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Simon Magus: Die Gestalt des „ersten Häretikers", Ennoia und das frühgnostische Narrativ

Simon Magus von Samaria: der historische Kern in Apostelgeschichte 8, der Ursprung des Begriffs „Simonie", Helena/Ennoia (der gefallene erste Gedanke, ein vor-sophianisches Motiv) und seine Einstufung als „Vater der Häresien" durch die Kirchenväter (neutral wiedergegeben). Sorgfältige Trennung der historischen und legendären Schichten.

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Simon Magus: Die Gestalt des „ersten Häretikers", Ennoia und das frühgnostische Narrativ

Simon Magus (Simon der Zauberer oder Simon von Samaria) ist eine überaus vielschichtige Gestalt, die uns in den frühchristlichen und spätantiken Quellen mit ihren sowohl historischen als auch legendären Schichten begegnet. In der Tradition der späteren Großkirche wird er als „Vater aller Häresien" (pater omnium haereticorum) genannt; diese Bezeichnung sollte als historische Tatsache neutral wiedergegeben werden, und die Arbeit selbst sollte dieses Urteil nicht teilen. Bei der Behandlung Simons ist die kritischste methodische Aufgabe, den historischen Kern im Zusammenhang mit ihm und die über Jahrhunderte hinweg auf ihn aufgetragenen Schichten des legendären Narrativs so sorgfältig wie möglich voneinander zu trennen. Denn Simon hat sich in der Geschichte der Gnosis weniger zu einer realen Person als zu einer Gestalt gewandelt, in der das frühe Christentum den „Anderen", also den Archetyp der Häresie, personifizierte. In dieser Hinsicht ist Simon sowohl eine konkrete historische Person als auch eine symbolische „Gegenfigur", an der die frühe Kirche ihre eigene Identität definierte.

Der historische Kern: Apostelgeschichte 8

Die früheste und zuverlässigste Quelle, die wir über Simon haben, ist das 8. Kapitel der Apostelgeschichte (Acta Apostolorum) des Neuen Testaments (Apostelgeschichte 8,9–24). Diesem Bericht zufolge war Simon ein Mann, der in der Region Samaria lebte, sich mit Zauberei befasste und im Volk große Bewunderung erregte; so sehr, dass die Menschen von ihm sagten: „Dieser ist die Kraft Gottes, die man die Große nennt." Als die Samariter durch die Predigt des Evangeliums durch Philippus getauft wurden, glaubte auch Simon und ließ sich taufen und wich nicht von der Seite des Philippus; er war von den Zeichen und Wundern, die dieser tat, beeindruckt.

Der Wendepunkt des Berichts ist, dass die Apostel Petrus und Johannes nach Samaria kamen und den Gläubigen durch Handauflegung den Heiligen Geist gaben. Als Simon dies sah, bot er den Aposteln Geld an und sagte: „Gebt auch mir diese Vollmacht, damit, auf wen immer ich meine Hände lege, er den Heiligen Geist empfange." Petrus weist ihn scharf zurecht: „Dein Geld fahre mit dir ins Verderben, weil du gemeint hast, die Gabe Gottes mit Geld erlangen zu können!" Simon aber bereut und bittet die Apostel, für ihn zu beten. Dieses Ereignis ist in der Kirchengeschichte der Ursprung des Begriffs Simonie (simony); die Simonie bedeutet den Kauf und Verkauf heiliger Dinge oder religiöser Ämter gegen Geld und war im Laufe des Mittelalters eine der Verfallserscheinungen, die die Kirche am stärksten bekämpfte. Dass der Begriff unmittelbar vom Namen Simons abgeleitet ist, ist eines der konkretesten Anzeichen für die bleibende Spur dieser Gestalt im kulturellen Gedächtnis des Christentums.

In historischer Hinsicht bietet uns dieser Bericht der Apostelgeschichte einen vergleichsweise „nackten" Simon: einen samaritanischen Zauberer, einflussreich beim Volk, den man „Große Kraft" nannte, einen Mann, der die Macht der Apostel beneidete und sie zu kaufen versuchte. In diesem Kern gibt es noch kein ausgearbeitetes gnostisches System, keine Helena/Ennoia-Lehre und keinen kosmischen Fall-Mythos. All dies taucht in den Quellen der folgenden Jahrhunderte auf. Daher ist es die Vorbedingung einer gesunden Lektüre, den Abstand zwischen dem historischen Simon und der späteren „simonianischen" Lehre von vornherein anzuerkennen.

Samaritanische Herkunft und Gitta

Spätere Quellen, insbesondere der christliche Schriftsteller des 2. Jahrhunderts Justin der Märtyrer (der selbst Samaritaner war), berichten, dass Simon aus dem Dorf Gitta in Samaria stammte. Samaria war eine Region, in der sich sowohl jüdische als auch hellenistische Einflüsse kreuzten und die eine ihr eigene religiöse Identität besaß. Die Samaritaner teilten mit den Juden eine gemeinsame Heilige-Schrift-Tradition (die Tora), hielten aber nicht den Tempel von Jerusalem, sondern den Berg Garizim für heilig. Dieses ihr eigene religiöse Milieu war ein fruchtbarer Boden, auf dem verschiedene charismatische und prophetische Gestalten hervortraten.

Dieser geographisch-kulturelle Hintergrund hilft uns zu verstehen, warum die Simon zugeschriebenen Lehren Elemente des jüdischen Monotheismus, der hellenistischen Philosophie und des Mythos zugleich beherbergen. Dennoch beruht selbst die Auskunft über die Herkunft aus Gitta weniger auf einem direkten historischen Beleg als auf einem Zeugnis des 2. Jahrhunderts und muss mit einem gewissen Maß an Vorsicht behandelt werden. Dieser Grenzregion-Charakter Samarias erklärt, warum die Gestalt Simons sich als eine „Wegkreuzungsfigur" formierte, die jüdische, hellenistische und frühchristliche Elemente zugleich trägt.

Helena und Ennoia: Der gefallene erste Gedanke

Das originellste und aus gnostischer Sicht wichtigste Element der Simon zugeschriebenen Lehre ist der Bericht über die Frau namens Helena (Helen), die er mit sich führte. Nach der Wiedergabe der Kirchenväter (insbesondere des Irenäus von Lyon) lehrte Simon, dass die Frau namens Helena, die er aus einem Bordell in der Stadt Tyros (Sur) gekauft hatte, in Wirklichkeit sein „Erster Gedanke" (griechisch Ennoia, in manchen Quellen Epinoia) sei. Dieser Lehre zufolge stellte Simon sich selbst als die „Große Kraft Gottes" dar; Helena aber wurde als der erste schöpferische Gedanke definiert, der aus dem Geist dieser höchsten Kraft hervorging.

Dem Bericht zufolge erschuf dieser Erste Gedanke (Ennoia), nachdem er aus der höchsten Kraft hervorgegangen war, die niederen Welten und die sie beherrschenden Engel; doch in diesem Prozess wurde er von den von ihm selbst geschaffenen niederen Engeln (kosmischen Herrschern) aus Eifersucht gefangen genommen, in die niedere Welt eingekerkert und gezwungen, den Leib zu wechseln und von Leib zu Leib zu wandern. Der Überlieferung nach wanderte dieser gefallene göttliche Gedanke durch verschiedene Frauenleiber (die Legende setzt ihn sogar mit der berühmten Helena des Trojanischen Krieges gleich) und befand sich zuletzt im Leib der Helena von Tyros. Simon stellte sich als die höchste Kraft dar, die herabstieg, um diesen gefallenen Ersten Gedanken zu erlösen und zu befreien; so war seine eigene Lehre zugleich eine lebendige Darstellung eines Erlösungsdramas.

Dieser Bericht ist eine frühe Form eines der zentralen Themen des spätantiken gnostischen Denkens, nämlich des Themas vom Fall und der Erlösung eines weiblichen göttlichen Wesens. Die Gestalt Helena/Ennoia wird als ein Vorläufer (ein vor-sophianisches Motiv) des Mythos jener Gestalt gewertet, die im späteren valentinianischen Gnostizismus und in anderen Systemen eine zentrale Rolle spielen sollte – der Sophia (Göttliche Weisheit). Das weibliche göttliche Prinzip, das fällt, gefangen wird und darauf wartet, erlöst zu werden; die kosmischen Herrscher, die die niedere Welt erschaffen, sich ihrer aber nicht bewusst sind (der Same des Demiurgen-Motivs); und die von oben herabsteigende Erlöserkraft – all diese Elemente sind Bausteine des gnostischen Narrativs, das später zu voller Reife gelangen sollte. Daher kann die simonianische Lehre als ein frühes Laboratorium der mythischen Grammatik der Gnosis gelesen werden. Das Motiv der Wiedervereinigung des gefallenen weiblichen göttlichen Prinzips mit einem männlichen Erlöser, der herabsteigt, um es zu erlösen, ist eines der kraftvollsten und beständigsten Bilder der spätantiken gnostischen Mythologie.

Die „Große Kraft" und die vielschichtige Erscheinung

Einer weiteren Simon zugeschriebenen Lehre zufolge zeigte er sich als eine einzige höchste Kraft verschiedenen Gemeinschaften in verschiedenen Identitäten: den Juden als Sohn, den Samaritanern als Vater und den übrigen Völkern als Heiliger Geist. Dieser Bericht der dreifachen Erscheinung deckt sich einerseits mit den Vorstellungen vom „göttlichen Mann" (theios aner) in der hellenistischen Welt und andererseits mit dem Gedanken der vielschichtigen Erscheinung des Göttlichen. Der Gedanke, dass ein Wesen verschiedenen Gemeinschaften in verschiedenen Gestalten erscheint, ist ein gemeinsames Motiv der spätantiken religiösen Vorstellungskraft und spiegelt die Spannung zwischen der Vielheit und der Einheit des Göttlichen wider.

Auch hier muss betont werden, dass diese Lehren nicht unmittelbar aus dem Mund Simons, sondern aus der Wiedergabe der ihm gegnerischen Kirchenväter stammen; daher ist ungewiss, in welchem Maße der historische Simon diese tatsächlich vertrat. Es ist möglich, dass die Häresiologen diese Lehren zu häresiekritischen Zwecken in einer bestimmten Weise dargeboten haben. Dies ist dieselbe methodische Vorsicht, die auch beim Lesen der Lehren anderer Gestalten wie Basilides und Markion im Kopf behalten werden muss.

Apophasis Megale (Die Große Verkündigung)

Hippolytos von Rom führt Zitate aus einem Text mit dem Titel Apophasis Megale (Große Verkündigung / Große Darlegung) an, von dem er sagt, er gehöre Simon (oder seiner Schule). Dieser Text bietet eine philosophische Lehre, die sich um den Begriff der „grenzenlosen Kraft" (apeiros dynamis) dreht, das Feuer als Ursprung aller Dinge behandelt und von dem „stehenden" (Hestos) göttlichen Prinzip spricht. Dass das Feuer als kosmisches Ur-Prinzip behandelt wird, stellt eine Verbindung zur griechischen Philosophietradition her, die bis zu Heraklit zurückreicht; dies zeigt, dass die simonianische Tradition nicht nur eine Volkszauberei war, sondern auch eine philosophische Dimension trug.

Ob der Text wirklich dem historischen Simon gehört oder ob er das Erzeugnis der späteren simonianischen Schule ist, ist aus wissenschaftlicher Sicht umstritten. Dennoch zeigt die Apophasis Megale, dass die simonianische Tradition auch eine intellektuelle Dimension trug, die über kosmische Prinzipien nachdachte; in dieser Hinsicht verweist sie auf den philosophischen Ernst der Gnosis. Dieser Text erinnert daran, dass das gnostische Denken nicht nur aus mythischen Erzählungen besteht, sondern zugleich einen philosophischen Strang enthält, der sich mit abstrakten metaphysischen Begriffen (grenzenlose Kraft, Verhältnis von Potenz und Akt) befasst.

Das Zeugnis der Kirchenväter und der „Vater der Häresien"

Die grundlegenden Quellen, die Simon in die Position des „Vaters aller Häresien" stellen, sind die Kirchenväter des 2. bis 4. Jahrhunderts. Justin der Märtyrer berichtet, dass Simon in Rom in der Zeit des Kaisers Claudius einflussreich war und dass die Römer ihm eine Statue errichteten. Irenäus von Lyon stellt Simon in seinem Werk Adversus Haereses (Gegen die Häresien) als die Quelle aller von ihm abstammenden gnostischen Häresien dar und beschreibt die simonianische Lehre ausführlich. Auch Hippolytos von Rom und Epiphanius von Salamis setzen diese Linie fort; Epiphanius stellt ihn an den Anfang seiner Häresienkataloge (Panarion).

Hinter der Verortung Simons als „Wurzel des Häresie-Baumes" durch diese Schriftsteller liegt eine theologische und auseinandersetzende (häresiologische) Strategie: Die frühe Kirche neigte dazu, um zu betonen, dass ihre eigene Lehre rein und apostolischen Ursprungs sei, auch die „Häresie" an einen einzigen Ursprung (an Simon) zu binden und ihn als eine Gestalt darzustellen, die sich den Aposteln (insbesondere Petrus) widersetzte. Auf diese Weise konnten die verwickelten und vielfältigen gnostischen Strömungen auf einen einzigen „Verfalls-Stammbaum" zurückgeführt werden; die Grenze zwischen Orthodoxie und Häresie wurde geklärt. Daher tragen die kirchenväterlichen Berichte über Simon ebenso sehr, ja vielleicht noch mehr als historisches Wissen, die Spuren der frühchristlichen Identitätsbildung. Dieser Umstand erklärt, warum die moderne Religionsgeschichte beim Lesen Simons so vorsichtig vorgehen muss. Dieselbe Vorsicht gilt auch für andere als „häretisch" geltende Gestalten wie Markion und Basilides; sie alle haben uns in hohem Maße durch die Linse ihrer Gegner erreicht.

Die römische Statue und eine Fehllesung

Das Zeugnis Justins, Simon sei in Rom eine Statue errichtet worden, verweist auf ein interessantes historisch-philologisches Problem. Justin meinte, auf der Tiberinsel sei ein Weihegegenstand mit der Aufschrift „SEMONI SANCO DEO FIDIO" gefunden worden, und dies sei der Beweis für eine Verehrung Simons. Doch moderne Forschungen haben gezeigt, dass diese Inschrift in Wirklichkeit dem Semo Sancus, einem alten italisch-sabinischen Gott, geweiht war; Justin hatte den Ausdruck „Semoni Sanco" als „Dem Simon (dem heiligen)" fehlgelesen. Dieses Beispiel ist ein lehrreicher Fall, der zeigt, wie die Simon-Legende zum Teil über Missverständnisse und Assoziationen anwuchs, und veranschaulicht die Bedeutung der Trennung von historischer und legendärer Schicht. Dass eine philologische Fehllesung den Boden für eine jahrhundertelang andauernde Legende (den Glauben an die Vergöttlichung Simons in Rom) bereitete, ist eine eindrückliche Lehre darüber, wie Erzählungen in der Religionsgeschichte kumulativ anwachsen.

Die legendäre Schicht: Der Konflikt mit Petrus und der Sturz

Das reichste legendäre Material über Simon findet sich in den im 2. bis 4. Jahrhundert verfassten apokryphen Texten, insbesondere in den Akten des Petrus (Acta Petri) und im pseudoklementinischen Schrifttum. In diesen Berichten wird Simon als der Erzfeind des Apostels Petrus dargestellt; zwischen den beiden ereignet sich eine Reihe von Wunderduellen. Die berühmteste Szene ist, dass Simon mit seiner Zauberkraft in Rom in die Luft aufsteigt (fliegt) und durch das Gebet des Petrus zu Boden stürzt und sein Leben aushaucht. Diese Szene wurde in der christlichen Kunst und im Volksnarrativ jahrhundertelang behandelt; sie wurde zum Sinnbild des Gegensatzes zwischen der „wahren göttlichen Kraft" und der „falschen Zauberkraft".

Der historische Wert dieser legendären Berichte ist überaus begrenzt; sie sind in hohem Maße literarisch-theologische Erfindungen und dramatisieren weniger das Leben eines wirklichen Simon als vielmehr den symbolischen Gegensatz zwischen der „wahren apostolischen Kraft" und der „falschen Zauberkraft". Aus Sicht der modernen Wissenschaft ist nicht einmal gewiss, ob der Simon der Apostelgeschichte und der Simon der apokryphen Quellen dieselbe historische Person sind; einige Forscher vertreten die Auffassung, der Name „Simon Magus" sei mit der Zeit zu einem „Sammelnamen" geworden, auf den sich verschiedene gegnerische Gestalten und häresiekritische Anliegen häuften. Im pseudoklementinischen Schrifttum könnte sich nach Ansicht einiger Forscher hinter der Gestalt „Simon" sogar eine verdeckte Kritik am Apostel Paulus verbergen; auch wenn diese Deutung umstritten ist, zeigt sie, wie biegsam und vielschichtig der Name Simon zu einem polemischen Werkzeug wurde.

Die Simonianer: Fortbestand als eine Sekte

Die Kirchenväter sprechen von der Existenz einer Gemeinschaft, die auf Simon folgte und unter dem Namen „Simonianer" (Simoniani) genannt wird. Dieser Lehre zufolge war der Nachfolger Simons Menandros, der ebenfalls Samaritaner war und auch mit der Genealogie des Basilides verbunden wird; es wird überliefert, dass auch Menandros sich als eine Erlöserkraft darstellte und seinen Anhängern durch die Taufe Unsterblichkeit verhieß. Es heißt, die simonianische Gemeinschaft habe den ihrem Begründer zugeschriebenen Helena/Ennoia-Mythos bewahrt und rituellen und magischen Praktiken Bedeutung beigemessen. Inwieweit diese Wiedergaben eine wirkliche „simonianische Kirche" widerspiegeln und inwieweit sie eine Erfindung der Häresiologen sind, ist umstritten; einige Forscher meinen, im 2. bis 3. Jahrhundert hätten tatsächlich kleine Gemeinschaften existiert, die Simon als Begründer betrachteten, andere meinen, das Etikett „simonianisch" sei in hohem Maße von außen, als ein häresiekritisches Klassifizierungswerkzeug, verwendet worden.

In jedem Fall ist dieser Bericht der „Abstammungskette", die von Simon über Menandros bis zu Basilides und Valentinus reicht, Teil der Strategie der frühen Kirche, die gnostische Vielfalt an einen einzigen Ursprung zu binden. Diese Strategie verfolgt das Ziel, verwickelte und möglicherweise unabhängig voneinander entwickelte Strömungen in einem geordneten „Verfalls-Baum" darzubieten und so die Grenze zwischen Orthodoxie und Häresie zu klären. Historisch sind die wirklichen Verbindungen zwischen den Gliedern dieser Kette in hohem Maße ungewiss; doch der Bericht selbst ist ein wertvolles Dokument, das zeigt, wie die frühchristliche Identitätsbildung funktionierte.

Die Häresiologie als Gattung: Simons Spiegelbild

Einer der erhellendsten Aspekte der Gestalt Simons ist seine zentrale Rolle bei der Entstehung der literarischen Gattung, die „Häresiologie" (häresiekritisches Schrifttum) genannt wird. Diese Gattung, die vom Adversus Haereses des Irenäus bis zum Panarion (Arzneikasten) des Epiphanius reicht, katalogisiert die Häresien, verfolgt ihre Ursprünge und widerlegt sie. Simon wird nahezu immer an den Anfang dieser Kataloge gestellt; er ist als der „erste Häretiker" gleichsam der Ausgangspunkt der Gattung. Diese Verortung erklärt, warum unser Wissen über Simon so stark „gerahmt" ist: Der grundlegende Zweck der Texte, die ihn uns überliefern, ist nicht, historisches Wissen zu geben, sondern ein Gegenbeispiel zu bieten.

Dieser Umstand nötigt den modernen Religionshistoriker zu einer besonderen Lektürestrategie: Man muss die häresiologischen Texte zweischichtig lesen – sowohl im Hinblick auf den in ihnen enthaltenen möglichen historischen Kern als auch im Hinblick auf die orthodoxen Anliegen, die sie widerspiegeln. Was immer wir über Simon wissen, wissen wir in hohem Maße aus dem Inneren einer Tradition, die ihn als den „Anderen" entwarf. Dies macht Simon nicht bedeutungslos; im Gegenteil, es macht ihn zu einem einzigartigen Zeugen der spätantiken religiösen Vielfalt und der Weisen, mit dieser Vielfalt umzugehen. Auch Markion und Bardaisan erreichen uns in ähnlicher Weise durch die häresiologische Linse; doch Simon nimmt insofern eine besondere Position ein, als er gleichsam der „Nullpunkt" dieser Gattung ist. Seine Gestalt ist das reinste Beispiel der „Gegenfigur", die die Orthodoxie hervorbrachte, während sie sich selbst definierte.

Die Trennung der historischen und legendären Schichten

Das Beispiel Simon Magus ist einer der Fälle, die am schönsten zeigen, wie wichtig in der Religionsgeschichte die Quellenkritik und die Schichtentrennung sind. Das uns vorliegende Material lässt sich grob in drei Schichten gliedern: (1) der früheste, vergleichsweise nackte historische Kern in Apostelgeschichte 8 – der Samaritaner, den man „Große Kraft" nannte, der der Simonie seinen Namen gab, der Zauberer; (2) die häresiologische Wiedergabe der Kirchenväter des 2. bis 4. Jahrhunderts – die Helena/Ennoia-Lehre, die dreifache Erscheinung, die Position des „Vaters der Häresien"; (3) die legendäre Schicht der apokryphen Literatur – die Wunderduelle mit Petrus, das Auffliegen und Stürzen. Jede dieser Schichten trägt einen unterschiedlichen historischen Wert, und es wäre ein methodischer Fehler, sie alle auf derselben Ebene als „wirklich" anzunehmen.

Das Bild, das sich ergibt, wenn wir diese Trennung vornehmen, ist folgendes: Historisch war Simon vermutlich eine charismatische religiöse Gestalt, die im Samaria des 1. Jahrhunderts einflussreich war und die man „Große Kraft" nannte. Doch sein eigentliches Gewicht in der Geschichte der Gnosis rührt von den ihm nachträglich zugeschriebenen Lehren und von seiner Verwandlung in den Archetyp des „ersten Häretikers" im frühchristlichen Gedächtnis her. In diesem Sinne ist Simon sowohl eine historische Person als auch ein Symbol; er ist ein Spiegel der spätantiken religiösen Vielfalt und der Weise, in der die frühe Kirche sich mit dieser Vielfalt auseinandersetzte. Über Simon zu sprechen, ohne die Schichten zu trennen, hieße eine historische Person mit der Legende der Jahrhunderte zu vermengen, was eine der am häufigsten begangenen Fallen der spätantiken Religionsgeschichte ist.

Vergleichende Verortung und Vermächtnis

Bei der Verortung Simons auf der Landkarte der spätantiken Gnosis ist sein Verhältnis zu anderen Gestalten erhellend. In den kirchenväterlichen Genealogien wird eine „Häresie-Kette" gezogen, die von Simon über Menandros, von dem es heißt, er sei sein Schüler gewesen, bis zu Lehrern wie Basilides und Valentinus reicht. Auch wenn die historische Wirklichkeit dieser Kette umstritten ist, ist die thematische Kontinuität zwischen dem Simon zugeschriebenen Helena/Ennoia-Mythos und den späteren Sophia-Erzählungen wirklich und bedeutsam. Im Vergleich zu verschiedenen Ausrichtungen wie dem Dualismus Markions, der den Gott des Alten Testaments abtrennt, oder den Stern-Schicksal-Diskussionen Bardaisans bietet die simonianische Lehre eher einen mythisch-narrativen gnostischen Kern; anders als der buchhafte Dualismus Markions oder die philosophische Kosmologie Bardaisans ist die simonianische Tradition eine Tradition des Mythos und des Dramas.

Die Kontinuität zwischen dem simonianischen Mythos und dem Pleroma-Äonen-Schema

Den Simon zugeschriebenen Helena/Ennoia-Mythos strukturell mit den späteren reifen gnostischen Systemen zu vergleichen, klärt die historische Bedeutung dieser Lehre. Im valentinianischen Gnostizismus besteht das Pleroma (die Welt der göttlichen Fülle) aus paarweise hervorgehenden Äonen, und der unterste Äon dieser Welt, die Sophia, erlebt eine Art „Fall" und führt zum Hervortreten der materiellen Welt und des sie beherrschenden Demiurgen (Jaldabaoth). Die Ennoia (der Erste Gedanke) in der simonianischen Lehre wiederum trägt, auch wenn sie noch keine derart ausgearbeitete Äonen-Hierarchie enthält, denselben grundlegenden Erzählkern: Der weibliche göttliche Gedanke, der aus der höchsten Kraft hervorgeht, erschafft die niederen Engel, wird von ihnen gefangen genommen und wartet darauf, erlöst zu werden. Diese strukturelle Kontinuität zeigt, dass der simonianische Mythos als eine embryonale Form der späteren großen Systeme der Gnosis gelesen werden kann; die „Grammatik" des Mythos ist dieselbe, aber im valentinianischen System weit reicher und systematischer geworden.

Logos, philosophischer Rahmen und esoterische Strömungen

Die philosophische Dimension der simonianischen Tradition steht insbesondere mit den Begriffen der „grenzenlosen Kraft" und von Potenz und Akt in der Apophasis Megale in Berührung mit dem Wortinventar der griechischen Philosophie der Zeit. In der spätantiken Welt war die Vorstellung eines Logos (göttliches Wort/göttliche Vernunft), der zwischen dem transzendenten Prinzip und der sichtbaren Welt vermittelt, weit verbreitet; der Gedanke, dass die simonianische „Große Kraft" sich in verschiedenen Schichten erscheinen lässt, ist entfernt mit diesem Thema der Vermittlung durch den Logos verwandt. Die simonianische Tradition teilt in dieser Hinsicht als eine der verschiedenen esoterischen Strömungen der spätantiken Welt, die die „Erlösung auf dem Weg des geheimen Wissens" suchten, dieselbe kulturelle Atmosphäre mit dem sich um Hermes Trismegistos herum formierenden Hermetismus. Beide Traditionen nehmen an, dass man zur verborgenen göttlichen Wirklichkeit hinter der sichtbaren Welt auf dem Weg des auserwählten Wissens (Gnosis) gelangen kann.

Bei einem weiter gefassten Vergleich trägt das Thema der Einkerkerung und Erlösung eines gefallenen göttlichen Elements in der materiellen Welt auch eine entfernte thematische Verwandtschaft zum Licht-Finsternis-Gegensatz dualistischer Traditionen wie des Zoroastrismus des alten Iran; doch die unmittelbare Quelle der simonianischen Lehre ist nicht der iranische Dualismus, sondern die jüdisch-hellenistische Wegkreuzung Samarias. Diese Vergleiche zeigen, dass die Gestalt Simons ein Teil der gemeinsamen religiösen Vorstellungskraft der spätantiken Mittelmeer- und Nahost-Welt ist; er ist kein isolierter „Häretiker", sondern ein früher und symbolischer Vertreter eines breiten Denkmilieus.

Das Auftauchen direkter Quellen wie der 1945 gefundenen Nag-Hammadi-Bibliothek, also unmittelbar gnostischer Zeugnisse, hat bestätigt, dass die in der simonianischen Lehre beschriebenen mythischen Strukturen (das fallende weibliche Prinzip, die gefangennehmenden Herrscher, das erlösende Wissen) in der spätantiken Gnosis tatsächlich verbreitet waren. Dies zeigt, dass die Gestalt Simons, so sehr sie auch von Legenden durchwoben ist, sich um ein wirkliches religiös-historisches Phänomen (die Geburt des frühen gnostischen Denkens) herum formierte. Zusammen mit den philosophischen Kritiken, die Plotin gegen die Gnostiker richtete, und mit späteren großen dualistischen Systemen wie dem Manichäismus betrachtet, kann Simon Magus als ein früher und symbolischer Ausgangspunkt einer breiten Diskussion gewertet werden, die in der spätantiken Welt über Erlösung, Wissen und Kosmos geführt wurde. Ja, zusammen mit anderen spätantiken esoterischen Strömungen wie der hermetischen Tradition, die sich um Hermes Trismegistos herum formierte, repräsentiert die simonianische Tradition eines der verschiedenen Gesichter des Suchens der Zeit nach „Erlösung auf dem Weg des geheimen Wissens".

Simons bleibender Platz in der Religionsgeschichte

Der Platz Simon Magus' in der Religionsgeschichte ist nicht nur auf seine eigene Zeit beschränkt; seine Gestalt blieb im kulturellen Gedächtnis des Christentums jahrhundertelang lebendig und wurde in Kunst, Literatur und theologischen Diskussionen beständig aufs Neue behandelt. Im Mittelalter wurde der Begriff „Simonie" zu einem zentralen Ziel der kirchlichen Reformbewegungen; der Name Simons wurde als Sinnbild des religiösen Verfalls genannt. Dass selbst in Dantes Göttlicher Komödie ein eigener Höllenabschnitt für die Simonisten vorgesehen ist, ist ein Anzeichen für die tiefe Spur dieser Gestalt in der westlichen Kultur. So hat sich Simon als historische Person vielleicht verblasst, aber als Symbol eine überaus kraftvolle und bleibende Präsenz bewahrt.

Aus Sicht der vergleichenden Religionsgeschichte ist Simon das reinste Beispiel des Archetyps des „Gründungshäretikers". In vielen religiösen Traditionen zeigt sich, dass die Orthodoxie, während sie sich selbst definiert, einer Gestalt der „ersten Abweichung" bedarf; Simon ist die Gestalt, die in der christlichen Tradition diese Funktion übernimmt. Dass er in einer „Abstammungskette" mit Basilides, Valentinus und anderen gnostischen Lehrern dargeboten wird, ist eine Erweiterung dieser archetypischen Funktion. In dieser Hinsicht ist Simon nicht nur ein Musterfall der Geschichte der Gnosis, sondern auch dafür, zu verstehen, wie das Verhältnis von „Orthodoxie und Häresie" allgemein hergestellt wird.

Schließlich ist die Gestalt Simons ein einzigartiger Zeuge der Glaubensvielfalt der spätantiken Welt und dessen, wie diese Vielfalt wahrgenommen und klassifiziert wurde. Wenn die um ihn herum geformten Erzählungen – der historische Kern, die häresiologische Wiedergabe und die legendäre Schicht – zusammenkommen, legen sie sowohl die Vielfalt innerhalb des frühen Christentums als auch dessen Strategien im Umgang mit dieser Vielfalt offen. Zusammen mit dem buchhaften Dualismus Markions, der philosophischen Kosmologie Bardaisans und dem metaphysischen Entwurf des Basilides betrachtet, repräsentiert die mythisch-narrative Tradition Simons ein weiteres Gesicht des Reichtums der spätantiken religiösen Vorstellungskraft. Diese vier Gestalten sind verschiedene Zweige der großen Diskussion, die die spätantike Welt über Erlösung, Wissen und Kosmos führte, und legen zusammen die intellektuelle Lebendigkeit der Zeit offen.

Im Ergebnis ist Simon Magus für den Religionshistoriker ein zweischichtiger Gegenstand des Interesses: einerseits eine wirkliche religiöse Gestalt des Samaria des 1. Jahrhunderts, andererseits ein kraftvolles kulturelles Symbol, in dem das frühe Christentum den Begriff der „Häresie" personifizierte. Diese beiden Schichten sorgfältig zu trennen, ist die Vorbedingung sowohl dafür, Simon historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, als auch dafür, die spätantike religiöse Vielfalt richtig zu verstehen. Simon ist eine Gestalt, die die Glaubensvielfalt der spätantiken Welt und die Art, wie diese Vielfalt wahrgenommen wurde, sowohl durch seine eigene Existenz als auch durch die ihm aufgebürdeten Legenden auf einzigartige Weise erhellt.

Als eine letzte Würdigung erinnert die Geschichte Simon Magus' auf eindrückliche Weise an die Tatsache, dass die Religionsgeschichte eine „von den Siegern geschriebene Geschichte" ist. Wir können seine eigene Stimme, seine eigene Lehre nicht unmittelbar hören; alles über ihn ist durch die Feder seiner Gegner gegangen. Dieser Umstand ruft den modernen Forscher dazu auf, sowohl bescheiden als auch methodisch sorgfältig zu sein: Man muss die Grenzen der uns vorliegenden Quellen anerkennen, an ungewissen Stellen keine Gewissheit beanspruchen und fortwährend versuchen, Legende und Geschichte voneinander zu unterscheiden. Diese methodische Sensibilität, die für die Gesamtheit der Erforschung der Gnosis gilt, wird am Beispiel Simons am intensivsten erprobt. Eben deshalb ist Simon nicht nur ein zu untersuchender Gegenstand, sondern zugleich ein Prüfstein, an dem die Religionsgeschichtsschreibung ihre eigene Methode schärfen kann; er bleibt für jeden, der die Vielfalt der spätantiken Welt und die Art, wie diese Vielfalt im Gedächtnis festgehalten wurde, verstehen will, ein unverzichtbarer Ausgangspunkt. Kurz gesagt ist die Gestalt Simon Magus einer der vielschichtigsten Fälle der spätantiken Religionsgeschichte, in dem sich ein historischer Kern, die Simonianer als eine institutionelle gnostische Tradition, ein umfassender häresiologischer Entwurf und eine reiche Schicht des legendären Narrativs übereinanderlagern. Ein Forscher, der diese Schichten unterscheidend liest, gewinnt sowohl über Simon selbst als auch über die Identitätsbildung des frühen Christentums eine so klare Einsicht, wie sie keine andere Gestalt bieten kann. Eben diese Vielschichtigkeit ist das eigentliche Merkmal, das ihn auf Dauer interessant macht. Dieser einzigartige Zeuge der spätantiken religiösen Vielfalt und der Art ihrer Festhaltung im Gedächtnis bewahrt in der religionsgeschichtlichen Forschung sowohl als ein konkreter Gegenstand als auch als eine methodische Mahnung seinen Wert und seine Lebendigkeit; denn Simon zu verstehen heißt zugleich zu verstehen, wie Geschichte geschrieben wird und wie sich das Gedächtnis formt.