Dimensionen des Bewusstseins

Fenâ: Der Bewusstseinszustand der Auslöschung im sufischen Tasawwuf

Der Gipfelzustand des sufischen Tasawwuf; der Bewusstseinszustand der Auslöschung, der durch das Verschmelzen der Handlungen, der Attribute und schließlich des Wesens des sâlik (Wanderers) in al-Haqq erlebt wird; danach folgt das bekâ-billâh (Fortbestand in Gott).

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Definition und Etymologie

Fenâ (Arabisch: فناء) ist ein von der Wurzel f-n-y abgeleiteter Infinitiv; die wörtliche Bedeutung ist „vergehen, enden, dahinscheiden". Sein Gegenbegriff ist bekâ (بقاء, „Beständigkeit, Fortdauer"). Im Koran erscheint der Begriff nicht unmittelbar in dieser mystischen Bedeutung; doch die Verse 26–27 der Sure ar-Rahmân (kullu man ʿalaihâ fân, wa yabqâ wajhu rabbika dhû l-jalâli wa l-ikrâm — „Alles, was auf der Erde ist, ist vergänglich; das Angesicht deines Herrn aber — des Herrn der Majestät und Ehre — ist bleibend") werden in der sufischen Hermeneutik als das koranische Fundament des Begriffspaares fenâ-bekâ gelesen.

Fenâ wird in der Terminologie des Tasavvuf als „das Verlöschen des eigenen Seins-Anspruchs des sâlik in al-Haqq" definiert. Dieses „Vergehen" ist keine ontologische Vernichtung; es ist ein erkenntnistheoretisch-sittlicher Bewusstseinszustand der Auslöschung: Der Mensch ist, sieht sich selbst aber als durch al-Haqq zum Sein gelangt. Annemarie Schimmel fasst dies folgendermaßen zusammen: „Fenâ ist die Auflösung des ego-zentrierten Seins-Anspruchs des Mystikers; bekâ hingegen ist eine nach dieser Auflösung mit dem göttlichen Sein genährte neue Subjektivität."

Ein wichtiger Hadith, der den Begriff systematisiert: „Mûtû qabla an tamûtû" („Sterbt, bevor ihr sterbt") — die gesamte fenâ-Doktrin des sufischen Weges ist auf dieser prägnanten Mahnung errichtet. Worum es hier geht, ist nicht der biologische Tod, sondern der willentlich-mystische Tod: der Tod der nefs-i emmâre (der zum Bösen befehlenden Seele), die Geburt zum Gewahrsein der Einheit des Seins.

Als koranisches Fundament des fenâ dienen auch Verse wie al-Baqara 156 („Wahrlich, wir gehören Allah, und wahrlich, zu Ihm kehren wir zurück") und al-Qasas 88 („Alles ist dem Untergang geweiht, außer Seinem Angesicht") der sufischen Deutung. Diese verweisen den Sufis zufolge nicht nur auf eine eschatologische (jenseitige) Wirklichkeit, sondern auf eine jetzt erlebbare innere Wirklichkeit: Der Zustand des „zu Ihm Zurückkehrens" erfordert nicht das Warten auf den Tod; mit der willentlichen fenâ ist er jetzt erlebbar.

Die technische Bedeutung des Fenâ-Begriffs darf nicht mit dem zühd (Entsagung von der Welt) verwechselt werden. Während zühd im frühen Islam eine verbreitete asketische Haltung war, ist fenâ ein technisch-mystischer Bewusstseinszustand. Zühd ist die Vorbedingung der fenâ, aber nicht sie selbst.

Historisch-doktrinärer Kontext

Die Frühzeit: Die Bistâmî-Junayd-Linie

Die Systematisierung der fenâ-Doktrin beginnt mit zwei großen Namen: Bāyazîd al-Bistâmî (gest. 874, Bistâm, Chorasan) und Junayd al-Baghdâdî (gest. 910, Bagdad).

Bistâmî ist der Vorreiter der Schule des „sakr" (geistige Trunkenheit). Seine šatahât (in der Verzückung ausgestoßene überschwängliche Worte) — wie Subhânî mâ aʿzama šaʾnî! („Gepriesen sei ich, wie erhaben ist mein Rang!") — sind historisch die ersten explosiven Ausdrücke der fenâ-i zât. Bistâmî beschreibt die fenâ als Durchgang durch sieben Täler; im letzten ist das „Ich" vollständig verschmolzen.

Junayd begründet die Schule des „sahw" (geistige Nüchternheit). Er nimmt die fenâ an, drückt sie aber in einer maßvolleren, temkin-betonten Sprache aus. Junayds Formel ist berühmt: „at-tasawwuf an yumîtaka l-Haqqu ʿanka wa yuhyiyaka bihi" („Tasawwuf ist, dass al-Haqq dich von dir selbst sterben lässt und dich mit sich selbst lebendig macht"). Dieser Satz ist die klassische Definition des Übergangs fenâ → bekâ.

Der Gegensatz Junayd-Bistâmî ist eine der grundlegenden Polaritäten der sufischen Geschichte: sakr (Überschwang in der Verzückung, Ausdrucksfreiheit) und sahw (Nüchternheit nach der Verzückung, Übereinstimmung mit der scharî'a). Mansûr al-Hallâj (gest. 922) ist der tragische Gipfel der Bistâmî-Linie; mit dem Wort Anâ l-Haqq („Ich bin al-Haqq") wird er hingerichtet. Die Verteidigung al-Hallâjs gehört zu den erschütterndsten literarischen Ereignissen der sufischen Literatur.

Die klassische Systematisierung

Qušairî (gest. 1072) definiert die fenâ in seiner Risâla in vier Punkten:

  1. Auslöschung von schlechten Eigenschaften (sittliche Reinigung)
  2. Auslöschung von allen menschlichen Lüsten (zühd)
  3. Auslöschung vom Sehen der eigenen Handlung (keinen anderen Handelnden als al-Haqq sehen)
  4. Auslöschung vom Sehen des eigenen Wesens (absoluter Bewusstseinszustand der Auslöschung)

Hujwirî beschreibt in Kašf al-Mahjûb (1057) eine ähnliche Stufenfolge. Ghazâlî behandelt in Ihyâ (1105) die fenâ innerhalb der Doktrin des dhawq (erkenntnistheoretischer Geschmack): eine Wirklichkeit, die nicht durch philosophischen Beweis, sondern nur durch Erleben erkannt wird. Die elfjährige Phase der Klausur, die Ghazâlî in seiner Autobiographie al-Munqidh min ad-dalâl („Der Erretter aus dem Irrtum") beschreibt, ist vielleicht das bekannteste persönliche Zeugnis der klassischen fenâ-Reise.

Najmuddîn Kubrâ (1145–1221) beschreibt in seinem Werk Fawâʾih al-Jamâl wa Fawâtih al-Jalâl die auf dem fenâ-Weg erlebten inneren Farb-Erfahrungen ausführlich: das aufeinanderfolgende Aufleuchten grüner, roter, weißer, schwarzer Lichter. Diese „photo-mystische" Tradition (in der von Henry Corbin in L'homme de lumière, 1971, untersuchten Form) ist der historisch-erfahrungsmäßige Ursprung des letâif-Systems.

Abdulqâdir al-Jîlânî (1077–1166) stellt in Futûh al-Ghaib und al-Ghunya die fenâ-bekâ-Doktrin in die praktische Karte des Qâdirî-Ordens. Die weite Verbreitung der Qâdiriyya in der östlichen und westlichen muslimischen Welt war ein Mittel der Übertragung der fenâ-Doktrin in das Volks-Tasawwuf.

Die dreistufige Fenâ — Die klassische Einteilung

Die späteren sufischen Systematisierer — besonders Najmuddîn Kubrâ und Suhrawardî — ordnen die fenâ in drei Hauptstufen:

  1. Fenâ-i Ef'âl (Auslöschung der Handlungen): Der sâlik sieht nunmehr erlebend, dass nicht er selbst der wahre Urheber irgendeiner Handlung ist. Die tauhīd-Stufe des Lâ fâʿila illâ Allâh (Es gibt keinen Handelnden außer Allah).
  2. Fenâ-i Sifât (Auslöschung der Attribute): Der sâlik sieht, dass der wahre Ort seiner eigenen Attribute (Wissen, Wille, Macht) die Attribute al-Haqqs sind. Lâ mawsûfa illâ Allâh.
  3. Fenâ-i Zât (Auslöschung des Wesens): Die tiefste Stufe, auf der der sâlik erlebt, dass das, was er „Ich" nennt, kein Sein außerhalb des Wesens al-Haqqs hat. Lâ mawjûda illâ Allâh.

Die dritte Stufe ist die umkämpfteste Doktrin der sufischen Geschichte. Ibn Arabî (gest. 1240) und später Sadruddîn Qûnawî stellen diese Stufe in das System der vahdet-i vücûd (Einheit des Seins). Die kritisierende Linie (besonders Imâm Rabbânî, gest. 1624) schlägt die vahdet-i shuhûd (Einheit der Schau) vor: Das Verschmelzen ist „im Schauen", nicht ontologisch, sondern erkenntnistheoretisch.

Sufische Psychologie — Die Stufen der Seele (Nefs)

Die klassische sufische Psychologie behandelt die fenâ auf der Karte der nefs-Stufen. Das auf koranischen Grundlagen beruhende siebenstufige Nefs-System durchläuft in folgender Reihenfolge Auf- und Abstieg:

  1. Nefs-i emmâre (die zum Bösen befehlende — Yûsuf 12,53): Die Anfangs-Seele; der Begierde und der Lust hingegeben.
  2. Nefs-i levvâme (die tadelnde — al-Qiyâma 75,2): Die Kapazität zur Reue und Selbstkritik.
  3. Nefs-i mülhime (die eingebende — aš-Šams 91,8): Die innere Führung öffnet sich.
  4. Nefs-i mutmainne (die zur Ruhe gekommene — al-Fajr 89,27): Vollständig ausgeruht, mit al-Haqq versöhnt.
  5. Nefs-i râziye (die zufriedene): Vollkommene Ergebung in die Fügung Allahs.
  6. Nefs-i marziyye (die, mit der man zufrieden ist): Die Stufe, mit der al-Haqq zufrieden ist.
  7. Nefs-i kâmile / sâfiye (die vollkommene/reine): Der verankerte Zustand der fenâ-bekâ.

Die fenâ-i ef'âl wird auf der 4. Stufe, die fenâ-i sifât auf der 5.–6. Stufe, die fenâ-i zât auf der 7. Stufe erlebt. Diese psychologische Karte lässt sich als das klassisch-sprachliche Modell der modernen transpersonalen Psychologie (Ken Wilber, Stanislav Grof) lesen.

Konzeptuelle Analyse

Es ist unzureichend, die fenâ als eine enge „Verschmelzungs-Mystik" zu lesen. Sie hat mehrere Dimensionen:

1. Die sittlich-ethische Dimension

Fenâ ist zuerst der Tod der nefs-i emmâre (des zum Bösen befehlenden Ich). Diese Dimension sind die Praktiken des zühd, des mücâhede (Anstrengung) und der riyâzât (Askese). Sidk (Aufrichtigkeit), ihlâs (Reinheit), tevbe (Umkehr) sind hier die Schlüssel. Die frühe sufische Literatur (Hâris al-Muhâsibî, Junayd) rückt diese Dimension in den Vordergrund.

2. Die kognitive Dimension

Fenâ ist zugleich eine erkenntnistheoretische Revolution: das praktisch-kognitive Außerkraftsetzen der dualistischen Unterscheidung von Ich und Ihm. Hier kommt Ibn Arabîs Begriff der hayret (Staunen) ins Spiel: Das höchste Wissen ist die hayret, das heißt das Gewahrsein, das an dem Punkt aufleuchtet, an dem die Kategorie „Erkennender — Erkanntes" zusammenbricht.

3. Die Liebes-ästhetische Dimension

Fenâ wird bei vielen sufischen Dichtern mit dem Bild der Liebe ausgedrückt: die Gleichnisse von Falter/Kerze, Tropfen/Meer, Eisen/Feuer. In Mevlânâs Mathnawî wird die fenâ von Anfang bis Ende als Liebes-Tod dargestellt: „Mûtû qabla an tamûtû"bemîr ay khwaš ki tâ bâqî šawî / wâgahân baqâyî jâwdân girawî (Mathnawî VI). Yunus Emre: „Ich gehe brennend, brennend / die Liebe färbte mich mit Blut / weder bin ich verständig noch wahnsinnig / komm, sieh, was die Liebe aus mir machte."

4. Die ontologische Dimension — Die Vahdet-i-Vücûd-Debatte

In Ibn Arabîs System ist die fenâ das erfahrungsmäßige Tor der vahdet-i vücûd. Die Doktrin der aʿyân-i sâbite (unveränderliche Archetypen) zeigt, dass das eigene ʿain des sâlik nichts anderes ist als seine urewige Gestalt im Wissen al-Haqqs. Chittick (The Sufi Path of Knowledge, 1989) betont, dass diese Doktrin sich von Patañjalis Verhältnis puruṣa-prakṛti unterscheidet: Dort gibt es Absonderung, hier gibt es Einheit.

Imâm Rabbânîs Kritik: Die vahdet-i vücûd ist erfahrungsmäßig wahr, aber nicht ontologisch vollständig wahr; der sâlik erkennt nach der fenâ-i zât auf einer höheren Stufe (ʿubûdiyya, Knechtschaft) erneut das Verschieden-Sein an. Diese Kritik ist die Signatur der Naqšbandî-Mujaddidî-Linie.

Vergleichende Perspektive

Die fenâ-Doktrin findet in den großen mystischen Karten der Welt bemerkenswerte Parallelen.

1. Anātman — Buddhismus

Anātman (Pali: anattā, Sanskrit: anātman) ist die Grundlehre Buddhas: Es gibt kein gesondertes, beständiges, wesenhaftes „Ich". Dieser doktrinär-philosophische Ausdruck erscheint strukturell verschieden von der fenâ, denn die fenâ sagt „die Auslöschung meines Ich", während das anātman sagt „dass es kein wesenhaftes Ich gibt". Doch ihr erfahrungsmäßiges Fundament ist parallel: In der Praxis sind sowohl die fenâ-i zât als auch die nirvana-Erfahrung das grundlegende Auflösen des ego-zentrierten „Ich".

Toshihiko Izutsu (Sufism and Taoism, 1983) behandelt diese Parallele eingehend: Die begriffliche Verwandtschaft zwischen Ibn Arabîs Doktrin des ʿadam (Nichtsein) und der Mahāyāna-śūnyatā (Leere) ist bemerkenswert. Beide sagen die gemeinsame Erfahrung, „dass die Dinge ihrer Eigenwesenheit ermangeln", in verschiedenen Sprachen.

Unterschied: Der Buddhismus weist eine Hypothese eines „al-Haqq" / „göttlichen Seins" zurück — auf die Frage, „in welchem Ding" die fenâ geschieht, gibt das nirvana keine Antwort; im Tasawwuf ist die Antwort klar: fenâ fî-llâh (Auslöschung in Allah).

2. Kenosis — Christliche Theologie

Kenosis (κένωσις, „Entleerung") ist die theologische Thematik von Philipper 2,7: Christus nahm, indem er sich „entleerte", die Menschengestalt an. Später wurde die kenosis in der christlichen Mystik als die Entleerung des Gläubigen seiner selbst um Gottes willen verinnerlicht. Meister Eckharts Begriff der Gelassenheit (Loslassen, Sich-Überlassen) ist unmittelbar als Parallele zur fenâ gelesen worden (Reza Shah-Kazemi, Paths to Transcendence, 2006).

Eckhart: „Die einzige wahre Gabe an Gott ist, nichts zu bringen." — dies ist der wörtliche christliche Ausdruck der fenâ-i zât. Dennoch der Unterschied: Die kenosis ist in der trinitarischen Theologie verankert; die fenâ im tauhīd-Monotheismus. Ihre ontologischen Grammatiken sind verschieden; ihre erfahrungsmäßigen Symboliken sind Geschwister.

3. Samādhi — Yoga

Patañjalis nirvikalpa-samādhi (Versenkung ohne Samen) gehört zu den nächsten strukturellen Verwandten der fenâ-i zât. Die jeweils dreistufige Struktur überschneidet sich in erstaunlicher Weise: fenâ-i ef'âl ↔ vitarka-samādhi, fenâ-i sifât ↔ ānanda-samādhi, fenâ-i zât ↔ nirvikalpa-samādhi. Diese Überschneidung ist kein Zufall — Autoren wie Schuon, Guénon, Burckhardt (die perenniale Tradition) lesen sie als „den Ausdruck der einen Erfahrung in verschiedenen Sprachen".

Wichtiger Unterschied: Im Patañjali-System ist der puruṣa unpersönliches reines Bewusstsein; im Tasawwuf ist al-Haqq persönlich-transzendent (sowohl durch das Wesen als auch durch die Attribute erkannt). Schimmel rät, diesen Unterschied weder abzuschwächen noch zu übertreiben: In fortgeschrittenen Stadien gewinnt auch al-Haqq wiederum „personenübergreifende" Attribute.

4. Satori — Zen

Das plötzliche satori des Zen und die lang-allmähliche fenâ des Sufi sind von verschiedenem Tempo; doch ihre Ergebnis-Struktur ist nah. Toshihiko Izutsu definiert, Suzuki folgend, das satori als „den plötzlichen Zusammenbruch der Seins-Kategorien"; dies ist parallel zur hayret-Erfahrung in der fenâ-i zât. Wenn Suzuki und Suhrawardî zusammen gelesen werden — in der von Henry Corbin (En Islam iranien, 1971–72) vorgeschlagenen Form —, sind die išrâqî-Tradition und die imaginativ-erfahrungsmäßige Welt des Zen strukturell verwandt.

Moderne Reflexionen

Psychologie und Neurowissenschaft

Autoren wie Idries Shah, Reza Arasteh und später Stanislav Grof bewerten die sufischen fenâ-Erfahrungen in der Kategorie der ego-dissolution (Ego-Auflösung). In der Literatur der psychedelischen Forschung (Johns Hopkins, Imperial College London) wurde belegt, dass hochdosiertes Psilocybin vorübergehende fenâ-ähnliche Erfahrungen hervorbringt (Griffiths 2006, Carhart-Harris 2014).

Die Arbeiten von Andrew Newberg und Mark Robert Waldman (How God Changes Your Brain, 2009) zeigen bei muslimischen Teilnehmern, die das zikir praktizieren, ein Verstummen des posterioren Parietallappens und eine Aktivierung des präfrontalen Kortex — dieses Muster zeigt eine erstaunliche Parallele zu den Patañjali-Yogīs, doch die limbische Wärme ist höher (die Signatur der liebebasierten Meditation).

Mevlânâs liebezentrierte fenâ ist die klassische Karte dieser neurologischen Signatur: Das Herz (in der sufischen Psychologie das Zentrum des Gefühls-Bewusstseins) wird in der Ausrichtung auf zikir-Liebe aktiviert. Dies ist die tausend Jahre alte phänomenologische Beschreibung der Beobachtung der „limbischen Aktivierung" der klassischen Neurobildgebung.

Herbert Bensons Forschungen zur relaxation response (Harvard, 1970er) belegten, dass auch das sufische zikir — wie das hinduistische Mantra, das christliche Jesus-Gebet und die säkulare Meditation — messbare psycho-physiologische Anzeichen hervorbringt: eine Senkung des Herzschlags, eine Abnahme des Sauerstoffverbrauchs, Alpha-Wellen-Kohärenz. Dieses physiologische Grundmuster ist in allen großen Traditionen parallel; der spezifische erfahrungsmäßige Inhalt (Allah, Jahwe, Brahman, Mu) hingegen ist traditionsspezifisch.

Tasawwuf und Bindungsstörungen — Eine psychologische Linse

Aus moderner psychoanalytischer Perspektive (besonders Bowlbys Bindungstheorie und Erich Fromms The Art of Loving, 1956) lässt sich die fenâ-bekâ-Dynamik folgendermaßen lesen: Der sâlik richtet sein eigenes mangelhaftes Selbst auf al-Haqq aus, der die sichere Bindungsfigur ist; der Höhepunkt dieser Ausrichtung ist die fenâ-i zât; das darauf folgende bekâ-billâh hingegen ist der Zustand der Beständigkeit der verinnerlichten sicheren Bindung.

Diese moderne Lesart steht im Widerspruch zur klassischen sufischen Perspektive nicht; im Gegenteil, sie macht deren psychologischen Mechanismus sichtbar. Doch eine Warnung ist unerlässlich: Eine reduktionistische Lesart wie „sufischer Weg = Bindungstherapie" verflacht die traditionelle Doktrin. Die fenâ-bekâ trägt zugleich einen ontologischen Anspruch; der psychologische Mechanismus bestätigt noch annulliert dessen Wert.

Gerald May (The Awakened Heart, 1991) und Reza Arasteh (Rumi the Persian, the Sufi, 1965) haben subtile Beispiele dieser psychologisch-spirituellen Brücke geboten.

Kritische mystische Philosophie

Ben-Ami Scharfstein, Steven Katz und andere kontextualistische Philosophen betonen, dass die fenâ-Berichte traditionsintern geformt sind: Der Sufi sagt „Auflösung in Allah"; der Buddhist sagt „nirvana"; diese Unterschiede sind nicht nur eine Frage der Sprache, sondern formen auch die Erfahrung. Die Gegenseite (Robert Forman, Hg., The Problem of Pure Consciousness) vertritt die Auffassung, dass die Kernerfahrung kontextübergreifend ist.

Reza Shah-Kazemis Synthese-Vorschlag (Paths to Transcendence, 2006): Am Kreuzungspunkt von Eckhart-Shankara-Ibn Arabî lässt sich der Unterschied der Sprache/Theologie bis zu einem Punkt tragen; jenseits dieses Punktes „ist selbst zu sagen, dass man der Auslöschung anheimfiel, bereits zu viel".

In der Tradition des Hesychasmus (Stillegebet), in der ostorthodoxen Praxis der Philokalie, öffnet das Herzensgebet („Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner, des Sünders") durch beständige innere Wiederholung den Zustand der prosokhē (innere Wachheit) und der theoria (Schau). Die Erfahrung des Tabor-Lichts ist, in der von Sankt Gregorios Palamas verteidigten Form, das unmittelbare Schauen der ungeschaffenen Energien Gottes; diese Erfahrung ist die klassische christliche fenâ.

5. Yunus Emre und Mevlânâ — Die Fenâ in der anatolischen sufischen Literatur

In Mevlânâs Mathnawî wird die fenâ mit der Metapher des Liebes-Todes behandelt. Am Anfang des ersten Bandes des Mathnawî ist der Klang der Nay-i Hâmûš (der stillen Rohrflöte) die Zusammenfassung der fenâ: Die Rohrflöte ist aus dem Schilfrohr geschnitten, das heißt von Allah getrennt; die Wunde dieser Trennung macht sie zur „klangerzeugenden Leere" — im fenâ-Zustand wird der sâlik von sich selbst „abgeschnitten", al-Haqq spricht aus seinem Innern. In Mevlânâs Dîwân-i Šams-i Tabrîzî tritt Šamsuddîn Tabrîzî als der göttliche Spiegel hervor, der die fenâ auslöst.

Yunus Emre (13.–14. Jh.) sagt dieselbe Doktrin im schlichten Ton des anatolischen Türkisch: „Ich gehe brennend, brennend / die Liebe färbte mich mit Blut". Yunus' berühmter Vers „Es gibt ein Ich in mir, tiefer als mein Ich" ist der Ausdruck der fenâ-i zât im Volks-Türkisch: Das, was ich „Ich" nenne, ist nicht das wahre Ich; im Innern gibt es ein anderes „Ich" — es ist ein Hauch von al-Haqq.

Yunus' Vierzeiler „Die Liebe nahm mir mich selbst / dich brauche ich, dich / ich brenne Tag und Nacht / dich brauche ich, dich" ist vielleicht der geläutertste Ausdruck der fenâ im Türkischen. „Die Liebe nahm mir mich selbst" — fenâ-i ef'âl. „Dich brauche ich" — fenâ-i sifât. „Dich, dich" — fenâ-i zât.

Haci Bektash Velî und sein alevitisch-bektaschitisches Erbe in Anatolien ritualisieren die fenâ-Doktrin innerhalb der cem-semâh-Praxis. Das -zikir und die deyish (geistlichen Lieder) machen den Zustand der fenâ-i zât innerhalb der Gemeinschaft teilbar.

Pir Sultan Abdal: „Ich, mein Pir Sultan, vom Fehltritt / werden wir vom Ahnen nicht erlöst / Heilung für das Leid der Gesundheit / ich kam an deine Schwelle, ja". In der alevitisch-bektaschitischen Literatur des 16. Jahrhunderts wird die fenâ als ein Zustand des Eins-Werdens mit dem erhabenen Pîr gezeichnet.

Kaygusuz Abdal, Nesîmî, Niyâzî-i Misrî, Šah Hatâî (Ismâʿîl I.) — die Spiegelung der fenâ-Doktrin in der Volksliteratur des anatolischen Raums bildet eine ganze Dichtungstradition. Niyâzî-i Misrî (1618–1694): „Wer kein Vertrauter ist, hat keine Kunde von meinem Geheimnis / Zur Kaaba des al-Haqq gehe ich wiederum selbst" — hier ist das „selbst Gehen" der paradoxe Ausdruck der fenâ-i zât: Auslöschung und Ankunft sind eins.

6. Hallâj-i Mansûr — Der Märtyrer der Fenâ

Die Geschichte al-Hallâjs (858–922) gehört zu den erschütterndsten literarischen Ereignissen der sufischen Geschichte. Das Wort „Anâ l-Haqq" („Ich bin al-Haqq") führt in Bagdad zu seiner Hinrichtung. Louis Massignons Werk (La Passion d'al-Hallâj, 1922; erweiterte Neuauflage 1975) ist das Fundament der modernen Hallâj-Forschung. Massignon liest dieses Wort al-Hallâjs grammatisch nicht als Anspruch, al-Hallâj sei mit al-Haqq identisch (ittihâd); sondern als: Das „Ich" al-Hallâjs ist der fenâ anheimgefallen, zurück bleibt allein das „Ich" al-Haqqs. Die Hinrichtung ist in der sufischen Geschichte das bittere Symbol dessen, was geschehen kann, wenn der Preis der fenâ in Worte gefasst wird.

Mevlânâ greift im vierten Band des Mathnawî die Geschichte al-Hallâjs auf und führt seine Verteidigung: „Anâ l-Haqq zu sagen ist Demut, Anâ l-ʿabd zu sagen ist Hochmut" — denn selbst „ʿabd" (Knecht) zu sagen bedeutet, ein unabhängiges „Ich" zu beanspruchen; in der fenâ ist dieser Anspruch aufgehoben.

Louis Massignon lenkt die Aufmerksamkeit besonders auf die Phase, die al-Hallâj elf Jahre in Klausur in Mekka verbrachte; die Ausrichtung auf die fenâ-i zât reifte innerhalb dieser langen Disziplin der Einsamkeit. Diese Arbeit Massignons bildete auch eines der Grundfundamente des katholisch-sufischen Dialogs.

7. Bāyazîd al-Bistâmî — Die Tradition der Šatahât

Die šatahât (in der Verzückung ausgestoßenen überschwänglichen Worte) Bistâmîs sind das erschütterndste literarische Erbe der sufischen Geschichte. Außer dem Wort „Subhânî mâ aʿzama šaʾnî!" („Gepriesen sei ich, wie erhaben ist mein Rang!") gibt es Beispiele von šatahât wie „Auch ich suchte, mich fand al-Haqq" und „Mein Zelt schlug ich über dem Thron auf". Diese Worte sind nicht als Anspruch der ontologischen Vereinigung, sondern als der sprachliche Überschwang des fenâ-Augenblicks zu lesen.

Reynold A. Nicholson (Studies in Islamic Mysticism, 1921) führte die Worte Bistâmîs systematisch in die akademische Welt ein. Toshihiko Izutsu zeigte später (Sufism and Taoism, 1983), indem er die šatahât Bistâmîs mit den paradoxen Aussagen des Zhuangzi verglich, eine interessante strukturelle Ost-West-Parallele.

Moderne sufische Bewegungen

Nach dem Westen geöffnete sufische Lehrer wie Inayat Khan, Frithjof Schuon, Bawa Muhaiyaddeen übersetzten die fenâ in eine universale mystische Sprache. Diese „Sufi-Vedanta"- / „Sufi-Perennialismus"-Linie ist umstritten: Die klassischen sufischen Gelehrten begegneten diesen Synthesen oft mit Vorsicht (besonders wegen der Lockerung des scharî'a-Rahmens).

Inayet Khan (1882–1927) übersetzte die fenâ über den im Westen von ihm gegründeten „Sufi Order in the West" in die Begriffe Musik, Liebe, Harmonie. The Mysticism of Sound and Music (1923) kartiert die fenâ-Erfahrung am Kreuzungspunkt von Klang und Stille.

Bawa Muhaiyaddeen (1900?–1986), ein geistiger Meister srilankischer Herkunft, vermittelte über die von ihm in Philadelphia gegründete Bawa Muhaiyaddeen Fellowship den amerikanischen Schülern die klassische fenâ-bekâ-Doktrin in einer schlicht-verständlichen Sprache. Schuon (1907–1998) positionierte die fenâ innerhalb der Traditionalistischen Schule als die transzendente Erfahrung des intellectus (reiner Verstand).

Fenâ und literarische Wirkung — Im Westen

In T.S. Eliots Werk Four Quartets (1943) speist sich das Thema der mystischen Auslöschung aus christlichen und sufischen Quellen. In Aldous Huxleys Werk The Perennial Philosophy (1945) wird die fenâ, neben die unio mystica und den nirvikalpa-samādhi gestellt, den westlichen Lesern dargeboten. Coleman Barks' Mevlânâ-Übersetzungen (ab 1995) machten ihn zu einem der meistverkauften Bücher des amerikanischen Lyrikmarktes — die Kritik an diesem „Rumi-Phänomen" (Omid Safi, Ali Allawi) ist ebenfalls ein diskutierter Gegenstand: Die freie Übersetzung mildert bisweilen die klassische fenâ-Doktrin.

Der praktische Weg

Der praktische Weg zur fenâ wird auf dem sufischen Weg auf einigen Achsen verwoben:

  1. Tevbe und sidk: Der Eingang des Weges ist die innere Aufrichtigkeit. Keine Technik überwindet dieses Fundament.
  2. Das Meister-Schüler-Verhältnis: Die klassische sufische Lehre empfiehlt nicht, den fenâ-Weg allein zu beschreiten. Die Literatur des âdâb al-murîd (das Benehmen des Schülers) ist die Karte dieses Verhältnisses.
  3. Zikir: Die regelmäßig-lange Wiederholung eines der edlen Namen Allahs (zumeist Lâ ilâha illâ-llâh). Es gibt jahrî (laute) und khafî (stille) Varianten in verschiedenen Orden. Das Zikir ist an sich selbst eine fenâ-Praxis.
  4. Muraqaba (kontemplative Beobachtung): Der stille Verlauf der inneren Prozesse. Im Naqšbandî-Weg (sülûk) ist sie zentral.
  5. Sohbet: Das geistige Gespräch zwischen dem Scheich und den Schülern; es trägt traditionell das Klima der Vorbereitung auf die fenâ.
  6. Çile / halvet: Die Phase der Einsamkeit und der Gottesverehrung (klassisch 40 Tage). Der Halvetî-Orden hat von hier seinen Namen.
  7. Vird und evrâd: Tägliche feste Gebete; die Disziplinierung der Seele.

Die klassische Bedingung: Die fenâ wird „nicht angezielt". Der sâlik geht mit sidk; die fenâ wird geschenkt, nicht erworben. Wer sagt „Ich will die fenâ erreichen", befindet sich noch in einer ich-zentrierten Suche.

Halvet und Erbain — Die klassische Praxis des Rückzugs

Eine klassische Praxis, die die fenâ vorbereitet, ist das halvet (Einsamkeit) und das erbain (vierzigtägiger Rückzug). Der Halvetî-Orden hat von dieser Praxis seinen Namen. Eine typische erbain-Disziplin:

Der vom modern-wissenschaftlichen Standpunkt interessante Aspekt dieser Praxis ist, in der von Mary Welch-Donaldson und anderen Forschern dokumentierten Form, dass langanhaltender sensorischer Entzug und regelmäßige rituelle Aktivität die den Bewusstseinsveränderungen zugrunde liegenden neuro-physiologischen Mechanismen stark auslösen.

Sufische Symbolik

Die fenâ-Doktrin besitzt ein reiches symbolisch-bildhaftes Vokabular:

Ohne dieses symbolische Vokabular kann die klassische sufische Dichtung nicht verstanden werden; jedes Symbol verweist auf eine Seite der fenâ-Doktrin.

Die klassischen Orden in Anatolien — Historische Perspektive

Die Verbreitung der fenâ-Doktrin in Anatolien erfolgte größtenteils über die Orden-Institutionen:

Jeder Orden hat eine andere Betonung des fenâ-Weges in den Vordergrund gerückt; doch alle teilen den grundlegenden Rahmen der fenâ-bekâ-Doktrin. Die offizielle Schließung der Orden durch das von der Republik Türkei 1925 erlassene Gesetz Nr. 677 zerstreute das institutionelle Fundament des klassischen fenâ-Weges in Anatolien größtenteils. Nach dieser Zerstreuung wurde die fenâ-Praxis in privat-familiären und inoffiziellen Versammlungen fortgeführt.

Die Pîr-Namen der sufischen Literatur

Klassische sufische Autoren, die systematisch zur fenâ-Doktrin beigetragen haben:

Diese Karte der Überlieferungslinie ist das Rückgrat der zwölf Jahrhunderte langen systematischen Entwicklung der fenâ-Doktrin.

Beim Übergang zur osmanischen Zeit leisteten in Anatolien große Namen wie Eshrefoglu Rûmî, Aziz Mahmûd Hüdâyî, Niyâzî-i Misrî, Ismâʿîl Hakki Bursevî, Šaikh Ghalib bahnbrechende Beiträge zur Übertragung der fenâ-bekâ-Doktrin in die osmanisch-türkische Sprache.

In Zentralasien gibt es in der Linie von Yûsuf Hamadânî (1048–1140), Ahmad Yasawî (gest. 1166, Verfasser des Dîwân-i Hikmat, der Pîr der türkisch-sufischen Literatur), Najmuddîn Kubrâ, Bahâuddîn Naqšband (1318–1389) eine Kette von Trägern der fenâ-Doktrin, die von Turkestan bis nach Anatolien reicht. Ahmad Yasawîs Einfluss gehört besonders zu den Grundsteinen der türkisch-islamischen Synthese.

Auf der Maghrib-Linie (Nordafrika): In der Linie von Abû l-Hasan aš-Šâdhilî (1196–1258, der Pîr der Šâdhiliyya), Ibn Atâʾillâh al-Iskandarî (gest. 1309, Verfasser von al-Hikam), Ahmad at-Tijânî (1737–1815, der Pîr der Tijâniyya) verbreitete sich die fenâ-Doktrin bis in den Maghrib und die Sahara.

Auf der iranischen Linie: Abû Saʿîd Abû l-Khair (967–1049, einer der Urväter des klassischen tasawwufischen Rubâʿî), Khwâja Abdullah Ansârî (1006–1089, in Herat), Ahmad Ghazâlî (1058–1126), Farîduddîn Attâr (1145–1221), Mahmûd Šabistarî (Verfasser des Gulšan-i Râz) sind die fenâ-gegründeten Gipfel der persisch-sufischen Literatur.

Letâif-i Hamse — Die fünf feinstofflichen Zentren

Im Naqšbandî-Mujaddidî-Orden wird der fenâ-Weg in der Ordnung der letâif (feinstoffliche Herz-Zentren) kartiert:

  1. Letîfe-i kalb (linke Brust, rot) — das Licht des Propheten Âdam.
  2. Letîfe-i rûh (rechte Brust, gelb) — Nûh und Ibrâhîm.
  3. Letîfe-i sirr (linke obere Brust, weiß) — Mûsâ.
  4. Letîfe-i hafî (rechte obere Brust, schwarz) — ʿÎsâ (Jesus).
  5. Letîfe-i ahfâ (Brustmitte, grün) — Muhammad.

Auf jedes letîfe wird der Reihe nach das zikir übertragen; der sâlik erlebt das Aufleuchten jedes Zentrums. Diese Systematisierung zeigt eine strukturelle Verwandtschaft mit dem hinduistischen Chakra-System; doch ihr theologischer Rahmen und ihre Farben-Propheten-Karte sind vollständig islamisch.

Die Stufen des Sülûk

Der klassische sufische sülûk (Wanderweg) wird in vier Stufen kartiert:

  1. Šerîat: Die äußeren religiösen Praktiken (Gebet, Fasten usw.).
  2. Tarîkat: Der innere Weg, das zikir-muraqaba in Begleitung des geistigen Meisters.
  3. Hakîkat: Die Stufe, auf der die Namen und Attribute al-Haqqs unmittelbar erfasst werden.
  4. Mâ'rifet: Die Vollendung des fenâ-bekâ-Zyklus; der Zustand des „vollkommenen Menschen" (al-insân al-kâmil).

Diese vier Stufen werden in Ibn Arabîs System innerhalb der Doktrin des vollkommenen Menschen synthetisiert: Der sâlik, der die fenâ erlebt hat, verwandelt sich als insân-i kâmil in den bewussten Spiegel der gesamten Schöpfung.

Kritik und Diskussionen

Kritik von innen

Drei klassische Achsen der Kritik:

  1. Šer'î-fiqhî (gesetzlich-rechtlich): Ibn Taimiyya hegt die Besorgnis, dass die Doktrin der fenâ-i zât den tauhīd der „Vereinigung" (ittihâd) und der „Einwohnung" (hulûl) öffne. Er bekräftigt die Grenze zwischen dem tauhīd der Gottheit und dem tauhīd der Schau.

  2. Aus der sahw-Schule: Die Junayd-Suhrawardî-Linie findet die überschwänglichen Ausdrücke der sakr-Schule (Bistâmî, al-Hallâj) gefährlich. Sie nimmt die fenâ-Erfahrung an, sagt aber, dass sie nicht ausgedrückt werden sollte.

  3. Mujaddidî-Naqšî: Imâm Rabbânî lehrt, dass jenseits der Erfahrung der fenâ-i zât die Stufe der ʿubûdiyya (Knechtschaft) höher ist. Nicht das Verschmelzen ist endgültig, sondern das bekâ baʿda l-fenâ (die Beständigkeit nach der Auslöschung) ist endgültig.

Kritik von außen

Reduktionistische Kritik: Die Tatsache, dass die Erfahrungen der Art fenâ neuronale Korrelate haben, erfordert keine automatische Zurückweisung hinsichtlich der metaphysischen Gültigkeit der Erfahrung (dieser Schluss ist der genetische Fehlschluss).

Feministische Kritik: Die klassische fenâ-Literatur ist männlich-zentriert; die fenâ-Beschreibungen der weiblichen Heiligen (Râbiʿa al-ʿAdawiyya, Fâtima Bint al-Muthannâ) sind größtenteils marginalisiert worden. Moderne Arbeiten (Rkia Cornell, Saʿdiyya Shaikh) versuchen, dieses Schweigen zu beheben.

Psychiatrische Unterscheidung: Zwischen fenâ-ähnlichen dissoziativen Episoden auf dem sufischen Weg zu unterscheiden, ist die Aufgabe eines kundigen geistigen Meisters. Kategorien wie istidrâj (falsche Enthüllung) und cinnî-hâl (Dschinn-Zustand) erörtern diese Unterscheidung in der klassischen Literatur.

Ibn Taimiyyas systematische Kritik

In Ibn Taimiyyas (1263–1328) Majmûʿ al-Fatâwâ ist die Kritik an der fenâ-Doktrin systematisch. Seine Analyse lässt sich unter drei Überschriften lesen:

  1. Er sagt, die fenâ ist von dreierlei Art: (a) nichts außer Allah zu lieben (lobenswert), (b) nichts außer Allah zu sehen (problematisch — sinnliche Verschleierung), (c) zu sagen, dass nichts außer Allah existiert (bidʿa — denn das tauhīd-Bekenntnis sagt „es gibt keinen Gott außer Allah", nicht „es gibt kein Sein").

  2. Er vertritt die Auffassung, dass die Doktrin der vahdet-i vücûd ein fremd-philosophisches Element ist, das mit indisch-iranischen philosophischen Einflüssen kam.

  3. Er widersetzt sich heftig den Ansprüchen des ittihâd (Vereinigung mit Allah) und des hulûl (Einwohnung Allahs in das Geschaffene).

Ibn Taimiyyas Kritik ist das Fundament der späteren salafitischen Haltung; doch moderne Gelehrte (Akbar Ahmed, Ovamir Anjum) bringen vor, dass diese Kritik sich mehr auf die populären Spiegelungen Ibn Arabîs richtet als auf eine unmittelbare Lektüre von ihm.

Historische Positionierungen — Grenz-Ereignisse

Die fenâ-Doktrin wurde historisch durch folgende Grenz-Ereignisse geformt:

Diese Chronologie zeigt, dass die fenâ-Doktrin nicht nur eine mystische Erfahrung ist, sondern in historisch-politisch-sozialen Kontexten über Übertragungsmechanismen verfügt.

Die offenen Fragen vor der Philosophie der Fenâ-Doktrin

Zwischen der klassischen und der modernen Tasawwuf-Philosophie werden folgende offene Fragen noch diskutiert:

  1. Ontologisch oder erkenntnistheoretisch? Ist die fenâ-i zât wirklich eine ontologische Auslöschung, oder ist sie die vollständige Öffnung des persönlichen Geistes zum Gewahrsein al-Haqqs (erkenntnistheoretisch)? Die Debatte um vahdet-i vücûd und vahdet-i shuhûd gibt auf diese Frage zwei verschiedene Antworten.

  2. Eine einzige oder vielfältige Erfahrung al-Haqqs? Begegnen alle sufischen sâlik demselben al-Haqq, oder gibt es für jeden sâlik eine seinem eigenen aʿyân-i sâbite eigentümliche Begegnung? Das System Ibn Arabîs schlägt die zweite Antwort vor.

  3. Ethisch-automatisch? Ist derjenige, der die fenâ erlebt hat, automatisch sittlich-erwacht? Die klassische Tradition antwortet darauf mit „ja, wenn es echte fenâ ist"; der moderne kritische Blick stellt diese Gleichsetzung in Frage.

  4. Ist die Erfahrung der Frau verschieden? Trägt die weibliche fenâ-Erfahrung, die von Râbiʿa al-ʿAdawiyya bis zu den modernen weiblichen sufischen Lehrerinnen reicht, eine Betonung, die die männlich-zentrierte klassische Literatur nicht gesetzt hat? Die Antwort von Saʿdiyya Shaikhs jüngsten Forschungen auf diese Frage: ja, sie trägt sie — besonders in den Dimensionen der Liebe und der Annahme.

  5. Ist sie mit der modernen Technologie vereinbar? Wie wird im Zeitalter der sozialen Medien, der ständigen Verbundenheit, der Aufmerksamkeitszerstreuung der klassische fenâ-Weg beschritten? Dies ist die dringlichste praktische Frage vor den zeitgenössischen Tasawwuf-Lehrern.

Diese offenen Fragen zeigen, dass die fenâ-Doktrin eine lebendige Tradition ist; keine museale Geschichte, sondern ein sich noch entwickelndes Feld der Entdeckung.

Eine vergleichende Synthese-Tabelle

Dimension Fenâ (Tasawwuf) Samādhi (Yoga) Satori (Zen) Unio Mystica (Christentum) Bittul (Kabbala)
Ort der Auflösung In Allah In der puruṣa-svarūpa In der Buddha-Natur In Gott Im Ein Sof
Praxis Zikir-muraqaba Aṣṭāṅga + dhyāna Zazen + kōan Gebet + Stille Kawwanah
Doktrin tauhīd-monotheistisch Sāṃkhya-dualistisch Mahāyāna-Leere trinitarisch jüdisch-monotheistisch
Folgezustand Bekâ Kaivalya Post-satori Glorifikation Devekut
Tempo Allmählich (zumeist) Allmählich Meist plötzlich Allmählich Allmählich
Klassischer Text Mathnawî, Fusûs Yoga-Sūtra Mumonkan, Shōbōgenzō Innere Burg Zohar, Tanya
Früher Systematisierer Bistâmî-Junayd Patañjali Bodhidharma-Huineng Eckhart-Teresa Luria-BeShT

Diese Tabelle ermöglicht es, neben den strukturellen Parallelen auch die doktrinären Unterschiede sichtbar zu machen.

Ergänzende Anmerkungen zu Fenâ-Bekâ

In der klassischen sufischen Lehre bilden fenâ und bekâ ein voneinander untrennbares Paar. Die fenâ allein ist nur eine halbe Stufe; sie wird mit der bekâ vollendet. Junayds Formel: „Tasawwuf ist, dass al-Haqq dich von dir selbst sterben lässt und dich mit sich selbst lebendig macht." Hier ist das Sterben-Lassen = fenâ, das Lebendig-Machen = bekâ.

Der Zustand des bekâ-billâh (Fortbestand mit Allah) wird auf dreierlei Weise eingeteilt:

  1. Bekâ-billâh (Fortbestand mit Allah): Der sâlik bewegt sich nunmehr durch den Willen al-Haqqs; sein eigener Wille ist in al-Haqq verschmolzen.
  2. Bekâ-billâh baʿda l-fenâ (Fortbestand mit Allah nach der Auslöschung): Eine tiefere Stufe; der sâlik kehrt, nachdem er die fenâ-i zât erlebt hat, zurück und erlebt diesen Zyklus nunmehr auf natürliche Weise.
  3. Sahw baʿda s-sakr (Nüchternheit nach der Trunkenheit): Die ausgeglichene, verantwortung-übernehmende Nüchternheit nach dem Zustand der Verzückung. Junayd betont diese Stufe.

Nach Ibn Arabî ist das vollkommene Menschsein (al-insân al-kâmil) die Beständigkeit des Zustands des Wirkens-im-bekâ-billâh. Dieser vollkommene Mensch ist in der Naqšbandiyya das „halvet-der-encümen" (Einsamkeit in der Menge) — das heißt der Mensch, der inmitten der Gemeinschaft, aber innerlich mit al-Haqq allein ist.

Hâl und Makam

Bei der Erörterung der fenâ ist eine weitere grundlegende Unterscheidung der klassischen sufischen Psychologie wichtig: der hâl (vorübergehender mystischer Zustand) und der makam (bleibend-verankerte Stufe). Die fenâ-Erfahrung wird anfangs als hâl erlebt — als göttliche Fügung kommt ein Augenblick, geht. Die wiederholt-beständige Erfahrung verwandelt sich in einen makam. Der sâlik erlebt eines Tages den Zustand der fenâ-i ef'âl, am nächsten Tag erlebt er ihn nicht; doch am Ende des langen Weges wird die fenâ-i ef'âl zu seinem makam (sein beständiger Zustand). Diese Struktur ist strukturell parallel zur Unterscheidung der modernen kognitiven Psychologie zwischen trait (Persönlichkeitsmerkmal) und state (vorübergehender Zustand).

In Qušairîs Risâla wird das hâl-makam-Paar folgendermaßen gereiht:

Diese Reihe ist das Rückgrat der klassischen sufischen makam-Karte. Jeder makam verankert sich mit der Vollendung des vorhergehenden; die fenâ ist nicht das letzte Glied, sondern das Zusammen-Sein aller Glieder.

Fazit

Fenâ ist die Gipfelachse der sufischen mystischen Karte: Sie beginnt bei der sittlichen Reinigung und reicht bis zur ontologischen hayret (Staunen). Der Hadith „Sterben, bevor man stirbt" ist kein doktrinärer Lehrsatz, sondern eine Lebensmethode. Der vergleichende Blick — samādhi, satori, unio mystica, anātman — lässt vermuten, dass diese Erfahrung eine strukturelle Kapazität des menschlichen Bewusstseins ist; jede Tradition liest sie in ihrer eigenen Grammatik, in ihrem eigenen Symbol. Das bekâ-billâh — die Beständigkeit nach der fenâ — erinnert uns daran: Der Weg ist kein seltener Augenblick einer Auslöschungs-Erfahrung, sondern ein beständiges gott-zentriertes Leben.

Ein letztes Zitat aus Mevlânâs Mathnawî sagt das Herz der fenâ-bekâ: „Bemîr ay khwaš ki tâ bâqî šawî / wâgahân baqâyî jâwdân girawî"„Stirb, auf dass du bleibend werdest; auf dass du in Ewigkeit fortdauerst." Hier ist „sterben" kein biologisches Ende; es ist das Verlöschen des „Ich"-Anspruchs. Wenn er verlöscht ist, wird gesehen, was das Unverlöschliche ist. Diese Schau ist das Wissen der fenâ; die Beständigkeit dieser Schau ist das Leben der bekâ.

Schließlich kann keine sprachliche Beschreibung die fenâ vollständig ausdrücken. Die klassischen sufischen Lehrer sind sich darin einig. Mevlânâ sagt am Anfang seines Mathnawî: „Mein Wort offenbart sich je nach Herz auf andere Weise." So ist es auch mit der fenâ-Schilderung: Sie wird zu vermitteln versucht, aber nicht vollständig vermittelt. Das eigentliche Wissen kommt durch Erleben; das Wort kann nur darauf hinweisen. Deshalb beginnt der klassische sufische Weg nicht mit dem Lesen von Büchern, sondern damit, einen geistigen Meister zu finden und sich auf den Weg zu machen. All dies Geschriebene ist die Karte jener Reise; nicht die Reise selbst.