Walhall, Fólkvangr und Hel: Die nordische Jenseitsgeographie
Die nordische Jenseitsgeographie: Odins Walhall und die einherjar, Freyjas Fólkvangr, das die Hälfte der Gefallenen empfängt, das neutrale Reich Hel ohne Strafcharakter, die im Meer Ertrunkene aufnehmende Rán und die Tradition des Schiffsgrabes. Eine vergleichende Untersuchung der vielschichtigen Jenseitsvorstellungen.
Einleitung: Kein einzelnes „Jenseits", sondern eine Geographie
In der Populärkultur wird der nordische Jenseitsglaube oft auf ein einziges Wort reduziert: Walhall. Doch das Bild, das sich ergibt, wenn man die Quellentexte und das archäologische Zeugnis der nordisch-germanischen Tradition zusammenführt, ist kein einzelner Bestimmungsort, sondern eine vielschichtige Jenseitsgeographie: Odins Halle Walhall, die die Kriegsgefallenen aufnimmt; die Wiese Fólkvangr der Göttin Freyja, die die Hälfte der Gefallenen aufnimmt; das neutrale Reich Hel ohne Strafcharakter, wohin die an Krankheit und Alter Gestorbenen gehen; die Unterwasserhalle der Göttin Rán, die die im Meer Ertrunkenen mit ihrem Netz einholt; die in ihrem Hügel „weiterlebenden" Toten und die in die Berge „hineinsterbenden" Familien. Diese Vielheit ist keine Systemlosigkeit, sondern gleicht einer Landkarte, die sich nach der Art des Todes, der gesellschaftlichen Rolle des Einzelnen und den regionalen Überlieferungen ordnet. Überdies wurde diese Landkarte nie an eine einzige dogmatische Lehre gebunden: Die nordische Frömmigkeit war kein buchgestütztes Glaubenssystem, sondern eine lebendige, auf ritueller und erzählerischer Vielfalt errichtete Tradition. Seit H.R. Ellis Davidsons klassischer Arbeit The Road to Hel hat die Forschung gelernt, diese Vielfalt nicht als „Inkonsistenz", sondern als die natürliche Fülle der mündlichen Kultur zu lesen. Diese Aufzeichnung zielt darauf ab, die Schichten der genannten Geographie eine nach der anderen zu durchwandern, die verbreitetsten Missverständnisse — besonders die Annahme, Hel sei eine „Hölle" — zu berichtigen und die nordische Jenseitsvorstellung in den vergleichenden Kontext zu stellen.
Quellen und das Methodenproblem
Unser schriftliches Wissen über die nordische Todesvorstellung kommt aus drei Hauptbecken. Das erste ist die Lieder-Edda: Besonders die Grímnismál enthält die ausführlichsten Schilderungen Walhalls und Fólkvangrs; die Völuspá erzählt vom Totenufer Náströnd, die Baldrs draumar vom Ritt nach Hel. Das zweite ist die von Snorri Sturluson in den 1220er Jahren geschriebene Prosa-Edda: Die Gylfaginning systematisiert das verstreute poetische Material — doch ist nicht zu vergessen, dass Snorri ein mit christlichen Begriffen denkender Sammler war und dass besonders der moralisierende Ton in den Hel-Schilderungen ihm gehören mag. Das dritte ist die Saga-Literatur und die historischen Aufzeichnungen: Texte wie die Egils saga, die Eyrbyggja saga und die Njáls saga spiegeln weniger die theoretische Mythologie als den gelebten Glauben — die Hügeltoten, das Sterben in den Berg, das zweite Gesicht; das Schiffsbegräbnis aber, das der arabische Reisende Ibn Fadlân 921-922 unter den Rus-Händlern (nordischer Herkunft) an der Wolga bezeugte, ist eine unschätzbare Außenbeobachtung. Dieses ganze schriftliche Becken begleitet die Archäologie: die Schiffsgräber von Oseberg und Gokstad, die Steinschiff-Setzungen von Lindholm Høje, die Grabbeigaben und die Opferreste. Die methodische Goldene Regel ist diese: Keine Quelle ist für sich allein „der nordische Jenseitsglaube"; der Glaube wird an der Überschneidung dieser Schichten als ein nach Region und Jahrhundert wechselndes Spektrum neu errichtet.
Walhall: Die Halle der Gefallenen
Das altnordische Valhöll heißt „Halle der im Kampf Gefallenen" (valr: die auf dem Schlachtfeld Gestorbenen). Nach Snorri liegt die Halle im Bereich Glaðsheimr in Asgard, und ihre Architektur ist durch und durch in der Sprache des Krieges errichtet: In der Schilderung der Grímnismál bestehen die Dachbalken aus Speerschäften, die Dachdeckung aus goldenen Schilden, die Decken über den Bänken aus Panzerhemden; über dem Westtor hängt ein Wolf, über ihm schwebt ein Adler. Das Maß wird so gegeben, dass es die menschliche Vorstellung übersteigt: Die Halle hat fünfhundertvierzig Tore, und wenn der Tag von Ragnarök kommt, werden aus jedem Tor achthundert Krieger Schulter an Schulter hinausziehen. Auch die Küche der Halle wirkt mit einem mythischen Kreislauf: Der Koch Andhrímnir kocht jeden Tag den Eber Sæhrímnir im Kessel Eldhrímnir; wenn es Abend wird, wird das Tier wieder lebendig und wird am nächsten Tag aufs Neue geschlachtet. Auf dem Dach nährt sich die Ziege Heiðrún von den Blättern des Baumes (Læraðr — nach vielen Deutungen ein Name Yggdrasils), und aus ihren Eutern fließt Metlikör; aus den Geweihen des ebenfalls auf dem Dach lebenden Hirsches Eikþyrnir tropfen die Wasser, die sich in den Kessel Hvergelmir, den Quell aller Ströme, ergießen. So ist die Halle der Krieger unmittelbar an das nährende Getriebe des kosmischen Baumes gebunden.
Am Kopf der Tafel sitzt Odin; doch er isst selbst nicht — das Fleisch vor ihm gibt er seinen Wölfen Geri und Freki, er nährt sich nur von Wein, und die Raben auf seinen Schultern, Huginn und Muninn („Gedanke" und „Gedächtnis"), tragen Kunde aus der Welt. Dieses Detail erinnert daran, dass Walhall kein Lustgarten, sondern ein Vorbereitungs-Hauptquartier ist: Odin ist ein Gott, der sich von Wissen nährt, sein Ende kennt und ein Heer sammelt. Die wahre Bedeutung des Walhall-Mythos erschließt sich erst, wenn man ihn zusammen mit Ragnarök liest — die Halle ist ein Feldlager, errichtet für die letzte Schlacht, von der man weiß, dass sie verloren wird.
Einherjar: Der tägliche Kreislauf der erwählten Krieger
Die Bewohner Walhalls heißen einherjar — „die allein Kämpfenden" oder „das auserlesene Heer". Nach der Schilderung der Vafþrúðnismál bewaffnen sie sich jeden Morgen, ziehen in den Hof und kämpfen miteinander auf Leben und Tod; wenn es Abend wird, werden die Gefallenen wieder lebendig, die Wunden schließen sich, und alle setzen sich gemeinsam an die Tafel, essen das Fleisch Sæhrímnirs und trinken den Met Heiðrúns. Dieser tägliche Tod-Auferstehungs-Kreislauf ist eines der dichtesten Bilder des mythologischen Denkens: Der Tod des Kriegers ist kein Ende, sondern ein Training; jeden Tag zu sterben heißt, sich auf den großen Tag vorzubereiten. Die Institution der einherjar spiegelt die Wertewelt der kriegerischen Gesellschaft ins Jenseits — doch diese Spiegelung ist weniger tröstlich als tragisch, denn die Quellen sagen ausdrücklich, dass die einherjar bei Ragnarök gemeinsam mit Odin unterliegen werden. Erwählt zu sein heißt nicht gerettet zu sein, sondern an einen ehrenvollen Platz in der kosmischen Schlacht gerufen zu werden. Dieser Punkt ist der tiefste Unterschied, der das nordische Jenseitsverständnis von den auf Lohn-Strafe gegründeten Systemen trennt: Walhall ist kein „Paradies"; es ist eine auch nach dem Tod fortbestehende Pflicht- und Schicksalsgemeinschaft. Der Schatten des Schicksalsgedankens ist auch hier zu spüren — selbst die Erwählten können nicht aus dem Schicksal heraustreten, sie können ihm nur auf würdige Weise begegnen.
Walküren: „Die die Gefallenen Erwählen"
Die Gestalten, die die Kriegsgefallenen nach Walhall tragen, sind die Walküren (valkyrja), deren Name „die die Gefallenen erwählenden Frauen" bedeutet. Die Grímnismál zählt dreizehn Walkürennamen auf — Hrist, Mist, Skeggjöld, Skögul, Hildr, Þrúðr und andere — und sagt, dass sie den einherjar Trank reichen; doch ihre Funktion erschöpft sich nicht im Mundschenkenamt: Sie tragen Odins Willen auf das Schlachtfeld, bestimmen, wer fallen wird, und führen die Erwählten in die Halle. Die meisten ihrer Namen tragen den Lärm der Schlacht: „die Schwingende", „Nebel", „Axtzeit", „Krieg". Im berühmten Gedicht Darraðarljóð der Njáls saga weben die Walküren auf einem schrecklichen Webstuhl, an dem Menschenköpfe die Gewichte, Eingeweide die Kette sind, das Tuch der Schlacht — dieses Bild zeigt die Verwandtschaft der Walküren mit dem Komplex der Nornen und des Schicksalswebens. Die Forscher unterscheiden zwei Schichten der Walkürenvorstellung: die ältere, schauerliche Schicht der „Kriegsdämonen" und die durch die heroische Dichtung veredelte Schicht der gepanzerten Jungfrauen, die sich in sterbliche Helden verlieben (Sigrún, Sváva, Brynhildr). In beiden Schichten ist die Walküre das weibliche Antlitz der Schwelle zwischen Tod und Erwähltsein; die Personifikation des Glaubens, dass der Tod nicht zufällig, sondern „erwählt" ist.
Der Odin geweihte Tod: Speer und Galgen
Der rituelle Hintergrund der Walhall-Vorstellung ist die Praxis der Weihung des Todes an Odin. Beim Beginn einer Schlacht einen Speer über das feindliche Heer zu schleudern, bedeutete, dieses Heer zur Gänze Odin zu opfern — der Archetypus dieser Geste in der Mythologie ist Odins eigener Speerwurf, der den Æsir-Vanir-Krieg eröffnet. Die Ynglinga saga erzählt, dass der auf dem Sterbebett liegende Odin sich mit der Speerspitze zeichnen ließ und sagte, er werde wie ein im Kampf Gefallener in das Land Odins gehen: Selbst der im Bett kommende Tod konnte mit dem Speerritual in einen „Kriegstod" umgewandelt werden. Dieses Detail zeigt, dass das Tor Walhalls nicht absolut, sondern mit rituellen Mitteln dehnbar war. Odins Beiname „Gott der Gehängten" (Hangaguð) aber vertieft das Kultbild: In der Hávamál sagt der Gott, er habe sich selbst sich opfernd neun Nächte am windigen Baum gehangen — dieses Selbstopfer auf Yggdrasil ist das mythische Vorbild der Galgenopfer, und man glaubte, dass Odin die Toten, besonders die gehängten Toten, mit Runen zum Sprechen bringen könne. Der Kriegstote, der Opfertote und der um des Wissens willen befragte Tote — alle drei treten in Odins Bereich; Walhall ist das strahlende Antlitz dieser dunkel-weisen Todestheologie. Der Gedanke des geweihten Todes nimmt dem Tod den Charakter einer passiv erlittenen Katastrophe und verwandelt ihn in einen aktiven rituellen Akt; dies ist vielleicht die radikalste der Techniken der kriegerischen Kultur, mit der Todesfurcht fertigzuwerden.
Literarisches Zeugnis: Eiríksmál und Hákonarmál
Der stärkste Beweis dafür, dass die Walhall-Vorstellung nicht nur ein mythographischer, sondern ein lebendiger Glaube war, sind die zwei großen Gedächtnisgedichte des zehnten Jahrhunderts. In der anonymen Eiríksmál, gesprochen auf den Tod des Königs Erik Blutaxt (Eiríkr blóðøx), ist der Schauplatz Walhall selbst: Odin erwacht mit großem Lärm, befiehlt, die Bänke herzurichten, die Becher zu waschen; der Dichtergott Bragi fragt, wer der Ankommende sei; Odin sendet die legendären Helden Sigmund und Sinfjötli, Erik zu empfangen. Auf Bragis Frage „Warum hast du ihm den Sieg genommen, wenn er doch tapfer war?" ist Odins Antwort der Kern der Walhall-Theologie: „Weil der graue Wolf nach den Höfen der Götter blickt" — das heißt, Ragnarök naht, und Odin braucht die besten Krieger jetzt. Der frühe Tod der Könige wird als Strategie zur Stärkung des göttlichen Heeres getröstet. Eyvindr skáldaspillirs Hákonarmál aber errichtet denselben Schauplatz für den getauften, aber die alten Tempel verschonenden König Hákon den Guten: Odin sendet die Walküren Göndul und Skögul auf das Schlachtfeld; der gestorbene König wird mit dem Gruß der Götter empfangen, ist aber Odin gegenüber wachsam; das Gedicht schließt, indem es die berühmte Strophe der Hávamál nachklingen lässt — Vieh stirbt, Verwandte sterben; der Ruhm eines guten Königs aber niemals. Diese Gedichte zeigen, dass das Walhall-Bild bei den Totenfeiern der nordischen Elite des zehnten Jahrhunderts als eine wirkliche Trost- und Propagandasprache wirkte, dass die Mythologie mitten im politisch-emotionalen Leben stand.
Fólkvangr: Freyjas vergessener Anteil
Die am meisten vernachlässigte Tatsache der nordischen Jenseitsgeographie ist, dass nicht alle Kriegsgefallenen zu Odin gehen. Strophe 14 der Grímnismál ist deutlich: „Fólkvangr ist das neunte; dort ordnet Freyja die Sitzplätze in der Halle. Die Hälfte der Gefallenen erwählt jeden Tag sie; die andere Hälfte ist Odins." Überdies legt die Syntax der Strophe nahe, dass Freyja die erste Wahl trifft. Das Reich Fólkvangr („Wiese des Heeres/Volkes") der großen Göttin aus dem Geschlecht der Vanir birgt in sich die weite und schöne Halle namens Sessrúmnir („die Sitzreiche"). Diese Anteilsteilung zeigt, dass Freyja nicht nur Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, sondern zugleich eine mit Krieg, Seiðr-Zauber und Tod verbundene Herrschermacht ist. Dass in der Egils saga Þorgerðr, die aus Kummer zu sterben beschließt, sagt „Ich werde keinen Bissen zu mir nehmen, bis ich bei Freyja zu Abend esse", ist die Spur in der Saga-Literatur dafür, dass der Tod als Gehen zur Göttin vorgestellt wurde.
Die akademische Deutung hat diese Strophe in verschiedene Richtungen gezogen. Rudolf Simek meint, Odin und Freyja erwählten in Wahrheit vielleicht gemeinsam aus demselben Kriegerpool; John Lindow liest Fólkvangr als einen zu Valhöll parallelen, alternativen Ort, der einherjar bereithält; andere Forscher deuten die Strophe als Teilung der Entscheidungsbefugnis über den Tod (zwischen dem Dís-Walküre-Norn-Komplex und Odin). Dass der Name Sessrúmnir auch als Schiffsname vorkommt, hat manche Forscher dazu geführt, eine symbolische Verbindung zwischen Freyjas Halle und der Tradition des Schiffsgrabes herzustellen — das Bild des „Schiffs auf der Wiese" ruft die Gräberfelder mit Steinschiff-Setzungen ins Gedächtnis. Sicher ist: In der nordischen Vorstellung ist die Herrin der Toten nicht allein Hel, der Herr der Kriegsgefallenen nicht allein Odin; die Geographie ist die Landkarte der Teilung der göttlichen Funktionen.
Hel: Kein Strafort, sondern ein neutrales Totenreich
Der verbreitetste moderne Irrtum ist, das Reich Hel für das nordische Pendant der christlichen Hölle zu halten. Dem Ursprung nach ist hel ein Wort, das „verdeckter/verborgener Ort" bedeutet, und heißt in den germanischen Sprachen „Grab, Totenreich"; das englische Wort hell entstand nach der Christianisierung, indem dieses alte Wort dem neuen Begriff übergestülpt wurde — die Richtung der Entlehnung ist also das Gegenteil dessen, was angenommen wird. In den Quellen ist Hel vor allem der Ort, wohin die an Krankheit, Alter, Unfall — das heißt „auf dem Strohlager" (strádauði) — Gestorbenen gehen, und er ist kein Straf-Ort. Dort führen die Toten eine schattenhafte Fortsetzung ihres Lebens. Der gewisseste Beweis dafür ist, dass der geliebteste der Götter, Baldr, als er starb, nach Hel ging und dort als Ehrengast empfangen wurde: Als Hermóðr mit Sleipnir neun Nächte durch dunkle Täler ritt und nach einem Gespräch mit der Wächterin Móðguðr an der goldgedeckten Brücke Gjallarbrú nach Hel gelangte, fand er Baldr im Ehrensitz der Halle sitzend. Dass der lichte Gott, der keine Sünde hatte, in eine „Hölle" gesandt würde, war undenkbar; nimmt man an, dass Hel ein neutrales Totenreich ist, fügt sich die Erzählung an ihren Platz.
Auch die Herrscherin des Reiches trägt denselben Namen: Hel, die Tochter Lokis und der Riesin Angrboða, ist in Snorris Schilderung zur einen Hälfte hautfarben, zur anderen blauschwarz — die Vereinigung von Leben und Tod in einem Leib. Odin hat sie nach Niflheim versetzt und über die Toten der neun Welten Gewalt verliehen; sie herrscht in ihrer eigenen Halle Éljúðnir. Die von Snorri gegebenen allegorischen Details — dass ihr Teller „Hunger", ihr Messer „Mangel", ihre Schwelle „Sturzgefahr" heißt — sind höchstwahrscheinlich sein literarisch-systematisierender Beitrag; diese düsteren Allegorien scheinen einer älteren und neutraleren Vorstellung eines „Totenhauses" übergestülpt zu sein. Hel ist düster, ja — ein kaltes, nebliges Land ohne Wiederkehr; doch es gibt keine Folter, keinen Richter, keine Flamme. Die Quellen deuten überdies an, dass auch Hel geschichtet ist: In der Vafþrúðnismál sagt der weise Riese, er habe „die neun Welten unter Niflhel" gesehen und die Menschen „stürben aus Hel dorthin" — ein zweiter Tod jenseits des Todes, ein tieferer Schatten des Schattens. Snorri moralisiert diese Schichtung und schreibt, die Bösen stiegen nach Niflhel hinab; doch das Tableau in der poetischen Quelle gleicht weniger einem Gericht als einer Tiefenstufung und widersetzt sich der genauen Systematisierung. Da die Todesart zugrunde gelegt wird, ist der sittliche Leumund nicht ausschlaggebend: Stirbt ein tapferer Bauer in seinem Bett, mag er nach Hel gehen, fällt ein grausamer Krieger durch das Schwert, nach Walhall. Dies ist für den an Lohn-Strafe-Systeme gewöhnten modernen Leser der erstaunlichste, für die vergleichende Religionsgeschichte aber der lehrreichste Punkt: Wie das Staubland kur Mesopotamiens und der Schattenhades Homers ist auch Hel die Geographie nicht des sittlichen Gerichts, sondern des Todes selbst; es gehört zur selben Familie wie das „Staubhaus", das der Held des Gilgamesch-Epos mit Schrecken erblickt.
Náströnd: Das ausnahmsweise Strafgestade
Die einzige deutliche Ausnahme im neutralen Tableau ist das von der Völuspá und der Gylfaginning genannte Náströnd („Gestade der Leichen"). In dieser Halle, deren Tor nach Norden weist und deren Wände aus ineinander geflochtenen Schlangenleibern gemacht sind, fließt das Gift der Schlangen wie ein Strom, und darin schreiten Eidbrecher, Mörder und die, die die Frau eines anderen verführen; der Drache Níðhöggr saugt dort die Leichen aus. Bemerkenswert ist die Auswahl der bestraften Verbrechen: Den Eid zu brechen und Verwandtenblut zu vergießen sind Verbrechen, die gegen die existentiellen Grundlagen einer Gesellschaft ohne geschriebenes Gesetz — gegen das Wort und das Blut — gerichtet sind. Náströnd ist keine universale Sündenabrechnung, sondern eine enge Fluchregion, vorbehalten denen, die die heiligen Pfeiler des gesellschaftlichen Daseins niederreißen. Viele Forscher meinen, diese Strophen mögen mit christlichen Höllenbildern eingefärbt sein, doch die Eid- und Verwandtschaftsethik spiegele den heidnischen Kern. So ist in der nordischen Jenseitsgeographie die Sitte nicht völlig abwesend; doch nur die Verletzung der minimalen, die Gesellschaft tragenden Heiligtümer findet im Jenseits eine Entsprechung.
Rán und die im Meer Gestorbenen
In der Jenseitskarte einer Seefahrerkultur ist es natürlich, dass das Meer ein eigener Bereich ist. Die durch Ertrinken Gestorbenen gehen zur Göttin Rán, der Gattin des Meerriesen Ægir: Rán, deren Name an „Raub/Plünderung" anklingt, fängt die Seefahrer mit ihrem Netz und führt sie in ihre Unterwasserhalle. Ihre neun Töchter sind die personifizierten Gestalten der Wogen. Die Saga-Literatur zeigt das gelebte Antlitz dieses Glaubens: In der Friðþjófs saga verteilt der vom Sturm überraschte Held Gold an seine Männer, damit sie nicht mit leeren Händen in Ráns Halle kommen — der Gedanke, „beladen" ins Totenreich zu gehen, ist das seefahrerische Pendant der Grabbeigaben-Tradition. In der Eyrbyggja saga aber gilt es, dass die Ertrunkenen bei ihrem eigenen Leichenschmaus klatschnass erscheinen, als Zeichen, dass sie von Rán gut empfangen wurden, und die Trauer mildert sich mit einem seltsamen Trost. Der Rán-Mythos zeigt das nordische Geographieprinzip in seiner reinsten Gestalt: Wo und wie du stirbst, bestimmt, wem du gehörst. Aus vergleichender Sicht ist die strukturelle Ähnlichkeit mit der Meeresherrin Sedna der Inuit-Tradition bemerkenswert: Beide sind weibliche Herrscherinnen, die auf dem Meeresgrund sitzen, sich das vom Meer Genommene aneignen und die rituelle Achtung des Seefahrervolkes verlangen.
Schiffsgräber, Hügel und das archäologische Zeugnis
Die von den schriftlichen Quellen gezeichnete Karte bestätigt und verkompliziert zugleich, was aus der Erde kommt. Die prächtigsten Todesdenkmäler des wikingerzeitlichen Skandinaviens sind die Schiffsgräber: das Oseberg-Schiff, in dem um 834 zwei Frauen (eine vermutlich Königin oder Hohepriesterin) mit prachtvollen Beigaben bestattet wurden, die Schiffe von Gokstad und Tune, in der angelsächsischen Welt Sutton Hoo. Im Schiff bestattet zu werden — oder wie in Lindholm Høje in Gräbern beigesetzt zu werden, die aus Steinen in Schiffsform gesetzt sind — ist die in Stein und Holz geschriebene Gestalt der Vorstellung, dass der Tod eine Reise ist. Ibn Fadlâns Zeugnis aus dem Jahr 921-922 gibt die ethnographische Aufzeichnung dieser Zeremonie: Am Wolgaufer wird ein Rus-Häuptling in sein Schiff gelegt, Opfer werden geschlachtet und das Schiff in Brand gesteckt; ein an der Zeremonie teilnehmender Mann erklärt dem Reisenden den Grund, warum sie ihre Toten verbrennen, mit Worten wie „damit der Geliebte im Nu ins Paradies eingeht", und fügt lachend hinzu: Dass der Wind die Flamme peitscht, ist ein Zeichen, dass der Herr rasch aufgenommen wird. Selbst der Unterschied zwischen Verbrennen und Bestatten ist theologisch: Snorri überliefert in der Ynglinga saga eine Unterscheidung, der zufolge die Verbrannten an Odin, die im Hügel Bestatteten an die Fruchtbarkeitsordnung gebunden sind.
Die Hügelbestattung öffnet eine dritte Jenseitsschicht: den Glauben, dass der Tote in seinem Grab „weiterlebt". Der haugbúi (Hügelbewohner) der Saga-Literatur ist der Tote, der mit den ihm ins Grab gelegten Gegenständen sitzt, manchmal singt, manchmal mit dem Grabräuber ringt. Die Familie des Þórólfr Mostrarskegg in der Eyrbyggja saga glaubt, dass sie in den Hügel namens Helgafell („Heiliger Berg") „hineinsterben"; als der Sohn Þorsteinn ertrinkt, sieht ein Hirte, wie sich die Bergflanke öffnet, wie drinnen Feuer brennen und wie Þorsteinn an der Tafel empfangen wird. Das Sterben in den Berg ist der lokale und innige Ausdruck des Eintritts in die Ahnengemeinschaft — weder der Prunk Walhalls noch der Nebel Hels; der Berg der Familie. All diese Schichten decken sich mit dem in der Akte schamanische Totenrituale behandelten universalen Muster: Der Tod ist eine Reise, der Reisende muss ausgestattet werden, und der Tote muss mit dem richtigen Ritual an die richtige „Adresse" geleitet werden.
Draugr und die ruhelosen Toten
Das dunkle Antlitz der Vorstellung des im Hügel weiterlebenden Toten ist die Gestalt des draugr (Wiedergänger, Grabbewohner; aptrgangr, „der Zurückgehende") der Saga-Literatur. Der draugr ist kein geistiges Gespenst, sondern der wiederbelebte Leib selbst: Er ist schwer, bricht Türen, zermalmt Tiere und Menschen, muss im Ringkampf besiegt werden. Das berühmte Glámr-Kapitel der Grettis saga ist das Meisterwerk der Gattung: Der unselige Hirte Glámr, der in der Neujahrsnacht stirbt und nicht bestattet werden kann, wird zum Albtraum der Gegend; der Held Grettir ringt mit ihm in der Halle, schlägt ihm den Kopf ab — doch der Fluch, den Glámr vor seinem Tod aussprach, indem er ihm in die Augen sah, verdüstert Grettirs Glück sein Leben lang. Im Kapitel der Wunder von Fróðá in der Eyrbyggja saga aber setzt sich eine Gruppe Toter, ertrunken und an Krankheit gestorben, jeden Abend an den Herd des Hofes; schließlich wird gegen die Toten ein ordnungsgemäßes Türgericht eingerichtet, und die einer nach dem anderen zum „Verlassen des Hauses" Verurteilten gehen, als sie das Urteil hören, murrend davon. Diese Szenen lehren zweierlei: Erstens, dass in der nordischen Todesvorstellung das Band zwischen dem Leib und dem Toten-Wesen nicht reißt — darum ist das Mittel gegen den ruhelosen Toten leiblich (ihm den Kopf abschlagen, ihn verbrennen, seine Asche ins Meer streuen) oder rechtlich (ein Gericht!); zweitens, dass der nicht mit dem richtigen Ritual geleitete oder schlecht gelebt habende Tote eine fortbestehende Bedrohung für die Gemeinschaft ist. Die Sorgfalt der Totenbestattungsrituale ist die Spiegelung dieses Glaubens in der Praxis; die strukturelle Parallele zu der in den schamanischen Totenritualen herrschenden Sorge, „den Toten auf den rechten Weg zu bringen", ist deutlich.
Pluralistisches Seelenverständnis: fylgja, hamingja, hugr
Die Vielheit der Jenseitsgeographie muss zusammen mit der Vielheit des nordischen Seelenverständnisses gedacht werden. Statt einer einzigen und unteilbaren „Seele" erkennen die Quellen mehrere geistige Bestandteile der Persönlichkeit: Hugr, Gedanke-Wille-Geist; fylgja („die Folgende"), ein die Person begleitendes, meist in Tiergestalt erscheinendes und bei nahendem Tod sichtbar werdendes Begleitwesen; hamingja, eine von Geschlecht zu Geschlecht übertragbare personifizierte Glücks-Kraft; hamr, die „Leibeshülle", die die Gestaltwandler benutzen. Dieser plurale Aufbau bereitet den Boden für eine Vorstellung, in der nach dem Tod verschiedene Bestandteile verschiedenen Schicksalen folgen können — der sichtbare Widerspruch zwischen dem im Hügel sitzenden Leib und dem in Walhall trinkenden Krieger mildert sich mit dem pluralen Seelenmodell. Die Wiedergeburts-Andeutungen in der heroischen Dichtung (die Notiz am Ende der Helgi-Lieder, „einst glaubte man, dass die Menschen wiedergeboren würden") erweitern dieses Spektrum bis an ein Ende. Im vergleichenden Rahmen erinnert diese Vielheit an die Ka-Ba-Ach-Unterscheidung Ägyptens und an die mehrteiligen Seelenmodelle in der Debatte über die Unsterblichkeit der Seele; die nordische Akte des Begriffs Jenseitsleib ist ein starker Beweis dafür, dass die einförmige Seele-Leib-Zweiheit nicht universal ist.
Vergleichende Perspektive: Vielschichtige Jenseitsgeographien
Die strukturelle Eigenart der nordischen Karte wird deutlich, wenn man sie in die Vergleichstabelle stellt. Zwischen den Modellen, die die Toten an einem einzigen Ort versammeln (das kur des frühen Mesopotamien, der Hades Homers), und denen, die nach sittlichem Gericht scheiden (die Herzwaage im Duat Ägyptens, die Činvat-Brücke des Zoroastrismus, die Himmel-Hölle-Systeme), vertritt das nordische Modell ein drittes Prinzip: Teilung nach Todesart und gesellschaftlicher Funktion. Der Krieger geht zu Odin und Freyja, der Ertrunkene zu Rán, der Kranke und Alte zu Hel, der Familienälteste zum Ahnenberg; das Gericht tritt nur für Eidbrecher und Mörder (Náströnd) in Kraft. Die geschichtete Himmels- und Unterweltvorstellung der altaischen Tradition und das schamanische Drei-Welten-Modell zeigen die Verbreitung des Gedankens, dass „die Toten sich auf verschiedene Bereiche verteilen", in Eurasien; die keltische Anderswelt aber (Tír na nÓg, Mag Mell) nähert die geographische Vielheit mit ihrem straffrei-neutralen Ton dem nordischen Modell an. Die Bardo-Lehre des Tibetischen Totenbuchs bildet einen vierten Typ, indem sie das Nachtod weniger als Ort denn als Prozess errichtet. Die folgende Tabelle vergleicht die wichtigsten Modelle auf neutral-struktureller Ebene:
| Tradition | Teilungsprinzip | Neutraler Bereich | Erwählter Bereich | Strafbereich |
|---|---|---|---|---|
| Nordisch | Todesart + gesellschaftliche Funktion | Hel (Kranken-/Alterstote) | Walhall und Fólkvangr (Kriegstote), Ahnenhügel | Nur Náströnd (Eidbrecher, Mörder) |
| Homerisch-Griechisch | Allgemeine Sammlung; ausnahmsweise Begünstigung/Fluch | Hades (Schatten) | Elysion (erwählte Minderheit) | Tartaros (Aufruhr gegen die Götter) |
| Mesopotamisch | Allgemeine Sammlung; Bestattungsritual bestimmt den Komfort | Kur (Staubland) | — | — (der ritualllose Tote ist ruhelos) |
| Ägyptisch | Sittliches Gericht (Herzwaage) | — | Binsengefilde (die Gerechtfertigten) | Das Verschlingen durch Ammit (Auslöschung) |
| Zoroastrisch | Sittliches Gericht (Činvat-Brücke) | Hamēstagān (die im Gleichgewicht Befindlichen) | Paradies (Garōdmān) | Hölle (zeitweilig, bis zu Frashokereti) |
Auch auf der Ebene der begleitenden Gestalten gibt es fruchtbare Parallelen: Die Walküre, die den Toten ins Jenseits führt, ist der Funktion nach die ferne Verwandte des Seelenführers (Psychopompos) Hermes in der griechischen Tradition und des weiblichen Wesens, das in der zoroastrischen Erzählung an der Brücke die Seele empfängt — der daēnā, der Gestalt der eigenen Taten der Person; doch in der nordischen Version ist die Führerin kein sittlicher Spiegel, sondern die erwählende Hand des herrschenden Willens. Selbst dieser Unterschied spiegelt den Achsenunterschied der beiden Systeme: Im einen ist das Nachtod der Spiegel des Gewissens, im anderen die Landkarte des Schicksals und der Zugehörigkeit. Die Tabelle macht überdies einen häufigen Fehler sichtbar: Das nordische Modell als „Paradies=Walhall, Hölle=Hel" zu lesen, heißt, ihm eine ihm fremde Gerichtsachse aufzuzwingen. Das Modell ist nicht auf der Lohn-Strafe-Achse, sondern auf der Achse von Zugehörigkeit und Funktion errichtet; dieser strukturelle Unterschied ist mit Achtung zu vermerken, und kein Modell ist als verdorbene Kopie eines anderen anzusehen.
Symbolisch-archetypische Bewertung
Aus der Sicht der Religionsphänomenologie zeigt die nordische Jenseitsgeographie einige tiefe Muster. Das erste ist das Begreifen des Todes als Kontinuität: Der im Hügel sitzende Ahn, der auf dem Berg an die Tafel gebetene Sohn, der in der Halle trinkende Krieger — alle sind die Fortsetzung des Lebens in einem anderen Modus; es gibt keinen absoluten Bruch. Das zweite ist der Archetypus von Reise und Ausstattung: Schiff, Pferd, Gold, Waffe — der Tote wird wie ein Reisender ausgestattet; dies ist die institutionalisierte Form der Logik der schamanischen Geleitung. Das dritte ist das Erwählungs-Motiv: Die Wahl der Walküre verwandelt den Tod aus einem sinnlosen Unfall in einen schicksalhaften Ruf; dies ist der psychologische Mechanismus der Verwandlung der Todesfurcht in eine kriegerische Sittlichkeit. Das vierte ist die Sichtbarkeit der weiblichen Herrschaft: Freyja, Hel, Rán — die drei großen Bereiche der Geographie liegen in den Händen weiblicher Herrscherinnen; die der Erde, dem Meer und der Wiedergeburt zugewandten Antlitze des Todes sind mit archaischer weiblicher Heiligkeit durchwoben. Wie in der Persephone der griechischen Mysterientraditionen ist die Herrin des Totenreichs zugleich auch die Wächterin des Lebenskreislaufs. Schließlich zeigt der tägliche Tod-Auferstehungs-Kreislauf der einherjar eine Vorstellung, in der selbst der Tod zyklisiert wird — der Vernichtungs-Erneuerungs-Rhythmus Ragnaröks hat bis ins tägliche Ritual der Jenseitsgeographie hineingewirkt.
Fazit
Die nordische Jenseitsvorstellung ist kein Jenseits mit einem einzigen Tor, sondern eine Geographie mit vielen Toren: Odins Halle mit dem Speerdach, Freyjas Wiese, Hels nebliges Land, Ráns Unterwassertafel, der Hügel und der Berg der Ahnen. Die Logik dieser Vielheit ist nicht Lohn-Strafe, sondern Todesart, gesellschaftliche Funktion und Zugehörigkeit; das sittliche Gericht tritt nur für die, die die heiligen Grundlagen der Gesellschaft niederreißen, an einem engen Gestade (Náströnd) in Erscheinung. Die zwei verbreitetsten modernen Fehler — Walhall für das „nordische Paradies", Hel für die „nordische Hölle" zu halten — machen diesen Aufbau unsichtbar; dabei zeigen Baldrs ehrenvoller Empfang in Hel und die Vorbereitung der einherjar auf eine Schlacht, die verloren wird, dass das System auf einer ganz anderen Achse errichtet ist. Innerhalb der großen Erzählung, die von der Kosmogonie bis zur Eschatologie reicht, steht die Jenseitsgeographie als die Landkarte der vielstimmigen Beziehung, die der Mensch in einer vom Schicksal umfangenen Welt zum Tod herstellt; ihr Vergleich mit gerichtszentrierten Systemen wie Frashokereti aber ist eine der besten Lektionen, die lehren, dass die Idee des „Jenseits" nicht in eine einzige universale Form passt.