Hidrellez
Ein anatolisches Frühlingsfest, das am 6. Mai gefeiert wird und an dem sich die Propheten Hizir und Ilyas dem Glauben nach einmal im Jahr für einen Tag auf der Erde begegnen; eine Praxis der Volksspiritualität, die aus Wunsch- und Vorsatzritualen sowie aus Wasser- und Feuerritualen gewoben ist.
Definition
Hidrellez (auch Hidrellez, Hidir-Ilyas) ist ein Frühlingsfest, das jedes Jahr am 6. Mai — nach dem alten Rûmî-Kalender am 23. April, nach dem neuen Kalender am 6. Mai — in Anatolien, auf dem Balkan, auf der Krim, im Kaukasus und sogar in einigen Regionen Irans gefeiert wird. Sein Name leitet sich von jenem Tag ab, an dem sich zwei Propheten — der über die Erde wandernde unsterbliche Hizir (Hidir) und der über die Meere wandernde Ilyas (der Prophet Ilyas, Elias) — dem Glauben nach einmal im Jahr gemeinsam begegnen: Hidir + Ilyas = Hidrellez.
Wie Pertev Naili Boratav in 100 Soruda Türk Folkloru (Die türkische Folklore in 100 Fragen, 1973) hervorhebt, ist Hidrellez einer der beiden Pole des türkischen Volkskalenders: Er versinnbildlicht das Ende des Winters und den Beginn der Sommerzeit. Der andere Pol ist der am 8. November gefeierte Kâsim-Tag (Tag des Kâsim) — das Ende des Sommers und der Beginn des Winters. Diese Doppelstruktur verortet Hidrellez nicht bloß als einen religiösen Tag, sondern als eine kosmische Wegscheide des agrarisch-pastoralen Kalenders. Die 186 Tage zwischen dem 6. Mai und dem 8. November bilden die „Hidrellez-Periode" (Sommer), die 179 Tage vom 8. November bis zum 6. Mai hingegen die „Kâsim-Periode" (Winter).
Die UNESCO nahm Hidrellez im Jahr 2017 (auf gemeinsamen Antrag der Türkei und Mazedoniens) in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Dies ist die offizielle Anerkennung des kulturellen Status von Hidrellez in der modernen Welt.
Historische Ursprünge
Die Hizir-Gestalt und der koranische Hintergrund
Die Gestalt des Hizir ist jener geheimnisvolle „unser Diener" (ʿabdan min ʿibâdinâ), der in der Sure al-Kahf (18:60–82) des Heiligen Korans erzählt wird, ohne ausdrücklich beim Namen genannt zu werden, und zu dem der Prophet Mûsâ sich aufmachte, um von ihm Wissen zu erlernen. Die islamische Tradition nimmt an, dass der Name dieses Dieners Hizir (der Grüne, der Leben-Spendende) lautet. Der Glaube, dass Hizir hayy (unsterblich) sei, vom Lebenswasser (âb-i hayât) getrunken habe und bis zum Jüngsten Tag über die Erde wandere, um den Bedrängten zu helfen, erstreckt sich über ein weites Spektrum vom klassischen islamischen Sufismus bis hin zur Volksspiritualität.
Ahmet Yashar Ocaks Werk Türk Halk Inançlarinda ve Edebiyatinda Evliyâ Menkabeleri (Heiligenlegenden im türkischen Volksglauben und in der Volksliteratur, 1984) analysiert ausführlich den Platz, den Hizir im türkisch-anatolischen Volksislam einnimmt. Ocak zufolge speist sich die Hizir-Gestalt aus drei verschiedenen Schichten:
- Koranisch-islamische Schicht: die Gestalt des weisen Führers aus der Sure al-Kahf.
- Sufische Schicht: Hizir ist im System sufischer Theoretiker wie Ibn Arabî und Nadschm ad-Dîn Kubrâ der Ratgeber der verborgenen Welt (bâtin), das Haupt der Abdâl und einer der obersten Knotenpunkte der Hierarchie der Dreier–Siebener–Vierziger.
- Vorislamische Volksschicht: eine Gestalt, die das erste Grün des Frühlings bringt und in der sich die Yer-Sub-Geister (Yer-Su, Erde-Wasser) der alten türkisch-tengristischen Überlieferungen, der zentralasiatische Glaube an den Bay Terek (den heiligen Baum) sowie die schamanischen Vegetationsgottheiten verbinden.
Ilyas und der vergleichende Zusammenhang
Ilyas (Elias, Eliyahu) ist die islamische Entsprechung des hebräischen Propheten Eliyâ ha-Navi. Auch in der jüdischen Tradition ist Eliyahu ein unsterblicher Prophet, der lebendig in den Himmel erhoben wurde; am Fest Pessach lässt man für ihn einen leeren Becher auf dem Tisch stehen — im Glauben, dass er einmal im Jahr in der Nacht kommt und die Häuser besucht. Das Motiv der Begegnung von Hizir und Ilyas an Hidrellez feiert die kosmische Brüderlichkeit zwischen diesen beiden unsterblichen Propheten.
In der gemeinsamen Prophetentafel der islamisch-jüdisch-christlichen Trias verschmilzt Eliyâ bisweilen auch mit dem christlichen Heiligen Sankt Georg (Saint George); besonders auf dem Balkan feiern serbische, bulgarische und griechisch-orthodoxe Christen am 6. Mai (nach dem alten Kalender am 23. April) den Sankt-Georgs-Tag (Đurđevdan / Гергьовден). Dass Hidrellez und Đurđevdan bei den türkischen und balkanischen Völkern auf denselben Tag fallen — und sogar ähnliche Rituale des Wasserschöpfens, Feuermachens und Blumensammelns teilen —, zeigt, wie Boratav hervorhebt, dass dem Fest im Ursprung eine nicht eindimensional-religiöse, vielschichtige kulturelle Synthese zugrunde liegt.
Die vorislamischen Ursprünge des Frühlingsfestes
Wie Mehmet Eröz in seinen Studien über das anatolische Alevitentum darlegt, steht das Datum des 6. Mai für Hidrellez im Zusammenhang mit jenem Tag, an dem in den vorchristlichen und vorislamischen mediterran-anatolischen Kulturen das Sternbild der Plejaden (Ülker) zum ersten Mal am Horizont erscheint. Im antiken Griechenland fällt dieser Tag mit den Frühlingsfesten zur Feier des Adonis und der Demeter zusammen; in Rom mit der Floralia (28. April–3. Mai), dem Fest der Blumen und der Fruchtbarkeit; in der keltischen Tradition trifft er auf denselben kosmischen Schaltpunkt wie das Feuerfest Beltane am 1. Mai. Diese geokulturellen Parallelen sind kein Zufall: Sie alle sind an die astronomische Wegscheide des Frühlings-Sommer-Übergangs auf der Nordhalbkugel gebunden.
Die Tradition der Hizir-Ilyas-Begegnung und die mystische Symbolik
Der mythische Kern von Hidrellez ist die Begegnung der beiden unsterblichen Propheten einmal im Jahr für einen Tag auf der Erde. Die theologisch-mystischen Eigenschaften dieses Motivs bilden eines der reichsten symbolischen Gewebe der anatolischen Volksspiritualität. In der klassischen sufischen Deutung (insbesondere dort, wo Mevlânâ in seinem Mathnawî die Erzählung von Hizir und Mûsâ behandelt, Mathnawî I, 218–265) ist Hizir der Repräsentant des bâtin (inner-verborgenen) Wissens; der Gelehrte, der sich nicht mit der zâhir-Wissenschaft (des Äußeren, der Erscheinung) begnügt, sondern zur verborgenen Wahrheit (bâtin) gelangt. Ilyas hingegen — als Prophet der Meere und des Wassers — repräsentiert das verborgene Fließen, die urewigen Ströme unter den Herzen.
Die Vereinigung von Hizir und Ilyas ist somit auf symbolischer Ebene: Land (Hizirs Wandern über die Erde) + Meer (Ilyas' Wandern über das Wasser) = der jährliche Vereinigungspunkt der göttlichen Gnade (inâyet), die das gesamte All umfasst. Diese kosmische Begegnung ist zugleich auf mikrokosmischer Ebene eine Begegnung im Herzen des Menschen: Der Vorsatz des Besuchers wird angenommen, weil er in dieses Feld der Vereinigung gelegt wird.
Ahmet Yashar Ocaks Arbeiten zeigen, dass Hizir in den anatolischen Heiligenlegenden häufig als ein verkleideter Wanderer in Erscheinung tritt. In vielen Volkserzählungen zeigt sich Hizir in Gestalt eines Derwischs, eines Dorfbewohners, ja sogar eines Bettlers, erscheint der bedrängten Person, hilft ihr und verschwindet dann. Dieses Motiv ist die volkserzählerische Ausprägung der sufischen Lehre vom Abdâl (dem verborgenen, Gott nahen Heiligen). Am Morgen von Hidrellez wird deshalb fast jedermann gegenüber Gastfreundschaft geübt — vielleicht ist der, der da kommt, Hizir.
Praktische Anwendung
Vorbereitung vor dem Fest
Am Vorabend von Hidrellez (in der Nacht des 5. Mai) wird in vielen Gegenden Anatoliens das Familienhaus von Grund auf gereinigt. „Bevor Hizir kommt, muss das Haus rein sein" — der Besuch Hizirs bringt den Hausbewohnern Segen; doch der Glaube, dass Hizir in unreine Häuser nicht einkehrt, ist weit verbreitet. Man besprengt das Haus mit Rosenwasser, entzündet die Herdfeuer und richtet die Tafeln her.
Vorsatz- und Wunschrituale
Die verbreitetste Volkspraxis von Hidrellez ist das Fassen eines Wunsches. In den verschiedenen Gegenden zeigen sich unterschiedliche Bräuche:
1. Der unter einen Rosenstrauch gelegte Wunsch: Junge Mädchen und unverheiratete Frauen schreiben oder fertigen in der Nacht des 5. Mai auf ein Blatt Papier oder auf einen kleinen Gegenstand (eine Figur aus Lehm und Wachs, ein Spielzeughaus, eine Silbermünze, ein kleines Bild) etwas an, das ihre tiefsten Wünsche versinnbildlicht. Dies vergraben sie unter einem Rosensetzling. Am Morgen des 6. Mai, vor Sonnenaufgang, holen sie das Papier bzw. den Gegenstand wieder hervor — Hizir ist in jener Nacht vorübergegangen, hat den Wunsch gesehen und ihn bedacht.
2. Der ans Wasser gelegte Wunsch: In einem Teil der Gegenden werden die Wünsche einem fließenden Gewässer übergeben. Das fließende Wasser — als der Weg zu Hizirs über die Meere wanderndem Bruder Ilyas — wird den Vorsatz zum unsterblichen Propheten tragen.
3. Haus-Symbole: Frauen, die sich ein Kind wünschen, fertigen eine kleine Puppe aus Lehm; Mädchen, die heiraten wollen, ein kleines Haus aus Lehm; wer ein Geschäft gründen will, einen kleinen Laden aus Lehm.
Boratav weist darauf hin, dass derartige Praktiken der sympathetischen Magie (Ähnlichkeitszauber) aus den ältesten Schichten der türkisch-anatolischen Volksspiritualität stammen und innerhalb der islamischen Deutung mit dem Begriff des niyyet (Vorsatz) legitimiert wurden.
Der Sprung über das Feuer
Besonders in den alevitisch-bektaschitischen Gemeinschaften und unter den Balkantürken wird in der Nacht von Hidrellez (am Abend des 5. Mai oder früh am Morgen des 6. Mai) auf dem Dorfplatz oder im Garten ein Feuer entzündet. Die Dorfbewohner — besonders die jungen Leute — springen über dieses Feuer, im Glauben, dass sie sich dadurch vom Übel reinigen und Gesundheit und Segen empfangen. „Mögen die Krankheiten und Sorgen des vergangenen Jahres im Feuer verbrennen; möge der Segen des neuen Jahres kommen." Diese Praxis trägt, wie Mehmet Eröz beobachtet hat, eine strukturelle Verwandtschaft mit dem Feuerfest Nevrûz (21. März); beide gehören zum Bild der frühlingshaften Reinigungsrituale Anatoliens.
Wasserpraktiken
Hizir ist der Prophet, der vom âb-i hayât (Lebenswasser) trank. Am Morgen von Hidrellez gehen die Frauen vor Sonnenaufgang zu den Quellen, vor die Brunnen oder an die Flussufer. Man glaubt, dass derjenige, der sich mit diesem Wasser wäscht, das ganze Jahr über Gesundheit und Segen finden wird. In manchen Gegenden wird eigens unter dem Namen „Hizir-Wasser" ein Glas Wasser über Nacht ins Freie gestellt; am Morgen wird es — da Hizir in jener Nacht über dieses Wasser hinweggegangen ist — als gesegnetes Wasser getrunken.
Esskultur
Die Tafel von Hidrellez ist durch das Vorherrschen des Grünzeugs gekennzeichnet. Das Bild des Grünen (arabisch-persisch achdar/sabz) im Namen Hizirs gewinnt an der Speisetafel Gestalt: frisch sprießender Reis, frische Frühlingszwiebeln, Kopfsalat, Dill, Petersilie, Spinat, gefüllte Weinblätter. In manchen Gegenden wird eine eigene „Hidrellez-Pide" gebacken — mit Grünzeug und Käse darin.
In den alevitisch-bektaschitischen Gemeinschaften wird Hidrellez mit dem Cem (der kollektiven Versammlungszeremonie) verbunden; es wird Lokma (gemeinsames Mahl) verteilt, der Semah getanzt, und es werden Deyish (Lieder) und Nefes vorgetragen.
Regionale Vielfalt
Die regionale Vielfalt der Hidrellez-Praxis spiegelt das geografisch-kulturelle Mosaik Anatoliens wider. Einige bedeutende Beispiele:
Thrakien und Edirne: In dieser Region ist Hidrellez eines der größten lokalen Feste. In Edirne ist das traditionelle Kakava-Feuerfest für die Roma-Gemeinschaft der intensivste Teil des Festes. Am Ufer des Flusses Tunca versammeln sich Tausende von Menschen, in der Nacht werden riesige Feuer entzündet, und man tanzt zu den Klängen von Kemençe und Klarinette. Roma-Bräute und -Bräutigame veranstalten an diesem Tag besondere Henna-Nächte. Die ethnisch-religiöse Pluralität Thrakiens (türkisch-muslimisch, Roma-muslimisch, Pomaken, Bosniaken) findet im gemeinsamen Nenner von Hidrellez zusammen.
Schwarzmeerregion: In Trabzon, Giresun und Rize wird Hidrellez unter dem Namen „Mayis Yedisi" (Der Siebte des Mai) bezeichnet. Er gilt als Beginn der Saison des Aufstiegs auf die Bergweiden (Yayla); die Hirtenfamilien öffnen den Weg zur Yayla mit Hidrellez. Die Schwarzmeerbewohner tanzen an diesem Tag den Horon und lassen an diesem Morgen den ersten Rauch aus den Yayla-Häusern aufsteigen.
Ägäisregion: In Izmir, Manisa und Aydin verbindet sich Hidrellez mit Picknicks im Freien wie dem „Eghribel Kiri". Die Familien gehen außerhalb der Stadt auf baumbestandene Felder und verbringen dort den ganzen Tag; die Kinder bauen Schaukeln auf, die jungen Leute tanzen Horon und Zeybek.
Ostanatolien: In Erzurum, Kars und Erzincan zeigt sich Hidrellez in zeitlicher Nähe zu Nevrûz; die beiden Feste werden bisweilen gemeinsam begangen. Die lokale Folklore trägt Legenden, denen zufolge Hizir in den Munzur-Bergen von Erzincan umherwandert.
Balkantürken: Für die türkische Minderheit in Bulgarien, Griechenland und Mazedonien ist Hidrellez ein identitätsbewahrendes Fest. Dass diese Feste in der kommunistischen Zeit (1944–1989) als geheime, familiäre Bräuche bewahrt wurden, hat die kulturelle Kontinuität gesichert.
Vergleichende Perspektive
Beltane: Das keltische Frühlingsfeuer
Beltane (1. Mai) ist das Frühlingsfest der irisch-schottischen keltischen Tradition. Bel (hell, Feuer) + tene (Feuer) — es bedeutet „die Feuer des Bel". Die antiken keltischen Priester (Druiden) entzündeten in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai große Feuer; die Hirten reinigten ihr Vieh, indem sie es zwischen zwei Feuern hindurchtrieben.
Strukturelle Parallelen mit Hidrellez:
- Derselbe kosmische Wendepunkt: das Ende des Winters, der Beginn des Sommers.
- Der Sprung über das Feuer / die Reinigung von Tier und Mensch.
- Rituale des Pflanzensammelns (an Beltane die Zweige des May Bush, an Hidrellez Rosen und grüne Kräuter).
- Heirats- und Vorsatzrituale junger Menschen (an Beltane der Tanz um den Maibaum, an Hidrellez der Wunsch unter der Rose).
In der vergleichenden religionswissenschaftlichen Perspektive Mircea Eliades (Das Heilige und das Profane, 1957) sind beide Feste die Ausprägung des Prinzips der kosmischen Wiederholung: An einer bestimmten Wegscheide des Jahres öffnet sich die illud tempus (die mythisch-ursprüngliche Zeit) erneut, das Universum erneuert sich selbst.
Vasanta Panchami: Das hinduistische Frühlingsfest
Vasanta Panchami (Sanskrit: vasanta = Frühling, panchami = fünfter Tag) ist das Frühlingsfest, das im hinduistischen Kalender am fünften Tag des Monats Magha (Ende Januar–Februar) gefeiert wird. Es ist der Göttin Saraswati — der Göttin des Wissens, der Musik und der Künste — geweiht. An diesem Tag tragen die Menschen gelbe Gewänder und bereiten gelbe Speisen zu — Gelb ist die Farbe der Senfblüte, die im Frühling als erste aufblüht.
Strukturelle Parallelen mit Hidrellez:
- Das Feiern des Beginns der Frühlingszeit.
- Die Identifikation mit einer bestimmten Farbe (an Vasanta Gelb, an Hidrellez Grün).
- Blumen- und Pflanzensymbolik.
- Bildungs-, Wissens- und Vorsatzrituale (an Vasanta schreiben die Kinder vor Saraswati ihre ersten Buchstaben; an Hidrellez wird das Wunschblatt beschrieben).
Unterschiede: Vasanta Panchami ist einer Göttin geweiht (polytheistischer Rahmen); Hidrellez ist innerhalb eines monotheistischen Rahmens an zwei Propheten geknüpft. Bei Vasanta steht das Wissen im Zentrum (das Feld Saraswatis); bei Hidrellez stehen Segen und Vorsatz im Zentrum (das von Hizir gebrachte Gute).
Đurđevdan: Der Sankt-Georgs-Tag auf dem Balkan
Der Sankt-Georgs-Tag, den die serbischen, bulgarischen und mazedonischen orthodoxen Christen am 6. Mai (nach dem alten Kalender am 23. April) feiern, ist die Schwester von Hidrellez. Derselbe Tag, dieselbe Region (der Balkan), derselbe Typus von Ritualen: Blumensammeln, Feuermachen, Waschen im fließenden Gewässer, Wunschfassen. Die Roma (Zigeuner) zählen diesen Tag zu ihren höchsten Festen; unter christlichen und muslimischen Roma fungiert der 6. Mai sowohl als Sankt Georg als auch als Hidrellez und dient als gemeinsame kulturelle Achse.
Dies ist ein wichtiger Punkt, den Boratav unterstreicht: Hidrellez stützt sich auf einen religionsübergreifenden balkanisch-anatolischen kulturellen Untergrund; darüber sind verschiedene Schichten religiöser Deutung (Islam, orthodoxes Christentum) aufgetragen worden.
Das Pessach-Eliyahu-Fest: Die jüdische Parallele
In der begrifflichen Struktur des Festes Pessach in der jüdischen Tradition findet sich ein Eliyahu-Element (Ilyas). In der Nacht des Pessach-Seder wird auf dem Tisch ein Becher Wein für den Propheten Eliyahu offen gelassen; an einem Punkt der Tafel wird die Tür einen Augenblick lang geöffnet — man sagt: „Möge Eliyahu eintreten." Der Glaube, dass Eliyahu einmal im Jahr in der Nacht in jedes jüdische Haus zu Besuch kommt, ist strukturell identisch mit dem Kommen Hizirs in die muslimischen Häuser an Hidrellez. In beiden Traditionen wandert der unsterbliche Prophet im Augenblick eines Festes leibhaftig-konkret über die Erde; die Hausbewohner müssen für ihn bereit sein.
Diese Parallele zeigt, dass Hidrellez nicht allein eine türkisch-islamische Folklore ist, sondern sich aus einem gemeinsamen anthropologischen Fundament der abrahamitischen Traditionen speist. Eliyahu / Ilyas ist der gemeinsame Prophet der drei Religionen; der Glaube an seine Unsterblichkeit ist gemeinsam; das Motiv seines Besuchs in den Häusern am Fest ist gemeinsam. In Mircea Eliades Terminologie: drei verschiedene kulturelle Ausprägungen einer archetypischen kosmischen Gestalt.
Moderne Reflexionen
Die UNESCO-Anerkennung und die Kulturdiplomatie
Die Aufnahme von Hidrellez in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes im Jahr 2017 hat die Dimension der Kulturdiplomatie des Festes aktiviert. Das türkische Ministerium für Kultur und Tourismus feiert jedes Jahr den 5. und 6. Mai in den großen Städten (Istanbul, Ankara, Izmir, Edirne) mit großen Volksfesten.
Die Ahirkapi-Hidrellez-Feste in Istanbul (seit den 1990er Jahren jedes Jahr) sind das konkrete Beispiel dafür, wie sich das Fest in ein globales Kultur- und Tourismusereignis verwandelt hat. Straßenmusik, Volkstänze, Straßenküche und symbolische Wunschrituale werden Touristen und Istanbulern dargeboten. Auch die Wahl von Ahirkapi ist kein Zufall — dies ist ein Roma-Viertel, dessen Geschichte bis in die alte byzantinische Zeit zurückreicht; Hidrellez wurde in der Roma-Tradition besonders intensiv gelebt. Die Wiederbelebung des Festes nach 1990 ist Teil des Sichtbarwerdens der Minderheitenkulturen der Stadt.
Ähnliche Feste wiederholen sich jedes Jahr in Izmir rund um den Basar von Kemeralti, in Edirne als Kakava-Hidrellez-Fest (unter Beteiligung der thrakischen Roma-Gemeinschaft) und in Bursa am Ort Pinarbashi. Diese städtisch-festliche Form ist ein modernisierter Typus des öffentlich-kulturellen Ereignisses, das aus dem traditionellen Dorffest hervorgegangen ist und teilweise vom Staat und den Kommunen koordiniert wird.
Der Stellenwert in den alevitisch-bektaschitischen Gemeinschaften
In der alevitisch-bektaschitischen Tradition ist Hidrellez wegen der Stellung Hizirs in der Ahl al-Bayt-Hierarchie der Dreier–Siebener–Vierziger besonders wertvoll. In den alevitischen Gemeinden gilt das (dreitägige) Hizir-Fasten im Monat Februar als die religiöse Vorbereitung auf Hidrellez; je näher das Fest rückt, desto stärker verdichten sich die Familientafeln, die Besuche bei den Dede und die Cem-Versammlungen.
Mehmet Eröz charakterisiert in seinen Studien über das türkische Alevitentum den Stellenwert von Hidrellez im alevitischen Sufismus als „reine, übertheoretische Ausprägung": jenseits des begrifflich-doktrinären Sufismus (des Islams nach Art der Medrese) der Augenblick, in dem das körperlich-praktische geistliche Leben des Volkes Gestalt gewinnt und in dem die Teilnahme am Kreislauf der Reinigung und Erneuerung des Kosmos erlebt wird. Dies spiegelt das nicht buchzentrierte, sondern ritualzentrierte Wesen der Volksspiritualität Anatoliens wider.
In der alevitisch-bektaschitischen Tradition erfüllt das Hizir-Fasten vor dem 6. Mai (ein dreitägiges Fasten in der zweiten Februarwoche) eine geistliche Reinigungsfunktion, die der Bedeutung parallel ist, die die sunnitischen Muslime dem Ramadan beimessen. Drei Tage lang halten die Aleviten ein strenges Fasten; das Brechen des Fastens (der Iftar) erfolgt gemeinsam im Cem-Haus unter der Führung des Dede. Diese Dreiheit von Fasten, Cem und Wunsch macht Hidrellez nicht bloß zu einem Tag, sondern zum Mittelpunkt eines Prozesses der jahreszeitlichen geistlichen Verwandlung.
Hidrellez im zeitgenössischen Stadtleben
Im 21. Jahrhundert hat Hidrellez in den großen Städten der Türkei — besonders in Istanbul und Ankara — sich vom traditionellen Dorfzusammenhang gelöst und eine neu-folkloristische Form angenommen. In den sozialen Medien erzeugt der Hashtag „#hidirellez" an jedem 6. Mai Zehntausende von Beiträgen; junge Leute teilen Fotos ihrer Wunschblätter; Restaurants bereiten besondere Menüs zu.
Diese moderne Wiederbelebung ist ein Phänomen, das dem Begriff der invented tradition (erfundenen Tradition) des Anthropologen Eric Hobsbawm nahekommt: Je mehr die Praxis aus ihrem ursprünglichen Dorfzusammenhang gelöst wird, desto mehr gewinnt sie neue Schichten — individuell-psychologischen Vorsatz, Öko-Romantik, die Betonung der kulturellen Identität. Dennoch lebt der Kern, den Boratav beharrlich betont — der Vorsatz an Hizir, die Teilnahme an der Erneuerung der Natur, das rituelle Feiern des kosmischen Kreislaufs —, auch innerhalb der modernen Formen fort.
Bedeutung aus der Sicht der vergleichenden Spiritualität
Stellt man Hidrellez aus der Sicht der perennialistischen Philosophie neben das hinduistische Vasanta Panchami, das keltische Beltane, das jüdische Pessach-Eliyahu und das christliche Đurđevdan, so zeigt es, wie tief der Archetyp der Frühlingserneuerung als Prinzip im gemeinsamen geistlichen Erbe der Menschheit verankert liegt. Verschiedene Religionen, verschiedene Symbole, verschiedene Namen — doch zugrunde liegt dasselbe Prinzip der rituell-körperlichen Teilnahme des Menschen an der Erneuerung des Kosmos.
Hidrellez ist in dieser Hinsicht zugleich eine lokale (ein konkreter Träger der anatolisch-balkanischen Identität) und eine universale (das anatolische Mitglied der Familie der Frühlingsfeste) Praxis. Ein kleines Papier, unter einen Rosensetzling gelegt, ein Schritt im Sprung über das Feuer, ein Hizir zugeflüsterter Vorsatz — dies sind die modernen Ausprägungen des jahrtausendealten Bemühens der Menschheit, mit dem eigenen Sein an der Erneuerung des Universums teilzunehmen.
Akademische Studien und Dokumentation
Die Grundlage der modernen akademischen Studien über Hidrellez bilden die volkskundlichen Untersuchungen Pertev Naili Boratavs (insbesondere 100 Soruda Türk Folkloru, 1973, und die Sammlung Folklor ve Edebiyat, 1982). Boratav hat mit den Feldforschungen, die in der Zeit der Dorfinstitute (1940er Jahre) durchgeführt wurden, die Hidrellez-Bräuche aus etwa 200 Dörfern Anatoliens dokumentiert.
Ahmet Yashar Ocaks Arbeiten über die Hizir-Gestalt sind die umfassendsten Quellen, um den mythologisch-theologischen Hintergrund von Hidrellez zu verstehen. Seine Werke Türk Halk Inançlarinda ve Edebiyatinda Evliyâ Menkabeleri (Heiligenlegenden im türkischen Volksglauben und in der Volksliteratur, 1984) und das ihm vorausgehende Bektashî Menâkibnâmelerinde Islâm Öncesi Inanç Motifleri (Vorislamische Glaubensmotive in den bektaschitischen Heiligenviten, 1983) zeigen, wie Hizir sich in der anatolisch-islamischen Volksspiritualität zu einer vielschichtigen Gestalt entwickelt hat.
In der internationalen Forschung behandelt Patrick Frankes Werk Begegnung mit Khidr (2000) systematisch die Verbreitung des Hizir-Kults in der islamischen Welt. Darüber hinaus dokumentieren die volks-sufischen Studien osmanistischer Historiker wie Frederick De Jong und Suraiya Faroqhi, wie Hidrellez in der klassischen osmanischen Zeit gelebt wurde.
Heute dient das UNESCO-Dossier von 2017 als ein umfassendes Dokument, in dem die Türkei und Mazedonien alle Bestandteile des Festes systematisch aufgelistet haben, den Forschern als grundlegende Quelle. Dieses Dossier hat 18 verschiedene regionale Varianten des Festes, seine rituellen Bestandteile, sein Musikrepertoire und seine Esskultur einzeln dokumentiert. Die folklore- und volkskundlichen Abteilungen der Universitäten in der Türkei (allen voran die Abteilung für türkische Volkskunde der Hacettepe-Universität) veranstalten jedes Jahr zur Zeit von Hidrellez Feldforschungen; besonders die Aufzeichnungen, die in den in Vergessenheit geratenden ländlichen Gegenden Anatoliens entstehen, setzen die akademische Dokumentation der sich wandelnden und zugleich fortbestehenden Formen des Festes fort. Diese Arbeiten zeigen, dass Hidrellez nach wie vor als eine lebendige, sich nach wie vor wandelnde geistlich-kulturelle Praxis weiterlebt, der nach wie vor verschiedene Generationen ihre eigenen Deutungen hinzufügen. Diese Kontinuität ist ein lebendiger Beleg für die Volksspiritualität, die die Geografie Anatoliens über Jahrtausende hinweg angesammelt hat; in einem vollen Spektrum, das von einem unter den Rosenstrauch gelegten Wunschblatt bis zu einer über das Internet geteilten Hidrellez-Feier reicht, setzt sie sich Jahr für Jahr aufs Neue ins Werk.