Bedeutende Persönlichkeiten

Wendy Doniger: die vergleichende Mythologie des Hinduismus

US-amerikanische Indologin (geb. 1940) und „Mircea Eliade Distinguished Professor“ in Chicago; eine der produktivsten Erforscherinnen der hinduistischen Mythologie, der Geschlechter und der Sexualität, deren psychoanalytisch-vergleichende Methode 2014 in der Kontroverse um die Rücknahme von „The Hindus“ durch Penguin India kulminierte.

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Definition

Wendy Doniger (geboren 1940 in New York; voller Name Wendy Doniger O'Flaherty, daher in der älteren Literatur als „Wendy O'Flaherty" zitiert) ist eine US-amerikanische Indologin und Religionswissenschaftlerin, die als „Mircea Eliade Distinguished Service Professor of the History of Religions" an der University of Chicago lehrt. Mit diesem Lehrstuhl steht sie ausdrücklich in der Nachfolge ihres Vorgängers Eliade, des Begründers der Chicagoer Schule der Religionsgeschichte, und führt dessen Programm einer vergleichenden Morphologie des Heiligen auf ihrem eigenen Spezialgebiet fort: der Mythologie, der Geschlechterordnung und der Sexualität des Hinduismus. Doniger gilt seit den 1970er Jahren als eine der produktivsten und meistübersetzten, zugleich aber auch als eine der umstrittensten Erforscherinnen der indischen Religionsgeschichte; ihr Werk umfasst Übersetzungen aus dem Sanskrit, monographische Studien zu einzelnen Göttern und Mythenkomplexen sowie große Synthesen, die das gesamte Feld des Hinduismus aus der Perspektive seiner Erzählungen lesen.

Ihre Methode lässt sich als eine Kombination dreier Stränge beschreiben: die philologisch genaue Arbeit am Sanskrit-Text, das vergleichende Nebeneinanderstellen von Mythen über Kulturgrenzen hinweg in der Tradition Eliades und der Vergleichenden Mythologie, und schließlich eine deutende Schicht, die sich der Psychoanalyse (vor allem Freudscher und teils Jungscher Prägung) bedient, um die wiederkehrenden Muster von Begehren, Tod, Schöpfung und Verkleidung in den indischen Erzählungen freizulegen. Gerade dieser dritte Strang hat ihr ebenso viel Bewunderung wie scharfe Ablehnung eingetragen. Im Jahr 2014 erreichte die Auseinandersetzung um ihr Werk einen öffentlichen Höhepunkt, als der Verlag Penguin India ihr Buch The Hindus: An Alternative History (2009) nach einer hindu-nationalistischen Klage aus dem indischen Markt zurückzog und die verbliebenen Exemplare einstampfen ließ — ein Vorgang, der weit über die Indologie hinaus als Frage der akademischen Freiheit und der Religionspolitik diskutiert wurde. Diese Notiz dokumentiert Donigers Werk und Methode und ordnet sie in die im Weisheitstagebuch wiederkehrende Debatte zwischen akademischer Außen- und gläubiger Innenperspektive ein.

Leben und akademischer Werdegang

Wendy Doniger wurde am 20. November 1940 in New York City in eine säkular-jüdische Familie polnischer Herkunft geboren; ihr Vater war im Verlagswesen tätig, was ihr früh den Zugang zu Büchern öffnete. Sie studierte zunächst am Radcliffe College beziehungsweise an der Harvard University, wo sie 1962 ihren Bachelor und 1963 ihren Master erwarb, und promovierte 1968 in Harvard mit einer Arbeit über die Mythologie des Gottes Shiva. Parallel dazu erwarb sie 1973 einen zweiten Doktortitel (D.Phil.) an der University of Oxford, wo sie bei dem Sanskritisten Robert Charles Zaehner studierte. Diese doppelte Ausbildung — die textkritische, philologische Schule Oxfords und das stärker theoretisch und vergleichend orientierte amerikanische Umfeld — prägt die Spannung ihres gesamten Werkes: Sie ist zugleich eine genaue Leserin des Originaltextes und eine Theoretikerin, die diese Texte in weite vergleichende Horizonte stellt.

Nach Lehrjahren in London und an der University of California in Berkeley wechselte Doniger an die University of Chicago, deren religionswissenschaftliche Fakultät seit Eliade als ein Zentrum der vergleichenden Religionsforschung galt. Hier übernahm sie schließlich den nach Eliade benannten Lehrstuhl — eine institutionelle Kontinuität, die sie selbst betont und die ihren methodischen Anspruch verdeutlicht: Sie versteht die hinduistische Mythologie nicht als isoliertes Spezialgebiet, sondern als ein Feld, an dem sich allgemeine Fragen der Religionswissenschaft (Mythos, Ritual, Symbol, Geschlecht) exemplarisch behandeln lassen. Doniger war Präsidentin der American Academy of Religion und der Association for Asian Studies und ist Mitglied der American Academy of Arts and Sciences; sie zählt damit zu den institutionell am stärksten anerkannten Stimmen der nordamerikanischen Religionswissenschaft. Bis ins hohe Alter blieb sie publizistisch außerordentlich produktiv und veröffentlichte neben Fachstudien auch Übersetzungen, Essays und allgemeinverständliche Bücher.

Das Werk: von Shiva zu den großen Synthesen

Donigers frühe Hauptwerke kreisen um einzelne Götter und Mythenkomplexe. Ihre überarbeitete Dissertation erschien 1973 unter dem Titel Asceticism and Eroticism in the Mythology of Śiva (später als Śiva: The Erotic Ascetic) und untersucht die paradoxe Doppelnatur Shivas als zugleich strengster Asket und Verkörperung erotischer Kraft — ein Muster, das Doniger als eine indische Ausprägung der von Eliade beschriebenen coincidentia oppositorum, der Einheit der Gegensätze, liest. Es folgten Studien wie The Origins of Evil in Hindu Mythology (1976) und Women, Androgynes, and Other Mythical Beasts (1980), die das Thema der Geschlechter, der Androgynie und der Grenzüberschreitung in den Mittelpunkt rücken. Schon hier zeigt sich Donigers charakteristisches Verfahren: Sie sammelt eine große Zahl von Erzählvarianten aus den verschiedenen Purāṇas und Epen, ordnet sie zu Mustern und deutet diese Muster im Licht psychoanalytischer und vergleichender Theorie.

In ihrer mittleren Schaffensphase legte Doniger viel beachtete Übersetzungen vor, die das textliche Fundament ihres Vergleichs sichtbar machen: eine Auswahl aus dem Rigveda (1981) und eine Übersetzung der Manusmṛti (Gesetzbuch des Manu, mit Brian K. Smith, 1991). Diese Arbeiten unterstreichen, dass ihr Vergleich nicht von Sekundärliteratur, sondern von der unmittelbaren Lektüre der Sanskrit-Quellen ausgeht — von den Hymnen der vedischen Religion über die spekulativen Upanishaden bis zu den erzählenden und rechtlichen Texten der klassischen Zeit. Donigers spätere Bücher wenden sich übergreifenden Motiven zu: The Implied Spider: Politics and Theology in Myth (1998) entwickelt ihre Theorie des vergleichenden Lesens; The Bedtrick: Tales of Sex and Masquerade (2000) und Splitting the Difference (1999) verfolgen die Motive der Verwechslung, der Verkleidung und der gespaltenen Identität quer durch indische und außerindische Erzählungen. 2009 erschien ihre große Übersetzung der Bhagavadgītā in der Penguin-Reihe; ihr eigenständiger Kommentar zum spirituellen und ethischen Gehalt der Gītā gehört zu den meistdiskutierten Beiträgen der jüngeren Forschung. 2014 folgte mit On Hinduism eine umfangreiche Aufsatzsammlung, später The Ring of Truth (2017) über Mythen des Rings und der Treue.

Ein durchgehendes Kennzeichen dieses Werks ist die Aufmerksamkeit für die Erzählvariante. Doniger interessiert sich nicht für die eine, kanonische Fassung eines Mythos, sondern für die Vielzahl der Versionen, in denen dieselbe Geschichte über Jahrhunderte und Regionen hinweg erzählt wurde. Wo ein Mythos in einer frühen Upanishad-Passage angedeutet, in einem späteren Epos ausgeführt und in einer regionalen Purāṇa-Fassung erotisch zugespitzt wird, sieht sie nicht Verfall oder Verfälschung, sondern die lebendige Arbeit einer Kultur an ihren ungelösten Fragen. Diese Wertschätzung der Vielstimmigkeit erklärt zugleich ihre Methode der Materialfülle: Ein einziges Doniger-Kapitel kann ein Dutzend Varianten desselben Motivs nebeneinanderstellen, um die Bandbreite des Sagbaren auszumessen. Kritiker sehen darin gelegentlich ein Übermaß an Beispielen auf Kosten der Argumentationsstringenz; Doniger selbst versteht es als ein bewusstes Verfahren, das die Geschlossenheit jeder Einzeldeutung unterläuft. Auch ihre allgemeinverständlichen Bücher — etwa The Hindus oder Essaybände — übertragen dieses Prinzip in eine breitere Öffentlichkeit, was ihr eine ungewöhnlich große Leserschaft außerhalb der Fachwelt verschafft und zugleich die Angriffsfläche vergrößert hat.

Die psychoanalytisch-vergleichende Methode

Das verbindende Element dieser Bücher ist Donigers Überzeugung, dass der Mythos eine eigene, nicht auf Lehrsätze reduzierbare Erkenntnisform ist. Mythen verhandeln, so ihre These, gerade jene Widersprüche, die eine Kultur diskursiv nicht auflösen kann — die Spannung zwischen Askese und Begehren, zwischen Pflicht und Liebe, zwischen Sterblichkeit und dem Wunsch nach Dauer. Hier berührt sich ihr Ansatz eng mit der Symboltheorie: Wie Eliade liest Doniger das einzelne Bild — den lingam Shivas, die Flötenspiele Krishnas, die rituellen Umkehrungen des Tantra — nicht als beliebige Ausschmückung, sondern als verdichteten Träger einer Bedeutung, die in mehreren Traditionen wiederkehrt. Anders als der spätere Eliade, der das Symbol oft auf eine quasi-zeitlose Heilsstruktur hin deutet, betont Doniger jedoch stärker die psychologische und körperliche Schicht: das Begehren, die Angst, die Lust und den Tod als die eigentlichen Motoren der mythischen Erzählung.

Eben dieser Rückgriff auf die Psychoanalyse ist der umstrittenste Teil ihres Verfahrens. Doniger deutet etwa erotische und gewaltsame Bilder der Purāṇas mit Begriffen von Verdrängung, Projektion und Sublimierung; Kritiker werfen ihr vor, damit einen kulturfremden Deutungsrahmen über die Texte zu legen und die theologische Selbstdeutung der Tradition zu übergehen. Verteidiger entgegnen, dass die Psychoanalyse bei Doniger nicht als Wahrheitsanspruch, sondern als heuristisches Werkzeug fungiere, das Aufmerksamkeit auf real im Text vorhandene Spannungen lenke. Diese Auseinandersetzung lässt sich nicht endgültig entscheiden; sie markiert vielmehr eine grundsätzliche Differenz darüber, was ein wissenschaftlicher Zugang zu religiösen Erzählungen leisten darf und soll — eine Frage, die im folgenden Vergleichsteil entfaltet wird.

Zur Methode gehört zudem ein vergleichendes Verfahren, das bewusst über die Grenzen Indiens hinausgreift. Doniger stellt indische Mythen neben griechische, biblische und moderne Erzählungen — etwa das Motiv des „Bettrugs" (der nächtlichen Verwechslung der Geschlechtspartner), das sie von den Purāṇas über das griechische Drama bis zu Shakespeare verfolgt. Dieses Verfahren erbt sie unmittelbar von der vergleichenden Religionsforschung im Sinne Eliades, doch sie zieht daraus eine andere Konsequenz: Während Eliade aus der Wiederkehr eines Musters auf eine universale heilige Struktur schließt, betont Doniger gerade die Unterschiede in der Ausgestaltung — wie verschiedene Kulturen dasselbe Grundmotiv mit je eigenen moralischen, sozialen und psychischen Akzenten füllen. Der Vergleich dient ihr nicht dem Nachweis einer zeitlosen Einheit, sondern der schärferen Wahrnehmung des Besonderen. Damit steht Doniger an der Schwelle zwischen der älteren, universalistischen Phänomenologie und der jüngeren, kulturkritischen Religionswissenschaft, die jede Verallgemeinerung mit Misstrauen betrachtet. Ihre Theoriebücher, allen voran The Implied Spider, suchen ausdrücklich nach einem Mittelweg: einem Vergleichen, das die Differenzen achtet, ohne auf das Ziehen von Verbindungslinien überhaupt zu verzichten.

Die Kontroverse von 2014 um „The Hindus"

Donigers 2009 erschienenes Werk The Hindus: An Alternative History ist der Versuch, die Geschichte des Hinduismus nicht von oben — aus der Perspektive der brahmanischen Hochtradition und ihrer Sanskrit-Theologie — zu erzählen, sondern von den Rändern her: aus der Sicht von Frauen, niedrigen Kasten, Außenseitern und der mündlichen, volkstümlichen Überlieferung. Der Untertitel „An Alternative History" benennt diesen Anspruch programmatisch. Das Buch wurde in der westlichen Fachwelt überwiegend gewürdigt, stieß in Indien jedoch auf heftigen Widerstand, vor allem aus hindu-nationalistischen Kreisen, die Donigers betont körperlich-sexuelle Lesart als respektlos, sachlich fehlerhaft und politisch tendenziös empfanden.

Im Februar 2014 schloss der Verlag Penguin India in einem außergerichtlichen Vergleich mit einer klagenden Organisation, das Buch aus dem indischen Markt zurückzuziehen und die noch vorhandenen Exemplare zu vernichten. Die Klage hatte sich unter anderem auf Paragraph 295A des indischen Strafgesetzbuchs gestützt, der das absichtliche Verletzen religiöser Gefühle unter Strafe stellt. Der Vorgang löste eine internationale Debatte über Meinungsfreiheit, Selbstzensur von Verlagen und den Druck religiös-nationalistischer Bewegungen auf die akademische Forschung aus. Bemerkenswert ist, dass das Buch dadurch faktisch nicht verschwand: Es blieb über andere Märkte und digitale Wege weiter zugänglich, und die Kontroverse erhöhte seine Bekanntheit erheblich — ein Effekt, der in der Literatur gelegentlich als unbeabsichtigte Folge solcher Verbotsversuche beschrieben wird. Diese Notiz bewertet die strittigen Positionen nicht, sondern hält fest, dass hier zwei legitime Anliegen aufeinanderprallten: der Anspruch akademischer Deutungsfreiheit und das Empfinden einer Glaubensgemeinschaft, in ihren heiligen Inhalten verzerrt dargestellt zu werden.

Vergleichende Einordnung

Doniger und Eliade: Kontinuität und Verschiebung

Donigers Verhältnis zu Eliade ist mehr als eine Lehrstuhl-Nachfolge. Beide teilen die Grundüberzeugung, dass religiöse Phänomene auf ihrer eigenen Ebene — als Mythos, Ritual und Symbol — verstanden werden müssen und sich nicht restlos in Soziologie oder Ökonomie auflösen lassen. Beide arbeiten morphologisch, das heißt, sie suchen über kulturelle Grenzen hinweg nach wiederkehrenden Mustern. Doch wo Eliade das Heilige tendenziell als eine zeitlose, fast metaphysische Wirklichkeit ansetzt, verschiebt Doniger den Akzent auf das Konkrete, Körperliche und Geschichtliche: auf das Begehren, die Geschlechterordnung, die Stimme der Marginalisierten. In gewisser Weise „erdet" sie das Eliade'sche Programm — sie behält die vergleichende Methode bei, ersetzt aber die Suche nach der einen heiligen Struktur durch die Aufmerksamkeit für Vielfalt, Widerspruch und Machtverhältnisse innerhalb der Tradition. Diese Verschiebung spiegelt zugleich die allgemeine Entwicklung der Religionswissenschaft seit den 1970er Jahren, weg von universalistischen Großtheorien hin zu kontextsensiblen, kritischen Ansätzen.

Innen- und Außenperspektive: das Spiegelbild der Perennialismus-Debatte

Die schärfste Kontroverse um Doniger lässt sich als ein Fall der grundlegenden Spannung zwischen Innen- und Außenperspektive lesen — zwischen der gläubigen Selbstdeutung einer Tradition (emisch) und der distanzierten, vergleichenden Beschreibung von außen (etisch). Donigers Gegner werfen ihr vor, als Außenstehende ohne gläubigen Zugang die innere Wahrheit des Hinduismus zu verfehlen; Doniger und ihre Verteidiger halten dagegen, dass gerade die Außenperspektive Muster sichtbar mache, die der Tradition selbst verborgen blieben, und dass keine Religion das Monopol auf die Deutung ihrer eigenen Geschichte besitze. Diese Auseinandersetzung ist das genaue Spiegelbild der Perennialismus-Debatte: Dort streitet man, ob hinter allen Traditionen eine gemeinsame mystische Wahrheit liege (die der gläubige Mystiker von innen erfährt) oder ob solche Behauptungen die historischen Unterschiede einebnen (was der Religionswissenschaftler von außen kritisiert). In beiden Fällen geht es um die Frage, wer über die Bedeutung religiöser Inhalte urteilen darf — der Gläubige, der sie lebt, oder der Forscher, der sie vergleicht. Doniger steht klar auf der Seite des vergleichenden Forschers, ohne die Innenperspektive grundsätzlich zu leugnen.

Mythos, Symbol und die heiligen Texte

Donigers Lektüre erschließt das gesamte Spektrum der hinduistischen Überlieferung. In den erzählenden Purāṇas findet sie das reichste Material für ihre Mustersuche: die unzähligen Varianten der Mythen um Shiva und Krishna, in denen sich Askese und Erotik, göttliches Spiel (līlā) und kosmische Ordnung verschränken. Gerade das Bhāgavata-Purāṇa, der zentrale Text der Krishna-Frömmigkeit, liefert ihr die Erzählungen vom Hirtengott, dessen Flötenspiel die Hirtinnen (gopīs) aus der häuslichen Ordnung herauslockt — für Doniger ein Modellfall dafür, wie ein Mythos die Spannung zwischen sozialer Pflicht und überwältigender Hingabe nicht auflöst, sondern in der Erzählung aushält. Die Upanishaden und die Tradition des Vedānta liest sie weniger als abstrakte Metaphysik denn als Texte, die auch erzählerische und bildhafte Schichten besitzen; ihre Übersetzung und Deutung der Gītā betont das Ineinander von philosophischer Lehre und dramatischer Erzählung — die Lehre vom pflichtgemäßen Handeln (karma-yoga) steht dort eingebettet in das Drama eines Kriegers, der vor der Schlacht zweifelt. Besonders aufmerksam ist Doniger für die rituellen Umkehrungen des Tantra, in denen das gesellschaftlich Verbotene zum Weg der Befreiung wird — ein Stoff, der ihre These vom Mythos als Verhandlung des Unvereinbaren besonders deutlich macht. In all dem arbeitet sie mit demselben Grundwerkzeug wie die allgemeine Symboltheorie: dem Vertrauen darauf, dass das verdichtete Bild mehr „weiß" als der diskursive Satz. Wo die systematische Theologie eine Lehre formuliert, bewahrt das Symbol die Mehrdeutigkeit — und eben diese Mehrdeutigkeit ist für Doniger kein Mangel, sondern die eigentliche Leistung der religiösen Sprache.

Wiedergeburt im Vergleich und die Nachbartraditionen

Donigers Werk berührt auch jene Fragen, die im Weisheitstagebuch unter dem Vergleich der Jenseitsvorstellungen behandelt werden. Die hinduistische Lehre von Karma und Wiedergeburt teilt sie mit dem Jainismus und dem Buddhismus, unterscheidet sich von ihnen aber in der Bewertung des individuellen Selbst und des Weges zur Befreiung. Doniger interessiert weniger die doktrinäre Feinstruktur als die erzählerische Verarbeitung dieser Lehre: wie Mythen von Verwandlung, von göttlichen Wiedergeburten (Avatāra) und von der Identität über die Geburten hinweg das abstrakte Prinzip erfahrbar machen. Wer ihren Zugang neben die religionswissenschaftliche Wiedergeburtsforschung und den systematischen Vergleich der Reinkarnationslehren stellt, erkennt die Arbeitsteilung: Die einen prüfen die Lehre als Behauptung über die Wirklichkeit, Doniger liest sie als Erzählung, die kulturelle Spannungen bearbeitet. Beide Zugänge ergänzen einander, ohne ineinander aufzugehen.

Akademische Religionsforschung und ihre politischen Reibungen

Der Fall Doniger ist schließlich ein Lehrstück über das Verhältnis von Wissenschaft und religiöser Öffentlichkeit. Die Religionswissenschaft beansprucht, religiöse Phänomene mit denselben kritischen Mitteln zu untersuchen wie jeden anderen menschlichen Gegenstand — und gerät damit unweigerlich in Reibung mit Gläubigen, für die diese Phänomene heilig und der distanzierenden Analyse entzogen sind. Diese Reibung ist nicht spezifisch hinduistisch: Ähnliche Konflikte begleiten die historisch-kritische Bibelforschung, die akademische Koranwissenschaft oder die kritische Buddhismusforschung. Der besondere Druck im indischen Fall ergibt sich aus der Verschränkung von Religion und nationaler Identitätspolitik in der Gegenwart, in der die Deutung der eigenen Vergangenheit zu einem politischen Kampffeld wird. Donigers Werk steht damit exemplarisch für die Lage einer Wissenschaft, die ihre methodische Außenperspektive verteidigen muss, ohne die Verletzbarkeit der von ihr untersuchten Gemeinschaften zu missachten. Für ein vergleichendes Archiv ist gerade dieser Doppelblick lehrreich: Er erinnert daran, dass jede Beschreibung einer fremden Tradition zugleich eine Wahl der Perspektive ist und dass die Frage nach der angemessenen Distanz — nahe genug, um zu verstehen, fern genug, um zu vergleichen — keine endgültige Antwort kennt, sondern in jeder Untersuchung neu ausgehandelt werden muss.

Kritik und Grenzen

Die Kritik an Doniger lässt sich auf mehreren Ebenen ordnen, ohne dass die eine die andere aufhebt. Auf der philologischen Ebene haben Fachkollegen einzelne Übersetzungs- und Detailfehler in The Hindus benannt; Doniger hat einige davon eingeräumt, andere zurückgewiesen. Solche Einzelkorrekturen sind im wissenschaftlichen Betrieb üblich und treffen den Kern ihres Ansatzes nur dann, wenn sich aus ihnen ein Muster systematischer Nachlässigkeit ableiten ließe — was strittig bleibt. Auf der methodischen Ebene richtet sich der gewichtigste Einwand gegen den psychoanalytischen Deutungsrahmen: Kritiker wie der Religionswissenschaftler Rajiv Malhotra oder Gelehrte aus dem Umfeld der hinduistischen Selbstdeutung argumentieren, Doniger lege ein freudianisch-westliches Raster über Texte, deren eigene Begrifflichkeit (dharma, mokṣa, līlā) damit verfehlt werde. Dieser Einwand ist ernst zu nehmen, trifft aber jede Anwendung einer fremden Theorie auf einen religiösen Text und lässt sich nicht ohne eine grundsätzliche Entscheidung über die Reichweite vergleichender Methodik beilegen.

Auf der hermeneutischen Ebene steht die Frage, ob Donigers betonte Aufmerksamkeit für Sexualität, Gewalt und Subversion die Proportionen der Tradition verschiebt: Wird das Marginale ins Zentrum gerückt und das von den Gläubigen als zentral Empfundene — die Frömmigkeit (bhakti), die ethische Pflicht, die Befreiungslehre — unterbelichtet? Verteidiger Donigers wenden ein, dass gerade die Hochtradition stets gut vertreten gewesen sei und ihr Projekt einer „alternativen Geschichte" bewusst die übersehenen Stimmen sichtbar mache. Schließlich ist die politische Dimension der Kritik von der wissenschaftlichen zu unterscheiden: Ein Teil der Ablehnung entspringt nicht der Fachdebatte, sondern dem identitätspolitischen Anliegen, die Deutungshoheit über den Hinduismus zu wahren. Eine faire Würdigung muss diese Ebenen trennen — die berechtigte Einzelkritik, die offene Methodenfrage und die politische Instrumentalisierung lassen sich nicht in ein einziges Urteil zusammenziehen.

Fazit

Wendy Doniger verkörpert in besonders zugespitzter Form die Möglichkeiten und die Grenzen der vergleichenden Religionswissenschaft im Anschluss an Eliade. Ihr Werk hat das Feld der hinduistischen Mythologie durch eine ungeheure Materialfülle, durch sprachlich brillante Übersetzungen und durch eine theoretisch ambitionierte Deutung von Shiva, Krishna und den großen Erzählungen der Purāṇas geprägt; zugleich hat es die Frage neu gestellt, mit welchem Recht und mit welchen Mitteln eine Außenstehende die heiligen Inhalte einer lebendigen Tradition deuten darf. Die Kontroverse um The Hindus von 2014 ist deshalb mehr als eine biographische Episode: Sie ist ein Brennpunkt der grundsätzlichen Spannung zwischen akademischer Außen- und gläubiger Innenperspektive, die — als Spiegelbild der Perennialismus-Debatte — das gesamte vergleichende Projekt des Weisheitstagebuchs durchzieht. Dokumentierend lässt sich festhalten: Donigers Bedeutung liegt weniger in einer Lehre, die man übernehmen oder ablehnen müsste, als in einer Methode, die sichtbar macht, wie tief die Erzählungen einer Kultur das Begehren, den Tod und die Ordnung verhandeln — und wie heikel es bleibt, diese Erzählungen von außen zu vermessen.