Spiritualität & soziale Gerechtigkeit

Das Dschaʿfaritentum (Zwölfer-Schia) — Der Weg der Zwölf Imame, die geistige Doktrin des Imamats und die Erkenntnislehre der Walâya

Eine vergleichende Notiz, die den Weg der Zwölf Imame nicht als ein politisches System, sondern als eine aus der vereinenden Erkenntnislehre (ʿIrfân) Dschaʿfar as-Sâdiqs entsprungene, mystische Tradition geistiger Führung behandelt, die um die Begriffe Walâya-ʿIsma-ʿIlm-i Ladun und um die geistige Kette (Silsila) gewoben ist.

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Einleitung: Das Imamat als geistige Achse

Das Dschaʿfaritentum — also der Weg der Zwölf Imame (Ithnâ ʿaschariyya) — wird in dieser Notiz nicht als eine Rechtsschule oder eine politische Ordnung, sondern als die Lehre von der kettenförmigen Weitergabe der geistigen Führung (Walâya) innerhalb der bâtinitisch-erkenntnismäßigen (ʿirfânî) Ader des Islam behandelt. Der sechste Imam, der der Rechtsschule den Namen gibt, Dschaʿfar as-Sâdiq (gest. 148/765), ist mit dem Wissenskreis, den er in Medina gründete, eine vereinende Lehrerfigur, die sowohl die sunnitischen Rechtsschul-Imame als auch die Leute des Sufismus nährte und die Grenzen der Rechtsschulen überschritt. Deshalb ist das Dschaʿfaritentum keine „Trennung", sondern der systematischste Ausdruck des Gedankens, dass das Licht (Nûr) der Prophetie des Propheten (Hz. Muhammad) über die Ahl al-Bayt in einer geistigen Kette weitergetragen wird.

Wie der französische Islamwissenschaftler Henry Corbin in seinem vierbändigen Monumentalwerk En Islam iranien (1971–73) gezeigt hat, lässt sich die Zwölfer-Schia als ein „ganzheitlicher/vollständiger Islam, der sich nicht nur mit der äußeren, sondern auch mit der inneren Dimension der Offenbarung befasst" lesen. Für Corbin sind die Geburt, das Leben und die Verborgenheit (Ghaiba) des Imams weniger historisch-faktische Daten als eine mit geistiger Bedeutung beladene heilige Geschichte (sacred history). Auch der Blickwinkel dieser Notiz ist dieser: Das Imamat ist ein ewiger Archetyp, der auf der inneren Reise der Seele als das Sinnbild des himmlischen Führers (Murschid, Qutb, geistige Achse) gedeutet wird.

In diesem Rahmen besteht zwischen dem Imamat und dem Begriff des Qutb im Sufismus (der geistigen Achse, des Insân-i Kâmil) eine tiefe strukturelle Nähe; beide Traditionen teilen den Gedanken des „Kanals, durch den die Rechtleitung und der Segen (Faid) Gottes die Menschheit erreichen". Die folgenden Abschnitte der Notiz werden diese Nähe, die Brücke des anatolischen alevitisch-bektaschitischen Weges und des Bektaschitums sowie das Verständnis der geistigen Kette in fünf verschiedenen Traditionen vergleichend behandeln. In keinem Abschnitt werden moderne Politik oder zwischenkonfessionelle Konflikte zum Thema gemacht; die Sache ist von Anfang bis Ende spirituell, mystisch und kultur-historisch.

Der Umfang des Begriffs und die Grenze dieser Notiz

Der Begriff „Dschaʿfaritentum" bezeichnet im engen Sinn die dem sechsten Imam zugeschriebene Fiqh-Schule; im weiten Sinn aber eine ganze Tradition der Erkenntnislehre, der Literatur und der Ethik, die an das geistige Erbe der Zwölf Imame gebunden ist. Wir legen hier überwiegend die zweite, weite und bâtinitische Bedeutung zugrunde. Wir werden das Thema in drei Achsen vertiefen: (i) die geistige Doktrin des Imamats (ʿIsma, ʿIlm-i Ladun, Walâya, Nûr-i Muhammadî); (ii) die Kette der Zwölf Imame als eine geistige Kette (Silsila); (iii) die Verborgenheit (Ghaiba) und die Mahdî-Erwartung als ein esoterisches „inneres Verhältnis zum Unsichtbaren" und als eine Form der universalen messianischen Hoffnung.

Auch die Etymologie des Begriffs stützt diesen Rahmen: Das arabische al-madhhab al-dschaʿfarî (المذهب الجعفري) bedeutet „der Weg/die Schule Dschaʿfars"; Ithnâ ʿaschariyya (الإثناعشرية) wiederum bedeutet „die Zwölfer", also die an die Zwölf Imame Gebundenen. Das Wort „Imâm" bedeutet seiner Wurzel nach „der vorn Stehende, dem gefolgt wird"; es hat eine weite Bedeutungspalette, von dem, der im Gebet die Gemeinde anführt, bis zum Führer, der im geistigen Leben den Seelen vorangeht. Die Bedeutung, die diese Notiz zugrunde legt, ist die zweite: Der Imam ist der vorn stehende geistige Führer in der Hinwendung der Seele zur Wahrheit, die Qibla des Herzens, der Kompass der inneren Reise. Das Wort Walâya wiederum kommt von der Wurzel w-l-y und trägt die Bedeutungen „Nähe, Freundschaft, Schutz, geistige Vollmacht" zugleich; von derselben Wurzel leiten sich Walî (Gottesfreund, Heiliger), Maulâ (Herr/Freund) und Auliyâʾ (Heilige) ab. Dieses reiche Bedeutungsnetz zeigt, warum der Begriff der Walâya sowohl für das schiitische Imamat als auch für den Sufismus einen gemeinsamen geistigen Boden bildet: Beide erheben sich auf der Grundlage der „Nähe zu Gott und Seiner Freundschaft".

Historische Wurzeln und geistiger Kontext

Die geistigen Wurzeln der Tradition der Zwölf Imame reichen zu der tiefen Liebe und Bindung zurück, die in der frühislamischen Gesellschaft der Ahl al-Bayt — der Familie des Propheten — entgegengebracht wurde. Diese Liebe (Tawallâ) gewann mit der Zeit nicht nur die Bedeutung einer gefühlsmäßigen Nähe, sondern auch der Hinwendung zur Ahl al-Bayt als Quelle des geistigen Wissens. ʿAlî (gest. 40/661) ist der Ausgangspunkt dieser geistigen Linie: Fast alle Ketten (Silsila) des Sufismus stützen ihre geistige Abstammung auf ihn, sie nennen ihn „das Tor der Walâya".

Kûfa und Medina: Zwei geistige Zentren

In der Frühzeit wurden zwei Städte zum geistigen Zentrum dieser Tradition. Kûfa war der Ort, an dem ʿAlî und seine Söhne lebten und an dem sich die Liebe zur Ahl al-Bayt verdichtete. Medina wiederum wurde — besonders in der Zeit des fünften Imams Muhammad al-Bâqir (gest. 114/733 oder 117/735) und seines Sohnes, des sechsten Imams Dschaʿfar as-Sâdiq — zum Herzen der wissenschaftlich-erkenntnismäßigen Systematisierung. Der Beiname al-Bâqir bedeutet „der das Wissen aufspaltet und in seine Tiefe vordringt"; dies ist ein Zeichen dafür, dass sich diese Tradition vor allem als eine Wissens-/Weisheitstradition versteht.

Der Kreis Dschaʿfar as-Sâdiqs in Medina war eines der fruchtbarsten Milieus der islamischen Wissensgeschichte. Wie die Islam-Enzyklopädie der TDV festhält, haben große sunnitische Gelehrte wie Mâlik b. Anas, der Begründer der mâlikitischen Rechtsschule, Sufyân ath-Thaurî, Sufyân b. ʿUyaina und Abû Hanîfa, der Begründer der hanafitischen Rechtsschule, von ihm Hadithe gehört und von ihm überliefert. Der Abû Hanîfa zugeschriebene Ausspruch „Wären jene zwei Jahre nicht gewesen, so wäre an-Nuʿmân zugrunde gegangen" (lau-lâ s-sanatân la-halaka n-Nuʿmân) ist das Sinnbild dieser vereinenden Lehrtätigkeit. In dieser Hinsicht ist Dschaʿfar as-Sâdiq eine einzigartige Persönlichkeit, die die Zäune der Rechtsschulen überschreitet und die sunnitischen, schiitischen, ismâʿîlitischen (Ismâʿîlitentum) und sufischen Traditionen in einer gemeinsamen Quelle zusammenführt.

Die mütterliche Abstammung Dschaʿfar as-Sâdiqs geht auf Qâsim b. Muhammad, den Enkel Abû Bakrs, zurück; dies ist eine bedeutsame Einzelheit, die zeigt, dass sich in seiner Person zwei große Gefährtenlinien (ʿAlî und Abû Bakr) vereinen. Dieses Motiv des „Zusammenflusses zweier Ströme" erklärt auch, warum er für alle islamischen Traditionen ein gemeinsamer Bezugspunkt sein konnte. In politischer Hinsicht ist die Distanz Dschaʿfar as-Sâdiqs zur faktischen Macht (seine Nichtteilnahme an den Aufständen Zaid b. ʿAlîs und an-Nafs az-Zakiyyas) im Rahmen dieser Notiz von Bedeutung: Er wählte einen Weg der Erkenntnislehre und des Wissens, der die geistige Autorität von der weltlichen Macht trennt. Diese Entscheidung ist ein frühes Zeichen dafür, dass im Wesen der Tradition ein nicht politisches, sondern geistiges Führungsverständnis liegt; die Kraft des Imams liegt nicht im Heer oder im Palast, sondern in den Herzen und im Wissenskreis.

Der eindrücklichste Aspekt seines geistigen Erbes ist seine Stellung in den sufischen Ketten (Silsila). Ein Zweig der Naqschbandî-Kette stützt ihre geistige Abstammung über Dschaʿfar as-Sâdiq auf Abû Bakr; viele andere Orden wiederum stützen sie über ʿAlî auf den Propheten. Die Bâ-ʿAlawî-Sayyids des Jemen und Hadramauts binden ihre Abstammung über seinen Enkel an ihn. Die Taifûriyya-Kette, in der Bâyazîd al-Bistâmî (gest. 234/848 oder 261/875) — „Sultân al-ʿÂrifîn" (der Sultan der Gotteserkennenden) — geistig an Dschaʿfar as-Sâdiq angebunden wird, ist das bekannteste Beispiel dieser Verflechtung. Dies ist der eigentliche Grund, der Dschaʿfar as-Sâdiq nicht nur zu einem Fiqh-Imam, sondern zum gemeinsamen Pîr der gesamten islamischen Erkenntnislehre (ʿIrfân) macht.

Kerbela: Ein geistiger Archetyp

Die tiefste Quelle der geistigen Empfindsamkeit dieser Tradition ist das 61/680 erlebte Ereignis von Kerbelâ. Die Märtyrerschaft (Schahâda) des dritten Imams Husain in Kerbelâ wird in der Tradition der Zwölf Imame — und in dem mit ihr verbrückten anatolischen alevitisch-bektaschitischen Weg — als der ewige Archetyp des Widerstands der Seele gegen die Tyrannei des Ego (Nafs), der Verwandlung der weltlichen Niederlage in einen geistigen Sieg gelebt. Kerbelâ ist im Rahmen dieser Notiz niemals ein Streit der Rechtsschulen; es ist ein reines Sinnbild der Grundsätze Hingabe, Treue (Wafâ) und Treue zur Wahrheit. Die alljährlich gehaltene ʿÂschûrâʾ-Trauer ist das rituelle Wiedererleben dieses Archetyps; ebenso wie das Gedenken an die Passion des Messias (Passion) in der christlichen Tradition ist sie eine geistige Erneuerung des kollektiven Gedächtnisses.

Der Abschluss der Kette: Sâmarrâʾ und die Verborgenheit

Der historische Rahmen der Tradition nähert sich mit dem elften Imam al-Hasan al-ʿAskarî (gest. 260/874) ihrem letzten Glied. Man glaubt, dass dessen Sohn, der zwölfte Imam Muhammad al-Mahdî, sich aus der sichtbaren Welt zurückzog und in die Verborgenheit (das Verborgensein, al-ghaiba) eintrat: zunächst die „Kleine Verborgenheit" (260–329/874–941), sodann die bis heute andauernde „Große Verborgenheit". Dieser Glaube bildet das eschatologisch-geistige Wesen der Tradition. Wie wir weiter unten zeigen werden, ist die Verborgenheit weniger eine Geschichte eines physischen „Verschwindens" als ein esoterischer Ausdruck des Gedankens der stets gegenwärtigen Präsenz des unsichtbaren geistigen Führers.

Die drei Wellen der geistigen Tradition

Es ist erhellend, die geistige Geschichte der Tradition der Zwölf Imame in drei großen Wellen zu lesen. Die erste Welle (Kûfa-Medina, 1.–2. Jahrhundert) ist die Zeit, in der sich die Liebe zur Ahl al-Bayt und das frühe kalâmische Nachsinnen formten; das geistige Erbe ʿAlîs ist mit der im Nahdsch al-Balâgha kristallisierten Lehre vom Tawhîd und von der Erziehung des Ego das Wesen dieser Welle. Die zweite Welle (die Zeit Dschaʿfar as-Sâdiqs, 2. Jahrhundert) ist der Gipfel der wissenschaftlich-erkenntnismäßigen Systematisierung; in dieser Zeit reifen das Nachsinnen, der Hadith und die Taʾwîl-Tradition, und im Kreis des Imams, der der Rechtsschule den Namen gibt, begegnen sich alle islamischen Traditionen in einer Quelle. Die dritte Welle (Sâmarrâʾ-Baghdad, 3.–4. Jahrhundert) ist die Zeit, in der sich die Doktrin der Verborgenheit herausbildete und die Tradition vom „sichtbaren Imam" zum „unsichtbaren Führer" überging. Diese dritte Welle ist die kritischste Schwelle, die die Tradition von der Erwartung einer physischen Führung in eine geistig-innere Führungsvorstellung überführt; denn mit der Verborgenheit wandelt sich die Ausrichtung des Gläubigen von einer Person mehr zu einer Wahrheit, zu einer unsichtbaren Achse.

Die tausend Jahre nach der Großen Verborgenheit sind im Wesentlichen ein Zeitalter der Erkenntnislehre und des Nachsinnens: Die Tradition beruht unter der Aufsicht des unsichtbaren Imams auf dem Taʾwîl (der bâtinitischen Auslegung), der Weisheit (Hikma) und der geistigen Bereitschaft (Intizâr). Die geistigen Genies dieser Zeit — Schaich al-Mufîd, asch-Scharîf ar-Radî (der Sammler des Nahdsch al-Balâgha), Schaich at-Tûsî, ʿAllâma al-Hillî und schließlich Mullâ Sadrâ — haben die bâtinitische Schatzkammer der Tradition in ein systematisches erkenntnismäßiges Denken verwandelt.

Die geistige Doktrin des Imamats: ʿIsma, ʿIlm-i Ladun, Walâya

Im Herzen der Lehre der Zwölf Imame liegt der Begriff des Imamats. Im Rahmen dieser Notiz ist das Imamat keine Herrschaftsform, sondern die metaphysische Doktrin der geistigen Führung. Der Imam wird, anders als der administrative Kalif in der sunnitischen Tradition, vor allem als eine bâtinitische Quelle des Wissens und der Rechtleitung vorgestellt. In der klassischen Formulierung der Zwölfer-Doktrin besitzt der Imam vier grundlegende Eigenschaften: Nass (die Bestimmung durch ein göttliches Zeichen seitens des vorhergehenden Imams), ʿIsma (die Bewahrtheit vor Sünde und Fehler), ʿIlm (göttliches Wissen) und Walâya (geistige Führung). Behandeln wir diese der Reihe nach, stets auf der spirituellen Ebene.

ʿIsma — geistige Reinheit und Bewahrtheit

ʿIsma (العصمة) bedeutet wörtlich „Bewahrung"; sie bezeichnet die Bewahrtheit des Imams vor Sünde und Fehler durch eine göttliche Gnade. Dies ist, wie die modernen akademischen Quellen betonen, kein mechanischer Zwang im Sinne eines „Nicht-sündigen-Könnens"; sie ist eine geistige Fähigkeit, die aus dem esoterischen Wissen entspringt und die Person vom Aufbegehren gegen Gott zurückhält. Das heißt, die ʿIsma ist kein von außen auferlegtes Hindernis, sondern ein von innen erblühender Zustand der Herzensreinheit.

Dieser Begriff deckt sich unmittelbar mit dem Verständnis des Insân-i Kâmil (des reifen/vollkommenen Menschen) und des Mahfûz (bewahrten) Walî im Sufismus. Auch in der sufischen Tradition werden die höchsten Walî als Personen geschildert, die sich von der Übermacht ihres Ego befreit, sich mit dem göttlichen Willen vereint und die Stufe der „Fanâʾ" (Fanâʾ) erreicht haben. Die ʿIsma ist der Punkt der Vollendung dieser geistigen Läuterung: die Stufe, auf der das Selbst (Anâ) gänzlich durchsichtig wird, auf der die Person nicht mehr ihre eigene Begierde, sondern der Spiegel der Wahrheit ist.

ʿIlm-i Ladun — himmlisches/eingegebenes Wissen

Das vielleicht erkenntnismäßigste Element der Imamatsdoktrin ist, dass der Imam das ʿIlm-i Ladun (لدنّي, „von Gottes Gegenwart kommendes, eingegebenes [wahbî] Wissen") besitzt. Im Koran (Koran) ist der in der Chidr-Erzählung der Sure al-Kahf vorkommende Ausdruck ʿilman min ladunnâ („ein Wissen aus Unserer Gegenwart") der Name des Wissens, das nicht durch Mühe/Lernen, sondern durch unmittelbare göttliche Gabe erlangt wird. In der Zwölfer-Doktrin empfangen die Imame nicht wie die Propheten Offenbarung; doch erben sie das göttliche Wissen des Propheten und werden als „der sprechende Koran" (al-Qurʾân an-nâtiq) bezeichnet — das heißt, sie gelten als der lebendige Träger des bâtinitisch-auslegungsmäßigen (Taʾwîlî) Sinns des Textes.

Im schiitischen Kalâm wird dieses Wissen mit den Begriffen Hikma (göttliche Weisheit) und ʿAql (himmlischer Intellekt) in Verbindung gebracht: Man sagt, dass die Quelle der Seelen der Propheten und der Imame dieser göttliche ʿAql sei und dass ihnen das Wissen auf dem Wege des Ilhâm (der göttlichen Eingebung) gegeben werde. Diese Vorstellung gehört derselben geistigen Familie an wie die Begriffe Kaschf (geistige Eröffnung), Ilhâm und Muschâhada im Sufismus. Werke, die dem Imam zugeschrieben werden, wie Misbâh asch-Scharîʿa („Die Leuchte der Scharia"), werden eben als in dieser Sprache des eingegebenen Wissens geschriebene Texte der Askese/Ethik gelesen; auch wenn die Zugehörigkeit des Textes zu Dschaʿfar as-Sâdiq akademisch umstritten ist, ist seine Stellung in der geistigen Tradition unbestritten.

Walâya — das bâtinitische Antlitz der Prophetie

Die Walâya (الولاية) ist das geistige Herz dieser Doktrin. Im deutlichen Ausdruck der akademischen Quellen ist die Walâya „das bâtinitische/esoterische Antlitz der Prophetie" (the esoteric aspect of prophecy). Der Prophet bringt das Zâhir der göttlichen Botschaft (das Tanzîl, die Scharia); der Walî/Imam aber trägt das Bâtin jener Botschaft (das Taʾwîl, die Haqîqa) und lässt seinen Murîd zur inneren/geistigen Dimension der Religion gelangen. Die Walâya gilt in der Zwölfer-Doktrin als „die Bedingung der Annahme aller guten Werke" und als eine Säule des Glaubens; denn ohne die Bindung an den geistigen Führer bleibt die Hinwendung des Herzens zu Gott unvollständig.

Dieser Punkt ist die Brücke, die die Lehre der Zwölf Imame und den Sufismus einander am stärksten annähert. In Henry Corbins Ausdruck ist das Erscheinen der Imame „die Quelle der Walâya; das Prinzip einer esoterischen, nachprophetischen Führung (prophétologie ésotérique), die bis ans Ende des Aions (des geistigen Zeitalters) andauern wird". Im Sufismus ist die Walâya der Kanal, durch den der göttliche Segen (Faid) nach dem Verschließen des Prophetentors die Menschheit weiterhin erreicht; die Erörterung des „Châtam al-Auliyâʾ" (des Letzten der Walî) in der Tradition Ibn ʿArabîs zeigt eine erstaunliche Parallele zum Gedanken des „Châtam al-Ausiyâʾ" (des Letzten der Wasî = Mahdî) in der Lehre der Zwölf Imame.

Nûr-i Muhammadî — die Kette des Lichts

Die kosmologische Vorstellung, die alle diese Begriffe vereint, ist die Lehre vom Nûr-i Muhammadî (dem muhammadischen Licht, Haqîqat-i Muhammadiyya). In der Zwölfer-Kosmologie gibt es ein ewiges Licht, das der Grund und das Mittel der Schöpfung ist; dieses Licht wird die Prophetenkette hindurch weitergegeben und offenbart sich schließlich in den „vierzehn Unfehlbaren (Maʿsûm)" — im Propheten, in Fâtima und in den Zwölf Imamen. Durch dieses Licht „erleuchten die Imame die Herzen der Gläubigen und richten sie auf Gott hin aus".

Diese Lehre ist nahezu die Eins-zu-eins-Entsprechung des Begriffs der Haqîqa Muhammadiyya im Sufismus: In beiden ist das erste Prinzip der Schöpfung ein göttliches Licht/eine Wahrheit, die das Universum hervorbringt, und der Walî/Imam ist der Träger dieses Lichts in der Zeit. So wird der Imam als „der Beweis Gottes" (Hudschdschatullâh), als „das Tor Gottes" (Bâbullâh) bezeichnet — der geistige Mittler zwischen Gott und Mensch, der irdische Spiegel der göttlichen Namen (al-Asmâʾ al-Husnâ). Diese Kosmologie lässt sich mit dem Abstieg von der Stufe der Ahadiyya (der absoluten Einheit) zur Vielheit strukturell mit dem Abstieg vom Ein Sof zu den Sefirot in der Kabbala und mit der Entfaltung vom Brahman zur sich manifestierenden Welt im Vedânta vergleichen.

Die tiefe Metaphysik, die die Lehre vom Nûr-i Muhammadî andeutet, ist diese: Die sichtbare Welt ist der Schatten/die Selbstoffenbarung (Tadschallî) eines unsichtbaren Lichts; der Imam ist die „sprechende" (nâtiq), das heißt die wahrnehmbar gewordene Manifestation dieses Lichts. Deshalb gleicht es, die Zwölf Imame als ein Ganzes zu denken, dem Funkeln eines einzigen Lichts in zwölf verschiedenen Leuchten — die Leuchten sind verschieden, das Licht ist eines. Dieses Bild deckt sich unmittelbar mit dem Thema der „Spiegelung der einen Wahrheit in vielen Spiegeln" in der Tradition Ibn ʿArabîs und ist der parallele Ausdruck des Verhältnisses AhadiyyaHaqîqa Muhammadiyya in der schiitischen Erkenntnislehre. Henry Corbin liest diese Lichtkosmologie als „Phänomenologie des Lichts" (phénoménologie de la lumière): Der Imam ist das innere Licht, das in der Finsternis der Seele den Weg weist; ihn zu erkennen heißt, das Licht (Nûr) in sich selbst zu erkennen. Dieser Punkt zeigt, warum die Tradition nicht als eine „äußere Autorität", sondern im Wesentlichen als eine Lehre der inneren Erleuchtung gelesen werden muss.

Die feine Grenze zwischen Imamat und Prophetie

Das empfindlichste Gleichgewicht, das die geistige Doktrin zu wahren hat, ist die Grenze zwischen dem Imamat und der Prophetie. In der Zwölfer-Lehre ist der Imam kein Prophet; er empfängt keine Offenbarung und bringt keine neue Scharia. Seine Aufgabe ist die Bewahrung, Auslegung und Eröffnung der bâtinitischen Dimension der gebrachten Offenbarung. Diese Unterscheidung ist ein doktrinärer Riegel gegen die Gefahr der Ghulûw (der übermäßigen Überhöhung): Der Imam wird erhöht, aber nicht vergöttlicht, nicht auf die Stufe des Propheten erhoben. Dieses Gleichgewicht ist dasselbe wie der Grundsatz im Sufismus: „Der Walî ist der Schatten des Propheten; die Walâya ist das Bâtin der Prophetie, doch ist sie ihr nicht überlegen." Die ʿIsma des Imams speist sich nicht aus einer anderen Quelle als die ʿIsma des Propheten, sondern aus demselben Licht; doch ist ihre Funktion verschieden. Die Wahrung dieser feinsinnigen Unterscheidung ist ein theologischer Gleichgewichtsmechanismus, der die Tradition auf der Linie des Tawhîd hält.

Die Zwölf Imame: Eine geistige Kette (Silsila)

Wir lesen die Zwölf Imame im Rahmen dieser Notiz nicht als eine Dynastie oder eine Reihe politischer Führer, sondern als eine das Nûr-i Muhammadî tragende geistige Kette (Silsila). Ebenso wie sich die Kette eines sufischen Ordens von Murschid zu Murschid erstreckt, sind auch die Zwölf Imame eine geistige Übertragungslinie, die beim Propheten beginnt. Jeder Imam ist der geistige Erbe des vorhergehenden und der Bezeichnende (Nass) des nachfolgenden. Stellen wir diese Kette im Folgenden kurz vor, ein jedes Glied mit seiner geistigen Betonung.

Das erste Glied: ʿAlî

ʿAlî (gest. 40/661) ist der Anfang der Kette. Die geistige Abstammung fast aller Zweige des Sufismus stützt sich auf ihn; er wird als „das Tor der Wissensstadt" (Bâb madînat al-ʿilm) bezeichnet. Das ihm zugeschriebene Nahdsch al-Balâgha (Der Gipfel der Beredsamkeit), das aus Predigten, Briefen und weisen Aussprüchen besteht, ist eine sufisch-ethische Schatzkammer der Weisheit; es verdient, neben der universalen Weisheitsliteratur wie dem Mathnawî (Mathnawî) und der Bhagavad Gita genannt zu werden. ʿAlîs Aussprüche über das Tawhîd, die Gerechtigkeit und die Erziehung des Ego sind wie die geistige Verfassung dieser Tradition.

Das zweite und dritte Glied: Hasan und Husain

al-Hasan (gest. 49/669) ist das Sinnbild der Stufe der Versöhnung (Sulh) und der Geduld; Husain (gest. 61/680) das Sinnbild der Hingabe (Fidâʾ) und des Widerstands. Beide sind Enkel des Propheten, Söhne Fâtimas. Die Märtyrerschaft Husains im Ereignis von Kerbelâ ist, wie oben gesagt, das Gründungsereignis, das der ganzen Kette ihre geistige Färbung gibt.

Das vierte und fünfte Glied: Zain al-ʿÂbidîn und al-Bâqir

Zain al-ʿÂbidîn (gest. 95/713) ist der Imam, der aus Kerbelâ lebend entkam; die ihm zugeschriebene Gebetssammlung as-Sahîfa as-Sadschdschâdiyya gehört zu den tiefsten Beispielen der islamischen Munâdschât-Literatur (sie wird „der Zabûr der Âl Muhammad" genannt). Sein Sohn Muhammad al-Bâqir (gest. 114/733) ist mit dem Beinamen „der das Wissen Aufspaltende" der Initiator der wissenschaftlichen Systematisierung.

Das sechste Glied: Dschaʿfar as-Sâdiq — der Erkenntnisgipfel der Kette

Dschaʿfar as-Sâdiq (83–148/702–765) ist der intellektuell-erkenntnismäßige Gipfel dieser Kette und der Imam, der der Rechtsschule den Namen gibt. Wie wir oben ausgeführt haben, ist er der vereinende Lehrer, der sowohl die sunnitischen als auch die schiitischen und die sufischen Traditionen nährt. Der TDV-Eintragung zufolge werden ihm Werke wie Misbâh asch-Scharîʿa, Tauhîd al-Mufaddal und Hayâkil an-Nûr (über Talismane) zugeschrieben; sein Name wird auch mit der alchemistischen Tradition der Traumdeutung Dschaʿfar as-Sâdiqs — was die Traumdeutung und die Geheimwissenschaften (ʿUlûm al-Hawâss) betrifft — erwähnt. Auch wenn moderne Orientalisten (Ruska, Kraus) diese Behauptungen über Geheimwissen in großem Maße als „übertrieben" werten, ist die Stellung Dschaʿfar as-Sâdiqs in der geistigen Tradition fest: Die Naqschbandî- und Bektaschî-Ketten zählen ihn in ihren Ketten, und große Sufis wie Bâyazîd al-Bistâmî gelten als seine geistigen Schüler.

Das siebte bis elfte Glied: Von al-Kâzim bis al-ʿAskarî

Mûsâ al-Kâzim (gest. 183/799) ist mit dem Beinamen „der seinen Zorn Hinunterschluckende" (Kâzim) das Sinnbild der Stufe der Geduld und der Sanftmut (Hilm). ʿAlî ar-Ridâ (gest. 203/818) ist in Chorasan (Maschhad) bestattet; er wird mit seinen Wissensversammlungen erwähnt. Muhammad al-Dschawâd (gest. 220/835) und ʿAlî al-Hâdî (gest. 254/868) sind die Glieder, die in jungem Alter das Imamat übernahmen; das Motiv des „vollkommenen Wissens in jungem Alter" deckt sich, wie wir weiter unten sehen werden, auf eindrückliche Weise mit der tibetischen Tulku-Tradition. al-Hasan al-ʿAskarî (gest. 260/874) ist das vorletzte Glied der Kette.

Das zwölfte Glied: Muhammad al-Mahdî und die Verborgenheit

Muhammad al-Mahdî ist das letzte Glied der Kette und der „Châtam al-Ausiyâʾ". Mit seinem Eintritt in die Verborgenheit schließt sich die sichtbare Kette; doch die geistige Kette — dem Glauben zufolge — schließt sich nicht, sie wird nur unsichtbar. Dies ist das Thema des nächsten Abschnitts. Hier ist der Punkt zu betonen, der dieser ist: Die Zahl Zwölf steht in Resonanz mit der Symbolik der Vollständigkeit und kosmischen Ordnung, die sich in vielen geistigen Traditionen findet (die zwölf Tierkreiszeichen, die zwölf Monate, die zwölf Apostel Jesu, die zwölf Stämme Israels); die Vollendung der Kette in zwölf Gliedern lässt sich auch als das Zur-Reife-Gelangen eines kosmischen Zyklus lesen.

Verborgenheit und Mahdî: Das innere Verhältnis zum Unsichtbaren

Das originellste und mystischste Element der Lehre der Zwölf Imame ist die Doktrin der Verborgenheit (الغيبة, „Verborgensein, Unsichtbarkeit"). Man glaubt, dass der zwölfte Imam 260/874 zunächst in die Kleine Verborgenheit (die Zeit, in der die mittelbare Bindung an die Gemeinde durch vier Safîr/Stellvertreter [Nâʾib] fortbestand), 329/941 dann in die bis heute andauernde Große Verborgenheit eintrat. Wir deuten die Verborgenheit im Rahmen dieser Notiz nicht als ein eschatologisches Szenario einer „verlorenen Person", sondern als das Symbol einer geistigen Wahrheit.

Gegenwärtig, doch unsichtbar: Die esoterische Deutung

Das geistige Wesen der Verborgenheit ist dieses: Der Imam ist, ist gegenwärtig, doch ist er unsichtbar. Der Mahdî gilt während der Verborgenheit als „verantwortlich für die Angelegenheiten der Menschen, besonders für ihre innere/geistige Rechtleitung". Das heißt, der geistige Führer setzt, auch wenn er physisch nicht sichtbar ist, seine Funktion als eine unsichtbare Achse fort, auf die die Seelen ausgerichtet sind. Diese Vorstellung deckt sich unmittelbar mit dem Verständnis der Verborgenen des Unsichtbaren (Ghaib-Erenleri) und des Qutb im Sufismus: Man glaubt, dass es in jedem Zeitalter einen „Qutb al-Aqtâb" gibt, der die geistige Ordnung des Universums unsichtbar in seiner Hand hält; auch er ist zumeist vor dem Volk verborgen.

Henry Corbin liest die Verborgenheit eben an diesem Punkt als symbolisch/geistig: Ihm zufolge sind die Geburt und die Verborgenheit des Imams „eine von der historischen Faktizität unabhängige, mit mystischer Bedeutung reiche heilige Geschichte". Die Verborgenheit ist ein jenseits der sichtbaren Geschichte, in der geistigen Welt (ʿâlam-i mithâl) fortdauernder Zustand. Der Imam ist als „Qâʾim" (aufrecht, stets gegenwärtig) vorhanden; der Gläubige nimmt ihn nicht mit dem physischen Auge, sondern mit dem Auge des Herzens (Basîra) wahr. Dies ist auch mit dem Thema der Unsterblichkeit der Seele verbunden: Die Abwesenheit des sichtbaren Körpers bedeutet nicht die Abwesenheit der geistigen Existenz.

Intizâr — die geistige Disziplin des Erwartens

Die praktisch-geistige Entsprechung der Verborgenheitsdoktrin ist der Intizâr (انتظار, „Erwartung"). Doch ist dies kein passives Warten, sondern eine geistige Disziplin der Bereitschaft: Der Gläubige läutert, im Bewusstsein, unter der Aufsicht des unsichtbaren Führers zu leben, seine eigene innere Welt und bemüht sich, die Gerechtigkeit und die Wahrheit in seinem eigenen Ego zu verwirklichen. Der Intizâr ist gewissermaßen das Bewusstsein des „In-jedem-Augenblick-in-der-Gegenwart-Seins" — er hat dieselbe geistige Logik wie die Praxis der Murâqaba (das Bewusstsein, unter der göttlichen Aufsicht zu stehen) im Sufismus.

Die tiefe geistige Bedeutung des Intizâr ist, dass die Person sich nicht als ein „wartendes", sondern als ein „sich vorbereitendes" Subjekt positioniert. Der Glaube, dass der unsichtbare Imam eines Tages erscheinen wird, gibt dem Gläubigen einen Horizont, der das Heute bedeutsam macht: ebenso wie ein Samenkorn unter der Erde, ungesehen, doch auf das Kommen des Frühlings bereit, wartet. In dieser Hinsicht ist der Intizâr nicht bloß eine eschatologische Lehre, sondern eine geistige Disziplin des alltäglichen Lebens; das Bewusstsein, jeden Morgen in der Gegenwart des unsichtbaren Führers von neuem zu beginnen. Wie der Ruf „Stirb, bevor du stirbst" (*mûtû qabla an tamûtû) in der sufischen Tradition lädt auch der Intizâr die Person in einen Zustand fortwährender innerer Bereitschaft, Läuterung und Wachsamkeit ein. Dieses Bewusstsein ist auch mit dem Begriff der Fanâʾ verbunden: der Zustand, sich von den sichtbaren Ansprüchen des Selbst zu lösen und sich der unsichtbaren Wahrheit hinzugeben.

Der vergleichende Mahdî: Die universale messianische Hoffnung

Der Glaube, dass der in der Verborgenheit befindliche Imam eines Tages erscheinen und „die Erde mit Gerechtigkeit füllen" werde, ist eine islamische Form der universalen messianischen/erlöserischen Hoffnung, die in nahezu jeder Tradition der Menschheit anzutreffen ist. Diese Parallele wird in der Notiz Maitreya, Mahdî und Kalki im Vergleich eingehend behandelt; fassen wir sie hier zusammen: In der buddhistischen Tradition der künftig kommende Buddha Maitreya, in der hinduistischen Tradition der letzte Avatâr Vishnus Kalki, in der zoroastrischen Tradition der Saoschyant, in der jüdisch-christlichen Tradition der Messias — sie alle teilen die Erwartung eines „goldenen Zeitalters", in dem die kosmische Ordnung (Dharma, Asha, Gerechtigkeit) wiederhergestellt wird. Die Verborgenheit und das Erscheinen des Mahdî sind der dieser Tradition der Zwölf Imame eigene, doch mit dem gemeinsamen geistigen Erbe der Menschheit tief in Resonanz stehende Ausdruck dieses universalen Archetyps.

Doktrinäre Grundsätze und geistige Praktiken

Der doktrinäre Rahmen der Tradition der Zwölf Imame ist um fünf Glaubensgrundsätze (Usûl ad-Dîn) gewoben; lesen wir sie mit ihrem geistigen Gehalt. Das Tawhîd (die Einheit Gottes) wird in dieser Tradition besonders zusammen mit der Eigenschaft der Gerechtigkeit betont: Der Glaube, dass Gott notwendigerweise gerecht ist und dass im Universum nicht Willkür, sondern Weisheit (Hikma) waltet, gibt dem Gläubigen die Vorstellung eines bedeutungsvollen Universums. Die Gerechtigkeit (al-ʿAdl) ist der aus dem muʿtazilitischen Kalâm-Erbe übernommene Grundsatz, der die Zentralität der göttlichen Weisheit betont. Die Prophetie (Nubuwwa) verweist auf die Institution des Prophetentums; das Imamat auf die oben behandelte Doktrin der geistigen Führung; die Wiederkunft (Maʿâd) auf das Jenseits und die Unsterblichkeit der Seele.

Die geistige Ganzheit dieser fünf Grundsätze ist bemerkenswert: Tawhîd (die Quelle), Gerechtigkeit (die sittliche Ordnung des Universums), Prophetie (der Beginn der Führung), Imamat (die Kontinuität der Führung) und Maʿâd (das Ziel der Reise). Diese zusammen zeichnen eine Karte der Reise der Seele, die von Gott kommt und zu Gott zurückkehrt (Qaus-i Nuzûl und Qaus-i ʿUrûdsch — der Bogen des Abstiegs und des Aufstiegs). Besonders dass der Grundsatz der Gerechtigkeit als ein Glaubensgrundsatz gilt, verleiht dieser Tradition einen tiefen sittlich-geistigen Ernst: Das Universum ist nicht willkürlich, sondern weisheitsvoll und gerecht; folglich ist es für den Menschen eine geistige Pflicht, sowohl in sich als auch außerhalb seiner die Gerechtigkeit zu suchen. Dies erklärt auch, warum die Tradition im Lauf der Geschichte mit den Themen „auf der Seite des Unterdrückten zu stehen" und „geistiger Widerstand gegen die Tyrannei" genannt wurde — der Kerbelâ-Archetyp ist eben die Fleisch und Bein gewordene Gestalt dieser Empfindsamkeit für die Gerechtigkeit.

Was den Grundsatz des Imamats von den anderen vieren unterscheidet, ist, dass er dieser Tradition eigen ist; Tawhîd, Prophetie und Maʿâd sind der gemeinsame Glaube aller Muslime. Doch wird das Imamat im Rahmen dieser Notiz nicht als ein „Trennungspunkt", sondern als eine erkenntnismäßige Antwort auf die Frage gelesen, wie die geistige Führung nach der Prophetie fortdauern soll. Während in der sunnitischen Tradition diese Kontinuität durch den Konsens (Idschmâʿ) der Gelehrten und — auf der bâtinitischen Ebene — durch die Qutb/Walî-Hierarchie im Sufismus gesichert wird, sichert in der Tradition der Zwölf Imame dies die Kette der unfehlbaren (Maʿsûm) Imame. Beide Antworten entsprechen demselben geistigen Bedürfnis — „durch wen wird die Rechtleitung nach dem Propheten fortdauern?".

Tawallâ und Tabarrâ: Der Weg der Liebe und der Läuterung

Unter den praktischen Grundsätzen (Furûʿ ad-Dîn) treten die beiden hervor, die dieser Tradition ihre geistige Färbung geben: das Tawallâ (die Liebe und Bindung zur Ahl al-Bayt) und das Tabarrâ (die Lossagung/Distanzierung von der Tyrannei und der Feindschaft gegen die Wahrheit). Wir lesen das Tawallâ und das Tabarrâ im Rahmen dieser Notiz nicht als eine Parteinahme zwischen Personen, sondern als die geistige Ausrichtung des Herzens: Tawallâ heißt, das Herz an die Quellen der Wahrheit und der Schönheit zu binden; Tabarrâ heißt, sich von der Tyrannei, dem Hochmut und der Wahrheitsblindheit des Ego zu läutern. Dies trägt dieselbe geistige Logik wie die Prozesse der „Muhabba" (göttliche Liebe) und der „Tachliya" (Läuterung von den üblen Eigenschaften) im Sufismus. In der anatolischen alevitisch-bektaschitischen Tradition gewinnt diese Liebe in der Cem-Semah-Zeremonie, in den Deyisch und den Nefes eine ästhetische Gestalt.

Ritual und Gedenken: ʿÂschûrâʾ und Ziyâra

Die sichtbarste geistige Praxis der Tradition ist die ʿÂschûrâʾ-Trauer — das Gedenken an Kerbelâ im Monat Muharram — und die Ziyâra der heiligen Stätten (die geistigen Reisen zu den Mausoleen [Türbe] der Imame). Die ʿÂschûrâʾ-Trauer erfüllt eine kollektive Funktion der Katharsis (geistigen Läuterung): Die Gemeinschaft, indem sie die Passion Husains von neuem erlebt, gibt ihren eigenen Schmerzen einen Sinn und erneuert die Werte der Hingabe und der Treue. Dies ist eine Form des heiligen Dramas, die mit den „Passions"-Gedenken in der christlichen Tradition und mit der schiitischen Taʿziya (der religiösen Darstellung/dem Theater) verglichen werden kann. Die Praxis der Ziyâra wiederum entspricht demselben geistigen Bedürfnis wie die Besuche der Mausoleen/Heiligengräber (Yatir) im Bektaschitum und in der anatolischen Volksspiritualität — dem Verlangen, der unsichtbaren geistigen Präsenz an einem konkreten Ort zu begegnen.

Heilige Texte und erkenntnismäßige Literatur

Das geistige Erbe der Tradition der Zwölf Imame lebt in einem reichen Textkorpus. Wir lesen diese Texte nicht als rechtliche Quellen, sondern als erkenntnismäßig-ethische Weisheitsliteratur. Die grundlegende Quelle der Tradition ist selbstverständlich der Koran; doch neben ihm bilden die den Imamen zugeschriebenen Bittgebets-, Predigt- und Weisheitstexte die tägliche Nahrung des geistigen Lebens.

Nahdsch al-Balâgha und die Sahîfa as-Sadschdschâdiyya

Das Nahdsch al-Balâgha ist die ʿAlî zugeschriebene und von asch-Scharîf ar-Radî (gest. 406/1015) gesammelte Sammlung von Predigten, Briefen und Sentenzen. Die Passagen, die es über Tawhîd, Askese (Zuhd), Gerechtigkeit und die Erziehung des Ego enthält, machen es zu einem universalen Weisheitstext; mit seinem sufischen Gehalt gehört es derselben geistigen Familie an wie das Mathnawî und die Hikma al-Arbaʿîn-Tradition (Vierzig-Hadith-Werk der praktischen Weisheit). Die Zain al-ʿÂbidîn zugeschriebene as-Sahîfa as-Sadschdschâdiyya wiederum gilt als der Gipfel der Munâdschât-Literatur (des Flehens); sie drückt die Armut (Faqr) und die Sehnsucht der Seele vor Gott in der tiefsten Sprache aus.

Dschaʿfar as-Sâdiq zugeschriebene erkenntnismäßige Texte

Die dem sechsten Imam zugeschriebene Misbâh asch-Scharîʿa („Die Leuchte der Scharia") ist ein aus hundert Kapiteln (Bâb) bestehender Text der Askese/Ethik und fand in den sufischen Kreisen großen Anklang. Eine ihm ebenfalls zugeschriebene mystische Koranauslegung (Tafsîr) ist einer der Grundsteine der frühen sufischen Tafsîr-Tradition (überliefert innerhalb von as-Sulamîs Haqâʾiq at-Tafsîr); in diesem Tafsîr werden die Verse mit der Methode des ʿIlm al-Ischâra (der Wissenschaft des Hinweises) in ihren bâtinitisch-geistigen Schichten jenseits des äußeren Sinns gedeutet. Diese Texte zeigen Dschaʿfar as-Sâdiq nicht nur als einen Rechtsgelehrten, sondern zugleich als einen Pîr der Erkenntnislehre. Auch wenn ihre Zugehörigkeit umstritten ist, sind ihre Funktionen in der geistigen Tradition — als das Herz läuternde, zum Nachsinnen rufende Führungstexte zu sein — unbestritten.

Das Hadithkorpus und die Taʾwîl-Tradition

Das Hadithkorpus der Tradition ist um die „Vier Bücher" (al-Kutub al-Arbaʿa) gesammelt; ihre Sammler sind al-Kulainî (gest. 329/941), Ibn Bâbawaih (Schaich as-Sadûq, gest. 381/991) und Schaich at-Tûsî (gest. 460/1067). In diesen Quellen ist ein bedeutender Teil der von den Imamen überlieferten Aussprüche von Taʾwîl (bâtinitischer Auslegung) und Hikma-Gehalt. Die Taʾwîl-Tradition ist eine geistige Hermeneutik, die den Übergang vom Zâhir des Textes zu seinem Bâtin möglich macht, und sie steht auf demselben epistemologischen Boden wie der ischârî Tafsîr (die hinweisende Auslegung) im Sufismus: Die Wahrheit liegt nicht an der Oberfläche des Wortlauts, sondern in seiner Tiefe und kann nur mit einem geläuterten Herzen erfasst werden.

Symbolik und geistige Bildsprache

Die Tradition der Zwölf Imame besitzt eine reiche Symbolsprache; diese Symbole sind ästhetische Mittel, die die geistigen Wahrheiten sichtbar machen. Die Zahl Zwölf ist das Zeichen der kosmischen Vollständigkeit (die zwölf Tierkreiszeichen, die zwölf Monate); die Vollendung der Kette in zwölf Gliedern deutet das Zur-Reife-Gelangen eines Zyklus an. Die vierzehn Unfehlbaren (Maʿsûm) (Prophet + Fâtima + Zwölf Imame) wiederum werden mit der Symbolik des vierzehnten (Voll-)Mondes (Badr) — des zur Vollendung gelangten Lichts — in Verbindung gebracht.

Nûr, Hand (Pendsche) und Farbsymbolik

Die Nûr (Licht)-Symbolik ist die bildliche Entsprechung der oben behandelten Lehre vom Nûr-i Muhammadî: Die Imame werden als Leuchten geschildert, die in der Finsternis den Weg weisen. Die Pendsche-i Âl-i ʿabâ (das Motiv der fünffingrigen Hand — Muhammad, ʿAlî, Fâtima, Hasan, Husain) ist in der anatolischen alevitisch-bektaschitischen Bildkultur (alevitisch-bektaschitischer Weg) ein zentrales Symbol; sie repräsentiert den Schutz, den Segen und die Bindung an die Ahl al-Bayt. Die Farben Grün und Schwarz — Grün für die Ahl al-Bayt, Schwarz für die Kerbelâ-Trauer und den Schleier der Verborgenheit — bilden eine geistige Sprache. Die Wasser-Symbolik (das in Kerbelâ vom Euphrat verwehrte Wasser; das Wasser des Lebens) wiederum ist das universale Bild des Durstes nach der Wahrheit und des geistigen Lebens.

Architektur und die Heiligkeit des Ortes

Die Mausoleen der Imame (Nadschaf, Kerbelâ, Maschhad, al-Kâzimain, Sâmarrâʾ) verkörpern mit ihren goldenen Kuppeln und ihren verspiegelten Innenräumen den Gedanken „der Abdruck des Himmels auf Erden". Diese heilige Architektur erfüllt die Funktion einer Schwelle (eines liminalen Ortes), die den Besucher aus der alltäglichen Zeit in die heilige Zeit trägt; ebenso wie die Lichtarchitektur der christlichen Kathedralen oder die kosmische Planordnung (Mandala) der Hindu-Tempel repräsentiert sie einen geistigen Aufstieg auf räumliche Weise.

Vergleichende Perspektive: Die geistige Kette in fünf Traditionen

Die universalste Dimension der Lehre der Zwölf Imame ist der Gedanke der kettenförmigen Weitergabe der geistigen Autorität/des geistigen Wissens. Dieser Gedanke begegnet uns in nahezu allen geistigen Traditionen der Welt. Im Folgenden vergleichen wir das Verständnis von Imamat/Walâya mit seiner Entsprechung in fünf verschiedenen Traditionen. Das Ziel ist nicht, eine Hierarchie zu errichten, sondern die Universalität des Verlangens der menschlichen Seele zu zeigen, „durch einen zuverlässigen Führer zur Wahrheit zu gelangen".

1. Sufismus: Silsila und Qutb

Die Silsila (die geistige Abstammungskette) im Sufismus ist der nächste Verwandte der Imamatsdoktrin. Jeder Orden stützt seine geistige Abstammung von Murschid zu Murschid zurück, zumeist über ʿAlî, auf den Propheten. Der Begriff des Qutb (der geistigen Achse, des Insân-i Kâmil) wiederum deckt sich nahezu eins zu eins mit dem Imamatsverständnis: Wie die akademischen Quellen deutlich festhalten, „ist der Qutb die höchste Stufe der Hierarchie der sufischen Walî und ist der Rolle des Imams im schiitischen Verständnis gleichwertig". Beide sind „der Kanal, durch den der Segen (Faid) und die Rechtleitung Gottes die Menschheit erreichen". Die von ʿAlî al-Hudschwîrî (gest. ~465/1072) geschilderte geistige Hierarchie (dreihundert Achyâr, vierzig Abdâl, sieben Abrâr, vier Autâd, drei Nuqabâʾ und ein Qutb) beruht strukturell auf derselben Vorstellung wie die unsichtbare Führung des in der Verborgenheit befindlichen Imams: Das Universum wird von einer unsichtbaren geistigen Hierarchie aufrechterhalten. Dass die geistige Abstammung Bâyazîd al-Bistâmîs an Dschaʿfar as-Sâdiq angebunden wird (die Taifûriyya-Kette), ist auch der Beweis der historischen Verflechtung der beiden Traditionen.

2. Tibetischer Buddhismus: Tulku und Reinkarnation

Das Tulku-System des tibetischen Buddhismus bietet eine ganz andere, doch auf eindrückliche Weise ähnliche Lösung für die Kontinuität der geistigen Autorität. Diesem im 12. Jahrhundert von der Karma-Kagyü-Schule institutionalisierten System zufolge erlischt das „erleuchtete Bewusstsein" eines großen geistigen Meisters mit dem Tod nicht, sondern setzt, sich neu verkörpernd (Reinkarnation), die Hinwendung der Wesen zur Erlösung fort. Die neue Verkörperung des verstorbenen Meisters wird durch die Erkennung — meist in einem Kind — durch ältere Lamas mittels Träumen, Prophezeiungen und Zeichen bestimmt. Zwischen dem Imamat und dem Tulku besteht eine tiefe Parallele: In beiden setzt das geistige Wissen/Licht (Nûr), den persönlichen Tod überwindend, eine Linie fort. Überdies deckt sich das Motiv des „in jungem Alter vollkommenes Wissen besitzenden Imams" in der Tradition der Zwölf Imame (Muhammad al-Dschawâd, ʿAlî al-Hâdî) auf erstaunliche Weise mit dem Motiv der „von Geburt an vollkommenen Weisheit" des Tulku-Kindes; beide Traditionen teilen den Gedanken, dass „die geistige Reife nicht mit dem Alter, sondern durch eine göttliche Gabe kommt". Auch der Unterschied ist wichtig: Im Imamat geschieht die Übertragung auf dem Wege der Abstammung/des Nass (verschiedene Personen in derselben Kette), beim Tulku aber auf dem Wege der Reinkarnation (die Wiederverkörperung desselben Bewusstseins). Dieser Unterschied spiegelt auch die Unterscheidung in den Vorstellungen der beiden Traditionen von Seele und Unsterblichkeit wider: Im Imamat ist jeder Imam eine eigene Person, und das Licht wird zwischen ihnen übertragen; beim Tulku aber verkörpert sich dasselbe erleuchtete Bewusstsein immer wieder. Dennoch ist die gemeinsame Intuition beider klar: Die geistige Führung bricht mit dem Tod nicht ab, sie dauert auf unsichtbare Weise fort — dies ist ein anderer Ausdruck derselben Intuition wie der Gedanke „der Imam ist gegenwärtig, doch unsichtbar" in der Verborgenheitsdoktrin. Dieses tiefe Thema wird in der Notiz Unsterblichkeit der Seele ausführlich behandelt.

3. Hinduismus: Guru-Paramparā

Die Guru-Paramparā (die ununterbrochene Lehrerkette, die sich von Guru zu Guru erstreckt) in der hinduistischen Tradition ist der vielleicht systematischste Ausdruck der Weitergabe des geistigen Wissens. Das Wissen (vidyā) wird nicht aus dem Buch, sondern von einem lebendigen Lehrer an einen lebendigen Schüler (śiṣya) weitergegeben; diese Weitergabe wird durch die dīkṣā (die geistige Initiation) besiegelt. Dass Krishna in der Bhagavad Gita den Ardschuna belehrt, ist der göttliche Prototyp dieser Paramparā; das vierte Kapitel der Gita eröffnet mit einer Kettenerzählung, in der das Wissen „von den großen Rishis zu den Königen, von ihnen aber mit dem Lauf der Zeit verloren ging und von neuem von Krishna offenbart wurde" („Diesen ewigen Yoga lehrte ich die Sonne … doch mit der Zeit ging dieses Wissen auf Erden verloren, nun offenbare ich es dir von neuem"). Dieses Motiv — das Verlorengehen und Wiedererscheinen des Wissens — steht auf erstaunliche Weise in Resonanz mit dem Rhythmus von Verborgenheit und Erscheinen in der Tradition der Zwölf Imame: Die Wahrheit wird unsichtbar (geht verloren), tritt dann zur rechten Zeit von neuem zutage. Die strukturelle Ähnlichkeit zwischen der „Übertragung des Nûr-i Muhammadî die Kette entlang" in der Imamatsdoktrin und der „Übertragung der vidyā die Kette entlang" in der Guru-Paramparā ist bemerkenswert: In beiden ist die Wahrheit ein lebendiges, von Person zu Person getragenes anvertrautes Gut (Emânet), kein trockener Text. Die dīkṣā (Initiation) in der hinduistischen Tradition, die Baiʿa/das Handnehmen im Sufismus und die Bindung an den Imam in der schiitischen Tradition teilen stets dieselbe geistige Logik: Das Wissen kann nur einem bereiten und hingegebenen Herzen, durch eine lebendige Bindung, weitergegeben werden.

4. Christentum: Apostolische Sukzession

Die apostolische Sukzession (die Nachfolge der Apostel) in der christlichen Tradition ist eine weitere Form der ununterbrochenen Weitergabe der geistig-spirituellen Autorität. Dem Glauben zufolge wird die geistige Vollmacht, die Jesus Christus seinen Aposteln gab, durch die Handauflegung (cheirotonia, Ordination) von Bischof zu Bischof ununterbrochen weitergegeben; so bindet sich die geistige Autorität der Kirche unmittelbar an die Apostel und von dort an den Messias. Diese Struktur ist dem Nass (der Einsetzung eines Imams durch einen anderen mit einem göttlichen Zeichen) im Imamat funktional parallel: In beiden ist die rechtmäßige geistige Autorität an die Bedingung einer „ununterbrochenen und zuverlässigen Kette" gebunden; wesentlich ist nicht, dass die Gemeinschaft selbst eine Einsetzung vornimmt, sondern eine von oben kommende Bevollmächtigung. Die Betonung in den frühchristlichen Quellen (etwa im Brief des Clemens von Rom), dass die Apostel der Kirche eine „geordnete Nachfolge" (ordo successionis) hinterließen, ähnelt hinsichtlich der doktrinären Sorge auf erstaunliche Weise dem imâmitischen Nass-Verständnis: Die unverfälschte Weitergabe der Wahrheit kann nur durch eine göttlich bevollmächtigte Kette gewährleistet werden. Auch die Parallele zwischen der um das Kreuzsymbol gewobenen christlichen Opfertheologie und der Hingabe-Theologie von Kerbelâ bereichert diesen Vergleich: In beiden Traditionen rückt der Schmerz eines unschuldigen Opfers ins Zentrum der geistigen Erlösung und der Identität der Gemeinschaft. Die Passion Jesu und die Märtyrerschaft Husains in Kerbelâ teilen den Archetyp „der Verwandlung einer scheinbar nicht gewonnenen Niederlage in den tiefsten geistigen Sieg".

5. Judentum: Masora — die Überlieferungskette

Die Masora (Scharscheret schel Masoret, „Überlieferungskette") in der jüdischen Tradition wird im berühmten Auftakt der Pirke Avot (der Sprüche der Väter) formuliert: „Mose empfing die Tora am Sinai [von Gott] und gab sie an Josua weiter; Josua an die Ältesten, die Ältesten an die Propheten, und die Propheten an die Mitglieder der Großen Versammlung." Diese ununterbrochene Kette erzählt von der Weitergabe der mündlichen Lehre (Tora sche-be-al pe) von Lehrer zu Schüler über einen Zeitraum von mehr als tausend Jahren und begründet die Legitimität der rabbinischen Autorität in der „bis zum Sinai reichenden ununterbrochenen Linie". Die Parallele zum Silsila-Gedanken im Imamat ist klar: In beiden Traditionen beruht die Zuverlässigkeit der Wahrheit auf einer bis zur Quelle ungebrochen reichenden Überlieferungskette. In der Kabbala-Tradition hat diese Weitergabe auch eine bâtinitische Schicht: Das esoterische Wissen (Kabbala bedeutet ja „das Empfangene/Weitergegebene") wird nur dem bereiten, geläuterten Murîd weitergegeben — ebenso wie das ʿIlm-i Ladun im Imamat und das anvertraute Geheimnis (Sirr) im Sufismus.

Vergleichstabelle

Tradition Übertragungseinheit Übertragungsform Quelle der Autorität Bâtinitische Dimension
Zwölf Imame Imam (Silsila) Nass + Erbe des Nûr Göttliche Einsetzung ʿIlm-i Ladun, Walâya
Sufismus Murschid/Qutb Silsila + Baiʿa Geistiger Segen (Faid) Sirr, Kaschf, Haqîqa
Tibetischer Buddhismus Tulku Reinkarnation Erleuchtetes Bewusstsein Geheime Lehre (Terma)
Hinduismus Guru Paramparā + dīkṣā Vidyā/göttlicher Ursprung Bâtinitische Vidyā
Christentum Bischof Apostolische Handauflegung Vollmacht des Messias Mystische Theologie
Judentum Rabbiner/Weiser Masora-Kette Sinai-Offenbarung Kabbala (Sirr)

Die grundlegende Wahrheit, die diese Tabelle zeigt, ist diese: Die Menschheit hat das geistige Wissen stets vorgezogen, durch eine zuverlässige Kette zu bewahren. Die Lehre der Zwölf Imame ist einer der entwickeltsten Ausdrücke dieser universalen menschlichen Neigung in der islamischen Erkenntnislehre (ʿIrfân). Dieser perenniale (immerwährende/universale) Blick lässt sich im Rahmen des Perennialismus und der Einführung in die vergleichende Spiritualität noch weiter vertiefen.

Geographische und kulturelle Vielfalt: Eine geistige Geographie

Das geistige Erbe der Tradition der Zwölf Imame hat in einer weiten kulturellen Geographie verschiedene Färbungen gewonnen. Diese Vielfalt nicht als eine demographisch-politische Tabelle, sondern als ein geistiges und kulturelles Mosaik zu lesen, entspricht dem Rahmen der Notiz. Im Herzen der heiligen Geographie der Tradition liegen die Städte, in denen sich die Mausoleen der Imame befinden: Nadschaf (ʿAlî), Kerbelâ (Husain), al-Kâzimain (Mûsâ al-Kâzim), Sâmarrâʾ (al-Hasan al-ʿAskarî) und Maschhad in Chorasan (ʿAlî ar-Ridâ). Diese Stätten sind seit Jahrhunderten mit ihren Traditionen der Ziyâra (der geistigen Reise) heilige Schwellen, an denen die Gläubigen der unsichtbaren geistigen Präsenz begegnen.

Iran und Chorasan: Die Heimat der Erkenntnislehre

Die Geographie des Iran ist der Ort, an dem sich die philosophisch-erkenntnismäßige Dimension der Tradition der Zwölf Imame am reichsten entwickelt hat. Hier hat die Tradition, indem sie sich mit der Lichtmetaphysik (Nûr) des alten Iran (der Ischrâqî-Philosophie Suhrawardîs) und mit dem Sufismus Ibn ʿArabîs begegnete, eine originelle erkenntnismäßige Synthese wie die Hikma al-Mutaʿâliya hervorgebracht. Maschhad und Qom sind seit Jahrhunderten Zentren des Wissens und des Nachsinnens. Der in dieser Geographie hervorgebrachte Tafsîr, die Philosophie und die Dichtung gehören zu den feinsinnigsten Ausdrücken der bâtinitischen Schatzkammer der Tradition.

Von Mesopotamien zum indischen Subkontinent

Während die heiligen Städte des Irak (Nadschaf-Kerbelâ) weiterhin das geistige Herz der Tradition sind, hat auf dem indischen Subkontinent (besonders in Lucknow und Hyderabad) die Liebe zu den Zwölf Imamen eine reiche Marthiya-Literatur (Elegie) und eine Trauerkultur hervorgebracht. Die urdusprachige Marthiya-Tradition (mit Dichtern wie Mîr Anîs und Mirzâ Dabîr) hat die Tragödie von Kerbelâ in eine der tiefsten Klageformen der Weltliteratur verwandelt. Auch in den Geographien des Libanon, Bahrains, Aserbaidschans und des Golfs lebt die Tradition mit ihren eigenen lokalen kulturellen Färbungen fort. In der Moderne haben sich auch Diaspora-Zentren wie London, Detroit und Sydney dieser geistigen Geographie hinzugefügt.

Türkei: Zwei Adern

In der Geographie der Türkei fließt die Tradition in zwei verschiedenen Adern. Die erste sind die im fiqh-rechtlichen Sinn der dschaʿfaritischen Tradition gebundenen Gemeinschaften, die besonders in Igdir, Kars und Istanbul leben. Die zweite — und in geistiger Hinsicht weitaus weitere — ist die Tradition des anatolischen alevitisch-bektaschitischen Weges und des Bektaschitums; diese speist sich, auch wenn sie auf einer anderen Linie als das fiqh-rechtliche Dschaʿfaritentum geht, über die Brücken der Liebe zur Ahl al-Bayt und der Treue zu den Zwölf Imamen aus demselben geistigen Strom. Der nächste Abschnitt behandelt diese Brücke.

Die anatolische Brücke: Die geistige Verwandtschaft mit dem alevitisch-bektaschitischen Weg

Der geistige Widerhall der Tradition der Zwölf Imame in der Geographie Anatoliens sind die Traditionen des alevitisch-bektaschitischen Weges und des Bektaschitums. Hier ist eine kritische Unterscheidung zu treffen: Der anatolische alevitisch-bektaschitische Weg ist im fiqh-rechtlichen Sinn nicht an die dschaʿfaritische Rechtsschule gebunden; er ist eine originelle Synthese des türkisch-iranischen sufischen Erbes, der Yasawî-Bektaschî-Ader und der Liebe zu den Zwölf Imamen. Das heißt, das Dschaʿfaritentum und der alevitisch-bektaschitische Weg sind zwei geistige Traditionen, die auf getrennten Linien gehen, aber gemeinsame Brücken haben.

Gemeinsame Brücken: Die Liebe zur Ahl al-Bayt und die Zwölf Imame

Die grundlegende Brücke, die die beiden Traditionen vereint, ist die Liebe zur Ahl al-Bayt (Tawallâ) und die Treue zu den Zwölf Imamen. In der anatolischen alevitisch-bektaschitischen Tradition nehmen die Zwölf Imame in der Cem-Semah-Zeremonie, in den Deyisch, in den Düvâzimâm-Nefes (den Lobgesängen auf die zwölf Imame) einen zentralen Platz ein. Die Liebe zu ʿAlî ist das geistige Herz dieser Tradition; das Ereignis von Kerbelâ und die ʿÂschûrâʾ-Trauer sind die Träger des gemeinsamen geistigen Gedächtnisses. Die von Hadschi Bektâsch Velî vertretene Lehre der „Vier Tore und vierzig Stationen" steht auf demselben erkenntnismäßigen Boden wie der Gedanke des bâtinitisch-geistigen Aufstiegs in der Tradition der Zwölf Imame.

Der Unterschied: Nicht Fiqh, sondern Erkenntnislehre

Die Gehweise der beiden Traditionen ist verschieden: Während die dschaʿfaritische Tradition eine fiqh-zentrierte Religionsdeutung (die Autorität des Mudschtahid, die vier Hadithbücher) entwickelt, geht der anatolische alevitisch-bektaschitische Weg einen geistigen Weg, der nicht scharia-zentriert, sondern tarîqa-haqîqa-maʿrifa-zentriert ist. Dieser Unterschied findet im Begriff der Tarîq-i ʿAliyya seinen Ausdruck: Der „Weg ʿAlîs" ist der Weg nicht der Regeln, sondern der Liebe, des Herzens und der geistigen Reifung. Dennoch ist dieser Unterschied kein Gegensatz, sondern es sind zwei verschiedene Arme desselben geistigen Stroms; beide speisen sich aus dem Licht (Nûr) der Ahl al-Bayt.

Moderne Widerspiegelungen und zeitgenössische erkenntnismäßige Lesarten

Das geistige Erbe der Tradition der Zwölf Imame hat auch in der Moderne weiterhin ein lebendiges erkenntnismäßiges Denken hervorgebracht. Im Iran hat die Schule der Hikma al-Mutaʿâliya (der Transzendenten Weisheit) als eine philosophisch-erkenntnismäßige Tradition, die Mullâ Sadrâ (gest. 1050/1640) auf der Synthese aus Ibn Sînâ-Suhrawardî-Ibn ʿArabî errichtete, die Kosmologie der Zwölf Imame in einer philosophischen Sprache von neuem ausgedrückt. Diese Schule repräsentiert mit der Lehre von der abgestuften Einheit des Seins (Taschkîk-i Wudschûd) und vom „geistigen Aufstieg" (al-Asfâr al-Arbaʿa — den vier Reisen) den organischen Übergang vom Sufismus (Tasawwuf) zur schiitischen Erkenntnislehre.

Die Lehre Mullâ Sadrâs von den „vier Reisen" (Asfâr-i Arbaʿa) deckt sich eins zu eins mit dem Rahmen dieser Notiz als „Karte der inneren Reise": (i) die Reise vom Volk zum Wahren (Haqq) (geistige Läuterung), (ii) die Reise mit dem Wahren im Wahren (das Schauen der göttlichen Namen), (iii) die Rückkehr vom Wahren zum Volk (das Wahre tragend), (iv) die Reise unter dem Volk mit dem Volk und mit dem Wahren (Irschâd). Diese vier Stufen sind ein philosophischer Ausdruck der Stufen des „Sair u Sulûk" (der geistigen Reise) im Sufismus und begrifflichen die geistige Funktion der Imam-/Walî-Figur — zum Wahren zu gelangen und dann zur Rechtleitung des Volkes zurückzukehren. Die Lehre Sadrâs von der „substantiellen Bewegung" (Haraka Dschauhariyya) wiederum sagt, dass das gesamte Sein in einem fortwährenden geistigen Aufstieg/Werden ist; dies gibt auch der Lesart einen Boden, den in der Verborgenheit befindlichen Imam als die erwartete Vollendung eines „noch nicht vollendeten kosmischen Prozesses" zu deuten. Die Hikma al-Mutaʿâliya verwandelt so die bâtinitische Kosmologie der Tradition der Zwölf Imame in eine umfassende Seinsphilosophie, die sich mit den Begriffen der Ahadiyya und der Haqîqa Muhammadiyya begegnet.

Henry Corbin und die geistige Hermeneutik

Der Name, der im 20. Jahrhundert die geistige Dimension der Tradition der Zwölf Imame dem Westen am tiefsten vorstellte, ist ohne Zweifel Henry Corbin. Corbin las diese Tradition nicht als eine „Geschichte" oder „Doktrin", sondern als eine geistige Hermeneutik (Taʾwîl) und „Phänomenologie der Welt der Imagination" (mundus imaginalis, ʿâlam-i mithâl). Ihm zufolge war die Zwölfer-Schia „der ganzheitliche Islam, der sich mit der bâtinitischen Dimension der Offenbarung befasst", und die Imam-Figur war die Manifestation des Archetyps des „himmlischen Führers" (guide intérieur) in der inneren Welt des Gläubigen. Corbins Werk En Islam iranien ist ein Hauptwerk, das von Mullâ Sadrâ bis Suhrawardî, von der Verborgenheitsdoktrin bis zur Lehre vom ʿâlam-i mithâl die geistige Karte dieser Tradition entwirft.

ʿAllâma Tabâtabâʾî und der zeitgenössische Tafsîr

Der zwanzigbändige Tafsîr al-Mîzân fî Tafsîr al-Qurʾân ʿAllâma Tabâtabâʾîs (1903–1981) ist in der Moderne der Gipfel der Koranauslegung der Tradition der Zwölf Imame. Tabâtabâʾî verbindet die Methode der „Auslegung des Korans durch den Koran" mit einer tiefen philosophisch-erkenntnismäßigen Empfindsamkeit; sein Werk hat im zeitgenössischen islamischen Denken eine die Grenzen der Rechtsschulen überschreitende Achtung erfahren. Tabâtabâʾî führte zugleich jahrelang philosophische Dialoge mit Henry Corbin und schlug eine Brücke zwischen der östlichen Erkenntnislehre und der westlichen Phänomenologie. Diese jahrelang in Teheran fortgeführten Tabâtabâʾî-Corbin-Sitzungen werden als einer der fruchtbarsten „interzivilisatorischen geistigen Dialoge" des 20. Jahrhunderts erwähnt: Auf der einen Seite der lebendige Vertreter der Tradition der Zwölf Imame, auf der anderen ein westlicher Phänomenologe, haben sie gemeinsam die geistige Bedeutung des Imamats, der Verborgenheit und des ʿâlam-i mithâl erörtert. Dieser Dialog ist eine moderne Manifestation der universal-perennialen Dimension der Tradition; er stimmt auch tief mit dem Gedanken der „Einheit der Tradition" auf der Linie des Perennialismus überein.

Die zeitgenössische Kontinuität des bâtinitischen Erbes

In der Gegenwart lebt die erkenntnismäßige Ader der Tradition auch durch die akademischen Islamstudien und die vergleichenden Religionswissenschaften weiter fort. Forscher wie Mohammad Ali Amir-Moezzi haben die „bâtinitische/esoterische" Dimension der frühen Schia — die Vorstellung des Imams als eines kosmischen Lichts (Nûr) und geistigen Führers — in die moderne akademische Literatur getragen. Diese Arbeiten haben, indem sie die lange im Schatten gebliebene mystisch-erkenntnismäßige Schicht der Tradition von neuem ans Tageslicht brachten, gezeigt, dass die Lehre der Zwölf Imame nicht nur eine Rechtstradition, sondern eine tiefe geistig-kosmologische Vision ist. Dieser Blick steht in voller Übereinstimmung mit dem Rahmen, den die Notiz von Anfang an vertritt — die Tradition nicht durch eine politische, sondern durch eine geistige Linse zu lesen.

Walâyat al-Faqîh: Eine kurze und unparteiische Notiz

In der Moderne wurde hinsichtlich der Ordnung des gesellschaftlichen Lebens während der Verborgenheit eine rechtlich-institutionelle Auslegung namens Walâyat al-Faqîh („die Walâya des Rechtsgelehrten") entwickelt; dies ist eine vom klassischen geistigen Kern der Tradition gesonderte, dem 20. Jahrhundert eigene kultur-historische Entwicklung und liegt außerhalb des geistigen Rahmens dieser Notiz. Das Thema wurde nur um der historischen Vollständigkeit willen berührt, ohne dass irgendeine politische Bewertung vorgenommen wird.

Kritik, innere Erörterungen und Begrenzungen

Wie jede tief verwurzelte Tradition ist auch die Lehre der Zwölf Imame Gegenstand kritischer Lesarten von innen wie von außen geworden; geben wir diese auf der geistig-intellektuellen Ebene unparteiisch wieder.

Historisch-philologische Kritik

Die moderne akademische Forschung (Etan Kohlberg, Wilferd Madelung und andere) hat gezeigt, dass der wirkliche Verfasser vieler den Imamen — besonders Dschaʿfar as-Sâdiq — zugeschriebener Texte spätere Generationen sein könnten und dass sich ein bedeutender Teil der Doktrin im 9.–10. Jahrhundert systematisierte. Dies mindert nicht den geistigen Wert der Tradition; doch erfordert es, die historische Zugehörigkeit der Texte mit kritischem Auge zu lesen. Wie auch die Islam-Enzyklopädie der TDV festhält, sind die Behauptungen über die „Fachkenntnis" Dschaʿfar as-Sâdiqs in der Alchemie und den Geheimwissenschaften „selbst wenn nicht gänzlich grundlos, so doch in großem Maße übertrieben". Dies zeigt die Bedeutung der Wahrung der Unterscheidung zwischen geistiger Symbolik und historischer Tatsache.

Innere Erörterung: Fiqh oder Erkenntnislehre?

Eine der tiefsten Erörterungen, die innerhalb der Tradition fortdauern, ist das Gleichgewicht zwischen der fiqh-rechtlich-zâhirî Dimension und der erkenntnismäßig-bâtinî Dimension der Religion. Während ein bedeutender Teil der Gelehrten von Nadschaf der Philosophie und dem Sufismus (der Erkenntnislehre, ʿIrfân) gegenüber Distanz wahrt, hält die Tradition der Hikma al-Mutaʿâliya und die Linie Mullâ Sadrâs im Iran die Erkenntnislehre für das Wesen der Religion. Dies ähnelt der „Scharia-Haqîqa"-Spannung in der Geschichte des Sufismus (im Kontext der Askese (Zuhd)); es ist eine Manifestation der in jeder Tradition zu beobachtenden uralten Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Zâhir und Bâtin.

Die Gefahr der Ghulûw und die Wahrung des Gleichgewichts

Eine Begrenzung, auf die die Tradition auch selbst hinweist, ist die Gefahr der Ghulûw (der übermäßigen Überhöhung): dass die der Ahl al-Bayt und den Imamen entgegengebrachte Liebe so weit übersteigert wird, dass sie sie auf die Stufe der Göttlichkeit (Ulûhiyya) erhebt. Die Imame selbst haben vor dieser Übersteigerung gewarnt; von ihnen sind Aussprüche im Sinne von „wir sind Diener Gottes, überhöht uns nicht über das hinaus, was wir sind" überliefert. Diese Selbstkritik zeigt das Bemühen der Tradition, dem Grundsatz des Tawhîd treu zu bleiben, und betont die Feinheit zwischen der geistigen Liebe und dem theologischen Gleichgewicht. Dasselbe Gleichgewichtsproblem zeigt sich auch in der Avatâr-Verehrung der Bhakti-Tradition und in der Inkarnationstheologie des Christentums.

Weisheit und sufische Dimension: Die Karte der inneren Reise

Die Dimension, die die Tradition der Zwölf Imame dem Rahmen dieser Notiz am stärksten annähert, ist, dass sie sich als eine Karte der inneren Reise lesen lässt. Alle grundlegenden Begriffe der Tradition — Silsila, ʿIsma, Walâya, Verborgenheit, Intizâr — lassen sich zugleich als Symbole deuten, die auf die geistigen Zustände in der inneren Welt des Gläubigen verweisen. Diese „verinnerlichende Lesart" (Taʾwîl-i Anfusî) ist die gemeinsame Methode sowohl der klassischen schiitischen Erkenntnislehre als auch des Sufismus: Jede Wahrheit draußen hat drinnen eine Entsprechung.

Die innere Bedeutung des Imams: Der Führer in jedem Menschen

Dieser Lesart zufolge gibt es neben dem äußeren Imam auch in jedem Menschen einen „Imam" — das heißt ein geistiges Zentrum, das ihn zur Wahrheit ruft, einen inneren Führer. Dieser Archetyp, den Henry Corbin den „himmlischen Führer" (guide intérieur) nennt, ist die Stimme des tiefsten/höchsten Selbst der Person. Den Imam zu erkennen, beginnt so damit, auf diesen Führer in sich selbst zu hören. Dies ist die schiitisch-erkenntnismäßige Parallele zum Grundsatz „Wer sich selbst (sein Ego) kennt, kennt seinen Herrn" (man ʿarafa nafsahû fa-qad ʿarafa Rabbah) im Sufismus. Die Walâya ist in diesem Rahmen keine Bindung von außen, sondern ein Erwachen von innen: die Hinwendung des Herzens zu dem göttlichen Licht (Nûr-i Muhammadî) in seinem Inneren. In dieser Hinsicht deckt sich die Tradition tief mit der Lehre von der Haqîqa Muhammadiyya und im Allgemeinen mit dem Weg der „inneren Eröffnung" (Kaschf) des Sufismus.

Die psychologisch-geistige Lesart der Verborgenheit

Auch die Verborgenheit lässt sich auf dieselbe Weise verinnerlichen: Der unsichtbare Imam ist das „noch nicht zutage getretene", „verhüllte" geistige Potenzial in der Person. So wie der äußere Imam in der Verborgenheit gegenwärtig, doch unsichtbar ist, ist auch das göttliche Wesen im Menschen zumeist hinter den Schleiern des Ego in „Verborgenheit". Der geistige Weg ist das „Erscheinen" dieses inneren Imams — das heißt, das Fallen der Schleier und das Funkeln des wahren Selbst. Diese Lesart nimmt der Verborgenheit den Charakter einer Geschichtserzählung und macht sie zu einem universalen geistigen Prozess, den jeder Gläubige auf seiner eigenen inneren Reise erlebt. Der Intizâr wiederum ist die Disziplin des nicht dieses Erscheinen erwartenden, sondern sich auf es vorbereitenden Herzens. Diese psychologisch-geistige Lesart ist unmittelbar mit den Themen der Unsterblichkeit der Seele und der Fanâʾ verbunden: Der „Tod" des sichtbaren Selbst ist die Geburt des unsichtbaren wahren Selbst.

Die innere Dimension der Gerechtigkeit

Auch der zentrale Begriff der Tradition, die Gerechtigkeit (al-ʿAdl), lässt sich verinnerlichen. Bevor man draußen die Gerechtigkeit errichtet, muss die Person in ihrer eigenen inneren Welt ein Gleichgewicht herstellen: einem jeden von Verstand, Herz und Ego sein Recht zu geben. Diese „innere Gerechtigkeit" (ʿAdâlat-i Nafs) steht auch im Zentrum der klassischen Tugendlehre, die von Platon bis zu den islamischen Philosophen reicht. Der Glaube, dass der Mahdî „die Erde mit Gerechtigkeit füllen" werde, wird in diesem Rahmen auch als Ruf gelesen, dass jeder Gläubige zuerst seine eigene innere Welt mit Gerechtigkeit ordne. Dies ist die Schlüssel-Auslegung, die die Tradition aus der Erwartung einer „äußeren Ordnung" in eine Disziplin der inneren Verwandlung überführt.

Widerspiegelungen in Kunst, Literatur und Musik

Das geistige Erbe der Tradition der Zwölf Imame hat in einer reichen Tradition der Kunst, Literatur und Musik eine ästhetische Gestalt gewonnen. Diese ästhetische Hervorbringung war der Weg, die abstrakten Begriffe der Doktrin in eine sinnlich-gefühlsmäßige Sprache zu übersetzen und die geistigen Wahrheiten in die Herzen zu tragen.

Marthiya- und Trauerliteratur

Die Tragödie von Kerbelâ hat die tiefste Marthiya-Tradition (Elegie) der islamischen Literatur hervorgebracht. Die persische Raudat asch-Schuhadâʾ (Husain Wâʿiz Kâschifî, gest. 910/1504) und ihr türkischer Widerhall, Fuzûlîs Hadîqat as-Suʿadâʾ („Der Garten der zur Glückseligkeit Gelangten"), verwandeln Kerbelâ in ein literarisch-geistiges Meisterwerk. Fuzûlîs Trauergedichte sind der zarteste literarische Ausdruck der Tradition der ʿÂschûrâʾ-Trauer in Anatolien; sie erheben den Schmerz, die Treue und die Hingabe zu einem universalen menschlichen Gefühl. Diese Marthiya-Tradition lässt sich mit den christlichen Stabat Mater-Hymnen (der Passion Marias) und mit der universalen Literatur der „heiligen Trauer" vergleichen.

Düvâzimâm und die Nefes-Tradition

In der Tradition des anatolischen alevitisch-bektaschitischen Weges lebt die Liebe zu den Zwölf Imamen in einer besonderen Gedicht-Melodie-Gattung namens Düvâzimâm (Lobgesang auf die zwölf Imame). Diese in der Cem-Semah-Zeremonie gesungenen Nefes tragen, indem sie die Namen der Zwölf Imame wie eine geistige Tasbîh nennen, die Gemeinschaft in einen gemeinsamen geistigen Zustand. Die Deyisch von Asiks (Ozan) wie Pîr Sultân Abdâl, Schâh Hatâyî (das Pseudonym Schâh Ismâʿîls) und Kul Himmet sind die mündlich-musikalische Schatzkammer dieser Tradition. Diese in Begleitung der Baglama (Saz) gesungenen Nefes bilden ein ganzheitliches geistiges Kunstwerk (Gesamtkunstwerk), in dem das Wort, die Melodie und das Semah zusammenkommen; ebenso wie das Semâ in der Mevlevî-Mathnawî-Tradition sammeln sie den Körper, die Stimme und den Sinn (Mânâ) auf einer einzigen Achse des Gottesdienstes.

Kalligraphie, Tezhip und Bildkunst

Die Tradition der Zwölf Imame hat auch in der Bildkunst einen reichen Vorrat hervorgebracht. Das Motiv der Pendsche-i Âl-i ʿabâ, die symmetrischen Komposition-Formen (Müsennâ-Kalligraphie) der Schrift „ʿAlî", die Kerbelâ-Miniaturen und die verspiegelt-gekachelte Innenarchitektur der Imam-Mausoleen sind ästhetische Mittel, die die geistigen Wahrheiten sichtbar machen. Diese Bildsprache schlägt eine Brücke zwischen dem abstrakten Tawhîd-Glauben und dem konkreten Gegenstand der Liebe (der Ahl al-Bayt); sie wendet sich zugleich an das Auge und an das Herz des Gläubigen. Die goldenen Kuppeln und die lichterfüllten Innenräume der Mausoleen von Nadschaf, Kerbelâ und Maschhad machen den Gedanken „der Abdruck des Himmels auf Erden" zu einer architektonischen Theophanie (göttlichen Selbstoffenbarung, Tadschallî).

Fazit: Ein universaler geistiger Archetyp

Die Tradition der Zwölf Imame muss — im Rahmen, den diese Notiz von Anfang an vertritt — nicht als ein politisches System oder ein Streit der Rechtsschulen, sondern als einer der reichsten Ausdrücke der kettenförmigen, zuverlässigen Weitergabe der geistigen Führung, der unsichtbaren Achse und der Wahrheit in der islamischen Erkenntnislehre (ʿIrfân) gelesen werden. Die die Zäune der Rechtsschulen überschreitende vereinende Lehrtätigkeit Dschaʿfar as-Sâdiqs, die das Nûr-i Muhammadî tragende geistige Kette der Zwölf Imame, das Verweisen der Begriffe ʿIsma und ʿIlm-i Ladun auf die Herzensreinheit und das himmlische Wissen, das Erleben der Verborgenheit als „inneres Verhältnis zum Unsichtbaren" — all dies ist eine lokale und tiefe Manifestation eines universalen geistigen Archetyps.

Wie wir in fünf verschiedenen Traditionen gesehen haben — die Silsila und der Qutb des Sufismus, der Tulku Tibets, die Guru-Paramparā des Hinduismus, die apostolische Sukzession des Christentums, die Masora des Judentums — hat die menschliche Seele auf dem Weg zur Wahrheit stets eines lebendigen Führers und einer ungebrochenen Kette bedurft. Die Lehre der Zwölf Imame ist eine einzigartige Antwort auf dieses universale Bedürfnis.

In der geistigen Welt Anatoliens wiederum hat dieses Erbe mit den Traditionen des alevitisch-bektaschitischen Weges und des Bektaschitums eine originelle Synthese gefunden: Die Liebe zur Ahl al-Bayt, die Treue zu den Zwölf Imamen und der Hingabe-Archetyp von Kerbelâ haben in der Cem-Semah-Zeremonie eine ästhetische Gestalt gewonnen. Die Mahdî-Erwartung (das Erscheinen des in der Verborgenheit befindlichen Imams) steht, wie in der Notiz Maitreya, Mahdî und Kalki im Vergleich gezeigt, tief in Resonanz mit der gemeinsamen messianischen Hoffnung der Menschheit.

Weisheitsnotiz: Das Dschaʿfaritentum ist eine im Dreieck aus „dem geistigen Sieg der nicht gewonnenen Schlacht" (Kerbelâ), „dem inneren Verhältnis zum Unsichtbaren" (Verborgenheit) und „der Bindung des Herzens an die Wahrheit" (Walâya) entstandene, zutiefst mystische Tradition. Sie nicht durch eine politische Linse, sondern als eine Karte der inneren Reise der Seele zu lesen, ist der Zugang, der sowohl dieser Tradition als auch dem gemeinsamen geistigen Erbe der Menschheit am angemessensten ist. Siehe ʿAlî, Husain, Nahdsch al-Balâgha, Einführung in die vergleichende Spiritualität.