Schedim (Schedim): Die ambivalenten Geister des Talmuds
Die Schedim (hebräisch šēdîm) sind die ambivalenten Geister der jüdischen Überlieferung — im Talmud Wesen genau zwischen Engel und Mensch, die wie Engel unsichtbar sind, fliegen und die Zukunft kennen, aber wie Menschen essen, sich fortpflanzen und sterben. Die Notiz erzählt ihre Mythen — die mesopotamische Herkunft des Wortes, die Schädiger-Heere des Traktats Berachot, König Salomo als Herr der Schedim beim Tempelbau, den Raub von Thron und Ring durch Aschmedai (Asmodeus) und Liliths dämonische Brut — und stellt sie vergleichend neben die islamischen Dschinn, die christlichen Dämonen, die indischen Asura und Rakshasa und das Feenvolk Europas.
Definition
Als Schedim (hebräisch šēdîm, שֵׁדִים, Singular šēd; aschkenasisch oft Scheidim, Sheydim) bezeichnet die jüdische Überlieferung eine eigene Klasse unsichtbarer, vernunftbegabter Geistwesen, die im rabbinischen Denken eine ganz bestimmte, fein austarierte Mittelstellung einnehmen: Sie stehen genau zwischen den Engeln und den Menschen. Der Begriff ist im Deutschen am ehesten mit „Dämonen" wiederzugeben, doch diese Übersetzung verfehlt das Entscheidende. Denn die Schedim sind, anders als die christlichen Dämonen, keine durchweg bösen, gefallenen Geister, sondern ein ambivalentes Mischvolk — gefährlich und schadenstiftend zwar, aber auch fromm, gelehrig, mitunter sogar hilfreich, und in jedem Fall ein gewöhnlicher, mitgeschaffener Bestandteil der einen guten Schöpfung Gottes.
Die klassische Bestimmung ihres Wesens stammt aus dem babylonischen Talmud und ist von bestechender Klarheit. In drei Stücken, so lehren die Rabbinen, gleichen die Schedim den Engeln des Dienstes (malʾakhei ha-šaret), und in drei Stücken gleichen sie den Menschen. Wie die Engel haben sie Flügel, fliegen von einem Ende der Welt zum anderen und wissen, was die Zukunft bringt — nicht freilich, indem sie sie schauen, sondern indem sie hinter dem himmlischen Vorhang lauschen. Wie die Menschen aber essen und trinken sie, pflanzen sich fort und vermehren sich, und sie sterben. In dieser doppelten Dreiheit liegt das ganze Geheimnis der Schedim beschlossen: Sie sind das Scharnierwesen der Schöpfung, der lebendige Übergang zwischen der körperlosen Welt des Geistes und der sterblichen Welt des Fleisches.
Wer diese talmudische Definition liest und zugleich die Lehre vom muslimischen Dschinn kennt, erlebt einen Moment der Verblüffung: Es ist nahezu dieselbe Bestimmung. Auch die Dschinn essen, vermehren sich und sterben wie Menschen, sind aber unsichtbar, beweglich und „feinstofflich" wie höhere Wesen; auch über sie gebietet der König Salomo; auch sie werden in Gefäßen gebannt. Diese frappierende Parallele — von der mittelalterlichen rabbinischen Tradition selbst ausdrücklich bemerkt — bildet das Herzstück des Vergleichsteils dieser Notiz. Sie dokumentiert, sie wertet nicht; ob es Schedim „gibt", ist nicht ihre Frage, sondern wie das Judentum die uralte Erfahrung der unsichtbaren, bedrohlichen und manchmal hilfreichen Mitbewohner der Welt in eine streng monotheistische Ordnung eingefügt hat — und worin sich seine Antwort von den Antworten der Nachbarkulturen unterscheidet.
Herkunft und Quellen: Vom mesopotamischen Schutzgeist zum biblischen Götzen
Die Schedim sind, wie so vieles in der jüdischen Geisterwelt, älter als das Judentum selbst und tragen die Spuren der großen Kulturen, zwischen denen Israel lebte. Der Name verrät es. Das hebräische šēd ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Lehnwort aus dem Akkadischen, der Sprache Babyloniens und Assyriens, wo der šēdu (auch šēdu/lamassu) einen mächtigen Schutzgeist bezeichnete — jene geflügelten Stier- und Löwenkolosse mit Menschenhaupt, die zu beiden Seiten der assyrischen Palasttore Wache standen, um das Böse abzuwehren. Der šēdu war im Ursprung also gerade kein böser Geist, sondern ein behütender, fast ein „Schutzengel". Hebräische Volksetymologie hingegen verband das Wort später mit der Wurzel š-w-d („Gewalt antun, verwüsten") und gab ihm so den drohenden Klang, den es im späteren Sprachgebrauch trägt. Schon im Namen begegnet damit die für die Schedim charakteristische Doppelnatur — Schützer und Schädiger zugleich.
In der Hebräischen Bibel (Tanach) selbst sind die Schedim auffallend selten — sie erscheinen nur an zwei Stellen, beide Male im Plural, und beide Male im Zusammenhang des Götzendienstes. Im Lied des Mose heißt es von Israels Abfall: „Sie opferten den šēdîm, die keine Gottheit sind, Göttern, die sie nicht kannten" (Deuteronomium 32,17). Und der Psalmist klagt über die Kinderopfer der Vorfahren: „Sie opferten ihre Söhne und ihre Töchter den šēdîm" (Psalm 106,37). An beiden Stellen sind die Schedim also nicht eigentlich „Dämonen" im späteren Sinn, sondern die fremden Götter der Heiden — Mächte, denen die Völker ringsum opferten und die die Bibel zu hohlen Nicht-Gottheiten erklärt. Diese Abwertung der fremden Götter zu bloßen Geistern ist ein durchgehender Zug des biblischen Monotheismus.
Bezeichnend ist, wie die griechische Übersetzung der Bibel, die Septuaginta, diese Stellen wiedergibt: Sie übersetzt šēdîm mit daimónia. Im damaligen Griechisch bezeichnete daimónion zunächst neutral ein göttliches Zwischenwesen oder einen fremden Kult — doch eben über diese Übersetzung wanderte das hebräische šēd in die griechisch-christliche Begriffswelt ein und wurde dort allmählich zum „Dämon" im heutigen, durchweg bösen Sinn. Die Wortgeschichte spiegelt damit eine theologische Verschiebung: Was im Judentum ein ambivalentes Geschöpf blieb, wurde im christlichen Gebrauch zum reinen Bösen (siehe den Vergleich unten und die Notiz Dämonen und Exorzismus im Vergleich).
Die eigentliche Heimat der Schedim aber ist nicht die Bibel, sondern der Talmud und die ihn umgebende rabbinische Literatur, vor allem die in Babylonien entstandenen Schichten (3.–6. Jahrhundert). Hier, im Herzen Mesopotamiens, wo die uralte Dämonenkunde der Region allgegenwärtig war, entfaltet sich eine reiche, detailfreudige Dämonologie. Neben dem Talmud speist sich das Schedim-Wissen aus den aramäischen Zauberschalen (mit Bann- und Schutzformeln beschriftete Tonschalen, die man unter der Türschwelle vergrub), aus den Hekhalot-Schriften der frühen jüdischen Mystik, aus mittelalterlichen Werken wie dem Alphabet des Ben Sira und schließlich aus der Kabbala, allen voran dem Sohar, der die Schedim in ein umfassendes System der „anderen Seite" (sitra achra) einordnet. Aus diesem Strom schöpft der folgende Erzählteil.
Mythen, Legenden und Geschichten
Das Wesen der Schedim erschließt sich, wie bei allen Geistwesen, weniger über Lehrsätze als über die Geschichten, die man sich von ihnen erzählt. Vier Erzählkreise ragen heraus: die Frage nach ihrer Erschaffung in der Dämmerung des sechsten Schöpfungstages; die unsichtbaren Heerscharen der Schädiger im Alltag des Talmud; die große Legende von Salomo und dem Dämonenkönig Aschmedai; und schließlich Lilith, die Mutter der Dämonen, und ihre Brut.
Die Erschaffung in der Dämmerung: unfertige Geschöpfe
Wann wurden die Schedim erschaffen? Die rabbinische Antwort ist von feiner Tiefsinnigkeit. Nach einer berühmten Mischna (Awot 5,6) gehören die Schedim (genauer: die mazzikin, die „Schädiger") zu jenen zehn rätselhaften Dingen, die Gott am Vorabend des ersten Schabbat, in der Abenddämmerung (bein ha-schemaschot) erschuf — in jenem flüchtigen Zwischenlicht zwischen dem sechsten Schöpfungstag und dem heiligen Ruhetag. Eine wirkmächtige Auslegung erklärt daraus zugleich die merkwürdige Unfertigkeit der Schedim: Gott habe ihre Seelen geschaffen, doch ehe er ihnen auch Leiber geben konnte, brach der Schabbat herein, und das Schöpfungswerk musste ruhen. So blieben die Schedim für immer leiblose, halbfertige Geschöpfe — Wesen, die zwischen Sein und Nichtsein hängen, gerade weil ihre Erschaffung im Augenblick des Übergangs jäh abgebrochen wurde. In diesem Bild verdichtet sich ihr ganzes Wesen: Die Schedim sind die Geschöpfe der Schwelle, geboren in der Dämmerung, heimisch in der Dämmerung, für immer am Rande der vollendeten Schöpfung.
Andere Überlieferungen führen die Schedim auf den Menschen selbst zurück. Eine talmudische Tradition (im Traktat Eruwin 18b) lehrt, in den hundertdreißig Jahren, die Adam nach dem Brudermord Kains von Eva getrennt lebte und Buße tat, hätten weibliche Geister von ihm empfangen und so „Schedim, Geister und nächtliche Gespenster" hervorgebracht (dazu unten mehr bei Lilith). So sind die Schedim in mancher Lesart geradezu die dunkle Verwandtschaft der Menschheit, aus menschlichem Ursprung in die Welt gekommen — ein weiterer Zug, der sie den Menschen näherrückt als jeder anderen Gattung.
Die unsichtbaren Heerscharen: Mazzikin im Alltag des Talmud
Keine Schrift macht die Allgegenwart der Schedim so greifbar wie der berühmte Abschnitt im Traktat Berachot (6a), der zur Quelle fast aller späteren jüdischen Dämonenfurcht wurde. Hier erklärt Rabbi Huna eine alltägliche Erfahrung mit den Schedim: dass man sich von unsichtbaren Wesen umdrängt fühlt. „Ein jeder von uns", so lehrt er, „hat tausend von ihnen zu seiner Linken und zehntausend zu seiner Rechten." Die Welt ist, nach dieser Vorstellung, dicht bevölkert von Schädigern (mazzikin) — sie drängen sich in den Lehrhäusern, reiben sich an den Kleidern der Gelehrten (weshalb deren Gewänder so schnell verschleißen), ermüden die Knie und zermürben den Körper; die Erschöpfung nach dem Studium, das Stolpern im Dunkeln, die plötzliche Mattigkeit — all das schreibt der Talmud dem unsichtbaren Gedränge der Schedim zu.
Wären sie sichtbar, heißt es weiter, kein Mensch könnte vor Furcht bestehen — Gottes Gnade allein hält sie unserem Blick verborgen. Wer sie dennoch wahrnehmen will, dem gibt der Talmud genaue, fast magische Anweisungen, in denen die uralte mesopotamische Zauberkunde nachklingt: Wer ihre Spuren sehen will, der streue am Abend gesiebte Asche rings um sein Bett — am Morgen wird er darin Abdrücke wie von Hahnenfüßen finden. Wer die Schedim selbst erblicken will, der nehme die Nachgeburt einer schwarzen Katze, die selbst die Erstgeburt einer Erstgeburt war, verbrenne und zerreibe sie und streiche sich das Pulver in die Augen — dann werde er die Schedim erblicken. (Ein Schüler, so fügt die Überlieferung warnend hinzu, tat dies, erschrak und kam zu Schaden, bis die Weisen für ihn beteten; man rührt nicht ungestraft an die verborgene Welt.)
Aus solchen Stellen erwuchs ein ganzes Geflecht von Schutzbräuchen, mit denen sich der jüdische Alltag gegen die Schedim wappnete. Man fürchtete die Schwelle, die dunklen Ecken, die verlassenen Häuser, die Ruinen, die Wasserstellen und vor allem die Nacht und die Dämmerstunde — die klassischen Aufenthaltsorte der Geister. Man trank nicht aus paarweise geschöpftem Wasser (die Paarung zugot galt als Einfallstor für die Schedim), ging nachts nicht allein und schon gar nicht zu zweit (am sichersten zu dritt) an gefährlichen Orten vorbei. Vor allem aber stellte man der Macht der Schedim die Macht des göttlichen Wortes entgegen: das nächtliche Sprechen des Schma Jisrael, das Anbringen der Mesusa am Türpfosten (deren Schriftrolle die Schwelle schützt), das Aufsagen bestimmter Psalmen — allen voran des Psalms 91, der in der Tradition geradezu „Lied gegen die Plagegeister" (schir schel pegaʿim) heißt. So bildete sich eine fromme Gegenwehr heraus, die — anders als die heidnische Magie — ihre ganze Schutzkraft allein aus der Zuflucht zu Gott bezog.
Salomo, der Herr der Schedim, und der Wurm Schamir
Keine Gestalt ist in der jüdischen wie in der islamischen Überlieferung so eng mit den Schedim verknüpft wie König Salomo (hebräisch Schlomo). Gott, so die verbreitete Vorstellung, hatte ihm Macht über die Geister verliehen, und Salomo gebot über die Schedim mithilfe eines Siegelrings, in den der Gottesname eingraviert war. Den dramatischen Höhepunkt erreicht diese Tradition in einer der erstaunlichsten Erzählungen des babylonischen Talmud, im Traktat Gittin (68a–b) — einer Geschichte, die alle großen Motive der Schedim-Sage in sich vereint: den Tempelbau, den listigen Dämonenkönig, den magischen Wurm und den jähen Sturz des größten Königs.
Es begann, so erzählt der Talmud, mit einer frommen Verlegenheit. Salomo wollte den Tempel in Jerusalem errichten, doch die Schrift gebot, dass beim Tempelbau kein eisernes Werkzeug erklingen dürfe — denn das Eisen, der Stoff des Schwertes, sollte das Haus des Friedens nicht entweihen. Wie aber sollte man gewaltige Steine ohne Hammer und Meißel behauen? Die Weisen wussten Rat: Es gebe ein wundersames Geschöpf, den Schamir — einen winzigen Wurm (manche sagen: einen Stein), der härtesten Fels mühelos zu spalten vermöge, allein durch seinen Blick oder seine Berührung. Mit ihm habe schon Mose die Edelsteine des hohepriesterlichen Brustschilds graviert. Doch wo war der Schamir? Salomo beschwor ein Schedim-Paar, einen männlichen und einen weiblichen Dämon, herbei und befragte sie — doch sie wussten es nicht. Nur einer, sagten sie, kenne das Versteck: ihr König, Aschmedai, der Herr aller Schedim, der fern in den Bergen an einem Brunnen hause.
Salomo sandte seinen treuen Hauptmann Benajahu, den Sohn Jojadas, aus, den Dämonenkönig zu fangen — und der Talmud schildert die List mit großem Vergnügen. Aschmedai, so wusste man, stille seinen Durst täglich aus einem bestimmten, mit einem Stein und seinem eigenen Siegel verschlossenen Brunnen. Benajahu bohrte unterhalb des Wasserspiegels ein Loch, ließ das Wasser ablaufen, füllte den Brunnen mit Wein und verschloss alles wieder so geschickt, dass nichts zu merken war. Der durstige Aschmedai zögerte zunächst, denn er kannte die betörende Macht des Weines — doch endlich übermannte ihn der Durst, er trank, ward trunken und sank in tiefen Schlaf. Da warf ihm Benajahu eine Kette mit dem eingravierten Gottesnamen um den Hals und führte den gefesselten Dämonenkönig nach Jerusalem.
Schon der Weg dorthin offenbart das doppelgesichtige Wesen des Aschmedai. Unterwegs sieht er einen Hochzeitszug in fröhlichem Jubel — und bricht in Tränen aus, denn er weiß durch sein verborgenes Wissen, dass der Bräutigam in dreißig Tagen sterben wird. Er sieht einen Mann beim Schuster, der sich Schuhe für sieben Jahre bestellt — und lacht laut, denn der Mann wird nicht einmal sieben Tage mehr leben. Er sieht einen Zauberer am Werk und lacht abermals, denn dieser sitzt ahnungslos über einem vergrabenen Königsschatz. So entpuppt sich der Dämonenkönig als ein Wesen von tiefer, fast wehmütiger Weisheit — keineswegs nur als finsteres Ungeheuer, sondern als einer, der die verborgenen Fäden des Schicksals durchschaut und an der Blindheit der Menschen leidet. In Jerusalem dann zeigt Aschmedai dem König, wie man den Schamir beschafft, und der Tempelbau gelingt.
Doch die Geschichte hat einen bitteren Ausgang, und ihre Pointe ist eine Warnung vor dem Hochmut. Salomo, neugierig auf die Quelle der dämonischen Macht, fragte den gefangenen Aschmedai, worin denn die Überlegenheit der Schedim über die Menschen bestehe, wenn er, der König, ihn doch habe fesseln können. Aschmedai versprach es ihm zu zeigen, wenn man ihm nur die Kette abnehme und den Siegelring reiche. Salomo, allzu sicher, willigte ein. Kaum war der Dämon frei, da verschlang er den Ring, wuchs zu ungeheurer Größe, sodass ein Flügel den Himmel und der andere die Erde berührte, und schleuderte Salomo vierhundert Wegstunden weit fort. Dann nahm Aschmedai dessen Gestalt an und herrschte an seiner Statt auf dem Thron Israels, während der echte Salomo, von aller Macht entblößt, als Bettler von Tür zu Tür zog und sprach: „Ich, Kohelet, war König über Israel in Jerusalem" — und niemand glaubte ihm.
Erst nach langer Zeit und mancher Prüfung wird der Betrug aufgedeckt: Den Weisen fällt das fremdartige Gebaren des falschen Königs auf, und schließlich gewinnt Salomo seinen Thron und den Ring zurück. Manche Fassungen lassen ihn nie wieder ganz die alte Furchtlosigkeit finden — fortan habe er aus Angst vor den Schedim seine Wachen um sein Lager geschart. Die Lehre der Geschichte ist scharf und doppelt: Sie zeigt zum einen die Grenzen menschlicher Macht selbst beim weisesten aller Könige, und sie zeigt zum anderen, dass die Schedim — bei aller Dienstbarkeit, bei aller Weisheit — niemals völlig gezähmt sind. Wer sich ihrer allzu sicher bedient, dem entgleiten sie und stürzen ihn. Die augenfällige Verwandtschaft dieser Erzählung mit der koranischen Geschichte von Salomos unterworfenen Dschinn und dem Dämon, der seinen Thron raubt, ist kein Zufall, sondern Zeugnis eines gemeinsamen, über die Kulturen wandernden Erzählschatzes (siehe den Vergleich unten).
Lilith, die Mutter der Dämonen, und ihre Brut
Wenn Aschmedai der König der Schedim ist, so ist Lilith ihre Königin und Mutter. In der voll entfalteten Tradition — von den aramäischen Zauberschalen über das mittelalterliche Alphabet des Ben Sira bis zum Sohar — wird Lilith zur Erzeugerin unzähliger Schedim, zur „Mutter der Dämonen", und ihre Geschichte verknüpft sich aufs Engste mit der Frage nach der Herkunft des Geisterheeres.
Nach dem Alphabet des Ben Sira war Lilith das erste Weib Adams, vor Eva aus derselben Erde geschaffen und ihm darum ebenbürtig. Als sie sich weigerte, sich ihm unterzuordnen, sprach sie den unaussprechlichen Gottesnamen aus und entfloh in die Lüfte zum Ufer des Meeres. Gott sandte drei Engel — Senoi, Sansenoi und Semangelof —, sie zurückzuholen; doch Lilith weigerte sich zurückzukehren. Zur Strafe, so die Erzählung, sterben täglich hundert ihrer dämonischen Kinder; und aus Rache wurde Lilith zur Würgerin der Neugeborenen und der Wöchnerinnen — sie bedroht die Säuglinge in den ersten Tagen ihres Lebens, Knaben bis zur Beschneidung, Mädchen länger. Dagegen schrieb man die Namen der drei Engel auf ein Amulett und hängte es über die Wiege; sie allein, so der Pakt, müsse Lilith dort meiden, wo ihre Namen geschrieben stehen. Hier berührt sich die jüdische Überlieferung aufs Genaueste mit der türkisch-anatolischen Furcht vor der Albastı, der Würgerin im Kindbett, und mit dem keltischen Wechselbalg-Glauben (siehe Dschinn und Feenvolk).
Die zweite, kabbalistische Erzählung von Liliths Mutterschaft knüpft an die oben genannten hundertdreißig Jahre der Trennung Adams von Eva an. In dieser langen Zeit der Buße, so lehrt der Sohar, sei Adam von weiblichen Geistern — Lilith und ihrer Gefährtin Naama — heimgesucht worden, die durch unreines Begehren von ihm empfingen und die Erde mit Schedim, Lilin und bösen Geistern bevölkerten. So wurden diese Geister geradezu zur „Plage der Menschheit" — Adams dunkle, ungewollte Nachkommenschaft. Die Kabbala ordnet Lilith schließlich als finstere Gemahlin des Erzdämons Samael in die sitra achra ein, die „andere Seite" der göttlichen Ordnung, die als Schattenbild der heiligen Welt der Sefirot ihr eigenes dämonisches Gegenreich aufrichtet.
Die Tradition unterscheidet dabei mitunter mehrere Klassen von Geistern: die schedim im engeren Sinn, die ruchot („Geister") und die lilin — letztere, die Kinder Liliths, erscheinen in Menschengestalt, tragen aber Flügel, ganz so wie es die talmudische Definition für die Mittelstellung zwischen Engel und Mensch verlangt. In Lilith und ihrer Brut verdichtet sich damit das ganze Wesen der Schedim ein letztes Mal: ambivalent, an die Schwelle und die Nacht gebunden, aus dem Menschlichen hervorgegangen und doch ihm gefährlich, abzuwehren allein durch den Namen und das Wort Gottes.
Eigenschaften und Stellung in der Schöpfungsordnung
Fasst man die verstreuten Überlieferungen zusammen, ergibt sich ein erstaunlich geschlossenes Bild vom Wesen der Schedim — einer Gattung, die das jüdische Denken sorgsam zwischen die Engel und die Menschen einpasst und damit die ganze Schöpfung lückenlos stuft.
Stofflichkeit und Sichtbarkeit. Die Schedim sind von Natur aus unsichtbar und (in mancher Deutung) leiblos — die in der Dämmerung unvollendet gebliebenen Geschöpfe. Gleichwohl können sie Gestalt annehmen, meist die von Tieren oder Menschen, und sich den Sinnen zeigen, wenn sie wollen. Ihre Feinstofflichkeit verleiht ihnen Flügel, ungeheure Schnelligkeit und die Gabe, in einem Augenblick von einem Ende der Welt zum anderen zu gelangen. An ihren Hahnenfüßen, so der Volksglaube, sind sie zu erkennen — ein Zeichen, dass sie nie ganz Mensch werden.
Moralität und Religion. Hier liegt die wichtigste Eigenart der Schedim: Sie sind moralisch ambivalent, nicht wesenhaft böse. Es gibt unter ihnen schädliche und harmlose, ja sogar fromme Schedim. Der Talmud kennt Geschichten von Dämonen, die sich an die Tora halten, von einem Dämon namens Joseph, der den Gelehrten Auskunft gibt, und von der prinzipiellen Möglichkeit, dass Schedim Gutes tun. Diese Offenheit unterscheidet sie scharf von den durchweg bösen christlichen Dämonen und rückt sie dicht an die Dschinn des Islam heran.
Wissen und seine Grenzen. Die Schedim kennen die Zukunft — darin gleichen sie den Engeln. Doch dieses Wissen ist begrenzt und gestohlen: Sie erlauschen es hinter dem himmlischen Vorhang, fangen Brocken der göttlichen Ratschlüsse auf. Volle, sichere Kenntnis des Verborgenen bleibt allein Gott. Eben darum galt die Befragung der Schedim — durch Beschwörung, Wahrsagung, nächtliche Riten — zwar als möglich, aber als gefährlich und religiös verdächtig, ein ständiges Spannungsfeld zwischen gelehrter Frömmigkeit und volkstümlicher Magie.
Lebenszyklus. Wie die Menschen werden die Schedim geboren, sie pflanzen sich fort, sie essen und trinken, und sie sterben. Diese Sterblichkeit ist ihr menschlichster Zug und zugleich das stärkste Band zwischen ihnen und uns. Sie sind nicht die ewigen Mächte einer anderen Welt, sondern vergängliche Mitgeschöpfe in dieser einen.
Die großen Vergleiche
Stellt man die Schedim neben die Geistwesen anderer Traditionen, so zeigt sich das durchgehende Muster, das fast alle Kulturen teilen: die Annahme einer dritten Klasse von Wesen zwischen dem höchsten Göttlichen und dem Menschen — mächtiger, unsichtbarer und langlebiger als der Mensch, doch nicht göttlich. Die Gemeinsamkeit ist real; ebenso real sind die Unterschiede, die meist an drei Bruchlinien liegen: am ontologischen Status (geschaffen und sterblich oder göttlich?), an der moralischen Wertung (ambivalent oder eindeutig böse?) und an der erlaubten Beziehung des Menschen zu ihnen.
Judentum — Schedim
Die Schedim bilden, wie dargestellt, eine geschaffene, sterbliche, moralisch ambivalente Gattung, die das rabbinische Denken mit fast systematischer Sorgfalt zwischen Engel und Mensch stellt: drei Züge der Engel (Flügel, Allgegenwart, Zukunftswissen), drei Züge der Menschen (Essen, Fortpflanzung, Tod). Sie sind keine gefallenen Götter und keine reinen Bosheitsmächte, sondern gewöhnliche, wenn auch gefährliche Geschöpfe der einen guten Schöpfung. Genau diese Verbindung von Geschöpflichkeit, Sterblichkeit und moralischer Offenheit ist die Eigenart, an der sich alle folgenden Vergleiche messen lassen — und sie macht die Schedim zur jüdischen Schwestergestalt der islamischen Dschinn.
Islam — Dschinn
Die nächste und frappierendste Parallele bieten die islamischen Dschinn. Die Übereinstimmung ist so genau, dass die mittelalterliche jüdische Tradition selbst sie ausdrücklich vermerkte und die rabbinischen Quellen die Schedim geradezu als das jüdische Gegenstück zu den Dschinn der arabischen Welt verstanden. Die Berührungspunkte sind zahlreich und tief: Beide Gattungen sind geschaffen, sterblich und moralisch frei; beide essen, pflanzen sich fort und sterben wie Menschen, sind aber unsichtbar, geflügelt und feinstofflich wie höhere Wesen; beide kennen verborgenes Wissen, doch beiden ist die volle Kenntnis des Verborgenen verwehrt, die allein Gott zukommt; beide gliedern sich in fromme und frevelnde, in mächtige Könige und niedere Scharen.
Vor allem aber teilen sie das Salomo-Motiv in geradezu identischer Ausprägung: In beiden Traditionen gebietet der König Salomo über die Geister; in beiden zwingt er sie zum Bau seines Tempels; in beiden bedient er sich eines Siegelrings mit dem Gottesnamen; und in beiden gibt es die Erzählung, dass ein mächtiger Dämon (der talmudische Aschmedai, der islamische Sachr) ihm durch List Ring und Thron raubt und an seiner Statt herrscht, bis Salomo zurückkehrt. Diese Parallele ist kein Zufall, sondern das Zeugnis eines gemeinsamen, zwischen jüdischer, christlicher und islamischer Welt wandernden Erzählschatzes, der seine Wurzeln tief im spätantiken Orient hat. Der entscheidende Unterschied liegt allein im Stoff der Erschaffung: Die Dschinn sind aus rauchlosem Feuer geschaffen, die Schedim aus keinem ausdrücklich genannten Element — eher Wesen der Dämmerung und des halbfertigen Geistes als des Feuers. Wo Dschinn und Schedim einander berühren, berühren sich zwei Schwesterreligionen in ihrer gemeinsamen Antwort auf die Frage nach den unsichtbaren Nachbarn.
Christentum — Dämonen und gefallene Engel
Die tückischste Parallele bieten die christlichen Dämonen — tückisch, weil die Wortgeschichte (das griechische daimónion der Septuaginta übersetzte das hebräische šēd) eine Gleichheit suggeriert, die der Sache nach gerade nicht besteht. Oberflächlich entsprechen die christlichen Dämonen den schädlichen Schedim: unsichtbare Geister, die den Menschen versuchen, Krankheit und Besessenheit wirken und im Exorzismus ausgetrieben werden müssen. Doch der Bauplan ist ein anderer. Die christlichen Dämonen sind durchweg gefallene Engel — ursprünglich lichte, gute Geister, die mit Luzifer aus Hochmut von Gott abfielen und nun unwiderruflich böse sind. Es gibt darum keine „guten Dämonen", keine frommen Dämonen, keine sterblichen Dämonen.
Hier liegt der entscheidende Unterschied. Was das Christentum als einen einzigen, abgefallenen Stand denkt (gute Engel — böse, gefallene Engel/Dämonen), kennt das Judentum als eine eigene, ambivalente Gattung neben den Engeln: Die Schedim sind nicht gefallen, sie sind erschaffen; sie sind nicht ewig böse, sondern moralisch offen; sie sind nicht unsterblich, sondern sterben wie Menschen. Eine echte Entsprechung zu den moralisch neutralen oder gar frommen Schedim fehlt der kirchlichen Lehre fast völlig — am ehesten erinnern an sie die ambivalenten Geister des christlichen Volksglaubens. Wo das Christentum den Sturz im Engelreich verortet, verortet das Judentum die Schedim als eigene Zwischengattung der Schöpfung. Die einflüsternde Versuchung freilich, das Bedrängen und die Notwendigkeit der Abwehr durch heilige Worte teilen beide Traditionen (siehe Engel im Vergleich und Dämonen und Exorzismus im Vergleich).
Hinduismus — Asura und Rakshasa
Im indischen Raum bieten sich zwei Vergleichsgrößen an. Die Asura sind die mächtigen Widersacher der Devas (Götter) — in den ältesten vedischen Schichten noch hohe Wesen, später zu „Dämonen" abgewertet, die in ewigem Ringen mit den Göttern liegen. Den schädlichen Schedim näher stehen die Rakshasa: bösartige, gestaltwandelnde, oft menschenfressende Nachtgeister, die Opferhandlungen stören, Friedhöfe heimsuchen und Reisende bedrohen. Auch sie können sich verwandeln, sind übermenschlich stark, treten in Sippen auf und sind an die Nacht gebunden — alles Züge, die sie mit den Schedim teilen. Bemerkenswert ist überdies, dass die indische Tradition — etwa im Ramayana mit dem Rakshasa-König Ravana — auch fromme, gelehrte, ja asketische Dämonen kennt, die sich durch Bußübungen Macht erringen; darin berühren sie sich mit der moralischen Ambivalenz der Schedim, die ja ebenfalls fromme Vertreter kennen.
Die Unterschiede liegen im Rahmen. Erstens fehlt der strenge Monotheismus: Asura und Rakshasa agieren in einem vielgestaltigen Kosmos voller Götter, nicht als Geschöpfe eines einzigen Schöpfers. Zweitens sind sie eingebettet in das Gesetz von Karma und Wiedergeburt — ein Wesen kann als Rakshasa oder Asura geboren werden infolge früherer Taten und in einem künftigen Leben aufsteigen; die Dämonennatur ist eine Daseinsstufe im Kreislauf, nicht eine feste, parallele Gattung wie die Schedim. Wo das Judentum die Schedim als eigene, mitgeschaffene Art neben den Menschen denkt, sind die indischen Dämonen Stationen einer durchlässigen, vom Karma bewegten Wanderung der Seelen. (Verwandte Zwischenwesen der indischen Welt sind ferner die schlangengestaltigen Naga und die ambivalenten Naturgeister, die Yaksha.)
Keltische und germanische Welt — Feenvolk und Naturgeister
Eine ganz andere Färbung haben die Geister des europäischen Volksglaubens: das keltische Feenvolk (die aos sí, die „Feen" der irischen Überlieferung) und die germanischen Wesen — Elfen, Zwerge, Kobolde und Hausgeister. Mit den Schedim teilen sie auffallend viel: Sie sind unsichtbar oder nur zu bestimmten Zeiten sichtbar, bewohnen Schwellenorte (Hügel, Quellen, Dämmerung), sind leicht zu kränken und dann gefährlich, rauben Kinder (der changeling, der untergeschobene Wechselbalg, entspricht genau der Lilith- und Albastı-Furcht) und werden mit verwandten Mitteln abgewehrt — durch Eisen, durch Schwellensegen, durch das Meiden ihrer Orte und durch heilige Namen.
Der tiefe Unterschied ist abermals der religiöse Rahmen. Das Feenvolk und die germanischen Geister stehen weitgehend außerhalb einer Heils- und Schöpfungstheologie; sie sind weder ausdrücklich von einem Schöpfergott geschaffen noch einem Gericht unterworfen noch eindeutig in eine kosmische Ordnung von Gut und Böse eingefügt. Sie sind eine eigenständige, vorzeitliche Andersmenschheit, mit der man durch Gabentausch, Höflichkeit und Tabu-Achtung ein heikles Nachbarschaftsverhältnis pflegt. Das Judentum dagegen ordnet die Schedim theologisch in die eine Schöpfung ein — sie sind Gottes Geschöpfe, dem Wort der Tora unterworfen, abzuwehren allein durch die Zuflucht zu Gott. Wo der europäische Geist mit den Feen verhandelt, wehrt der Jude die Schedim durch Schma, Mesusa und Psalm ab.
Griechische Antike — Daimones
Eine letzte, aufschlussreiche Parallele bilden die griechischen Daimones. Im ursprünglichen, vorchristlichen Sinn war der daimon gerade kein böser Geist, sondern ein göttliches Zwischenwesen zwischen Göttern und Menschen — ein Schicksalsgeist, ein persönlicher Schutzgeist (wie der daimonion des Sokrates), eine vermittelnde Macht. Diese Ambivalenz und Mittelstellung verbindet die antiken Daimones eng mit den Schedim. Die Ironie der Wortgeschichte ist nun, dass ausgerechnet die griechische Bibelübersetzung das hebräische šēd mit daimónion wiedergab — und dass das Christentum beide, den hebräischen Schadgeist und den griechischen Mittelgeist, im Begriff des bösen „Dämons" verschmolz und verfinsterte. So wurden zwei ursprünglich ambivalente Zwischenwesen — der jüdische Schedim und der griechische Daimon — durch eine gemeinsame Übersetzungsgeschichte zur Wurzel des einen, durchweg bösen christlichen Dämons. Hier zeigt sich beispielhaft, wie nicht das Wesen der Geister, sondern die theologische Ordnung, in die eine Kultur sie stellt, über ihre Bedeutung entscheidet.
Bilanz der Vergleiche
Quer durch die Traditionen kehrt dieselbe Grundfigur wieder: eine Klasse unsichtbarer, mächtiger, an Schwellenorte und an die Nacht gebundener und leicht reizbarer Wesen, die zwischen Gott(heit) und Mensch stehen — und überall begegnen ähnliche Erzähl- und Abwehrmotive: der Kindsraub und der Wechselbalg, die Scheu vor Eisen, die gefährliche Dämmerstunde, die Bindung an Ruinen, Quellen und Gräber, die Macht des heiligen Namens. Ebenso beständig kehren die Unterschiede wieder. Erstens der ontologische Status: Die Schedim sind — wie die Dschinn — ausdrücklich geschaffen und sterblich; das Feenvolk und die ältesten Asura sind vorzeitlich-gottgleich; die griechischen Daimones göttliche Zwischenwesen. Zweitens die moralische Verfassung: Die Schedim (wie Dschinn, Asura und Rakshasa) sind ambivalent und frei; die christlichen Dämonen unwiderruflich böse; das Feenvolk jenseits von Gut und Böse. Drittens die erlaubte Beziehung: Abwehr durch heilige Worte im Judentum, Exorzismus im Christentum, Gabentausch bei den Feen, kultische Verehrung in mancher antiken und animistischen Welt. Am engsten aber stehen einander, quer durch die Bruchlinien hindurch, die jüdischen Schedim und die islamischen Dschinn — zwei Schwestergestalten, die bis in das Salomo-Motiv hinein dieselbe Geschichte erzählen.
Moderne Rezeption
Die Schedim haben, anders als die zum freundlichen „Flaschengeist" verharmlosten Dschinn, nie den Sprung in die heitere Populärkultur geschafft — und doch sind sie auf eigenen Wegen lebendig geblieben. Im chassidischen und osteuropäischen Judentum blieb der Glaube an die Schedim bis in die Neuzeit volkstümlich gegenwärtig; er nährte eine ganze Welt von Schutzamuletten, Beschwörungen und Wundergeschichten, in der auch der verwandte Dybbuk — der Geist eines Verstorbenen, der in einen Lebenden fährt — und der aus Lehm geformte Golem ihren Platz haben. Diese Welt fand ihren bleibhaftigen literarischen Niederschlag im Werk des Nobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer, dessen Erzählungen oft geradezu aus der Perspektive eines Schedim oder eines kleinen Teufels erzählt sind und das untergegangene jiddische Schtetl mitsamt seinen Geistern aufleben lassen.
In der akademischen Forschung sind die Schedim heute Gegenstand einer regen vergleichenden Religions- und Talmudwissenschaft, die ihre mesopotamischen Wurzeln, ihre iranischen und christlichen Bezüge (etwa die Studien zur Aschmedai-Erzählung) und ihre frappierende Verwandtschaft mit den islamischen Dschinn herausarbeitet. Auch die tiefenpsychologisch geprägte Deutung hat sich ihrer angenommen: Wie verwandte Geistgestalten lassen sich die Schedim — die in der Dämmerung erschaffenen, aus menschlichem Begehren hervorgegangenen, an die Nacht gebundenen Wesen — als Bilder für das Unverfügbare, Triebhafte und Schattenhafte am Rande des bewussten Ich lesen, für jene dunkle Verwandtschaft, die der Mensch in sich selbst und am Rande seiner Welt vermutet. Ob man die Schedim als reale unsichtbare Geschöpfe, als Personifikationen seelischer Kräfte oder als kulturelles Erbe der altorientalischen Geisterfurcht versteht — sie bleiben eines der eindrücklichsten Zeugnisse dafür, wie das Judentum die unsichtbare Hälfte der Welt bevölkert und zugleich in seine streng monotheistische Ordnung eingebunden hat.
Fazit
Die Schedim sind die jüdische Antwort auf eine Frage, die jede Kultur stellt: Wer sonst noch bewohnt die Welt — neben Gott, den Engeln und den Menschen? Das rabbinische Denken antwortete darauf mit einer Lösung von bestechender Eleganz: mit einer eigenen Gattung, die genau zwischen Engel und Mensch eingepasst ist — geflügelt, allgegenwärtig und zukunftskundig wie die Engel, essend, sich fortpflanzend und sterbend wie die Menschen. Geboren in der Dämmerung des ersten Schöpfungsabends, halbfertig und an die Schwelle gebunden, sind die Schedim weder gefallene Götter noch reine Bosheit, sondern ambivalente Mitgeschöpfe einer im Grunde guten Schöpfung, abzuwehren nicht durch Magie, sondern durch das Wort und den Namen Gottes. In ihren Geschichten — den unsichtbaren Heeren zur Linken und zur Rechten, dem weisen und tückischen Aschmedai, der Salomo Ring und Thron raubt, und Lilith, der Mutter der nächtlichen Brut — verdichtet sich eine ganze Anthropologie der Furcht, der Klugheit und der Zuflucht.
Im Vergleich treten sie als eine eigene Lösung unter vielen hervor — und zugleich als die nächste Schwester der islamischen Dschinn, mit denen sie bis ins Salomo-Motiv hinein eine gemeinsame Geschichte teilen: ambivalenter und freier als die christlichen Dämonen, geschöpflicher und sterblicher als das keltische Feenvolk und die vedischen Asura, eingebundener in die eine Schöpfung als die amoralischen Naturgeister, und doch von allen geschieden durch den strengen Monotheismus, der über sie wacht. Sie nebeneinanderzustellen heißt nicht, sie gleichzusetzen, sondern zu sehen, worin die Traditionen einander berühren — im Bild des unsichtbaren Nachbarn an der Schwelle der Nacht — und worin sie unwiderruflich verschieden bleiben: in der Ordnung, die jede von ihnen über das Unsichtbare legt.