Heilige Schriften

Die Edda

Sammelbegriff für zwei mittelalterliche isländische Werke — die anonyme Lieder-Edda (Codex Regius, ~1270) mit Götter- und Heldenliedern und die gelehrte Snorra-Edda Snorri Sturlusons (~1220) — aus denen fast unser gesamtes Wissen über die nordische Mythologie stammt.

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Definition

Der Name Edda bezeichnet in der Forschung nicht ein einziges Buch, sondern zwei verschiedene, voneinander unabhängig entstandene isländische Werke des Hochmittelalters, die zusammen die mit Abstand wichtigste Quelle für die nordisch-germanische Mythologie bilden. Zu unterscheiden sind:

  1. Die Lieder-Edda (auch Ältere Edda oder Poetische Edda genannt) — eine anonyme Sammlung von Götter- und Heldenliedern in altnordischer Stabreimdichtung, hauptsächlich überliefert in einer einzigen isländischen Pergamenthandschrift, dem Codex Regius (GKS 2365 4to), der um 1270 niedergeschrieben wurde, deren Stoff jedoch teils erheblich älter und ursprünglich mündlich tradiert ist.

  2. Die Snorra-Edda (auch Jüngere Edda oder Prosa-Edda) — ein um 1220 von dem isländischen Gelehrten, Dichter und Politiker Snorri Sturluson (1179–1241) verfasstes Lehrbuch der Skaldendichtung, das die Mythologie systematisch in Prosa nacherzählt, um sie für angehende Dichter verständlich zu machen.

Die Bedeutung dieser beiden Werke kann kaum überschätzt werden: Nahezu alles, was wir heute über Odin, Thor, Loki, Baldr, die Schöpfung der Welt aus dem Ginnungagap und ihren Untergang im Ragnarök wissen, geht direkt oder indirekt auf die Edda zurück. Ohne sie wäre die nordische Götterwelt für uns nahezu stumm — ein Geflecht aus Ortsnamen, archäologischen Funden und Bildsteinen ohne erzählenden Zusammenhang. Insofern nehmen die Edda-Texte für das germanische Heidentum eine quellenkritische Stellung ein, die in ihrer Konzentration jener vergleichbar ist, die die Veden für die vedische Religion oder das Gilgamesch-Epos für die mesopotamische Überlieferung besitzen — mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Edda erst Jahrhunderte nach der Christianisierung und von christlich gebildeten Verfassern aufgezeichnet wurde.

Zur Etymologie und Begriffsgeschichte

Das Wort Edda ist von erstaunlicher Unsicherheit umgeben. Ursprünglich war es allein der Titel von Snorris Prosawerk; erst der isländische Bischof Brynjólfur Sveinsson, der 1643 die alte Liederhandschrift wiederentdeckte, übertrug den Namen — in der irrigen Annahme, sie sei die von Snorri benutzte Vorlage — auf die Liedersammlung und schrieb sie dem Priester Sæmundr fróði („Sæmund der Gelehrte", 1056–1133) zu. Daher rührt die ältere, heute überholte Bezeichnung Sæmundar Edda; Sæmund hat mit der Sammlung nachweislich nichts zu tun, und die Zuschreibung gilt als gelehrte Legende.

Über die Bedeutung des Wortes selbst gibt es drei konkurrierende Deutungen. Die erste verbindet edda mit dem altnordischen Wort für „Urgroßmutter" — die Edda wäre dann sinngemäß „das Buch der alten Überlieferung". Die zweite leitet es von Oddi ab, dem südisländischen Hof, an dem Snorri erzogen wurde und der ein Zentrum gelehrter Tätigkeit war; Edda hieße dann „das Buch von Oddi". Die dritte, philologisch wohl am besten gestützte Deutung verbindet das Wort mit lateinisch edo („ich dichte, gebe heraus") beziehungsweise altnordisch óðr („Dichtung, Dichtkunst") — Edda als „Poetik, Lehrbuch der Dichtkunst". Diese letzte Bedeutung trifft den ursprünglichen Zweck von Snorris Werk am genauesten.

Historischer und kultureller Hintergrund

Beide Edda-Werke sind Erzeugnisse des mittelalterlichen Island, und dieser Entstehungsort ist alles andere als nebensächlich. Island war erst gegen Ende des 9. Jahrhunderts, vor allem von Norwegen aus, besiedelt worden (die Landnámsöld, das „Zeitalter der Landnahme"); die Siedler brachten die altnordische Sprache, die heidnischen Götter und einen reichen Schatz mündlicher Dichtung mit. Um das Jahr 1000 nahm der isländische Freistaat am Allthing den christlichen Glauben in einem berühmten, ausgehandelten Mehrheitsbeschluss an — ohne Verfolgung der Heiden, mit zugestandenen Übergangsfristen für alte Bräuche. Diese vergleichsweise friedliche und späte Christianisierung hatte eine folgenreiche kulturelle Konsequenz: Das heidnische Erbe wurde nicht ausgelöscht, sondern gelangte in den Status eines ehrwürdigen Altertums, das man bewahren, ordnen und studieren konnte, ohne es noch zu glauben.

Hinzu kam, dass Island im 12. und 13. Jahrhundert zu einem außergewöhnlichen Zentrum volkssprachlicher Schriftlichkeit wurde. Während das übrige lateinische Europa fast ausschließlich auf Latein schrieb, entstand auf der Insel eine reiche Literatur in der eigenen Sprache: die Isländersagas, die Königssagas, gelehrte und historische Werke. In diesem Klima — gebildet, schreibfreudig, der eigenen Vergangenheit zugewandt — wurden die alten Lieder gesammelt und schrieb Snorri sein mythologisches Lehrbuch. Die Edda ist somit weniger ein unmittelbares Zeugnis lebendigen Heidentums als das Produkt einer christlichen Gelehrtenkultur, die das Heidentum als Bestandteil ihrer nationalen und dichterischen Identität pflegte. Diese paradoxe Konstellation — heidnischer Stoff in christlicher Niederschrift — ist der Schlüssel zum Verständnis ihres Quellenwerts und kehrt im Abschnitt zur Quellenkritik wieder.

Träger der überlieferten Dichtung war der Stand der Skalden — namentlich bekannter Hofdichter, die seit dem 9. Jahrhundert an den Höfen norwegischer und anderer Fürsten kunstvolle Preis-, Schmäh- und Gedächtnisgedichte verfassten. Ihre hochartifizielle, anspielungsreiche Kunst setzte die genaue Kenntnis der Mythen voraus, denn ohne sie blieben die mythologischen Umschreibungen (Kenningar) unverständlich. Genau hier liegt der praktische Anlass von Snorris Edda: Sie sollte einer Generation christlicher Dichter, denen die alten Geschichten zu entgleiten drohten, das Rüstzeug zur Skaldendichtung wieder an die Hand geben.

Die Lieder-Edda (Poetische Edda)

Überlieferung: Der Codex Regius

Die Lieder-Edda ist kein von einem Autor geplantes Werk, sondern eine Anthologie. Ihr Hauptzeuge ist der Codex Regius (so benannt, weil er sich lange in der Königlichen Bibliothek zu Kopenhagen befand, ehe er 1971 feierlich nach Island zurückgegeben wurde). Die Handschrift wurde um 1270 geschrieben, geht aber auf eine ältere, verlorene Vorlage zurück, die vermutlich um 1210–1240 entstand. Einzelne Lieder lassen sich sprachlich und metrisch deutlich früher datieren; die Völuspá etwa wird häufig ins späte 10. Jahrhundert gesetzt, also in die Übergangszeit vom Heidentum zum Christentum. Der Stoff selbst — die mündlich überlieferten Erzählungen — reicht in vorchristliche Jahrhunderte zurück. Einige Lieder, die nicht im Codex Regius stehen (etwa die Baldrs draumar oder die Rígsþula), werden aus anderen Handschriften ergänzt und nach Konvention der Sammlung zugerechnet.

Eine wichtige formale Eigenheit ist, dass im Codex Regius Lieder in gebundener Rede mit kurzen Prosaeinschüben abwechseln; diese „Brücken" erklären den Zusammenhang und stammen wohl von den Sammlern, nicht aus der mündlichen Dichtung selbst. Der Sammler war kein bloßer Abschreiber, sondern ein ordnender Geist: Er gruppierte die Lieder bewusst — zuerst die mythologischen, dann die heroischen — und stellte so eine bereits interpretierende Architektur her, die das Material in eine quasi-chronologische Folge von der Schöpfung bis zum Heldenuntergang brachte. Schon die Anordnung der Handschrift ist mithin ein erstes Stück mittelalterlicher Mythendeutung.

Neben dem Codex Regius sind weitere Textzeugen zu nennen: das Fragment AM 748 I a 4to überliefert einige Götterlieder, und Snorris Prosa-Edda zitiert zahlreiche Strophen, die teils nur durch ihn bekannt sind. Die berüchtigte Große Lücke im Codex Regius — der Verlust eines ganzen Lagen-Hefts (vermutlich acht Blätter) mitten in der Sigurd-Überlieferung — ist nur dadurch teilweise zu schließen, dass die etwas jüngere Völsunga saga dieselben, heute verlorenen Lieder in Prosa nacherzählt. Dieser Glücksfall illustriert die fragile Überlieferungslage der gesamten Sammlung: Was wir besitzen, hängt am dünnen Faden weniger Pergamente.

Die Götterlieder

Der erste Teil der Lieder-Edda versammelt die Götterlieder, die kosmologische, mythologische und gnomische (spruchhafte) Stoffe behandeln. Die wichtigsten sind:

Die Heldenlieder

Der zweite, umfangreichere Teil des Codex Regius versammelt die Heldenlieder, die nicht von Göttern, sondern von menschlichen Helden der Sagenzeit handeln. Ihr Kern ist der große festländisch-germanische Sagenkreis um Sigurd den Drachentöter (im südgermanischen Raum Siegfried), die Völsungen, den Hortgott des Nibelungenschatzes, die Walküre Brünhild und den Burgundenuntergang. Lieder wie die Völsunga-bezogenen Stücke, das Sigrdrífumál oder das Atlakviða überliefern eine altertümliche, knappe und tragische Version desselben Stoffes, der südlicher, am Oberrhein, im mittelhochdeutschen Nibelungenlied (um 1200) eine ganz andere, höfisch-ritterliche Gestalt annahm. Der Vergleich beider Fassungen ist ein klassisches Lehrstück der germanischen Heldensagenforschung: Dieselbe Sage, im skandinavischen Norden mythisch-archaisch, im deutschen Süden höfisch verchristlicht. Über diesen Stoff entfaltete sich später die Wirkung auf Richard Wagner, auf die sich der Abschnitt zur Rezeption noch bezieht.

Die Snorra-Edda (Prosa-Edda)

Verfasser: Snorri Sturluson

Die Prosa-Edda ist im Unterschied zur Liedersammlung das Werk eines namentlich bekannten Autors. Snorri Sturluson (1179–1241) war einer der mächtigsten und gebildetsten Männer des hochmittelalterlichen Island: Großgrundbesitzer, zweimal lögsögumaðr (Gesetzessprecher des isländischen Freistaats am Allthing), gewiefter Politiker im blutigen Machtkampf der sogenannten Sturlungenzeit und zugleich der bedeutendste Historiker und Dichtungstheoretiker seiner Epoche. Neben der Edda verfasste er die Heimskringla, die große Geschichte der norwegischen Könige. Snorri wurde 1241 auf Betreiben des norwegischen Königs in seinem Hof Reykholt ermordet — die letzten überlieferten Worte sollen sein Flehen „Eigi skal höggva!" („Schlagt nicht zu!") gewesen sein.

Entscheidend für die Quellenkritik ist: Snorri war ein christlicher Gelehrter, der rund zwei Jahrhunderte nach der Christianisierung Islands (um 1000) schrieb. Er glaubte nicht an die alten Götter; sein Interesse galt der Bewahrung der dichterischen Kunst, die ohne Kenntnis der Mythen unverständlich geworden wäre.

Aufbau in vier Teilen

Die Snorra-Edda ist als praktisches Lehrbuch der Skaldendichtung konzipiert und gliedert sich in vier Teile:

  1. Prolog (Prologus) — eine gelehrte Einleitung, in der Snorri den Ursprung der heidnischen Götter euhemeristisch (nach Euhemeros: Götter als vergöttlichte historische Menschen) erklärt. Die Asen seien in Wahrheit Auswanderer aus Troja (AsiaÆsir) gewesen, die nach Skandinavien zogen und dort nachträglich für Götter gehalten wurden. Dieser Prolog ist ein Rahmungsmanöver: Er erlaubt dem Christen Snorri, die heidnische Mythologie zu erzählen, ohne sich dem Vorwurf des Götzendienstes auszusetzen.

  2. Gylfaginning („Die Täuschung des Gylfi") — der mythologisch bedeutendste Teil. In einem Rahmengespräch befragt der schwedische König Gylfi (unter dem Decknamen Gangleri) drei thronende Gestalten — Hár, Jafnhár und Þriði („Hoch", „Ebenso hoch", „Der Dritte") — über die Welt der Götter. Aus ihren Antworten entsteht die einzige systematische und zusammenhängende Darstellung der nordischen Mythologie überhaupt: Schöpfung der Welt aus dem Leib des Urriesen Ymir, die neun Welten und der Weltenbaum, die Geschichten der einzelnen Götter, der Tod Baldrs, die Fesselung Lokis und schließlich der Ragnarök. Vieles davon stützt sich erkennbar auf die Völuspá und das Grímnismál, die Snorri zitiert; anderes überliefert er als einziger Zeuge, weshalb seine Zuverlässigkeit hier besonders diskutiert wird. Der Rahmen selbst ist subtil ironisch: Die drei Gestalten täuschen Gylfi mit ihren Erzählungen (daher der Titel), und am Ende verschwinden Halle und Sprecher wie eine Sinnestäuschung — ein erzählerischer Kunstgriff, mit dem der Christ Snorri die Wahrheit der berichteten Götterwelt zugleich vorführt und auf Distanz hält.

Die Kosmologie der Gylfaginning verdient eigene Erwähnung, denn sie liefert das Gerüst, auf das die gesamte spätere Darstellung des nordischen Weltbilds zurückgreift. Am Anfang steht das gähnende Urleere Ginnungagap, zwischen dem feurigen Muspellsheim im Süden und dem eisigen Niflheim im Norden; aus dem Aufeinandertreffen von Feuer und Eis entsteht der Urriese Ymir, aus dessen zerstückeltem Leib die Göttersöhne Odin, Vili und Vé die Welt formen — aus dem Fleisch die Erde, aus dem Blut das Meer, aus den Knochen die Berge, aus dem Schädel der Himmel. Den Mittelpunkt bildet der Weltenbaum Yggdrasil, an dem die neun Welten hängen, darunter Asgard (Sitz der Asen-Götter), Midgard (die von einer Schlange umringte Menschenwelt) und Hel (das Totenreich). An den Wurzeln des Baumes weben die Nornen das Schicksal. Diese kosmische Geographie wird ausführlicher in der eigenen Notiz zur nordischen Schöpfung und zur Jenseitsgeographie behandelt; für die Edda ist entscheidend, dass Snorri diese Bausteine erstmals zu einem in sich geschlossenen System zusammenfügt.

  1. Skáldskaparmál („Die Sprache der Dichtkunst") — das Herzstück des poetologischen Anliegens. Hier erklärt Snorri die beiden zentralen Mittel der skaldischen Bildsprache: die Kenningar (Sg. kenning) — mehrgliedrige Umschreibungen, etwa „Wal-Pfad" für das Meer, „Wundsee" für das Blut oder „Last Sleipnirs" für die Erde — und die Heiti (poetische Synonyme, einfache Ersatzbezeichnungen). Weil viele Kenningar auf Mythen anspielen („Last des Odin", „Met der Zwerge" für die Dichtung), liefert dieser Teil zugleich zahlreiche mythologische Erzählungen. Die berühmteste ist der Raub des Skaldenmets (Óðrœrir): Aus dem Speichel, mit dem Asen und Wanen ihren Friedensschluss besiegelten, entstand der weise Mann Kvasir; aus seinem Blut, mit Honig vermischt, brauten Zwerge den Met der Dichtung, der jeden, der von ihm trinkt, zum Dichter und Gelehrten macht. Über Mord, List und Verwandlung gelangt der Trank schließlich an Odin, der ihn in Adlergestalt nach Asgard bringt und unter den Göttern und den begnadeten Menschen verteilt. Die Erzählung ist zugleich ätiologischer Mythos über den göttlichen Ursprung der Dichtkunst und Schlüssel zu Dutzenden von Kenningar — sie zeigt exemplarisch, wie eng bei Snorri Mythologie und Poetik verflochten sind.

  2. Háttatal („Aufzählung der Versmaße") — ein selbstverfasstes Preisgedicht Snorris auf den norwegischen König Hákon und Jarl Skúli, in dem 102 verschiedene Strophenformen und Versmaße der altnordischen Dichtung exemplarisch vorgeführt und kommentiert werden; gleichsam ein metrisches Demonstrationsstück.

Die Götterwelt der Edda im Überblick

Da die Edda unsere Hauptquelle für die nordischen Götter ist, lohnt ein knapper Überblick über die wichtigsten Gestalten, wie die beiden Werke sie zeichnen. Die Götter zerfallen in zwei Geschlechter, die Asen (Æsir) und die Wanen (Vanir), die nach einem mythischen Urkrieg Frieden schlossen und Geiseln tauschten — eine Konstellation, in der die Forschung mitunter die Verschmelzung zweier Kultschichten (Himmels- und Fruchtbarkeitsgottheiten) gespiegelt sieht.

Hinzu treten die Nornen, die schicksalswebenden Frauen an den Wurzeln Yggdrasils, sowie die Völva, die Seherin, deren prophetische Stimme die Völuspá trägt. Dieses Personal — Asen, Wanen, Riesen, Schicksalsmächte — ist es, das ohne die Edda für uns kaum existierte: Die archäologischen Funde, Bildsteine und Ortsnamen bestätigen ihre Verehrung, doch ihre Geschichten kennen wir fast ausschließlich aus den beiden eddischen Werken.

Stil und Form der altnordischen Dichtung

Die Edda-Dichtung folgt nicht dem Reim, sondern dem Stabreim (Alliteration): Tragende Hebungen aufeinanderfolgender Halbverse beginnen mit demselben Anlaut („Vieh stirbt, Verwandte sterben"deyr fé, deyja frændr). Die beiden Hauptversmaße sind das erzählende fornyrðislag („Altmärenmaß") und das spruchhaft-belehrende ljóðaháttr („Liedmaß"); das kunstvollste skaldische Maß ist das streng geregelte dróttkvætt mit Binnenreim und Silbenzählung. Charakteristisch ist ferner die hochgradig formelhafte Diktion — wiederkehrende Wendungen, feste Epitheta, der Refraincharakter etwa der Völuspá —, die deutlich auf den Ursprung in mündlicher Dichtung verweist und die altnordische Überlieferung mit anderen oralen Epentraditionen verbindet. Hinzu treten die bereits genannten Kenningar und Heiti als spezifisch nordische Form dichterischer Verschlüsselung.

Quellenwert und Quellenkritik

Die Edda ist eine glänzende, aber heikle Quelle. Vier kritische Vorbehalte sind in der Forschung Konsens:

Methodisch gilt daher: Die Lieder-Edda hat als poetisches Primärzeugnis Vorrang; Snorris Prosa ist eine außerordentlich kundige, aber sekundäre und tendenziöse Auslegung, die stets mit den Liedern und mit der Skaldendichtung, der Archäologie und den Ortsnamen abzugleichen ist.

Vergleichende Perspektive

Stellt man die Edda in den weiteren Horizont der religiösen Weltliteratur, treten ihre Eigenart und ihre Verwandtschaften zugleich hervor.

Werk Tradition Charakter Aufzeichnung
Lieder-Edda germanisch-nordisch mythische Lieder, mündlich tradiert ~1270 (christl. Island)
Snorra-Edda germanisch-nordisch gelehrtes Mythen-Kompendium ~1220 (Snorri)
Theogonie (Hesiod) griechisch dichterische Götter-Genealogie ~700 v. Chr.
Rigveda vedisch-indisch Hymnen, mündlich (Śruti) sehr früh, lange mündlich
Kalevala finnisch-karelisch Kompilation aus Volksliedern 1835/1849 (Lönnrot)

Drei Vergleichslinien sind besonders erhellend. Erstens das mythologische Kompendium: Wie Hesiods Theogonie die zerstreuten griechischen Göttererzählungen erstmals zu einer geordneten Genealogie zusammenfügte, so leistet Snorris Gylfaginning die systematisierende Sammlung des nordischen Stoffes — beide Male schafft erst der ordnende Verfasser das, was später als „die" Mythologie erscheint. Die Enūma Eliš Babylons und die vedischen Hymnen stehen als weitere Schöpfungs- und Götterdichtungen daneben, wobei die Veden, ähnlich der mündlich tradierten Lieder-Edda, über Jahrhunderte rein oral als heilige Śruti („das Gehörte") bewahrt wurden.

Zweitens die Heldenepik: Der Sigurd-Stoff der eddischen Heldenlieder gehört in dieselbe Großgattung wie das Nibelungenlied, wie das Gilgamesch-Epos, das Râmâyaṇa und das Mahâbhârata oder, im türkisch-zentralasiatischen Raum, das Manas-Epos; überall begegnen Drachenkampf, Schatzfluch, tragische Verstrickung und Geschlechterfehde. Die finnische Kalevala zeigt dabei einen bemerkenswerten Sonderfall: Auch sie ist eine im 19. Jahrhundert durch Elias Lönnrot aus mündlichen Liedern komponierte Sammlung — gleichsam eine „Edda der Finnen" —, deren Sänger ebenfalls in stabreim-ähnlichem, formelhaftem Versmaß dichteten.

Drittens die Mündlichkeit und Formelhaftigkeit: Die festen Wendungen, Epitheta und Refrains der Edda haben dieselbe Wurzel wie die „formelhafte Diktion", die Milman Parry und Albert Lord am homerischen Epos und an lebenden südslawischen Sängern als Signatur mündlicher Komposition nachwiesen. Die Edda ist damit ein zentrales Zeugnis für die Frage, wie vorschriftliche Gesellschaften ihr religiöses Wissen über Generationen bewahrten — eine Frage, die auch die Runen- und Schriftmystik des Nordens berührt.

Wirkungsgeschichte und moderne Rezeption

Nach der Wiederentdeckung im 17. Jahrhundert und den ersten Editionen entfaltete die Edda seit dem späten 18. Jahrhundert eine gewaltige Wirkung. In der Romantik und im wachsenden Nationalbewusstsein wurde die nordisch-germanische Mythologie zum Bezugspunkt einer eigenen, „ungriechischen" Tradition; die Brüder Grimm stellten in Jacob Grimms Deutscher Mythologie (1835) die eddische Überlieferung in den Dienst einer umfassenden Rekonstruktion germanischen Glaubens. Richard Wagner schöpfte für seinen Opernzyklus Der Ring des Nibelungen (1848–1874) ebenso aus der Lieder-Edda und der Völsunga saga wie aus dem Nibelungenlied und schuf damit die wirkmächtigste neuzeitliche Aneignung des Stoffes.

Diese Wirkungsgeschichte hat jedoch eine dunkle Seite. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde die eddische Mythologie zunehmend völkisch und rassistisch missbraucht; im Nationalsozialismus dienten Götter-, Runen- und Heldenbilder der ideologischen Selbstinszenierung. Die seriöse Forschung hat sich seit der Nachkriegszeit ausdrücklich von dieser Vereinnahmung distanziert und betont die historische, vom modernen Nationalismus völlig verschiedene Eigenart der mittelalterlichen Texte.

Auf anderer Linie steht die literarische und religiöse Nachwirkung: J. R. R. Tolkien, von Beruf Philologe der altnordischen und altenglischen Dichtung, schöpfte für Der Herr der Ringe tief aus der Edda — die Zwergennamen seines Werks etwa entstammen wörtlich einem Katalog der Völuspá. In der Religionswissenschaft wurde die eddische Initiationsszene Odins zum Standardbeispiel der vergleichenden Schamanismus-Forschung Mircea Eliades; in der Tiefenpsychologie las Carl Gustav Jung die Göttergestalten als Archetypen. Schließlich knüpft die moderne heidnische Wiederbelebung — das Ásatrú und das weitere neuheidnische Spektrum — unmittelbar an die Edda als ihren primären „heiligen Text" an, was die Texte bis in die Gegenwart religiös wirksam hält und sie zugleich neuen, oft unhistorischen Deutungen aussetzt.

Fazit

Die Edda ist weniger ein Buch als ein Doppelwerk und zugleich ein Fenster: das nahezu einzige, durch das wir die Götterwelt des heidnischen Nordens noch erblicken können. In der anonymen Lieder-Edda spricht — gebrochen, fragmentarisch, doch dichterisch unmittelbar — die mündliche Überlieferung selbst; in Snorris gelehrter Prosa-Edda begegnet uns der erste systematische Ordner und Ausleger dieser Welt, ein christlicher Humanist, der das Verschwindende für die Dichtkunst retten wollte. Beide Werke sind durch denselben Codex-knappen Faden überliefert und durch denselben christlich-mittelalterlichen Filter gegangen, der ihren Quellenwert so kostbar wie heikel macht. Wer von Odins Selbstopfer, von der Seherin der Völuspá, von Thor, Loki und dem Ragnarök spricht, spricht — meist ohne es zu wissen — aus der Edda. In ihr verdichtet sich exemplarisch das Grundproblem aller Mythenforschung: dass die ältesten Götter uns nur noch durch die Hand derer erreichen, die nicht mehr an sie glaubten.