"Dämonen, Besessenheit und Exorzismus im Vergleich"
"Eine vergleichende Schau der Dämonen, der Besessenheit und der Befreiungsriten in fünf Traditionen — christlicher Exorzismus, islamische Ruqya gegen Cin-Besessenheit, jüdischer Dybbuk-Bann, buddhistische Māra-Konfrontation und schamanische Geisterextraktion. Mit ausführlich nacherzählten Episoden: Jesu Austreibung der „Legion" von Gerasa, die sieben Dämonen der Maria Magdalena, das Rituale Romanum, berühmte Fälle wie Loudun und Klingenberg, der Dybbuk-Bann der Baʿalê Schem."
Definition
Als Dämon bezeichnet man in den Religionen und Mythologien der Welt ein körperloses, willensbegabtes Geistwesen, das auf den Menschen — meist schädigend, störend oder versuchend — einwirken kann. Besessenheit (lateinisch possessio, arabisch ṣarʿ, hebräisch im Volksglauben dibbuq) meint den Zustand, in dem ein solches Wesen von einem Menschen Besitz ergreift, seinen Leib bewohnt und durch ihn handelt, spricht oder leidet. Exorzismus (von griechisch exorkismós, „Beschwörung", „Hinausbeschwören" — wörtlich: jemanden unter einen heiligen Eid stellen) ist der rituelle Akt der Austreibung eines solchen Wesens, die Befreiung des Besessenen durch eine anerkannte religiöse Autorität, ein heiliges Wort oder eine heilige Macht.
Diese drei Begriffe — das schädigende Geistwesen, sein Eindringen, seine Austreibung — bilden eine fast universelle Trias: Es gibt kaum eine Hochkultur oder Stammesreligion, die nicht in irgendeiner Form von feindseligen Geistern, von ihrem Eindringen in den Menschen und von Mitteln zu ihrer Vertreibung wüsste. Eben diese Universalität macht das Thema zu einem dankbaren Gegenstand des Vergleichs — und zugleich zu einem heiklen, denn unter derselben Oberfläche („ein böser Geist fährt aus") verbergen sich tief verschiedene Welt- und Menschenbilder: Was im einen System ein gefallener Engel ist, ist im anderen ein totes, unerlöstes Menschenseelchen; was hier ein realer äußerer Feind ist, ist dort eine innere Regung der Seele; was die eine Tradition durch hoheitlichen Befehl austreibt, befriedet die andere durch Mitgefühl oder löst sie durch Erkenntnis auf.
Diese Notiz dokumentiert und vergleicht — sie wertet nicht. Sie erzählt zuerst die großen Geschichten: Jesu Begegnung mit dem Besessenen von Gerasa, die sieben Dämonen der Maria Magdalena, die feierlichen Formeln des Rituale Romanum und berüchtigte Fälle der Kirchengeschichte; die islamische Vorstellung der Cin-Besessenheit und die Heilung durch Ruqya; den jüdischen Dybbuk und seinen Bann durch die Wunderrabbis; die buddhistische Konfrontation mit Māra unter dem Erleuchtungsbaum; und die schamanische „Geisterextraktion". Erst danach stellt sie die fünf Befreiungswege systematisch nebeneinander und fragt, worin sie einander berühren und worin sie unwiderruflich verschieden bleiben. Wer den Dämon nur als Aberglauben oder nur als wörtliche Wirklichkeit liest, verfehlt beide Male, was die Traditionen tatsächlich mit ihm sagen wollten.
Herkunft und Quellen des Wortes
Schon das griechische daímōn, von dem unser „Dämon" abstammt, trägt eine aufschlussreiche Doppeldeutigkeit in sich. Bei Homer und in der klassischen Antike ist der daímōn keineswegs grundsätzlich böse: Er ist ein göttliches Mittelwesen, eine schicksalhafte Macht, ein persönlicher Begleitgeist — Sokrates' berühmtes daimónion, die innere warnende Stimme, ist ein solcher guter Dämon. Erst die jüdisch-hellenistische und die frühchristliche Literatur verengten den Begriff: In der griechischen Bibelübersetzung (Septuaginta) und im Neuen Testament wird daimónion zum Wort für den unreinen, gegengöttlichen Geist, und über diese Brücke ist das Wort in alle europäischen Sprachen mit seiner heutigen, negativen Bedeutung eingegangen.
Die Quellen, aus denen sich das abendländische und vorderorientalische Dämonenbild speist, sind vielschichtig. Aus Mesopotamien kommen die ältesten überlieferten Beschwörungstexte überhaupt — akkadische und sumerische Tafeln gegen die udug/utukku-Dämonen, gegen die kinderraubende Lamaštu und gegen die Fieberdämonen, die durch Wind und Wüste fahren. Aus Persien (siehe Angra Mainyu / Ahriman) stammt die folgenreiche Vorstellung eines ganzen Heeres böser Geister, der daēvas, die unter einem obersten Widersacher gegen das Licht kämpfen; dieser zarathustrische Dualismus hat die spätjüdische und christliche Dämonologie nachhaltig geprägt. Aus der hebräischen Bibel kommen einzelne dunkle Gestalten — der Wüstendämon Azazel, die nächtliche Lilit (Jesaja 34), die šedim, denen Israel nicht opfern soll —, doch eine ausgebaute Lehre von Teufeln und Besessenheit entwickelt sich erst in der zwischentestamentlichen Literatur (vor allem im Buch Henoch mit seinem Mythos der gefallenen „Wächter") und gipfelt im Neuen Testament, in dem Dämonenaustreibung zu einem Kernstück der Wirksamkeit Jesu wird. Im Koran schließlich treten Iblîs und die ǧinn (Cin) als eigene, aus „rauchlosem Feuer" geschaffene Geschöpfklasse auf — und damit ein Geisterbild, das mit dem christlichen Engel-/Teufel-Schema nur teilweise deckungsgleich ist.
Es lohnt, diese Herkunftslinien im Gedächtnis zu behalten, denn sie erklären, warum dieselbe Szene — „ein Mensch ist von einem fremden Wesen ergriffen, ein Heiliger befreit ihn" — in jeder Tradition andere Akteure, andere Mittel und einen anderen Sinn besitzt.
Mythen, Legenden und Geschichten
Begriffe bleiben blass, solange man die Erzählungen nicht kennt, in denen sie leben. Im Folgenden werden die wichtigsten Besessenheits- und Austreibungsgeschichten der Traditionen so nacherzählt, wie die Quellen sie überliefern.
Jesus und die „Legion" von Gerasa
Die berühmteste Austreibungsgeschichte des Abendlandes steht im fünften Kapitel des Markusevangeliums (mit Parallelen bei Matthäus 8 und Lukas 8) und ist zugleich die ausführlichste und unheimlichste. Jesus fährt mit seinen Jüngern über den See Genezareth in das Gebiet der Gerasener — heidnisches, „unreines" Land jenseits der jüdischen Welt. Kaum ist er an Land gestiegen, läuft ihm aus den Grabhöhlen ein Mann entgegen, der dort haust: ein Besessener von solcher Kraft, dass man ihn nicht einmal mit Ketten bändigen kann; er hat die Fesseln zerrissen, die Fußschellen zerrieben, und niemand vermag ihn zu zähmen. Tag und Nacht, so heißt es, schreit er zwischen den Gräbern und auf den Bergen und schlägt sich selbst mit Steinen.
Als der Mann Jesus von ferne sieht, läuft er herzu, wirft sich nieder und schreit mit lauter Stimme: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, du Sohn Gottes des Höchsten? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht!" — eine bemerkenswerte Umkehrung, denn hier ist es der Dämon, der den Exorzisten beschwört. Jesus fragt: „Wie heißt du?" Und es fällt das Wort, das der Geschichte ihren Schauer gibt: „Legion heiße ich; denn wir sind viele." Eine Legion — das ist im römisch besetzten Land die Bezeichnung für eine Heeresabteilung von annähernd sechstausend Soldaten; der eine Mann beherbergt ein ganzes Heer. Die Dämonen flehen, Jesus möge sie nicht aus der Gegend forttreiben; eine große Schweineherde weidet am Berghang (die Schweine markieren das heidnische Gebiet, denn der Jude hält das Tier für unrein). „Schicke uns in die Säue", bitten sie. Jesus erlaubt es; die unreinen Geister fahren aus dem Mann und in die Herde — und die etwa zweitausend Tiere stürzen sich den Abhang hinab in den See und ertrinken. Die Hirten fliehen, die Leute kommen heraus und finden den vormals Rasenden „bekleidet und vernünftig" zu Jesu Füßen sitzen — und fürchten sich. Statt zu danken, bitten sie Jesus, ihre Gegend zu verlassen. Der Geheilte will mitziehen, doch Jesus schickt ihn zurück: Er soll verkünden, was Gott an ihm getan hat — und wird so zum ersten Boten unter den Heiden.
Diese Erzählung enthält fast alle klassischen Motive in einem: den Wohnort des Besessenen unter den Toten, die übermenschliche Kraft, die Selbstverletzung, das Erkennen des Heiligen durch den Dämon, die Befragung nach dem Namen (im Volksglauben aller Kulturen verschafft der Name Macht über das Wesen), die Verhandlung, die Übertragung des Geistes auf einen anderen Träger und die wiederhergestellte Vernunft als Zeichen der Heilung.
Die sieben Dämonen der Maria Magdalena
Knapper, aber wirkungsgeschichtlich enorm ist eine Notiz im Lukasevangelium (8,2): Unter den Frauen, die Jesus nachfolgen, ist „Maria, genannt Magdalena, von der sieben Dämonen ausgefahren waren". Mehr sagt der Text nicht — und gerade diese Kargheit hat die Phantasie der Jahrhunderte beschäftigt. Die Sieben ist in der biblischen Zahlensymbolik die Zahl der Fülle und Vollständigkeit; „von sieben Dämonen befreit" heißt also: vollständig, restlos geheilt, von Grund auf neu gemacht. Spätere Theologen deuteten die sieben Geister allegorisch als die sieben Hauptlaster (Hochmut, Habgier, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Völlerei, Trägheit), womit aus der Besessenen ein Sinnbild der von aller Sünde gereinigten Seele wurde.
Festzuhalten ist freilich, was die Quelle nicht sagt: Sie nennt Maria Magdalena weder eine Sünderin noch eine Dirne. Die jahrhundertelange Gleichsetzung mit der „großen Sünderin", die Jesu Füße salbt, beruht auf einer Vermengung dreier verschiedener Frauengestalten — eine Verwechslung, die die katholische Kirche seit 1969 ausdrücklich nicht mehr vertritt. Die Episode zeigt damit beispielhaft, wie aus einer schlichten Heilungsnotiz im Lauf der Überlieferung eine ganze Legende erwachsen kann.
Der christliche Exorzismus und das Rituale Romanum
Aus solchen neutestamentlichen Szenen entwickelte die Kirche über Jahrhunderte ein förmliches Amt und einen festen Ritus. Sein klassischer Niederschlag ist der Abschnitt „De exorcizandis obsessis a daemonio" („Über die Austreibung der vom Dämon Besessenen") im Rituale Romanum, dem römischen Ritualbuch, dessen maßgebliche Fassung von 1614 stammt; eine grundlegend überarbeitete Fassung erschien 1999 unter dem Titel De exorcismis et supplicationibus quibusdam.
Das alte Rituale beschreibt zunächst die Zeichen echter Besessenheit, an denen der Priester sie von Krankheit und Wahn unterscheiden soll: das Sprechen einer dem Besessenen unbekannten fremden Sprache oder das Verstehen einer solchen; das Wissen um Verborgenes und Entferntes; das Zurschaustellen übermenschlicher Körperkraft; und vor allem die heftige Abscheu vor dem Heiligen — vor dem Kreuz, dem Weihwasser, den Namen Gottes und der Heiligen. Der Exorzist soll nüchtern, demütig und gewappnet vorgehen, sich nicht in Gespräche mit dem Geist verwickeln lassen, ihm nicht glauben (denn „der Teufel ist ein Lügner"), aber ihn nach Namen, Zahl und Stunde des Eintritts befragen. Den Kern bildet der imperative Befehl im Namen Christi — die berühmte Formel „Exorcizo te, immundissime spiritus … in nomine Domini nostri Iesu Christi: eradicare et effugare ab hoc plasmate Dei" („Ich beschwöre dich, unreinster Geist … im Namen unseres Herrn Jesus Christus: weiche und fliehe von diesem Geschöpf Gottes"). Hier liegt das theologische Wesen des christlichen Exorzismus: Der Priester treibt nicht aus eigener Kraft aus, sondern als Beauftragter, der die Vollmacht (auctoritas) Christi anruft; der Dämon weicht dem Herrn, nicht dem Menschen.
Die Neufassung von 1999 verschärfte die Vorsicht erheblich: Sie verlangt eine vorausgehende ärztliche Untersuchung, untersagt den großen Exorzismus bei bloßem Verdacht auf Verhexung oder bei psychisch Kranken und bindet ihn an die ausdrückliche Erlaubnis des Diözesanbischofs im Einzelfall. Damit hat die Kirche selbst eine scharfe Grenze zwischen seelischer Krankheit und behaupteter Besessenheit gezogen.
Berühmte Fälle: Loudun und Klingenberg
Die Kirchengeschichte kennt aufsehenerregende Besessenheitsfälle, die bis heute nachwirken. Der berühmteste der frühen Neuzeit ist der von Loudun (Frankreich, 1632–1637): In einem Ursulinenkloster klagten zahlreiche Nonnen, allen voran die Priorin Jeanne des Anges, über dämonische Besessenheit; in spektakulären öffentlichen Exorzismen krümmten sie sich, sprachen mit fremden Stimmen und nannten die Namen der Teufel, die sie quälten. Beschuldigt, sie durch einen Teufelspakt verhext zu haben, wurde der Pfarrer Urbain Grandier — ein gebildeter, eitler, bei der Obrigkeit unbeliebter Mann — nach einem Prozess voller Schauergerichtsszenen 1634 als Hexenmeister auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Der Fall gilt der Forschung heute als verwickeltes Geflecht aus Massenhysterie, klösterlichem Eingeschlossensein, politischer Intrige und justiziellem Mord — und als Lehrstück darüber, wie gefährlich die Diagnose „Besessenheit" werden kann, wenn sie sich mit Macht und Angst verbündet.
Der bekannteste moderne Fall ist der der jungen Bayerin Anneliese Michel (gestorben 1976 in Klingenberg am Main). Zwischen ihrem 16. und 23. Lebensjahr litt die tiefgläubige Studentin an Anfällen, Ohnmachten und Trancezuständen; ihre Familie und schließlich zwei Priester deuteten dies als Besessenheit. Im letzten Lebensjahr wurden an ihr siebenundsechzig Exorzismen vollzogen; die „Dämonen" gaben sich Namen wie Kain, Judas, Nero, Luzifer und Hitler. Anneliese aß und trank zuletzt fast nichts mehr und starb mit etwa 31 Kilogramm Körpergewicht an Unterernährung und Austrocknung. Im Prozess von Aschaffenburg (1978) wurden die Eltern und die beiden Priester wegen fahrlässiger Tötung verurteilt; medizinisch wird der Fall heute überwiegend als unbehandelte Temporallappen-Epilepsie in Verbindung mit einer psychischen Erkrankung gedeutet. Gerade dieser tragische Fall war ein Anstoß für die vorsichtigeren Bestimmungen des Ritus von 1999 — und mahnt eindringlich an die Verantwortung, die in jeder Besessenheitsdeutung liegt.
Islamische Cin-Besessenheit und die Ruqya
In der islamischen Welt verläuft die Geschichte anders, denn ihr liegt ein anderes Geisterbild zugrunde. Die ǧinn (Cin) sind im Koran eine eigene Geschöpfklasse aus rauchlosem Feuer, vor dem Menschen erschaffen, mit Willen und Verantwortung begabt; es gibt unter ihnen Gläubige und Ungläubige. Sie sind also weder Engel noch eigentlich „Dämonen" im christlichen Sinn, sondern eine Art Parallelvolk. Der Volksglaube — und ein Teil der gelehrten Tradition — kennt jedoch die Besessenheit durch einen Cin (arabisch ṣarʿ, „das Niederwerfen, der Anfall"), bei der ein solcher Geist in den Leib eines Menschen fährt, oft aus Rache, aus Verliebtheit oder weil er unwissentlich verletzt wurde, oder ausgesandt durch Verhexung (siḥr) oder den bösen Blick (ʿayn).
Das Heilmittel ist die Ruqya (genauer: ruqya šarʿiyya, die „schriftgemäße Beschwörung") — und ihr Wesen unterscheidet sich auffällig vom feierlichen Kirchenexorzismus. Sie ist nicht-priesterlich: Im Prinzip kann jeder fromme Muslim sie sprechen, auch über sich selbst. Sie ist nicht-dramatisch und an den Tawḥīd, das reine Einheitsbekenntnis, gebunden: Hilfe wird ausschließlich von Gott erbeten, niemals von einem Mittler oder gar von einem anderen Geist; eine Ruqya, die Geister beschwört oder mit ihnen paktiert, gilt strenggläubig als verbotene Magie. Ihr Mittel ist die Rezitation des Koran und prophetischer Bittgebete: vor allem die Fātiḥa (die Eröffnungssure), der „Thronvers" (Āyat al-Kursī), die Sure al-Ǧinn sowie die drei „Qul"-Schutzsuren — al-Iḫlāṣ, al-Falaq und an-Nās —, dazu das Anblasen und Bestreichen des Kranken, oft mit Wasser oder Olivenöl, über das rezitiert wurde. Die Überlieferung führt diese Praxis auf den Propheten selbst zurück, der die letzten beiden Suren über Kranke gesprochen und in sie geblasen haben soll. Eingebettet ist die Ruqya in die al-Ṭibb al-Nabawī, die „Medizin des Propheten". Im klassischen Recht heißt die Besessenheit selbst ṣarʿ; die spirituelle Reinigung des inneren Menschen aber, das Ringen mit der zur Sünde treibenden Triebseele und ihrer flüsternden Versuchung (waswasa), gehört einem anderen Feld an (siehe die Stufen der Seele/nafs).
Der jüdische Dybbuk und sein Bann
Die jüdische Tradition kennt eine Gestalt, die sich von Teufel wie Cin grundlegend unterscheidet: den Dybbuk (von hebräisch dāḇaq, „anhaften", „sich anheften"). Ein Dybbuk ist kein gefallener Engel und kein feuriger Geist, sondern die körperlose Seele eines verstorbenen Menschen, die — beladen mit ungesühnten Sünden — nach dem Tod keine Ruhe findet, von den höllischen Strafgeistern gehetzt umherirrt und schließlich Zuflucht im Leib eines Lebenden sucht, an den sie sich „anheftet". Der Glaube an solche Wanderseelen war besonders im Osteuropa des 16. und 17. Jahrhunderts verbreitet und ist eng mit der Lurianischen Kabbala und ihrer Lehre von der Seelenwanderung (gilgul) verbunden (siehe Kabbala und Ein Sof).
Aufschlussreich ist der Gegenbegriff: Nicht jede einwohnende Seele ist schädlich. Ein ʿibbūr („Schwängerung", „Einkleidung") ist die gute, hilfreiche Einwohnung — die Seele eines Gerechten, die sich vorübergehend mit einem Lebenden verbindet, um ihm in einer Prüfung beizustehen oder um selbst ein letztes Gebot zu erfüllen, und die nach getaner Aufgabe von selbst wieder weicht. Der ʿibbūr muss nicht ausgetrieben werden; der Dybbuk dagegen schon. Den Bann vollzog ein frommer, kabbalistisch gebildeter Wunderrabbi, ein Baʿal Schem („Herr des [göttlichen] Namens"), im Beisein eines Minjan (der Gemeinschaft von zehn erwachsenen Männern), meist in der Synagoge. Mit den heiligen Gottesnamen, mit dem Blasen des Schofar (des Widderhorns), mit Kerzen und Bannformeln zwang er den Geist, sich zu nennen, seine Sünde zu bekennen und den Leib zu verlassen — nicht selten durch den kleinen Zeh, an dem ein blutiges Mal zurückbleiben sollte. Das Ziel war doppelt: die Befreiung des Lebenden und die endliche Erlösung der gequälten Totenseele. Diese ganze Welt hat Sch. An-ski in seinem berühmten Theaterstück „Der Dybbuk, oder Zwischen zwei Welten" (1914) verdichtet — die Geschichte einer jungen Braut, die am Vorabend ihrer Hochzeit von der Seele ihres verstorbenen, ihr eigentlich bestimmten Geliebten besessen wird; das Stück beruht auf jahrelangen volkskundlichen Forschungen An-skis in den Schtetln Russlands und der Ukraine.
Buddhistische Māra und die Befriedung der Geister
Im Buddhismus verschiebt sich das Bild noch einmal grundlegend. Die große „Versuchungs-" und „Dämonen"-Erzählung ist die Geschichte von Māra unter dem Bodhi-Baum. Als der Asket Siddhārtha Gautama in der Nacht seiner Erleuchtung dem höchsten Erwachen nahekommt, tritt ihm Māra entgegen — der „Tötende", der Herr der Begierde, des Todes und der Welt des Werdens —, um ihn von der Schwelle zurückzustoßen. Zuerst sendet Māra seine Heere: ein Heer von Schreckgestalten, Sturm, Regen, Felsen, Asche und Finsternis, das die versammelten Götter in die Flucht jagt — doch Siddhārtha bleibt unbewegt. Dann sendet er seine drei Töchter mit den sprechenden Namen Taṇhā (Begierde/Durst), Rati (Lust) und Rāgā (Verlangen), die mit Tanz, Gesang und süßen Worten seine Sinne betören sollen — vergebens. Schließlich bestreitet Māra dem Erwachenden das Recht, überhaupt auf dem Erleuchtungssitz zu sitzen, und fordert einen Zeugen für seine Würdigkeit. Da berührt Siddhārtha mit der rechten Hand die Erde und ruft sie zur Zeugin seiner in unzähligen Leben angesammelten Verdienste an — die bhūmisparśa-mudrā, die „Erdberührungs-Geste", die in der buddhistischen Kunst tausendfach dargestellt ist. Die Erde bebt zustimmend, Māra und seine Heere weichen, und Siddhārtha wird zum Buddha.
Entscheidend für den Vergleich ist die buddhistische Deutung: Māra wird zwar mythologisch als äußere Gottheit erzählt, gemeint aber sind die inneren Mächte — Begierde, Furcht, Tod, die fünf Hemmnisse des Geistes (siehe der spirituelle Kampf im Vergleich). Die spätere Tradition spricht ausdrücklich von mehreren „Māras" (etwa dem Māra der Anhäufungen, der Leidenschaften, des Todes). Entsprechend gibt es im Buddhismus keinen „Exorzismus" im Sinne eines Hinausbefehls: Der Übende „besiegt" Māra nicht durch Befehl, sondern indem er ihn erkennt, durchschaut und nicht ergreift — und ihn so seiner Macht beraubt. In der Volksreligion freilich kennen auch buddhistische Kulturen reichlich rituelle Praktiken zur Befriedung und Vertreibung schädlicher Geister, hungriger Totengeister (preta) und Dämonen — durch Schutztexte (paritta), Mantras und Riten —, doch ihr Geist ist eher der des Schützens, Speisens und Versöhnens als der des hoheitlichen Bannens.
Schamanische Geisterextraktion
Am anderen Ende des Spektrums steht die schamanische Behandlung, die wohl älteste Form menschlichen Umgangs mit krankmachenden Geistern (siehe Schamanismus und die schamanische Tradition). In den klassischen Schamanenkulturen Sibiriens, Zentralasiens und Amerikas gilt Krankheit häufig als geistliches Geschehen mit zwei spiegelbildlichen Hauptursachen: dem Seelenverlust (ein Teil der Seele hat den Menschen, etwa durch ein Trauma oder einen Schreck, verlassen) und der Geist-Intrusion (ein fremdes, schädliches Geistwesen oder eine schädliche „Energie" ist in den Menschen eingedrungen). Der Schamane begegnet beidem in der ekstatischen Trance (oft zum Rhythmus der Trommel): Beim Seelenverlust unternimmt er eine Seelenreise, um den verlorenen Seelenteil aufzuspüren und zurückzubringen; bei der Intrusion vollzieht er eine Extraktion — das rituelle Herausziehen des Eindringlings, klassisch durch Saugen, Blasen oder mithilfe von Federn und Steinen — und schickt das Wesen dorthin zurück, wo es keinen Schaden mehr stiftet. Der zeitgenössische „Core-Schamanismus" Michael Harners hat diese weltweit verbreiteten Techniken — Seelenrückholung, Extraktion, „Depossession" — gebündelt beschrieben. Charakteristisch ist hier, dass der Heiler nicht eine höhere Autorität gegen den Geist anruft, sondern selbst, gestützt auf seine Hilfsgeister, in die andere Welt hinübergeht und dort handelnd eingreift.
Typen der Geistwesen und Erscheinungsformen der Besessenheit
Aus den Erzählungen lassen sich, quer durch die Traditionen, wiederkehrende Typen abstrahieren — wobei jede Tradition andere Schwerpunkte setzt:
- Der gefallene Geist (Teufel, Satan, gefallene Engel; Iblîs im Islam): ein ursprünglich höheres Wesen, das durch Hochmut und Auflehnung zum Widersacher Gottes wurde. Sein Wesen ist die Empörung, sein Werk die Versuchung. (Ausführlich: Das Böse im Vergleich.)
- Das eigenständige Geistervolk (die Cin/ǧinn des Islam, die Pari, in gewisser Weise die yakṣa und rākṣasa Indiens): keine Gefallenen, sondern eine eigene Schöpfungsordnung mit Guten und Bösen, die nur unter Umständen schädlich wird.
- Die unerlöste Totenseele (der jüdische Dybbuk, die hungrigen Geister preta des Buddhismus, viele „Spukgeister" der Volkskulturen): kein fremdes Wesen, sondern ein Mensch nach dem Tod, der nicht zur Ruhe gekommen ist.
- Die personifizierte innere Macht (Māra; psychologisch der Schatten): ein „Dämon", der eigentlich eine Regung der eigenen Seele ist — Begierde, Angst, Verzweiflung.
- Die ausgesandte Schadmacht (Verhexung siḥr, böser Blick, schamanische Intrusion): weniger ein selbständiges Wesen als eine durch menschliche oder geistige Bosheit in Bewegung gesetzte schädigende Kraft.
Ebenso wiederkehrend sind die Erscheinungsformen der Besessenheit selbst: die fremde Stimme und Sprache aus dem Mund des Besessenen; die Persönlichkeitsverwandlung; übermenschliche Kraft; Krämpfe, Anfälle und Trancen; die Abscheu vor dem Heiligen; das Wissen um Verborgenes. Genau diese Symptome sind es, die heute am dichtesten an die Beschreibungen der Medizin und Psychiatrie rühren — von der Epilepsie über die dissoziative Identitätsstörung bis zu psychotischen Zuständen —, weshalb alle ernsthaften religiösen Traditionen heute zur Unterscheidung von Krankheit und Besessenheit mahnen.
Die großen Vergleiche
Stellt man die fünf Befreiungswege nebeneinander, so zeigt sich dasselbe Bild wie beim Vergleich des Bösen überhaupt: eine echte, gemeinsame Tiefenstruktur — und drei harte, nicht einebbare Unterschiede entlang der Linien äußerer Feind ↔ innere Regung, Befehl ↔ Erkenntnis und hoheitliche Vollmacht ↔ eigene geistige Kraft.
Christentum — der Exorzismus durch hoheitliche Vollmacht
Der katholische Exorzismus setzt eine reale, äußere, personale Macht voraus: einen Dämon, der nicht der Mensch selbst ist. Befreit wird durch den imperativen Befehl im Namen Jesu Christi, ausgesprochen von einem dazu beauftragten Priester. Das Modell ist juristisch-hoheitlich: Der Exorzist ist Bevollmächtigter, der Dämon weicht der höheren Autorität. Heilung zeigt sich als wiederhergestellte Vernunft („bekleidet und vernünftig"). Die moderne Kirche umgibt diesen Akt mit strengen Schutzschranken (ärztliches Gutachten, bischöfliche Erlaubnis), um ihn von Krankheit zu unterscheiden.
Islam — die Ruqya zwischen Tawḥīd und Cin
Die islamische Ruqya teilt mit dem christlichen Exorzismus die Voraussetzung eines realen äußeren Geistes (des Cin), unterscheidet sich aber in fast allem anderen. Sie ist nicht an ein Priesteramt gebunden, sondern grundsätzlich jedem Frommen zugänglich, auch über sich selbst. Sie ist nicht-dramatisch und strikt an den Tawḥīd gebunden: Hilfe kommt allein von Gott, niemals von einem Mittler oder Geist; eben das trennt die erlaubte Ruqya scharf von der verbotenen Magie. Ihr Mittel ist nicht der Befehl an den Dämon, sondern die Rezitation des heiligen Wortes (Koran, Schutzsuren, Bittgebete) — das Wort wirkt als Schutz und Heilung (siehe das heilige Wort im Vergleich). Vom Ringen mit dem äußeren Cin ist überdies das innere Ringen mit der zur Sünde treibenden Triebseele (nafs) zu unterscheiden — zwei Felder, die der Volksglaube oft vermengt, die gelehrte Tradition aber trennt.
Judentum — der Dybbuk-Bann als doppelte Erlösung
Der jüdische Dybbuk-Bann fällt aus dem Schema des „Dämons" heraus, weil sein Gegenüber kein fremdes Wesen, sondern eine Menschenseele ist. Daraus folgt seine Eigenart: Der Bann zielt nicht nur auf die Befreiung des Lebenden, sondern zugleich auf die Erlösung des toten Geistes — er ist ein Akt der Barmherzigkeit auch am Quälgeist. Vollzogen wird er vom kabbalistisch gebildeten Baʿal Schem mit den heiligen Gottesnamen, dem Schofar und der Gemeinschaft des Minjan. Der positive Gegenbegriff des ʿibbūr (der hilfreichen, von selbst weichenden Seeleneinwohnung) zeigt zudem, dass die einwohnende Seele hier nicht grundsätzlich böse ist — eine Differenzierung, die das christliche und islamische Modell so nicht kennen.
Buddhismus — Māra besiegen heißt erkennen
Der Buddhismus bricht am radikalsten mit dem Exorzismus-Schema. Māra ist zwar mythisch als äußere Gottheit erzählt, gemeint aber ist die innere Macht — Begierde, Furcht, Tod. Entsprechend gibt es keinen Hinausbefehl: Māra wird nicht ausgetrieben, sondern durchschaut und nicht ergriffen; die Erdberührungs-Geste ist kein Bann, sondern ein Akt der unerschütterlichen Standhaftigkeit und Wahrheit. Befreiung ist hier Erkenntnis, nicht Vertreibung — die Auflösung der Macht des „Dämons" durch Einsicht in seine Leerheit (siehe Śūnyatā, die Buddha-Natur). Die volksreligiösen Geisterriten daneben sind eher Schutz und Versöhnung als hoheitliches Bannen.
Schamanismus — die Extraktion durch eigene Geisterkraft
Der Schamanismus schließlich setzt — wie Christentum und Islam — einen realen äußeren Eindringling voraus, behandelt ihn aber mit gänzlich anderer Methode. Der Heiler ruft keine höhere Autorität gegen den Geist an, sondern reist selbst, gestützt auf seine Hilfsgeister, in der ekstatischen Trance in die andere Welt und zieht den Eindringling tätig heraus (Saugen, Blasen, Federn). Sein Spiegelfall, die Seelenrückholung beim Seelenverlust, hat in den anderen Traditionen kaum eine Entsprechung — und markiert die schamanische Eigenart am schärfsten: Krankheit ist hier ebenso oft ein Fehlen (verlorene Seele) wie ein Zuviel (eingedrungener Geist).
Eine Bilanz der Vergleiche
Allen fünf Wegen gemeinsam ist die Grundannahme, dass der Mensch von einer ihm nicht zugehörigen Macht überwältigt werden kann und dass es Mittel der Befreiung gibt. Das ist die echte Universalie. Ebenso beständig kehren drei Unterschiede wieder. Erstens die Natur des Gegenübers: ein gefallener Geist (Christentum), ein eigenständiges Geistervolk (Islam), eine unerlöste Menschenseele (Judentum), eine personifizierte innere Regung (Buddhismus) oder eine ausgesandte Schadkraft (Schamanismus, islamischer Volksglaube). Zweitens die Logik des Mittels: hoheitlicher Befehl (Christentum), schützende Rezitation (Islam), erlösender Bann (Judentum), durchschauende Erkenntnis (Buddhismus), tätige Extraktion (Schamanismus). Drittens der Ort des Eigentlichen: Für die einen sitzt der Feind außen und wird vertrieben; für die anderen sitzt er innen und wird durchschaut. Wer beides nicht verwechselt, sieht hinter der scheinbar gleichen Szene fünf verschiedene Bilder vom Menschen.
Moderne Rezeption: zwischen Psychologie und Kulturindustrie
In der Moderne hat das Thema eine doppelte Verwandlung durchlaufen. Auf der einen Seite hat die Psychologie den Dämon nach innen geholt: Was frühere Zeiten als Besessenheit deuteten, beschreibt die Psychiatrie heute weithin als dissoziative, epileptische oder psychotische Phänomene; und die Tiefenpsychologie C. G. Jungs liest die Dämonengestalten als Bilder des Schattens und autonomer Komplexe der Seele — der „Dämon" als das abgespaltene, nicht integrierte Eigene (siehe Archetypen und das kollektive Unbewusste). In dieser Lesart ist der „Exorzismus" kein Hinausbefehl mehr, sondern die bewusste Auseinandersetzung mit dem Verdrängten — eine Deutung, die der buddhistischen „Erkenne deinen Māra" überraschend nahekommt.
Auf der anderen Seite hat die Kulturindustrie den Exorzismus zum Schauergenre gemacht: Romane und Filme (von Der Exorzist bis zu den Verfilmungen des Klingenberg-Falls) haben das Bild des sich krümmenden Besessenen und des heroisch ringenden Priesters weltweit popularisiert — und damit zugleich verzerrt und sensationalisiert. Parallel erlebt die religiöse Praxis selbst eine Renaissance: Die katholische Kirche bildet wieder verstärkt Exorzisten aus, die islamische Ruqya ist in vielen Ländern ein blühendes (und umstrittenes) Heilgewerbe, und der „Neoschamanismus" bietet im Westen Seelenrückholung und Depossession an. Mit diesem Wiederaufleben kehren auch die alten Gefahren wieder — die Verwechslung von Krankheit und Besessenheit, die Ausbeutung Verzweifelter, im schlimmsten Fall die Tragödie wie in Klingenberg —, weshalb alle verantwortlichen Stimmen der Traditionen heute auf der vorgängigen Unterscheidung von Leib, Seele und Geist bestehen.
Fazit
Die Trias von Dämon, Besessenheit und Exorzismus ist eine der großen Universalien der Religionsgeschichte — und gerade darum ein Lehrstück für das vergleichende Sehen. Überall begegnet die Erfahrung, dass der Mensch sich selbst entgleiten, von etwas „nicht ganz Eigenem" beherrscht werden kann, und überall die Hoffnung auf Befreiung. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt unter der einen Oberfläche fünf verschiedene Welten: den gefallenen Geist, dem im Namen Christi befohlen wird; das feurige Geistervolk, dem das heilige Wort Gottes wehrt; die wandernde Totenseele, die der Baʿal Schem zugleich vertreibt und erlöst; den inneren Māra, der durch Erkenntnis seine Macht verliert; und den eingedrungenen Geist, den der Schamana mit eigener Kraft herauszieht. Die Geschichten — die Legion von Gerasa, die sieben Dämonen der Magdalena, der Dybbuk der jungen Braut, Māra unter dem Baum — sagen darum nie bloß „ein böser Geist fuhr aus". Sie sagen jedes Mal etwas anderes darüber, was der Mensch ist, woher das ihn Bedrängende kommt und wodurch er frei wird. Dieses doppelte Sehen — die gemeinsame Erfahrung und die unaufhebbare Verschiedenheit ihrer Deutung zugleich festzuhalten — ist der eigentliche Ertrag des Vergleichs.