Sein, Wahrheit & Ontologie

Whiteheads Prozessontologie

Die von Alfred North Whitehead in seinem Werk „Process and Reality" (1929) entwickelte Ontologie: Die Wirklichkeit besteht nicht aus statischen Substanzen, sondern aus einer Reihe „wirklicher Ereignisse" (actual occasions), die werden, erfassen (prehendieren) und vergehen.

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Definition und allgemeiner Rahmen

Die Prozessontologie (englisch: process ontology, process metaphysics) ist eine umfassende Seinslehre, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Alfred North Whitehead (1861-1947) vor allem in seinem Werk Process and Reality: An Essay in Cosmology (1929) systematisiert wurde. Dieser Lehre zufolge sind die letzten Wirklichkeiten, die die Welt bilden, keine bleibenden Substanzen; sondern wirkliche Ereignisse (englisch: actual occasions, actual entities) oder Tropfen der Erfahrung (drops of experience), von denen jedes in einer bestimmten Raum-Zeit-Region entsteht und sich verzehrt, aber dann den nachfolgenden Ereignissen Daten liefert.

Whitehead schreibt in der berühmten Formulierung von Process and Reality: „Die wirklichen Ereignisse — diese letzten Wirklichkeiten heißen auch wirkliche Wesenheiten — sind die letzten wirklichen Dinge, die die Welt bilden. Es ist unmöglich, jenseits ihrer etwas Wirklicheres zu finden." Diese Aussage bietet eine radikale Alternative zum Substanz-Prädikat-Paradigma, das in der abendländischen philosophischen Tradition seit Aristoteles fortbesteht. Nach Whitehead heißt es, sich von der Grammatik der Sprache täuschen zu lassen, wenn man die Welt für nichts als bleibende Dinge und ihre wechselnden Eigenschaften hält; in Wahrheit aber webt das Gewebe des Kosmos sich aus Einheits-Prozessen, von denen jeder einen kurzen Augenblick des Werdens erlebt und dann in die objektive Unsterblichkeit (objective immortality) übergeht.

In dieser Hinsicht lässt sich Whiteheads Entwurf als eine moderne Fortsetzung der Flusslehre Heraklits der griechischen Antike (panta rhei — alles fließt), der durée (gelebte Dauer) Henri Bergsons und der buddhistischen Auffassungen von Anitya (beständiges Werden und Vergehen) und Śūnyatā (Leerheit, Wesensleere) lesen. Die Begründer der Prozesstheologie John B. Cobb, Charles Hartshorne und David Ray Griffin haben dieses System in einen theologischen Rahmen übertragen; sie haben Gott nicht als eine der Welt gleichgültige absolute Substanz gelesen, sondern als ein bipolares (dipolares) und im Prozess befindliches Wesen neu gelesen.

Historischer Kontext: Whiteheads gedanklicher Weg

Alfred North Whiteheads intellektuelle Biografie durchläuft drei verschiedene disziplinäre Stufen: Mathematik, Physikphilosophie und Metaphysik. Die dreibändige Principia Mathematica (1910-1913), die er in seiner Cambridge-Zeit (1885-1910) zusammen mit Bertrand Russell verfasste, gilt als einer der grundlegenden Texte der modernen symbolischen Logik. In dieser Zeit meisterte Whitehead die sorgfältige Konstruktion abstrakter formaler Systeme.

In der zweiten Stufe, die sich an den Londoner Universitätskollegs abspielte (1910-1924), verlagert sich Whiteheads Interesse zur Wissenschaftsphilosophie; in den Werken An Enquiry concerning the Principles of Natural Knowledge (1919) und The Concept of Nature (1920) stellt er im Licht von Einsteins Relativitätstheorie die Zentralität des Begriffs des Ereignisses (event) für die Physik-Philosophie heraus. Gegen die Auffassung der klassischen Mechanik, die Raum und Zeit wie einen Behälter sieht, definiert Whitehead die Naturereignisse als raum-zeitliche Ausdehnungen (spatio-temporal extensions) — hier ist das Ereignis (event) kein passiver Träger der Materie, sondern das konstituierende Atom der Natur.

Die dritte und reifste Phase beginnt mit Whiteheads Berufung an die Harvard-Universität als Professor der Philosophie im Jahr 1924, mit 63 Jahren. Die Gifford Lectures, die er dort hielt (Edinburgh, 1927-28), bilden den Kern von Process and Reality. Der Untertitel des Werkes, An Essay in Cosmology (Ein Versuch über Kosmologie), zeigt das Ausmaß von Whiteheads Projekt: nicht nur Ontologie oder Epistemologie, sondern der Vorschlag eines ganzheitlichen kosmologischen Schemas, das alle Wissenschaften — Physik, Biologie, Psychologie, Ästhetik, Religion — umfasst.

Grundbegriffe

1. Wirkliches Ereignis (Actual Occasion)

Die kleinste Einheit von Whiteheads Ontologie ist das wirkliche Ereignis. Ein wirkliches Ereignis ist der Einheits-Prozess, der das gesamte ihm vorhergehende Universum erfasst (durch Prehension einbezieht), seinen eigenen inneren Werdensprozess (concrescence) vollendet und dann schöpferisch transzendent (creatively transcendent) ist. Ein wirkliches Ereignis kann ein breites Skalenspektrum umfassen, von einem subatomaren Quantenereignis bis zur augenblicklichen Erfahrung des menschlichen Bewusstseins; das Gemeinsame ist, dass sie alle eine Erfahrungskapazität besitzen.

An diesem Punkt nimmt Whitehead eine Haltung ein, die in der modernen Wissenschaftsphilosophie die Debatte um den Panpsychismus (dass alles eine Art innere Erfahrungskapazität besitzt) oder, treffender ausgedrückt, um den Pan-Experientialismus entfacht. Wie der zeitgenössische Bewusstseinsphilosoph David Ray Griffin in seinem Werk Whitehead's Radically Different Postmodern Philosophy (2007) betont, ist das Bewusstsein für Whitehead eine Eigenschaft höherer Ordnung; aber die Erfahrung (experience) oder, auf minimalerer Ebene, die Erfassung (prehension) ist der grundlegende Baustein aller wirklichen Ereignisse.

2. Erfassung (Prehension)

Prehension — ein von Whitehead erfundener Terminus — ist die Art, in der ein wirkliches Ereignis ein anderes wirkliches Ereignis erfährt. Es gibt zwei Arten:

Jedes wirkliche Ereignis beginnt, indem es die vergangene Welt erfasst (was das genaue Gegenteil der „Fensterlosigkeit" in Leibniz' Monaden ist; Whiteheads monadenähnliche Ereignisse stehen in beständiger wechselseitiger Erfassung) und bildet sich gemäß einem subjektiven Ziel (subjective aim). Wenn der Prozess vollendet ist, geht das wirkliche Ereignis in die objektive Unsterblichkeit über — das heißt, es wird nicht mehr als Subjekt erfahren, bleibt aber als Datum für künftige wirkliche Ereignisse bestehen.

3. Ewige Objekte (Eternal Objects)

Die eternal objects, die Whitehead den Formen Platons nahe, aber mit bedeutenden Unterschieden neu konstruiert, repräsentieren die Dimension der reinen Potentialität der Eigenschaften, die die wirklichen Ereignisse annehmen — Farbe, Klang, Zahlenverhältnis, Gefühlston. Sie sind für sich genommen nicht wirklich; sie werden erst konkret, sofern sie von den wirklichen Ereignissen verwirklicht werden (ingression).

Diese Struktur lässt sich parallel zur Brahman-Maya-Beziehung im Vedānta lesen: So wie Brahman (das Absolute) die Bühne der in ihm selbst gegenwärtigen Möglichkeiten (des schöpferischen Potentials der Maya (kosmische Illusion)) bietet, so ist auch Whiteheads Kreativität (creativity) der Boden für die Verwirklichung der ewigen Objekte in der konkreten Welt.

4. Kreativität (Creativity)

Für Whitehead ist die Kreativität keine Wesenheit; sie ist die letzte Kategorie des Universums. „Die Kreativität ist das Prinzip, das die Vielheit (the many) in eine Einheit (the one) verwandelt und als Ergebnis der Verwandlung eine neue Einheit hervorbringt, die sich der neuen Vielheit hinzufügt." (Process and Reality, Kapitel 2). Hier ist die Vielheit die Summe der vergangenen wirklichen Ereignisse; die Einheit ist das neu entstehende wirkliche Ereignis. Diese neue Einheit fügt sich der Vielheit der nachfolgenden Ereignisse hinzu — so schreitet der kosmische Prozess voran.

Die Kreativität unterscheidet sich von der creatio ex nihilo (Schöpfung aus dem Nichts) des klassischen Theismus; für Whitehead ist die Kreativität ein stets schon wirkendes kosmisches Prinzip. Sogar Gott ist die primäre Instanziierung (primordial instantiation) dieses Prinzips, nicht seine Quelle.

5. Der Doppelpol Gottes (Dipolar God)

Whiteheads umstrittenste Neuerung ist die Neudefinition der Gottesvorstellung als bipolar. Gott hat zwei Naturen:

Dieser Entwurf lässt sich sowohl mit der Unterscheidung natura naturans/natura naturata Spinozas als auch mit der Schichtung zwischen der Stufe der Einsheit (mertebe-i ahadiyet) und der Stufe der Einheit (mertebe-i vahidiyet) innerhalb der Vahdet-i Vücûd (Einheit des Seins) der sufischen Metaphysik vergleichen. John B. Cobb und David Ray Griffin haben diesen Rahmen in den Kern der Prozesstheologie (process theology) gestellt; besonders auf das Problem der Theodizee — wenn es das Böse gibt, warum dann Gott? — bietet sie eine vom traditionellen klassischen Theismus verschiedene Antwort: Gott kann beeinflussen, aber nicht zwingen; jedes wirkliche Ereignis bestimmt sein subjektives Ziel selbst.

Vergleichende Dimension: Whitehead und die östlichen Traditionen

Das buddhistische Anitya (beständiges Werden)

Unter den drei grundlegenden Merkmalen der buddhistischen Philosophie (Pali: tilakkhana; Sanskrit: trilakṣaṇa) steht anicca (Pali) bzw. anitya (Sanskrit) — beständiges Werden und Vergänglichkeit — an erster Stelle. Buddha lehrte, dass alle Phänomene in der Welt durch das Prinzip des bedingten Mit-Entstehens (Pali: paṭiccasamuppāda; Sanskrit: pratītyasamutpāda) entstehen und nicht einen Augenblick mit sich selbst identisch bleiben. Wie Buddhaghosa im Visuddhimagga zusammenstellt, sind die scheinbar bleibenden „Dinge" in Wahrheit Flüsse, die aus der raschen Aufeinanderfolge augenblicklicher Dharmas (Pali: dhamma; Sanskrit: dharma) bestehen.

Die strukturelle Ähnlichkeit zwischen Whiteheads wirklichen Ereignissen und den Dharmas des Abhidharma ist bemerkenswert. Wie Steve Odin in seiner vergleichenden Studie Buddhism and Whitehead's Philosophy (1982) ausführlich zeigt, gilt in beiden Systemen:

  1. Die Wirklichkeit besteht aus atomaren Augenblicken; es gibt keine bleibende Substanz.
  2. Jeder Augenblick enthält den ihm vorhergehenden Augenblick als Bedingung.
  3. Das Ich (Pali: attā; Sanskrit: ātman) oder die bleibende Persönlichkeit ist das Muster (pattern) der aufeinanderfolgenden Ereignisse, kein Träger dahinter.

Odin weist ferner darauf hin, dass die Lehre der wechselseitigen Durchdringung (interpenetration, chinesisch: yuanrong) der Hua-yen-Schule der Mahayana-Tradition — die Metapher vom Netz des Indra (Indra's Net) — in erstaunlicher Weise mit Whiteheads Struktur der wechselseitigen Erfassung zusammenfällt. In dem über den Himmel gespannten Netz des Indra befindet sich an jeder Kreuzung ein Juwel, und jedes Juwel spiegelt alle anderen Juwelen; genau so, wie Whiteheads wirkliche Ereignisse einander erfassen.

Der Fluss des antiken griechischen Heraklit

Heraklit von Ephesos (Ende 6. Jahrhundert v. Chr.) lässt sich als der erste Prozessphilosoph der abendländischen Philosophie lesen. Das ihm zugeschriebene berühmte Fragment — „Du kannst nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn sowohl der Fluss verändert sich als auch du dich veränderst" — behauptet, dass die Veränderung (der Fluss) nicht das Akzidens (accident) des Seins, sondern sein Wesen ist.

Heraklits Logos — das Prinzip, das den kosmischen Fluss ordnet und bemisst — ist parallel zu Whiteheads Kategorie der Kreativität; beide weisen auf die ordnend-schöpferische Dimension des kosmischen Prozesses hin. Demgegenüber stellte die abendländische Philosophie später das unveränderliche Eine des Parmenides, die bleibenden Formen Platons und die Substanz des Aristoteles ins Zentrum; Heraklits Intuition des Flusses wurde an den Rand gedrängt. Whitehead hat aus dieser Sicht die heraklitische Unterströmung des abendländischen Denkens in der modernen wissenschaftlichen Synthese wiederbelebt.

Das taoistische Tao (der Weg) und Wu-wei (Nicht-Handeln)

Im Tao Te Ching, das dem chinesischen Philosophen-Mystiker Laozi zugeschrieben wird, ist das Tao keine bleibende Wesenheit; sondern der Prozess selbst, der alles enthält und aus dem alles fließt. Im 25. Kapitel des Tao Te Ching wird das Tao beschrieben als das, „das fließt, ohne sich auf etwas anderes als sich selbst zu stützen, und das überallhin geht". Dies stimmt mit dem anonymen, allumfassenden kosmischen Fluss in Whiteheads Kategorie der Kreativität überein.

Wie Toshihiko Izutsu in seinem Werk Sufism and Taoism (1983) zeigt, enthält die Tatsache, dass das Tao unbenennbar und zugleich die Quelle aller Namen ist, eine tiefe Parallele zu Whiteheads Struktur der Kreativität, die kein Akteur ist, aber jeden Akteur möglich macht.

Vergleich mit der sufischen Vahdet-i Vücûd (Einheit des Seins)

Die von Ibn Arabî (1165-1240) systematisierte Lehre der Vahdet-i Vücûd (Einheit des Seins) erscheint auf den ersten Blick Whiteheads pluralistischem Universum entgegengesetzt: dort ein einziges Vücûd (Sein), hier zahllose wirkliche Ereignisse. Doch eine aufmerksamere Lektüre bringt tiefe strukturelle Ähnlichkeiten zum Vorschein:

Diese Parallelen lassen aus der Perspektive der vergleichenden Spiritualität — auf dem von Frithjof Schuon und René Guénon vorgeschlagenen Boden der philosophia perennis — vermuten, dass die Intuition, die Whitehead in der Sprache der abendländischen Wissenschaft ausdrückt, von den klassischen mystischen Traditionen längst entdeckt worden war.

Prozesstheologie und Panentheismus

Whiteheads bipolare Gottesvorstellung wurde zur Inspirationsquelle für eine bedeutende Strömung in der zeitgenössischen Theologie — den Panentheismus (pan-en-theism: „alles in Gott"). Der Panentheismus schlägt einen Mittelweg zwischen dem Pantheismus (alles ist Gott) und dem klassischen Theismus (Gott ist außerhalb der Welt) vor: Gott enthält die Welt, lässt sich aber nicht auf die Welt reduzieren.

Charles Hartshornes Buch The Theology of Alfred North Whitehead (1962) und die Studie Process Theology (1976) von John Cobb und David Griffin haben diesen Rahmen entwickelt; besonders zu Themen wie dem Problem der Theodizee, der Lehre von der Schöpfung und der Vorstellung vom Jenseits haben sie neue Auslegungen hervorgebracht.

Griffin hat ferner in seinen Werken Religion and Scientific Naturalism (2000) und später Whitehead's Radically Different Postmodern Philosophy (2007) vertreten, dass das Prozessdenken nicht nur einen theologischen, sondern einen postmodernen kosmologischen Rahmen bietet — also einen Rahmen, der eine Alternative zu den mechanisch-materialistischen Paradigmen der Moderne darstellt.

Brücken zur Wissenschaft: Relativität, Quanten und komplexe Systeme

Whitehead war, als er Process and Reality schrieb, ein lebendiger Zeuge von Einsteins spezieller (1905) und allgemeiner (1915) Relativitätstheorie, der Quantenmechanik von Bohr, Heisenberg und Schrödinger und des Zusammenbruchs des klassischen Atomismus. In den Werken Adventures of Ideas (1933) und Modes of Thought (1938) vertritt er, dass die neue Weltsicht, die die moderne Physik bietet, den Übergang von einer substanzbasierten Metaphysik zu einer prozessbasierten Metaphysik notwendig macht.

David Bohm (1917-1992) ist, ohne zu behaupten, von Whiteheads wirklichem Ereignis nichts gewusst zu haben, in seinem Werk Wholeness and the Implicate Order (1980) auf einem unabhängigen Weg zu einem ähnlichen Punkt gelangt: Die Unterscheidung zwischen implicate order (eingefalteter Ordnung) und explicate order (entfalteter Ordnung) lässt sich als ein anderer Ausdruck von Whiteheads Dynamik der Erfassung-Konkretisierung lesen. Für eine ausführliche Erörterung siehe die Notiz Quantenmystik.

Heute scheinen die Komplexitätstheorie (complexity theory) und die selbstorganisierenden Systeme (self-organizing systems) — Ilya Prigogines dissipative Strukturen (dissipative structures) und Stuart Kauffmans Arbeiten zur self-organized criticality — Whiteheads Kosmologie in der Sprache der modernen Wissenschaft neu zu vertonen. In all diesen Ansätzen spielen die Begriffe Prozess, selbst-transzendente Erneuerung und ganzheitlicher Kontext eine entscheidende Rolle.

Kritik und Gegenpositionen

Die wichtigsten Einwände gegen Whiteheads System sind folgende:

  1. Übermäßiger Systematismus: Das terminologische Gewicht von Process and Reality (32 kategoriale Schemata, acht kategoriale Verpflichtungen usw.) macht Whitehead zu einem schwer lesbaren Philosophen; manche analytischen Philosophen — darunter Donald Williams und Bertrand Russell — haben vertreten, dass dieses System nicht durch Erfahrung überprüfbar sei.
  2. Die Panpsychismus-Debatte: Dass Whitehead allen wirklichen Ereignissen eine Erfahrungskapazität zuschreibt, wurde in den Rahmen der etablierten Physik und Neurowissenschaft als übertrieben befunden. Demgegenüber vertreten die zeitgenössischen Bewusstseinsphilosophen Galen Strawson und David Chalmers — im Rahmen des schweren Problems (hard problem of consciousness) —, dass die pan-experientialistischen Positionen neu bewertet werden müssen.
  3. Gottes Macht und die Freiheit: Weil der Gott der Prozesstheologie überzeugend-überredend (persuasive) ist, verzichtet er auf die Allmacht (Allmacht über alles) des traditionellen Theismus; dies wurde aus theologischer Sicht in manchen Kreisen als unzureichender Theismus kritisiert.

Whitehead in der türkischen Gedankenwelt

In der Türkei ist Whiteheads Prozessmetaphysik bislang verhältnismäßig wenig erforscht. Doch in den türkischen theologischen und philosophischen Kreisen — besonders in periodischen Publikationen wie der Tasavvuf Ilmî ve Akademik Arashtirma Dergisi (Zeitschrift für wissenschaftliche und akademische Tasawwuf-Forschung) — nehmen in den letzten zwanzig Jahren vergleichende Studien zwischen der Vahdet-i Vücûd und der Prozesstheologie zu. Die in den Zeitschriften Hece und Cogito veröffentlichten Themenhefte über Whitehead haben den Boden für die Begegnung des abendländischen Prozessdenkens mit der türkischen Gedankenwelt bereitet.

Die whiteheadsche Lektüre des Sufi-Denkens eignet sich dazu, die Lehre vom teceddüd-i emsâl (der Erneuerung jedes Augenblicks als einer neuen Schöpfung), von der Ibn Arabî in seinem Werk Futûhât al-Makkiyya spricht, in der Sprache der zeitgenössischen Kosmologie neu zu erzählen; besonders die Ibn-Arabî-Auslegungen von Mahmud Erol Kilic und Ekrem Demirli bieten eine Brücke, auf der man diesen Weg gehen kann.

Moderner Widerhall und praktischer Wert

Der praktisch-geistliche Wert der Prozessontologie liegt darin, dass sie eine vielschichtige Weltsicht bietet:

Schließlich ist die Prozessontologie ein fruchtbarer Boden für die vergleichende Spiritualität; denn sie beherbergt in sich zugleich Vielheit und Einheit — ganz wie das Netz des Indra, die Vahdet-i Vücûd und das Tao.

Whiteheads kategoriales Schema: Die acht Verpflichtungen

Im zweiten Teil von Process and Reality drückt Whitehead sein System im Rahmen eines kategorialen Schemas (categoreal scheme) aus. Dieses Schema umfasst vier Hauptkategorien: die Letzte Kategorie (Kreativität), die Kategorien der Existenz (acht Arten), die Kategorien der Erklärung (siebenundzwanzig Punkte) und die Kategorialen Verpflichtungen (acht Prinzipien). Diese letzte Gruppe bildet die metaphysische Grundlage des Systems. Einige der kategorialen Verpflichtungen lauten:

  1. Verpflichtung der subjektiven Einheit: Jedes wirkliche Ereignis muss die verschiedenen Daten, die es erfasst, in einer einzigen subjektiven Erfahrung vereinigen.
  2. Verpflichtung der objektiven Identität: Dasselbe wirkliche Ereignis muss in verschiedenen Erfassungen als dasselbe Datum erscheinen.
  3. Verpflichtung der objektiven Mannigfaltigkeit: Verschiedene wirkliche Ereignisse müssen als verschiedene Daten unterschieden werden.
  4. Verpflichtung der begrifflichen Bewertung: Jede physische Erfassung bringt eine begleitende begriffliche Erfassung hervor.
  5. Verpflichtung der begrifflichen Umkehrung: Das Datum der begrifflichen Erfassung schafft, indem es erneut auf das Datum der physischen Erfassung angewendet wird, eine neue Möglichkeit.
  6. Kategorie der Transmutation: Die vielfältigen Erfassungen zwischen Ereignissen vereinigen sich in einem einzigen neuen Ereignis.
  7. Verpflichtung der subjektiven Harmonie: Alle Erfassungen innerhalb eines wirklichen Ereignisses werden gemäß dem subjektiven Ziel harmonisiert.
  8. Verpflichtung der subjektiven Intensität: Das subjektive Ziel strebt sowohl nach augenblicklicher Befriedigung als auch nach Relevanz für die Zukunft.

Diese Verpflichtungen bestimmen die innere Dynamik des Systems und bewahren Whitehead davor, ein bloß literarischer Metaphysiker zu sein, indem sie ihn einer mathematikähnlichen Strenge annähern. Charles Hartshorne hat in seinem Werk Whitehead's Philosophy: Selected Essays (1972) behauptet, dass die innere Kohärenz dieses Schemas durch eine logisch-formale Analyse aufgezeigt werden könne.

Der Prozess der Concrescence (Konkretisierung): Das innere Leben eines Ereignisses

Eine von Whiteheads tiefsten philosophischen Neuerungen ist die Kühnheit, den inneren Prozess des wirklichen Ereignisses ausführlich zu beschreiben. Die Concrescence (lateinisch con-crescere: zusammenwachsen) ist der Prozess, in dem ein wirkliches Ereignis durch die Vereinigung seiner vielfältigen Erfassungen zu einer einzigen subjektiven Einheit gelangt. Dieser Prozess umfasst fünf Phasen:

  1. Erste Phase — Daten: Das Ereignis nimmt alle wirklichen Ereignisse der vergangenen Welt durch physische Erfassung in sich auf.
  2. Ergänzende Phase — Begriffliche Erweiterung: Diese Daten werden durch ewige Objekte neu gelesen; man tritt in Wechselwirkung mit der Welt der reinen Potentialität.
  3. Vergleichende Phase — Proposition: Vergangenheit und Potentialität werden verglichen; Propositionen (propositions) entstehen.
  4. Intellektuelle Phase — Urteil: die Bewertung der Propositionen; das Bewusstsein (consciousness) erwacht hier (sofern es sich um ein hinreichend hohes Ereignis handelt).
  5. Phase der Befriedigung — Einheit: Alle vorhergehenden Phasen vereinigen sich in einem Punkt einer einzigen Befriedigung (satisfaction); das Ereignis geht nun in die objektive Unsterblichkeit über.

Diese Beschreibung trägt eine tiefe Nähe zu den klassischen Arbeiten über den Bewusstseinsstrom (William James) und das phänomenologische Zeitbewusstsein (Husserl, Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins, 1928). Was Whiteheads Projekt von ihnen unterscheidet, ist, dass er diesen inneren Prozess nicht nur dem menschlichen Bewusstsein, sondern jedem wirklichen Ereignis — von einem Elektron bis zu einem Menschen — zuschreibt.

Whitehead und die zeitgenössische Bewusstseinsphilosophie: Galen Strawson, David Chalmers

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden panpsychistische Positionen in der Bewusstseinsphilosophie erneut zu einem ernsthaften akademischen Diskussionsfeld. Galen Strawsons Arbeiten Consciousness and Its Place in Nature (2006) und Real Materialism and Other Essays (2008) entwickeln folgendes Argument: Wenn der Materialismus wahr ist, das heißt, wenn alles physisch/materiell ist, und das Bewusstsein ebenfalls physisch ist; dann muss die Materie — genauer, die Grundeinheiten der Materie — bewusst sein (Panpsychismus). Strawsons Argument bringt, auch wenn es Whitehead nicht unmittelbar erwähnt, eine pan-experientialistische Position erneut auf die Tagesordnung.

Im Rahmen von David Chalmers' schwerem Problem (the hard problem of consciousness, ein von ihm 1995 aufgeworfener Begriff) — warum und wie physische Hirnprozesse subjektive Erfahrung hervorbringen — wird Whiteheads Pan-Experientialismus als ein Lösungsweg neu bewertet. Chalmers vertritt in seinen Werken The Conscious Mind (1996) und später Constructing the World (2012), dass die panpsychistischen Positionen ernsthaft erörtert werden müssen.

Diese zeitgenössische Bewusstseinsdebatte macht Whiteheads 1929 geschriebenes Process and Reality von einer historischen Kuriosität zu einem aktuellen Gesprächspartner. Besonders die philosophischen Grundlagen der Bewegungen der integralen Theorie (Wilber) und der holistic science (Brian Goodwin) des New Age sind weitgehend whiteheadsch.

Prozesskunst und Ästhetik: Schöpferische Neuheit

Whiteheads Metaphysik macht die axiologische Dimension der klassischen Philosophie — die Werttheorie — zu einer kosmologischen Kategorie. In den Schlusskapiteln des Werkes Adventures of Ideas (1933) nimmt Whitehead Kategorien wie Schönheit (Beauty), Wahrheit (Truth), Güte (Goodness) und Abenteuer (Adventure) zusammen mit dem Frieden (Peace) in das kosmologische Schema auf. Hier wird die Schönheit als die Eigenschaft der inneren Harmonie (subjective harmony) des wirklichen Ereignisses — der harmonischen Vereinigung der vielfältigen Erfassungen — definiert.

In diesem Rahmen ist das Kunstwerk nicht nur eine menschliche Hervorbringung; es ist eine Manifestation des kosmologischen Prinzips der Neuheit (novelty). Die Prozessästhetik vertritt, dass die Natur selbst von einem künstlerischen Charakter ist — also beständig erneuernd, neue Muster bildend, der Vergangenheit neue Perspektiven hinzufügend. Dies stimmt mit der in jedem Augenblick neu frischen Natur in Rumis Mathnawî überein; und es ist einer der Begegnungspunkte zwischen Whitehead und der sufischen Ästhetik.

Bildungsphilosophie: The Aims of Education

Eine im Allgemeinen wenig bekannte Seite ist, dass Whitehead einen ernsthaften Beitrag zur Bildungsphilosophie geleistet hat. Sein Buch The Aims of Education (1929) vertritt, dass das Ziel der Bildung nicht das Auswendiglernen (inert ideas), sondern das lebendige Wissen (living knowledge) ist. Auch Whiteheads Bildungsphilosophie ist ein Widerschein der Prozessontologie: Das Wissen ist kein statisches Wissenspaket, sondern ein Fluss, der in die Erfahrung des Schülers erfasst (prehended) wird und sich in dessen eigenem Prozess neu konkretisiert.

Dieser Ansatz ist in der zeitgenössischen Bildungstheorie mit den konstruktivistischen (constructivist) Ansätzen, mit John Deweys pragmatistischer Bildungsphilosophie und mit Paulo Freires kritischer Pädagogik verwandt. Die Vorstellung des Wissens als Eigentum (ownership) und aktive Konstruktion (active construction) ähnelt der aktiven Erfassung der wirklichen Ereignisse in der whiteheadschen Kosmologie.

Historische Wirkung: Die zeitgenössische Verbreitung des Prozessdenkens

Whiteheads Ideen haben sich im Laufe des 20. Jahrhunderts über drei Hauptzweige verbreitet:

  1. Prozesstheologie: Cobb, Hartshorne, Griffin, Marjorie Suchocki, Catherine Keller, Philip Clayton. Das Center for Process Studies (Claremont, Kalifornien) ist das Zentrum dieser Bewegung gewesen.
  2. Wissenschaftsphilosophie: Stephen Toulmin, Henry Stapp, Ilya Prigogine. Arbeiten zur Komplexitätstheorie und zur thermodynamischen Instabilität.
  3. Ost-West-Dialog: die von John Cobb mit buddhistischen Kreisen in Japan (besonders der Kyoto-Schule — Keiji Nishitani, Masao Abe) geführten Dialoge; die zentrale Stellung Whiteheads in der Literatur der vergleichenden Spiritualität.

Heute setzen die Zeitschrift Process Studies (Claremont) und die Reihe Process Thought (Whitehead Research Project) die akademische Produktion des Feldes fort. Auch wenn die Übersetzungen dieser Literatur in der Türkei langsam begonnen haben, nimmt das Interesse im letzten Jahrzehnt durch die Übersetzungen Dogan Özlems und durch die an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara gehaltenen Seminare zu.

Schluss: Whiteheads geistlich-philosophische Botschaft

Whiteheads Prozessontologie ist vielleicht die systematischste Brücke bei der Begegnung des modernen abendländischen Denkens mit der vergleichenden Spiritualität. Sie drückt die Intuitionen der klassischen mystischen Traditionen von Prozess, wechselseitiger Verbundenheit, Neuheit und transzendenter Fülle in der Sprache der abendländischen Wissenschaft aus. Auf praktischer Ebene ruft diese Philosophie den Einzelnen dazu auf, seine eigene Existenz nicht als ein erstarrtes Ich, sondern als einen beständig sich erneuernden Strom von Erfassungen zu sehen. Dieser Aufruf hallt einstimmig wider mit Rumis Wort „Lebe jeden Augenblick, als wärst du neu geboren, stirb jeden Augenblick, als wärst du neu gestorben", mit der buddhistischen Lehre vom Anitya und mit der sufischen Lehre vom teceddüd-i emsâl.

Verwandte Begriffe und Verweise

Heraklit · Anitya (beständiges Werden) · Śūnyatā (Leerheit) · Bergson Élan Vital · David Bohm Implicate Order · Vahdet-i Vücûd (Einheit des Seins) · Tao (der Weg) · Wu-wei (Nicht-Handeln) · Panentheismus · Quantenmystik · Die Leerheit im Vergleich · John B. Cobb · Charles Hartshorne · David Ray Griffin · Das Netz des Indra · Hua-yen · Concrescence · Mevlânâ Celâleddîn-i Rûmî · Tecellî (göttliche Selbstoffenbarung) · Ayan-i Sabite (die feststehenden Wesenheiten)