Mystische Traditionen

Elben, Zwerge und Riesen: Die Wesen der germanisch-nordischen Mythologie

Elben (Álfar), Zwerge (Dvergar) und Riesen (Jötnar) bilden neben den Göttern das übrige Volk der germanisch-nordischen Welt. Die Notiz erzählt ihre Mythen — den Ur-Riesen Ymir, aus dessen Leib die Welt entsteht, die Zwerge als Meisterschmiede von Mjölnir, Gungnir und Sifs Goldhaar, die Licht- und Schwarzalben, den Hammerraub des Thrym, Skadi und den Wechsel der Riesen ins Götterhaus, dazu die Trolle der späteren Sagen — und stellt diese Wesen vergleichend neben die keltischen Feen, die Elementarwesen der Renaissance, die „älteren Mächte“ der Asura und Titanen sowie die Schatzhüter wie den Yaksha.

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Definition

Als germanisch-nordische Wesen bezeichnet man jene große Schar nichtgöttlicher, übermenschlicher Geschöpfe, die in der Überlieferung der Germanen — und am reichsten dokumentiert bei den Nordleuten Skandinaviens und Islands — neben den eigentlichen Göttern (Asen und Wanen) und neben den Menschen die Welt bevölkern. Drei Gattungen ragen aus dieser Schar heraus und bilden das Rückgrat des mythischen Personals: die Elben oder Alben (altnordisch álfar, Singular álfr; deutsch „Elb", später „Elf"), die Zwerge (altnordisch dvergar) und die Riesen (altnordisch jötnar, Singular jötunn). Hinzu treten die in der jüngeren skandinavischen und deutschen Volksüberlieferung mächtig gewordenen Trolle sowie ein Heer kleinerer Geister — Hausgeister, Erd- und Wassergeister, die Wichte.

Diese Wesen sind keine bloßen Randfiguren. Sie stehen in der nordischen Kosmologie an entscheidenden Stellen: Aus dem Leib eines Riesen wird die ganze Welt geschaffen; aus seinem Fleisch entstehen die Zwerge; die schönsten Schätze der Götter — der Hammer Thors, der Speer Odins, das goldene Haar der Sif — stammen aus den Schmieden der Zwerge; und das endzeitliche Ringen von Ragnarök ist im Kern der letzte Krieg der Götter gegen die Riesen. Wer die germanischen Götter verstehen will, muss daher das übrige Volk der Welt kennen, gegen das, mit dem und aus dem heraus sie handeln.

Die zentrale Quelle ist die altnordische Edda-Literatur des 13. Jahrhunderts — die Lieder-Edda (eine Sammlung anonymer mythologischer und heroischer Gedichte) und die Prosa-Edda des isländischen Gelehrten Snorri Sturluson (um 1220), unsere wichtigste, wenn auch späte und bereits christlich gefilterte systematische Darstellung. Daneben tritt die lebendige Volksüberlieferung Skandinaviens und des deutschen Sprachraums, die diese Wesen über Jahrhunderte fortschrieb, bis in die Märchen der Brüder Grimm und in die moderne Fantasy hinein. Diese Notiz erzählt zuerst die großen Mythen und Geschichten — die Schöpfung aus Ymir, die Meisterstücke der Zwerge, die Welt der Licht- und Schwarzalben, die berühmten Riesen-Erzählungen und die späteren Trolle — und stellt die germanischen Wesen dann vergleichend neben die keltischen Feen, die Elementarwesen, die titanischen „älteren Mächte" und die Schatzhüter anderer Traditionen. Sie dokumentiert, sie wertet nicht.

Herkunft und Quellen: Vom heidnischen Glauben zur Edda

Die Wesen der germanischen Welt sind weit älter als ihre schriftliche Aufzeichnung. Schon Tacitus berichtet in seiner Germania (98 n. Chr.) von einem Volk, dessen Frömmigkeit Hainen, Quellen und unsichtbaren Mächten galt; und die zahllosen mit -alb- gebildeten Namen (wie Alberich, „Albenherrscher") bezeugen über das ganze germanische Gebiet hin einen tief verwurzelten Glauben an Alben, Zwerge und Riesen. Doch die heidnische Religion der Germanen war eine mündliche Religion ohne heiliges Buch; was wir von ihrer Geisterwelt wissen, verdanken wir fast ausschließlich Aufzeichnungen, die erst nach der Christianisierung entstanden.

Der entscheidende Glücksfall ist Island. Dort, am Rand der bekannten Welt, hielt sich das alte Wissen länger und wurde im 13. Jahrhundert von gelehrten, christlichen Isländern aufgeschrieben — nicht mehr als gelebter Glaube, sondern als kostbares dichterisches und geschichtliches Erbe. Aus dieser Bemühung stammen unsere beiden Hauptquellen:

Diese späte, christlich vermittelte Überlieferung ist mit Vorsicht zu lesen: Snorri systematisiert, deutet und harmonisiert eine Vielfalt, die ursprünglich fließender und widersprüchlicher war. Schon in den Quellen verschwimmen die Grenzen — Zwerge heißen mitunter „Schwarzalben", Riesen und Trolle gehen ineinander über, und manches Wesen lässt sich nicht eindeutig einer Klasse zuweisen. Diese Unschärfe ist kein Mangel der Forschung, sondern ein Wesenszug der Sache selbst: Die germanische Geisterwelt ist kein ordentliches Verzeichnis, sondern ein gewachsenes Dickicht. Neben der Edda speist sich unser Wissen aus den Isländersagas und Fornaldarsögur (den „Vorzeitsagas"), aus den Heldenliedern um Sigurd/Siegfried und schließlich aus dem nie versiegenden Strom mündlicher Volkssagen, der bis in die Neuzeit reicht.

Mythen, Legenden und Geschichten

Das Wesen dieser Geschöpfe erschließt sich, wie stets im Mythos, nicht über Definitionen, sondern über die Geschichten, die man von ihnen erzählt. Vier Erzählkreise ragen heraus: die Weltschöpfung aus dem Ur-Riesen, die Meisterwerke der Zwerge, die Welt der Elben und die großen Riesen-Erzählungen.

Ymir: Die Welt aus dem Leib des Ur-Riesen

Am Anfang steht ein Riese. Vor den Göttern, vor der Erde, vor Sonne und Mond gab es nur die gähnende Leere Ginnungagap, eingefasst vom eisigen Nebelreich Niflheim im Norden und vom Feuerreich Muspelheim im Süden (ausführlich in der nordischen Schöpfungslehre). Wo die Reifkälte des einen auf die Funkenglut des anderen traf, schmolz das Eis, und aus den tröpfelnden Tropfen entstand das erste lebende Wesen: der Ur-Riese Ymir, Stammvater aller Reifriesen. Während Ymir schlief, gebar sein schwitzender Leib aus den Achselhöhlen und aus dem Aneinanderreiben seiner Füße die ersten weiteren Riesen — die Jötnar sind also älter als die Götter und gehen unmittelbar aus dem Urstoff hervor.

Genährt wurde Ymir von der Milch der Urkuh Audhumla, die selbst entstanden war und sich vom salzigen Reif der Eisblöcke ernährte. Indem die Kuh den Reif beleckte, legte sie nach und nach einen Mann frei: Buri, den ersten Gott. Buris Enkel waren die drei Brüder Odin, Vili und Vé, Söhne des Bor und der Riesentochter Bestla — die Götter tragen mithin von Anfang an Riesenblut in sich. Diese drei erschlugen den Ur-Riesen Ymir, und in seinem Blut ertrank fast das gesamte Geschlecht der Reifriesen. Aus dem toten Leib aber schufen sie die Welt: aus seinem Fleisch die Erde, aus seinem Blut das Meer, aus seinen Knochen die Berge, aus seinen Zähnen die Felsen, aus seinem Schädel den Himmel und aus seinem Hirn die Wolken. Vier Zwerge — Austri, Vestri, Norðri und Suðri (Ost, West, Nord, Süd) — wurden an die vier Ecken gestellt, um das Himmelsgewölbe zu tragen. So ist die ganze sichtbare Welt buchstäblich der Körper eines erschlagenen Riesen: ein Bild von ungeheurer Wucht, das die Riesen als die älteste, urtümlichste Macht ausweist, aus der und gegen die alles Spätere sich bildet.

Die Geburt der Zwerge aus Ymirs Fleisch

Eng mit Ymirs Tod verbunden ist die Entstehung der Zwerge. Die Völuspá berichtet, die Götter hätten sich beraten, „wer das Geschlecht der Zwerge schaffen sollte aus Brimirs Blut und aus Bláinns Gliedern" — wobei „Brimir" und „Bláinn" als Beinamen des toten Ymir gelten. Snorri erzählt es anschaulicher: In Ymirs verwesendem Fleisch seien Maden entstanden, und diese Maden hätten auf Beschluss der Götter Menschenverstand und Menschengestalt erhalten. Die Zwerge sind also gewissermaßen aus der Verwesung des Urstoffs hervorgegangene Erdgeister — Wesen der Tiefe, des Gesteins und des Dunkels, die „in der Erde und in den Steinen wohnen". Die Völuspá zählt darauf in ihrem berühmten Dvergatal eine lange Reihe von Zwergennamen auf, angeführt von Mótsognir, dem „mächtigsten aller Zwerge", und Durinn — ein Katalog, aus dem im 20. Jahrhundert J. R. R. Tolkien fast alle Zwergennamen seines Hobbit entlehnte.

Die Zwerge als Meisterschmiede: Mjölnir, Gungnir und Sifs goldenes Haar

Keine Eigenschaft prägt das Bild der Zwerge so sehr wie ihre unübertroffene Schmiedekunst. In ihren unterirdischen Essen entstehen die kostbarsten und mächtigsten Gegenstände der gesamten mythischen Welt — die Kleinodien, ohne die die Götter machtlos wären. Die klassische Erzählung dieser Meisterschaft steht in Snorris Skáldskaparmál und beginnt mit einem Bubenstück Lokis.

Loki schnitt der Göttin Sif, der Gattin Thors, aus reiner Bosheit ihr prächtiges Haar ab. Als der erzürnte Thor ihn zur Rede stellte, schwor Loki, von den Zwergen Ersatz zu beschaffen. Er ging zu den Söhnen des Zwerges Ivaldi, und diese schmiedeten dreierlei: ein goldenes Haar für Sif, das anwachsen und wie echtes Haar wachsen würde; den Speer Gungnir für Odin, der niemals sein Ziel verfehlt; und das zusammenfaltbare Schiff Skíðblaðnir für Freyr, das stets günstigen Wind hat und so groß ist, dass alle Götter darin Platz finden, sich aber wie ein Tuch zusammenlegen und in die Tasche stecken lässt.

Übermütig wettete Loki nun mit dem Zwerg Brokkr seinen eigenen Kopf, dass dessen Bruder Eitri (Sindri) nichts ebenso Gutes schmieden könne. Die beiden nahmen die Wette an. Während Eitri schmiedete und Brokkr den Blasebalg trat, verwandelte sich Loki in eine Bremse, um die Arbeit zu stören, und stach den balgtretenden Brokkr immer wieder. Beim ersten Werk, dem goldborstigen Eber Gullinbursti für Freyr, hielt Brokkr stand; beim zweiten, dem goldenen Ring Draupnir für Odin, der jede neunte Nacht acht gleiche Ringe von sich tropfen lässt, ebenfalls. Beim dritten Werk aber stach die Bremse ihn so heftig ins Augenlid, dass ihm das Blut in die Augen lief und er für einen Augenblick vom Balg ließ — weshalb der Stiel des entstehenden Hammers kürzer geriet als geplant. Dieser Hammer war Mjölnir, Thors furchtbare Waffe, die nie ihr Ziel verfehlt, von selbst in die Hand zurückkehrt und der wirksamste Schutz der Götterwelt gegen die Riesen ist — der zu kurze Stiel blieb sein einziger Makel.

Als die Götter die sechs Schätze prüften, sprachen sie Mjölnir den Preis zu: Der Hammer galt ihnen als das kostbarste aller Werke, weil er Asgard gegen die Riesen verteidige. Brokkr hatte die Wette also gewonnen und forderte Lokis Kopf. Loki entwand sich mit der spitzfindigen List, der Zwerg dürfe wohl den Kopf nehmen, aber nichts vom Hals — der gehörte ja nicht zur Wette. Um den Schwätzer dennoch zu strafen, nähte Brokkr ihm den Mund zu. In dieser einen Erzählung verdichtet sich das ganze Wesen der Zwerge: gewaltige schöpferische Kunst, ein zur Bosheit Lokis kontrastierender, an den Buchstaben des Versprechens gebundener Sinn für Recht und Wette — und die Grundtatsache, dass die mächtigsten Insignien der Götter dem Werk der unterirdischen Schmiede entstammen.

Die Schmiede- und Schöpferkraft der Zwerge hat noch eine dunklere Seite. Die Zwerge Fjalar und Galar erschlugen den weisesten aller Wesen, Kvasir — geboren aus dem Speichel, mit dem Asen und Wanen einst ihren Friedensschluss besiegelt hatten —, fingen sein Blut auf und brauten daraus den Met der Dichtung: Wer von ihm trinkt, wird zum Dichter und Weisen. Über Umwege gelangte dieser Met später zu den Göttern — und damit erst die Dichtkunst in die Welt. In der Heldensage wiederum hütet der Zwerg Andvari, in Hechtsgestalt unter einem Wasserfall lebend, einen Goldschatz samt dem Ring Andvaranaut; als Loki ihm Gold und Ring abpresst, verflucht Andvari den Ring, dass er jedem Besitzer Verderben bringe — ein Fluch, der über Fáfnir, Sigurd und Brünhild die ganze Nibelungentragödie auslöst. So sind die Zwerge zugleich Spender des höchsten Gutes (Dichtung) und Hüter des gefährlichsten (verfluchtes Gold).

Lichtalben und Schwarzalben: Das gespaltene Volk der Elben

Die Elben (Álfar) sind die rätselhafteste der drei Gattungen. In den ältesten Quellen stehen sie den Göttern auffallend nahe; die feste Formel „Asen und Alben" (æsir ok álfar) nennt sie fast in einem Atemzug mit den höchsten Göttern, als gehörten sie zur lichten, oberen Welt. Mit den Wanen, den Fruchtbarkeits- und Wachstumsgöttern, sind sie eng verbunden: Die Götterwelt schenkte dem jungen Freyr als „Zahngeschenk" das ganze Reich Álfheim („Albenheim"), die Heimat der Elben — ein deutliches Zeichen, dass die Elben dem Bereich von Fruchtbarkeit, Licht und Segen zugerechnet wurden. Zugleich aber erhielten Menschen Opfer und Verehrung an die Alben (das álfablót), was sie in die Nähe verstorbener Ahnen und Schutzgeister rückt.

Snorri Sturluson hat dieses fließende Bild in Gylfaginning in eine berühmte, klare Zweiteilung gebracht: Es gebe Lichtalben (ljósálfar) und Schwarzalben oder Dunkelalben (dökkálfar). Die Lichtalben, schreibt er, wohnen oben in Álfheim und seien „schöner als die Sonne anzusehen"; die Dunkelalben dagegen wohnten unten in der Erde, seien „schwärzer als Pech" und in Wesen und Tun von den Lichtalben verschieden. Hier zeigt sich eine deutliche Parallele zum christlichen Gegensatz von lichten Engeln und finsteren Dämonen, weshalb die Forschung vermutet, dass Snorri diese saubere Polarität teils selbst nach christlichem Muster geschaffen hat. Verwirrend kommt hinzu, dass Snorri an anderer Stelle die unterirdischen Schmiede bald „Schwarzalben" (svartálfar), bald schlicht „Zwerge" nennt — ihre Heimat heißt Svartálfaheim, „Heim der Schwarzalben", ist aber zugleich das Reich der Zwerge. Schwarzalben und Zwerge fallen also weithin zusammen: Beide sind dunkle, unterirdische, kunstfertige Erdwesen, und es ist gut möglich, dass „Alb" und „Zwerg" ursprünglich nur verschiedene Namen für ein und dieselbe Klasse unterirdischer Geister waren, die Snorri erst nachträglich ordnete.

Im Volksglauben lebten die Elben/Alben in vielfältiger Gestalt fort, meist als unsichtbare, leicht reizbare Naturgeister, mit denen man ein heikles Nachbarschaftsverhältnis pflegte. Aus dem altnordischen álfr wurde der deutsche „Elb" — und aus ihm zwei Spuren: zum einen die unheimliche Seite, die im „Alb(traum)" weiterlebt, jenem drückenden Wesen, das sich nachts auf die Brust des Schläfers setzt; zum anderen, über englische und literarische Vermittlung, die zierliche, geflügelte „Elfe" der Romantik. Beide stehen am Ende eines langen Weges vom mächtigen, gottnahen álfr der Edda zum kleinen, lieblichen Naturgeist der Neuzeit. In Island heißen die unsichtbaren Erdbewohner bis heute das Huldufólk, das „verborgene Volk".

Die Riesen: Thrym raubt den Hammer, Skadi wählt den Gatten

Die Riesen (Jötnar) sind die großen Gegenspieler der Götter — doch ihr Verhältnis ist weit verwickelter als bloße Feindschaft. Die Jötnar sind, wie gezeigt, die ältere Macht; sie verkörpern die rohen, ungebändigten, oft chaotischen Naturgewalten — Frost, Feuer, Meer, Gebirge, das Verschlingende und das Ungeformte. Zugleich aber sind sie die Hüter der Urweisheit und die unentbehrlichen Partner und Geliebten der Götter: Odins Mutter Bestla ist eine Riesin, Thors Mutter Jörd („Erde") ebenso; viele Götter zeugen Kinder mit Riesinnen, und der weiseste Rat wird von uralten Riesen eingeholt. Die Welt der nordischen Mythologie ist durchzogen von dieser Spannung zwischen Asen und Jötnar, die einander bekämpfen und doch unaufhörlich miteinander verschwägert sind.

Die bekannteste und vergnüglichste Riesengeschichte ist der Hammerraub im eddischen Lied Þrymskviða. Eines Morgens erwacht Thor und findet seinen Hammer Mjölnir gestohlen — eine Katastrophe, denn ohne ihn ist Asgard den Riesen schutzlos ausgeliefert. Loki erfährt von Freyja, dass der Riese Thrym den Hammer geraubt und acht Meilen tief in der Erde verborgen hat; herausgeben will er ihn nur gegen die Göttin Freyja als Braut. Freyja weigert sich empört. Da fasst Heimdall den listigen Plan, Thor selbst solle als Braut verkleidet zu Thrym fahren. Widerwillig lässt sich der bärtige Donnergott in Brautschleier und Frauenkleider hüllen, mit dem Halsschmuck der Freyja geschmückt, und Loki begleitet ihn als Zofe. Beim Hochzeitsmahl wäre die Täuschung beinahe aufgeflogen: Die „Braut" verschlingt einen ganzen Ochsen, acht Lachse und drei Tonnen Met, und ihre unter dem Schleier glühenden Augen erschrecken den Bräutigam — doch die schlagfertige „Zofe" Loki erklärt alles damit, Freyja habe vor Sehnsucht acht Nächte nicht geschlafen und nichts gegessen. Als Thrym schließlich den Hammer hereinbringen lässt, um die Hochzeit nach altem Brauch zu weihen und ihn der Braut in den Schoß zu legen, ergreift Thor sein Mjölnir — und erschlägt Thrym und die ganze Riesensippe. Die Geschichte ist im Norden so beliebt geblieben, weil sie das Grundverhältnis in einem komischen Bild fasst: Die Riesen begehren stets die Güter und Frauen der Götter, und stets siegt am Ende die schlagkräftige (und listige) Ordnung der Asen.

Die zweite große Riesengeschichte ist die der Skadi und zeigt die andere, versöhnliche Seite. Skadi ist die Tochter des Riesen Thjazi, den die Götter erschlagen hatten, nachdem er mit Lokis Hilfe die Göttin Idun samt ihren Apfeln der Jugend geraubt hatte. In voller Rüstung zieht Skadi nach Asgard, um den Tod ihres Vaters zu rächen. Statt eines Kampfes aber bieten ihr die Götter Sühne an, und zwar in drei Stücken. Erstens setzt Odin Thjazis Augen als zwei Sterne an den Himmel. Zweitens soll Skadi sich aus den Göttern einen Gatten wählen — doch darf sie ihn allein an den Füßen erkennen. Sie wählt das schönste Beinpaar in der Hoffnung, es gehöre dem strahlenden Baldr; es gehört aber dem Meeresgott Njörd. Drittens — und Skadi hatte es zur Bedingung gemacht — sollen die Götter sie zum Lachen bringen, was ihr nach dem Tod des Vaters unmöglich schien. Da bindet Loki ein Ende eines Strickes an den Bart einer Ziege, das andere an seine eigenen Hoden, und beide zerren, meckernd und schreiend, hin und her, bis Loki der Ziege schließlich in Skadis Schoß fällt — und die Riesin lacht. So wird aus der rachsüchtigen Riesentochter eine Göttin: Skadi, die Herrin der winterlichen Berge, des Schnees, der Skier und der Jagd. Ihre Ehe mit dem Meeresgott scheitert freilich daran, dass keiner die Heimat des anderen erträgt — sie nicht das Kreischen der Möwen am Strand, er nicht das Heulen der Wölfe im Gebirge. An Skadi (wie an Loki, der selbst von Riesen abstammt und in Asgard nur geduldeter Gast ist) zeigt sich, dass die Grenze zwischen Jötnar und Göttern durchlässig ist: Riesen können zu Göttern werden, Götter tragen Riesenblut, und am Ende der Zeiten treten beide zum letzten, gegenseitig vernichtenden Kampf an.

Die Trolle der späteren Sagen

Aus den Riesen der alten Mythologie gehen in der jüngeren skandinavischen Überlieferung die Trolle hervor. Das Wort troll bezeichnete ursprünglich allgemein ein unheimliches, übernatürliches Wesen und war oft kaum mehr als ein abschätziges Wort für einen jötunn. In den Fornaldarsögur und vollends in der neueren Volkssage aber werden die Trolle zu eigenständigen Wesen: einsame Bewohner der Berge, Felshöhlen und tiefen Wälder, fern von menschlicher Siedlung, oft in kleinen Familien lebend, ungetauft und den Menschen gefährlich. Die Volkssage malt sie meist als uralt, ungeheuer stark, aber langsam und dumm, mitunter als Menschenfresser, mitunter als reiche Hüter unterirdischer Schätze. Ihr berühmtestes Merkmal: Manche Trolle versteinern im Sonnenlicht, weshalb noch heute manche Felsformation Skandinaviens als ein „versteinerter Troll" gedeutet wird. In dieser Gestalt — als dummer, plumper Bergriese, den der kluge Held überlistet — ist der Troll bis in das Kinderbuch und die moderne Populärkultur eingegangen.

Die Arten und ihre Stellung in der Weltordnung

Fasst man die Überlieferung zusammen, ergibt sich ein Bild der drei Hauptgattungen und ihres Ortes im Gefüge der neun Welten, die der Weltenbaum Yggdrasil zusammenhält.

Die Riesen (Jötnar) sind die älteste Macht, geboren vor den Göttern aus dem Urstoff. Sie verkörpern die rohe, ungeformte Natur und wohnen jenseits der bewohnten Mitte, vor allem in Jötunheim im kalten Osten — weder einfach böse noch gut, sondern die chaotische, ältere Ordnung, gegen die die Götter die Welt der Form erst durchsetzen müssen und mit der sie doch verwandt und verschwägert sind. Ihr Gegensatz zu den Göttern ist kosmisch und endet erst in Ragnarök.

Die Zwerge (Dvergar) sind Wesen der Tiefe: aus Ymirs Fleisch entstanden, wohnen sie in Erde, Stein und Berg, in Svartálfaheim/Niðavellir („Dunkelfelder"). Ihre Bestimmung ist die Kunstfertigkeit — Bergbau, Metallkunde, Schmiedewerk; alle großen Kleinodien der Mythologie stammen aus ihrer Hand. Sie meiden das Tageslicht (in manchen Erzählungen versteinern auch sie in der Sonne, so der Zwerg Alvíss), gelten als reich, geheimnisvoll und wettgebunden und sind weder Götterfeinde noch Götterfreunde, sondern eine eigene, dienende und doch unabhängige Werkstattmacht der Welt.

Die Elben (Álfar) schließlich gehören der lichten Seite zu, den Göttern nahe, mit den Wanen und der Fruchtbarkeit verbunden, beheimatet im oberen Álfheim; in Snorris Systematik spalten sie sich in lichte (himmlische) und dunkle (unterirdische, mit den Zwergen verschmelzende) Alben. Sie empfangen Opfer wie Schutzgeister und Ahnen, sind aber zugleich als Krankheits- und Albtraumsender gefürchtet — und mehr als Zwerge und Riesen die Gattung, deren Bild sich im Lauf der Jahrhunderte am stärksten gewandelt hat.

Zwischen und neben diesen drei Gattungen wimmelt es von kleineren Wesen: Wichten und Hausgeistern, dem Wassermann Nöck/Neck, dem Mahr des Albtraums und — im deutschen Volksglauben — Kobolden, Heinzelmännchen und Zwergvölkern, die in Bergwerken und unter Hügeln hausen.

Die großen Vergleiche

Stellt man die germanischen Wesen neben die Geistgeschöpfe anderer Kulturen, so zeigt sich ein durchgehendes Muster: Fast jede Tradition kennt mehr als nur Götter und Menschen — sie kennt eine ältere, vorgöttliche Macht (die Riesen-Schicht), kunstfertige Hüter der Erde und ihrer Schätze (die Zwerge-Schicht) und ein ambivalentes „verborgenes Volk" der Natur (die Elben-Schicht). Die Gemeinsamkeiten sind real; ebenso real sind die Unterschiede, die meist an drei Bruchlinien liegen: am ontologischen Status (geschaffen oder selbst urzeitlich-göttlich?), an der moralischen Wertung (ambivalent, gut oder böse?) und an der Funktion im jeweiligen Welt- und Heilsgefüge.

Germanisch-nordisch — Elben, Zwerge und Riesen

Die germanischen Wesen bilden, wie dargestellt, ein dreifach gestuftes Volk neben den Göttern: die urzeitlich-chaotischen Riesen, die erdverbundenen Schmiede-Zwerge und die lichten, fruchtbarkeitsnahen Elben. Ihr Kennzeichen ist eine ausgeprägte moralische Ambivalenz und vor allem eine bemerkenswerte Durchlässigkeit der Grenzen: Götter stammen von Riesen ab, Schwarzalben und Zwerge fließen ineinander, Riesinnen werden Göttinnen. Es fehlt ein strenger Schöpfergott, der diese Wesen klar einordnete; sie sind kosmogonisch teils älter als die Götter und gehen unmittelbar aus dem Urstoff hervor. Eben diese Verbindung von Stufung, Ambivalenz und fließenden Grenzen ist die Eigenart, an der sich die folgenden Vergleiche messen lassen.

Keltische Welt — die Feen und die Tuatha Dé Danann

Die nächste Verwandtschaft besteht zu den keltischen Feen, den aos sí der irischen und schottischen Überlieferung — den fortlebenden Tuatha Dé Danann, die sich nach ihrer Niederlage in die Hügelgräber und in die keltische Anderswelt zurückgezogen haben. Mit den germanischen Elben teilen sie auffallend viel: Beide sind ein unsichtbares, gottnahes „verborgenes Volk", das in Hügeln und an Schwellenorten wohnt, leicht zu kränken und dann gefährlich ist, Menschen (besonders Wöchnerinnen und Neugeborene — der „Wechselbalg") raubt und mit Gaben, Höflichkeit und Eisen besänftigt oder ferngehalten wird. In beiden Fällen sind diese Wesen ehemalige oder herabgestufte Göttergestalten, die im Volksglauben weiterleben.

Der Unterschied liegt in der Struktur. Die keltische Überlieferung kennt im Wesentlichen eine große Klasse — das Feenvolk —, das zugleich licht und gefährlich, schön und unheimlich ist; sie spaltet diese Macht nicht systematisch in drei Gattungen (Licht/Erde/Urzeit) auf wie der Norden. Der germanischen Zwerge-Schicht mit ihrer spezialisierten Schmiedekunst und der scharf abgesetzten Riesen-Schicht als kosmogonischer Urmacht fehlt im keltischen Bild eine ebenso ausgeprägte Entsprechung; die Feen sind eher ein einziges, in sich changierendes Volk als ein gestuftes System. Beide Traditionen aber teilen das Fehlen eines harten moralischen Urteils und einer strengen Schöpfungstheologie: Hier wie dort handelt es sich um die amoralische, ältere Macht des Landes selbst, mit der man als Nachbar auskommen muss.

Renaissance-Esoterik — die Elementarwesen

Eine eigene, jüngere Parallele bieten die Elementarwesen, wie sie der Arzt und Naturphilosoph Paracelsus (1493–1541) und nach ihm die abendländische Esoterik systematisierte. Paracelsus ordnete die Naturgeister den vier Elementen zu: die Gnomen (Erdgeister) der Erde, die Undinen dem Wasser, die Sylphen der Luft, die Salamander dem Feuer. Gerade die Gnomen sind dabei in direkter Linie aus den germanischen Berg- und Erdzwergen hervorgegangen — kleine, erdverbundene Wesen, die in Höhlen und Bergwerken hausen und über Bodenschätze wachen. Auch die wasserbewohnenden Undinen haben in den nordischen Nöcken und Wassermännern ihre volkstümlichen Vorfahren.

Der Unterschied ist ein systematischer und philosophischer. Die germanischen Wesen sind erzählte, mythische Gestalten in konkreten Geschichten; die Elementarwesen sind das Ergebnis einer gelehrten Ordnung, die die bunte Vielfalt der Volksgeister in ein sauberes, philosophisch-alchemistisches Schema der vier Elemente presst. Wo der Mythos erzählt („Brokkr schmiedete Mjölnir"), klassifiziert die Esoterik („die Erde wird von den Gnomen beseelt"). Die Elementarwesen sind gewissermaßen die rationalisierte, in ein Naturschema überführte Nachfolge der alten Naturgeister — ein Schritt von der Sage zur Naturphilosophie.

Indische Welt — Asura und Titanen als ältere Mächte

Für die germanischen Riesen bietet der weiteste und lehrreichste Vergleich die Gestalt der älteren, vorgöttlichen Macht, die in vielen Mythologien gegen eine jüngere Göttergeneration steht. Im indischen Raum sind dies die Asura: in den ältesten vedischen Schichten noch hohe Wesen, später zu mächtigen Widersachern der Devas (Götter) abgewertet, mit denen sie in unaufhörlichem Ringen liegen. Wie die Jötnar sind die Asura die älteren Verwandten der Götter — Asura und Deva stammen oft von denselben Urvätern ab —, und wie zwischen Asen und Riesen verläuft zwischen Devas und Asura eine Grenze, die zugleich Feindschaft und Verwandtschaft ist. Dieselbe Grundfigur kennt die griechische Mythologie in den Titanen, der älteren Göttergeneration, die von den jüngeren olympischen Göttern unter Zeus gestürzt und in den Tartaros verbannt wird; auch hier steht eine urzeitlich-rohe Macht gegen eine jüngere Ordnung des Maßes und des Gesetzes.

Die Parallele ist im Strukturkern frappierend — jüngere Götter setzen sich gegen ältere, urtümliche Mächte durch, und beide bleiben verwandt. Die Unterschiede liegen im Rahmen. Erstens das Ende: Im Norden ist der Konflikt eschatologisch unauflösbar und endet im gegenseitigen Untergang von Ragnarök; bei Griechen wie Indern ist die ältere Macht dauerhaft besiegt und gebändigt (eingekerkert bzw. zyklisch im Schach gehalten), nicht aber zum endzeitlichen Mit-Untergang der Götter bestimmt. Zweitens der Status der Riesen als Urstoff: Die nordische Vorstellung, dass aus dem Leib des Ur-Riesen die ganze Welt geschaffen wird, hat in den indischen Asura keine genaue Entsprechung (eher schon im vedischen Ur-Opfer des Puruṣa); die Jötnar sind nicht nur ältere Gegner, sondern buchstäblich der Baustoff der Schöpfung. Drittens fehlt den germanischen Riesen die strenge Einbettung in Karma und Wiedergeburt: Eine indische Dämonennatur ist eine Daseinsstufe im Kreislauf der Geburten, aus der ein Wesen auf- oder absteigen kann (siehe auch die Rakshasa als gestaltwandelnde Nachtdämonen); die Jötnar dagegen sind eine feste, parallele Gattung.

Schatzhüter — Zwerge und der indische Yaksha

Für die germanischen Zwerge als Hüter unterirdischer Schätze und Meister des Goldes bietet die indische Tradition mit dem Yaksha eine bemerkenswerte Entsprechung. Die Yakshas sind Naturgeister, die in Bäumen, Bergen und der Erde wohnen und vor allem als Wächter verborgener Schätze gelten; ihr König Kubera ist geradezu der Gott des Reichtums, der über die im Boden ruhenden Kostbarkeiten gebietet. Wie die nordischen Zwerge — und wie der schatzhütende Zwerg Andvari oder der zum Drachen gewordene Fáfnir — verbinden die Yakshas die Vorstellung von Erde, Tiefe, Gold und gehütetem Reichtum. Beide verkörpern die Ambivalenz des unterirdischen Schatzes: Segen und Fülle einerseits, Geheimnis, Gefahr und Fluch andererseits. Auch die schlangengestaltigen Nagas, die in der indischen Welt Schätze und Wasser in der Unterwelt bewahren, gehören in dieses Feld der Schatzhüter.

Der Unterschied liegt in der Funktion und Wertung. Der germanische Zwerg ist vor allem Schöpfer und Handwerker — er schmiedet, formt, erfindet die Kleinodien der Götter; sein Schätzehüten ist sekundär. Der Yaksha dagegen ist primär Wächter und Genius des Ortes, ein Naturgeist, dem kultische Verehrung zukommt und der dem Reichtum als Macht, nicht als Werkstück, vorsteht. Hinzu kommt: Die Zwerge sind in eine mythische Erzählwelt ohne eigenen Kult eingebunden (man verehrt keine Zwerge), während die Yakshas in Indien tatsächlich Gegenstand der Verehrung in Schreinen und am Wegrand waren und sind. Hier zeigt sich dieselbe Achse wie schon beim Vergleich der Dschinn: nicht das Wesen — der unterirdische Schatzhüter —, sondern die Haltung, die eine Kultur ihm gegenüber einnimmt (erzählen oder verehren), entscheidet über seine Bedeutung.

Schamanismus und Naturreligion — die beseelte Landschaft

Am weitesten führt der Vergleich mit den Geistwesen des Schamanismus und der animistischen Naturreligionen, mit denen der germanische Volksglaube an Wichte, Erd- und Wassergeister tief verwandt ist. In den nord- und zentralasiatischen Traditionen ist die ganze Landschaft durchwirkt von Orts-, Berg-, Wasser- und Ahnengeistern, die — wie die germanischen Wichte und Elben — an bestimmte Plätze gebunden sind, gekränkt werden können und denen man mit Gaben und Achtung begegnet; die nordische Praxis des álfablót (Opfer an die Alben) entspricht genau dieser Grundhaltung, und auch die Geisterreise- und Weissagekunst des Seiðr (siehe Seiðr und die Völva) ist eng mit schamanischen Techniken verwandt.

Der Unterschied liegt in der Beziehung: Der Schamane tritt mit den Geistern in bewusste, geregelte Partnerschaft — er ruft Hilfsgeister an, verhandelt, reist in ihre Sphären. Die germanische Überlieferung kennt diesen kooperativen Umgang nur in Ansätzen (im Opfer, im Hausgeist-Verhältnis); ihr Schwergewicht liegt auf der erzählten Mythologie der großen Wesen statt auf ritueller Geisterpraxis. So markiert der Bogen von der schamanischen Kooperation über die germanische Mischung aus Erzählung und Hausopfer bis zur späteren christlichen Abwehr der „heidnischen" Geister die ganze Bandbreite, wie Menschen sich zu den verborgenen Mitbewohnern ihrer Welt verhalten haben.

Bilanz der Vergleiche

Quer durch die Traditionen kehrt dieselbe dreifache Grundfigur wieder: eine ältere, urzeitlich-chaotische Macht (Riesen, Asura, Titanen), kunstfertige Hüter der Erde und ihres Goldes (Zwerge, Yaksha, Naga) und ein ambivalentes „verborgenes Volk" der Natur (Elben, Feen, Naturgeister) — und überall begegnen verwandte Erzähl- und Abwehrmotive: der Kindsraub und der Wechselbalg, die Scheu vor Eisen, die Versteinerung im Sonnenlicht, die Gefahr und der Fluch des gehüteten Schatzes. Ebenso beständig kehren die Unterschiede wieder. Erstens der ontologische Status: Die nordischen Riesen sind so urzeitlich, dass aus ihrem Leib die Welt entsteht — eine Radikalität, die Asura und Titanen nicht erreichen. Zweitens die moralische Verfassung: Die germanischen Wesen (wie die keltischen Feen) sind durchweg ambivalent und in ihren Grenzen fließend, während andere Traditionen schärfer zwischen Gut und Böse, Göttlich und Dämonisch scheiden. Drittens die erlaubte Beziehung: bloßes Erzählen im germanischen Mythos der großen Wesen, Hausopfer an die kleinen Geister, Verehrung des Yaksha im indischen Kult, Kooperation mit den Geistern im Schamanismus. In dieser dritten Achse zeigt sich am schärfsten, dass nicht das Wesen der Geschöpfe, sondern die Ordnung, in die eine Kultur sie stellt, über ihre Bedeutung entscheidet.

Moderne Rezeption

Wie wenige andere mythische Geschöpfe haben Elben, Zwerge und Riesen den Sprung in die globale Gegenwartskultur geschafft — und das in einem solchen Maße, dass ihr heutiges Bild oft mehr von der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts als von der Edda geprägt ist. Den entscheidenden Anstoß gab die Romantik: Die Brüder Grimm sammelten in ihren Kinder- und Hausmärchen (ab 1812) und in der Deutschen Mythologie (1835) eine Fülle von Zwergen-, Riesen- und Elfengestalten und retteten so den volkstümlichen Bestand; aus ihren Märchen stammt das vertraute Bild der hilfreichen oder tückischen Zwerge (man denke an „Schneewittchen und die sieben Zwerge" oder an „Rumpelstilzchen"). Richard Wagners Opernzyklus Der Ring des Nibelungen (1848–1874) wiederum formte aus dem Nibelungenstoff und der nordischen Sage — mit dem schatzgierigen Zwerg Alberich und dem Riesen Fafner — ein monumentales, bis heute wirkmächtiges Bild.

Die folgenreichste moderne Prägung aber stammt von J. R. R. Tolkien. Der Oxforder Philologe, der die Edda im Original las, entlehnte fast alle Namen seiner Zwerge (und „Gandalfs") unmittelbar dem eddischen Dvergatal und schuf in Der Hobbit (1937) und Der Herr der Ringe (1954/55) die bis heute maßgeblichen Typen: die edlen, hochgewachsenen, unsterblichen Elben als lichtes, weises Volk (eine Wiederbelebung gerade der alten ljósálfar, gegen das verkleinerte Elfchen-Bild der Zwischenzeit) und die bärtigen, bergbauenden, kriegerischen Zwerge als Volk der Schmiede und Steinmetze. Über Tolkien und die von ihm beeinflusste Fantasy-Literatur, das Rollenspiel (Dungeons & Dragons) und die Computerspiele sind diese Typen zum festen Inventar der modernen Phantastik geworden — von dort kennen heute Millionen Menschen „Elben", „Zwerge", „Trolle" und „Orks", meist ohne ihren mythologischen Ursprung zu ahnen.

Parallel dazu lebt die ernste, volkstümliche Tradition fort. In Island ist der Glaube an das Huldufólk, das verborgene Volk, so gegenwärtig, dass Bauprojekte gelegentlich Rücksicht auf „Elfensteine" und „Elfenkirchen" nehmen. Das skandinavische und deutsche Brauchtum (etwa der weihnachtliche Nisse/Tomte, ein zum freundlichen Hauszwerg gewordener alter Hofgeist) und das moderne Heidentum (Ásatrú) halten die Erinnerung an diese Wesen lebendig. Und die vergleichende wie die tiefenpsychologische Deutung hat sich ihrer angenommen: Wo eine ältere Religionswissenschaft in ihnen das Fortleben heidnischer Naturgeister sah, lesen jungianisch geprägte Deutungen die Riesen als Bilder der ungebändigten, chaotischen Naturkräfte, die Zwerge als Verkörperung der schöpferischen, formenden Tiefenkräfte der Seele und die Elben als Bilder des Lichten, Über-Menschlichen am Rande des Bewusstseins. Ob man die germanischen Wesen als reale unsichtbare Geschöpfe, als Personifikationen seelischer und natürlicher Kräfte oder als kulturelles Erbe versteht — sie bleiben eines der reichsten Beispiele dafür, wie der Mensch die unsichtbare Hälfte seiner Welt bevölkert hat.

Fazit

Elben, Zwerge und Riesen sind die germanisch-nordische Antwort auf die Frage, die jede Kultur stellt: Wer sonst noch bewohnt die Welt — neben den Göttern und den Menschen? Die Antwort des Nordens ist von besonderer Tiefe, weil sie diese anderen Wesen nicht an den Rand drängt, sondern ins Zentrum der Schöpfung stellt: Aus dem Leib des Ur-Riesen Ymir wird die ganze Welt geschaffen, aus seinem Fleisch entstehen die Zwerge, und die mächtigsten Insignien der Götter — Mjölnir, Gungnir, Draupnir, Sifs Goldhaar — stammen aus den unterirdischen Schmieden. In ihren Geschichten — der Schöpfung aus Ymir, der Wette um Lokis Kopf und dem zu kurzen Hammerstiel, dem als Braut verkleideten Thor in Thryms Halle, der lachenden Riesentochter Skadi, dem versteinerten Troll im Morgenlicht — verdichtet sich eine ganze Weltsicht, in der die Grenzen zwischen Gott, Riese, Zwerg und Elb durchlässig bleiben und das Urtümlich-Chaotische dem Geordneten nicht nur feindlich, sondern auch verwandt und schöpferisch verbunden ist.

Im Vergleich treten sie als eine eigene Lösung unter vielen hervor: gestufter und in ihren Grenzen fließender als die keltischen Feen, kosmogonisch radikaler als die indischen Asura und die griechischen Titanen, mehr erzählt als verehrt im Gegensatz zum schatzhütenden Yaksha, und mehr Mythos als Ritual im Vergleich zur kooperativen Geisterwelt des Schamanismus. Sie nebeneinanderzustellen heißt nicht, sie gleichzusetzen, sondern zu sehen, worin die Traditionen einander berühren — im dreifachen Bild der älteren Macht, der erdverbundenen Schmiede und des verborgenen Volks — und worin sie unwiderruflich verschieden bleiben: in der Ordnung, die jede von ihnen über die nichtmenschlichen Bewohner der Welt legt.