Das Mesnevî (Mesnevî-i Manevî)
Mevlânâ Celâleddîn-i Rûmîs sechsbändige persische Sufi-Dichtung (~25.700 Verse); das auch als „persischer Koran“ bezeichnete Gipfelwerk der klassischen islamischen Mystik.
Vorstellung des Werks
Das Mesnevî-i Manevî (persisch: مثنوی معنوی, „Geistliches Doppelvers-Gedicht“) ist die sechsbändige persische Sufi-Dichtung Mevlânâs Celâleddîn-i Rûmî (1207–1273). Es gilt als das umfassendste poetisch-philosophische Werk der klassischen islamischen Mystik; in der muslimischen Welt wird es oft als „persischer Koran“ (eine persische geistliche Exegese des Korans) bezeichnet — diese Kennzeichnung wird erstmals Câmî zugeschrieben: ‚Man nâ-gûyam ki ân âlîdschanâb / Hast paighambar walî dârad kitâb‘ (Ich sage nicht, dass jener Edle ein Prophet sei, doch er hat ein Buch).
Mevlânâ verfasste das Werk in Konya. Der Beginn der Niederschrift reicht in die Zeit um 1258 zurück; die Vollendung liegt nahe am Datum des Todes Mevlânâs 1273. Hüsâmeddin Çelebi spielte als Schüler und Stellvertreter (Chalîfa) Mevlânâs eine zentrale Rolle bei der Niederschrift des Werks: Mevlânâ diktierte ihm, er schrieb es nieder, und danach korrigierte Mevlânâ.
Der Name „Mesnevî“ ist eine arabisch-persische Bezeichnung einer Versgattung: eine Gedichtform, die im selben Versmaß steht, in der jeder Vers in sich gereimt ist, die Verse aber keinen Reimzusammenhang untereinander haben. Diese Form ermöglicht es, lange Erzählungen — Epen, didaktische Dichtungen, sufische Lehren — ohne den lastenden Reimzwang vorzutragen. Vor Mevlânâ hatten auch Senâî und Attâr Sufi-Mesnevîs verfasst; Mevlânâ trug diese Tradition zum Gipfel.
Inhaltsstruktur
Das Mesnevî enthält sechs Defter (Bände), insgesamt etwa 25.700 Verse (50.000+ Halbverse). Am Anfang jedes Bandes steht ein persisches Prosa-Vorwort Mevlânâs; diese sind für sich genommen wichtige theoretische Texte.
I. Band
Er beginnt mit der berühmten „Klage des Schilfrohrs“:
Bischnaw in nai tschûn schikâyat mîkonad Az dschudâyîhâ hikâyat mîkonad
(‚Höre dieses Schilfrohr, wie es klagt / Von den Trennungen erzählt es‘)
Das Schilfrohr (Nai) ist ein vom Schilfdickicht abgeschnittenes Rohr; es ist eine Allegorie auf das Getrenntsein der menschlichen Seele von Allah. Diese 18-versige Eröffnung fasst das Grundthema des ganzen Mesnevî zusammen — die Trennung (firâq) und die Wiedervereinigung (wuslat). Der I. Band enthält 4003 Verse.
II. Band
Er wurde begonnen, nachdem wegen eines Verlustes in der Familie Hüsâmeddin Çelebis zwei Jahre lang pausiert worden war (um 1264). 3810 Verse. Die Themen Wissen-Unwissenheit und das Verhältnis von Meister und Schüler sind hier dicht.
III. Band
4810 Verse. Er enthält lange und eindrückliche Geschichten wie Joseph-Suleicha und den Pfau in Indien.
IV. Band
3855 Verse. Berühmte Erzählungen wie ‚Ayâz und Sultan Mahmûd‘ stehen in diesem Band. Die Stufen der Liebe werden ausführlich behandelt.
V. Band
4238 Verse. Das Verhältnis von Sufismus und Philosophie sowie der Gegensatz von Vernunft und Liebe werden eingehend erörtert.
VI. Band
4916 Verse. Er wurde in der Zeit verfasst, als Mevlânâ sich seinem Tod näherte. Er enthält symbolische Erzählungen wie die Geschichte von den drei Prinzen; ob er vollendet wurde, ist umstritten — in manchen Handschriften scheint das Werk mitten in einem Satz abzubrechen.
Erzähltechnik: „Geschichte in der Geschichte“
Die Struktur des Mesnevî erscheint absichtlich ungeordnet. Während eine Geschichte erzählt wird, beginnt plötzlich eine andere, daraus geht eine sufische Analyse hervor, von dort wird zu einem Koranvers übergegangen, dann kehrt man zur ersten Geschichte zurück. Diese fraktale Struktur hat westliche Leser herausgefordert, doch wird sie in der sufischen Tradition als eine bewusste pädagogische Strategie verstanden: den Geist aus der linearen Logik zu befreien und ihn für intuitive Sprünge zu öffnen.
Grundlehren
1. Die Liebe (göttliche Liebe)
Das zentrale Konzept des Mesnevî ist die Liebe. Für Mevlânâ ist die Liebe:
- Sie entspringt Gott und ist auf Gott gerichtet.
- Sie steht über der Vernunft: ‚Die Vernunft ist wie ein lahmer Esel; die Liebe aber ist der Burâq.‘
- Sie ist verzehrend: Sie kocht das Rohe, sie bringt das Unreife zur Reife.
- Sie verbirgt den Geliebten und zeigt ihn zugleich.
‚Hâlat-i ischq‘ — der Zustand der Liebe — ist die höchste Stufe, die der Sâlik erreicht.
2. Die Trennung (firâq) und die Wiedervereinigung
Die einleitende Klage des Schilfrohrs hallt durch das ganze Mesnevî. Das Getrenntsein von der urewigen Heimat und das Verlangen nach Rückkehr dorthin ist der grundlegende Motor des menschlichen Daseins. Zu diesem Thema wurde eine Ähnlichkeit mit der Kosmologie Plotins hergestellt — ‚vom Einen zur Vielheit, von der Vielheit wieder zum Einen‘.
3. Fanâ und Baqâ
Die klassischen Konzepte des Sufismus, Fanâ (Auslöschung, Vergehen des Selbst) und Baqâ (Fortbestehen in Gott), werden in zahlreichen Versen des Mesnevî behandelt. Mevlânâ vertritt die Ansicht, dass das wahre Sein erreicht wird, wenn das mit seinem eigenen Namen bezeichnete Selbst (nafs-i nâtiq) in der Vahdet-i Vücud (Einheit des Seins) aufgelöst wird.
4. Das Verhältnis von Meister und Schüler
Das Mesnevî betont beständig die Gefahren einer Reise ohne Meister: ‚Brich nicht ohne Pîr auf, sonst gerätst du in die Hand des Teufels.‘ Der Scheich ist nicht nur ein Vermittler von Wissen, sondern ein geistlicher Spiegel. Das Verhältnis Mevlânâs zu Schams-i Tabrîzî bietet das lebendige Modell dieses Themas.
5. Form und Bedeutung
Die Unterscheidung von Zâhir (Form, das Sichtbare) und Bâtin (Bedeutung, das Innere) ist eine Dualität, die das Mesnevî beständig betont. Jede Geschichte ist eine Form, doch jede Form trägt eine Bedeutung. Die ‚ischârische Exegese‘ des Korans (siehe die Notiz zum Koran) wird mit dieser Logik vollzogen.
6. Vernunft und Liebe
Das berühmteste Dilemma des Mesnevî: Die akl-i dschuz'î (die teilhafte Vernunft, der alltägliche Verstand) reicht nicht aus; es bedarf der akl-i kullî oder der Liebe. Dies ist mittelbar der Vorbote der modernen Debatten um ‚Vernunft und Intuition‘.
7. Die Pädagogik der Erzählung
Mevlânâ übersetzt die abstrakte Lehre in eine konkrete Geschichte: ein Philosoph liebt einen Dorftölpel, ein Sultan eine Sklavin, im Regen tanzende Kinder … Dies ist die sufische Form des mythopoetischen Denkens; aus Sicht der vergleichenden Mythenforschung Joseph Campbells liefert es reiches Material.
Vergleichende Perspektive
Das Mesnevî und die Bhagavad Gita
Zwischen der Bhagavad Gita (2.–5. Jahrhundert v. Chr.) und dem Mesnevî bestehen bemerkenswerte Parallelen:
- Beide sind ein versifiziertes Werk des Sufismus/der Mystik.
- Beide verwenden die Dialog-Form: in der Gita Krishna-Arjuna, im Mesnevî die Figuren der Geschichten.
- Beide empfehlen das Gleichgewicht von Handlung und Kontemplation.
- Beide sind der Text einer Seele, die den Weg zum Absoluten sucht.
Unterschiede: Die Gita stellt das Dharma des Kshatriya (Krieger) in den Mittelpunkt; das Mesnevî den Geist des Derwischs. Die 18 Kapitel der Gita sind systematischer; das Mesnevî ist eher erzählerisch und assoziativ.
Der perennialistische Denker Frithjof Schuon liest beide Werke als ‚Ausdrücke derselben Wahrheit in verschiedenen Sprachen‘.
Das Mesnevî und Dantes Göttliche Komödie
Die Commedia (1321) Dante Alighieris und das Mesnevî sind chronologisch nahe (Mevlânâ starb 1273, Dante vollendete die Commedia 1321). Beide Werke:
- Sind versifiziert.
- Erzählen eine sufische/mystische Reise.
- Verorten die Liebe (Beatrice / Schams) als ein kosmisches Prinzip.
Miguel Asín Palacios hat in seinem Werk Islam and the Divine Comedy (1919) die These vertreten, Dante sei von der islamischen Miʿrâdsch-Literatur beeinflusst worden; heute ist diese Debatte offen.
Das Mesnevî und das Tao Te Ching
Die Lehre des wu-wei (Handeln im Nicht-Handeln) des Tao Te Ching und die Betonung von Gottvertrauen und Hingabe im Mesnevî ähneln einander strukturell. Beide Texte verwenden eine paradoxe Weisheit: Das Stärkste ist das Sanfteste; der Wissendste ist der Demütigste.
Das Mesnevî und die Zen-Koans
Einige kurze Anekdoten im Mesnevî — besonders die paradoxen Geschichten vom Typ Nasreddin Hodscha — sind funktional den Zen-Koans ähnlich: Sie führen den Geist aus den ihm gewohnten Kategorien heraus.
Einfluss und Rezeption
In der islamischen Welt
Das Mesnevî wurde nach dem Tod Mevlânâs innerhalb des Mevlevî-Ordens zu einem kanonischen Text. In den Mevlevî-Konventen:
- Der Titel Mesnevîhân wird dem Derwisch verliehen, der das Mesnevî liest und auslegt.
- Wöchentliche Mesnevî-Lektionen werden abgehalten.
- Der theoretische Unterbau der Sema-Zeremonie (Drehzeremonie) wird aus dem Mesnevî gewonnen.
In osmanischer Zeit wurden zahlreiche Kommentare zum Mesnevî verfasst:
- Der Mesnevî-Kommentator Ismâîl Rüsûhî Ankaravî (gest. 1631): Madschmûʿat al-Latâif (der türkische Kommentar zu allen Versen des Mesnevî).
- Sari Abdullah Efendi: Dschawâhir-i Bawâhir-i Mesnevî.
- Ahmed Avni Konuk: Mesnevî-i Scherîf Scherhi (13 Bände, 20. Jahrhundert).
Rezeption im Westen
Die Einführung des Mesnevî im Westen begann im 19. Jahrhundert:
- Joseph von Hammer-Purgstall (1818): erste deutsche Auswahl.
- Reynold A. Nicholson (1925–1940): der vollständige persische Text des Mesnevî, englische Prosaübersetzung und Kommentar — 8 Bände. Es ist bis heute die akademische Standardausgabe.
- A. J. Arberry (1961–1968): die Reihe Tales from the Masnavi.
- Coleman Barks (1995): The Essential Rumi — poetische englische Nachdichtungen, die Mevlânâ zum meistgelesenen Dichter der amerikanischen Kultur machten (1997 war Mevlânâ in den USA der meistverkaufte Dichter des Jahres).
Die Mesnevî-Tradition in der Türkei
Das Mesnevî traf in der Republikzeit besonders dank Abdülbâki Gölpinarli (gest. 1982) mit dem modernen türkischen Leser zusammen. Gölpinarlis sechsbändiger Mesnevî-Kommentar und seine versifizierte Übersetzung sind die Standardreferenz. In jüngerer Zeit sind auch die Übersetzungen von Sefik Can und Adnan Karaismailoglu verbreitet.
Die UNESCO erklärte das Jahr 2007 zum Mevlânâ-Jahr und bestätigte damit den Wert des Mesnevî als Welt-Kulturerbe auf internationaler Ebene.
In den modernen geistlichen Bewegungen
Das Mesnevî ist nicht nur ein akademischer oder Ordens-Text, sondern ein aktiver Teil der globalen geistlichen Kultur:
- In Yoga-Zentren werden Rumi-Gedichte gelesen.
- In 12-Step-Recovery-Programmen werden einige Verse verwendet.
- In New Age-Kreisen ist ‚Rumi‘ zu einer geistlichen Marke geworden.
- In der modernen Führungs- und Psychotherapieliteratur werden Gedichte wie ‚Das Gästehaus‘ (Guest House) häufig zitiert.
Diese Popularisierung kommt auch mit einiger Kritik: Es heißt, es sei ein aus seinem ursprünglichen islamischen Kontext gerissenes, sterilisiertes ‚Rumi‘-Bild geschaffen worden. Die akademische Mevlevî-Forschung bemüht sich, diese Balance herzustellen.
Fazit
Das Mesnevî-i Manevî ist die destillierte Frucht der 25 Jahre währenden inneren und äußeren Reise Mevlânâs. Es ist zugleich das Meisterwerk der persischen Literatur, die Enzyklopädie der islamischen Mystik, die Goldquelle der vergleichenden Mystik und die lebendige Referenz der modernen geistlichen Suche. Mevlânâs eigene Beschreibung im Vorwort des Mesnevî ist die treffendste Zusammenfassung: ‚Dieses Buch ist das Wurzelwerk der Wurzeln der Wurzeln; es ist das Buch des Weges zu Gott, das Buch der Enthüllung der Wahrheiten.‘
Historischer Kontext: Das anatolische Seldschukenreich und die Mongoleninvasion
Das 13. Jahrhundert, in dem das Mesnevî verfasst wurde, ist eine Epoche tiefer Krise und Wandlung der anatolischen Geschichte. Die Mongoleninvasion (nach der Schlacht von Köse Dag 1243) erschütterte die seldschukische Autorität; Anatolien erlebte politisches Chaos, wirtschaftlichen Verfall und große Bevölkerungsbewegungen. In diesem Chaos wirkte Konya im Schatten der seldschukischen Sultane und der späteren Karamanogullari als Station der Turkmenenwanderungen und als Knotenpunkt der Ordensnetzwerke. Die Familie Mevlânâs (Bahâeddin Veled, danach Mevlânâ) wanderte aus Balch (im heutigen Afghanistan) aus und ließ sich in dieser Geografie nieder; das heißt, der Verfasser des Mesnevî selbst ist ein Flüchtling der Mongolen. Diese Erfahrung von Wanderung und Exil lässt sich auch als eine biografische Quelle der Allegorie vom aus dem Schilfdickicht abgeschnittenen Schilfrohr im Mesnevî lesen.
In Konya befanden sich zu jener Zeit große Mystiker wie Scheich Sadreddin Konevî (der Stiefsohn und Hauptstellvertreter Ibn Arabîs), Evhaduddin Kirmânî und Fahreddin Irâkî zugleich. Dieses Umfeld bildet den geistigen Grund dafür, dass Mevlânâ sein Mesnevî verfasste. Das Mesnevî ist nicht nur die individuelle Begeisterung eines einzelnen Mystikers, sondern die destillierte Frucht einer intellektuell-geistlichen Atmosphäre.
Das Versmaß und die Musikalität des Mesnevî
Das Mesnevî ist im Schema ‚fâʿilâtun fâʿilâtun fâʿilun‘, also im Versmaß Ramal-i musaddas-i mahzûf, verfasst. Dieses Versmaß ist einer der flüssigsten, mantraartigen Rhythmen der persisch-arabischen Aruz-Dichtung. Die Rezitation des Mesnevî hat sich in den Mevlevî-Konventen als eine besondere musikalische Kunst entwickelt; berühmte Mesnevîhân-Komponisten wie Itrî, Dede Efendi und Üsküdarli Ali Riza Sengel haben Verse des Mesnevî vertont. Die in der Zeremonie (Âyin) der Sema (Drehzeremonie) vorgetragenen Mesnevî-Passagen verflechten Musikalität und Text; dies ist das typische Beispiel des Verständnisses von der Einheit von Klang und Bedeutung in der klassischen islamischen Kunst.
Die Typologie der Erzählungen im Mesnevî
Die Hunderte von Erzählungen im Mesnevî lassen sich in bestimmte Typen gruppieren:
Prophetenerzählungen
Mose und der Hirte (das Beispiel dafür, wer Gott annehmen darf), Salomo und die Ameise, Joseph und Suleicha, die Wunder Jesu … Diese Erzählungen sind koranisch fundiert, aber durch Mevlânâs eigene Deutung erweitert.
Erzählungen von Sufi-Scheichen
Bâyezîd Bistâmîs Ausruf ‚Subhânî!‘, die Worte Dschunaid-i Baghdâdîs, das ‚Anâ l-Haqq‘ Hallâc-i Mansûrs, die Liebe des Scheich Sanʿân zu einem christlichen Mädchen (II. Band, eine der längsten und eindrücklichsten Erzählungen) … Diese Erzählungen tragen das kollektive Gedächtnis der sufischen Tradition in das Mesnevî.
Erzählungen von Königen und Wesiren
‚Der Padischah und die Sklavin‘ (I. Band, die Eröffnungsgeschichte), Sultan Mahmûd und Ayâz, Erzählungen aus der Zeit Hârûn ar-Raschîds … Diese Erzählungen untersuchen die Spannung zwischen Politik und Spiritualität.
Tierfabeln
Löwe und Hase, Elefant und Rechtleitung, Kamel und Esel … Im Mesnevî nimmt die indisch-iranische Fabeltradition vom Typ Kalîla und Dimna einen starken Platz ein; in diesen Erzählungen sind die Tiere meist archetypische Repräsentanten menschlicher Haltungen.
Erzählungen vom einfachen Volk
Bauern, Metzger, Bademeister, Gärtner, Bettler … Hier zeigt sich das demokratische mystische Genie Mevlânâs am deutlichsten: Der Sufismus ist nicht Hofliteratur, sondern die Weisheit der Straße.
Seltene Erzählungen
Humoristische Anekdoten vom Typ Nasreddin Hodscha, Schatahât vom Typ Bâyezîd Bistâmî (mystischer Wahnsinn), geheimnisvolle Reisende und Engel … Diese verleihen dem Mesnevî einen einzigartigen gattungsübergreifenden Charakter.
Die Mevlevî-Tradition und die Kanonisierung des Mesnevî
Mevlânâs Sohn Sultan Veled (1226–1312) und seine Nachfolger verwandelten den um Mevlânâ entstandenen geistlichen Kreis in einen institutionellen Orden. In diesem nach dem Tod Mevlânâs (1273) begonnenen Prozess:
- Das Mausoleum in Konya wirkt als heilige Stätte der Pilgerfahrt.
- Die Mevlevî-Konvente breiteten sich über Anatolien, den Balkan (Üsküp, Peç, Selânik), Damaskus, Aleppo, Kairo und Lefkosa aus.
- Die Mesnevî-Lektionen wurden zum Grundprogramm jedes Konvents.
- Die Zeremonie (Âyin) (Sema-Zeremonie) wurde standardisiert: Post-nischîn, Semazene, Nai-i Scherîf, Kudüm … Jedes Element trägt eine geistliche Symbolik.
Im 20. Jahrhundert hob die Schließung der Tekken und Zâwiyen (1925) den Mevlevî-Orden offiziell auf; doch das Mevlânâ-Museum in Konya und verschiedene Mevlevî-Kulturvereine weltweit halten die Mesnevî-Kultur weiterhin lebendig.
Die türkischen Übersetzungen und Kommentare des Mesnevî
Die Bemühungen um eine türkische Übersetzung des Mesnevî reichen in die frühe osmanische Zeit zurück:
- Muînî (15. Jh.): erster Versuch einer versifizierten türkischen Übersetzung.
- Sâhidî (15. Jh.): Gülschen-i Tevhîd — ein Auszug aus dem Mesnevî.
- Nahîfî Süleyman Efendi (gest. 1738): vollständige versifizierte türkische Mesnevî-Übersetzung; der Referenztext der Osmanen.
- Ahmed Avni Konuk (1868–1938): der 13-bändige Mesnevî-i Scherîf Scherhi in alter Schrift — der umfassendste Kommentar der modernen Türkei.
- Abdülbâki Gölpinarli (1900–1982): sowohl ein sechsbändiger Kommentar als auch eine türkische Prosaübersetzung; die Standardreferenz der Republikzeit.
- Sefik Can (gest. 2005): versifizierte türkische Übersetzung.
- Adnan Karaismailoglu, Hicabi Kirlangiç: akademische Übersetzungen jüngerer Zeit.
Das Mesnevî und die vergleichende Literaturwissenschaft
Im Bereich der vergleichenden Literaturwissenschaft wurde das Mesnevî:
- Mit Dantes Commedia in Struktur und Thema parallelisiert (Asín Palacios).
- Mit Geoffrey Chaucers Canterbury Tales im Zusammenhang der ‚Rahmenerzählung‘ verglichen.
- Mit Boccaccios Decameron unter dem Aspekt des sozio-mystischen Humors verglichen.
- Mit der Faust-Sage unter dem Aspekt des Themas der mystischen Verwandlung in Beziehung gesetzt.
- Innerhalb der sufischen Erzähltradition zusammen mit Senâîs Hadîqat al-Haqîqa und Attârs Mantiq at-Tair zu den ‚drei großen Mesnevîs‘ gezählt.
Moderne akademische Studien
Im 20. und 21. Jahrhundert hat sich die Mesnevî-Forschung entwickelt:
- Annemarie Schimmel (1922–2003): The Triumphal Sun: A Study of the Works of Jalaloddin Rumi (1978), I Am Wind, You Are Fire — die kompetenteste westliche akademische Referenz zum Mesnevî.
- Franklin D. Lewis: Rumi: Past and Present, East and West (2000) — umfassende Biografie und Rezeptionsgeschichte.
- William C. Chittick: The Sufi Path of Love: The Spiritual Teachings of Rumi (1983).
- Jawid Mojaddedi: die Penguin-Classics-Übersetzungen des Mesnevî (5 Bände, 2004–2020); eine poetische, aber textgetreue moderne englische Fassung.
Der Einfluss des Mesnevî auf die Philosophie der Spiritualität
Das Mesnevî ist nicht nur ein religiös-sufischer Text, sondern bietet eine umfassende Philosophie der Spiritualität. Seine grundlegenden theoretischen Beiträge:
- Prozessmetaphysik: Das Sein ist keine erstarrte Struktur, sondern beständiges Werden (strukturelle Nähe zu Bergson).
- Dialogische Wahrheit: Die Wahrheit eröffnet sich nicht in einer einzigen Formel, sondern im beständigen Dialog gegensätzlicher Ansichten.
- Humor und das Heilige: Das Komische und das Geistliche sind einander nicht feind; der Humor ist ein Werkzeug, das die übermäßige Ernsthaftigkeit, also den verborgenen Hochmut, bricht.
- Verkörperte Spiritualität: Die Liebe ist nicht abstrakt, sondern eine mit dem Leib gelebte Wirklichkeit; Sema, Tanz und Musik sind natürliche Ausdrucksformen der Spiritualität.
- Plurale Identität: ‚Ich bin weder Christ noch Jude, weder Muslim noch Hindu …‘ — dieser Rubâʿî Mevlânâs (aus dem Dîwân-i Schams) ist der prägnante Ausdruck einer Philosophie der plural-über-eins-vereinten Einheit.
Das Mesnevî und die moderne Psychotherapie
Seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts hat das Mesnevî begonnen, in der klinischen Psychologie und Psychotherapieliteratur als bemerkenswerte Quelle zu erscheinen. Robert Fragers Werk Heart, Self & Soul: The Sufi Psychology of Growth, Balance, and Harmony (1999) vergleicht die Lehre des Mesnevî von den Stufen der Seele mit der modernen Psychologie. Kabir Helminskis The Knowing Heart: A Sufi Path of Transformation (1999) liest das Mesnevî als ein Modell der Persönlichkeitsentwicklung. In der Türkei untersuchen Mustafa Merters Dokuz Yüz Katli Insan (2006) und die folgenden Werke das Mesnevî als eine Quelle der transpersonalen Psychologie.
Nachwort
Das Mesnevî-i Manevî ist ein Buch, das seit über 750 Jahren gelesen, kommentiert, vertont, im Sema getanzt, übersetzt und geliebt wird. Es ist ein einziges Buch, doch trägt es in sich drei Bücher zugleich: (1) als Sufi-Dichtung der Gipfel der islamischen mystischen Tradition; (2) für eine vergleichende Lektüre ein Knotenpunkt, der sich allen mystischen Traditionen öffnet; (3) für die Moderne die Referenz der geistlichen Psychologie und des transformativen Erzählens. Mit Mevlânâs eigenen Worten: ‚Kuhna sak pîr-mîzâgast, naft-bâf ast / Za har dschây-i ki namîrasad schafâ-bâf ast.‘ (Das Alte werde klein, das Neue voll; die Wahrheit jedes Dinges eröffne sich in jenem Augenblick.)
Die begrifflichen Schlüsselwörter des Mesnevî
Einer der praktischsten Wege, in den Text des Mesnevî einzutreten, ist die Lektüre entlang der Schlüsselbegriffe. Diese Begriffe treten, obwohl Mevlânâ keine systematische ‚Philosophie‘ errichtet, durch das ganze Werk hindurch konsistent hervor:
- Nai (Schilfrohr): die getrennte Seele, die Sehnsucht nach dem göttlichen Nichts.
- Schilfdickicht (naistân): die ursprüngliche Heimat, die urewige Quelle; die Stufe der Sehnsucht.
- Liebe (ischq): das bewegende Prinzip; die Kraft, die die Vernunft übersteigt und vertieft.
- Akl-i kullî / akl-i dschuz'î: die Unterscheidung zwischen der universellen Vernunft und der teilhaften Vernunft.
- Der Drache der Seele (nafs): die zerstörerische Dimension des Ego.
- Spiegel: das Herz, in dem sich das Wesen widerspiegelt.
- Die Dreiheit Geliebter-Liebender-Liebe (Mahbûb-Âschiq-Ischq): die dynamische Formulierung der Vahdet-i Vücud.
- Schleier (hidschâb/parde): die Form, die die Wahrheit verhüllt.
- Wein-Schenk-Schenke (scharâb-sâqî-maichâne): die Symbolik der geistlichen Verzückung.
- Der Weg (tarîq): der Sulûk; die geistliche Reise.
Diese Begriffe bilden das mystische Wörterbuch des Mesnevî. Jeder von ihnen hat auch in der sufischen Literatur außerhalb des Mesnevî seine Entsprechung; sie lassen sich vergleichend lesen mit den Werken Ibn Arabîs — den Fusûs al-Hikam —, dem Hikmat al-ischrâq Schihâbeddin Suhrawardîs, dem Mantiq at-Tair Attârs und dem Dîwân Hâfiz-i Schîrâzîs.
Die geografische Verbreitung des Mesnevî
Das Wirkungsfeld des Mesnevî blieb nicht nur auf Anatolien beschränkt. Die gesamte Geografie der persischsprachigen Welt (Iran, Afghanistan, Tadschikistan, Usbekistan, die iranisch-persischsprachigen Regionen Indiens, der Sindh-Pandschab-Teil Pakistans) liest das Mesnevî. Bîdil-i Dihlawî (1644–1720) im mogulischen Indien ist die größte Adaption des Mesnevî an die geistliche Sprache des indischen Subkontinents. In der osmanischen Geografie gab es Mesnevîhâns vom Balkan bis zum Jemen, vom Maghreb bis zum Kaukasus. Im Iran wurde das Mesnevî im 16.–17. Jahrhundert trotz der schiitischen Politik der safawidischen Herrschaft weiterhin gelesen. Muhammad Iqbal (1877–1938) in Pakistan im 19.–20. Jahrhundert verfasste unter dem philosophischen Einfluss des Mesnevî persische Mesnevîs wie Asrâr-i Chudî und Rumûz-i Bechudî; die Rückgratreferenz der modernen Iqbal-Philosophie ist Mevlânâ.
Die Wiederentdeckung des Mesnevî im 21. Jahrhundert
Im 21. Jahrhundert bleibt das Mesnevî einer der meistverkauften Bezugstexte der globalen geistlichen Literatur. Rumi-Zitate finden sich häufig in den sozialen Medien, im Tattoo-Design, in Hochzeitsreden und in Selbsthilfebüchern. Dieser Umstand bringt zugleich die Debatten um die Demokratisierung des geistlichen Erbes und das Risiko der Kontextentkopplung mit sich. Die Wiederbelebung der akademischen Mesnevîhânlik-Tradition (die Lektionen in Konya, die Mevlânâ-Forschungszentren an den Universitäten der Türkei, die internationalen UNESCO-Mevlânâ-Jahr-Veranstaltungen) bemüht sich, diese Balance herzustellen.