Träume & Innenwelt

Ibn Sîrîn und Ta'bîr ar-Ru'yâ

Der Muhammad Ibn Sîrîn (~654–728) zugeschriebene Gründungstext der klassischen islamischen Traumdeutungstradition; mit der Einteilung der Träume in rahmânische, nafsânische und schaitânische hat er ein über tausendjähriges Deutungssystem errichtet.

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Definition und Identität des Werkes

Ta'bîr ar-Ru'yâ (arabisch: تعبير الرؤيا — „die Deutung der Träume") ist ein enzyklopädisches Werk, das in der klassischen islamischen Zivilisation als Gründungstext der Wissenschaft von der Traumdeutung (Ilm at-Ta'bîr) gilt und Muhammad Ibn Sîrîn (~654–728) zugeschrieben wird. Als vollständiger Titel des Werkes kursieren in der Tradition verschiedene Versionen: Muntachab al-Kalâm fî Tafsîr al-Ahlâm (Auswahl der Worte über die Deutung der Träume), Mu'dscham Tafsîr al-Ahlâm (Wörterbuch der Traumdeutung) und kürzer Ta'bîr al-Kabîr (Das große Buch der Deutung). Dieses Werk bildete in der islamischen Welt mindestens 1300 Jahre lang das Rückgrat der Traumdeutungstradition; es wurde aus dem Arabischen ins Türkische, Persische, Urdu und Malaiische immer wieder übersetzt und wurde zu einem unverzichtbaren Teil des geistlich-praktischen Wissenssystems der klassischen islamischen Welt.

Die Autorschaft Ibn Sîrîns ist umstritten. Wie in Toufic Fahds klassischer Untersuchung La divination arabe (1966) und in John C. Lamoreaux' Werk The Dream in Classical and Medieval Islamic Tradition (2002) gezeigt wird, ist der vorliegende Text Muntachab al-Kalâm höchstwahrscheinlich nicht das eigene Werk Ibn Sîrîns. Das Werk ist eine in späteren Jahrhunderten — besonders im 11.–13. Jahrhundert — unter Berufung auf Ibn Sîrîn zusammengestellte kollektive Kompilation, die neben den ihm zugeschriebenen Deutungen auch das Material anderer klassischer Verfasser (Kirmânî, Abû Sa'îd al-Wâ'iz, Dscha'far as-Sâdiq) enthält. Doch liest die Tradition diesen Text weiterhin als „das Deutungsbuch Ibn Sîrîns", und in der muslimischen Volksspiritualität ist die Wendung „bei Ibn Sîrîn nachschlagen" bis heute überliefert.

Doktrinär-historischer Kontext: Das Traumverständnis im frühen Islam

Koranische Grundlagen

Die klassische islamische Traumdeutungstradition ist unmittelbar auf der Bedeutung errichtet, die der Koran dem Traum beimisst. Die wichtigsten Passagen, die im Koran auf den Traum verweisen:

Diese koranische Grundlage stellt das Verständnis Traum = Kanal göttlicher Kommunikation ins Zentrum des islamischen Denkens. Auch in der Hadith-Tradition besteht ein starkes Interesse am Traum: Bei Buchârî, Muslim und den anderen großen Hadith-Sammlern finden sich unter dem Titel Kitâb at-Ta'bîr Tausende von Hadithen. Ein berühmter Hadith: „Der Traum ist ein Sechsundvierzigstel der Prophetie" (Buchârî, Muslim) — dies ist die Grundlage der klassischen Theorie, dass die göttliche Führung trotz des Endes der Prophetie durch den Traum fortdauert.

Drei Traumkategorien: Rahmânisch, Nafsânisch, Schaitânisch

Im Zentrum des Ibn Sîrîn zugeschriebenen Systems steht die Unterscheidung dreier Traumarten:

  1. Rahmânischer Traum (ar-Ru'yâ ar-Rahmâniyya): Der von Gott oder durch Engel kommende Traum. Er wird wahr und enthält meist entweder eine unmittelbare oder eine symbolische Botschaft. Es wird erzählt, dass sich der Prophet zu Beginn der Offenbarung sechs Monate lang durch die ar-Ru'yâ al-Hasana (den schönen/wahren Traum) auf die Offenbarung vorbereitete. Diese Träume kommen zur Morgenzeit (besonders im letzten Drittel) und sind meist von klarem, ruhigem, vernünftigem Charakter. Man nennt ihn auch „wahren Traum" (Sâdiq).

  2. Nafsânischer Traum (Hadîth an-Nafs): Der Traum, den die eigene niedere Seele des Menschen, seine alltäglichen Erfahrungen, seine Wünsche und Ängste im Geist erzeugen. Er ist der Deutung nicht wert; er ist der Ausstoß psychischer Reste. In moderner Terminologie entspricht er dem, was wir „Tagesrest" (day residue) nennen können.

  3. Schaitânischer Traum (Hulm): Der vom Satan kommende Traum, gestaltet, um den Menschen zu erschrecken, ihm Einflüsterungen zu geben oder ihn in die Irre zu führen. Meist Albträume, Schrecknisse, bruchstückhafte Bilder. Der Rat des Propheten: Wer einen schlechten Traum hat, soll dreimal die Geste des Ausspuckens nach links machen, bei Gott Zuflucht vor dem Übel des Satans suchen und die Schlafseite wechseln; außerdem soll er ihn niemandem erzählen.

Diese dreischichtige Einteilung ist der epistemologische Schlüssel der klassischen islamischen Traumdeutungstradition. Der Deuter entscheidet zuerst, in welche Kategorie der Traum fällt; nur die als rahmânisch eingestuften Träume werden der Deutung für würdig erachtet.

Ibn Sîrîns eigenes Leben

Als tatsächliche historische Person ist Abû Bakr Muhammad bin Sîrîn (~654–728) eine wichtige Gestalt der Generation der Tâbi'în, geboren und gestorben in Basra. Sein Vater Sîrîn war ein aramäischer Sklave, ein Freigelassener des Anas b. Mâlik; seine Mutter gehörte zu den Sklavinnen Abû Bakrs. Er sah die Gefährten des Propheten und überlieferte Hadithe besonders von Anas b. Mâlik, von Abû Huraira und von Abdullah b. Umar.

In Basra betrieb er Stoffhandel und war als frommer, asketischer und überaus redlicher Mensch bekannt. Die klassischen Quellen (at-Tabaqât al-Kubrâ des Ibn Sa'd, at-Târîch al-Kabîr des Buchârî, Wafayât al-A'yân des Ibn Challikân) erzählen, dass seine Begabung zur Traumdeutung im Volk einen nahezu wundersamen Ruf erlangte. In verschiedenen Überlieferungen wird berichtet, dass ihm die Menschen ihre Träume erzählten und er ihnen seine Deutungen gab. Doch wie Mustafa Çaghrici in seinem Eintrag in der Islam-Enzyklopädie der TDV anmerkt, geht aus den klassischen Quellen hervor, dass Ibn Sîrîn selbst kein systematisches Traumdeutungsbuch verfasste, sondern lediglich in konkreten Fällen seine Ansicht äußerte. Die ihm zugeschriebenen schriftlichen Werke wurden in späteren Jahrhunderten kompiliert.

Ibn Sîrîn gilt zugleich als einer der Wegbereiter der Fiqh- und Hadith-Wissenschaft. Er ist ein Zeitgenosse Hasan al-Basrîs und äußert mit diesem bisweilen in denselben Fragen eine abweichende Ansicht. Aus seinem Leben wird folgende berühmte Anekdote erzählt: Ein Mann sagt zu ihm: „Ich sah im Traum, dass ich aufstand und den Gebetsruf (Adhân) verrichtete." Ibn Sîrîn antwortet: „Du wirst zur Pilgerfahrt gehen", denn im Koran steht der Vers „Rufe unter den Menschen die Pilgerfahrt aus" (al-Hadsch 27). Als ein anderer ihm denselben Traum erzählt, sagt er: „Du wirst des Diebstahls beschuldigt werden"; denn in der Sure Yûsuf steht die Aussage „Dann rief ein Rufer: Ihr Leute der Karawane, ihr seid Diebe!" (Yûsuf 70). Dieses Beispiel zeigt das Grundprinzip der klassischen Deutungswissenschaft: Dasselbe Symbol kommt je nach Kontext und Person zu verschiedenen Bedeutungen.

Methode und innere Struktur des Deutungssystems

Die Deutungsmethode der Ibn-Sîrîn-Tradition ist eines der ausgefeiltesten symbolischen Deutungssysteme der klassischen islamischen Welt. Die Methode wirkt auf vier Hauptachsen:

1. Das Prinzip der Kontextualität

Dasselbe Symbol kommt bei verschiedenen Personen zu verschiedenen Bedeutungen. Der Deuter berücksichtigt, wer der Träumende ist (Geschlecht, Alter, Beruf, sozialer Status, fromm/nicht fromm, verheiratet/ledig), die Jahreszeit (der Zeitpunkt des Traums, die Lebensphase der Person), die Stunde innerhalb der Nacht (die der Morgendämmerung nahen gelten als wahr) und den Zustand des Träumenden. Dasselbe Symbol „Schlange" kann für eine Frau eine eifersüchtige Nachbarin, für einen Kaufmann einen gefährlichen Partner, für einen Gelehrten verborgenes Wissen bedeuten.

2. Das lexikalisch-etymologische Prinzip (Ischtiqâq)

Die klassische Deutung stützt sich auf das Wurzelsystem des Arabischen (s-l-m, k-t-b usw.). Aus welcher Wurzel der arabische Name einer im Traum gesehenen Sache stammt, daraus speist sich die Deutung aus dem Bedeutungsfeld jener Wurzel. So wird etwa das Sehen eines Schlüssels (Miftâh) im Traum an die Wurzel f-t-h (öffnen, Eroberung) geknüpft und bedeutet „die Lösung eines Problems, Eroberung, Erfolg". Deshalb ist eine vollständige Übersetzung der klassischen Deutungsbücher in nicht-arabische Sprachen unmöglich; die ins Türkische übersetzten Deutungsbücher verlieren diese Dimension stets zum Teil.

3. Das Prinzip des koranisch-hadithischen Bezugs

Der Kontext, in dem ein Symbol im Koran oder im Hadith vorkommt, ist das grundlegende Kriterium der Deutung. Das obige Adhân-Beispiel ist die typische Ausprägung dieses Prinzips. Der Deuter findet das Element des Traums im Koran und deutet es nach dem Kontext jener Passage. Steht der Vers in einem positiven Kontext (Pilgerfahrt, Gebet, Segenswunsch über den Propheten), fällt die Deutung positiv aus; steht er in einem negativen Kontext (Strafe, Vergeltung, Untergang), fällt die Deutung negativ aus.

4. Das Prinzip der Umkehrung (Qalb)

Manche Symbole können sich in ihr Gegenteil verkehren. Weinen im Traum wird meist als Freude gedeutet, Lachen hingegen als Bedrängnis. Tod im Traum kann als Auferstehung, Geburt bisweilen als Todesnachricht gedeutet werden. Dieses Prinzip ist im Hinblick auf die Asymmetrie der Traumsprache bemerkenswert und zeigt eine strukturelle Ähnlichkeit mit dem von Sigmund Freud in der „Traumarbeit" beschriebenen Mechanismus der „Verkehrung".

Die Grenze der Methode: „Ta'bîr bi'l-mithâl"

Die klassische Tradition betont, dass die Deutungswissenschaft keine absolute Wissenschaft ist, dass sie über die intuitive Ausstattung der Leute der Deutung hinaus mit göttlicher Hilfe ausgeübt wird. Deshalb sagt der Prophet Yûsuf im Koran: „Dies gehört zu dem, was mein Herr mich gelehrt hat" (Yûsuf 37). Die Deutung gilt nicht als rein technische Anwendung, sondern als eine Kunst, die eine geistliche Scharfsinnigkeit (Qarîha) erfordert.

Praktische Beispiele: Aus dem klassischen Deutungsrepertoire

Die der Ibn-Sîrîn-Tradition zugeschriebenen Deutungsbeispiele bieten sowohl in anthropologischer als auch in psychologischer Hinsicht ein reiches Material. Im Folgenden Beispiele aus den klassischen Kategorien:

Natursymbole

Tiere

Der menschliche Körper

Sufische Schichtung

Die klassischen Deutungswörterbücher geben für die Symbole Bedeutungen auf verschiedenen Schichten an: die äußerlichste, die soziale, die geistliche und die mystische. So bedeutet etwa Wasser: äußerlich Leben-Lebensunterhalt; sozial Rede, Zunge; geistlich Wissen; mystisch göttlicher Erguss (Faid). Die sufische Deutungstradition misst dieser höchsten Schicht besondere Bedeutung bei; so werden etwa in Ibn Arabîs Futûhât al-Makkiyya die Träume als ontologische Schichten der Barzach-Welt (der Welt des Imaginalen) behandelt und entsprechend gedeutet.

Vergleichende Perspektive

Ibn Sîrîn ↔ hinduistische Svapna-Vidyā

In der hinduistischen Tradition reicht die Traumwissenschaft (svapna-vidyā oder svapna-jñāna) mindestens bis zu den vedischen Texten um 1500 v. Chr. zurück. Der Atharvaveda (XIX, 56–57) und besonders die Aitareya Āraṇyaka (III, 2, 4) nehmen eine Einteilung der Träume vor. Die kanonischen Texte des hinduistischen Deutungssystems sind die Bṛhat-Saṃhitā (Varāhamihira, 6. Jh.) und die Svapna-Cintāmaṇi (Jagaddeva, 12. Jh.).

Die strukturellen Parallelen zwischen den beiden Systemen sind bemerkenswert:

Dimension Ibn Sîrîn (klassischer Islam) Hinduistische Svapna-Vidyā
Einteilung Rahmânisch / Nafsânisch / Schaitânisch Sāttvika / Rājasika / Tāmasika (nach den drei Guṇa)
Zeit Der der Morgendämmerung nahe ist wahr Brahma muhūrta (die letzten Stunden des Morgens) ist wahr
Kontext Der Zustand der Person ist bestimmend Das Doṣa-Gleichgewicht (vāta, pitta, kapha) ist bestimmend
Albtraum Schaitânisch, soll nicht erzählt werden Rākṣasa-svapna; erfordert rituelle Reinigung
Symbol Koran-zentrierte Deutung Veda-Purāṇa-zentrierte Deutung
Autorität Prophet Yûsuf → Ibn Sîrîn Brahmacarin → Varāhamihira

Die beiden Traditionen zeigen im Hinblick auf die Kategorisierung der Träume und das Prinzip der Nachtstunde eine bemerkenswerte strukturelle Nähe. Der Grund für diese Nähe ist vermutlich zweifach: (a) der interkulturelle Kontakt (der islamisch-indische Kontakt ist seit dem 7. Jahrhundert intensiv, besonders über Sind und Indien), (b) die anthropologische Gemeinsamkeit — die menschlichen Träume tragen unabhängig von der Kultur ähnliche phänomenologische Merkmale, und dies führt zu parallelen Klassifikationssystemen.

Ibn Sîrîn ↔ griechisch-römische Oneirokritika

Ein weiterer wichtiger Gesprächspartner der klassischen islamischen Deutungstradition ist die Oneirokritika (Traumdeutung) der griechisch-römischen Antike. Die fünf Bücher Oneirokritika, verfasst von Artemidoros (2. Jh., Daldis-Lydien), sind das systematischste Traumdeutungswerk der klassischen antiken Welt. Toufic Fahd und andere Forscher haben gezeigt, dass die islamische Deutungstradition einen mittelbaren Einfluss Artemidoros' empfing; vermutlich über die Übersetzung der griechischen Texte ins Arabische (8.–10. Jh.).

Strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den beiden Systemen:

Doch gibt es auch grundlegende Unterschiede: Das System des Artemidoros ist in eine heidnische Kosmologie eingebettet (Götter, Orakel, Schicksal), das System Ibn Sîrîns hingegen wirkt innerhalb einer tauhîd-zentrierten Kosmologie.

Ibn Sîrîn ↔ chinesisches I Ging und Traumtradition

In China wurde die Traumdeutung früh durch Texte wie das Zhouli (Ritualbuch der Zhou-Zeit) und das Zhanmeng-shu (Buch der Traumdeutung) systematisiert. Das Yi Jing (I Ging, Buch der Wandlungen) ist zwar kein eigentliches Traumbuch, zeigt aber in Bezug auf die kosmische Symbolik strukturelle Ähnlichkeiten mit dem klassischen islamischen Deutungssystem: Beide gehen von der Beziehung Mikrokosmos-Makrokosmos aus und bestehen aus Symbol-Deutungs-Paaren.

Ibn Sîrîn ↔ moderne Psychologie

Das Deutungssystem Ibn Sîrîns trägt im Hinblick auf die Lehre von der Symbolik des Unbewussten bemerkenswerte Parallelen zu den Systemen Sigmund Freuds (1900, Die Traumdeutung) und besonders Carl Jungs (1934, Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten). Die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen den drei Traditionen:

Moderne Reflexionen

Ibn Sîrîn in der Volksspiritualität

In der heutigen anatolischen Volksspiritualität lebt die Wendung „bei Ibn Sîrîn nachschlagen" fort. In der Türkei veröffentlichen der offizielle Verlag des Präsidiums für Religionsangelegenheiten, akademische Universitäten, ja sogar populäre Internetseiten Traumdeutungswörterbücher unter Berufung auf Ibn Sîrîn. Dieser Umstand zeigt die bis in die modernen Medien reichende Lebenskraft der klassischen Tradition.

Iain R. Edgars ethnografische Studie Islamic Dream Interpretation in the Twenty-First Century (2011) hat gezeigt, dass die Traumdeutung in den modernen muslimischen Gesellschaften (Türkei, Pakistan, Iran, arabische Welt) noch immer eine lebendige Praxis ist, ja dass Träume in dschihadistischen und politisch-islamischen Bewegungen bei Führungsentscheidungen eine Rolle spielen. Edgars Untersuchung legt offen, dass die Ibn-Sîrîn-Tradition nicht nur ein historisch-akademisches Thema ist, sondern ein Teil der lebendigen epistemologischen Struktur der zeitgenössischen islamischen Welt.

Der Traum in der sufischen Praxis

Der klassische Sufismus hat dem Traum eine zentrale Bedeutung beigemessen und ihn als ein Mittel der Weltsicht behandelt. In Ibn Arabîs Futûhât al-Makkiyya sind Träume eine ontologische Kategorie im Zusammenhang mit dem Barzach (der Welt des Imaginalen); in Mevlanas Mathnawī sind Traum/Wachen eine beständige metaphorische Spannung; in Suhrawardîs Philosophie der Hikmat al-Ischrâq ist der Traum einer der Kanäle, durch die sich die reinen Lichter (anwâr mudscharrada) offenbaren. Das in der sufischen Praxis einen besonderen Platz einnehmende Istichâra-Gebet ist ein Ritual, das der Mensch vor wichtigen Entscheidungen verrichtet, um durch den Traum göttliche Führung zu suchen; die klassische Deutungstradition liefert den begrifflichen Unterbau dieses Rituals.

Außerdem ist in den Ordens-Traditionen das Erzählen des Traums an den Scheich eine häufig anzutreffende Praxis. Der Scheich diagnostiziert durch die Deutung der Träume des Murîd dessen geistlichen Zustand und leitet ihn auf seiner Reise (Sulûk). Diese Praxis lässt sich als eine islamische Form der geistlichen Psychotherapie deuten.

Akademisches Interesse: Eine erwachende Disziplin

In den letzten vierzig Jahren ist die islamische Traumtradition in der westlichen Wissenschaft zu einem ernsthaften Forschungsfeld geworden. Henri Corbins L'imagination créatrice dans le soufisme d'Ibn 'Arabî (1958), Toufic Fahds La divination arabe (1966), Pierre Lorys Le rêve et ses interprétations en Islam (2003), John C. Lamoreaux' The Dream in Classical and Medieval Islamic Tradition (2002), die verschiedenen Aufsätze Nile Greens und die ethnografischen Untersuchungen Iain R. Edgars bilden das Rückgrat dieser Literatur. Diese Untersuchungen bewerten die klassische Deutungstradition nicht nur als „Folklore", sondern als ein ausgefeiltes hermeneutisches System.

Kritik und Diskussionen

Inhaltliche Kritik

Selbst in der klassischen islamischen Welt gab es ernsthafte Debatten über die Grenzen der Deutungswissenschaft. Einige Gelehrte (besonders manche Hadith-Gelehrte, die Mu'taziliten) vertraten die Ansicht, die Bindung der Symbole an feste Bedeutungen sei eine spekulative, nicht auf Koran und Hadith gestützte Praxis. Ibn Chaldûn (1332–1406) betonte in der Muqaddima, dass die Traumdeutungswissenschaft keine schariarechtliche Wissenschaft, sondern eine intuitive Kunst sei; er wies darauf hin, dass die Deuter häufig willkürliche Deutungen vornahmen.

Moderne akademische Kritik: Das Autorschaftsproblem

Wie oben dargelegt, haben moderne Akademiker (Fahd, Lamoreaux, Pierre Lory) gezeigt, dass der uns vorliegende Text Muntachab al-Kalâm in Wahrheit nicht Ibn Sîrîn gehört. Die klassischen biografischen Quellen (Buchârî, Ibn Sa'd, Ibn Challikân) verzeichnen nicht, dass Ibn Sîrîn ein systematisches Deutungsbuch verfasst habe. Der Text wurde in späteren Jahrhunderten — höchstwahrscheinlich im 11.–12. Jahrhundert — kompiliert und seiner Autorität zugeschrieben. Dies ist eines der in der klassischen islamischen Literaturtradition häufig anzutreffenden Beispiele für Pseudepigraphie (falsche Autorschaft).

Moderne psychologische Kritik

Die zweite Art der Kritik erfolgt aus der Sicht der modernen kognitiven Wissenschaft und Neurowissenschaft. Die moderne Traumforschung (Hobson, Solms und andere) vertritt die These, dass Träume infolge der neurophysiologischen Aktivierung des REM-Schlafs entstehen und großenteils der Gedächtniskonsolidierung dienen. Dieses Paradigma stellt die Behauptung der klassischen Deutungstradition vom göttlichen Ursprung des Traums mittelbar in Frage. Doch ist folgende Nuance hervorzuheben: Die Neurowissenschaft erklärt zwar den biologischen Mechanismus der Träume, aber nicht ihre Bedeutungen; und dies ermöglicht es der klassischen Deutungstradition, ihre hermeneutische Funktion fortzuführen.

Feministische Kritik

Die klassischen Deutungsbücher sind großenteils aus einer männerzentrierten Perspektive verfasst. Dasselbe Symbol (etwa Schlange, Mond, grüne Farbe) wird für Frau und Mann verschieden gedeutet, und in dieser Deutung enthalten die auf die Frau bezogenen Deutungen meist negative oder passive Rollen. Moderne feministische Islamforscherinnen (Amina Wadud, Asma Barlas) haben diese Symbolik kritisiert und die Ansicht vertreten, die weibliche Traumdeutung müsse über einen eigenen Bereich verfügen.

Die inneren Schichten der Deutungstradition: Die Kette der Verfasser

Die Ibn-Sîrîn-Tradition dreht sich nicht nur um ein einziges Buch; sie ist vielmehr ein 1300-jähriges, vielschichtiges Literaturnetz. Wichtige Verfasser und Werke, die in der klassischen islamischen Literaturgeschichte im Bereich der Traumdeutung hervortraten:

Frühe Periode (8.–10. Jahrhundert)

Klassische Periode (11.–14. Jahrhundert)

Spätklassische Periode (15.–18. Jahrhundert)

Moderne Periode (19.–21. Jahrhundert)

In der modernen Zeit haben die klassischen Deutungsbücher durch die Druckkultur ein breites Publikum erreicht. In der Türkei veröffentlichen das Präsidium für Religionsangelegenheiten und private islamische Verlage (Caghaloghlu Yayinevi, Çelik Yayinevi, Mütercim Yayinlari usw.) Nâbulusîs Ta'tîr al-Anâm und die unter Berufung auf Ibn Sîrîn zusammengestellten Texte in ständig neuen Auflagen. Moderne türkische Forscher wie Mehmet Veli Schamiloghlu und Süleyman Uludagh haben dieses Erbe auf akademischer Ebene bearbeitet.

Die symbolischen Dimensionen der Deutungstradition: Vertiefungen

Der Ort der Farben in der Deutungswissenschaft

In der klassischen Deutungstradition werden die Farben nach dem geistlichen Zustand der Person und der Natur des im Traum gesehenen Gegenstands gedeutet. Die klassische Farb-Deutungstafel zusammengefasst:

Diese Farbsymbolik ist kulturell mit den ästhetischen Codes der arabisch-islamischen Welt verwoben und deckt sich nicht unmittelbar mit der Farbsymbolik anderer Kulturen. So ist etwa in der chinesischen Tradition Rot eine vollkommen positive Farbe, während Rot beim klassischen Ibn Sîrîn zweideutig ist.

Die Deutung von Speisen und Getränken

Die im Traum gesehenen Speisen bilden eine wichtige Kategorie in der klassischen Deutungstradition:

Die Deutung von Zahlen

Die klassischen Deutungswörterbücher deuten besonders einige Zahlen ausführlich:

Ibn Sîrîn und die klassischen Kommentatoren: Die Kontinuität der Deutungstradition

Die Ibn Sîrîn zugeschriebene Deutungstradition verfügt über eine dichte Kommentatorentradition. Die klassischen Verfasser — besonders der oben erwähnte Nâbulusî — haben den Überlieferungen Ibn Sîrîns ihre eigenen Deutungen hinzugefügt und so zu einem beständig wachsenden Katalog beigetragen. Diese Kontinuität ist eines der bestimmenden Merkmale einer lebendigen Tradition. Die Veröffentlichungen des modernen Präsidiums für Religionsangelegenheiten, die offiziellen religiösen Veröffentlichungen Saudi-Arabiens, die Veröffentlichungen im Umkreis der al-Azhar in Ägypten — sie alle halten diese Kontinuität am Leben.

Ein wichtiger Punkt sind auch die Wirkungskanäle der Tradition auf fremde Kulturen. Die von al-Andalus nach Spanien gelangte islamische Deutungstradition wirkte auch auf die jüdische mystische Tradition; die Traumtheorie von Figuren wie Maimonides (Ibn Maimûn, 1138–1204) entwickelte sich innerhalb der klassischen griechisch-islamischen Synthese. Über Sizilien gelangten die islamischen Deutungsbücher nach Europa; ihre lateinischen Übersetzungen (besonders dank der Übersetzerschule von Toledo im 12. Jahrhundert) gingen in die mittelalterliche europäische Traumliteratur ein.

Vergleich mit anderen Traditionen außerhalb des klassischen Islam

Ibn Sîrîn ↔ altägyptische Traumtradition

Das alte Ägypten verfügt über eine der ersten systematischen Traumdeutungskulturen der Welt. Der Papyrus Chester Beatty III (um 1275 v. Chr., 19. Dynastie) ist ein Deutungsbuch, das 108 Traumbeispiele enthält. Im alten Ägypten gelten Träume als von den Göttern kommende Botschaften, und besonders in Tempeln wie dem Serapeum wurde das Inkubationsritual (das Schlafen im Tempel, um Entspannung zu finden und einen Traum zu empfangen) praktiziert.

Strukturelle Ähnlichkeiten zwischen der altägyptischen und der klassischen islamischen Deutungstradition:

Ob die islamische Deutungstradition einen unmittelbaren Einfluss der altägyptischen Tradition empfing, ist eine moderne akademische Debatte. Toufic Fahd und andere Forscher haben gezeigt, dass die ägyptische Traumtradition in hellenistischer Zeit auf die griechisch-römische Traumtradition wirkte und von dort über arabische Übersetzungen in die islamische Welt gelangte. Dass die Geografie der Sure Yûsuf ebenfalls Ägypten ist, stärkt diese Verbindung auf symbolischer Ebene.

Ibn Sîrîn ↔ mesopotamische Tradition

Mesopotamien (Sumer-Akkad-Babylon) ist als älteste schriftliche Zivilisation auch eine der Kulturen, in denen die Traumtradition am frühesten systematisiert wurde. Wichtige Teile des Gilgamesch-Epos sind die Träume des Helden und ihre Deutungen. Im Zeitalter der Tafeln Babylons gab es professionelle Traumdeuter, und es wurden eigene Traumtafeln (akkadisch Ziqîqu) geführt.

Ein mittelbarer Einfluss der mesopotamischen Traumtradition auf die klassische islamische Deutung ist wahrscheinlich. Denn:

Ibn Sîrîn ↔ keltisch-irische Traumtradition

In der keltischen Tradition wirkte der Traum — besonders das „Aisling" (Visionstraum) — als geistliche Kategorie. Die Druiden waren Traumdeuter. In Irland ist das Ritual des „Taghairm" (sich in eine Ochsenhaut einzuwickeln und einen Traum zu empfangen) das strukturelle Pendant der ägyptischen Inkubationspraxis. Obwohl es keinen unmittelbaren Kontakt zur klassischen islamischen Deutungstradition hat, bildet es im Hinblick auf die interkulturelle anthropologische strukturelle Ähnlichkeit eine wichtige Parallele.

Ausführlicher Vergleich: Das Deutungsmodell der Sure Yûsuf

Der kanonische Referenztext der klassischen islamischen Traumtradition ist die 12. Sure des Korans, die Sure Yûsuf. Diese Sure ist von Anfang bis Ende mit dem Geflecht der Traumdeutung durchwoben und war sowohl der theoretische als auch der praktische Leitfaden der klassischen Deuter. Wenn wir die Sure systematisch betrachten, tritt die unmittelbare koranische Grundlage der Grundprinzipien der Ibn-Sîrîn-Tradition zutage:

Yûsufs Kindheitstraum (Yûsuf 4)

„Als Yûsuf zu seinem Vater sagte: O mein Vater! Ich sah im Traum elf Sterne, die Sonne und den Mond; ich sah sie sich vor mir niederwerfen." Die Deutung dieses Traums tritt am Ende der Sure — Jahre später — zutage: Sein Vater Ya'qûb, seine Mutter und seine elf Brüder verneigen sich ehrfürchtig vor Yûsuf (Yûsuf 100). Dies ist die koranische Grundlage der Lehre vom „prospektiven Traum" in der klassischen Deutungstradition; manche Träume verwirklichen sich Jahre später. Zugleich ist diese Passage die koranische Grundlage der Himmelskörper-Symbolik (Sonne→Vater, Mond→Mutter, Sterne→Brüder).

Die Träume der jungen Männer im Kerker (Yûsuf 36–41)

Zwei junge Sklaven erzählen Yûsuf ihre Träume: Der eine sieht sich im Weingarten Trauben keltern, der andere sieht, wie er Brot auf dem Kopf trägt und Vögel davon fressen. Yûsufs Deutungen:

Diese Deutungen zeigen mehrere Prinzipien der klassischen Deutungstechnik zugleich: (a) Handlungssymbolik (Trauben keltern = die Teilhandlung des Weinservierens), (b) unmittelbar-physische Symbolik (Vögel fressen das Fleisch des Kopfes = Hinrichtung), (c) beruflicher Kontext (Verbleib als Mundschenk vs. Ende durch Hinrichtung).

Der Traum des ägyptischen Königs (Yûsuf 43–49)

Der ägyptische Pharao sieht: sieben fette Kühe, sieben magere Kühe; sieben grüne Ähren, sieben dürre Ähren. Yûsufs Deutung: sieben Jahre der Fülle, danach sieben Jahre der Dürre; danach ein Jahr der Fülle. Diese Deutung ist die koranische Grundlage der Zahlensymbolik (7 = geistliche/vollendete Dauer) und der Natursymbolik (Kuh = wirtschaftliche Entwicklung; Ähre = Erntejahr) der klassischen Deutungstradition.

Die Ableitung der koranischen Deutungsmethodik

Aus der Deutung dieser drei Träume haben die klassischen Deuter folgende methodische Prinzipien abgeleitet:

  1. Gottes Hilfe ist grundlegend: Yûsuf sagt „Dies gehört zu dem, was mein Herr mich gelehrt hat" (Yûsuf 37). Die Deutung erfolgt nicht rein technisch, sondern mit göttlicher Hilfe.
  2. Kontextualität: Dasselbe Symbol ergibt bei verschiedenen Personen verschiedene Ergebnisse.
  3. Handlung-Ergebnis-Verbindung: Die Handlung im Traum zeigt ein bestimmtes Ergebnis im wirklichen Leben.
  4. Zahlensymbolik: Die im Traum gesehenen Zahlen werden im wörtlichen Sinne gedeutet.
  5. Natursymbolik: Natürliche Gegenstände werden an wirtschaftliche, soziale, familiäre Entsprechungen geknüpft.

Diese fünf Prinzipien sind sowohl die Wegkarte als auch die Legitimationsquelle der klassischen Ibn-Sîrîn-Tradition.

Der Traum im klassischen sufischen Denken: Drei große Deutungen

Der klassische Sufismus hat die symbolische Deutungstechnik der Ibn-Sîrîn-Tradition übernommen und auf eine metaphysische Ebene gehoben. In diesem Prozess sind die Beiträge dreier großer Figuren bestimmend:

Ibn Arabî (1165–1240): Barzach und die Welt des Imaginalen

Ibn Arabî geht in zahlreichen Abschnitten der Futûhât al-Makkiyya auf den Traum ein. In seinem System ist der Traum eine ontologische Kategorie der Barzach-Welt (der Welt des Imaginalen, Âlam al-Mithâl). Der Barzach ist eine Brückenwelt zwischen der geistlichen und der materiellen Welt; dort erscheinen geistliche Wirklichkeiten in konkreten symbolischen Formen. Der Traum ist die Spiegelung dieser Welt im Bewusstsein. Ibn Arabîs System hebt die psychologische Dimension der klassischen Deutungstradition auf eine ontologische Dimension.

Beispiel: Das klassische Deutungswörterbuch sagt, Grün im Traum zu sehen bedeute „Gutes, Rechtleitung". Ibn Arabî nimmt diese Deutung an, geht aber tiefer: Grün ist in der Barzach-Welt das Symbol des Gleichgewichts zwischen Hayât-i Haqîqa (dem Leben der Wahrheit) und Fanâ-i Mahd (der reinen Auslöschung); deshalb repräsentiert es sowohl das geistliche Gedeihen (Grün = Leben) als auch die geistliche Stille (Grün = Mittelfarbe).

Mevlana Dschalâl ad-Dîn ar-Rûmî (1207–1273): Die Dialektik von Traum und Wachen

In Mevlana Dschalâl ad-Dîn ar-Rûmîs Mathnawī sind Traum und Wachen beständig ineinander übergehende Kategorien. Ein von Mevlana oft wiederholtes Motiv: „Diese Welt ist ein Traum; wenn du stirbst, erwachst du" (Mathnawī, Bd. 4). Dies ist eine philosophische Deutung der klassischen islamischen Traumtradition: Der Traum wird nicht nur als das im Schlaf Gesehene begriffen, sondern auch als der ontologische Zustand des weltlichen Lebens. Die klassische Deutungstradition zehrt von dieser philosophischen Perspektive.

In Mevlanas Werken tritt er nicht unmittelbar als Traumdeuter auf; doch beruhen zahlreiche Erzählungen seines Mathnawī auf dem Traum-Thema: Kalif Umar wird im Traum zu einem Mann gesandt, der Traum eines jungen Mannes, der zu Gott fleht, setzt seine geistliche Reise (Sulûk) in Gang, der Traum eines Richters wandelt ihn in der Gerechtigkeit. Diese Erzählungen sind die bestimmenden Ausprägungen des Mevlevî-Glaubens, dass der Traum der Schlüssel zur geistlichen Verwandlung ist.

Schihâb ad-Dîn Suhrawardî (1154–1191): Der Traum in der Ischrâqî-Philosophie

In den Werken des Begründers der Ischrâqî-Philosophie, Schihâb ad-Dîn Suhrawardî (der Getötete, Maqtûl), ist der Traum einer der Kanäle der Offenbarung der „reinen Lichter" (anwâr mudscharrada). In Suhrawardîs System sind die geistlichen Wirklichkeiten Kategorien des Lichts (Nûr); der Traum ist das vorübergehende Sich-Lösen des Bewusstseins vom materiellen Körper und der Kontakt mit dieser Lichtwelt. Diese Philosophie verleiht der klassischen Deutungstradition die Dimension einer mystischen Epistemologie.

Obwohl die Ischrâqî-Tradition keine unmittelbare technische Ähnlichkeit mit der klassischen Ibn-Sîrîn-Tradition trägt, liefert sie deren Fundament hinsichtlich des ontologischen Status des Traums. Die moderne schiitische Irfânî-Tradition (Mullâ Sadrâ, Tabâtabâî, Mutahharî) führt dieses Ischrâqî-Erbe fort.

Die geistlich-psychologischen Dimensionen der Deutungswissenschaft

Die klassische Deutungstradition ist nicht nur eine Technik der Symboldeutung, sondern zugleich eine geistliche Pädagogik. In der Beziehung von Mürschid (Meister) und Murîd (Schüler) werden die Träume des Murîd als Diagnose seines geistlichen Zustands bewertet. In den klassischen sufischen Texten — besonders in al-Quschayrîs ar-Risâla, in Suhrawardîs Awârif al-Ma'ârif, in den Werken des (Ischrâqî-)Suhrawardî — ist der Traum ein wichtiger Indikator für den Fortschritt des Murîd auf seiner Reise.

Die Entwicklung der Träume, die der Murîd sieht, folgt dieser Reihenfolge:

  1. Wirre nafsânische Träume (zu Beginn der Reise).
  2. Symbolische geistliche Träume (in der Stufe der Ahrâr — der Befreiung).
  3. Das Sehen des Propheten, der Heiligen, der Engel (in der Stufe der Achyâr — der Auserwählten).
  4. Unmittelbare geistliche Einsichten, lichte Träume (in der Stufe der Muqarrabîn — der Nahegebrachten).

Diese Hierarchie ist das Rückgrat der klassischen sufischen Pädagogik, und die Ibn-Sîrîn-Tradition liefert den technischen Unterbau dieser Pädagogik.

Schluss: Eine lebendige Hermeneutik

Die unter Berufung auf Muhammad Ibn Sîrîn errichtete klassische islamische Traumdeutungstradition ist als ein über 1300 Jahre währendes hermeneutisches Gebäude bis in unsere Zeit gelangt. Ta'bîr ar-Ru'yâ ist nicht nur ein Buch; es ist als ein epistemologisches System, ein kulturelles Gedächtnis, eine geistliche Praxis noch immer lebendig. Sein Wert liegt weder in seiner absoluten Richtigkeit noch in der Frage der Pseudepigraphie; sein wahrer Wert liegt darin, dass es einen Deutungsrahmen bietet, der den semantischen Reichtum des menschlichen Traums anerkennt, die individuelle Erfahrung mit dem kosmischen Kontext verbindet und das Alltagsleben mit einer geistlichen Lektüre erfüllt.

Die modernen Vergleiche der klassischen Deutungstradition — das unter Berufung auf Dscha'far as-Sâdiq entwickelte Traumverständnis der schiitischen Tradition, die Tiefenpsychologie Jungs, das tibetische Traumyoga und die hinduistische Svapna-Vidyā — zeigen, dass der Traum eine universelle Praxis der Innenwelt der Menschheit ist und dass die Fortführung dieser Praxis über die Geschichte hinweg mit verschiedenen kulturellen Codes ein wichtiger Teil des gemeinsamen geistlichen Erbes der Menschheit ist. Für ein vergleichendes Projekt wie das Weisheitstagebuch lässt sich die Ibn-Sîrîn-Tradition als eine Art Geburtsurkunde sowohl des islamischen geistlichen Erbes als auch des gemeinsamen hermeneutischen Schatzes der Menschheit lesen.