Die Dscha'far as-Sâdiq zugeschriebene Traumdeutung
Die dem sechsten schiitischen Imam Dscha'far as-Sâdiq (702–765) zugeschriebene Traumdeutungstradition; ein paralleles Deutungssystem, das das schiitisch-esoterische Erbe und eine esoterische Zahlenhermeneutik kennzeichnet.
Definition und Identität des Werkes
Die Dscha'far as-Sâdiq zugeschriebene Traumdeutung oder, mit ihrem klassischen Titel, die Risâla fî Ta'bîr al-Ahlâm li'l-Imâm Dscha'far as-Sâdiq (arabisch: رسالة في تعبير الأحلام للإمام جعفر الصادق) ist eine Traumdeutungsabhandlung, die unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq (~702–765), den als sechsten Imam der schiitischen Imâmiyya (Zwölferschia) und der ismailitischen Traditionen geltenden, zusammengestellt wurde. Dieser Text bietet ein paralleles, aber andersartiges hermeneutisches System zum großen Deutungskorpus, das unter Berufung auf Ibn Sîrîn zusammengestellt wurde: Er vereint das schiitische geistliche Erbe, eine esoterische Zahlenhermeneutik und besonders die Symbolik der Ahl al-Bayt.
Der Text war in der klassischen islamischen Welt weit verbreitet; er wurde neben den schiitischen Kreisen auch in sunnitisch-sufischen Milieus gelesen — besonders in den mit der Tradition der Vahdat al-Wudschûd (Einheit des Seins) verbundenen Orden. Der Grund hierfür ist, dass Dscha'far as-Sâdiq sowohl in den schiitischen als auch in den sunnitischen Traditionen als gemeinsame geistliche Autorität gilt. Ja, in den klassischen Deutungskompilationen — etwa in Abd al-Ghanî an-Nâbulusîs Werk Ta'tîr al-Anâm fî Ta'bîr al-Manâm (17. Jh.) — werden die von Dscha'far as-Sâdiq kommenden Überlieferungen neben jenen Ibn Sîrîns angeführt.
Bei der Autorschaftszuschreibung des Textes besteht, wie im Fall Ibn Sîrîns, eine tiefe Debatte. Wie in Pierre Lorys Le rêve et ses interprétations en Islam (2003) und in Toufic Fahds klassischem La divination arabe (1966) gezeigt wird, sind die Dscha'far as-Sâdiq zugeschriebenen Deutungstexte höchstwahrscheinlich nicht sein eigenes Werk; sie sind vielmehr die in späteren Jahrhunderten (vermutlich im 10.–11. Jahrhundert) verschriftlichte Kompilation einer von den Schülern Dscha'fars kommenden mündlichen Tradition. Dennoch trägt der Text deutliche Spuren der schiitischen geistlichen Weltsicht und ist als ein wichtiger Zweig der klassischen islamischen Deutungsliteratur der Untersuchung wert.
Doktrinär-historischer Kontext
Die historische Persönlichkeit Dscha'far as-Sâdiqs
Dscha'far as-Sâdiq (Abû Abdillâh Dscha'far b. Muhammad al-Bâqir as-Sâdiq, ~702–765), geboren in Medina, dort ausgebildet und dort verstorben, ist eine der großen Persönlichkeiten der Ahl al-Bayt, der nach der schiitischen Imâmiyya-Tradition der sechste Imam und nach der ismailitischen Tradition ebenfalls der sechste Imam ist. Er stammt über Ali und Husain von der Nachkommenschaft des Propheten ab. Sein Vater Muhammad al-Bâqir (der fünfte Imam), sein Sohn Mûsâ al-Kâzim (nach der Imâmiyya der siebte Imam) und Ismâ'îl b. Dscha'far (der sechste oder siebte Imam der Ismailiten) sind die bestimmenden Figuren seiner Generation.
Dscha'far as-Sâdiq wird in den klassischen Quellen — nicht nur den schiitischen, sondern auch den sunnitischen — als der größte Gelehrte seiner Zeit dargestellt. Zu seinen Schülern zählen die führenden Köpfe der Hadith-Gelehrten Abû Hanîfa (der Imam der Rechtsschule) und Mâlik b. Anas (der Imam der malikitischen Rechtsschule). Darüber hinaus sind Dschâbir b. Hayyân (der Vater der Alchemie), Wâsil b. Atâ (der Begründer der mu'tazilitischen Schule) und Sufyân ath-Thaurî sowie viele andere führende Gelehrte seiner Zeit mit ihm verbunden. Dieser mehrere Rechtsschulen übergreifende Einfluss macht ihn zu einem gemeinsamen intellektuellen Vorvater der gesamten muslimischen Tradition.
Wie Robert Gleave in seinem Eintrag zu Dscha'far as-Sâdiq in der Encyclopaedia Iranica anmerkt, umfasst sein wissenschaftliches Erbe vier weite Felder:
- Fiqh: Er legte die Grundlagen der schiitischen dschafaritischen Rechtsschule (der verbreitetsten schiitischen Rechtsschule).
- Tafsîr: In den klassischen Quellen kursieren ihm zugeschriebene Werke namens „Tafsîr al-Qur'ân"; besonders Überlieferungen, die die bâtinî (inneren) Bedeutungen der Verse erklären.
- Hadith: Die meisten Überlieferungen der schiitischen Hadith-Korpora (al-Kâfî des Kulainî, Man lâ Yahduruhu al-Faqîh des Ibn Bâbawaih) stützen sich auf ihn.
- Geistliche Wissenschaften: Traumdeutung, Alchemie, die Wissenschaft der schönsten Namen Gottes (Asmâ' al-husnâ), Dschafr (zahlen-buchstäbliche Esoterik), Istichâra.
Der Traum im schiitischen Denken: Allgemeiner Rahmen
In der schiitischen Tradition wird der Traum nicht wie in der sunnitischen Tradition als „ein Sechsundvierzigstel der Prophetie" verstanden, sondern in einer stärkeren Position — als ein Kanal der Walâya (Heiligkeit/geistlichen Statthalterschaft). Dieser Unterschied rührt von der grundlegenden Besonderheit des schiitischen Denkens her: Im sunnitischen Denken endet die Prophetie mit Mohammed, und die spätere Führung wird über Idschmâ', Qiyâs und die Gelehrten errichtet; im schiitischen Denken hingegen dauert die Institution des Imamats fort, und die Imame sind die beständigen Kanäle der geistlichen Führung. In diesem Rahmen gilt der Traum nicht nur als Diagnose des geistlichen Zustands des Einzelnen, sondern zugleich als Beleg dafür, dass die Linie der Walâya (besonders die der Imame und der Heiligen) fortbesteht.
In den schiitischen Hadith-Korpora ist besonders das Motiv „den Imam im Traum sehen" wichtig. Ganz so, wie gelehrt wird, dass das Sehen des Propheten im Traum Wirklichkeit ist (Buchârî 110: „Wer mich im Traum sieht, hat mich gewiss wirklich gesehen"), wird in der schiitischen Tradition auch das Sehen des Imams im Traum als eine Art geistlicher Kontakt bewertet. Dies gewinnt besonders in der Zeit der Ghayba — der Zeit der Verborgenheit des zwölften Imams — große Bedeutung: Die Gläubigen können mit dem verborgenen Imam durch den Traum eine Verbindung herstellen.
Methode und eigentümliche Struktur des Deutungssystems
Die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition teilt die gemeinsamen Prinzipien des klassischen islamischen Deutungssystems (drei Traumarten, Kontextualität, koranischer Bezug); sie ist jedoch durch vier eigentümliche Beiträge gekennzeichnet:
1. Ahl-al-Bayt-Symbolik
Im Dscha'far as-Sâdiq zugeschriebenen Traumbuch werden neben den klassischen Ibn-Sîrîn-Symbolen auch eigens auf die Ahl al-Bayt bezogene Symbole ausführlich behandelt:
- Den Propheten im Traum sehen: Absolutes Gutes; ein Hinweis auf die geistliche Stufe des Träumenden.
- Ali im Traum sehen: Wissen, Gerechtigkeit, geistliche Walâya.
- Fâtima im Traum sehen: Für eine Frau die Höhe des geistlichen Zustands; für einen Mann ein Kind von einer rechtschaffenen Frau.
- Hasan und Husain im Traum sehen: Geistliche Reife; Husain weist besonders auf Mühsal und Geduld hin.
- Das Ereignis von Kerbelâ im Traum sehen: Eine geistliche Prüfung; eine Zeit der Geduld und der Zufriedenheit (Ridâ).
- Den Imam (oder den verborgenen Imam) im Traum sehen: Geistliche Führung, eine neue Etappe auf der Reise (Sulûk).
Diese Symbolik ist das Rückgrat der schiitischen Reise-Tradition. In der klassischen schiitischen geistlichen Pädagogik ist ein wichtiger Indikator für die geistliche Entwicklung des Murîd, über wen er träumt: zuerst der Prophet, dann Ali, dann die übrigen Imame — diese Reihenfolge zeigt die Schichtung des geistlichen Aufstiegs.
2. Zahlen-buchstäbliche Hermeneutik (Dschafr)
Die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition verbindet die Dschafr-Wissenschaft (die esoterische Deutung auf der Grundlage der Zahlenwerte der arabischen Buchstaben) mit der Traumdeutung. Mit dem Abdschad-System (den traditionellen Zahlenwerten der arabischen Buchstaben: Alif=1, Bâ=2, Dschîm=3 … Schîn=300, Tâ=400 usw.) wird der Zahlenwert der im Traum gesehenen Symbole berechnet, und die Korrelation dieses Wertes mit im Koran vorkommenden Versen, mit Hadithen oder mit kosmologischen Zahlen (etwa 12 Imame, 14 Unfehlbare, 99 Namen) wird der Deutung zugrunde gelegt. Diese Methodik steht in engem Kontakt mit der Tradition der „Ilm al-Hurûf" (Wissenschaft der Buchstaben) Ibn Arabîs und bildet das Rückgrat der klassischen islamischen Esoterik.
Beispiel: Im Traum den Namen „Ali" (ع ل ي) zu hören. Sein Abdschad-Wert: Ayn=70 + Lâm=30 + Yâ=10 = 110. Diese Zahl tritt in eine Korrelation, die dem Abdschad-Wert des Wortes „Allah" (الله) im Koran (66 + Hâ=5 + 39 = 110; Allah = 1+30+30+5 = 66, oder nach anderer Berechnung kommt ebenfalls 110 mit einer anderen Methode heraus) nahekommt, und wird in der schiitischen esoterischen Deutung als „die geistliche Verbindung zwischen Ali und Allah" gelesen. Solche Lesarten gehören zu den charakteristischen Merkmalen der schiitischen Esoterik.
3. Farbhermeneutik
Das Dscha'far as-Sâdiq zugeschriebene Traumbuch bietet eine ausführliche Deutungstafel für die Farben. Eine klassische Tafel:
- Grün: Die Farbe der Ahl al-Bayt, Paradies, göttliches Wohlgefallen, geistliches Wohl. (Das Zentrum der schiitischen Symbolik.)
- Weiß: Reinheit (Tahâra), Aufrichtigkeit, die Lauterkeit der Religion.
- Gelb: Krankheit, Bedrängnis, Eifersucht. Bisweilen kann es, wenn golden, auch Reichtum sein.
- Rot: Martyrium, Ehre, Blutvergießen; bisweilen Freude und Hochzeit.
- Schwarz: Sorgfalt und Ernst (besonders bei Kleidung), doch meist Trauer, Tod, Zwietracht.
- Blau: Bedrängnis, Gericht; zugleich Himmel, himmlischer Zustand.
Dass das Grün als Farbe der Ahl al-Bayt hervortritt, zeigt deutlich den schiitischen Charakter der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition. Auch in der klassischen Ibn-Sîrîn-Tradition ist Grün eine positive Farbe; doch ist in der Dscha'far-Tradition die besondere Betonung der Ahl al-Bayt ausgeprägt.
4. Esoterische Bâtinîya
Der eigentümlichste Aspekt der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition ist das Verständnis der bâtinî Deutung (Ta'wîl-i Bâtinî). In der schiitischen Tradition, besonders im ismailitischen Zweig, ist die Lehre zentral, dass jede sichtbare Sache eine verborgene, esoterische Bedeutung hat. Die Anwendung dieser Lehre (der Zâhir/Bâtin-Dialektik) auf die Traumdeutung erfordert es, nicht nur die manifeste symbolische Sprache des Traums, sondern auch seine archetypische kosmische Entsprechung zu deuten.
So bedeutet etwa in der klassischen Ibn-Sîrîn-Tradition das Sehen des „Meeres" im Traum „Herrscher" oder „eine große Angelegenheit". In der esoterischen Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition wird dasselbe Symbol als „die Unendlichkeit des Wissens, die Tiefe der Gnosis (Irfân), das ledunnische Wissen" gedeutet; das Meer wird als Symbol des „Daryâ-yi Ilm" (des Meeres des Wissens) an das Wissen Alis geknüpft (Hadith „Ich bin die Stadt des Wissens, und Ali ist ihr Tor"). Dies ist der Gewinn einer bâtinî Schicht des klassischen Symbols.
Praktische Beispiele
Spezifische Deutungen der schiitischen Symbolik
- Das Sehen Husains im Traum: Geduld, geistliche Prüfung, Aufstieg im Leiden. Wenn Husain im Traum lächelt, ist der geistliche Zustand des Träumenden gut; wenn er weint, handelt es sich um ein Unglück oder eine geistliche Warnung.
- Die Aschûrâ-Zeremonie und den Monat Muharram im Traum sehen: Das Bedürfnis des Menschen nach geistlicher Erneuerung, der Ruf zur Reue für vergangene Sünden.
- Die Kaaba im Traum sehen: In der klassischen Deutungstradition positiv; in der Dscha'far-Tradition darüber hinaus die Rückkehr in die geistliche Heimat, der Ruf zur bâtinî Pilgerfahrt.
- Den Besuch von Nadschaf und Kerbelâ im Traum sehen: In der schiitischen Tradition eigens das Empfangen geistlichen Ergusses (Faid), das Knüpfen einer Verbindung zur Linie der Walâya.
- Zwölf Sterne oder zwölf Ringe sehen: Sie repräsentieren die zwölf Imame; ein Hinweis darauf, dass die geistliche Stufe des Träumenden gestiegen ist.
- Vierzehn frische Früchte oder vierzehn Blumen sehen: Ein Hinweis auf die vierzehn Unfehlbaren (14 von Fehlern Bewahrte: der Prophet, Fâtima, die zwölf Imame); geistliche Reinheit.
- Eine grüne Fahne sehen: Der Sieg der Ahl al-Bayt; bisweilen der Vorbote einer geistlichen Eroberung.
- Einen Stammbaum (Schadschara) sehen: Die Verbindung des Menschen mit seinem geistlichen Ursprung; besonders ein grünblättriger, Frucht tragender Baum die geistliche Kette (Silsila).
Beispiele der Zahlensymbolik
- Die Zahl Drei im Traum sehen: Die Vollständigkeit der Trias Tauhîd-Nubuwwa-Imâma.
- Die Zahl Fünf im Traum sehen: Die fünf täglichen Gebete; zugleich ein Zeichen der schiitischen „fünf Leute des Mantels" (Ahl al-Kisâ': Mohammed, Ali, Fâtima, Hasan, Husain).
- Die Zahl Zwölf im Traum sehen: Ein Hinweis auf die zwölf Imame.
- Die Zahl Vierzehn im Traum sehen: Die vierzehn Unfehlbaren.
- Die Zahl Vierzig im Traum sehen: Die Tradition des Arba'în; die Dauer der geistlichen Askese, die Hidschra, eine Etappe der Reise (Sulûk).
- Die Zahl Zweiundsiebzig im Traum sehen: Die Märtyrer von Kerbelâ (die 72 Märtyrer an der Seite Husains); bisweilen ein Hinweis auf die 72 Völker.
Vergleichende Perspektive
Dscha'far as-Sâdiq ↔ Ibn Sîrîn
Der Vergleich der beiden Traditionen ist von grundlegender Bedeutung, um die innere Pluralität des klassischen islamischen Traumdeutungserbes zu verstehen:
| Dimension | Ibn-Sîrîn-Tradition (sunnitisch) | Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition (schiitisch) |
|---|---|---|
| Autoritätsquelle | Gefährten, Tâbi'în, hadith-zentriert | Ahl al-Bayt, imamat-zentriert |
| Geografie | Basra, sunnitische Zentren | Medina, Kufa, schiitische Zentren |
| Symbolset | Mit Bezug auf Koran, sunnitische Hadithe | Koran, Ahl-al-Bayt-Überlieferungen, Dschafr |
| Person in den Träumen | Prophet, Gefährten, Gelehrte | Prophet, Imame, Ahl al-Bayt |
| Farbsymbolik | Allgemein; Grün positiv | Grün besonders Farbe der Ahl al-Bayt |
| Zahlensymbolik | Begrenzt, unmittelbar | Intensiv (Dschafr, Abdschad) |
| Bâtinîya | Begrenzt, auf Hadith beschränkt | Intensiv; Zâhir/Bâtin-Dialektik |
| Deutungshierarchie | Deuter → Volk | Imam → Gelehrter → Gläubiger (Silsila) |
| Moderner Empfänger | Sunnitische Welt allgemein | Schiitische Welt, esoterische Sufi-Milieus |
Das parallele, aber andersartige Wirken der beiden Traditionen ist ein wichtiges Beispiel des geistlichen Pluralismus der klassischen islamischen Welt. Beide Traditionen stützen sich auf die Lehre des Korans und des Propheten vom „wahren Traum", doch beruhen sie im Deutungsrahmen auf verschiedenen Autoritäten und symbolischer Codierung.
Dscha'far as-Sâdiq ↔ Jungs Tiefenpsychologie
Das Prinzip der esoterischen Bâtinîya der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition trägt bemerkenswerte Parallelen zur Lehre von den Archetypen und der Symbolik des Unbewussten Carl Jungs:
- Die Manifest/Latent-Unterscheidung: Die Zâhir/Bâtin-Unterscheidung der Dscha'far-Tradition ähnelt strukturell Jungs Unterscheidung von manifestem Symbol / Archetyp des kollektiven Unbewussten.
- Gemeinsames symbolisches Repertoire: Beide Traditionen erkennen an, dass die in den Träumen gesehenen Symbole einen kollektiven/universellen Charakter haben. Die „Ahl-al-Bayt-Archetypen" der Dscha'far-Tradition und die Archetypen „Selbst, Anima, Animus, Schatten" Jungs erfüllen eine ähnliche hermeneutische Funktion.
- Individuation: Die Lehre vom geistlichen Sulûk (den Stufen der Reise) der Dscha'far-Tradition ist strukturell dem Individuationsprozess Jungs ähnlich; beide lassen sich als die Integration des Menschen mit seinem Selbst lesen.
Henri Corbin — einer der engen Freunde Jungs, ein Mitglied des Eranos-Kreises und der wichtigste Interpret des schiitischen Mystizismus im Westen — arbeitet in L'imagination créatrice dans le soufisme d'Ibn 'Arabî (1958) und En Islam iranien (4 Bände, 1971–72) die Parallele der schiitischen esoterischen Tradition zum System Jungs ausführlich aus. Corbin zufolge entspricht die Lehre der schiitischen „Welt des Imaginalen" (mundus imaginalis / Âlam al-Mithâl) strukturell dem Begriff des kollektiven Unbewussten Jungs; doch ist zu betonen, dass Jungs System psychologisch, das schiitische System ontologisch ist.
Dscha'far as-Sâdiq ↔ tibetisches Traumyoga
Das Verständnis Traum = geistlicher Kanal in der schiitischen esoterischen Tradition zeigt eine strukturelle Ähnlichkeit zum tibetischen Traumyoga (Milam Naljor). In beiden Traditionen gilt:
- Der Traum ist nicht die passive Spiegelung des Unbewussten, sondern ein aktives Mittel der geistlichen Reise.
- Der luzide (klarbewusste) Traum wird anerkannt und entwickelt.
- Der Kontakt mit geistlichen Führern durch den Traum (schiitisch: die Imame; tibetisch: Ḍākinīs, Vidyādharas) ist ein typisches Motiv.
- Die Trias Schlaf-Wachen-Traum ist das Symbol der Schichten der geistlichen Zustände.
Der Unterschied: Das tibetische Traumyoga hat eine systematische Disziplin auf der Grundlage des kontrollierten Achtsamkeitstrainings entwickelt (eines der „Sechs Yogas" Nāropas); in der schiitischen Tradition hingegen wird der Traum eher als spontan kommender göttlicher Kontakt gesehen, und es gibt keine systematische Disziplin des „geweckten Traums". Doch findet das Thema des luziden Traums besonders in den modernen sufisch-schiitischen Milieus (etwa den Kreisen des „Irfân-i Schi'î" im Iran) Interesse.
Dscha'far as-Sâdiq ↔ die Imaginations-Tradition der Kabbala
In der jüdischen mystischen Tradition hat die Traumdeutung, beginnend mit der Josephs-Geschichte der Bibel, eine sehr reiche Tradition gebildet. Der Zohar (13. Jh.) und die chassidische Tradition betrachten den Traum als geistliche Quelle. Die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen der Dscha'far-Tradition und der Kabbala:
- Zahlenhermeneutik: Das Dschafr/Abdschad-System Dscha'fars ist strukturell mit dem Gematria-System der Kabbala (der Deutung über die Zahlenwerte der Buchstaben) identisch. Beide Systeme stützen sich auf die Zahlenwert-Struktur des Hebräischen/Arabischen.
- Zâhir/Bâtin – Peschat/Sod: Die Zâhir/Bâtin-Lehre der schiitischen Esoterik entspricht strukturell der Bedeutungsunterscheidung von Peschat (äußerlich) / Sod (innerlich) der Kabbala.
- Geistliche Kette: Die Kette der Imame und die chassidische Zaddik-Kette sind ähnliche Formen geistlicher Autorität.
Diese Ähnlichkeit ist kein Zufall: Sowohl die schiitische als auch die jüdische esoterische Tradition zehrten vom gemeinsamen esoterischen Repertoire des Nahen Ostens und standen besonders im 9.–13. Jahrhundert in Zentren wie Bagdad, al-Andalus und Ägypten in wechselseitigem Kontakt.
Moderne Reflexionen
Der Traum in der modernen schiitischen Welt
In der heutigen schiitischen Welt, besonders in den traditionellen schiitischen Milieus des Iran und des Libanon, leben Träume als Teil der täglichen geistlichen Praxis fort. Die Träume Imam Khomeinis und seiner Familie nehmen in der schiitischen Volksspiritualität einen ausgeprägten Platz ein; so nehmen etwa die Erzählungen über das Sehen Fâtimas im Traum durch seine Mutter in der schiitischen Volksspiritualität einen ausgeprägten Platz ein. Die Kreise des Irfân-i Schi'î (besonders die von Figuren wie Tabâtabâî, Dschawâdî Âmulî, Hasanzâde Âmulî vertretene Tradition) behandeln den Traum als ein Mittel der geistlichen Reise und empfehlen jungen Sâliks, regelmäßig ein Traumtagebuch zu führen.
Modernes akademisches Interesse
Pierre Lorys Werk Le rêve et ses interprétations en Islam (2003) bietet eine systematische akademische Analyse der Dscha'far as-Sâdiq und seinem Erbe zugeschriebenen Deutungstexte. Dieser Studie zufolge ist die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition als ein eigentümlicher Zweig der klassischen islamischen Deutungsliteratur zu bewerten; nicht nur als eine der Hilfsquellen Ibn Sîrîns.
Der von Liana Saif herausgegebene Sammelband Divination, Magic and Healing in the Islamic World (2021) arbeitet die Linie der schiitischen esoterischen Tradition (besonders Dschafr, die Wissenschaft der Namen und die Traumdeutung) von der klassischen bis zur modernen Zeit im Detail aus. Dieser Sammelband zeigt, dass die moderne wissenschaftliche Behandlung der Dscha'far-Tradition reicher geworden ist.
Der Traum in den neuen dschihadistischen Bewegungen
Iain Edgars ethnografische Untersuchungen haben gezeigt, dass in den modernen radikal-islamischen Bewegungen (Taliban, IS usw.) Träume bei Führungs- und operativen Entscheidungen verwendet werden. Dies ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass die klassische Deutungstradition (sowohl die Ibn-Sîrîn- als auch die Dscha'far-Linie) in der modernen politisch-religiösen Mobilisierung fortdauert. Doch wird dieser Umstand akademisch als eine abwegige Verwendung der klassischen Traditionen bewertet; denn die klassische Tradition wirkt im Rahmen der persönlichen geistlichen Praxis, nicht für eine kollektive Gewaltpolitik.
Kritik
Autorschaftskritik
Alle Autorschaftsfragen, die für den Ibn-Sîrîn-Text gestellt wurden, gelten auch für die unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq zusammengestellten Deutungstexte. Wie Pierre Lory und andere moderne Forscher gezeigt haben, ist die Risâla fî Ta'bîr al-Ahlâm vermutlich nicht das eigene Werk Dscha'far as-Sâdiqs; sie ist vielmehr eine auf einer von seinen Schülern kommenden mündlichen Tradition aufgebaute Kompilation. In den klassischen Quellen — besonders den frühen schiitischen Quellen — findet sich kein klarer Beleg dafür, dass Dscha'far ein systematisches Deutungsbuch verfasst habe.
Inhaltliche Kritik: Sektarianismus
Die schiitisch-zentrierte Symbolik der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition ist der Kritik eines konfessionellen Reduktionismus ausgesetzt. Ein sunnitischer Deuter mag nicht anerkennen, dass das Sehen Husains im Traum zwingend schiitische geistliche Botschaften enthält; denn Husain ist auch in der sunnitischen Tradition eine ehrwürdige Persönlichkeit, trägt aber nicht die Dichte der schiitischen Symbolik. Dies zeigt den je nach Konfession wechselnden Deutungsrahmen der Traumsymbole und betont die Schwierigkeit, ein absolutes Deutungssystem zu errichten.
Moderne kognitive Kritik
Wie im Fall Ibn Sîrîns ist aus der Sicht der modernen Neurowissenschaft und der kognitiven Wissenschaft die Behauptung der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition vom metaphysischen Ursprung des Traums — besonders die Lehre, dass die Imame durch Träume Führung erteilen — wissenschaftlich nicht verifizierbar. Doch ist folgende Nuance hervorzuheben: Die Wissenschaft erklärt zwar den biologischen Mechanismus der Träume, hebt aber ihre phänomenologische Bedeutung und ihre persönliche Führungsfunktion als soziologisch-psychologische Wirklichkeit nicht auf. Als anthropologische Wirklichkeit bestehen die Traumdeutungstraditionen fort.
Feministische Kritik
Die klassischen schiitischen Traumdeutungstexte (einschließlich der unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq zusammengestellten) sind großenteils aus männlicher Perspektive verfasst. Die den Frauenträumen gewidmeten Abschnitte sind begrenzt und meist auf Ehe, Geburt, Mutterschaft reduziert. Moderne schiitische feministische Denkerinnen (etwa Figuren wie Hanan Aschrawi im Libanon und Forscherinnen wie Zahra Rahnavard im Iran) haben diese männerzentrierte Symbolik hinterfragt und die Ansicht vertreten, die frauenspezifische Traumdeutung müsse sich als eigener Bereich entwickeln.
Die Tiefe des unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq entwickelten esoterischen Erbes
Die Dschafr-Wissenschaft: Die Systematisierung der Zahlenhermeneutik
Die Dschafr-Wissenschaft (arabisch: علم الجفر) ist die zentrale Disziplin der klassischen islamischen Esoterik und gilt als unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq systematisiert. Dschafr — wörtlich „junges Kamelfell" — repräsentiert ein Buch, von dem man glaubt, Ali habe auf einem legendären Pergament die Geheimnisse über die Zukunft niedergeschrieben. Das unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq entwickelte Dschafr-System enthält folgende Bestandteile:
- Dschafr-i Dschâmi': Der grundlegende Referenzrahmen des gesamten zahlen-buchstäblichen Systems. Die Entsprechungen der 28 arabischen Buchstaben zu den vier Elementen (Erde, Luft, Wasser, Feuer) und den vier Stufen (Körper, niedere Seele, Geist, das Göttliche).
- Dschafr-i Kabîr: Das große Dschafr; es enthält weitreichende Prophezeiungen über die Zukunft. In der schiitischen Tradition besonders wichtig; die Grundquelle der Prophezeiungen über den Mahdî.
- Dschafr-i Saghîr: Das kleine Dschafr; spezifische Prophezeiungen über das tägliche Leben.
Die Anwendung des Dschafr-Systems auf die Traumdeutung ist der eigentümliche Beitrag der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition. Der arabische Name eines im Traum gesehenen Symbols wird zuerst in seine Buchstaben zerlegt, dann wird der Abdschad-Wert jedes Buchstabens berechnet, dann wird die Verbindung dieser Zahl mit im Koran vorkommenden Versen, mit Hadithen, mit kosmologischen Bezügen (12 Imame, 14 Unfehlbare, 99 Namen, 7 Sphären, 7 Stufen der niederen Seele usw.) hergestellt, und die Deutung wird aus dieser Synthese abgeleitet.
Das Abdschad-System: Ein ausführlicher Blick
Das klassische Abdschad-System weist den 28 arabischen Buchstaben Zahlenwerte zu. Dieses System, das von alten semitischen und aramäischen Systemen abstammt, wurde in der klassischen islamischen Welt nicht nur zu esoterischen Zwecken verwendet, sondern auch zur Datierung (Abdschad-Datum), zur Dichtung (historische Komposition) und zum Rechnen. Das System:
- Einerstelle: Alif=1, Bâ=2, Dschîm=3, Dâl=4, Hâ=5, Wâw=6, Zâ=7, Hâ (groß)=8, Tâ (klein)=9.
- Zehnerstelle: Yâ=10, Kâf=20, Lâm=30, Mîm=40, Nûn=50, Sîn=60, Ayn=70, Fâ=80, Sâd=90.
- Hunderterstelle: Qâf=100, Râ=200, Schîn=300, Tâ (groß)=400, Thâ=500, Châ (mit drei Punkten)=600, Dhâl=700, Dâd=800, Zâ (groß)=900.
- Tausend: Ghain=1000.
Mit diesem System wird der Wert eines Wortes berechnet. So etwa „Muhammad" (محمد): Mîm=40 + Hâ=8 + Mîm=40 + Dâl=4 = 92. Diese Zahl gilt als zentral für die spirituelle Identität des Propheten und wird in den klassischen Qasîden beständig verwendet.
In der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition ist der Abdschad-Wert der im Traum gesehenen arabischen Wörter das grundlegende Mittel der Traumdeutung. Dies fügt über die herkömmliche Ibn-Sîrîn-Deutung hinaus eine esoterische Schicht hinzu.
Die Verbindung zur „Ilm al-Hurûf"
Die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition ist eng mit der „Ilm al-Hurûf" (Wissenschaft der Buchstaben) der sufischen Metaphysik verbunden. Diese Disziplin wurde im klassischen Sufismus — besonders in Ibn Arabîs Futûhât al-Makkiyya, in al-Bûnîs (gest. 1225) Schams al-Ma'ârif al-Kubrâ und in der Hurûfîya-Bewegung — systematisiert. Die Ilm al-Hurûf richtet sich nicht nur auf die Zahlenwerte der Buchstaben, sondern auf ihre kosmologischen Bedeutungen, ihre phonetischen Eigenschaften (Machradsch, Sifa) und die göttlichen Namen, die sie repräsentieren. Die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition integriert diese Disziplin in das Traumdeutungssystem und bringt so eine eigentümliche Hermeneutik hervor.
Dscha'far as-Sâdiq und die Entstehung der ismailitischen Tradition
Eine Gruppe, die einem der Söhne Dscha'far as-Sâdiqs, Ismâ'îl b. Dscha'far (gest. ~760), folgte, gründete später die Konfession, die als ismailitisch oder Siebener-Schia bekannt ist. Die ismailitische Tradition ist die am stärksten systematisierte Form des unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq entwickelten esoterischen Erbes. Das 10. Jahrhundert mit dem Fatimiden-Kalifat (909–1171) ist das Goldene Zeitalter des ismailitischen Denkens; das Dâr al-Hikma (Haus der Weisheit) in Kairo ist ein mit der islamisch-hellenistisch-indischen Synthese erfülltes intellektuelles Zentrum.
Die ismailitischen Theoretiker der Fatimidenzeit — al-Kirmânî (gest. 1021), Hamîd ad-Dîn al-Kirmânîs Râhat al-Aql, die philosophischen Werke Nâsir-i Chusraws (1004–1088) — haben die Tradition der bâtinî Deutung Dscha'far as-Sâdiqs in ein metaphysisches System verwandelt. In diesem System hat jede sichtbare Sache (Zâhir) eine verborgene Entsprechung (Bâtin), und das wahre geistliche Wissen wird durch Ta'wîl (den Aufstieg vom Zâhir zum Bâtin) erlangt. Auch die Traumdeutung gilt als eine Erweiterung dieser Ta'wîl-Praxis.
Die Aleviten und Dscha'far as-Sâdiq
Auch die anatolische alevitisch-bektaschitische Tradition hegt eine tiefe Ehrfurcht vor Dscha'far as-Sâdiq. Imam Dscha'far, im Alevitentum als Dschafa-i Sâdiq angerufen, steht im Zentrum der im Alevitentum als „Buyruks des Dscha'far-i Sâdiq" bekannten Texttradition. Diese Texte liefern unter Berufung auf Dscha'far den doktrinären Grund der alevitisch-bektaschitischen Praktiken (das Cem-Ritual, die Rolle der Dedes, der Semah, das Niyâz). Auch die Traumdeutung nimmt in der alevitischen Tradition einen wichtigen Platz ein; die Dedes leiten durch die Deutung der Träume der Gemeindemitglieder deren geistliche Reisen. Dies ist die lebendige Form der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition innerhalb Anatoliens.
Das klassische schiitische Deutungsrepertoire: Ein ausführlicher Blick
Einige typische Deutungsbeispiele aus den unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq entwickelten Deutungsbüchern:
Die Deutung von Orten
- Kaaba: Geistliche Pilgerfahrt, Rückkehr in die Heimat; in der bâtinî Deutung die Einheit mit Gott (Vahdat).
- Die Prophetenmoschee (Moschee von Medina): Quelle geistlicher Führung, die geistliche Gegenwart der Ahl al-Bayt.
- Nadschaf (das Grabmal Alis): Wissen, Weisheit, geistliche Walâya.
- Kerbelâ (das Grabmal Husains): Geduld, geistliche Prüfung, Aufstieg im Leiden.
- Kufa: Schiitische geistliche Geschichte, Zentrum des Wissens.
- Sâmarrâ (die Stätte des 10., 11. und 12. Imams): Die letzten Erinnerungen vor der Verborgenheit (Ghayba); ein Verweis auf den Mahdî.
Die Deutung übernatürlicher Wesen
- Engel sehen: Der Aufstieg der geistlichen Stufe; bestimmte Engel tragen bestimmte Bedeutungen.
- Gabriel (Dschibrîl): Offenbarung, geistliches Wissen.
- Isrâfîl: Geistliches Erwachen, Warnung vor dem Jüngsten Tag.
- Mîkâ'îl: Lebensunterhalt, die Ordnung des weltlichen Lebens.
- Azrâ'îl: Geistliche Verwandlung; weniger der konkrete Tod als das Sterben-und-Geborenwerden einer geistlichen Stufe.
- Dschinn sehen: Gefahr; doch wird in der sufischen Tradition bisweilen überliefert, dass die Dschinn in den Dienst genommen werden.
- Den Satan sehen: Einflüsterung, geistliche Gefahr; die Warnung der Nafs al-Ammâra.
- Chidr sehen: Eine wichtige Etappe auf der Reise; geistliche Führung. (In der schiitischen Tradition ist Chidr eine geistliche Führergestalt, ähnlich dem verborgenen Imam.)
Die Deutung geistlicher Praktiken
- Sich beim Beten sehen: Geradheit auf dem geistlichen Weg, Schönheit des Herzens.
- Sich beim Fasten sehen: Läuterung der niederen Seele (Tazkiya), geistliche Disziplin.
- Sich auf der Pilgerfahrt sehen: Geistliche Reise, Transzendenz der Heimat.
- Sich beim Dhikr sehen: Die beständige Verbindung mit Gott; Fortschritt des Sâlik auf seiner Reise.
- Sich beim Samâ teilnehmen sehen: Geistliche Ekstase, die Ausprägung des Zustands der Einheit (Vahdat).
Das vielfältige geistliche Erbe Dscha'far as-Sâdiqs: Zeitgenössische Wirkungen
Das geistliche Erbe Dscha'far as-Sâdiqs lebt nicht nur im Bereich der Traumdeutung, sondern in zahlreichen esoterischen Traditionen der klassischen islamischen Welt als Bezugspunkt fort. Die bis in unsere Zeit reichenden Wirkungen dieses Erbes lassen sich auf einigen Achsen untersuchen:
Die Vielfalt der schiitischen Konfessionen und Dscha'far as-Sâdiq
Die geistliche Autorität Dscha'far as-Sâdiqs ist der grundlegende Knotenpunkt der Konfessionsbildung innerhalb der schiitischen Tradition nach ihm. Verschiedene Gruppen, die den Söhnen Dscha'fars folgten, gründeten später voneinander getrennte Konfessionen:
Imâmiyya (Zwölferschia): Die verbreitetste schiitische Konfession, die Dscha'fars Sohn Mûsâ al-Kâzim als siebten Imam anerkennt und auf zwölf Imamen beruht. Vorherrschend im Iran, im Irak, im Libanon, in Bahrain, in Aserbaidschan und in einem Teil des Jemen. Der Hauptträger der klassischen schiitischen Deutungstradition.
Ismailitentum: Die Gruppe, die Dscha'fars ältesten Sohn Ismâ'îl b. Dscha'far als siebten Imam anerkennt. Der Fatimidenstaat (909–1171) ist seine glänzendste politische Ausprägung. Die modernen ismailitischen Gemeinschaften (die nizaritischen Ismailiten — die Gemeinschaft des Aga Khan, die musta'litischen Ismailiten — die Bohra-Gemeinschaft) führen die Traumdeutungstradition fort, jedoch in modernen Formen.
Zaiditentum: Die Gruppe, die Zaid b. Ali (dem Sohn Zain al-Âbidîns, dem Onkel Dscha'far as-Sâdiqs) folgt. Sie lebt im Jemen. Sie stützt sich nicht unmittelbar auf die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition, trägt aber strukturelle Ähnlichkeiten mit ihr.
Wâqifiyya: Die Gruppe, die glaubt, Dscha'fars Sohn Mûsâ al-Kâzim sei in die Verborgenheit eingegangen, und ihn als letzten Imam betrachtet. Sie ist später verschwunden.
Fathiyya/Aftahiyya: Die Gruppe, die Dscha'fars Sohn Abdullah al-Aftah folgt. Nach seinem kurzen Imamat schloss sich die Mehrheit der Imâmiyya an.
Das Erbe Dscha'far as-Sâdiqs in Anatolien
Die anatolische alevitisch-bektaschitische Tradition hegt eine tiefe Ehrfurcht vor Dscha'far as-Sâdiq. Die als „Buyruks des Dscha'far-i Sâdiq" bezeichnete Texttradition ist ein unter Berufung auf ihn entwickelter alevitischer Praxisleitfaden. In diesen Texten:
- Die doktrinären Grundlagen des Cem-Rituals.
- Die Quellen der geistlichen Autorität der Dedes.
- Die Praxis von Semah und Musik.
- Die ethischen Regeln (sei Herr über deine Hand, deine Zunge, deine Lenden).
- Traumdeutung und geistliche Reise.
Diese alevitisch-bektaschitische Tradition ist die volkssufische Form der klassischen schiitischen Deutungstradition und lebt in der Türkei bis heute fort. In den Werken alevitisch-bektaschitischer Dichter wie Pir Sultan Abdal (16. Jh.), Schah Ismail Chatâî (1487–1524), Kul Himmet (16. Jh.) und Aschik Veysel (1894–1973) sind die Motive Dscha'far as-Sâdiqs deutlich nachzuvollziehen.
Der Dscha'far-as-Sâdiq-Kontext im modernen Iran
In der Islamischen Republik Iran (nach 1979) wurde die dschafaritische Rechtsschule als offizielle Rechtsschule anerkannt; das geistliche Erbe Dscha'far as-Sâdiqs wurde auf staatlicher Ebene angeeignet. Die Hawza (die traditionelle schiitische religiöse Schule) in der Stadt Qom ist der moderne Vertreter der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition. Die in der Hawza herangebildeten religiösen Gelehrten der neuen Generation (Mudschtahids) betreiben Studien, in denen sie die klassische Dscha'far-Deutungstradition mit der modernen psychologischen Literatur vergleichen; so etwa Said Tatari und andere schiitische Denker der neuen Generation.
Die unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq entwickelte symbolische Deutungstafel
Die Symbol-Deutungs-Tafel in den klassischen Dscha'far-as-Sâdiq-Deutungsbüchern trägt zwar Ähnlichkeiten mit der klassischen Ibn-Sîrîns, zehrt aber von einem schiitischen symbolischen Code. Im Folgenden typische Beispiele aus dem klassischen Dscha'far-as-Sâdiq-Deutungskatalog:
Natursymbole (aus der esoterischen Perspektive Dscha'fars)
- Sonne: Beim klassischen Ibn Sîrîn der Herrscher; in der Dscha'far-Tradition das Licht der Walâya, der geistliche Führer. Verbunden mit dem Beinamen Alis „Schams al-Wilâya" (Sonne der Walâya).
- Mond: In der klassischen Deutung der Wesir; in der Dscha'far-Tradition Fâtima (Qamar al-Kâmil — „Vollkommener Mond"). In der klassischen schiitischen Ästhetik wird der Mond beständig als Symbol Fâtimas verwendet.
- Sterne: In der klassischen Deutung die Gefährten; in der Dscha'far-Tradition die 12 Imame (Nadschm = Stern; die Wendung „Sterne der Rechtleitung" wird in der schiitischen Tradition für die Imame verwendet).
- Meer: In der klassischen Deutung der Herrscher; in der esoterischen Perspektive Dscha'fars das Daryâ-yi Ilm (Meer des Wissens), das geistliche Wissen Alis.
- Berg: Wie in der klassischen Deutung eine hohe Stufe; in der Dscha'far-Tradition besonders der Kûh-i Qâf (Berg Qâf) — das fernste Ziel der geistlichen Reise.
- Kerze/Tscherâgh: Geistliche Rechtleitung, göttliches Licht. In der schiitischen Tradition werden besonders die Symbole des Mâ-i Dscha'far (Wasser Dscha'fars) und des Lichts miteinander verbunden.
Der menschliche Körper
- Zahn: In der klassischen Deutung die Verwandten; in der Dscha'far-Tradition dasselbe + bâtinî Deutung: die Werkzeuge des Wortes (die Zähne erzeugen Wörter, folglich Wissen).
- Hand: In der klassischen Deutung Kraft, Gewinn; in der Dscha'far-Tradition dasselbe + geistliche Deutung: die Hand der Walâya (Yadullâh — der Hadith „die Hand Gottes" ist in der schiitischen Tradition eine wichtige Quelle der Walâya-Lehre).
- Auge: In der klassischen Deutung Blick, Perspektive; in der Dscha'far-Tradition Basîra (geistliche Schau).
- Herz: In der klassischen Deutung Gefühl, Absicht; in der Dscha'far-Tradition das Herz = das Zentrum des geistlichen Wissens (die Läuterung des Herzens — ein Grundbegriff des schiitischen Irfân).
Speisen
- Honig: In der klassischen Deutung Heilung; in der Dscha'far-Tradition dasselbe + dem Koran gleichgesetzt (an-Nahl 69 — „Heilung").
- Milch: In der klassischen Deutung Urnatur; in der Dscha'far-Tradition dasselbe + die Symbolik des „Milchvaters/der Milchmutter" (die Amme des Propheten, Halîma — die geistliche Abstammungsbindung).
- Dattel: In der klassischen Deutung Segen; in der Dscha'far-Tradition besonders mit Medina verbunden; sie stützt sich auf die Erzählungen über die Dattelpalme Fâtimas.
- Weizen: In der klassischen Deutung Lebensunterhalt; in der Dscha'far-Tradition dasselbe + die geistliche Nahrung des Mahdî.
Die Klassifizierung der unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq entwickelten geistlichen Praktiken
Ein weiterer wichtiger Bereich, der unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq entwickelt wurde, ist die systematische Klassifizierung der geistlichen Praktiken. Der schiitischen Spiritualität zufolge bewertet der Derwisch oder Sâlik auf seiner eigenen geistlichen Reise seine Träume in folgenden Kategorien:
Traumtypen nach den Stufen der Reise
- Träume der Reue und Buße: Zu Beginn der Reise, die Auseinandersetzung mit vergangenen Fehlern. Den klassischen Deutungsbüchern zufolge: Träume von Weinen, Wasser, Reinigung.
- Träume der Murâqaba und Tafakkur: Die Zeit, in der die geistliche Aufmerksamkeit zunimmt. Dunkel-hohe Orte, Sterne, Nachtlandschaften.
- Träume der Chalwa und Askese: In der vierzigtägigen Askesezeit häufig gesehene Träume. An Bilder wie Wüste, Höhle, Vogelnest geknüpft.
- Träume der Muschâhada: Die Zeit, in der die geistlichen Wirklichkeiten zu sehen beginnen. Licht, Lichter, Engel.
- Träume der Vuslat (Vereinigung): Die höchste Stufe der geistlichen Reise. Die bekannten klassischen Motive: heilige Orte, der Prophet, die Ahl al-Bayt.
Diese Kategorisierung ist eine schiitische Form der klassischen sufischen Pädagogik. Wichtige Figuren des modernen Irfân-i Schi'î wie Mîr Dâmâd (1561–1631), Mullâ Sadrâ (1571–1640) und in jüngerer Zeit Tabâtabâî und Mutahharî haben diese Systeme in ihren eigenen philosophischen Systemen bearbeitet.
Der Traum in der modernen schiitischen geistlichen Literatur
Eine der führenden Figuren der modernen schiitischen esoterischen Literatur, Allâma Sayyid Muhammad Husain Tabâtabâî (1903–1981), widmete in seinem Korankommentar al-Mîzân fî Tafsîr al-Qur'ân dem Traum einen eigenen Abschnitt; in seiner Deutung der Sure Yûsuf stellte er die klassische Deutungstradition in einen philosophischen Rahmen. Tabâtabâî behandelt die Träume als Ausprägungen der Barzach-Welt (in der schiitisch-irfânischen Terminologie Âlam al-Mithâl), wobei diese Welt eine Brücke zwischen der materiellen und der geistlichen Welt ist.
Tabâtabâîs Schüler Murtazâ Mutahharî (1920–1979) — einer der geistlichen Architekten der iranischen Revolution — verfasste ein Buch über den Traum: Ma'âd: Vahdat-i Sidschîn ve Hayât-i Barzachî (Das Barzach-Leben und das gesammelte Leben). Dieses Werk errichtet das klassische islamische Traumverständnis in einer modernen philosophischen Sprache neu.
Hasanzâde Âmulî (1929–2021), einer der größten lebenden Vertreter des modernen schiitischen Irfân, maß dem Traum eine eigene Bedeutung bei; er erörterte die Methodik des Empfangens geistlicher Führung durch den Traum. Zu seinen Schülern zählen Erbauer des modernen schiitischen Denkens wie Dschawâdî Âmulî (geb. 1933) und Misbâh Yazdî (1934–2021).
Im Allgemeinen ist das moderne schiitische Denken ein Kanal, der die klassische Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition lebendig hält und in eine philosophische Sprache verwandelt. Dies bildet einen Kontrast zur bisweilen kritischen Haltung des sunnitischen Modernismus (Muhammad Abduh, Raschid Ridâ) gegenüber dem traditionellen Deutungserbe.
Der Traum innerhalb der schiitischen mystischen Praxis
In der klassischen schiitischen esoterischen Tradition spielt der Traum auf der geistlichen Reise des Murîd eine sehr zentrale Rolle. Die Kreise des Irfân-i Schi'î (besonders die esoterische Tradition des Iran im 19. und 20. Jahrhundert) empfehlen ihren Murîden die Disziplin, regelmäßig ein Traumtagebuch zu führen. Die grundlegenden Schritte dieser Disziplin:
- Gebet und Dhikr vor dem Schlafengehen: Besonders die Tasbîh Fâtimas, die edlen Segenswünsche (Salawât-i Scharîfa).
- Absicht (Niyya): Gott mitzuteilen, in welcher Sache Führung erbeten wird.
- Auf der rechten Seite schlafen: Die Sunna des Propheten.
- Die Aufzeichnung, sobald der Traum erinnert wird: Die erinnerten Traumdetails schriftlich festzuhalten, noch bevor man vollends zum Wachzustand übergegangen ist.
- Deutung: Die Deutung des Traums gemeinsam mit dem Scheich der Reise (Mürschid).
Dieser Prozess ist eine schiitische Form der klassischen sufischen Praktiken und ist im modernen psychologischen Sinne eine geistliche Version der Praxis des Traumtagebuchführens. Er trägt eine bemerkenswerte strukturelle Ähnlichkeit zur Praxis des Traumtagebuchs, die auch Carl Jung sein Leben lang ausübte.
Schluss: Zwei Traditionen, ein hermeneutisches Erbe
Die Dscha'far as-Sâdiq zugeschriebene Traumdeutung ist ein paralleler Zweig des geistlichen Erbes der klassischen islamischen Welt. Wie die Ibn-Sîrîn-Tradition teilt sie die grundlegenden Bausteine der klassischen islamischen hermeneutischen Tradition — drei Traumarten, Kontextualität, koranischer Bezug —, fügt diesen aber die Schichten der schiitischen esoterischen Färbung, der Dschafr/Abdschad-Zahlenhermeneutik, der Ahl-al-Bayt-Symbolik und der bâtinî Deutung hinzu. Der Dialog zwischen diesen beiden Traditionen spiegelt das plurale geistliche Erbe der klassischen islamischen Welt wider.
In der modernen vergleichenden Perspektive wird die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition reicher, wenn man sie mit der Tiefenpsychologie Jungs, der Gematria-Tradition der Kabbala, dem tibetischen Traumyoga und der modernen feministischen Hermeneutik in einen Dialog bringt. Wie Henri Corbin hervorgehoben hat, lässt sich die schiitische esoterische Tradition — einschließlich der Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition — als der östliche Flügel des islamisch-christlich-jüdischen esoterischen Erbes bewerten und ist ein wichtiger Teil des gemeinsamen geistlichen hermeneutischen Erbes der Menschheit.
Heute bewahrt die Dscha'far-as-Sâdiq-Deutungstradition besonders in den schiitischen Milieus des Iran, des Irak und des Libanon sowie in der schiitischen Diaspora im Westen ihre Lebendigkeit; akademische Untersuchungen (Pierre Lory, Liana Saif usw.) führen zu einer Neubewertung dieses Erbes; moderne schiitische Spiritualitätslesarten entwickeln eine zeitgenössische Anwendung davon. Für ein vergleichendes Spiritualitätsprojekt wie das Weisheitstagebuch ist die Dscha'far-as-Sâdiq-Tradition ein wertvoller Bezugspunkt, der sowohl die Pluralität der klassischen islamischen Traumdeutung als auch die Eigentümlichkeit des schiitischen esoterischen Erbes zeigt.