Träume & Innenwelt

Die Dscha'far as-Sâdiq zugeschriebene Traumdeutung

Die dem sechsten schiitischen Imam Dscha'far as-Sâdiq (702–765) zugeschriebene Traumdeutungstradition; ein paralleles Deutungssystem, das das schiitisch-esoterische Erbe und eine esoterische Zahlenhermeneutik kennzeichnet.

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Definition und Identität des Werkes

Die Dscha'far as-Sâdiq zugeschriebene Traumdeutung oder, mit ihrem klassischen Titel, die Risâla fî Ta'bîr al-Ahlâm li'l-Imâm Dscha'far as-Sâdiq (arabisch: رسالة في تعبير الأحلام للإمام جعفر الصادق) ist eine Traumdeutungsabhandlung, die unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq (~702–765), den als sechsten Imam der schiitischen Imâmiyya (Zwölferschia) und der ismailitischen Traditionen geltenden, zusammengestellt wurde. Dieser Text bietet ein paralleles, aber andersartiges hermeneutisches System zum großen Deutungskorpus, das unter Berufung auf Ibn Sîrîn zusammengestellt wurde: Er vereint das schiitische geistliche Erbe, eine esoterische Zahlenhermeneutik und besonders die Symbolik der Ahl al-Bayt.

Der Text war in der klassischen islamischen Welt weit verbreitet; er wurde neben den schiitischen Kreisen auch in sunnitisch-sufischen Milieus gelesen — besonders in den mit der Tradition der Vahdat al-Wudschûd (Einheit des Seins) verbundenen Orden. Der Grund hierfür ist, dass Dscha'far as-Sâdiq sowohl in den schiitischen als auch in den sunnitischen Traditionen als gemeinsame geistliche Autorität gilt. Ja, in den klassischen Deutungskompilationen — etwa in Abd al-Ghanî an-Nâbulusîs Werk Ta'tîr al-Anâm fî Ta'bîr al-Manâm (17. Jh.) — werden die von Dscha'far as-Sâdiq kommenden Überlieferungen neben jenen Ibn Sîrîns angeführt.

Bei der Autorschaftszuschreibung des Textes besteht, wie im Fall Ibn Sîrîns, eine tiefe Debatte. Wie in Pierre Lorys Le rêve et ses interprétations en Islam (2003) und in Toufic Fahds klassischem La divination arabe (1966) gezeigt wird, sind die Dscha'far as-Sâdiq zugeschriebenen Deutungstexte höchstwahrscheinlich nicht sein eigenes Werk; sie sind vielmehr die in späteren Jahrhunderten (vermutlich im 10.–11. Jahrhundert) verschriftlichte Kompilation einer von den Schülern Dscha'fars kommenden mündlichen Tradition. Dennoch trägt der Text deutliche Spuren der schiitischen geistlichen Weltsicht und ist als ein wichtiger Zweig der klassischen islamischen Deutungsliteratur der Untersuchung wert.

Doktrinär-historischer Kontext

Die historische Persönlichkeit Dscha'far as-Sâdiqs

Dscha'far as-Sâdiq (Abû Abdillâh Dscha'far b. Muhammad al-Bâqir as-Sâdiq, ~702–765), geboren in Medina, dort ausgebildet und dort verstorben, ist eine der großen Persönlichkeiten der Ahl al-Bayt, der nach der schiitischen Imâmiyya-Tradition der sechste Imam und nach der ismailitischen Tradition ebenfalls der sechste Imam ist. Er stammt über Ali und Husain von der Nachkommenschaft des Propheten ab. Sein Vater Muhammad al-Bâqir (der fünfte Imam), sein Sohn Mûsâ al-Kâzim (nach der Imâmiyya der siebte Imam) und Ismâ'îl b. Dscha'far (der sechste oder siebte Imam der Ismailiten) sind die bestimmenden Figuren seiner Generation.

Dscha'far as-Sâdiq wird in den klassischen Quellen — nicht nur den schiitischen, sondern auch den sunnitischen — als der größte Gelehrte seiner Zeit dargestellt. Zu seinen Schülern zählen die führenden Köpfe der Hadith-Gelehrten Abû Hanîfa (der Imam der Rechtsschule) und Mâlik b. Anas (der Imam der malikitischen Rechtsschule). Darüber hinaus sind Dschâbir b. Hayyân (der Vater der Alchemie), Wâsil b. Atâ (der Begründer der mu'tazilitischen Schule) und Sufyân ath-Thaurî sowie viele andere führende Gelehrte seiner Zeit mit ihm verbunden. Dieser mehrere Rechtsschulen übergreifende Einfluss macht ihn zu einem gemeinsamen intellektuellen Vorvater der gesamten muslimischen Tradition.

Wie Robert Gleave in seinem Eintrag zu Dscha'far as-Sâdiq in der Encyclopaedia Iranica anmerkt, umfasst sein wissenschaftliches Erbe vier weite Felder:

  1. Fiqh: Er legte die Grundlagen der schiitischen dschafaritischen Rechtsschule (der verbreitetsten schiitischen Rechtsschule).
  2. Tafsîr: In den klassischen Quellen kursieren ihm zugeschriebene Werke namens „Tafsîr al-Qur'ân"; besonders Überlieferungen, die die bâtinî (inneren) Bedeutungen der Verse erklären.
  3. Hadith: Die meisten Überlieferungen der schiitischen Hadith-Korpora (al-Kâfî des Kulainî, Man lâ Yahduruhu al-Faqîh des Ibn Bâbawaih) stützen sich auf ihn.
  4. Geistliche Wissenschaften: Traumdeutung, Alchemie, die Wissenschaft der schönsten Namen Gottes (Asmâ' al-husnâ), Dschafr (zahlen-buchstäbliche Esoterik), Istichâra.

Der Traum im schiitischen Denken: Allgemeiner Rahmen

In der schiitischen Tradition wird der Traum nicht wie in der sunnitischen Tradition als „ein Sechsundvierzigstel der Prophetie" verstanden, sondern in einer stärkeren Position — als ein Kanal der Walâya (Heiligkeit/geistlichen Statthalterschaft). Dieser Unterschied rührt von der grundlegenden Besonderheit des schiitischen Denkens her: Im sunnitischen Denken endet die Prophetie mit Mohammed, und die spätere Führung wird über Idschmâ', Qiyâs und die Gelehrten errichtet; im schiitischen Denken hingegen dauert die Institution des Imamats fort, und die Imame sind die beständigen Kanäle der geistlichen Führung. In diesem Rahmen gilt der Traum nicht nur als Diagnose des geistlichen Zustands des Einzelnen, sondern zugleich als Beleg dafür, dass die Linie der Walâya (besonders die der Imame und der Heiligen) fortbesteht.

In den schiitischen Hadith-Korpora ist besonders das Motiv „den Imam im Traum sehen" wichtig. Ganz so, wie gelehrt wird, dass das Sehen des Propheten im Traum Wirklichkeit ist (Buchârî 110: „Wer mich im Traum sieht, hat mich gewiss wirklich gesehen"), wird in der schiitischen Tradition auch das Sehen des Imams im Traum als eine Art geistlicher Kontakt bewertet. Dies gewinnt besonders in der Zeit der Ghayba — der Zeit der Verborgenheit des zwölften Imams — große Bedeutung: Die Gläubigen können mit dem verborgenen Imam durch den Traum eine Verbindung herstellen.

Methode und eigentümliche Struktur des Deutungssystems

Die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition teilt die gemeinsamen Prinzipien des klassischen islamischen Deutungssystems (drei Traumarten, Kontextualität, koranischer Bezug); sie ist jedoch durch vier eigentümliche Beiträge gekennzeichnet:

1. Ahl-al-Bayt-Symbolik

Im Dscha'far as-Sâdiq zugeschriebenen Traumbuch werden neben den klassischen Ibn-Sîrîn-Symbolen auch eigens auf die Ahl al-Bayt bezogene Symbole ausführlich behandelt:

Diese Symbolik ist das Rückgrat der schiitischen Reise-Tradition. In der klassischen schiitischen geistlichen Pädagogik ist ein wichtiger Indikator für die geistliche Entwicklung des Murîd, über wen er träumt: zuerst der Prophet, dann Ali, dann die übrigen Imame — diese Reihenfolge zeigt die Schichtung des geistlichen Aufstiegs.

2. Zahlen-buchstäbliche Hermeneutik (Dschafr)

Die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition verbindet die Dschafr-Wissenschaft (die esoterische Deutung auf der Grundlage der Zahlenwerte der arabischen Buchstaben) mit der Traumdeutung. Mit dem Abdschad-System (den traditionellen Zahlenwerten der arabischen Buchstaben: Alif=1, Bâ=2, Dschîm=3 … Schîn=300, Tâ=400 usw.) wird der Zahlenwert der im Traum gesehenen Symbole berechnet, und die Korrelation dieses Wertes mit im Koran vorkommenden Versen, mit Hadithen oder mit kosmologischen Zahlen (etwa 12 Imame, 14 Unfehlbare, 99 Namen) wird der Deutung zugrunde gelegt. Diese Methodik steht in engem Kontakt mit der Tradition der „Ilm al-Hurûf" (Wissenschaft der Buchstaben) Ibn Arabîs und bildet das Rückgrat der klassischen islamischen Esoterik.

Beispiel: Im Traum den Namen „Ali" (ع ل ي) zu hören. Sein Abdschad-Wert: Ayn=70 + Lâm=30 + Yâ=10 = 110. Diese Zahl tritt in eine Korrelation, die dem Abdschad-Wert des Wortes „Allah" (الله) im Koran (66 + Hâ=5 + 39 = 110; Allah = 1+30+30+5 = 66, oder nach anderer Berechnung kommt ebenfalls 110 mit einer anderen Methode heraus) nahekommt, und wird in der schiitischen esoterischen Deutung als „die geistliche Verbindung zwischen Ali und Allah" gelesen. Solche Lesarten gehören zu den charakteristischen Merkmalen der schiitischen Esoterik.

3. Farbhermeneutik

Das Dscha'far as-Sâdiq zugeschriebene Traumbuch bietet eine ausführliche Deutungstafel für die Farben. Eine klassische Tafel:

Dass das Grün als Farbe der Ahl al-Bayt hervortritt, zeigt deutlich den schiitischen Charakter der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition. Auch in der klassischen Ibn-Sîrîn-Tradition ist Grün eine positive Farbe; doch ist in der Dscha'far-Tradition die besondere Betonung der Ahl al-Bayt ausgeprägt.

4. Esoterische Bâtinîya

Der eigentümlichste Aspekt der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition ist das Verständnis der bâtinî Deutung (Ta'wîl-i Bâtinî). In der schiitischen Tradition, besonders im ismailitischen Zweig, ist die Lehre zentral, dass jede sichtbare Sache eine verborgene, esoterische Bedeutung hat. Die Anwendung dieser Lehre (der Zâhir/Bâtin-Dialektik) auf die Traumdeutung erfordert es, nicht nur die manifeste symbolische Sprache des Traums, sondern auch seine archetypische kosmische Entsprechung zu deuten.

So bedeutet etwa in der klassischen Ibn-Sîrîn-Tradition das Sehen des „Meeres" im Traum „Herrscher" oder „eine große Angelegenheit". In der esoterischen Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition wird dasselbe Symbol als „die Unendlichkeit des Wissens, die Tiefe der Gnosis (Irfân), das ledunnische Wissen" gedeutet; das Meer wird als Symbol des „Daryâ-yi Ilm" (des Meeres des Wissens) an das Wissen Alis geknüpft (Hadith „Ich bin die Stadt des Wissens, und Ali ist ihr Tor"). Dies ist der Gewinn einer bâtinî Schicht des klassischen Symbols.

Praktische Beispiele

Spezifische Deutungen der schiitischen Symbolik

Beispiele der Zahlensymbolik

Vergleichende Perspektive

Dscha'far as-Sâdiq ↔ Ibn Sîrîn

Der Vergleich der beiden Traditionen ist von grundlegender Bedeutung, um die innere Pluralität des klassischen islamischen Traumdeutungserbes zu verstehen:

Dimension Ibn-Sîrîn-Tradition (sunnitisch) Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition (schiitisch)
Autoritätsquelle Gefährten, Tâbi'în, hadith-zentriert Ahl al-Bayt, imamat-zentriert
Geografie Basra, sunnitische Zentren Medina, Kufa, schiitische Zentren
Symbolset Mit Bezug auf Koran, sunnitische Hadithe Koran, Ahl-al-Bayt-Überlieferungen, Dschafr
Person in den Träumen Prophet, Gefährten, Gelehrte Prophet, Imame, Ahl al-Bayt
Farbsymbolik Allgemein; Grün positiv Grün besonders Farbe der Ahl al-Bayt
Zahlensymbolik Begrenzt, unmittelbar Intensiv (Dschafr, Abdschad)
Bâtinîya Begrenzt, auf Hadith beschränkt Intensiv; Zâhir/Bâtin-Dialektik
Deutungshierarchie Deuter → Volk Imam → Gelehrter → Gläubiger (Silsila)
Moderner Empfänger Sunnitische Welt allgemein Schiitische Welt, esoterische Sufi-Milieus

Das parallele, aber andersartige Wirken der beiden Traditionen ist ein wichtiges Beispiel des geistlichen Pluralismus der klassischen islamischen Welt. Beide Traditionen stützen sich auf die Lehre des Korans und des Propheten vom „wahren Traum", doch beruhen sie im Deutungsrahmen auf verschiedenen Autoritäten und symbolischer Codierung.

Dscha'far as-Sâdiq ↔ Jungs Tiefenpsychologie

Das Prinzip der esoterischen Bâtinîya der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition trägt bemerkenswerte Parallelen zur Lehre von den Archetypen und der Symbolik des Unbewussten Carl Jungs:

Henri Corbin — einer der engen Freunde Jungs, ein Mitglied des Eranos-Kreises und der wichtigste Interpret des schiitischen Mystizismus im Westen — arbeitet in L'imagination créatrice dans le soufisme d'Ibn 'Arabî (1958) und En Islam iranien (4 Bände, 1971–72) die Parallele der schiitischen esoterischen Tradition zum System Jungs ausführlich aus. Corbin zufolge entspricht die Lehre der schiitischen „Welt des Imaginalen" (mundus imaginalis / Âlam al-Mithâl) strukturell dem Begriff des kollektiven Unbewussten Jungs; doch ist zu betonen, dass Jungs System psychologisch, das schiitische System ontologisch ist.

Dscha'far as-Sâdiq ↔ tibetisches Traumyoga

Das Verständnis Traum = geistlicher Kanal in der schiitischen esoterischen Tradition zeigt eine strukturelle Ähnlichkeit zum tibetischen Traumyoga (Milam Naljor). In beiden Traditionen gilt:

Der Unterschied: Das tibetische Traumyoga hat eine systematische Disziplin auf der Grundlage des kontrollierten Achtsamkeitstrainings entwickelt (eines der „Sechs Yogas" Nāropas); in der schiitischen Tradition hingegen wird der Traum eher als spontan kommender göttlicher Kontakt gesehen, und es gibt keine systematische Disziplin des „geweckten Traums". Doch findet das Thema des luziden Traums besonders in den modernen sufisch-schiitischen Milieus (etwa den Kreisen des „Irfân-i Schi'î" im Iran) Interesse.

Dscha'far as-Sâdiq ↔ die Imaginations-Tradition der Kabbala

In der jüdischen mystischen Tradition hat die Traumdeutung, beginnend mit der Josephs-Geschichte der Bibel, eine sehr reiche Tradition gebildet. Der Zohar (13. Jh.) und die chassidische Tradition betrachten den Traum als geistliche Quelle. Die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen der Dscha'far-Tradition und der Kabbala:

Diese Ähnlichkeit ist kein Zufall: Sowohl die schiitische als auch die jüdische esoterische Tradition zehrten vom gemeinsamen esoterischen Repertoire des Nahen Ostens und standen besonders im 9.–13. Jahrhundert in Zentren wie Bagdad, al-Andalus und Ägypten in wechselseitigem Kontakt.

Moderne Reflexionen

Der Traum in der modernen schiitischen Welt

In der heutigen schiitischen Welt, besonders in den traditionellen schiitischen Milieus des Iran und des Libanon, leben Träume als Teil der täglichen geistlichen Praxis fort. Die Träume Imam Khomeinis und seiner Familie nehmen in der schiitischen Volksspiritualität einen ausgeprägten Platz ein; so nehmen etwa die Erzählungen über das Sehen Fâtimas im Traum durch seine Mutter in der schiitischen Volksspiritualität einen ausgeprägten Platz ein. Die Kreise des Irfân-i Schi'î (besonders die von Figuren wie Tabâtabâî, Dschawâdî Âmulî, Hasanzâde Âmulî vertretene Tradition) behandeln den Traum als ein Mittel der geistlichen Reise und empfehlen jungen Sâliks, regelmäßig ein Traumtagebuch zu führen.

Modernes akademisches Interesse

Pierre Lorys Werk Le rêve et ses interprétations en Islam (2003) bietet eine systematische akademische Analyse der Dscha'far as-Sâdiq und seinem Erbe zugeschriebenen Deutungstexte. Dieser Studie zufolge ist die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition als ein eigentümlicher Zweig der klassischen islamischen Deutungsliteratur zu bewerten; nicht nur als eine der Hilfsquellen Ibn Sîrîns.

Der von Liana Saif herausgegebene Sammelband Divination, Magic and Healing in the Islamic World (2021) arbeitet die Linie der schiitischen esoterischen Tradition (besonders Dschafr, die Wissenschaft der Namen und die Traumdeutung) von der klassischen bis zur modernen Zeit im Detail aus. Dieser Sammelband zeigt, dass die moderne wissenschaftliche Behandlung der Dscha'far-Tradition reicher geworden ist.

Der Traum in den neuen dschihadistischen Bewegungen

Iain Edgars ethnografische Untersuchungen haben gezeigt, dass in den modernen radikal-islamischen Bewegungen (Taliban, IS usw.) Träume bei Führungs- und operativen Entscheidungen verwendet werden. Dies ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass die klassische Deutungstradition (sowohl die Ibn-Sîrîn- als auch die Dscha'far-Linie) in der modernen politisch-religiösen Mobilisierung fortdauert. Doch wird dieser Umstand akademisch als eine abwegige Verwendung der klassischen Traditionen bewertet; denn die klassische Tradition wirkt im Rahmen der persönlichen geistlichen Praxis, nicht für eine kollektive Gewaltpolitik.

Kritik

Autorschaftskritik

Alle Autorschaftsfragen, die für den Ibn-Sîrîn-Text gestellt wurden, gelten auch für die unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq zusammengestellten Deutungstexte. Wie Pierre Lory und andere moderne Forscher gezeigt haben, ist die Risâla fî Ta'bîr al-Ahlâm vermutlich nicht das eigene Werk Dscha'far as-Sâdiqs; sie ist vielmehr eine auf einer von seinen Schülern kommenden mündlichen Tradition aufgebaute Kompilation. In den klassischen Quellen — besonders den frühen schiitischen Quellen — findet sich kein klarer Beleg dafür, dass Dscha'far ein systematisches Deutungsbuch verfasst habe.

Inhaltliche Kritik: Sektarianismus

Die schiitisch-zentrierte Symbolik der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition ist der Kritik eines konfessionellen Reduktionismus ausgesetzt. Ein sunnitischer Deuter mag nicht anerkennen, dass das Sehen Husains im Traum zwingend schiitische geistliche Botschaften enthält; denn Husain ist auch in der sunnitischen Tradition eine ehrwürdige Persönlichkeit, trägt aber nicht die Dichte der schiitischen Symbolik. Dies zeigt den je nach Konfession wechselnden Deutungsrahmen der Traumsymbole und betont die Schwierigkeit, ein absolutes Deutungssystem zu errichten.

Moderne kognitive Kritik

Wie im Fall Ibn Sîrîns ist aus der Sicht der modernen Neurowissenschaft und der kognitiven Wissenschaft die Behauptung der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition vom metaphysischen Ursprung des Traums — besonders die Lehre, dass die Imame durch Träume Führung erteilen — wissenschaftlich nicht verifizierbar. Doch ist folgende Nuance hervorzuheben: Die Wissenschaft erklärt zwar den biologischen Mechanismus der Träume, hebt aber ihre phänomenologische Bedeutung und ihre persönliche Führungsfunktion als soziologisch-psychologische Wirklichkeit nicht auf. Als anthropologische Wirklichkeit bestehen die Traumdeutungstraditionen fort.

Feministische Kritik

Die klassischen schiitischen Traumdeutungstexte (einschließlich der unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq zusammengestellten) sind großenteils aus männlicher Perspektive verfasst. Die den Frauenträumen gewidmeten Abschnitte sind begrenzt und meist auf Ehe, Geburt, Mutterschaft reduziert. Moderne schiitische feministische Denkerinnen (etwa Figuren wie Hanan Aschrawi im Libanon und Forscherinnen wie Zahra Rahnavard im Iran) haben diese männerzentrierte Symbolik hinterfragt und die Ansicht vertreten, die frauenspezifische Traumdeutung müsse sich als eigener Bereich entwickeln.

Die Tiefe des unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq entwickelten esoterischen Erbes

Die Dschafr-Wissenschaft: Die Systematisierung der Zahlenhermeneutik

Die Dschafr-Wissenschaft (arabisch: علم الجفر) ist die zentrale Disziplin der klassischen islamischen Esoterik und gilt als unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq systematisiert. Dschafr — wörtlich „junges Kamelfell" — repräsentiert ein Buch, von dem man glaubt, Ali habe auf einem legendären Pergament die Geheimnisse über die Zukunft niedergeschrieben. Das unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq entwickelte Dschafr-System enthält folgende Bestandteile:

  1. Dschafr-i Dschâmi': Der grundlegende Referenzrahmen des gesamten zahlen-buchstäblichen Systems. Die Entsprechungen der 28 arabischen Buchstaben zu den vier Elementen (Erde, Luft, Wasser, Feuer) und den vier Stufen (Körper, niedere Seele, Geist, das Göttliche).
  2. Dschafr-i Kabîr: Das große Dschafr; es enthält weitreichende Prophezeiungen über die Zukunft. In der schiitischen Tradition besonders wichtig; die Grundquelle der Prophezeiungen über den Mahdî.
  3. Dschafr-i Saghîr: Das kleine Dschafr; spezifische Prophezeiungen über das tägliche Leben.

Die Anwendung des Dschafr-Systems auf die Traumdeutung ist der eigentümliche Beitrag der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition. Der arabische Name eines im Traum gesehenen Symbols wird zuerst in seine Buchstaben zerlegt, dann wird der Abdschad-Wert jedes Buchstabens berechnet, dann wird die Verbindung dieser Zahl mit im Koran vorkommenden Versen, mit Hadithen, mit kosmologischen Bezügen (12 Imame, 14 Unfehlbare, 99 Namen, 7 Sphären, 7 Stufen der niederen Seele usw.) hergestellt, und die Deutung wird aus dieser Synthese abgeleitet.

Das Abdschad-System: Ein ausführlicher Blick

Das klassische Abdschad-System weist den 28 arabischen Buchstaben Zahlenwerte zu. Dieses System, das von alten semitischen und aramäischen Systemen abstammt, wurde in der klassischen islamischen Welt nicht nur zu esoterischen Zwecken verwendet, sondern auch zur Datierung (Abdschad-Datum), zur Dichtung (historische Komposition) und zum Rechnen. Das System:

Mit diesem System wird der Wert eines Wortes berechnet. So etwa „Muhammad" (محمد): Mîm=40 + Hâ=8 + Mîm=40 + Dâl=4 = 92. Diese Zahl gilt als zentral für die spirituelle Identität des Propheten und wird in den klassischen Qasîden beständig verwendet.

In der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition ist der Abdschad-Wert der im Traum gesehenen arabischen Wörter das grundlegende Mittel der Traumdeutung. Dies fügt über die herkömmliche Ibn-Sîrîn-Deutung hinaus eine esoterische Schicht hinzu.

Die Verbindung zur „Ilm al-Hurûf"

Die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition ist eng mit der „Ilm al-Hurûf" (Wissenschaft der Buchstaben) der sufischen Metaphysik verbunden. Diese Disziplin wurde im klassischen Sufismus — besonders in Ibn Arabîs Futûhât al-Makkiyya, in al-Bûnîs (gest. 1225) Schams al-Ma'ârif al-Kubrâ und in der Hurûfîya-Bewegung — systematisiert. Die Ilm al-Hurûf richtet sich nicht nur auf die Zahlenwerte der Buchstaben, sondern auf ihre kosmologischen Bedeutungen, ihre phonetischen Eigenschaften (Machradsch, Sifa) und die göttlichen Namen, die sie repräsentieren. Die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition integriert diese Disziplin in das Traumdeutungssystem und bringt so eine eigentümliche Hermeneutik hervor.

Dscha'far as-Sâdiq und die Entstehung der ismailitischen Tradition

Eine Gruppe, die einem der Söhne Dscha'far as-Sâdiqs, Ismâ'îl b. Dscha'far (gest. ~760), folgte, gründete später die Konfession, die als ismailitisch oder Siebener-Schia bekannt ist. Die ismailitische Tradition ist die am stärksten systematisierte Form des unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq entwickelten esoterischen Erbes. Das 10. Jahrhundert mit dem Fatimiden-Kalifat (909–1171) ist das Goldene Zeitalter des ismailitischen Denkens; das Dâr al-Hikma (Haus der Weisheit) in Kairo ist ein mit der islamisch-hellenistisch-indischen Synthese erfülltes intellektuelles Zentrum.

Die ismailitischen Theoretiker der Fatimidenzeit — al-Kirmânî (gest. 1021), Hamîd ad-Dîn al-Kirmânîs Râhat al-Aql, die philosophischen Werke Nâsir-i Chusraws (1004–1088) — haben die Tradition der bâtinî Deutung Dscha'far as-Sâdiqs in ein metaphysisches System verwandelt. In diesem System hat jede sichtbare Sache (Zâhir) eine verborgene Entsprechung (Bâtin), und das wahre geistliche Wissen wird durch Ta'wîl (den Aufstieg vom Zâhir zum Bâtin) erlangt. Auch die Traumdeutung gilt als eine Erweiterung dieser Ta'wîl-Praxis.

Die Aleviten und Dscha'far as-Sâdiq

Auch die anatolische alevitisch-bektaschitische Tradition hegt eine tiefe Ehrfurcht vor Dscha'far as-Sâdiq. Imam Dscha'far, im Alevitentum als Dschafa-i Sâdiq angerufen, steht im Zentrum der im Alevitentum als „Buyruks des Dscha'far-i Sâdiq" bekannten Texttradition. Diese Texte liefern unter Berufung auf Dscha'far den doktrinären Grund der alevitisch-bektaschitischen Praktiken (das Cem-Ritual, die Rolle der Dedes, der Semah, das Niyâz). Auch die Traumdeutung nimmt in der alevitischen Tradition einen wichtigen Platz ein; die Dedes leiten durch die Deutung der Träume der Gemeindemitglieder deren geistliche Reisen. Dies ist die lebendige Form der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition innerhalb Anatoliens.

Das klassische schiitische Deutungsrepertoire: Ein ausführlicher Blick

Einige typische Deutungsbeispiele aus den unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq entwickelten Deutungsbüchern:

Die Deutung von Orten

Die Deutung übernatürlicher Wesen

Die Deutung geistlicher Praktiken

Das vielfältige geistliche Erbe Dscha'far as-Sâdiqs: Zeitgenössische Wirkungen

Das geistliche Erbe Dscha'far as-Sâdiqs lebt nicht nur im Bereich der Traumdeutung, sondern in zahlreichen esoterischen Traditionen der klassischen islamischen Welt als Bezugspunkt fort. Die bis in unsere Zeit reichenden Wirkungen dieses Erbes lassen sich auf einigen Achsen untersuchen:

Die Vielfalt der schiitischen Konfessionen und Dscha'far as-Sâdiq

Die geistliche Autorität Dscha'far as-Sâdiqs ist der grundlegende Knotenpunkt der Konfessionsbildung innerhalb der schiitischen Tradition nach ihm. Verschiedene Gruppen, die den Söhnen Dscha'fars folgten, gründeten später voneinander getrennte Konfessionen:

  1. Imâmiyya (Zwölferschia): Die verbreitetste schiitische Konfession, die Dscha'fars Sohn Mûsâ al-Kâzim als siebten Imam anerkennt und auf zwölf Imamen beruht. Vorherrschend im Iran, im Irak, im Libanon, in Bahrain, in Aserbaidschan und in einem Teil des Jemen. Der Hauptträger der klassischen schiitischen Deutungstradition.

  2. Ismailitentum: Die Gruppe, die Dscha'fars ältesten Sohn Ismâ'îl b. Dscha'far als siebten Imam anerkennt. Der Fatimidenstaat (909–1171) ist seine glänzendste politische Ausprägung. Die modernen ismailitischen Gemeinschaften (die nizaritischen Ismailiten — die Gemeinschaft des Aga Khan, die musta'litischen Ismailiten — die Bohra-Gemeinschaft) führen die Traumdeutungstradition fort, jedoch in modernen Formen.

  3. Zaiditentum: Die Gruppe, die Zaid b. Ali (dem Sohn Zain al-Âbidîns, dem Onkel Dscha'far as-Sâdiqs) folgt. Sie lebt im Jemen. Sie stützt sich nicht unmittelbar auf die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition, trägt aber strukturelle Ähnlichkeiten mit ihr.

  4. Wâqifiyya: Die Gruppe, die glaubt, Dscha'fars Sohn Mûsâ al-Kâzim sei in die Verborgenheit eingegangen, und ihn als letzten Imam betrachtet. Sie ist später verschwunden.

  5. Fathiyya/Aftahiyya: Die Gruppe, die Dscha'fars Sohn Abdullah al-Aftah folgt. Nach seinem kurzen Imamat schloss sich die Mehrheit der Imâmiyya an.

Das Erbe Dscha'far as-Sâdiqs in Anatolien

Die anatolische alevitisch-bektaschitische Tradition hegt eine tiefe Ehrfurcht vor Dscha'far as-Sâdiq. Die als „Buyruks des Dscha'far-i Sâdiq" bezeichnete Texttradition ist ein unter Berufung auf ihn entwickelter alevitischer Praxisleitfaden. In diesen Texten:

Diese alevitisch-bektaschitische Tradition ist die volkssufische Form der klassischen schiitischen Deutungstradition und lebt in der Türkei bis heute fort. In den Werken alevitisch-bektaschitischer Dichter wie Pir Sultan Abdal (16. Jh.), Schah Ismail Chatâî (1487–1524), Kul Himmet (16. Jh.) und Aschik Veysel (1894–1973) sind die Motive Dscha'far as-Sâdiqs deutlich nachzuvollziehen.

Der Dscha'far-as-Sâdiq-Kontext im modernen Iran

In der Islamischen Republik Iran (nach 1979) wurde die dschafaritische Rechtsschule als offizielle Rechtsschule anerkannt; das geistliche Erbe Dscha'far as-Sâdiqs wurde auf staatlicher Ebene angeeignet. Die Hawza (die traditionelle schiitische religiöse Schule) in der Stadt Qom ist der moderne Vertreter der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition. Die in der Hawza herangebildeten religiösen Gelehrten der neuen Generation (Mudschtahids) betreiben Studien, in denen sie die klassische Dscha'far-Deutungstradition mit der modernen psychologischen Literatur vergleichen; so etwa Said Tatari und andere schiitische Denker der neuen Generation.

Die unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq entwickelte symbolische Deutungstafel

Die Symbol-Deutungs-Tafel in den klassischen Dscha'far-as-Sâdiq-Deutungsbüchern trägt zwar Ähnlichkeiten mit der klassischen Ibn-Sîrîns, zehrt aber von einem schiitischen symbolischen Code. Im Folgenden typische Beispiele aus dem klassischen Dscha'far-as-Sâdiq-Deutungskatalog:

Natursymbole (aus der esoterischen Perspektive Dscha'fars)

Der menschliche Körper

Speisen

Die Klassifizierung der unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq entwickelten geistlichen Praktiken

Ein weiterer wichtiger Bereich, der unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq entwickelt wurde, ist die systematische Klassifizierung der geistlichen Praktiken. Der schiitischen Spiritualität zufolge bewertet der Derwisch oder Sâlik auf seiner eigenen geistlichen Reise seine Träume in folgenden Kategorien:

Traumtypen nach den Stufen der Reise

  1. Träume der Reue und Buße: Zu Beginn der Reise, die Auseinandersetzung mit vergangenen Fehlern. Den klassischen Deutungsbüchern zufolge: Träume von Weinen, Wasser, Reinigung.
  2. Träume der Murâqaba und Tafakkur: Die Zeit, in der die geistliche Aufmerksamkeit zunimmt. Dunkel-hohe Orte, Sterne, Nachtlandschaften.
  3. Träume der Chalwa und Askese: In der vierzigtägigen Askesezeit häufig gesehene Träume. An Bilder wie Wüste, Höhle, Vogelnest geknüpft.
  4. Träume der Muschâhada: Die Zeit, in der die geistlichen Wirklichkeiten zu sehen beginnen. Licht, Lichter, Engel.
  5. Träume der Vuslat (Vereinigung): Die höchste Stufe der geistlichen Reise. Die bekannten klassischen Motive: heilige Orte, der Prophet, die Ahl al-Bayt.

Diese Kategorisierung ist eine schiitische Form der klassischen sufischen Pädagogik. Wichtige Figuren des modernen Irfân-i Schi'î wie Mîr Dâmâd (1561–1631), Mullâ Sadrâ (1571–1640) und in jüngerer Zeit Tabâtabâî und Mutahharî haben diese Systeme in ihren eigenen philosophischen Systemen bearbeitet.

Der Traum in der modernen schiitischen geistlichen Literatur

Eine der führenden Figuren der modernen schiitischen esoterischen Literatur, Allâma Sayyid Muhammad Husain Tabâtabâî (1903–1981), widmete in seinem Korankommentar al-Mîzân fî Tafsîr al-Qur'ân dem Traum einen eigenen Abschnitt; in seiner Deutung der Sure Yûsuf stellte er die klassische Deutungstradition in einen philosophischen Rahmen. Tabâtabâî behandelt die Träume als Ausprägungen der Barzach-Welt (in der schiitisch-irfânischen Terminologie Âlam al-Mithâl), wobei diese Welt eine Brücke zwischen der materiellen und der geistlichen Welt ist.

Tabâtabâîs Schüler Murtazâ Mutahharî (1920–1979) — einer der geistlichen Architekten der iranischen Revolution — verfasste ein Buch über den Traum: Ma'âd: Vahdat-i Sidschîn ve Hayât-i Barzachî (Das Barzach-Leben und das gesammelte Leben). Dieses Werk errichtet das klassische islamische Traumverständnis in einer modernen philosophischen Sprache neu.

Hasanzâde Âmulî (1929–2021), einer der größten lebenden Vertreter des modernen schiitischen Irfân, maß dem Traum eine eigene Bedeutung bei; er erörterte die Methodik des Empfangens geistlicher Führung durch den Traum. Zu seinen Schülern zählen Erbauer des modernen schiitischen Denkens wie Dschawâdî Âmulî (geb. 1933) und Misbâh Yazdî (1934–2021).

Im Allgemeinen ist das moderne schiitische Denken ein Kanal, der die klassische Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition lebendig hält und in eine philosophische Sprache verwandelt. Dies bildet einen Kontrast zur bisweilen kritischen Haltung des sunnitischen Modernismus (Muhammad Abduh, Raschid Ridâ) gegenüber dem traditionellen Deutungserbe.

Der Traum innerhalb der schiitischen mystischen Praxis

In der klassischen schiitischen esoterischen Tradition spielt der Traum auf der geistlichen Reise des Murîd eine sehr zentrale Rolle. Die Kreise des Irfân-i Schi'î (besonders die esoterische Tradition des Iran im 19. und 20. Jahrhundert) empfehlen ihren Murîden die Disziplin, regelmäßig ein Traumtagebuch zu führen. Die grundlegenden Schritte dieser Disziplin:

  1. Gebet und Dhikr vor dem Schlafengehen: Besonders die Tasbîh Fâtimas, die edlen Segenswünsche (Salawât-i Scharîfa).
  2. Absicht (Niyya): Gott mitzuteilen, in welcher Sache Führung erbeten wird.
  3. Auf der rechten Seite schlafen: Die Sunna des Propheten.
  4. Die Aufzeichnung, sobald der Traum erinnert wird: Die erinnerten Traumdetails schriftlich festzuhalten, noch bevor man vollends zum Wachzustand übergegangen ist.
  5. Deutung: Die Deutung des Traums gemeinsam mit dem Scheich der Reise (Mürschid).

Dieser Prozess ist eine schiitische Form der klassischen sufischen Praktiken und ist im modernen psychologischen Sinne eine geistliche Version der Praxis des Traumtagebuchführens. Er trägt eine bemerkenswerte strukturelle Ähnlichkeit zur Praxis des Traumtagebuchs, die auch Carl Jung sein Leben lang ausübte.

Schluss: Zwei Traditionen, ein hermeneutisches Erbe

Die Dscha'far as-Sâdiq zugeschriebene Traumdeutung ist ein paralleler Zweig des geistlichen Erbes der klassischen islamischen Welt. Wie die Ibn-Sîrîn-Tradition teilt sie die grundlegenden Bausteine der klassischen islamischen hermeneutischen Tradition — drei Traumarten, Kontextualität, koranischer Bezug —, fügt diesen aber die Schichten der schiitischen esoterischen Färbung, der Dschafr/Abdschad-Zahlenhermeneutik, der Ahl-al-Bayt-Symbolik und der bâtinî Deutung hinzu. Der Dialog zwischen diesen beiden Traditionen spiegelt das plurale geistliche Erbe der klassischen islamischen Welt wider.

In der modernen vergleichenden Perspektive wird die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition reicher, wenn man sie mit der Tiefenpsychologie Jungs, der Gematria-Tradition der Kabbala, dem tibetischen Traumyoga und der modernen feministischen Hermeneutik in einen Dialog bringt. Wie Henri Corbin hervorgehoben hat, lässt sich die schiitische esoterische Tradition — einschließlich der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition — als der östliche Flügel des islamisch-christlich-jüdischen esoterischen Erbes bewerten und ist ein wichtiger Teil des gemeinsamen geistlichen hermeneutischen Erbes der Menschheit.

Heute bewahrt die Dscha'far-as-Sâdiq-Deutungstradition besonders in den schiitischen Milieus des Iran, des Irak und des Libanon sowie in der schiitischen Diaspora im Westen ihre Lebendigkeit; akademische Untersuchungen (Pierre Lory, Liana Saif usw.) führen zu einer Neubewertung dieses Erbes; moderne schiitische Spiritualitätslesarten entwickeln eine zeitgenössische Anwendung davon. Für ein vergleichendes Spiritualitätsprojekt wie das Weisheitstagebuch ist die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition ein wertvoller Bezugspunkt, der sowohl die Pluralität der klassischen islamischen Traumdeutung als auch die Eigentümlichkeit des schiitischen esoterischen Erbes zeigt.