Der Werwolf: Lykanthropie und die Tiergestalt des Menschen
Der Werwolf (Lykanthrop) ist der Mensch, der zum Wolf wird — die berühmteste Gestalt der Therianthropie. Die Notiz erzählt ihre Mythen: den arkadischen König Lykaon, den Zeus zur Strafe in einen Wolf verwandelt, und den Wolfskult des Berges Lykaion; die nordischen Wolfskrieger (Úlfheðnar) und die verzauberten Wolfsbälge der Völsunga-Saga; den römischen „Hautwender" des Petronius und den sanften Bisclavret der Marie de France; die Werwolf-Prozesse der frühen Neuzeit um Peter Stumpp und Gilles Garnier mit Wolfsgürtel und Hexensalbe — und stellt den Werwolf vergleichend neben Rakshasa und andere Gestaltwandler, die schamanische Tierverwandlung und den mesoamerikanischen Nagual sowie den Navajo-Skinwalker.
Definition
Als Werwolf (auch Lykanthrop; von griechisch lýkos „Wolf" und ánthrōpos „Mensch") bezeichnet man einen Menschen, der sich — durch Fluch, Zauber, Erbe, Krankheit oder eigenen Willen — vorübergehend oder dauernd in einen Wolf oder ein wolfsartiges Mischwesen verwandelt und in dieser Gestalt die mörderische, raubtierhafte Natur des Tieres annimmt. Der Werwolf ist damit der bekannteste Sonderfall eines viel weiteren Phänomens: der Therianthropie, der Verwandlung des Menschen in ein Tier überhaupt (von griechisch thēríon „wildes Tier"). Wo die Therianthropie weltweit Bären, Tiger, Leoparden, Hyänen, Jaguare, Füchse und Schlangen kennt, hat sich im europäischen Raum gerade der Wolf als die furchtbarste, weil dem menschlichen Lebensraum nächste und gefährlichste Raubtiergestalt in den Vordergrund gedrängt.
Das deutsche Wort Werwolf selbst trägt diese Doppelnatur bereits in sich. Sein erster Bestandteil, wer-, ist ein uraltes germanisches Wort für „Mann, Mensch" (verwandt mit lateinisch vir und erhalten noch in „Wergeld", dem Sühnegeld für einen erschlagenen Mann); der zweite ist schlicht der Wolf. Der „Werwolf" ist also wörtlich der Mann-Wolf — das Wesen, in dem Mensch und Wolf eins werden. Die Römer nannten dasselbe Geschöpf versipellis, den „Hautwender" oder „Fellwechsler" — ein Bild, in dem die ganze Vorstellung steckt, der Mensch lege seine eigene Haut ab und eine fremde, tierische an. Aus eben diesem versipellis leiten sich die englischen Ausdrücke turnskin und turncoat ab.
Der Werwolfglaube berührt eine der ältesten und beunruhigendsten Fragen des Menschen: Wo verläuft die Grenze zwischen Mensch und Tier — und wie fest ist sie? Der Werwolf ist die Verkörperung des Verdachts, dass diese Grenze durchlässig sei, dass unter der dünnen Decke von Vernunft, Sprache und Sitte ein reißendes Tier lauere, das jederzeit hervorbrechen kann. Eben darum ist er weniger ein Fabelwesen als ein Spiegel: in ihm schaut der Mensch auf seine eigene wilde, triebhafte, „schattenhafte" Hälfte.
Diese Notiz erzählt zuerst die großen Mythen und Geschichten des Werwolfs — den arkadischen König Lykaon und den Wolfskult des Berges Lykaion, die nordischen Wolfskrieger und die verzauberten Felle der Helden, den römischen Hautwender und den sanften Werwolf des Mittelalters, schließlich die grausamen Werwolf-Prozesse der frühen Neuzeit und die Bräuche der Verwandlung. Dann stellt sie den Werwolf vergleichend neben verwandte Gestaltwandler anderer Traditionen: die hinduistischen Rakshasa und andere Verwandlungswesen, die schamanische Tierverwandlung und den mesoamerikanischen Nagual, sowie den Navajo-Skinwalker. Sie dokumentiert, sie wertet nicht; ob es Werwölfe „gibt", ist nicht ihre Frage, sondern wie verschiedene Kulturen die Erfahrung des Tierischen im Menschen gedeutet haben.
Herkunft und Quellen: Vom Wolfskult zur Krankheit der Seele
Der Werwolfglaube ist außerordentlich alt und außerordentlich weit verbreitet. Schon das Gilgamesch-Epos (2. Jahrtausend v. Chr.) spielt darauf an, wenn Gilgamesch der Göttin Ischtar vorwirft, sie habe einen ihrer Liebhaber, einen Hirten, in einen Wolf verwandelt, sodass ihn nun seine eigenen Hunde jagten. Die Wurzeln liegen jedoch tiefer, in zwei verschiedenen Quellgründen, die sich erst im Lauf der Jahrhunderte verflechten.
Der eine Quellgrund ist kultisch-mythologisch. In vielen indoeuropäischen Kulturen war der Wolf das Tier des Kriegers, des Gesetzlosen und des Toten. Junge Männer, die in den Krieg zogen oder eine Zeit als Geächtete außerhalb der Gemeinschaft verbringen mussten, wurden symbolisch zu „Wölfen": Das altnordische Wort vargr bedeutet zugleich „Wolf" und „Geächteter, Verbrecher", und der Verbannte hieß im germanischen Recht wargus — er war „vogelfrei" wie ein Wolf, den jeder erschlagen durfte. Aus diesem Bündel von Kriegerwölfen, Männerbünden und Initiationsriten erwuchsen die Gestalten der nordischen Wolfskrieger ebenso wie der Verdacht, ganze Menschengruppen könnten zeitweise Wölfe werden.
Der andere Quellgrund ist medizinisch-psychologisch. Schon die antike Heilkunde kannte die Lykanthropie nicht nur als Verwandlungsmythos, sondern als Krankheit. Der griechische Arzt Marcellus von Side (2. Jh. n. Chr.) verfasste eine Schrift Über die Lykanthropie und beschrieb Kranke, die bei Nacht hinausgehen, das Heulen von Wölfen und Hunden nachahmen und sich bis zum Morgengrauen auf Friedhöfen und an Gräbern herumtreiben. Der spätantike Arzt Paulus von Aigina (7. Jh.) führte dieses Verhalten auf die Melancholie zurück, auf ein Übermaß der „schwarzen Galle", und empfahl Aderlass und Reinigungskuren — eine Deutung, die den Werwolf nicht in der Welt der Dämonen, sondern im kranken Leib und Gemüt verortete. Diese „klinische Lykanthropie" ist bis heute als seltenes psychiatrisches Syndrom beschrieben: der Wahn eines Menschen, er habe sich in ein Tier verwandelt oder sei eines.
Aus dem Zusammenfluss dieser Stränge — des kriegerischen Wolfsmythos, des volkstümlichen Verwandlungsglaubens und der medizinischen Krankheitslehre — speist sich die ganze spätere Geschichte des Werwolfs. Der antike Mythos liefert die Erzählungen, der Volksglaube die Verwandlungsbräuche, und die Theologie der frühen Neuzeit verbindet beides mit dem Hexenglauben zu jener tödlichen Mischung, die in den Werwolf-Prozessen kulminiert. Die wichtigsten literarischen Quellen sind Ovids Metamorphosen (die den Lykaon-Mythos kanonisch fassen), Petronius' Satyricon (die früheste ausführliche Werwolfgeschichte der Antike), die altnordische Edda und die Völsunga-Saga, die mittelalterlichen Verwandlungs-Verserzählungen wie der Bisclavret der Marie de France sowie die gedruckten Flugschriften und Prozessakten des 16. und 17. Jahrhunderts.
Mythen, Legenden und Geschichten
Das Wesen des Werwolfs erschließt sich, wie das aller Geistgestalten, weniger über Definitionen als über die Geschichten, die man sich erzählt. Fünf Erzählkreise ragen heraus: der griechische Ursprungsmythos um Lykaon, die nordischen Wolfskrieger und verzauberten Felle, die antiken und mittelalterlichen Verwandlungsgeschichten, die Werwolf-Prozesse der frühen Neuzeit und die volkstümlichen Bräuche der Verwandlung.
Lykaon und der Ursprung des Wortes
Am Anfang steht eine griechische Geschichte von Frevel und Strafe — und ihr verdankt die ganze westliche Werwolf-Tradition ihren Namen. Lykaon war ein König von Arkadien, jener wilden, bergigen Landschaft im Innern der Peloponnes, deren Name in der antiken Vorstellung für unberührte Hirtenwildnis stand. In der berühmtesten Fassung, die Ovid im ersten Buch der Metamorphosen erzählt, steigt Zeus, der höchste Gott, in Menschengestalt zur Erde herab, weil ihn Gerüchte von der Ruchlosigkeit der Menschen erreicht haben. Beim König Lykaon kehrt er ein. Statt dem Gott die schuldige Gastfreundschaft und Ehrfurcht zu erweisen, beschließt Lykaon, ihn auf die Probe zu stellen: Er will herausfinden, ob sein Gast wirklich ein Gott und allwissend sei. Zu diesem Zweck begeht er eine ungeheuerliche Tat — er tötet einen Menschen (in den meisten Versionen einen Geisel oder gar seinen eigenen Sohn Nyktimos), kocht dessen Fleisch und setzt es dem Gott zum Mahl vor.
Zeus aber lässt sich nicht täuschen. In gewaltigem Zorn schleudert er das frevelhafte Mahl zu Boden, stürzt mit dem Blitz das Haus zusammen und verhängt über Lykaon die Strafe, die zur Mutter aller Werwolf-Erzählungen wurde. Ovid schildert die Verwandlung mit eindringlichen Bildern: Der König flieht entsetzt aufs Land hinaus; sein Schrei wird zum Heulen; seine Kleider werden zu zottigem Fell; die Arme zu Vorderläufen. Er wird zum Wolf — und doch bewahrt er, so betont Ovid, die Züge seines früheren Selbst: dieselbe graue Wildheit, denselben gierig funkelnden Blick, dieselbe blutdürstige Wut. Aus dem Tyrannen, der heimlich vom Menschenblut gekostet hatte, wird offen das Tier, das er im Innern längst war. Die Pointe ist sittlich scharf: Die Verwandlung deckt nicht zu, sie deckt auf; die Tiergestalt ist die sichtbar gewordene Wahrheit des entmenschten Menschen.
Vom Namen dieses Königs — Lykáōn, vom Wolf (lýkos) — leitet sich der Begriff Lykanthropie ab. Hinter dem Mythos aber steht ein realer Kult. Auf dem Berg Lykaion in Arkadien wurde Zeus Lykaios, der „wölfische Zeus", verehrt, und an seinen geheimnisvollen Riten hängt eine noch ältere, dunklere Überlieferung. Nach einem Bericht, den Platon in der Politeia andeutet und den Pausanias, Plinius und Augustinus ausschmücken, versammelte sich dort eine bestimmte Sippe alle neun Jahre zu einem Opfer; unter das Fleisch der geopferten Tiere wurde heimlich ein einziges Stück Menschenfleisch gemischt. Wer von diesem Bissen aß, so hieß es, verwandelte sich in einen Wolf und musste neun Jahre lang als Wolf leben; kostete er in dieser Zeit kein Menschenfleisch, durfte er nach Ablauf der Frist wieder Mensch werden — andernfalls blieb er für immer Tier. Pausanias berichtet sogar von einem arkadischen Boxer namens Damarchos, der bei diesem Opfer zum Wolf geworden und erst im neunten Jahr wieder Mensch geworden sei, um danach noch einen Sieg bei den Olympischen Spielen zu erringen — wobei Pausanias redlich hinzufügt, dass die Siegerinschrift des Mannes in Olympia von einer solchen Verwandlung nichts vermelde. In diesem Kult verschmelzen die beiden Urthemen: der Tabubruch des Menschenfressens und die Verwandlung in den Wolf als seine Folge und Strafe.
Die Wolfskrieger des Nordens: Úlfheðnar und Berserker
Eine ganz andere Färbung trägt die Werwolf-Vorstellung im germanischen Norden. Hier ist das Wolfwerden nicht in erster Linie Fluch und Strafe, sondern Kraft, Raserei und Krieg. Die altnordische Überlieferung kennt neben den berühmten Berserkern — den „Bärenhemden" oder „Bärenhäutern", die in tierhafter Kampfwut (berserksgangr) fochten — die Úlfheðnar, wörtlich die „Wolfshäute" oder „Wolfsröcke" (von úlfr „Wolf" und heðinn „Fellrock"). Es waren Krieger, die in Wolfsfelle gehüllt in die Schlacht zogen, im Kampf heulten und tobten wie Wölfe und sich nach dem Glauben ihrer Zeit selbst in die Natur des Tieres versetzten. Eine skaldische Strophe aus dem 9. Jahrhundert, die die Schlacht am Hafrsfjord besingt, beschreibt die Krieger des Königs Harald, wie sie „in Wolfshäuten heulend" ins Gefecht stürmten. Diese Wolfskrieger galten als dem Gott Odin geweiht, dem Herrn der Ekstase und des Kampfes, dem zwei Wölfe, Geri und Freki, zur Seite stehen. (Zum Götterkosmos, in den sie gehören, siehe die nordisch-germanische Mythologie und die Æsir und Vanir.)
Der Übergang vom kriegerischen Fellträger zum „echten" Werwolf ist in den Sagas fließend, denn das Tragen des Tierfells ist mehr als Verkleidung: Es verändert nach nordischem Glauben das Wesen. Hier greift der vielsagende altnordische Begriff der hamr — der „Hülle", „Gestalt" oder „Seelenhaut" eines Menschen, die sich vom Leib lösen und eine andere, tierische Form annehmen kann. Wer diese Fähigkeit besaß, hieß hamrammr, „gestaltstark", oder eigi einhamr, „nicht von einer einzigen Gestalt". In diesem Konzept berührt sich der nordische Werwolf eng mit dem Schamanismus des Nordens, der Zauberpraxis des Seiðr: Die Verwandlung ist hier eine Spielart der ekstatischen Gestaltwandlung, bei der die Seele die Tiergestalt anlegt.
Sigmund und Sinfjötli: Die verfluchten Wolfsbälge der Völsunga-Saga
Die eindrücklichste nordische Werwolf-Geschichte steht in der Völsunga-Saga (13. Jh.), der großen Heldensaga, die auch die Edda-Lieder und das Nibelungenlied speist. Sie erzählt von Sigmund und seinem Sohn Sinfjötli, die als Geächtete im Wald leben und sich an ihren Feinden rächen wollen. Eines Tages stoßen die beiden in einem Haus auf zwei schlafende Männer und über ihnen, an der Wand hängend, zwei Wolfsfelle: Es sind verwunschene Königssöhne, die nur jeden zehnten Tag die Felle ablegen und Menschen sein dürfen. Sigmund und Sinfjötli legen die Bälge an — und können sie nun nicht mehr abstreifen. Sie sind zu Wölfen geworden: Sie verständigen sich durch Wolfsgeheul, durchstreifen die Wälder und reißen jeden, der ihnen begegnet.
Die Saga zeigt mit grausamer Klarheit, wie die Tiergestalt die menschliche Vernunft überwältigt. Die beiden vereinbaren, einander zu Hilfe zu rufen, wenn mehr als sieben Gegner kommen; doch als Sinfjötli übermütig allein elf Männer erschlägt und sich seines Sieges rühmt, fällt der vom Wolfsblut ergriffene Vater den eigenen Sohn an und beißt ihm in die Kehle, sodass dieser wie tot niedersinkt. Erst durch ein glückliches Zeichen — Sigmund sieht zwei Wiesel, von denen das eine das andere in die Kehle beißt und es dann mit einem Kraut heilt — findet er das rettende Blatt und erweckt Sinfjötli wieder zum Leben. Nach zehn Tagen endlich können sie aus den verfluchten Fellen schlüpfen; sie verbrennen die Bälge sogleich, „damit sie niemandem mehr Schaden täten". In dieser Geschichte ist alles versammelt, was den nordischen Werwolf ausmacht: die Macht des Tierfells, der Verlust der menschlichen Beherrschung, die Bluttat unter Verwandten und die mühsame, nie selbstverständliche Rückkehr in die Menschengestalt.
Der Hautwender des Petronius und der sanfte Bisclavret
Aus der römischen Antike ist die schönste und vollständigste Werwolfgeschichte erhalten, und sie steht ausgerechnet in einem Roman: im Satyricon des Petronius (1. Jh. n. Chr.), im berühmten „Gastmahl des Trimalchio". Dort erzählt ein Gast namens Niceros beim Essen eine Schauergeschichte aus seiner Jugend. Er sei nachts mit einem Soldaten unterwegs gewesen, einem starken, mutigen Mann. Als sie an einem Friedhof vorbeikamen, sei der Soldat zwischen die Grabsteine getreten, habe seine Kleider abgelegt und ringsum am Boden niedergelegt — und sei dann, nachdem er ringsum gepisst hatte, zu einem Wolf geworden, der heulend in den Wald lief. Erstarrt vor Schreck sei Niceros zu den abgelegten Kleidern gegangen — doch die seien zu Stein geworden. Später erfährt er, dass in jener Nacht ein Wolf im Gehöft seiner Geliebten das Vieh gerissen habe, bis ein Knecht ihm mit dem Speer den Hals durchbohrte. Und als Niceros heimkam, fand er den Soldaten zu Hause, von einem Arzt behandelt — mit einer Wunde am Hals. Da wusste er, dass der Soldat ein versipellis, ein „Hautwender", war. Diese Geschichte enthält schon im 1. Jahrhundert fast alle klassischen Motive: das nächtliche Ablegen der Kleider, die Bindung an den Friedhof, die Wunde, die der Wolf davonträgt und die der Mensch behält, und das Wort versipellis selbst.
Ein ganz anderes, mildes Bild zeichnet das Mittelalter in der Verserzählung „Bisclavret" der Dichterin Marie de France (12. Jh.). Hier ist der Werwolf kein blutrünstiges Ungeheuer, sondern ein edler Ritter, den ein Geheimnis bedrückt: An drei Tagen jeder Woche verwandelt er sich in einen Wolf und lebt im Wald. Seine Frau erpresst ihm das Geheimnis und erfährt, dass er, um zurückzuverwandeln, seine abgelegten Kleider wiederfinden muss. Aus Abscheu (und mit einem Liebhaber im Bunde) stiehlt sie ihm die Kleider — und sperrt ihn so für immer in der Wolfsgestalt ein. Doch der Werwolf bleibt edel: Als der König ihn auf der Jagd findet, schmiegt sich das Tier zahm an seinen Steigbügel, und der König nimmt es bei Hofe auf, wo es sich sittsamer benimmt als mancher Mensch. Erst als die treulose Frau erscheint, fällt der Wolf sie an und beißt ihr die Nase ab — woran die Wahrheit ans Licht kommt. Marie de France grenzt ihren sanften Helden ausdrücklich vom gewöhnlichen, reißenden „Garwall" ab und stellt damit die tiefe Frage des ganzen Werwolf-Motivs: Macht die äußere Hülle — das Tierfell, die fehlenden Kleider — das Tier, oder bleibt der Mensch unter dem Fell ein Mensch?
Die Werwolf-Prozesse: Peter Stumpp und die Hexenangst
In der frühen Neuzeit (etwa 1450–1700) verband sich der alte Werwolfglaube mit der aufkommenden Hexenverfolgung zu einer tödlichen Lehre. Theologen und Juristen deuteten den Werwolf nun nicht mehr als bloßes Volksmärchen oder als Krankheit, sondern als Werk des Teufels: Der Werwolf war ein Mensch, der einen Pakt mit dem Satan geschlossen hatte und von diesem die Macht (oder die Einbildung) der Verwandlung erhielt. So wurde aus dem mythischen Geschöpf ein Angeklagter vor Gericht, und Hunderte von Menschen — zumeist arme Bauern, Hirten und Außenseiter — wurden unter der Folter zu „Werwölfen" gemacht und hingerichtet. Die Prozesse häuften sich besonders in Frankreich, in der Schweiz und im Heiligen Römischen Reich.
Der berüchtigtste Fall ist der des Peter Stumpp (auch Stubbe oder Stube) aus Bedburg bei Köln, hingerichtet am 31. Oktober 1589. Unter der Folter „gestand" der wohlhabende Bauer eine ganze Kette ungeheuerlicher Verbrechen: Er habe über Jahre Menschen getötet und gefressen — der Flugschrift zufolge sechzehn an der Zahl, darunter dreizehn Kinder und sogar seinen eigenen Sohn, dessen Gehirn er verzehrt habe. Den Kern des „Geständnisses" bildet ein klassisches Verwandlungsmotiv: Der Teufel habe ihm einen magischen Gürtel (einen Wolfsgürtel) geschenkt, durch den er sich in „die Gestalt eines gierigen, verschlingenden Wolfes" verwandeln könne — „stark und mächtig, mit großen Augen, die nachts wie Feuer funkelten, einem weiten Maul mit scharfen Zähnen, mächtigem Leib und gewaltigen Pranken"; legte er den Gürtel ab, kehrte er in Menschengestalt zurück. Nach dem Prozess wurde sein Hof gründlich durchsucht — doch der Gürtel fand sich nie. Die Hinrichtung war von entsetzlicher Grausamkeit, eigens darauf angelegt, abzuschrecken: Stumpp wurde aufs Rad geflochten, sein Fleisch an zehn Stellen mit glühenden Zangen gerissen, die Glieder mit der stumpfen Axt gebrochen, dann enthauptet und verbrannt; seine Tochter und seine Geliebte wurden mitverbrannt. Auf einem Pfahl wurde das Rad errichtet, darüber die hölzerne Gestalt eines Wolfes und ganz oben Stumpps abgeschlagener Kopf — ein Denkmal der Angst.
Ähnliche Fälle reihen sich an. In Dole in der Franche-Comté wurde 1573 der Einsiedler Gilles Garnier, der „loup-garou", als Werwolf bei lebendigem Leib verbrannt; über fünfzig Zeugen sagten gegen ihn aus, er habe als Wolf Kinder zerrissen und ihr Fleisch nach Hause getragen. Er berichtete, ein dunkler Mann im Wald habe ihm eine Salbe gegeben, mit der er sich verwandeln könne. Der junge Jean Grenier im Südwesten Frankreichs (1603) prahlte, er trage ein Wolfsfell und habe von einem „Herrn des Waldes" die Gabe der Verwandlung empfangen; seine Richter erkannten freilich, dass sie es mit einem geistig verwirrten Jungen zu tun hatten, und sperrten ihn statt ihn zu töten in ein Kloster — ein frühes Zeichen, dass sich die Deutung allmählich von der Dämonologie zur Krankheit zurückzuverschieben begann. In all diesen Verhören kehren dieselben erpressten Motive wieder: der Teufelspakt, das verwandelnde Mittel (Gürtel, Fell oder Salbe), das nächtliche Reißen und der Kannibalismus — die uralten Stoffe des Lykaon-Mythos, nun in die Sprache des Hexenglaubens übersetzt und mit dem Folterwerkzeug aus Menschen herausgepresst.
Verwandlungsbräuche: Gürtel, Salbe und das Ablegen der Haut
Quer durch alle diese Geschichten zieht sich die Frage nach dem Wie der Verwandlung — und der Volksglaube hat darauf eine Fülle von Antworten gegeben, die sich zu einer regelrechten „Technik" des Wolfwerdens fügen. Das verbreitetste Mittel ist der Wolfsgürtel (auch „Wolfsriemen"): ein Gürtel aus Wolfsfell oder aus Menschenhaut, oft mit einer bestimmten Zahl von Schnallen oder Knoten, dessen Anlegen den Träger in den Wolf, dessen Ablegen ihn zurückverwandelt — genau das Mittel, das Peter Stumpp zugeschrieben wurde. Daneben steht die Hexensalbe oder „Wolfssalbe", eine fettige Tinktur, mit der sich der Verwandlungswillige einreibt; die Volksmedizin und die spätere Pharmaziegeschichte haben in solchen Salben Spuren von Nachtschattengewächsen (Bilsenkraut, Tollkirsche, Stechapfel) vermutet, deren Wirkstoffe Rauschzustände, Fluggefühle und das Erleben einer Tierverwandlung hervorrufen können — ein möglicher rationaler Kern hinter dem Verwandlungserlebnis.
Weitere überlieferte Wege sind: das Anlegen eines ganzen Wolfsfells (wie bei Sigmund und den Úlfheðnar); das Trinken aus einem Wolfsfußabdruck oder aus einem verzauberten Quell; das Schlafen unter freiem Himmel zu bestimmten Nächten (besonders in den Zwölf Nächten um die Wintersonnenwende, der Zeit der Wilden Jagd, wenn die Grenzen zwischen den Welten dünn sind); das Abrollen durch das nackte Erdreich; und überall das Ablegen der Kleider — jenes uralte Motiv des Petronius und des Bisclavret, in dem die menschliche Kleidung als der eigentliche Sitz der Menschlichkeit erscheint. Zur Rückverwandlung kennt der Volksglaube ebenfalls feste Mittel: das Abnehmen des Gürtels oder Fells, das Wiederfinden der versteckten Kleider, den Anruf des Taufnamens (wer den Werwolf bei seinem Menschennamen ruft, zwingt ihn in die Menschengestalt zurück), den Wurf eines Stücks Eisen oder Stahls über ihn oder den Schlag, der ihn bluten lässt. Diese Bräuche zeigen, dass die Verwandlung im Volksglauben nie eine endgültige Wesensänderung war, sondern ein umkehrbarer Übergang — eine Haut, die man wechselt, ein Gürtel, den man löst.
Typen und Erscheinungsformen
Fasst man die weit verstreute Überlieferung zusammen, lassen sich die Werwolf-Vorstellungen nach mehreren Gesichtspunkten ordnen — und gerade die Unterschiede sind aufschlussreich, weil sie verschiedene Antworten auf die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Tier verkörpern.
Nach der Ursache der Verwandlung. Man unterscheidet den gestraften Werwolf (Lykaon, durch göttlichen Fluch), den verfluchten oder verwunschenen Werwolf (der wider Willen Verwandelte, etwa durch den Fluch eines anderen oder durch Geburt unter unglücklichen Vorzeichen), den willentlichen Werwolf (der durch Gürtel, Salbe oder Pakt die Verwandlung selbst sucht — der Typus der Hexenprozesse) und den kriegerisch-ekstatischen Werwolf (die Úlfheðnar, die das Tier als Kampfkraft anrufen). Der moderne Volksglaube fügte später den durch Biss ansteckenden Werwolf hinzu — die Vorstellung, der Biss eines Werwolfs übertrage den „Fluch" wie eine Krankheit —, doch dieses heute selbstverständliche Motiv ist überwiegend jung und stammt großenteils erst aus der Literatur und dem Film des 19. und 20. Jahrhunderts.
Nach der Gestalt. Die ältere Überlieferung kennt überwiegend die Verwandlung in einen vollständigen, gewöhnlich aussehenden Wolf (nur größer, stärker, mit feurigen Augen). Das vertraute Bild des aufrecht gehenden Mischwesens aus Mensch und Wolf — halb dies, halb das — ist erst die spätere, vor allem filmische Ausprägung.
Nach dem Sitz der Verwandlung. Eine subtile, aber wichtige Scheidung verläuft zwischen der leiblichen Verwandlung (der Mensch selbst wird körperlich zum Wolf) und der seelischen Verwandlung, bei der — wie im nordischen hamr-Glauben oder in der schamanischen Tierreise — nur die Seele die Wolfsgestalt annimmt, während der Leib wie schlafend zurückbleibt. Diese zweite Auffassung bildet die eigentliche Brücke zum Schamanismus und zur Tiefenpsychologie und steht im Zentrum der folgenden Vergleiche.
Die großen Vergleiche
Stellt man den europäischen Werwolf neben die Gestaltwandler anderer Kulturen, so zeigt sich, dass die Therianthropie — die Verwandlung des Menschen in ein Tier — ein wahrhaft weltweites Motiv ist. Fast jede Kultur kennt Wesen, in denen die Grenze zwischen Mensch und Tier durchlässig wird; nur das Tier wechselt je nach Lebensraum (Wolf in Europa, Tiger in Indien und Südostasien, Leopard und Hyäne in Afrika, Jaguar in Mesoamerika, Fuchs in Ostasien, Bär im Norden). Die Gemeinsamkeit ist real; ebenso real sind die Unterschiede, die meist an drei Bruchlinien liegen: an der Wertung der Verwandlung (Fluch und Verbrechen oder Kraft und Gabe?), am Träger (jeder Verfluchte oder nur der Eingeweihte/Hexer?) und an der Beziehung zum Heiligen (gegen die kosmische Ordnung gerichtet oder in sie eingebettet?).
Europa — Werwolf und Therianthropie
Der europäische Werwolf, wie ihn die vorangehenden Geschichten zeichnen, ist überwiegend eine negative, bedrohliche Gestalt: Verwandlung als Fluch, Strafe oder Teufelswerk, der Wolf als Inbegriff des reißenden, menschenfeindlichen Raubtiers, die Tat als Mord und Kannibalismus. Nur der nordische Wolfskrieger und der höfische Bisclavret bilden Ausnahmen, in denen das Tier als Kraft oder als bewahrte Menschlichkeit erscheint. Charakteristisch ist ferner die enge Bindung an Schuld und Sünde: Der Werwolf der frühen Neuzeit ist nicht einfach ein verwandeltes Wesen, sondern ein Schuldiger, der sich durch den Pakt selbst aus der Menschengemeinschaft ausgeschlossen hat. Genau diese Verbindung von Verwandlung, Schuld und Strafe ist die Eigenart, an der sich die folgenden Vergleiche messen lassen.
Hinduismus — Rakshasa und andere Gestaltwandler
Im indischen Raum bieten sich die Rakshasa als nächste Verwandte an: bösartige, gestaltwandelnde, oft menschenfressende Nachtgeister, die Friedhöfe heimsuchen, Opferhandlungen stören und Reisende bedrohen. In ihrer Fähigkeit, beliebige Gestalt anzunehmen, in ihrem nächtlichen Treiben und in ihrem Kannibalismus stehen sie dem Werwolf wie auch dem arabischen Ghul (siehe die Dschinn) funktional sehr nahe. Der entscheidende Unterschied liegt im ontologischen Status: Der Rakshasa ist keine verwandelte Menschen-Gestalt, sondern eine eigene Gattung von Wesen — der Gestaltwandel ist ihm angeboren, nicht ein über einen Menschen verhängter Fluch. Während der Werwolf ein Mensch ist, der zum Tier wird, ist der Rakshasa ein Dämon, der zum Menschen (oder zu beliebigem anderen) werden kann. Hinzu kommt der Rahmen von Karma und Wiedergeburt: Als Rakshasa geboren zu werden ist eine Daseinsstufe im Kreislauf der Wiedergeburten, nicht eine momentane Entgleisung eines Menschenlebens. Verwandte Verwandlungswesen kennt der indische Raum reichlich — die schlangengestaltigen Naga, die ihre Form zwischen Mensch und Schlange wechseln, die Yaksha als wandelbare Naturgeister und die Asura als mächtige Widersacher der Götter —, doch in all diesen Fällen handelt es sich um eigenständige Geschöpfe mit der Gabe der Verwandlung, nicht um den verfluchten Menschen des Werwolf-Motivs.
Schamanismus — die Tierverwandlung und der Nagual
Die tiefste und aufschlussreichste Parallele bietet die schamanische Tierverwandlung. Im Schamanismus der nord- und zentralasiatischen Völker und weit darüber hinaus gehört die Fähigkeit, die Gestalt eines Tieres anzunehmen, zum Kern des schamanischen Könnens. Auf seiner Trance-Reise in die anderen Welten nimmt der Schamane oft die Form seines Hilfs- oder Krafttieres an — er „wird" Adler, Bär, Hirsch oder eben Wolf —, um zu fliegen, zu jagen, zu kämpfen oder Seelen zurückzuholen. Hier ist die Verwandlung nichts Verfluchtes, sondern eine erworbene Gabe, ein Werkzeug des Heilens und des Vermittelns zwischen den Welten; sie ist Frucht einer schweren Einweihung (vgl. die Schamanenkrankheit und Wiedergeburt) und vollzieht sich überwiegend seelisch, in der Ekstase, während der Leib zurückbleibt. Eben darin liegt der schärfste Gegensatz zum europäischen Werwolf: Wo dieser wider Willen und zum Schaden der Gemeinschaft zum reißenden Tier wird, wird der Schamane willentlich und zum Nutzen der Gemeinschaft zum helfenden Tier. Beide kennen das Anlegen der Tiergestalt — der eine als Fall aus der Menschlichkeit, der andere als Aufstieg zur geistigen Macht.
Eine besonders klare Ausprägung zeigt der mesoamerikanische Nagual (oder Nahual), beschrieben in der Maya- und Aztekenspiritualität: der Glaube, dass jeder Mensch ein Tier-Gegenstück besitzt — oft gebunden an sein kalendarisches Geburtszeichen — und dass mächtige Heiler und Zauberer sich in dieses Tier (Jaguar, Puma, Coyote) verwandeln können. Auch hier ist die Verwandlung an die Person des spirituell Begabten gebunden und in die kosmische Ordnung eingebettet; doch der Nagual zeigt zugleich die ambivalente Seite der schamanischen Verwandlung, denn der Naguálismus konnte ebenso zum Schaden wie zum Heil gewendet werden — und führt damit unmittelbar zur dunkelsten Gestalt des Vergleichs.
Navajo — der Skinwalker
Bei den Navajo im Südwesten Nordamerikas begegnet mit dem Skinwalker (Navajo yee naaldlooshii, „mit ihm geht es auf allen vieren") eine Gestalt, die den europäischen Werwolf in mancher Hinsicht spiegelt und doch eigen bleibt. Der Skinwalker ist eine Art böser Hexer, der die Macht besitzt, sich in ein Tier zu verwandeln, ein Tier zu besitzen oder dessen Gestalt anzunehmen — oft trägt er dazu das Fell des Tieres (Wolf, Coyote, Bär, Eule). Wie der Werwolf der Hexenprozesse ist der Skinwalker eine menschliche Gestalt, die durch verbotene Macht zum Tier wird, und seine Macht gilt als durch schwerste Tabubrüche erkauft (Schändung von Gräbern, Tötung eines nahen Verwandten) — eine genaue Entsprechung zum Frevel des Lykaon und zum Teufelspakt der europäischen Werwölfe.
Entscheidend aber ist eine scharfe begriffliche Grenze, die die Navajo selbst ziehen und die für das vergleichende Verständnis wesentlich ist: Der Begriff Skinwalker wird niemals für Heiler verwendet. Im Zentrum der Navajo-Werte steht hózhó, die Harmonie und Ausgewogenheit des Lebens; der Skinwalker ist die Verkörperung ihres Gegenteils, die Antithese zum Medizinmann, der die Harmonie wiederherstellt. So zeigt sich an den Navajo derselbe Bruch wie überall — zwischen der heilenden, in die Ordnung eingebetteten Verwandlung des Schamanen und der zerstörerischen, gegen die Ordnung gerichteten Verwandlung des Hexers —, hier jedoch besonders schroff und kulturell streng gehütet: Über den Skinwalker spricht man mit Fremden nicht, und schon das Nennen seines Namens gilt als gefährlich, ähnlich wie der anatolische Volksglaube die Dschinn lieber umschreibt. (Zur modernen, von der ursprünglichen Bedeutung weit entfernten Vermarktung des Begriffs siehe die Skinwalker Ranch.)
Bilanz der Vergleiche
Quer durch die Traditionen kehrt dieselbe Grundfigur wieder: der durchlässige Saum zwischen Mensch und Tier, die Gestalt, die beide Naturen in sich trägt. Ebenso beständig kehren die Unterschiede wieder, und sie liegen vor allem an zwei Achsen. Die erste ist die Wertung: Ist die Tierverwandlung Fluch und Verbrechen (der europäische Werwolf, der Navajo-Skinwalker) oder Gabe und Heilkraft (der Schamane, in seiner hellen Seite der Nagual)? Hier scheidet sich das Wolfwerden als Fall aus der Menschlichkeit vom Tierwerden als Aufstieg zur geistigen Macht. Die zweite Achse ist der ontologische Status: Ist der Gestaltwandler ein Mensch, der zum Tier wird (Werwolf, Skinwalker, Nagual, schamanischer Wandler), oder ein eigenständiges Wesen mit angeborener Verwandlungsgabe (Rakshasa, Naga, Yaksha)? In dieser zweiten Unterscheidung zeigt sich, dass das europäische Werwolf-Motiv im engeren Sinn — der verwandelte Mensch — gerade nicht das Häufigste ist; viele Kulturen erzählen lieber von verwandlungsfähigen Geistern und Dämonen als von verwandelten Menschen. Den Werwolf nebeneinander mit ihnen zu stellen heißt nicht, sie gleichzusetzen, sondern zu sehen, worin die Traditionen einander berühren — im Bild des Menschen, der sein Tier nicht los wird — und worin sie verschieden bleiben: in der Ordnung, die jede von ihnen über die Grenze zwischen Mensch und Tier legt.
Rezeption: Vom Aberglauben zur Leinwand und zur Tiefenpsychologie
Mit dem Ende der Hexenprozesse und dem Aufstieg der Aufklärung verlor der Werwolf seinen Status als juristische und theologische Realität. Die Verwandlung wurde nun überwiegend als Krankheit (klinische Lykanthropie), als Aberglaube oder als literarischer Stoff verstanden. Eben damit aber begann seine zweite, bis heute andauernde Karriere — als eine der mächtigsten Gestalten der Phantastik. Die Romantik des 19. Jahrhunderts entdeckte den Werwolf als Sinnbild des Zwiespältigen im Menschen wieder; das Kino des 20. Jahrhunderts schließlich machte ihn weltberühmt. Der Hollywood-Film prägte dabei das vertraute, überwiegend neue Bild: den durch Biss Angesteckten, der bei Vollmond wider Willen zum Wolf wird, nur durch Silber zu töten ist und als aufrechtes Mischwesen erscheint. Diese heute selbstverständlichen Züge — Vollmond, Silberkugel, ansteckender Biss — sind großenteils Erfindungen der modernen Unterhaltung und im alten Volksglauben kaum belegt; sie zeigen, wie lebendig der Stoff geblieben ist und wie frei jede Epoche ihn neu erzählt.
Parallel dazu hat die Tiefenpsychologie dem Werwolf eine deutende Lesart gegeben. In ihrer Sicht ist der Werwolf — wie verwandte Schreckgestalten — ein Bild für den Schatten, jene verdrängten, triebhaften, „animalischen" Anteile der Person, die das bewusste Ich von sich weist und die nun in der Gestalt des reißenden Tieres wiederkehren. Das Wolfwerden erscheint dann als das Hervorbrechen des Unbeherrschten, des Aggressiven und Begehrenden unter der dünnen Decke der Zivilisation; die Verwandlung „bei Nacht" und „bei Vollmond" wird zum Bild für das nächtliche, unbewusste Leben der Seele. In dieser Linie steht der Werwolf neben den anderen Gestaltwandlern als ein archetypisches Motiv (siehe Archetypen) — ein Bild für die unaufgelöste Spannung zwischen dem zivilisierten und dem wilden Menschen. Ob man den Werwolf als reale Verwandlung, als Krankheit, als Personifikation des verdrängten Triebes oder als kulturelles Erbe der alten Kriegerwölfe versteht — er bleibt eines der eindrücklichsten Beispiele dafür, wie der Mensch die tierische Hälfte seiner eigenen Natur außerhalb seiner selbst, in einer Schreckgestalt, anschaulich gemacht hat.
Fazit
Der Werwolf ist die europäische Antwort auf eine Frage, die jede Kultur stellt: Wie fest ist die Grenze, die den Menschen vom Tier trennt — und was bricht hervor, wenn sie fällt? Aus dem Frevel des arkadischen Lykaon, den Zeus zum Wolf verfluchte, über die heulenden Wolfskrieger des Nordens und die verzauberten Felle Sigmunds bis zu den erpressten Geständnissen Peter Stumpps und den Wolfsgürteln und Hexensalben der frühen Neuzeit verdichtet sich in seinen Geschichten eine ganze Anthropologie der Angst vor dem Tier im Menschen — und zugleich, im nordischen Krieger und im sanften Bisclavret, die Ahnung, dass das Tier auch Kraft und bewahrte Menschlichkeit sein kann.
Im Vergleich tritt er als eine eigene Lösung unter vielen hervor: dunkler und schuldbeladener als die helle Tierverwandlung des Schamanen, an den verwandelten Menschen gebunden anders als die angeboren wandelbaren Rakshasa und Naga, und doch dem Navajo-Skinwalker im Frevel und im Tabu eng verschwistert. Ihn nebeneinanderzustellen mit den Gestaltwandlern aller Welt heißt nicht, sie gleichzusetzen, sondern zu sehen, worin die Traditionen einander berühren — im uralten Bild des Menschen, der sein Tier in sich trägt — und worin sie unwiderruflich verschieden bleiben: in der Ordnung, die jede Kultur über die durchlässige Grenze zwischen Mensch und Tier legt, und in der Frage, ob das Tier im Menschen verflucht oder geheiligt, gefürchtet oder angerufen werden will.