionen mit Fremdgut

Diese frühneuzeitlichen lateinischen Sammelausgaben, etwa die Kölner Tauler-Drucke des 16. Jahrhunderts, mischten echte Predigten mit fremden Texten. Sie haben Taulers Wirkung enorm verstärkt — aber zugleich das Bild „Taulers" in der Frühen Neuzeit verfälscht, weshalb die moderne Forschung sorgfältig zwischen authentischem und pseudo-taulerschem Gut trennt.

Eng mit Tauler verbunden ist schließlich die anonyme Schrift Theologia Deutsch (Der Frankforter), die um die Wende zum 15. Jahrhundert im Umkreis der Deutschordens-Niederlassung zu Frankfurt entstand. Sie ist nicht von Tauler, steht aber seiner Frömmigkeit so nahe, dass sie lange in seinem Geiste gelesen und mit ihm in Verbindung gebracht wurde — ein Zusammenhang, der für Taulers reformatorische Nachwirkung entscheidend werden sollte.

Praxis: Der geistliche Weg nach Tauler

Taulers Mystik ist durch und durch praktisch ausgerichtet. Aus seinen Predigten lässt sich ein Weg in mehreren Schritten herausarbeiten, der für seine Hörer — Ordensleute wie Laien — gangbar sein sollte:

Bemerkenswert ist, dass Tauler — anders als manche Strömungen des Quietismus, die später eine völlige Passivität propagierten — die Verbindung von mystischer Innerlichkeit und tätigem Leben festhält. Der wahre Gottesfreund zieht sich nicht aus der Welt zurück, sondern dient in Demut den Nächsten; die Vita activa und die Vita contemplativa gehören für Tauler zusammen. Sein Ideal ist nicht der weltflüchtige Ekstatiker, sondern der im Grund gesammelte, gelassene und tätige Mensch.

Vergleichende Perspektive

Taulers Mystik gewinnt im Vergleich mit anderen Traditionen scharfe Konturen. Mehrere Strukturparallelen sind in der Forschung breit diskutiert.

Innerhalb der christlichen Mystik steht Tauler zunächst in der Linie der apophatischen (verneinenden) Theologie, die über Pseudo-Dionysius Areopagita und die griechischen Väter wie Gregor von Nyssa in die rheinische Mystik einfließt: Gott ist letztlich nur durch Verneinung aller Bilder und Begriffe zu nähern, und der Seelengrund ist der „bildlose" Ort dieser Begegnung. Zugleich teilt Tauler mit der westlichen Tradition eines Bernhard von Clairvaux die Betonung von Demut, Selbsterkenntnis und der Liebe als Weg. Die ostkirchliche Lehre von der Theosis (Vergöttlichung) und die hesychastische Praxis des Herzensgebets mit ihrer Unterscheidung von Wesen und Wirkungen Gottes (nach Gregorios Palamas) bilden ein erhellendes Gegenüber: Beide zielen auf eine reale Teilhabe an Gott, doch der Hesychasmus entfaltet eine ausgeprägte Atem- und Gebetstechnik, die Tauler in dieser Form fehlt.

Zur islamischen Mystik sind die Parallelen besonders auffällig. Taulers Gelassenheit entspricht strukturell der sufischen Hingabe (taslim) und der Einwilligung in den Gottesratschluss (rida). Vor allem aber bietet sich der Vergleich zwischen der christlichen Selbstentleerung vor der Gottesgeburt und dem sufischen Begriffspaar Fanâ und Baqâ an: Wie der Sufi im fanâ sein Ich-Bewusstsein im göttlichen Sein „auslöscht", um im baqâ in Gott neu zu „bestehen", so muss Taulers Mensch leer und ledig werden, damit Gott in seinem Grund geboren werde. Die Lehre Ibn Arabîs von der Wahdat al-Wudschûd (Einheit des Seins) ist mit Eckharts und Taulers Mystik wiederholt verglichen worden; bei aller Verwandtschaft wahrt Tauler jedoch klarer als Ibn Arabî die Schöpfer-Geschöpf-Differenz. Die Selbsttranszendenz (Ich-Überschreitung) erscheint so als gemeinsames Strukturmoment beider Traditionen.

Im Verhältnis zu Eckhart und Seuse lässt sich die rheinische Mystik als eine Trias mit verteilten Rollen verstehen:

Gestalt Charakter Schwerpunkt Rezeptionsschicksal
Meister Eckhart spekulativer Theologe Gottheit, Abgeschiedenheit, Seelenfünklein 1329 teilverurteilt
Heinrich Seuse dichterisch-affektiver Mystiker Brautmystik, ewige Weisheit, Bildhaftigkeit unbehelligt, sehr beliebt
Johannes Tauler seelsorglicher Prediger Seelengrund, Gelassenheit, Leiden, Praxis nie verurteilt, breit wirksam

Diese arbeitsteilige Trias erklärt, warum gerade Tauler — der die kühnen Gedanken Eckharts in eine kirchlich unbedenkliche, praktisch-erbauliche Form goss — die nachhaltigste Breitenwirkung entfaltete.

Moderne Rezeption und Nachwirkung

Reformation und Luther

Die folgenreichste Wirkung Taulers liegt in seinem Einfluss auf Martin Luther. Der junge Luther las Tauler intensiv und versah sein Exemplar der Predigten mit zahlreichen Randbemerkungen. In Taulers Theologie der Demut, der Selbstaufgabe und der Annahme des Leidens — und vor allem in seiner Betonung, dass das Heil reines Gnadengeschehen und nicht menschliche Leistung sei — fand Luther eine Bestätigung seiner eigenen reformatorischen Einsichten, noch bevor er die „Rechtfertigung allein aus Gnade" voll entfaltet hatte. Tauler steht damit in einer Linie zur lutherischen Kreuzestheologie, die im Leiden und in der Schwachheit den verborgenen Ort der Gottesoffenbarung sieht.

Eng damit verbunden ist die Theologia Deutsch: Luther entdeckte diese anonyme, Tauler nahestehende Schrift, gab sie 1516 in einer Teilausgabe und 1518 vollständig heraus und versah sie mit einem warmen Vorwort. Er erklärte, nächst der Bibel und Augustinus habe er aus keinem Buch mehr über Gott, Christus und den Menschen gelernt. Über die Theologia Deutsch und die Tauler-Predigten wirkte die rheinische Mystik unmittelbar in die werdende Reformation hinein.

Spiritualismus, Böhme und der Pietismus

Im 16. und 17. Jahrhundert wurde Tauler zum Hausautor der reformatorischen Spiritualisten und der Mystiker außerhalb der konfessionellen Hauptströmungen. Sebastian Franck, Valentin Weigel und vor allem Jakob Böhme knüpften an Taulers Innerlichkeit und an seinen Begriff der Gelassenheit an. Böhmes Theosophie mit ihrer Lehre vom göttlichen „Grund" und „Ungrund" und der Notwendigkeit der Gelassenheit ist ohne die taulersche Tradition kaum denkbar.

Über diese Linien gelangte Tauler in den Pietismus. Die pietistische Bewegung — von Philipp Jakob Spener und August Hermann Francke begründet — suchte die innerliche, praktische, herzensbezogene Frömmigkeit gegenüber der bloßen Lehrorthodoxie und griff dafür ausdrücklich auf die mittelalterlichen Mystiker zurück. Tauler, die Theologia Deutsch und Thomas von Kempen gehörten zum festen Kanon pietistischer Erbauungsliteratur. Besonders im radikalen Flügel und im schwäbischen Pietismus (etwa bei Gerhard Tersteegen, der mystische Texte sammelte und übersetzte) blieb Tauler eine prägende Stimme. Auf diesem Weg vermittelte er, vielfach gebrochen, die rheinische Mystik bis in die Frömmigkeit der Neuzeit.

Philosophie und Gegenwart

Der Begriff der Gelassenheit, den Tauler popularisierte, erlebte im 20. Jahrhundert eine philosophische Renaissance: Martin Heidegger machte ihn — in bewusster Anknüpfung an die mystische Tradition Eckharts und Taulers, aber in eigener Umdeutung — zu einem Grundwort seines Spätdenkens (Gelassenheit, 1959), als Haltung eines nicht-rechnenden, sich öffnenden Denkens. Auch in der vergleichenden Religionswissenschaft und im Perennialismus (Tradition der ewigen Weisheit) wird Tauler als Zeuge einer transkonfessionellen Mystik gelesen; Autoren wie René Guénon und ihre Nachfolger zählen die rheinische Mystik zu den westlichen Belegen einer „ewigen Philosophie". In der populären spirituellen Gegenwartsliteratur wird die taulersche und eckhartsche Lehre vom Grund und vom Loslassen bis in Strömungen wie das Denken Eckhart Tolles (vgl. Eckhart und Tolle) hinein rezipiert — wenngleich solche modernen Aneignungen den historischen Tauler oft stark vereinfachen.

Kritik und Kontroversen

Mehrere Fragen begleiten die Tauler-Forschung bis heute. Erstens die Echtheitsfrage: Über Jahrhunderte zirkulierten zahlreiche Schriften unter Taulers Namen, die nicht von ihm stammen. Erst die textkritische Arbeit des 19. und 20. Jahrhunderts (Vetter und Nachfolger) hat den echten Bestand von den Zuschreibungen geschieden. Wer Tauler beurteilt, muss diese Scheidung beachten, da das beliebte „barocke" Tauler-Bild großenteils auf unechtem Gut beruht.

Zweitens die Frage nach Taulers Orthodoxie und seinem Verhältnis zu Eckhart. Manche Forscher betonen die Kontinuität und sehen in Tauler einen treuen, nur vorsichtigeren Eckhart-Schüler; andere heben seine eigenständige seelsorgliche Theologie hervor, die sich von Eckharts metaphysischer Kühnheit deutlich unterscheide. Dass Tauler nie verurteilt wurde, kann sowohl als Beleg geschickter Anpassung wie als Zeichen echter inhaltlicher Mäßigung gelesen werden.

Drittens die Legendenbildung: Das „Meisterbuch" vom Gottesfreund aus dem Oberland hat das Tauler-Bild jahrhundertelang verzerrt. Die kritische Forschung hat es als Dichtung Rulman Merswins identifiziert; gleichwohl wirkt die Legende in der populären Wahrnehmung Taulers bis heute nach.

Viertens, im Rahmen der vergleichenden Mystikforschung, die Frage nach den Grenzen struktureller Parallelen. Die wiederholt gezogenen Linien zwischen Tauler, Ibn Arabî und der Lehre von der Einheit des Seins sind erhellend, dürfen aber die theologischen Unterschiede nicht einebnen. Tauler bleibt — bei aller Tiefe seiner Einungsmystik — einem trinitarischen, christozentrischen und sakramentalen Rahmen verpflichtet, der seine Mystik von außerchristlichen Formen trotz aller Verwandtschaft unterscheidet.

Fazit

Johannes Tauler ist die seelsorgliche Mitte der rheinischen Mystik. Wo Meister Eckhart die kühnsten metaphysischen Höhen erklomm und dafür verurteilt wurde, und wo Heinrich Seuse die Glut der Brautmystik in Bilder goss, übersetzte Tauler den gemeinsamen geistigen Kern — Seelengrund, Gottesgeburt, Loslassen — in eine demütige, leidensbereite und praktisch gangbare Frömmigkeit. Gerade diese Mäßigung sicherte ihm eine ungebrochene Wirkungsgeschichte: über Martin Luther und die Theologia Deutsch in die Reformation, über Jakob Böhme und die Spiritualisten in den Pietismus, und über den Begriff der Gelassenheit bis in die Philosophie und die spirituelle Gegenwartskultur. Im Spiegel anderer Traditionen — der Unio mystica, der sufischen Fanâ-Lehre, der ostkirchlichen Theosis — erweist sich Taulers Lehre vom Grund und vom Sich-Lassen als eine der reifsten Gestalten abendländischer Innerlichkeit: eine Mystik nicht des spektakulären Aufstiegs, sondern des stillen Sinkens in den Grund, in dem Gott und Seele einander begegnen.