Tonglen (Geben-und-Nehmen-Meditation)
Tibetische Mahāyāna-Praxis: beim Einatmen das Leid der anderen in sich hineinziehen, beim Ausatmen das eigene Glück darbringen; ein in der Lojong-Tradition Atiśas systematisierter Weg der Bodhicitta-Kultivierung.
Definition und Etymologie
Tonglen (tibetisch: གཏོང་ལེན་, gtong len) bedeutet wörtlich „Geben-Nehmen" (tong = geben, senden; len = nehmen, annehmen). Es ist eine im tibetischen Mahāyāna- und Vajrayāna-Buddhismus systematisch gelehrte Atem-Bild-Absichts-Meditation, die darauf beruht, das Leid der anderen in sich hineinzuziehen und das eigene Behagen-Glück darzubringen. Die Praxis schlägt das genaue Gegenteil des gewöhnlichen selbstbezogenen Reflexes vor: Das Ego ist normalerweise darauf programmiert, das Leid nach außen zu drängen und das Behagen nach innen zu ziehen; Tonglen kehrt diese Richtung um und erschließt so die Kapazität des Praktizierenden zur Bodhicitta (Absicht des erleuchteten Herzens).
Tonglen ist die zentrale Praxis des Systems Lojong (tibetisch: བློ་སྦྱོང་, blo sbyong, „Geistesschulung/-übung"), einer weiteren Mahāyāna-Praxiskategorie. Lojong ist eine Herzensschulungstradition, die Atiśa (982–1054) aus Bengalen nach Tibet brachte und die seit dem 11. Jahrhundert zum gemeinsamen Erbe aller tibetisch-buddhistischen Schulen (Nyingma, Sakya, Kagyü, Gelug) wurde.
Historischer Ursprung: Von Atiśa zu Chekawa
Atiśa Dīpaṃkara Śrījñāna (982–1054) wurde als großer Mahāyāna-Meister bengalischer Herkunft im Kloster Vikramaśīla in Indien ausgebildet, vertiefte später bei Suvarṇadvīpa Dharmakīrti auf Sumatra zwölf Jahre lang die Bodhicitta-Lehren. 1042 wurde er auf Einladung des tibetischen Königs Yeshe Ö nach Tibet gerufen und legte dort die Grundlagen der Kadampa-Tradition. Atiśas wichtigstes Erbe für Tibet sind die lojong-Lehren, die er mit dem kurzen, aber dichten Text Lamp for the Path to Enlightenment (Bodhipathapradīpa) und durch seinen Schüler Dromtönpa (1005–1064) weitergab.
Das Lojong wurde zwei Jahrhunderte lang als mündliche Überlieferung über die Meister-Schüler-Linie weitergegeben. Langri Tangpa (1054–1123) verfasste die berühmten „Acht Verse — Geistesschulung" (Lojong Tsiklen Gyema), die das Wesen der Praxis in acht Vierzeilern zusammenfassen. Sein prägnanter Text enthält die dichteste Kernformel der Tonglen-Praxis:
Möge ich lernen, alle Wesen als mein einziges kostbares Kind anzuschauen, das ich besitze... Ihr Leid, ihre Verluste, ihre Niederlagen auf mich zu nehmen, mein Glück, meine Gesundheit, meinen Sieg ihnen darzubringen...
Chekawa Yeshe Dorje (1101–1175) gelangte zu dieser Lehre Langri Tangpas und systematisierte danach die von dessen Schüler Sharawa empfangene Ausbildung, indem er die „Siebenpunkte-Geistesschulung" (Lojong Don Dünma) zusammenstellte. Diese sieben Punkte wurden zur kanonischen Organisation der Lojong-Praxis:
- Vorbereitungen (das Nachsinnen über die Kostbarkeit der menschlichen Geburt usw.)
- Die eigentliche Praxis der Bodhicitta (absolute und relative Bodhicitta — Tonglen kommt hier)
- Die Verwandlung ungünstiger Umstände in den Weg
- Die Ausweitung der Praxis auf das ganze Leben
- Die Maßstäbe der Geistesschulung
- Die Gelübde
- Die Anweisungen (die 59 berühmten Lojong-Aphorismen)
Chekawas Text wurde im 14. Jahrhundert von Tokme Zangpo (1295–1369) kommentiert, in den folgenden Jahrhunderten wiederum von Meistern der Rime-Bewegung wie Jamgön Kongtrül (1813–1899) neu belebt.
Doktrinäre Grundlage: Bodhicitta und Leerheit
Die radikale Praxis des Tonglen gründet auf den beiden grundlegenden doktrinären Pfeilern des Mahāyāna:
Bodhicitta („erleuchtetes Herz") ist die Absicht des Erwachens zur Erlösung/Erleuchtung aller Wesen; dies ist kein einfacher sittlicher Wunsch, sondern eine ontologische Haltungsverwandlung. Die absolute Bodhicitta (paramārtha bodhicitta) ist die Weisheit, die die wahre Natur der Dinge — śūnyatā (Leerheit, bedingtes Entstehen) — erfasst. Die relative Bodhicitta (saṃvṛti bodhicitta) wiederum ist die aktive Qualität von liebender Güte, Mitgefühl und Erbarmen gegenüber den Wesen. Tonglen kultiviert hauptsächlich die relative Bodhicitta, vereint sich aber für fortgeschrittene Praktizierende mit der Schau der Leerheit.
Die Leerheit (śūnyatā) — ohne sie kann sich Tonglen in eine seichte sittliche Übung oder eine den Menschen erschöpfende empathische Überlastung verwandeln. Die Schau, dass die Dinge (mein-Leid, das Leid-des-anderen) kein unabhängiges Wesen haben, befreit den Tonglen-Praktizierenden von der Furcht, das Verinnerlichen des Leids des anderen werde sein Ego „zerstören" — denn es gibt kein festes Ego, das verinnerlicht werden und zerbrechen könnte.
Zeitgenössische Übertragung: Trungpa und Pema Chödrön
Tonglen gelangte über zwei Hauptkanäle in den Westen:
Chögyam Trungpa Rinpoche (1939–1987) ließ sich als von den Kagyü- und Nyingma-Traditionen ausgebildeter tibetischer Meister in den 1970er Jahren in Amerika nieder und gründete die Organisation Shambhala Vajradhātu. Trungpa lehrte das Tonglen, indem er es aus seinem orthodox-rituellen Kontext herauslöste, in einer für zeitgenössische amerikanische Praktizierende klar verständlichen Form. 1981 lehrte er die auf dem Sterbebett liegende Tibetologin Francesca Fremantle das Tonglen an ihrem Bett — diese Szene ist einer der symbolischen Augenblicke des Übergangs der Praxis in den Westen.
Pema Chödrön (als Deirdre Blomfield-Brown 1936 in New York geboren) ist als eine der wichtigsten amerikanischen Schülerinnen Trungpas eine 1981 ordinierte buddhistische Nonne. Pema Chödrön, die Äbtissin der Gampo Abbey in Cape Breton, Nova Scotia, machte mit Büchern wie Start Where You Are (1994), The Places That Scare You (2001) und When Things Fall Apart (1997) Millionen von Lesern mit dem Tonglen bekannt. Ihre Version bietet, indem sie den akademisch-philosophischen Ballast schlicht hält, eine emotional-praktische Zugänglichkeit.
Praktische Anwendung: Die vier Stufen Pema Chödröns
In der Lehre Pema Chödröns wird das Tonglen in vier Stufen praktiziert:
Stufe 1 — Öffnung zur offenen Leere (Flash of Bodhichitta): Der Praktizierende lässt den Geist einige Minuten in seinem natürlich-offenen Zustand ruhen. Ohne in den Gedankenstrom einzugreifen, verweilt er in einem Gefühl eines weiten und lichten Raumes. Dies bildet die Grundlage der folgenden Stufen; „das augenblickliche Aufblitzen der Bodhichitta".
Stufe 2 — Arbeit mit der Textur (Working with Texture): Der Praktizierende arbeitet mit symbolischen Textur-Bildern, die den Atem begleiten. Beim Einatmen zieht er das Empfinden von Wärme, Schwere, Dunkelheit, Enge in sich hinein; beim Ausatmen bietet er Kühle, Leichtigkeit, Offenheit, Weite dar. Hier gibt es noch keine konkrete Person oder Situation; der Praktizierende schult nur die dem Leib und Atem zugeordnete entgegengesetzte Empfindungsrichtung.
Stufe 3 — Fokussierung auf eine bestimmte Situation: Der Praktizierende vergegenwärtigt sich im Geist ein wirklich leidendes Wesen — einen geliebten kranken Freund, ein bekümmertes Familienmitglied oder sich selbst. Beim Einatmen zieht er das Leid jenes Wesens als Wärme-Dunkelheit in sich hinein; beim Ausatmen sendet er ihm die erleichternd-weite Energie. Wenn die Person stecken bleibt oder überwältigt wird, wird die Aufmerksamkeit auf „alle Wesen, die dasselbe Leid tragen" ausgeweitet.
Stufe 4 — Ausweitung: Der Praktizierende weitet die Aufmerksamkeit allmählich aus — zunächst jene spezifische Situation, dann alle Wesen in ähnlicher Lage, dann so, dass sie alle Wesen umfasst. Auch „der Feind" wird einbezogen; denn auch er leidet, auch er hat Anteil an demselben Irrtum.
Für die fortgeschrittene Praxis lehrt Chödrön außerdem das „Tonglen aus dem Stand" (on-the-spot tonglen): Wenn man im Alltag einem Anblick des Leids begegnet — ein bekümmerter Fremder auf der Straße, eine Tragödie in den Nachrichten, ein Verlust im persönlichen Leben —, macht der Praktizierende in jenem Augenblick einige Atemzüge Tonglen. Dies lässt die Praxis in das Leben außerhalb des Kissens einfließen.
Die klassischen Siebenpunkte-Lojong-Aphorismen
Die 59 von Chekawa zusammengestellten Lojong-Aphorismen leiten die Alltagserscheinung der Tonglen-Praxis an. Einige eindrückliche Beispiele:
„Wenn du zwei Zeugen im Inneren hast, zähle den im Äußeren nicht." (Sei in Frieden mit deinem Gewissen, suche keine äußere Bestätigung) „Nimm alle Schuld von einem einzigen Ort — von dir selbst." (Brich die Gewohnheit, die Schwierigkeiten auf andere abzuwälzen) „Entwickle die Gewohnheit, jedem Dankbarkeit entgegenzubringen." (Auch die, die Leid zufügen, sind die Gelegenheit der Praxis) „Übe das Geben-Nehmen zusammen mit dem Reittier, beginne mit dem Einatmen." (Die Veralltäglichung des Tonglen mit dem Atemrhythmus) „Verwandle die drei Objekte (Geliebter, Neutraler, Feind) und die drei Gifte (Begehren, Zorn, Unwissenheit) in die drei Tugendwurzeln (mettā, karuṇā, Weisheit)."
Diese Aphorismen fungieren als ein Katalog geistiger Hygiene; jeder von ihnen schult angesichts eines alltäglichen Auslösers statt einer automatischen Reaktion eine von Bodhicitta getragene Antwort.
Spirituelle Wirkungen
In den überlieferten Quellen werden die Wirkungen der Tonglen-Praxis so aufgezählt:
- Strukturelle Lockerung des Ego: Die Zweiheit von „mein Leid" und „dem Leid des anderen" wird überwunden; der ichzentrierte Reflex schwächt sich ab.
- Furchtlosigkeit (abhaya): Die Kapazität, dem Leid bewusst zu begegnen, entwickelt sich; der Automatismus der „Leidvermeidung" lockert sich.
- Freudige Praxis: Paradoxerweise erleichtert das Hineinziehen des Leids der anderen den Praktizierenden; denn die Erschöpfung der Ego-Abwehr löst sich auf.
- Die Reife der Bodhicitta: Mit der Vertiefung der Praxis nimmt die liebende Güte einen natürlichen, mühelosen Zustand an.
Die klassischen Texte betonen das Tonglen außerdem als Todespraxis — in den bardo-(Zwischenzustand nach dem Tod)-Lehren wird Tonglen als eine mildernde Quelle für die Leiderfahrungen des Sterbenden oder des Hinterbliebenen dargeboten.
Vergleichende Perspektive: Christliche Heiligkeit und stellvertretendes Leiden
Die eindrücklichste strukturelle Parallele des Tonglen ist die Lehre des vicarious suffering (stellvertretenden Leidens) im christlichen Mystizismus. Das Leiden Jesu Christi am Kreuz ist theologisch der Akt, „die Sünde der Menschheit auf sich zu nehmen" — die Sühne. Dies deckt sich auf eindrückliche Weise mit der ontologischen Struktur des Tonglen: die geistig-existenzielle Last des anderen auf sich zu nehmen.
In der christlichen Heiligkeitstradition — besonders in der katholischen mystischen Strömung — lebten Gestalten wie die heilige Thérèse von Lisieux (1873–1897), Padre Pio (1887–1968), die heilige Teresa von Ávila (1515–1582) und der heilige Johannes vom Kreuz (1542–1591), indem sie ihr eigenes Leiden „für die Erlösung der anderen" darbrachten. Padre Pios Stigmata-Erfahrung (das Tragen der Wunden Christi am eigenen Leib) lässt sich als eine äußerste Erscheinung des christlichen Tonglen lesen.
In der katholischen Theologie wird das „Aufopfern des Leidens" (offering up suffering) auch täglichen Praktizierenden empfohlen: ein Kopfschmerz, eine Enttäuschung, ein Verlust — wird geistig „für die Erlösung jener Person" dargebracht. Dies ist die christliche Form des volkstümlichen Tonglen.
Im islamischen Tasawwuf zeigen das Motiv des bedel (stellvertretenden Eintretens) und das „Tragen der Not des Volkes" in der Tradition der Chidr-Heiligen ein ähnliches Muster. Das Schahāda-Wort „Ene'l-Hakk" („Ich bin die Wahrheit") von Hallâdsch al-Mansûr ist die sufische Erscheinung der Hingabe der eigenen Existenz zugunsten der Möglichkeit des anderen (der absoluten Wahrheit). Die Gedichte von Yunus Emre, die mit dem Wort „mein Leid ist groß, um welches soll ich klagen" beginnen, sprechen ein mystisches Tonglen-Empfinden im anatolischen Türkisch aus.
Auch dem Bodhisattva-Ideal liegt dieselbe Struktur zugrunde: Das erleuchtete Wesen wählt es, sein eigenes Nirvana aufzuschieben, und bleibt im Rad der Existenz, bis alle Wesen befreit sind. Tonglen bietet dem gewöhnlichen Praktizierenden die Möglichkeit, diese Bodhisattva-Absicht auf der Ebene des täglichen Atems zu leben.
Wissenschaftliche Forschung
Tonglen und das „Mitgefühlstraining" (compassion training) im Allgemeinen sind ein sich neu erweiterndes Feld der wissenschaftlichen Forschung:
Die Studien von Tania Singer & Olga Klimecki (Max-Planck-Institut) legten dar, dass das Mitgefühlstraining (CT) andere neurologische Signaturen hinterlässt als das Empathietraining (ET). ET aktiviert die anteriore Insula und den anterioren mittleren cingulären Kortex (ACC) — dies ist das Substrat des Erlebens des Leids des anderen „wie meines eigenen Leids" und kann langfristig zu einem empathic distress fatigue (Erschöpfung, Rückzug) führen. CT wiederum erzeugt eine Aktivierung im medialen orbitofrontalen Kortex, im Striatum und im ventralen Tegmentum (dem dopaminergen Belohnungskreis); dies entspricht der dem Leid gegenüber näheren, widerstandsfähigeren und positiv affektiven Haltung des Praktizierenden. Ergebnis: Das richtige Mitgefühlstraining bewirkt nicht die Erschöpfung, sondern den Schutz vor der Erschöpfung.
Tonglen bei Gesundheitsfachkräften: Eine 2025 veröffentlichte Studie (Galli, Hojat et al.) legte dar, dass die Tonglen-Praxis bei Gesundheitsfachkräften die Herzratenvariabilität (heart rate variability, den Indikator der parasympathischen Aktivität), den Mitgefühlszustand und die positiv-affektive Antwort auf das Leid der Patienten steigert. Dies zeigte das klinische Potenzial des Tonglen als einer neuen schützenden Praxis gegen das Burnout-Syndrom.
Die Studien von Wei-Yang Christine Lin & Helen Weng zeigen, dass selbst eine kurzfristige (8-wöchige) Mitgefühlsmeditation das altruistische Verhalten (in „redistribution game"-Experimenten dokumentiert) steigert und die Aktivierung des insulären Kortex verstärkt.
Diese Forschungen zeigen, dass Tonglen, wie die klassische Tradition es beansprucht, eine Praxis ist, die nicht nur eine spirituelle, sondern zugleich eine neuro-biologische Verwandlung erzeugt.
Moderne Reflexionen
Tonglen wird in den USA und in Europa zunehmend in Programmen der Palliativpflege, der Traumatherapie und der Burnout-Prävention genutzt. Das Programm Being with Dying von Roshi Joan Halifax bildet buddhistische Praktizierende (besonders Ärzte und Pflegekräfte) für die Pflege Sterbender aus; Tonglen nimmt hier eine zentrale Stellung ein.
Auch wenn es in der anatolischen Region keine unmittelbar bekannte Praxis ist, zeigt die ashk-derd-(Liebe-Leid-)Dynamik in der Mevlevî-Tradition — die Aussage „ich begehre als Heilmittel für das Leid das Leid" — eine Tonglen-artige mystische Struktur: das Leid nicht als Gemiedenes, sondern als Umarmtes-Verwandeltes zu sehen.
Mit den prägnanten Worten Pema Chödröns: „Tonglen ist der Rhythmus des Herzschlags — das Leid der Welt wird hereingenommen, das Gute der Welt nach außen gegeben; unser Atemaustausch, ein weiterer Herzschlag; der Schlag von Liebe und Mitgefühl. Das Leid öffnet uns, es verschließt uns nicht; denn es ist nicht mehr mein Leid, sondern das Leid. Das Leid ist bereits geteilt; wir erinnern uns nur daran."
Tonglen und die zwei Aspekte der Bodhicitta
Die tibetische Mahāyāna-Tradition bestimmt die Bodhicitta in zwei getrennten, aber zusammenhängenden Dimensionen: relative Bodhicitta (kun rdzob byang sems) und absolute Bodhicitta (don dam byang sems). Die Tonglen-Praxis kultiviert hauptsächlich die relative Bodhicitta; für fortgeschrittene Praktizierende vereint sie sich aber mit der Schau der absoluten Bodhicitta.
Die relative Bodhicitta entwickelt sich in zwei Stufen: bodhipraṇidhicitta („Aspirations-Bodhicitta") — die Absicht, zur Erlösung aller Wesen die Erleuchtung zu erreichen; bodhipratiṣṭhānacitta („Engagement-Bodhicitta") — diese Absicht aktiv über die sechs pāramitā (Vollkommenheiten: Freigebigkeit, Sittlichkeit, Geduld, Tatkraft, Meditation, Weisheit) zu verwirklichen. Tonglen vereint diese beiden Dimensionen: Der Atemaustausch ist an sich eine Erinnerung an die Absicht, zugleich aber die mikroskopischste aktive Erscheinung der dāna-pāramitā (Vollkommenheit der Freigebigkeit) — der Mensch erprobt in der Praxis, das ihm Kostbarste (sein eigenes Behagen-Glück) darzubringen.
Die absolute Bodhicitta wiederum lässt sich nicht von der Schau der śūnyatā (Leerheit) trennen. Die Dinge haben kein unabhängiges Wesen (svabhāva-śūnya); sowohl „mein Leid" als auch „das Leid des anderen" sind ein begriffliches Gebilde. Tonglen wird auf fortgeschrittener Ebene zu einer Praxis, in der diese Leerheits-Schau vergegenwärtigt wird: Es gibt keine wirkliche Orts-Verlagerung, denn es gibt kein wirklich-getrenntes Individuum; doch auf der relativen Ebene stiftet der Praktizierende, indem er sich in diese Handlung einlässt, eine Harmonie zwischen dem Mitgefühlsherzen und dem Strom. Mit den berühmten Worten Nāgārjunas in seiner Madhyamakakārikā: „Zwischen der Natur des Saṃsāra und der Natur des Nirvana gibt es nicht den geringsten Unterschied."
Die 59 Lojong-Aphorismen: Ausführliche Liste
Die 59 Lojong-Aphorismen Chekawas (tibetisch blo sbyong tsig brgyad ma) sind dazu entworfen, das tägliche Leben in ein Feld der Bodhicitta-Übung zu verwandeln. Einige wichtige, nach den klassischen Kategorien geordnete Aphorismen sind folgende:
Vorbereitung (1–5): „Sinne nach über die Kostbarkeit der menschlichen Geburt, die Unausweichlichkeit des Todes, das Wirken des Karma und das Leid des Saṃsāra."
Relative Bodhicitta (6–15):
- „Sieh alle Dharmas wie einen Traum an."
- „Erforsche die Natur der ungeborenen Achtsamkeit."
- „Übe das Geben-Nehmen der Reihe nach; beginne mit dem Einatmen."
- „Behandle die drei Objekte, die drei Gifte und die drei Tugendwurzeln."
Absolute Bodhicitta (16–25):
- „Nimm alle Schuld von einem einzigen Ort — von dir selbst."
- „Entwickle die Gewohnheit, jedem Dankbarkeit entgegenzubringen."
- „Wandle die Verwirrung in die vier Kāyas (das Sehen als Körper)."
Verwandlung ungünstiger Umstände in den Weg (26–40):
- „Wenn die Welt von Fehlern erfüllt ist, verwandle alle Widrigkeit in Tugend."
- „Wenn du zwei Zeugen im Inneren hast, zähle den im Äußeren nicht."
- „Sei zu allen Wesen stets freudig."
Gelübde und Verpflichtungen (41–50):
- „Bewahre die drei Grundlagen — Meister, Dharma, Sangha — bedingungslos."
- „Sei nicht respektlos; weder zum Lehrer, noch zum Dharma, noch zu den Wesen."
- „Eine späte, aber tiefe Wandlung — ist besser als eine seichte, aber prunkvolle Wandlung."
Praktische Anweisungen (51–59):
- „Es gibt nur eine einzige Sache, die zu tun ist."
- „Sieh alles mit einer einzigen Aufsicht."
- „Wenn du von deiner Praxis abweichst, ist der Grund dieser — die Aufhäufung auf das eigene Ego."
Diese Aphorismen bilden — zusammen mit den Kommentaren von Meistern wie Tokme Zangpo, Jamgön Kongtrül, Chögyam Trungpa und Pema Chödrön — eine reiche Bibliothek für die alltägliche Übertragung der Bodhicitta.
Die drei Anwendungsweisen des Tonglen
Im traditionellen tibetischen Mahāyāna wird Tonglen in drei verschiedenen Kontexten praktiziert:
1. Förmliche Sitzungspraxis (sitting tonglen): Eine 20–60-minütige Praxis auf der Matte, in fester Sitzhaltung, mit Visualisierung und Atemkoordination. Sie wird gewöhnlich nach dem Guru Yoga (Praxis der Vereinigung mit dem Lehrer) oder der śamatha-Meditation angewandt.
2. Tonglen im täglichen Leben (on-the-spot tonglen): Die von Pema Chödrön betonte Variante. Ein kurzes Tonglen von 3–7 Atemzügen, wenn man im Lauf des Tages einem leidvollen Anblick, einer schwierigen Person, einer Enttäuschung, einem Verlust oder dem Zorn begegnet. Dies holt die Praxis aus einer meditativen Komfortzone heraus und erprobt sie im Feuer der wirklichen Welt.
3. Tonglen bei körperlichem Schmerz und Krankheit: Wenn der Praktizierende der eigenen Krankheit, dem eigenen Schmerz oder dem Gefühl des bevorstehenden Sterbens begegnet, nimmt er diese Erfahrung als Ausgangspunkt und schließt „alle Wesen, die dieselbe Krankheit/denselben Schmerz erleben" in seine Praxis ein. Die klassischen tibetischen Texte erzählen, dass Meister auf dem Sterbebett mit Hilfe dieser Praxis das Sterben in einen Akt des Schenkens verwandelten. Die vor Chögyam Trungpas Tod 1987 ausgeführten Tonglen-Praktiken sind ein zeitgenössisches Beispiel dafür.
Tonglen und der zeitgenössische Türkei-Anatolien-Kontext
Auch wenn es in der anatolischen Region keine unmittelbare praktische Entsprechung des Tonglen gibt, bestehen auf begrifflich-mystischer Ebene tiefe Brücken. Das Motiv des „das Leid zum eigenen Leid machen", „der Last des Volkes die Schulter leihen", das Verwandeln der Nöte gewöhnlicher Menschen im eigenen Inneren durch die „Eren" (Gottesfreunde) in der türkischen Volks-sufischen Tradition — dies sind die lokalen Formen des Tonglen. Ein Vierzeiler von Schah Hatâyî (1487–1524) fängt dieses Empfinden intuitiv ein: „Ich erzähle mein Leid dem Leidvollen, der Leidlose kennt den Zustand des Leidvollen nicht."
In der Bektaschi-Tradition sind das Prinzip „alle zweiundsiebzig Völker mit einem Auge anschauen" und die Bindung der musâhiblik (Wegpartnerschaft) institutionelle Erscheinungen einer Kultur des bewussten Teilens der Last des anderen. Die Stufen „görgü" und „sorgu" in den Cem-Zeremonien rufen jedes Mitglied der Gemeinschaft zu einer herzzentrierten Selbstprüfung — was sich als eine auf der sozialen Ebene des Tonglen lesbare Parallele deuten lässt.
Im zeitgenössischen Türkei entwickelt sich die Bekanntheit des Tonglen besonders durch die Pema-Chödrön-Übersetzungen des Übersetzers und Autors Talat Sait Halman und durch das Interesse von Verlagen wie Dogan Kitap und Kuraldisi an den Büchern Pema Chödröns. Werke wie When Things Fall Apart (türkisch „Her Sey Dagildiginda") machen die Tonglen-Praxis Lesern mit türkisch-muslimischen kulturellen Referenzen zugänglich.