Westliche Esoterik

Aleister Crowley

Englischer Okkultist, Dichter, Bergsteiger und Begründer der Religion Thelema (1875–1947); die umstrittenste Gestalt der modernen westlichen Esoterik, die sich selbst zum „Großen Tier 666" erklärte.

25 Verbindungen Westliche Esoterik Auf der Karte zeigen → ⌛ Sonstige

Leben und Kontext

Edward Alexander Crowley (1875–1947) kam als Sohn eines Bierfass-Fabrikanten, der einer strengen christlich-evangelikalen Sekte namens Plymouth Brethren angehörte, im viktorianischen England in Royal Leamington Spa (Warwickshire) zur Welt. Später sollte er sich selbst in Aleister Crowley umbenennen und als die auffälligste, provokanteste und spaltendste Gestalt der westlichen Esoterik des 20. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen. Während ihn die britische Presse als „den schlimmsten lebenden Menschen" (the wickedest man alive) brandmarkte, eignete er sich selbst stolz den Beinamen „To Mega Therion", also „Das Große Tier 666" (The Great Beast 666), an. Dieser Widerspruch — Heldentum und Teufelei, Genie und Scharlatanerie, mystischer Ernst und theatralische Provokation — ist die grundlegende Spannung, die Crowleys ganzes Leben und Erbe bestimmt.

Crowleys Vater Edward Crowley starb, als der Sohn elf Jahre alt war, an Zungenkrebs. Dieser Verlust zerrüttete unheilbar Crowleys Verhältnis zu seiner Mutter Emily Bertha Bishop; je mehr die Mutter das aufrührerische Verhalten ihres frommen Sohnes sah, desto mehr begann sie, ihn als das „Große Tier" der Offenbarung des Johannes zu bezeichnen — ein Etikett, das Crowley sich später mit ironischem Stolz zu eigen machen sollte. Während seiner Studienjahre am Trinity College Cambridge (1895–1898) entwickelte er sowohl eine Leidenschaft für die klassische Literatur als auch für das Bergsteigen; diese letzte Leidenschaft sollte ihn zu einem der kühnsten Bergsteiger seiner Zeit machen und ihm die Teilnahme an den Expeditionen zum K2 (1902) und zum Kangchendzönga (1905) ermöglichen. In derselben Zeit trat er durch Vermittlung von George Cecil Jones der okkulten Gesellschaft namens Hermetischer Orden der Goldenen Dämmerung bei (1898). Hier lernte er Gestalten wie Samuel Liddell MacGregor Mathers und William Butler Yeats kennen.

Die Golden-Dawn-Jahre und die frühe Schulung

Der Hermetische Orden der Goldenen Dämmerung war die Institution, an der Crowley seine systematische okkulte Schulung erhielt. Diese 1888 von William Wynn Westcott, MacGregor Mathers und William Robert Woodman gegründete Gesellschaft bot ein synkretistisches Curriculum, das Disziplinen wie die hermetische Tradition, die Kabbala (die lurianische und die christliche), die enochianische Magie (das System von John Dee und Edward Kelley aus dem 16. Jahrhundert), die Alchemie, das Tarot und die Astrologie zusammenführte. Crowley trat der Gesellschaft unter dem magischen Namen „Perdurabo" („Ich werde bis zum Ende ausharren") bei und durchlief die Grade mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit. Doch gruppeninterne Konflikte — besonders die Rivalität mit Yeats und die Loyalitätskrisen gegenüber Mathers — zwangen ihn binnen Kurzem, die Golden Dawn zu verlassen.

Das umfassende Curriculum der Gesellschaft lieferte das strukturelle Gerüst des Thelema-Systems, das Crowley später begründen sollte. Besonders die Lehre von den vier Elementen, das Sefirot-System des Lebensbaums (Etz Chayim), die Entsprechungen zwischen Tarot und Sefirot sowie die ausführlichen Protokolle der Magick-Rituale waren ein Erbe der Golden Dawn. Crowleys spätere Arbeiten — Liber 777 (1909), Magick in Theory and Practice (1929), The Book of Thoth (1944) — sind weitgehend eine erweiterte und systematisierte Fassung der internen Dokumente der Golden Dawn. In den Worten von Lawrence Sutin: „Crowley trug den Okkultismus ins 20. Jahrhundert, indem er systematisch jene Dinge veröffentlichte, von denen die Golden Dawn wollte, dass sie geheim blieben."

Das Kairo-Ereignis und Liber AL vel Legis (1904)

Der Wendepunkt in Crowleys Leben ereignete sich im März/April 1904 in der ägyptischen Stadt Kairo. Während der Flitterwochen mit seiner frisch angetrauten Frau Rose Edith Kelly erregte eine im Boulaq-Museum ausgestellte Stele (Stèle 666, die Grabstele des Anch-ef-en-Chons) Crowleys Aufmerksamkeit. Dass die Museumsinventarnummer der Stele 666 lautete, beeindruckte Crowley zutiefst — sie deckte sich mit der Zahl des Tieres aus der Offenbarung des Johannes. Rose geriet, der Version zufolge, die Crowley später erzählte, in einen Trancezustand und teilte mit, dass der ägyptische Gott Horus mit ihnen in Verbindung treten wolle.

Am 8., 9. und 10. April 1904 schrieb Crowley jeweils eine volle Stunde lang (am Nachmittag), während er in seiner Wohnung in Kairo saß, den Text nieder, der ihm nach eigener Behauptung von einer „praeterhuman intelligence" (übermenschlichen Intelligenz) namens Aiwass diktiert wurde. Dieser Text sollte Liber AL vel Legis — das Buch des Gesetzes — genannt werden und zum grundlegenden heiligen Text der Religion Thelema werden. Das aus drei Hauptteilen bestehende Buch enthielt die Reden dreier ägyptischer Gottheiten (Nuit, Hadit, Ra-Hoor-Khuit). Sein berühmtester Satz war jene Zeile, die sich später in den Mittelpunkt der gesamten Thelema-Lehre setzen sollte: „Do what thou wilt shall be the whole of the Law" (Tu, was du willst, soll das ganze Gesetz sein).

Das Kairo-Ereignis war der Beginn von Crowleys Selbstpositionierung als „Magus" (Magier hohen Grades) und „Prophet eines neuen Äons". Crowley behauptete, mit diesem Ereignis sei die Menschheitsgeschichte in eine neue Epoche namens Eon of Horus (Äon des Horus) eingetreten — nach dem Äon der Isis (matriarchal/heidnisch) und dem Äon des Osiris (patriarchal/dogmatische Religionen) habe nun der Freiheits-Äon begonnen, in dem jedes Individuum seinen eigenen „Wahren Willen" (True Will) entdecken werde. Dieses kosmologische Schema wies Parallelen zur indischen (hinduistischen) Yuga-Lehre, zur Drei-Zeitalter-Theorie des Joachim von Fiore und zu den hermetischen zyklischen Zeitvorstellungen auf.

A∴A∴ und Ordo Templi Orientis

Nach dem Kairo-Erlebnis wandte sich Crowley der Gründung seines eigenen initiatischen Ordens zu. 1907 gründete er gemeinsam mit George Cecil Jones den Orden namens A∴A∴ (Astrum Argenteum, Silberner Stern). Die A∴A∴ bewahrte das Gradsystem der Golden Dawn, rahmte es aber mit der Thelema-Doktrin neu und zielte auf die persönliche geistige Entwicklung des „Initiierten" (Schüler) ab. Die Mitglieder schritten auf einem elfstufigen Weg voran, der vom Probationer bis zum Ipsissimus reichte; auf jeder Stufe bestand die Verpflichtung, bestimmte Bücher zu lesen, Meditationspraktiken auszuüben und Rituale zu vollziehen. Die Publikation der A∴A∴, The Equinox (1909–1919), trat als eine der umfassendsten Periodika in der Geschichte der westlichen Esoterik hervor.

In den 1910er Jahren trat Crowley mit dem Ordo Templi Orientis (OTO, Orden der Tempelritter des Ostens) in Kontakt, den der deutsche Okkultist Theodor Reuss in Deutschland gegründet hatte. Der OTO war ein System, das in seinen höchsten Graden auf Praktiken der Sexualmagie (sex magick) beruhte. Crowley übernahm die Leitung der britischen Sektion des OTO (1912) und wurde schließlich dessen internationaler Leiter, Outer Head of the Order (OHO) (1925). Er schrieb die Rituale des OTO mit der Thelema-Doktrin neu; besonders das Ritual namens Gnostic Mass (Liber XV) wird als Crowleys bleibendes liturgisches Erbe bis heute praktiziert. Crowleys Revisionen für den OTO stellten eine mystische Technologie in den Mittelpunkt, die die Sexualität als Trägerin göttlich-kosmischer Energie theoretisierte und Parallelen zur Tantra-Tradition aufwies.

Die Abbey of Thelema in Cefalù (1920–1923)

Die berüchtigtste Periode in Crowleys Leben ist das Experiment der Abbey of Thelema (Kloster Thelema), das er zwischen 1920 und 1923 in der sizilianischen Kleinstadt Cefalù gründete. Crowley mietete ein altes Bauernhaus, rief seine Schüler dorthin und begann eine Anwendung der Thelema-Doktrin in vollem Maßstab. Der Ort war von der utopischen „Abbaye de Thélème" aus Rabelais' Roman Gargantua und Pantagruel inspiriert — auch hier lautete die einzige Regel „Fais ce que voudras" (Tu, was du willst). Crowley schmückte die Wände mit erotischen Fresken, mystischen Diagrammen und ägyptischer Ikonographie (ein erheblicher Teil davon wurde später von der damaligen italienischen Regierung übermalt).

Zu den Bewohnern des Klosters zählten Leah Hirsig (Crowleys „Scarlet Woman"), Raoul Loveday (ein junger englischer Dichter, der im Kloster an einer Infektion durch eine kontaminierte Wasserquelle starb), Mary Butts und weitere Schüler. Mit Lovedays Tod und der Rückkehr seiner Frau Betty May stellte die britische Boulevardpresse (besonders das Magazin John Bull) Crowley als „Kindstöter", „Satanisten" und „Perversen" dar. Wegen dieser Kampagne wurde Crowley 1923 von der neuen Mussolini-Regierung aus Italien ausgewiesen. Das Cefalù-Experiment wurde zum Beginn von Crowleys gesellschaftlichem und finanziellem Ruin. Lawrence Sutin betont, dass Cefalù zugleich die Heimstatt von Crowleys schöpferischster literarischer Periode war — hier wurden Diary of a Drug Fiend (1922) und der Großteil von Magick in Theory and Practice geschrieben.

Magick: Crowleys technisches mystisches System

Crowley wollte das Okkulte von der Bühnenillusion abgrenzen, indem er statt des herkömmlichen „magic" die Schreibweise Magick verwendete (mit einem k am Ende). Nach Crowleys Definition ist Magick „die Wissenschaft und Kunst, Veränderung in Übereinstimmung mit dem Willen zu bewirken" (the science and art of causing change to occur in conformity with Will). Diese Definition rahmt Magick nicht bloß als Ritualmagie, sondern im weitesten Sinne als bewusstes, zielgerichtetes Handeln neu; in Crowleys Worten ist „das Universum in jeder unserer Minuten eine Magick-Operation".

Crowleys Magick-System ruht auf mehreren Grundpfeilern:

Drogen und Sexualität

Crowleys Leben war, aus teils prinzipiellen, teils provokativen Gründen, voll sexueller und Drogen-Experimente, die die Tabus der Zeit brachen. Crowley verteidigte — parallel zu William James' Arbeit „The Varieties of Religious Experience" (1902) — die Bedeutung einer systematischen Erforschung veränderter Bewusstseinszustände (altered states). Er verwendete Haschisch, Äther, Kokain, Heroin, Peyote und andere Substanzen in seinen „Magick"-Experimenten; Diary of a Drug Fiend ist eine fiktive, aber biographische Darstellung dieser Praxis. Crowley entwickelte schließlich eine Heroinabhängigkeit — eine Sucht, mit der er bis zu seinem Tod ringen sollte.

Im Hinblick auf die sexuellen Praktiken war Crowleys Position eine unmittelbare Absage an die viktorianische Moral. Sowohl heterosexuelle als auch homosexuelle Praktiken standen im Zentrum der Sexualmagie-Anwendungen. Crowleys weibliche Partnerinnen, die er als „Scarlet Women" (Scharlachrote Frauen) bezeichnete (Rose Kelly, Leah Hirsig, Roddie Minor, Dorothy Olsen, Maria Teresa Sanchez), waren zentrale Figuren der Rituale. Dass das Leben vieler dieser Frauen tragisch endete (Suizid, Geisteskrankheit, Armut), bildet die Grundlage der schwersten ethischen Kritik an Crowleys Erbe. Richard Kaczynskis Biographie Perdurabo ist die umfassendste Quelle, die versucht, diesen Frauen ihre eigene Stimme zurückzugeben.

Die letzten Jahre: Hastings und Tod

Crowleys letzte Jahre, die von den 1930ern bis zu seinem Tod reichten, vergingen in Armut, Heroinabhängigkeit und Marginalisierung. Das Erbe aus seiner gehobenen britischen Mittelschichtsfamilie war aufgezehrt, und er versuchte, von den Mitgliedsbeiträgen des OTO und der A∴A∴ zu leben. Auch in dieser Zeit schrieb er weiter: Werke wie Magick Without Tears (erschienen: 1954), The Book of Thoth (1944) und Olla (eine Gedichtsammlung) stammen aus diesen Jahren. In den letzten zehn Jahren seines Lebens wohnte er in einer Pension namens Netherwood in Hastings, Sussex. 1947 lernte er einen noch unbekannten jungen englischen Okkultisten namens Gerald Gardner kennen — diese Begegnung sollte einen mittelbaren, aber bedeutsamen Einfluss Crowleys auf die von Gardner später begründete moderne Wicca sichern.

Crowley starb am 1. Dezember 1947 im Alter von 72 Jahren. Die Einäscherungsfeier fand in Brighton statt, und sein Gedicht „Hymn to Pan" wurde bei der Zeremonie verlesen; diese verstörende „heidnische" Feier wurde in der Lokalpresse als „Schwarze Messe" (Black Mass) gemeldet. Crowleys letzte Worte werden in widersprüchlichen Quellen unterschiedlich überliefert; die verbreitetste Version ist die Wendung „I am perplexed" (Ich bin ratlos). Diese letzten Worte tragen eine symbolische Ironie, insofern sie den letzten zweifelnden menschlichen Augenblick eines Mannes darstellen, der sich zeit seines Lebens als „allwissender Magus" positioniert hatte.

Vergleichende Perspektive

Crowleys System mit anderen spirituellen Traditionen zu vergleichen, ist unerlässlich, um sowohl seine Einzigartigkeit als auch die Ursprünge seines Erbes zu verstehen.

Vergleich mit dem Sufismus: Crowleys Ziel der „Erkenntnis und Zwiesprache" (Knowledge and Conversation) mit dem „Holy Guardian Angel" trägt strukturelle Ähnlichkeiten zur Symbolik des „sirr" (Geheimnis) im Sufismus und zur Begegnung Mevlânâs mit Schams-i Tabrîzî — beides ist eine verwandelnde Begegnung, in der der Praktizierende einem höheren Selbst oder kosmischen Führer gegenübertritt. Doch Crowleys System ruht auf der Verherrlichung des individuellen Willens statt auf Hingabe und Ergebung (tawakkul) an Gott — das trennt Thelema grundlegend vom Sufismus. Anstelle der Fanâʾ (Auslöschung des Selbst) im Sufismus steht in Thelema die Entdeckung und Verwirklichung des Selbst.

Vergleich mit Vajrayana und Tantra: Crowleys Sexualmagie-Techniken tragen oberflächliche Ähnlichkeiten zu den „höheren tantrischen" Praktiken des tibetischen Vajrayana und zu den Praktiken des hinduistischen Linkshand-Tantra (vamachara). Alle drei Systeme betrachten die Sexualität als Trägerin kosmischer Energie, als eine verwandelnde spirituelle Technologie. Doch während Vajrayana und Tantra innerhalb einer strengen Lineage (Silsila) und eines Guru-Schüler-Verhältnisses überliefert werden, beruht Crowleys OTO-System auf einer selbst verliehenen Autorität. Kenneth Grants Arbeiten (Aleister Crowley and the Hidden God, 1973) haben diese Parallele systematisch untersucht.

Vergleich mit dem Gnostizismus: Crowleys Gnostic Mass ist deutlich von der gnostischen (valentinianischen, sethianischen) Liturgie der frühchristlichen Zeit inspiriert. Crowley positionierte sich als „ein moderner gnostischer Patriarch" und versuchte, den OTO durch eine von den Episcopi Vagantes ererbte apostolische Sukzession zu legitimieren. Die Figuren des Pleroma, der Sophia und des Demiurgen in der gnostischen Kosmologie sind in Crowleys Schriften in verwandelter Gestalt präsent.

Vergleich mit der Theosophie: Helena Petrovna Blavatskys Theosophical Society (1875) hatte etwa 30 Jahre vor Crowley die östlichen Lehren in den Westen eingeführt. Crowley erwähnt Blavatsky mit Hochachtung als „Vorbotin ihres eigenen Äons" — doch er definiert sein eigenes System im Gegensatz zu ihr, indem er den Moralismus und die sexuelle Askese der Theosophie ablehnt. Beide Systeme teilen die Ost-West-Synthese, die geheimen Meister (Mahatmas vs. Secret Chiefs) und eine evolutionäre Kosmologie.

Moderne Reflexionen

Crowleys Einfluss reicht in erstaunlich weite Winkel der Populärkultur des 20. und 21. Jahrhunderts:

Kritik und Diskussionen

Crowleys Erbe ist nach wie vor umstritten, und die Kritik kommt aus verschiedenen Richtungen:

Ethische Kritik: Die tragischen Schicksale der Frauen und Schüler in Crowleys engerem Umfeld (Suizid, Geisteskrankheit, Armut, früher Tod) stützen die Vorwürfe, Crowley sei ein manipulativer, narzisstischer und missbräuchlicher Anführer gewesen. Die Cefalù-Periode, der Tod des jungen Loveday (Raoul) und Crowleys Einfluss auf seine drogenabhängige Gefährtin Hirsig sind zentrale Punkte der feministischen Kritik.

Vorwürfe von Rassismus und Antisemitismus: In Crowleys Schriften sind die rassistischen Vorurteile der englischen Mittelschicht des späten 19./frühen 20. Jahrhunderts offen vorhanden. Kategorisierungen und Verallgemeinerungen wie „Negro", „Jew", „Asiatic" sind, auch wenn sie ihrer Zeit angehören, verstörend. Manche Kritiker bewerten Crowleys Texte deshalb als „unrettbar"; andere verteidigen, dass sie im zeitlichen Kontext gelesen werden müssten.

Scharlatanerie vs. Authentizität: Kritiker vertreten, dass viele von Crowleys Behauptungen (das Aiwass-Diktat, magische Kräfte, der Kontakt mit den Secret Chiefs) eine provokante Selbstmythisierung seien. Die Spannung zwischen dem Ernstnehmen von Crowleys System als „Religion" und seiner Betrachtung als raffiniert inszenierte Performance besteht fort.

Sexualethik: Für zeitgenössische Leser ist die ethische Dimension von Crowleys sexuellen Praktiken (Einwilligung, Ausbeutung, ungleiche Machtdynamiken) ein wichtiges Feld der Hinterfragung. Die höheren Grade des OTO haben bedeutende Fragen hinsichtlich Einwilligung, Privatsphäre und psychischer Gesundheit aufgeworfen.

Praktische Implikationen

Für jene, die Crowleys System ernsthaft untersuchen, gibt es mehrere praktische Türen. Liber AL vel Legis (Thelema) ist als grundlegender Text Thelemas der Ausgangspunkt. Magick in Theory and Practice (1929) ist ein operatives Handbuch. 777 und Liber 777 bieten Entsprechungstabellen und die auf dem Lebensbaum aufgebaute Tarot-/magische Systematik. The Book of Thoth (1944) ist die grundlegende Referenz für jene, die mit dem Tarot arbeiten möchten.

Man muss Crowleys System nicht als Ganzes ernst nehmen; doch um den Verlauf der westlichen Esoterik im 20. Jahrhundert zu verstehen, ist es unmöglich, Crowley zu übergehen. Ein erheblicher Teil der modernen okkulten, neopaganen, wiccanischen, Chaos-Magick- und sogar New-Age-Bewegungen schöpft unmittelbar oder mittelbar aus seinem Erbe. Crowleys Leben und Werk geben jedem ernsthaften Schüler, der die Grenzen der spirituellen Erkundung auslotet, sowohl Mut als auch Warnung: Mut, weil er eine der wenigen Gestalten ist, die die herkömmlichen Grenzen von Denken und Praxis wirklich gesprengt haben; Warnung, weil er auch die tragischen Folgen des Missbrauchs spiritueller Autoritätsansprüche veranschaulicht.

In einer abschließenden Würdigung ist Crowley die buchstäbliche Verkörperung des „Schatten"-Begriffs (shadow) von Carl Jung — eine Gestalt, die alles umarmt, was das kollektive spirituelle Bewusstsein ablehnt, verdrängt und fürchtet. Sein Erbe lässt sich weder gänzlich annehmen noch gänzlich verwerfen; es ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts, dem man sich stellen, das man verstehen und mit kritischer Distanz untersuchen muss.