Schamanische Trance-Reise — ekstatischer Bewusstseinswandel und die drei Welten
Die Reise des türkisch-mongolischen Kam durch ekstatische Trance zwischen Himmel, mittlerer Welt und Unterwelt; ihre Topographie, ihre Gefahren und ihre Bewusstseinsphysiologie; ein Vergleich mit dem Miʿrâdsch und der Bardo-Navigation.
Definition und Etymologie
Die schamanische Trance-Reise ist im türkisch-mongolischen Schamanismus ein tiefer Zustand des Bewusstseinswandels, in dem der Kam (der Schamane) seinen Körper auf der Ebene der gewöhnlichen Wahrnehmung gleichsam ‚zurücklässt'; ein Zustand, der von der visuell-auditiven Bildhaftigkeit der Bewusstseinsstruktur durchdrungen, zumeist auf eine kosmische Topographie kartierbar ist und eine soziale Funktion erfüllt — Heilung, Suche nach verlorenen Seelen, Weissagung, Geleit der Toten. Die Begriffe türkisch-mongolisch kam-uçugu (Schamanenflug), jakutisch aiyy-bilege (himmlische Schau) und tuwinisch xam-camna (Schamanenreise) benennen diese Erfahrung.
Für Mircea Eliade ist diese Reise der definierende Kern des Schamanismus. Die Hauptthese seines Werkes Le Chamanisme et les techniques archaïques de l'extase (1951) lautet: Der Schamane unterscheidet sich vom gewöhnlichen religiösen Spezialisten (Priester, Wahrsager, Zauberer) durch die Ekstase — das heißt durch das ‚Aus-sich-Heraustreten', das vorübergehende Verlassen des Körpers, die Bewegung der Seele oder des Bewusstseinszentrums in kosmischen Räumen. Der Wortursprung liegt im griechischen ekstasis: ek- ‚außerhalb' + histemi ‚stehen'. Nach Eliade ist der Schamane derjenige, der außerhalb seines eigenen Körpers stehen kann.
Jean-Paul Roux verortet den Begriff in La religion des Turcs et des Mongols (1984) in einem pragmatischen Rahmen: Die Reise des Kam ist zweckgerichtet — sie dient einem Bedürfnis des Stammes. Die Arbeit von Anna-Leena Siikala, The Rite Technique of the Siberian Shaman (1978), entschlüsselt dagegen die Struktur der Reise als Performance; die Reise-Erzählung, die der Kam während der Trance laut vorträgt (das Schamanen-Epos), wird zu einer mit dem zuschauenden Stamm geteilten ‚kollektiven Imaginationsreise'.
Historischer Hintergrund
Die Erfahrung der schamanischen Reise hat paläolithische Wurzeln. David Lewis-Williams deutet in seinem Werk The Mind in the Cave (2002) die jungpaläolithische Höhlenkunst (Lascaux ~17.000 v. h., Chauvet ~32.000 v. h.) als visuellen Ausdruck der entoptischen Phänomene, die im schamanischen Trancezustand erscheinen; also jene gemeinsamen visuellen Motive wie ‚punktierte Muster, Gittermuster, leuchtende Tunnel', die alle menschlichen Gehirne im veränderten Bewusstseinszustand erzeugen.
In Sibirien und Zentralasien reichen die archäologischen Daten bis ins 3. Jahrtausend v. Chr. zurück (die Kurgane von Pasyryk, die Felsbilder von Boyar Pisanitsa). Die schriftlichen Zeugnisse werden durch chinesische Quellen des 6.–8. Jahrhunderts n. Chr., durch Marco Polo im 13. Jahrhundert n. Chr., durch russische Reisende des 17.–18. Jahrhunderts n. Chr. und besonders durch die Ethnographen des 19. Jahrhunderts (M. A. Castrén, V. M. Michailowski, V. F. Troschtschanski) bereichert.
Die zeitgenössische Feldforschung (beginnend in den 1920er Jahren mit G. V. Ksenofontow, A. A. Popow, S. M. Schirokogoroff, später L. P. Potapow, V. N. Basilow, in jüngster Zeit Roberte Hamayon, Caroline Humphrey, Piers Vitebsky) hat die Erzählungen von Trance-Reisen in Hunderten von Fällen dokumentiert.
Topographie der drei Welten
Die türkisch-mongolische Kosmologie — im Rahmen des Tengri-Glaubens — stellt sich den Kosmos in drei vertikalen Schichten vor:
1. Die obere Welt (Oberwelt / Himmelsfläche)
Sie wird meist als neunschichtig dargestellt; jede Schicht hat eine Schutzgottheit, eine charakteristische Eigenschaft und einen Vogel-Repräsentanten. Zuoberst befindet sich Gök-Tengri (Blauer Himmel, Kayra-Han). Die Himmelsreise des Kam wird besonders für den Empfang guter Nachrichten, die Zukunftsschau und die Bitte um Gedeihen unternommen.
In der altaischen Schilderung (ausführlich in der Sammlung V. I. Anochins von 1924) klettert der Kam an den Ästen der Birke Schritt für Schritt empor; jeder Ast ist eine Schicht. Die Schwierigkeiten der Reise: schwarze Felsen, eiserne Berge, Feuertore. Hilfsgeister (Vögel, ein weißes Pferd) leiten ihn.
2. Die mittlere Welt (Erdfläche)
Die Ebene, auf der die Menschen, die Tiere und die Geist-Orte (heilige Quellen, Bäume, Berge) leben. Die Reise des Kam in die mittlere Welt dient dazu, verlorene Seelen zu suchen, mit fernen Stämmen Verbindung aufzunehmen, Jagdvorhersagen zu treffen. Dies ist die am stärksten horizontale Reiseart.
In der jakutischen Tradition verhandelt der Kam in der mittleren Welt mit den Erdgeistern (aiyy uolata); er findet die verlorene Seele (kut) des Kranken und bringt sie zurück.
3. Die untere Welt (Unterwelt)
Meist neunschichtig oder siebenschichtig. Zuunterst befindet sich Erlik-Han (der Gott der Unterwelt, der König der Toten). Die Reise in die Unterwelt ist die gefährlichste: böse Geister, die Marterstätten der schuldigen Toten, Flüsse aus dürren Knochen. Der Kam steigt hinab, um mit den Seelen der Toten zu sprechen, böse Krankheitsgeister zu besänftigen oder einen ‚Unterwelt-Faden' zu lösen, der dem Stamm schadet.
Durch das Zentrum dieser dreifachen Topographie verläuft der Lebensbaum / Bay-Terek / Yir-Su-Baum (s. Karsilastirma-Agac-Sembolu) — mit der Wurzel in der Unterwelt, dem Stamm in der mittleren Welt, den Ästen im Himmel. Der Kam reist als dieser Baum selbst oder auf ihm.
Eliade liest diese Topographie als die sibirische Version des Archetypus der axis mundi (Weltachse). Derselbe Archetypus zeigt sich in zahlreichen traditionellen kosmologischen Strukturen: im Sefirot-Baum, im Chakra-System Tibets, im mesopotamischen Ziggurat, in der vertikal-axialen Drehung des Semazen beim Mevlevî-Semâ.
Die innere Struktur der oberen Welt
In der altaisch-sajanischen Tradition ordnen sich die Himmelsschichten folgendermaßen (V. I. Anochin 1924, Sergei Tokarew 1957):
- Erdoberflächen-Himmel — Wolken, Vögel, Wind
- Weiß-lichter Himmel — das Tageslicht
- Sternen-Himmel — die Schicht, in der die Sterne leuchten
- Mond-Himmel — hier wohnt die Mondgöttin
- Sonnen-Himmel — der Sonnengott Kün-Ata
- Blitz-Himmel — die Geister des Donners
- Siebengestirn-Himmel — das Sternbild des Großen Bären symbolisch hier
- Himmel unterhalb Tengris — die Tengri am nächsten dienenden Geister
- Der Himmel des Tengri-Bay-Ülgen — die eigene Schicht des einen Gottes
Je nach dem Zweck der Reise des Kam wird bestimmt, bis zu welcher dieser Schichten er aufsteigt. Für eine gewöhnliche Bitte um Gedeihen genügen die 3.–4. Schicht; für eine schwere Stammeskrise die 7.–8. Schicht; für eine gefährliche Zukunftsschau jedoch ist die höchste Schicht — die unmittelbare Verbindung mit Bay-Ülgen — erforderlich, was nur sehr wenige Kam zu leisten vermögen.
Diese numerisch-strukturelle Parallelität ist strukturell verwandt mit den sieben Stationen des Seyr-i Sülûk (Reue, Frömmigkeit, Weltentsagung, Armut, Geduld, Gottvertrauen, Wohlgefallen), mit den Sefirot der Kabbala und mit den tantrischen Chakra-Systemen; alle drücken sie den stufenweisen Aufstieg des spirituellen Weges als ein numerisches Stufensystem aus.
Die innere Struktur der unteren Welt
Auch die Unterwelt ist in paralleler Weise geschichtet. Die wichtigste Gestalt ist Erlik-Han oder Erlig-Khan — der türkisch-mongolische Gott der Unterwelt, der Richter der Toten. Erliks sieben Söhne sind die Wächter der Tore und Flüsse der Unterwelt; jedes Tor stellt ein Rätsel, das der Kam lösen, oder ein Hindernis, das er überwinden muss.
In der Unterwelt fließt meist ein schwarzer Fluss (in den türkischen Traditionen Bay-Su, bei den Burjaten Khalban); um an das andere Ufer des Flusses zu gelangen, benötigt der Kam symbolische Mittel wie eine Brücke oder ein Boot. Dieses Motiv findet mythologische Entsprechungen im griechischen Charon-Acheron, im mesopotamischen Mâa-âm-elâli und in der islamischen Sirât-Brücke — die Darstellung der spirituellen Grenze durch ein Wasserhindernis ist ein universelles archetypisches Motiv.
Die Unterweltreise des Kam wird besonders im Kontext der Suche nach der verlorenen Seele (jakutisch kut-buluu, altaisch kut-esheu) unternommen. In der alttürkischen Anthropologie hat der Mensch drei Seelen-Komponenten: süne (der lebendige Atem), kut (die geistig-seelische Individualität) und sür (die Schatten-Seele). Krankheit wird oft als Ablösung des kut vom Körper erklärt; der Kam steigt in die Unterwelt hinab, sucht dieses verlorene kut, verhandelt mit Erlik und bringt es zurück.
Mechanik der Trance und die Phasen der Reise
Nach dem auf Siikalas Feldsammlungen (1978) beruhenden Modell vollzieht sich die typische schamanische Reise in folgenden Phasen:
1. Vorbereitung und Anrufung
- Ort: das Zentrum der Jurte oder des Zeltes (mit der kosmischen Achse ausgerichtet)
- Zeit: die Nacht (besonders in bestimmten Mondphasen)
- Rituelle Reinigung: Wacholderräucherung, Milchspende, Waschung mit Wasser
- Anlegen des Gewandes: das Kam-Fell (mit Eisenketten, Vogelfedern, kleinen Schellen darauf — jedes Teil repräsentiert einen Hilfsgeist)
- Erwärmen der Trommel: das Halten am Feuer, damit sich das Fell spannt (s. schamanische Trommel-Tüngür)
- Anrufung der Hilfsgeister: mit eigenen Liedern
2. Beginn der Reise
- Beginn des Trommelschlags (Theta-Tempo von 4–7 Schlägen/Sek.)
- Lied: Der Kam beginnt, seine Reise laut zu erzählen — dies hat sowohl eine trancevertiefende als auch eine zuschauerbindende Funktion
- Hervortreten des Weg-Bildes: das Stehen am Fuß der Birke, das Aufsteigen aufs Pferd, die Verwandlung in einen Vogel
- Gefühl des Verschwindens oder des Wirklichkeitswandels: das Gesicht des Kam verändert sich, seine Stimme wird eine andere
3. Die kosmische Reise
- Eine der drei Welten wird (meist nach dem vorab festgelegten Zweck) gewählt
- Fliegen/Gehen mit dem Hilfstier (Pferd, Hirsch, Vogel)
- Begegnung mit Hindernissen: Berge, Flüsse, Tore, Wächtergeister
- Erreichen des Ziels: Begegnung mit dem betreffenden Geist, Verhandlung, Empfang von Wissen, Zurückbringen einer Seele
4. Rückkehr
- Das Trommeltempo verlangsamt sich
- Der Kam spricht auch den ‚Rückweg' der Erzählung laut aus — das Erwärmen seines Körpers, das Öffnen seiner Augen
- Die Gemeinschaft hört vom Kam die mitgebrachten Botschaften / das Ergebnis
- Mit Spende und Opfer wird die Reise abgeschlossen
Eine typische Reise dauert zwischen 30 Minuten und 4 Stunden; der Kam geht danach in eine lange Schlaf-/Ruhephase über. Die Erschöpfung ist tief; deshalb ist die Trance-Reise keine alltägliche Praxis, sondern eine auf Anforderung ausgeübte Spezialfertigkeit.
Bewusstseinsphysiologie
Durch Felicitas Goodmans Ecstasy, Ritual, and Alternate Reality (1988) und Erika Bourguignons umfassendes kross-kulturelles Inventar (488 Gesellschaften, 1973) ist gezeigt worden, dass der veränderte Bewusstseinszustand (Altered States of Consciousness — ASC) eine universelle menschliche Fähigkeit ist. Typische physiologische Anzeichen der Trance-Reise:
- EEG: Zunahme des Theta-Bandes (4–7 Hz); Abnahme des Alpha-Bandes; Aktivierung im rechten Temporalbereich (Persinger, 1987)
- Atem: langsam, tief (oder bisweilen hyperventilierend)
- Körpertemperatur: die periphere Temperatur sinkt, die Kerntemperatur bleibt stabil
- Hormonell: die Ausschüttung endogener Opioide und Endocannabinoide nimmt zu
- Visuell-auditive Bildhaftigkeit: außergewöhnlicher Reichtum (entoptische Phänomene, detaillierte ‚Szenen')
- Zeitwahrnehmung: deformiert — Stunden können sich in Minuten, Minuten in Stunden verwandeln
Ein wichtiges Merkmal dieses physiologischen Profils ist Folgendes: Zwischen pathologischer Trance (epileptischer Anfall, dissoziative Krise) und kontrolliert-schamanischer Trance besteht eine EEG-Ähnlichkeit, doch die Verhaltens- und Ergebnisorientierung ist verschieden. Die Trance des Schamanen ist strukturiert — sie hat einen Anfang, eine Mitte, ein Ende und ein soziales Ziel.
Das Spektrum der Bewusstseinszustände
Die zeitgenössische Bewusstseinsforschung (Walsh 1995; Krippner 2002; Cardeña & Winkelman 2011) verortet die schamanische Trance-Reise in einem weiteren Spektrum veränderter Bewusstseinszustände (Altered States of Consciousness — ASC). Zu den in diesem Spektrum liegenden Zuständen gehören:
- Intensive Konzentration (Samadhi, Mushin, fanā fi'l-tawhid)
- Imaginativer Flug (schamanische Reise, aktive Imagination)
- Hypnagoge Zustände (Grenzzustände vor dem Einschlafen und vor dem Erwachen)
- Luzider Traum (kontrolliert-bewusster Traum)
- Nahtoderfahrung (NDE/OBE)
- Zustände mystischer Einheit (unio mystica, Vahdet-i-Vücud-Erfahrung)
- Possessionstrance (das ‚Aufsitzen' der Geister)
- Psychedelische Zustände (unter dem Einfluss von DMT, Ayahuasca, Psilocybin)
Die Reise des Kam ist in diesem Spektrum in der Zelle des imaginativen Fluges zentriert, kann sich aber an den Rändern auch zu den Zuständen mystischer Einheit und Possession erstrecken. Die unterscheidende Fertigkeit des Schamanen besteht darin, kontrollierte Übergänge zwischen diesen verschiedenen Zuständen vollziehen zu können — also an einem bestimmten Punkt des Spektrums ‚nicht steckenzubleiben'.
Bildgebende Hirnstudien
Die SPECT-Studien von Newberg & d'Aquili (2001, Why God Won't Go Away) mit tibetisch-buddhistischen Meditierenden und Franziskaner-Nonnen zeigten, dass während der tiefen Meditation die Aktivität des posterioren superioren Parietallappens (PSPL) — der Region, die die Körper-Raum-Grenze bildet — abnimmt. Diese neurologische ‚Grenz-Verwischung' könnte die objektive Grundlage der ‚außerkörperlichen' Erfahrung in der schamanischen Reise sein.
Die 2017 von Andrew Newberg und Stephanie Yaden mit pfingstlich-christlichen Zungenrednern (Glossolalie) durchgeführte Studie zeigte strukturelle Parallelen zum schamanischen Trance-Gesang: In beiden Fällen nimmt die Aktivität des präfrontalen Kortex ab (die Selbstkontrolle löst sich), die Aktivität des limbischen Systems nimmt zu (die emotionale Intensität steigt), und die sprachliche Hervorbringung wird automatisiert. Dies lässt das Vorhandensein eines universellen Mechanismus der ‚ekstatischen Rede-Hervorbringung' vermuten.
Vergleichende Perspektive
Vergleich mit dem Miʿrâdsch
Der Miʿrâdsch Mohammeds (nach allgemein islamischem Glauben 621) steht im Zentrum des islamischen Modells der mystischen Reise. Sure 17 (al-Isrâ) und die Hadith-Quellen erzählen den Aufstieg des Propheten von Mekka nach Jerusalem (al-Isrâ), von dort durch die Schichten der sieben Himmel zum Sidrat al-Muntahâ und in die Gegenwart Gottes. In den von Buchârî und Muslim gesammelten Hadithen hat die Frage, ob diese Reise mit dem Körper, allein mit der Seele oder im Traum geschah, eine lange theologische Debatte ausgelöst.
Im Vergleich auffällige Parallelen:
| Miʿrâdsch | Kam-Trance-Reise |
|---|---|
| Sieben Himmelsschichten | Neun Himmelsschichten (Sibirien) |
| Burâq (spirituelles Reittier) | Pferd/Hirsch/Vogel (Hilfstier) |
| Gabriel als Führer | Hilfsgeister (tös) |
| Begrüßung durch einen Propheten auf jeder Schicht | Wächtergeist auf jeder Schicht |
| Sidrat al-Muntahâ (Grenze) | Die Schicht des Gök-Tengri |
| Mündet in die Einheit Gottes (Tauhîd) | Wissen/Auftrag wird zurückgebracht |
Entscheidende Unterschiede:
- Der Miʿrâdsch ist einmalig: Er geschah allein für den Propheten; ein Wunderereignis, das gewöhnliche Gläubige nicht wiederholen können.
- Der Miʿrâdsch ist vertikal-transzendent ausgerichtet: Ankunft bei Gott und Rückkehr; auf die Einheit Gottes (Tauhîd) zentriert.
- Der Miʿrâdsch ist keine zweckgerichtete soziale Vermittlung; er ist die Bestätigung des Propheten selbst und seine Bevollmächtigung zum Prophetentum.
Dennoch ist im Sufismus das Seyr-i Sülûk (s. Makamat-i-Suluk) als spirituelle Wiederholung des Miʿrâdsch gelesen worden — der Derwisch versucht, durch die Stationen hindurch zur Einheit Gottes zu gelangen. Mevlânâ sagt in seinem Mesnevî: ‚Jede Nacht erleben wir im Schlaf einen Miʿrâdsch, unsere Seele steigt zu den Himmeln auf und kehrt zurück' (s. Mesnevî, Buch I, 388–394). Dies öffnet den Miʿrâdsch zur Reise nicht des Stammes, sondern des Einzelnen und nähert ihn der schamanischen Reise stärker an.
Vergleich mit der Bardo-Navigation
Der zentrale Text des Vajrayana-Buddhismus (besonders der Nyingma-Schule), das Bardo Thödol — auf Türkisch ‚Buch der Befreiung durch Hören im Zwischenzustand', in der populären westlichen Übersetzung ‚Tibetisches Totenbuch' (Evans-Wentz 1927) — bietet die Landkarte der 49-tägigen Bardo-Erfahrung (des Übergangs) nach dem Tod. Dies ist begrifflich die Ich-Form-Todesversion der schamanischen Unterweltreise.
| Bardo-Navigation | Kam-Trance-Reise |
|---|---|
| Die Seele des Verstorbenen ist der Reisende | Die lebende Seele des Kam ist der Reisende |
| Dauert 49 Tage | Dauert Stunden bis Tage |
| Ein einzelner Hauptreisender | Gemeinschaftsbezogen |
| Wird mit dem Chöd-Ritual praktiziert | Wird mit der Trommel praktiziert |
| Ziel: Erleuchtung oder Wiedergeburt | Ziel: Wissen/Heilung zurückbringen |
| Hoch-tantrische Lehre | Lokale Stammes-Spezialität |
Die Überschneidungen sind bemerkenswert: Im Bardo begegnet die Seele des Toten furchterregenden Wesen — auch in der Unterweltreise des Kam halten böse Geister Wache. Im Bardo wird dem Menschen gesagt: ‚Erkenne, dies ist nur die Widerspiegelung deines eigenen Geistes'; dem Kam dagegen wird gesagt: ‚Deine Hilfsgeister beschützen dich.' Der philosophische Grund ist verschieden (buddhistisches śūnyatā vs. schamanische Zwischen-Vermittlung), doch die erfahrungsmäßige Struktur ist erstaunlich parallel.
Die Arbeiten von Giuseppe Tucci und Namkhai Norbu zeigen, dass die Bardo-Lehre über die Bön-Religion entlang der sibirisch-tibetischen Kontaktlinie aus schamanischen Proto-Formen ererbt ist.
Der Text des Bardo Thödol erkennt sechs Bardos an:
- Skye-gnas bardo — das Geburts-Bardo (das gewöhnliche wache Leben)
- Rmi-lam bardo — das Traum-Bardo (der Schlaf)
- Bsam-gtan bardo — das Meditations-Bardo
- 'Chi-kha'i bardo — das Todes-Bardo (der Augenblick des Sterbens)
- Chos-nyid bardo — das Wirklichkeits-Bardo (die ersten Phasen nach dem Tod)
- Srid-pa'i bardo — das Existenz-Bardo (die Vorbereitung auf die Wiedergeburt)
Die Entsprechung der Kam-Reise liegt besonders im 2. und 3. Bardo — Schlaf-Traum und Meditation. Der Kam durchwandert diese beiden Bardos bei Lebzeiten bewusst; die 4.–6. Bardos, die nach dem Tod jeder Mensch betreten wird, hat er somit im Voraus gekostet. Dies ist die Übersetzung von Eliades These ‚Schamanen sind die Spezialisten des Todes' in den tibetischen Rahmen.
Lama Anagarika Govinda vertritt in seinem Werk Foundations of Tibetan Mysticism (1959) die Auffassung, dass die Bardo-Praktiken des tibetischen Vajrayana — phowa (Bewusstseinsübertragung), chöd (Zerschneiden und Zerstreuen), dream yoga (Traumyoga) — die ausgefeilte theologische Elaboration der schamanischen Trance-Techniken sind.
Mevlevî-Semâ und die sufische ‚innere Reise'
Das Mevlevî-Semâ-Ritual ist, dem äußeren Anschein nach ein Tanz, innerlich eine sufische Version der Trance-Reise. Mevlânâ sagt im Mesnevî I/588: ‚Das Semâ ist das Abschütteln des Staubes von den Flügeln der Seele.' Der Semazen ahmt beim Drehen mit seinem äußeren Körper die kosmische Umdrehung nach und erlebt zugleich in seinem inneren Körper das Fliegen. Die Forschungen Walter Feldmans (1992) haben die typischen Bewusstseinsveränderungen dokumentiert, die in der langandauernden Semâ-Praxis auftreten.
Die vier Begrüßungen (selâm) des Semâ ähneln strukturell den vier Phasen der Kam-Reise: der erste Selâm die Annahme, der zweite Selâm das Staunen, der dritte Selâm die Vereinigung, der vierte Selâm die Rückkehr. Diese Dramaturgie repräsentiert die universelle Form der mystischen Bewusstseinsreise.
Weitere sufische Versionen der inneren Reise
Ibn Arabîs Werk Kitâb al-Isrâ ilâ Maqâm al-Asrâ (Reise zur Station der Geheimnisse, ca. 1198) erzählt eine eigene spirituelle Miʿrâdsch-Reise Ibn Arabîs; er durchschreitet die sieben Himmelsschichten und trifft auf jeder einen Propheten (eine persönlich-mystische Elaboration der Miʿrâdsch-Erzählung). Henry Corbin liest in seinem Werk L'Imagination créatrice dans le soufisme d'Ibn 'Arabi (1958) diese innere Reise-Erfahrung Ibn Arabîs im Rahmen des Begriffs ʿâlam al-mithâl (die imaginale/intermediäre Welt).
Najm ad-Dîn al-Kubrâ (1145–1221) — der Begründer des Kubrawiyya-Ordens — schildert in seinem Werk Fawâtih al-Jamâl wa-Fawâtih al-Jalâl die Erfahrung der farbigen Lichter (latâif) ausführlich; jede Farbe ist das Zeichen einer spirituellen Stufe (s. Letaif, inneres Licht). Diese Erfahrung des farbigen Lichts ist strukturell mit den thig-le-Schauungen (Lichttröpfchen) des tibetischen Tantra verwandt und ist die doktrinär ausgearbeitete Deutung der klassischen entoptischen Phänomene der schamanischen Trance-Reise (Lewis-Williams 2002).
Die jüdische Merkaba- und Hechalot-Reise
Die Merkaba-Mystik (1.–7. Jahrhundert n. Chr.) und die aus ihr hervorgegangene Hechalot-Literatur schildern systematisch die als yorēd la-merkavah (‚der zum Wagen Hinabsteigende') bezeichnete mystische Reise. Der Praktizierende nähert sich, indem er sich den Wächtern der sieben Paläste, ‚isma-Schmôr (Tor) genannt, stellt und der Segnung würdige Losungen aufzählt, der Merkaba — dem Thronwagen Gottes.
Die strukturelle Parallelität dieser Reise zur Himmelsreise des Kam ist erstaunlich groß: sieben Himmelsschichten, an jeder Torwächter, während der Reise angerufene eigene Namenslisten (wie eine Hilfsgeister-Liste) und am Ziel die ‚Zulassung in die Gegenwart'. Gershom Scholem (Jewish Gnosticism, Merkabah Mysticism, and Talmudic Tradition, 1960) hat diese Parallele gesehen und die Auffassung vertreten, dass der mesopotamisch entstammende Archetypus der Himmelsreise sowohl die jüdische Mystik als auch die frühchristliche apokalyptische Literatur geformt hat.
Moderne Reflexionen
Transpersonale Psychologie
Stanislav Grofs Technik des holotropen Atmens (1970er Jahre) versucht, die erfahrungsmäßigen Landkarten der schamanischen Trance-Reise in einem klinischen Kontext zu reproduzieren: rasch-tiefer Atem + rhythmische Musik + musikologischer Kontext = die kosmisch-typische innere Reise. Unter den von Grof aufgezeichneten Fällen finden sich schamanische Motive wie ‚Zerstückelungsträume', ‚Schauungen früherer Leben' und ‚das Erfassen der Struktur des Universums' (Realms of the Human Unconscious, 1975).
Forschung zur außerkörperlichen Erfahrung (OBE)
Die zeitgenössische wissenschaftliche Literatur zur OBE (außerkörperliche Erfahrung) (Charles Tart, Stuart Hameroff, Olaf Blanke) dokumentiert Ähnlichkeiten mit den Erzählungen der schamanischen Trance-Reise: Autoskopie, kosmische Perspektive, zeitlose Zeitwahrnehmung. Blanke (2002, Nature) zeigte, dass durch elektrische Stimulation des rechten temporo-parietalen Übergangs OBE-ähnliche Zustände kontrolliert erzeugt werden können. Dies gibt Aufschluss über die neurologische Grundlage der Erfahrung, sagt aber nichts über den Bedeutungsgehalt der Erfahrung aus — diese philosophische Frage bleibt offen.
Verbindungen zu den Nahtoderfahrungen (NDE)
Die NDE-Forschung (Raymond Moody, Bruce Greyson, Pim van Lommel) hat typische Motive dokumentiert: das Hindurchgehen durch einen Tunnel, das Erreichen des Lichts, die Lebensschau, die Begegnung mit verstorbenen Angehörigen. Diese Motive tragen bemerkenswerte Parallelen zur schamanischen Unterweltreise und besonders zum schamanischen Todesritual. Carol Zaleski analysiert in ihrem Werk Otherworld Journeys (1987) die Reise-Erzählungen von NDE, Miʿrâdsch, Bardo und Kam in einem vergleichenden Rahmen und hebt den universellen erfahrungsmäßigen Kern hervor, den die ‚kulturell anerkannte Sprache' umfasst.
Besonders die in der Zeitschrift Lancet veröffentlichte Studie Pim van Lommels (2001) — in der die NDE-Erfahrungen von 344 Patienten nach Herzstillstand systematisch dokumentiert wurden — hat folgende typische Motive herausgestellt:
- Außerkörperliche Wahrnehmung (das Sich-selbst-von-oben-Sehen)
- Das Sehen eines Tunnels mitsamt Bewegung
- Die Begegnung mit einem hellen Licht
- Das Treffen mit verstorbenen Angehörigen
- Die ‚Lebensschau' (life review)
- Das Gefühl einer Grenze oder eines ‚Kehre zurück'
- Die Rückkehr in den Körper
Nahezu alle dieser Motive finden sich in den traditionellen Reise-Erzählungen des Kam. Der grundlegende Unterschied dazwischen: Die NDE ist meist unwillkürlich (im Fall klinischer Todesgefahr); die Kam-Reise dagegen ist willentlich und kontrolliert.
Psychedelische Erfahrung und schamanische Reise
Nach den 1950er Jahren, besonders nach der Begegnung von Maria Sabina (mazatekische Schamanin, Mexiko) mit R. Gordon Wasson (1955), wurde mit der Bekanntwerdung von Psychedelika wie Psilocybin-Pilzen und später Ayahuasca (eine DMT-haltige amazonische Mischung) im Westen die strukturelle Parallelität zwischen psychedelisch ausgelösten Reise-Erfahrungen und der schamanischen Trance-Reise zu einem intensiven Forschungsthema.
Benny Shanons Werk The Antipodes of the Mind: Charting the Phenomenology of the Ayahuasca Experience (2002) bietet die phänomenologische Analyse von 2500 Ayahuasca-Sitzungen. Zu den typischen Motiven gehören:
- Schlangen-Vision (besonders in den amazonischen Traditionen zentral)
- Geometrische Muster (die entoptischen Phänomene von Lewis-Williams)
- Tier-Führer
- Die Erfahrung einer kosmischen Landkarte
- Die Verständigung mit verstorbenen Angehörigen
- Heilendes Licht
Die Überschneidung dieser Motive mit den sibirischen Kam-Erzählungen ist überaus auffällig. Auch im sibirischen Schamanismus ist der bedeutungsvolle Gebrauch psychoaktiver Pilze wie Amanita muscaria (Roter Fliegenpilz) archäologisch dokumentiert (in Pasyryk gefundene Pilzreste, 5. Jh. v. Chr.). Doch wie Eliade betont, ist eine psychoaktive Substanz in keiner schamanischen Tradition zwingend; manche Traditionen verwenden sie, andere begnügen sich allein mit der Trommel-Trance-Technik. Die Substanz kann ein Beschleuniger sein, ist aber nicht bestimmend.
Forscher wie Albert Hofmann (der Entdecker des LSD), Stanislav Grof, Rick Strassman (DMT-Forschung) und Roland Griffiths (das Psilocybin-Programm von Johns Hopkins) vertreten die Auffassung, dass Psychedelika die neurologische Pforte der Bewusstseinsreise öffnen; die Behauptung jedoch, dass diese Substanzen die authentische schamanische Erfahrung erzeugen, wird von Anthropologen (besonders Hamayon, Vitebsky) heftig kritisiert — denn die schamanische Reise ist ohne kulturell-mythologisches Repertoire, Ahnen-Abstammungsband und gemeinschaftliche Vermittlungsaufgabe nicht vollständig.
Luzider Traum und schamanische Reise
Die von Stephen LaBerge in seinem Werk Lucid Dreaming (1985) systematisierte Praxis des luziden Traums lässt sich als eine schlafinterne Version der schamanischen Reise lesen. Im luziden Traum bemerkt der Mensch, dass er träumt, und kann bewusst in die Traumbilder eingreifen; dies ähnelt der aktiven Teilnahme des Kam an seinen Trance-Bildern.
Im traditionellen türkisch-mongolischen Schamanismus wird die Traumreise (jakutisch tüül kömöö, mongolisch züüd) ohnehin als eine eigene Trance-Art anerkannt; in der Ausbildung des Kam nimmt die Traumpraxis einen großen Raum ein. Dies ist die schamanische Version der funktionalen Bedeutung der Traum-Tradition, die wir in vielen mystischen Traditionen sehen (islamisch istihâra, jüdisch halom-Typus, hinduistisch svapna).
Die dream yoga-Praxis (mi-lam rnal-'byor) des tibetischen Vajrayana bietet in dieser Linie ein besonders entwickeltes System: Der Meditierende behält beim Einschlafen sein Bewusstsein bei und betritt so den Traum, den er als spirituelles Praxisfeld nutzt. Das Werk Tenzin Wangyal Rinpoches The Tibetan Yogas of Dream and Sleep (1998) ist die ausführliche Anleitung dieser Praxis.
Zeitgenössische neurowissenschaftliche Studien (Voss, Holzmann u. a., 2014) haben gezeigt, dass während des luziden Traums die Aktivität des Frontalkortex (besonders des dorsolateralen präfrontalen Kortex) dem Wachzustand nahekommt; im normalen REM-Schlaf hingegen sind diese Regionen weitgehend ‚abgeschaltet'. Dies bedeutet, dass der Zustand des luziden Traums eine Mischung aus Schlaf und Wachsein ist und ein physiologischer Verwandter der schamanischen Trance-Reise.
Die Entsprechung der Drei-Welten-Topographie in der zeitgenössischen Psychologie
Die zeitgenössische psychologische Entsprechung der Drei-Welten-Reise des Kam lässt sich in Jungs Modell des kollektiven Unbewussten finden. Nach Jung:
- Bewusstsein = die mittlere Welt, die gewöhnliche Wahrnehmung
- Persönliches Unbewusstes = die untere Welt, die individuellen Verdrängungen
- Kollektives Unbewusstes = die obere Welt, die universellen Archetypen
Diese strukturelle Parallelität ist nicht zufällig; Jung weist in seinen Werken Symbole der Wandlung (1912) und Wandlungen und Symbole der Libido ausdrücklich darauf hin, dass schamanische Motive Material des kollektiven Unbewussten sind. Jungs eigene Visionsreise im Liber Novus (Das Rote Buch, 1914–1930) — seine Begegnung mit dem weisen Greis Philemon — ist nahezu wörtlich eine moderne westliche Version einer Kam-Reise-Erzählung.
René Guénon und die Perspektive der Perennial Philosophy
Die Tradition der Perennial Philosophy — René Guénon, Frithjof Schuon, Ananda Coomaraswamy — liest die schamanische Trance-Reise als eine Manifestation der universellen urewigen Weisheit (philosophia perennis), die alle religiös-mystischen Traditionen teilen. Guénons Werk Le Roi du Monde (Der König der Welt, 1927) stellt das Motiv der Drei-Welten-Reise im Rahmen des Begriffs der axis mundi (Weltachse) als gemeinsame urewige Grammatik aller Traditionen dar.
Schuons Werk Avoir un centre (1990) vertritt die Auffassung, dass die universelle Form der spirituellen Reise — Anfang, Schwelle, Wandlung, Rückkehr — eine von der sibirischen Kam-Erzählung bis zum tibetischen Bardo-Führer unveränderliche Struktur ist. Diese Perspektive ist eng mit der Linie Eliade-Campbell verwandt, doch die metaphysische Betonung ist stärker.
Der zeitgenössische kritische Perennialismus (William Chittick, Seyyed Hossein Nasr) führt diesen universalisierenden Blick fort; doch dekonstruierende Anthropologen wie Hamayon-Vitebsky vertreten die Auffassung, dass bei diesem Ansatz die kulturelle Spezifität sich auflöst. Eine reife Lektüre schreitet voran, indem sie beide Perspektiven berücksichtigt — es gibt strukturelle Universalien, aber jede kulturelle Matrix erzeugt ihre eigene spezifische Bedeutung.
Der kosmologische Bedeutungsrahmen der Reise-Erzählung
Die Trance-Reise-Erzählung des Kam ist nicht bloß ein ‚Bericht'; sie erschafft zugleich für seinen Stamm einen kosmologischen Bedeutungsrahmen. Die Menschen seines Stammes deuten ihre Krankheiten, ihre Todesfälle, ihre Erfolge, ihre Niederlagen innerhalb dieser Reise-Erzählungen. Die in Clifford Geertz' Aufsatz Religion as a Cultural System (1973) geschilderte ‚bedeutungsstrukturelle Funktion der Religion' zeigt sich hier deutlich: Die Kam-Reise ist ein deutendes Instrument, das der Lebenserfahrung seines Stammes einen kosmischen Kontext verleiht.
Diese Funktion ist in der modernen Gesellschaft weitgehend von säkularen Erzählformen (Psychotherapie, Literatur, Kino, Journalismus) übernommen worden; dennoch ist es eine durch anthropologische Daten gestützte These, dass die spirituell-mythologischen Bedeutungsrahmen nicht vollständig ‚überflüssig geworden' sind (Charles Taylor, A Secular Age, 2007). Die Sinnsuche des Menschen ist ein kognitiv-evolutionäres Merkmal; und die Befriedigung dieser Suche durch bedeutungsvolle Reise-Erzählungen ist ein Grund, der erklärt, warum die Kam-Praxis so lange in verschiedenen Kulturen fortbesteht.
Abschließende Betrachtung
Die schamanische Trance-Reise ist einer der erstaunlichsten Gebräuche der menschlichen Bewusstseinskapazität. Das Überschreiten der Grenzen der gewöhnlichen Wahrnehmung, das Sich-Bewegen in einer kosmischen Topographie, das Verständigen mit den Ahnen-Geistern, das Bringen von Heilung für kranke Stammesangehörige — all dies sind Erfahrungen, die aus Sicht der Bewusstseinsphysiologie objektiv beobachtbar sind, aber in einer kulturell-mythologischen Matrix Bedeutung gewinnen. Miʿrâdsch, Bardo, Mevlevî-Semâ, Hechalot-Reise, die indianische Vision Quest, die hinduistische Sannyâsa-Reise — sie alle sind kulturell-spezifische Formen ein und derselben universellen menschlichen Kapazität.
Für den zeitgenössischen Leser ist die Kam-Reise die archaischste und nackteste Version der spirituellen Reise — der Schlüssel zum Verständnis der späteren ausgefeilten doktrinären Traditionen, ein Weg, sich daran zu erinnern, wie tief unsere verkörpert-imaginative spirituelle Kapazität ist. Sie nicht nachzuahmen, aber ihre strukturellen Lehren zu empfangen — die soziale Verantwortung der spirituellen Vermittlung, der spirituelle Wert der körperlich-imaginativen Kapazität, die universelle Topographie der mystischen Pforten — bietet den heutigen spirituellen Suchen einen wertvollen Bezugspunkt.
Kulturell-vergleichende Typologie: Aktive vs. passive mystische Reise
Es ist möglich, die mystischen Reise-Erfahrungen taxonomisch in zwei Haupttypen zu unterteilen:
Aktiver Typus (Kam-Typus):
- Der Praktizierende begibt sich selbst auf die Reise
- Maßgeblich ist nicht eine Bewusstseins-Entleerung, sondern eine Bewusstseins-Übertragung
- Das Ziel ist bewusst — Heilung, Wissen, Vermittlung
- Strenge Kontrolle und Rückkehrfähigkeit
- Beispiele: Kam-Reise, sufisches Seyr, aktive Imagination
Passiver Typus (mystische Gabe):
- Der Praktizierende wird von selbst von der Erfahrung ergriffen
- Maßgeblich ist eine Bewusstseins-Entleerung, das Verwischen der Grenzen
- Kein Ziel — sie kommt als Gabe
- Wenig Kontrolle; bisweilen ist auch ihre Rückkehr schwer
- Beispiele: jüdisch Bath Qol (Erfahrung der Gottesstimme), christlich raptus, hinduistisch anubhava
William Wainwright (Mysticism: A Study of Its Nature, Cognitive Value, and Moral Implications, 1981) und Robert Forman (The Innate Capacity, 1998) analysieren in ihren Werken die begriffliche Struktur dieser Typologie ausführlich.
Dass die schamanische Trance-Reise die archetypische Vertreterin des aktiven Typus ist, macht sie zum epistemischen Vorläufer der späteren ausgefeilten mystischen Traditionen: Alle Wege des aktiven Typus — Sufismus, Vajrayana, Hechalot, aktive Imagination — sind doktrinäre Elaborationen der Kernstruktur der Kam-Reise.
Kritik und Diskussionen
- Eliades Modell des ‚klassischen Schamanismus': Roberte Hamayon (La chasse à l'âme, 1990) und Bertrand Hell (Possession et chamanisme, 1999) vertreten die Auffassung, dass dieses Modell den sibirisch-regionalen Daten nicht entspricht; besonders werden anstelle der ‚Ekstase' alternative Begriffe wie alliance (Bündnis mit den Geistern) und jeu (Rollenspiel) vorgeschlagen.
- Die Unterscheidung Trance vs. Possession: Während die klassische Literatur (Bourguignon) beide trennt, zeigen neuere Feldarbeiten, dass die Grenze unscharf ist; derselbe Praktizierende kann in derselben Sitzung beide zugleich erleben.
- Neurobiologischer Reduktionismus: Die schamanische Reise ist nicht bloß Theta-Aktivierung; ohne den kulturell-bedeutungsmäßigen Rahmen, das mythologische Repertoire, das Ahnen-Abstammungsband, die Gemeinschafts-Bezeugung wird derselbe neurologische Zustand zu einer leeren Erfahrung. Tanya Luhrmann (Of Two Minds, 2000) hebt diesen Punkt hervor.
- Kritik am Neo-Schamanismus: Das ‚Core Shamanism' (Harner) und das Phänomen der ‚Plastik-Schamanen' stehen im Zentrum der Debatten um kulturelle Aneignung.
Praktische Implikationen
Die Kam-Reise ist eine Spezialfertigkeit, keine alltägliche Praxis; doch ihre Implikationen stehen allen offen:
- Kosmische Landkarte: Die innere Welt des Menschen ist nicht ‚flach' — sie hat eine obere (Inspiration), eine mittlere (das Alltägliche), eine untere (das verkrustete Unbewusste) Dimension. Die spirituelle Entwicklung erfordert, sich auch in diesen drei Dimensionen zu bewegen.
- Hilfsbilder: Mit einem helfenden Wesen in der Imagination (Tier, Engel, Meister-Figur) zu arbeiten — in der modernen Psychotherapie die aktive Imagination (s. Aktif-Hayal, C. G. Jung) — ist die säkulare Version der alten schamanischen ‚Hilfsgeist'-Praxis.
- Außerkörperlich vs. verkörpert: Die traditionellen Lehren — Sufismus, Vedânta, die tibetischen Lehren — rufen nicht dazu auf, dem Körper zu ‚entfliehen', sondern mit dem Körper ‚ganz dort zu sein'. Selbst die schamanische Reise ist keine ‚Flucht', sondern wird unternommen, um die Bindung an den Körper erneut zu vertiefen.
- Gemeinschaftskontext: Die individuelle mystische Erfahrung verkommt, wenn sie ohne gesellschaftliche Verantwortungs-Vermittlung bleibt, zu einem narzisstischen ‚spirituellen Konsum'. Die Reise des Kam ist immer für die Gemeinschaft.
- Vorsicht: Eine unkontrollierte Trance-Praxis kann eine Psychose auslösen. Der traditionelle Kam arbeitet niemals allein oder ohne Lehrmeister; daran gilt es auch im zeitgenössischen Kontext zu erinnern.
Die besondere Struktur der Trance-Reise in der türkisch-mongolischen Kosmologie
Die Trance-Reise des türkisch-mongolischen Schamanismus weist einige Eigenheiten auf, die sie von den schamanischen Traditionen der übrigen Welt unterscheiden.
Horizontale Reise-Erzählungen anstelle der drei Welten
Manche türkisch-mongolische Traditionen (besonders die kasachische und kirgisische baksy-Praxis) können anstelle der klassischen Drei-Welten-Reise die Langstrecken-Horizontalreise betonen (von der Sommerweide des Stammes zu einem fernen Stamm, in das ferne Tal, in dem sich ein verlorengegangenes Tier befindet). Dies lässt sich so lesen, dass die physische Geographie an die Stelle der spirituellen Geographie tritt; eine spirituelle Widerspiegelung der mobilen Lebensweise nomadischer Völker.
Die Feldarbeit Muhammad Hosain Salmans in Kasachstan (1970er Jahre) hat die Fähigkeiten der baksy dokumentiert, ferne Orte zu ‚sehen' und die dortigen Ereignisse zu melden. Dies ist strukturell identisch mit dem Phänomen, das in der heutigen parapsychologischen Literatur als Fernwahrnehmung (remote viewing) figuriert; doch dessen objektive Richtigkeit ist umstritten.
Die Debatte sieben vs. neun Schichten
Zwischen den traditionellen Quellen besteht ein beachtlicher Unterschied hinsichtlich der Schichtenzahl von Himmel und Unterwelt:
- Süd-türkische Traditionen (Chakassen, Tuwiner, Altaier): meist 7 Schichten
- Nord-türkische Traditionen (Jakuten): meist 9 Schichten
- Mongolische Traditionen: sowohl 7 als auch 9, je nach Region
- Die kasachische Baksy-Tradition: bisweilen 8 Schichten
Diese numerische Variation führt strukturell zu folgender Frage: Spiegelt die Schichtenzahl ein wirkliches kosmologisches Wissen wider, oder ist sie bloß eine numerisch-symbolische Struktur? Eliades Antwort lautet: Die Zahl ist ein bedeutungsvolles Werkzeug der spirituellen Stufung; weder 7 noch 9 ist eine ‚kosmologische Tatsache', aber beide sind für die spirituelle Pädagogik funktional. Dieselbe Flexibilität zeigt sich auch in den Debatten im Sufismus um sieben Stationen vs. vierzig Stationen und in der Kabbala um zehn Sefirot vs. elf (Daat eingeschlossen).
Philosophisch-theologische Implikationen
Die philosophisch-theologische Bedeutung der schamanischen Trance-Reise verweist auf tiefere Fragen als die klassischen Kategorien von ‚richtig-falsch'.
Leib-Seele-Dualismus oder holistische Ganzheit?
Die klassische Begriffsbildung der Trance-Reise — die Seele löst sich vom Körper, wandert, kehrt zurück — legt einen offenkundig cartesianisch geprägten Dualismus nahe. Doch die türkisch-mongolische Anthropologie (besonders die dreifache Seelenstruktur süne-kut-sür) ist komplexer als dies: Der Körper selbst ist eine Art spirituelles Wesen, und die Ablösung des kut bedeutet, dass auch der Körper einen spirituellen Prozess durchläuft.
An diesem Punkt ist der Begriff des spirituellen Körpers entscheidend: weder ganz ‚materieller Körper' noch ganz ‚immaterielle Seele' — eine vielschichtige spirituelle Struktur, die Körper und Seele gemeinsam bilden. Die Latâif (im Sufismus sieben feine Energiezentren), die hinduistischen fünf Koshas, das Feinkörper-System Tibets — all diese Begriffe sind doktrinäre Versionen der schamanischen Vorstellung vom spirituellen Körper.
Reise vs. Vereinigung: zwei mystische Typologien
Die klassische Mystik-Philosophie (Walter Stace, Mysticism and Philosophy, 1960) unterscheidet zwei grundlegende Typen mystischer Erfahrung:
- Introvertierte (introvertive) mystische Erfahrung: die Entleerung von allen Inhalten, das Hinabsteigen in den reinen ‚Bewusstseinsgrund'. Das nirguna-Brahman des Vedânta, das buddhistische Nirvâna, im Sufismus das fanâ al-dhât.
- Extravertierte (extrovertive) mystische Erfahrung: das Sehen der Zusammengehörigkeit aller Inhalte, das Erleben der kosmischen Ganzheit. Die Vahdet-i Vücûd, das Eine Plotins, das hinduistische saguna-Brahman.
Die schamanische Trance-Reise verweist auf eine dritte Typologie: die Abenteuer-Mystik oder die imaginale mystische Erfahrung. Bei ihr ist nicht die mystische Vereinigung, sondern die mystische Reise maßgeblich; die Erfahrung ist keine Reinigung vom Inhalt, sondern ein inhaltsreicher Imaginationsflug.
Diese dritte Typologie gehört in dieselbe Kategorie wie die Miʿrâdsch-Erzählung, die Hechalot-Literatur, die Bardo-Navigation, die aktive Imagination (Jung) und die sufischen ʿâlam al-mithâl-Erfahrungen. Die klassische Mystik-Philosophie hat diese Typologie vernachlässigt; die Arbeiten Henry Corbins (Mundus Imaginalis, 1972) haben sie erneut zur Sprache gebracht.
Gottesvorstellung: einer oder mehrere?
Eine weitere wichtige theologische Eigenheit der schamanischen Trance-Reise ist Folgendes: Der Kam richtet sich nicht auf einen einzigen letzten Gott; er steht in Beziehung zu vielen Geistern, zu Ahnen-Kams, zu den Schutzwesen seines Stammes. Gök-Tengri ist in der höchsten Stellung, aber unerreichbar; der Kam steht zu ihm nicht unmittelbar, sondern vermittelt (über vermittelnde Geister) in Beziehung.
Diese pluralistische Struktur kann aus der Sicht der monotheistischen Religionen (Islam, Christentum, Judentum) als Polytheismus erscheinen. Doch bei näherer Betrachtung bietet auch die Lehre von den Namen und Eigenschaften (asmâ und sifât) im Sufismus — die 99 Namen Gottes, deren jeder eine andere Manifestation ist — strukturell eine viel-manifeste Begriffsbildung. Der Unterschied ist, dass im Sufismus alle Manifestationen auf ein einziges Wesen (Zât) zurückgeführt werden; im schamanischen Denken hingegen bleiben die Manifestationen relativ autonom.
Dieser Unterschied ist das begriffliche Äquivalent der Debatte bekâ vs. fenâ: Die monotheistische Mystik wird stets in Richtung fenâ-bekâ gezogen (das Aufgehen der Manifestationen im Wesen); die pluralistisch-vermittelnde Mystik dagegen wird in Richtung vielschichtiger Vermittlung gehalten. Beide Ansätze heben verschiedene Aspekte der universellen mystischen Erfahrung hervor.
Anhang: Praktische Implikationen
Symbolische Kartierung: Die schamanische Drei-Welten-Topographie lässt sich für den modernen Leser als Werkzeug der inneren Kartierung nutzen. Obere Welt = Inspiration, transzendente Sehnsucht, ideale Visionen. Mittlere Welt = das alltägliche Leben, soziale Verantwortlichkeiten. Untere Welt = das Unbewusste, verdrängte Gefühle, der Schatten. Die spirituelle Entwicklung erfordert eine fließende Bewegung zwischen den dreien.
Arbeit mit Hilfsbildern: Die Technik der aktiven Imagination (Jung) ist die säkular-psychologische Version des Begriffs Hilfsgeist des Kam. In der Imagination ‚eine weise Figur', ‚einen Tier-Führer', ‚ein Schutzwesen' anzurufen und mit ihm in Dialog zu treten — ist ein wirkliches psychotherapeutisches Werkzeug. Dies ist keine Erschaffung, sondern eine Entdeckung; ein Zugang zu den im Unbewussten bereits vorhandenen Ressourcen.
Krisen-Lektüre: Vorübergehende depressive Einbrüche, unerklärliche Krankheiten, Phasen tiefen Hinterfragens — diese können aus schamanischer Perspektive als Unterweltreisen gelten. Sich darauf zu konzentrieren, etwas aus ihnen mitzubringen, statt vor ihnen zu fliehen — dies ist die schamanische Version von Jungs Prozess der Integration mit dem Schatten.
Gemeinschafts-Vermittlung: Die spirituelle Erfahrung ist kein selbstsüchtiges ‚Kosten'. Dass der Kam für seinen Stamm eine Reise unternimmt, trägt dasselbe Wesen wie der Aufschub des Nirvâna durch den Bodhisattva für alle Wesen. Das Kriterium der spirituellen Reife ist die Fähigkeit, anderen vermitteln zu können.
Achtung: Das zeitgenössische Interesse an der Kam-Praxis steht im Zentrum der Debatten um kulturelle Aneignung. Sich auf authentische Quellen — Eliade, Hamayon, Vitebsky, Siikala, Roux — zu stützen; den traditionellen Praktizierenden Achtung zu erweisen; nicht nachzuahmen, aber zu verstehen zu versuchen — dies ist der gesündeste Ansatz.