Bedeutende Persönlichkeiten

Abraham Maslow: Gipfelerlebnisse und die Psychologie der Selbsttranszendenz

US-amerikanischer Psychologe (1908–1970), Mitbegruender der humanistischen und der transpersonalen Psychologie. Mit der Beduerfnishierarchie, dem Begriff der Selbstverwirklichung und vor allem der Erforschung der „Gipfelerlebnisse“ holte er die mystische Erfahrung in die akademische Psychologie; spaet stellte er ueber die Selbstverwirklichung noch die Selbsttranszendenz.

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Definition

Abraham Harold Maslow (1908–1970) war ein US-amerikanischer Psychologe und einer der einflussreichsten Theoretiker der menschlichen Motivation im 20. Jahrhundert. Er gilt als einer der Begründer der humanistischen Psychologie — jener Strömung, die sich selbst als „dritte Kraft" (third force) verstand und sich sowohl gegen die Psychoanalyse als auch gegen den Behaviorismus richtete — und als Mitinitiator der noch jüngeren transpersonalen Psychologie. Sein Name ist vor allem mit drei Begriffen verbunden: mit der Bedürfnishierarchie, mit der Selbstverwirklichung (englisch self-actualization) und mit den Gipfelerlebnissen (peak experiences). Mit dem letztgenannten Begriff hat Maslow etwas vollbracht, das vor ihm in der akademischen Psychologie kaum denkbar schien: Er holte die religiöse und mystische Erfahrung — Ehrfurcht, Einheitsgefühl, Ich-Entgrenzung, Zeitlosigkeit — als einen legitimen, beobachtbaren Gegenstand in die nüchterne Wissenschaft vom Menschen zurück. Und am Ende seines Lebens ging er noch einen Schritt weiter: Über die Selbstverwirklichung, die lange als die höchste Stufe seiner Hierarchie galt, stellte er in den Spätschriften eine weitere Stufe — die Selbsttranszendenz, das Überschreiten des eigenen Selbst.

Eben diese Bewegung — von der Erforschung psychisch gesunder, „blühender" Menschen hin zu der Frage nach dem, was jenseits der gelungenen Persönlichkeit liegt — macht Maslow zu einer Schlüsselfigur dort, wo die wissenschaftliche Psychologie und die vergleichende Erforschung der spirituellen Erfahrung einander berühren. Diese Notiz zeichnet seinen Werdegang nach, stellt seine zentralen Modelle dar, vergleicht das Gipfelerlebnis mit verwandten Begriffen der religiösen und philosophischen Traditionen — und benennt zugleich die methodischen Grenzen, die seinem Werk von der Forschung mit gutem Grund vorgehalten werden.

Werdegang: Vom Primatenlabor zur „dritten Kraft"

Abraham Maslow wurde 1908 in Brooklyn, New York, als ältestes von sieben Kindern jüdischer Einwanderer geboren, die aus dem Russischen Reich in die Vereinigten Staaten gekommen waren. Seine Kindheit, von der er später mit auffallender Bitterkeit sprach, war von Einsamkeit, Bücherwelten und dem Erleben antisemitischer Anfeindung geprägt — ein biografischer Hintergrund, den manche Deuter mit seinem späteren Interesse an seelischer Gesundheit, Zugehörigkeit und an den „besten" Exemplaren der menschlichen Gattung in Verbindung gebracht haben.

Akademisch stand Maslow zunächst dem damals tonangebenden Behaviorismus nahe, jener Richtung, die das beobachtbare Verhalten zum alleinigen Gegenstand der Psychologie machte und auf jede Aussage über das „Innere" verzichtete. Er promovierte bei dem bekannten Primatenforscher Harry Harlow über das Verhalten von Affen; die frühe Beschäftigung mit Dominanz, Bindung und sozialem Rang an Tieren ist ein leicht zu übersehender, aber wichtiger Ausgangspunkt seines späteren Denkens über menschliche Motivation. Doch im Lauf der 1930er und 1940er Jahre löste er sich zunehmend von der behavioristischen Engführung. Begegnungen mit europäischen Emigranten — Gestaltpsychologen, Psychoanalytikern und Anthropologen, die vor dem Nationalsozialismus in die USA geflohen waren — erweiterten seinen Horizont. Maslow kam zu der Überzeugung, dass eine Psychologie, die nur Reiz und Reaktion oder nur Trieb und Verdrängung kennt, am Wesentlichen des Menschen vorbeisieht: an seiner Fähigkeit zu wachsen, zu lieben, zu schaffen und über sich selbst hinauszustreben.

Aus dieser Überzeugung erwuchs die humanistische Psychologie, die sich selbstbewusst als „dritte Kraft" neben Psychoanalyse und Behaviorismus stellte. Maslow wurde zu ihrer Galionsfigur; 1968 war er zudem Präsident der American Psychological Association, der größten Fachvereinigung seines Faches — ein Zeichen dafür, dass seine Ideen, so unkonventionell sie waren, im Zentrum der Disziplin ankamen. Schon bald jedoch erschien ihm auch die humanistische Psychologie nicht mehr weit genug. Gemeinsam mit dem Psychologen Anthony Sutich und dem Psychiater stanislav-grof gehörte Maslow zu den Initiatoren einer „vierten Kraft", der transpersonalen Psychologie, die ausdrücklich die spirituellen, mystischen und über das individuelle Ich hinausreichenden Dimensionen des Bewusstseins zum Gegenstand machen wollte. Das von diesem Kreis getragene Journal of Transpersonal Psychology erschien erstmals 1969 — wenige Monate vor Maslows Tod. Dass derselbe Mann, der seine Laufbahn im Affenlabor des Behaviorismus begonnen hatte, an der Gründung einer Psychologie der Transzendenz beteiligt war, ist eine der bemerkenswertesten geistigen Entwicklungen des Faches im 20. Jahrhundert.

Die Bedürfnishierarchie

Der populärste — und zugleich am häufigsten missverstandene — Beitrag Maslows ist seine Bedürfnishierarchie. Erstmals formulierte er sie 1943 in dem Aufsatz „A Theory of Human Motivation". Die Grundidee ist einfach: Menschliche Bedürfnisse ordnen sich nicht beliebig nebeneinander, sondern in einer Rangfolge, in der die elementareren Bedürfnisse tendenziell zuerst befriedigt sein müssen, ehe die höheren handlungsleitend werden. In ihrer klassischen Fassung umfasst die Hierarchie fünf Stufen:

In späteren Schriften erweiterte Maslow dieses Schema. Er schob kognitive Bedürfnisse (Wissen, Verstehen, Neugier) und ästhetische Bedürfnisse (Schönheit, Form, Ordnung) ein, und vor allem stellte er in den Spätschriften über die Selbstverwirklichung noch die Selbsttranszendenz — auf die weiter unten ausführlich einzugehen sein wird.

Hier ist ein verbreitetes Missverständnis zu korrigieren, das die Forschung wiederholt richtiggestellt hat: Die berühmte Darstellung der Hierarchie als Pyramide stammt nicht von Maslow selbst. In keinem seiner Texte findet sich diese Zeichnung; sie ist eine spätere didaktische Vereinfachung von Lehrbuch- und Managementautoren, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verselbständigte und Maslows Namen so eng anhaftet, dass kaum jemand sie noch hinterfragt. Maslow selbst betonte überdies, dass die Stufenfolge keineswegs starr sei: Die niederen Bedürfnisse müssten nicht restlos befriedigt sein, ehe die höheren wirksam werden; auch könne ein Mensch um eines höheren Wertes willen niedrigere Bedürfnisse zurückstellen — der Hungerkünstler, der Asket, der Märtyrer sind hierfür die klassischen Gegenbeispiele, die schon Maslow im Blick hatte. Die Pyramide suggeriert eine Mechanik, die der Begründer selbst so nie behauptet hat.

Ein weiterer wichtiger Unterschied innerhalb der Hierarchie ist der zwischen Mangelbedürfnissen (deficiency needs, kurz D-needs) und Wachstumsbedürfnissen (being needs, kurz B-needs). Die ersten — von den physiologischen bis zu den Wertschätzungsbedürfnissen — entstehen aus einem Mangel und verlieren ihre Antriebskraft, sobald sie gestillt sind; der Hunger schweigt, wenn man gegessen hat. Die Wachstumsbedürfnisse hingegen, allen voran die Selbstverwirklichung, verhalten sich umgekehrt: Sie wachsen, je mehr man ihnen folgt. Diese Unterscheidung zwischen Mangel und Sein zieht sich, wie sich zeigen wird, durch Maslows gesamtes Spätwerk und kehrt im Zentrum seiner Theorie der Gipfelerlebnisse wieder.

Selbstverwirklichung: das Studium der „besten" Menschen

Während die meiste Psychologie seiner Zeit von der Krankheit, der Störung, dem Defizit ausging, stellte Maslow eine entgegengesetzte Frage: Was kennzeichnet den seelisch gesündesten, am vollsten entwickelten Menschen? Er entschied sich für einen unkonventionellen Weg — er untersuchte nicht Patienten, sondern Personen, die ihm als außergewöhnlich gelungene Beispiele menschlicher Entwicklung erschienen. Dazu zählten historische Gestalten, die er aus Biografien und Schriften erschloss, ebenso wie lebende Menschen aus seinem eigenen Umkreis. Aus diesem Material destillierte er ein Bündel von Merkmalen, die er den selbstverwirklichten Menschen zuschrieb.

Zu diesen Merkmalen gehören unter anderem: eine ausgeprägte Realitätsnähe und die Fähigkeit, Menschen und Situationen unverzerrt wahrzunehmen; die Annahme seiner selbst und anderer ohne übertriebene Schuld oder Abwehr; Spontaneität und Natürlichkeit; eine Problemzentriertheit, bei der die Aufmerksamkeit eher einer Aufgabe oder Berufung als dem eigenen Ego gilt; ein Bedürfnis nach Autonomie und ein gewisses Maß an Unabhängigkeit von der Meinung der Umwelt; die Fähigkeit zur frischen Wahrnehmung, bei der das Gewöhnliche immer wieder neu und staunenswert erscheint; ein tiefes Gemeinschaftsgefühl (Maslow benutzte hierfür den deutschen Ausdruck Gemeinschaftsgefühl, den er von Alfred Adler übernahm) — eine umfassende, fast verwandtschaftliche Verbundenheit mit der Menschheit; und schließlich die auffallende Häufigkeit von Gipfelerlebnissen.

Gerade an diesem letzten Punkt setzt Maslows eigenständigster Gedanke an. Denn er beobachtete, dass die von ihm untersuchten „besten" Menschen nicht nur tüchtiger, autonomer und kreativer waren, sondern dass viele von ihnen über Augenblicke höchster Erfülltheit, über plötzliche Momente des Einsseins und der Ehrfurcht berichteten — Erfahrungen, die in ihrer Struktur den Berichten der religiösen Mystiker auffallend ähnelten. Die Selbstverwirklichung war für Maslow daher nicht nur eine Frage der Leistung und Reife, sondern stand in einem inneren Zusammenhang mit der Fähigkeit, sich für solche Augenblicke der Transzendenz zu öffnen. Wer sich selbst verwirklicht, so seine Vermutung, gewinnt damit auch einen leichteren Zugang zu jenen seltenen Spitzen der Erfahrung, in denen das eigene Ich für einen Moment durchsichtig wird — eine Berührung mit dem, was die Tradition das Zeugenbewusstsein genannt hat, jenes stille Gewahrsein hinter allen Inhalten des Erlebens.

Gipfelerlebnisse: die Demokratisierung der Mystik

Im Zentrum von Maslows Beitrag zur vergleichenden Spiritualität steht der Begriff des Gipfelerlebnisses (peak experience). Gemeint sind vorübergehende, oft nur Sekunden oder Minuten währende Augenblicke höchster Erfülltheit, in denen der Mensch Ehrfurcht, Wunder, ein überwältigendes Gefühl der Einheit, eine Auflösung der gewohnten Ich-Grenzen und ein Erlebnis der Zeitlosigkeit empfindet. In solchen Momenten, so Maslow, erscheinen Subjekt und Objekt, Beobachter und Welt nicht mehr getrennt; das Erleben ist von einer Qualität der Vollständigkeit, der Schönheit und der Sinnhaftigkeit durchdrungen, die sich der gewöhnlichen Sprache entzieht.

Um diesen besonderen Wahrnehmungsmodus zu fassen, prägte Maslow ein Begriffspaar, das unmittelbar an die oben genannte Unterscheidung von Mangel und Sein anknüpft. Im Gipfelerlebnis nimmt der Mensch die Welt im Modus des Sein-Erkennens wahr — Maslow nennt es B-cognition (Being-cognition) — und nicht mehr im Modus des Mangel-Erkennens, der D-cognition (Deficiency-cognition). Im gewöhnlichen Mangel-Erkennen sieht der Mensch die Dinge unter dem Gesichtspunkt seiner Bedürfnisse, Zwecke und Ängste: nützlich oder nutzlos, bedrohlich oder ungefährlich, Mittel zu einem Ende. Im Sein-Erkennen dagegen wird der Gegenstand um seiner selbst willen wahrgenommen, vollständig, zwecklos, in seiner ganzen Eigenwirklichkeit — eine Wahrnehmung, die strukturell der interesselosen Anschauung der ästhetischen Tradition ebenso nahesteht wie der kontemplativen Schau der Mystiker. Diese Aufhebung des bewertenden, zweckorientierten Blicks weist eine deutliche Verwandtschaft mit dem auf, was die Religionen über die Loslösung vom begehrenden Ich gelehrt haben — bis hin zu die Ausloeschung des Ich in der mystischen Tradition.

Der vielleicht folgenreichste Zug an Maslows Theorie ist, dass er die mystische Erfahrung gleichsam demokratisierte. Wo die religiösen Traditionen das Gipfelerlebnis dem Heiligen, dem Erleuchteten, dem Begnadeten vorbehalten und in ein dichtes Netz aus Lehre, Ritus und Disziplin eingebunden hatten, behauptete Maslow: Solche Erfahrungen sind grundsätzlich allen Menschen möglich und an keine einzelne Religion gebunden. Sie ereignen sich beim Anblick einer Berglandschaft, beim Hören von Musik, in der Liebe, bei der Geburt eines Kindes, in der schöpferischen Arbeit ebenso wie im Gebet. Die mystische Erfahrung war damit nicht länger das Eigentum einer religiösen Institution, sondern eine universale Möglichkeit der menschlichen Natur. Dieser Gedanke knüpft an eine Linie an, die von der Religionspsychologie um die Jahrhundertwende bis in die Gegenwart der Bewusstseinsforschung reicht; er berührt sich mit den Beobachtungen über kosmisches Bewusstsein ebenso wie mit den modernen Untersuchungen über veränderte Bewusstseinszustände — von den Studien über die psychedelische Erfahrung bis zu den neurowissenschaftlichen Befunden über das Default Mode Network, jenes Netzwerk des ruhenden Gehirns, dessen Herabregelung in mystischen und psychedelischen Zuständen mit dem Verblassen des Ich-Gefühls einhergeht.

In seinem Buch „Religions, Values, and Peak-Experiences" (1964) zog Maslow die religionsgeschichtliche Konsequenz aus diesem Ansatz. Seine These lautet: Am Anfang jeder großen Religion stehe das Gipfelerlebnis ihres Stifters — die unmittelbare, überwältigende Erfahrung des Heiligen, die Mose am brennenden Dornbusch, der Buddha unter dem Bodhi-Baum, der Prophet in der Höhe ergriffen habe. Die Religionen als historische Gebilde — mit ihren Dogmen, Hierarchien, Riten und Schriften — seien demgegenüber spätere Institutionalisierungen jenes ursprünglichen Erlebens: Versuche, das Unsagbare in eine weitergebbare Form zu gießen, die jedoch fast unvermeidlich erstarre und sich vom lebendigen Kern entferne. In diesem Zusammenhang führte Maslow die — durchaus zugespitzte und kritisierte — Unterscheidung zwischen peakers und non-peakers ein: zwischen jenen Menschen, die für Gipfelerlebnisse empfänglich sind, und jenen, die sie verdrängen, fürchten oder leugnen. Die zweite Gruppe verortete er nicht zufällig in den verwaltenden, ordnungsbewahrenden Schichten der Religionen — eine implizite Spannung zwischen dem mystischen Erleben und der religiösen Institution, die Maslow mit einer langen Tradition der Mystikforschung teilt.

Plateau-Erlebnisse: die ruhige Höhe

Maslows letzte Lebensjahre standen im Zeichen einer wichtigen Differenzierung. 1967 erlitt er einen schweren Herzinfarkt; das nahe Erleben des Todes und die Jahre der eingeschränkten Lebenskraft, die folgten, veränderten den Ton seines Denkens. In dieser Zeit prägte er den Begriff des Plateau-Erlebnisses (plateau experience) als Gegenstück zum Gipfelerlebnis.

Während das Gipfelerlebnis stürmisch, plötzlich, überwältigend und von kurzer Dauer ist — eine emotionale Explosion, die ebenso rasch wieder verebbt —, beschreibt das Plateau-Erlebnis einen ruhigeren, dauerhafteren und eher kontemplativen Zustand. Es ist weniger ekstatisch und mehr von einer stillen, gelassenen Klarheit getragen; es ist stärker willentlich und kognitiv, das heißt: bewusster herstellbar und eher von einer durchdrungenen Einsicht als von einer affektiven Woge bestimmt. Maslow beschrieb das Plateau-Erlebnis als einen Zustand, in dem die Welt beständig im Licht des Heiligen, des Wunderbaren und des Kostbaren erscheint, ohne dass es des dramatischen Ausbruchs bedürfte — ein „dauerhaftes und eher beschauliches Bewusstsein" der Sein-Werte. Manche Deuter haben darin eine Annäherung an das gesehen, was die kontemplativen Traditionen unter dem gereiften, gefestigten geistigen Zustand verstehen: nicht die einmalige Ekstase, sondern die stabile Höhe, auf der man sich dauerhaft einrichten kann. In dieser Verschiebung von der ekstatischen Spitze zur ruhigen Höhe liegt eine Reife des Spätwerks, die manche an die Bewegung mancher mystischen Wege vom „Rausch" zur „Nüchternheit" erinnert hat.

Selbsttranszendenz: die vergessene Spitze der Hierarchie

Die folgenreichste Revision seiner eigenen Theorie nahm Maslow in den letzten Jahren vor seinem Tod 1970 vor. In den Spätschriften — darunter der postum 1971 erschienene Band „The Farther Reaches of Human Nature" — stellte er über die Selbstverwirklichung, die jahrzehntelang als die höchste Stufe seiner Hierarchie gegolten hatte, eine weitere Stufe: die Selbsttranszendenz (self-transcendence), das Überschreiten des eigenen Selbst.

Maslow erkannte, dass die Selbstverwirklichung, so wertvoll sie ist, noch immer auf das Individuum, auf die Vervollkommnung der eigenen Person bezogen bleibt — sie ist gleichsam der Gipfel des Ich. Doch die von ihm beobachteten reifsten Menschen, und mehr noch die mystischen und religiösen Berichte, wiesen über diesen Gipfel hinaus: hin zu einem Zustand, in dem das Ich selbst nicht mehr der Mittelpunkt ist, in dem der Mensch sich einer Sache, einem anderen, dem Ganzen, dem Heiligen hingibt und darin über die Grenzen der eigenen Person hinausgeht. Diese höchste Stufe — Selbsttranszendenz — beschreibt das Streben, im Dienst an etwas Größerem das eigene Selbst zu überschreiten und gerade darin seine tiefste Erfüllung zu finden. Es ist bezeichnend, dass diese Krönung von Maslows Werk in den populären Pyramidendarstellungen fast durchweg fehlt: Sie endet dort mit der Selbstverwirklichung, als wäre der Mensch in der vollendeten Persönlichkeit am Ziel — während Maslow selbst über dieses Ziel noch hinausgewiesen hatte.

Mit dem Konzept der „Theory Z" fügte Maslow dieser Spätentwicklung einen weiteren Baustein hinzu. Der Name spielt auf die berühmten Führungstheorien „Theory X" und „Theory Y" des Managementdenkers Douglas McGregor an; Maslows „Theory Z" beschreibt eine Stufe der Motivation und der Persönlichkeit, die von den Sein-Werten und der Selbsttranszendenz geprägt ist — Menschen, die ihre Erfüllung nicht mehr im Mangel und nicht einmal mehr in der eigenen Vervollkommnung suchen, sondern in der Hingabe an überpersönliche Werte. In dieser Spätphilosophie nähert sich Maslow am weitesten den Anliegen der transpersonalen Psychologie, die er mitbegründet hatte; sie bildet die Brücke von seiner Motivationstheorie zu jener „vierten Kraft", die das über das Ich hinausreichende Bewusstsein zum Gegenstand der Wissenschaft erheben wollte.

Vergleichende Perspektive: das Gipfelerlebnis und die Traditionen

Maslows Begriff des Gipfelerlebnisses steht nicht für sich allein, sondern reiht sich in eine ganze Familie verwandter Begriffe ein, mit denen Religionswissenschaft, Philosophie und Psychologie das Phänomen der außergewöhnlichen, einheitsstiftenden Erfahrung zu fassen versucht haben. Der vergleichende Blick zeigt sowohl die Stärke als auch die Problematik von Maslows Verallgemeinerung.

Die religionspsychologische Linie: James, Bucke, Otto

Maslow steht in der Tradition der religionspsychologischen Erforschung der mystischen Erfahrung, wie sie William James in seinem klassischen Werk über die Vielfalt religiöser Erfahrung begründet hatte. James' Bestimmung der mystischen Erfahrung durch ihre Unsagbarkeit, ihren Erkenntnischarakter, ihre Flüchtigkeit und ihre Passivität ist der unmittelbare Vorläufer von Maslows Beschreibung des Gipfelerlebnisses — bis hin zu der Überzeugung, dass solche Erfahrungen über die Konfessionsgrenzen hinweg einen gemeinsamen Kern besitzen. Auch der Begriff der kosmischen Erfahrung, den der Psychiater Richard Maurice Bucke geprägt hatte — ein plötzliches Aufleuchten eines umfassenderen, in das All eingebetteten Gewahrseins —, ist eng mit Maslows Gipfelerlebnis verwandt und ein direkter Bezugspunkt für das, was die Tradition unter kosmisches Bewusstsein versteht.

Eine weitere wichtige Parallele ist der Begriff des Numinosen bei dem Religionswissenschaftler Rudolf Otto. Otto beschrieb das Heilige als ein mysterium tremendum et fascinans — ein Geheimnis, das zugleich erschauern lässt und unwiderstehlich anzieht. Die Ehrfurcht (englisch awe), die Maslow ins Zentrum des Gipfelerlebnisses stellt, ist strukturell genau diese ambivalente Berührung mit einer überwältigenden Wirklichkeit. Der entscheidende Unterschied liegt im Rahmen: Otto deutete das Numinose als die Erfahrung einer realen, transzendenten heiligen Wirklichkeit; Maslow dagegen behandelte das Gipfelerlebnis bewusst als ein psychologisches Phänomen der menschlichen Natur, ohne über die Frage zu entscheiden, ob ihm eine metaphysische Realität entspricht — eine methodische Zurückhaltung, die ihn vom Religionswissenschaftler unterscheidet.

Der Flow-Zustand: Csíkszentmihályi

Eine zeitlich spätere, doch eng verwandte Parallele bietet der Begriff des Flow, den der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi geprägt hat: jener Zustand völligen Aufgehens in einer Tätigkeit, in dem das Ich-Bewusstsein zurücktritt, das Zeitgefühl sich verändert und Handeln und Gewahrsein zu einer Einheit verschmelzen. Der Flow-Zustand teilt mit dem Gipfelerlebnis die Ich-Entgrenzung und die Zeitlosigkeit; er ist jedoch in der Regel weniger ekstatisch, stärker an eine konkrete, anforderungsreiche Tätigkeit gebunden und herstellbarer. Manche Deuter haben den Flow eher als Verwandten von Maslows ruhigerem Plateau-Erlebnis gelesen denn als Gegenstück zum stürmischen Gipfel — eine Zuordnung, über die die Forschung bis heute nicht abschließend einig ist.

Die mystischen Traditionen: fanāʾ, mokṣa, die Ich-Entgrenzung

Am weitesten reicht der Vergleich dort, wo Maslows Selbsttranszendenz auf die klassischen Begriffe der religiösen Mystik trifft. Im die Ausloeschung des Ich — im arabischen Begriff fanāʾ (wörtlich: Vergehen, Auslöschung) der islamischen Mystik — beschreibt das „Vergehen" des Ich in Gott einen Zustand, in dem das begehrende, selbstbezogene Ich erlischt und nur noch das Göttliche bleibt. Im indischen Begriff mokṣa (Befreiung; Sanskrit, die Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten) bezeichnet die hinduistische Tradition die endgültige Befreiung, in der das individuelle Selbst seine Sonderexistenz überschreitet. In vielen Traditionen kehrt das Motiv der Ich-Entgrenzung wieder — jener Aufhebung der Grenze zwischen Selbst und Welt, die auch Maslow als Kernmerkmal des Gipfelerlebnisses benennt. Strukturell lässt sich Maslows Selbsttranszendenz als der psychologische Statthalter eben dieser mystischen Zielbegriffe lesen; sie übersetzt das religiöse Ideal der Selbstüberschreitung in die nüchterne Sprache der Motivations- und Persönlichkeitspsychologie.

Hier liegt jedoch auch der kritische Einwand, der unten noch zu vertiefen ist. Indem Maslow fanāʾ, mokṣa, das Numinose, die kosmische Erfahrung, den Flow und das eigene Gipfelerlebnis unter einen gemeinsamen Begriff stellt, behauptet er implizit, dass es sich im Kern um dieselbe Erfahrung handle, nur verschieden gedeutet. Die vergleichende Religionswissenschaft hat dieser Gleichsetzung mit gutem Grund widersprochen: Die Auslöschung des Ich in einem persönlichen Gott (fanāʾ) und die Auflösung in einem unpersönlichen Absoluten oder in der Leere sind nicht ohne weiteres dieselbe Erfahrung; der religiöse Rahmen, die Lehre und die Praxis, in die eine Erfahrung eingebettet ist, prägen ihren Gehalt mit. Maslows demokratisierende Verallgemeinerung gewinnt an universaler Reichweite, was sie an traditionsspezifischer Schärfe verliert.

Kritik und Grenzen

So weitreichend Maslows Einfluss war, so deutlich sind die methodischen Grenzen seines Werkes, die von der wissenschaftlichen Psychologie ebenso wie von der vergleichenden Religionswissenschaft benannt worden sind.

Der erste und gravierendste Einwand betrifft die schmale empirische Basis. Maslows Theorie der Selbstverwirklichung beruht nicht auf kontrollierten Studien an repräsentativen Stichproben, sondern auf einer kleinen, von ihm selbst nach unklaren Kriterien ausgewählten Gruppe von Personen. Die Auswahl der „selbstverwirklichten" Vorbilder ist subjektiv: Maslow entschied auf der Grundlage seines eigenen Urteils, wer als Beispiel gelungener menschlicher Entwicklung gelten dürfe — ein Verfahren, das den Zirkelschluss kaum vermeidet, denn die Merkmale, die er an seinen Vorbildern fand, hatte er bei der Auswahl bereits implizit vorausgesetzt.

Eng damit verbunden ist der Vorwurf einer ethnozentrischen und elitären Schlagseite. Maslows Vorbilder waren überwiegend westliche, gebildete, oft männliche Personen seines eigenen kulturellen Horizonts; die Werte, die er als Merkmale der Selbstverwirklichung beschreibt — Autonomie, Individualität, Selbstausdruck —, tragen unverkennbar die Handschrift eines bestimmten, nämlich des individualistischen westlichen Menschenbildes. Die neuere Forschung hat diese Verzerrung mit dem Schlagwort der WEIRD-Schlagseite benannt (ein Akronym für Western, Educated, Industrialized, Rich, Democratic): Befunde, die an westlichen, gebildeten, industrialisierten, wohlhabenden und demokratischen Gesellschaften gewonnen wurden, lassen sich nicht ohne weiteres zur Aussage über „den Menschen" überhaupt verallgemeinern. Maslows Individualismus — die Annahme, das höchste Ziel des Menschen sei die Entfaltung des einzelnen Selbst — ist gerade aus der Sicht stärker gemeinschaftsorientierter Kulturen keineswegs selbstverständlich.

Ein dritter Einwand, der oben bereits berührt wurde, betrifft die Gleichsetzung sehr verschiedener Erfahrungen unter dem einen Begriff des Gipfelerlebnisses. Indem Maslow die mystische Erfahrung der unterschiedlichsten Traditionen, den ästhetischen Genuss, das Liebeserlebnis und den schöpferischen Augenblick unter einer Kategorie zusammenfasst, läuft er Gefahr, gerade die Unterschiede einzuebnen, auf die es den Traditionen ankommt. Die Forschung ist sich uneins, ob hinter all diesen Phänomenen tatsächlich ein gemeinsamer psychologischer oder gar neuronaler Kern liegt, oder ob Maslows Begriff eine vorschnelle Vereinheitlichung vornimmt, die mehr verdeckt als erklärt.

Schließlich ist auf eine gewisse begriffliche Unschärfe hinzuweisen, die Maslows Texten insgesamt eigen ist. Seine Schlüsselbegriffe — Selbstverwirklichung, Gipfelerlebnis, Sein-Werte — sind suggestiv und anschaulich, aber selten so präzise definiert, dass sie sich einer strengen empirischen Prüfung unterziehen ließen. Diese Offenheit hat zur breiten Wirkung seiner Ideen beigetragen, sie zugleich aber für die exakte Forschung schwer fassbar gemacht.

Trotz dieser Einwände ist Maslows Einfluss kaum zu überschätzen. Seine Ideen wurden zum Fundament der Positiven Psychologie, die seit der Jahrtausendwende das wissenschaftliche Studium des seelischen Gedeihens, des Glücks und der menschlichen Stärken betreibt — wenn auch mit erheblich strengeren methodischen Ansprüchen, als Maslow sie erfüllte. In der Managementlehre und Organisationspsychologie wurde die Bedürfnishierarchie zu einem der meistzitierten Modelle überhaupt, oft in der vereinfachten Pyramidenform, die nicht von Maslow stammt. Und in der spirituellen Populärkultur des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts lieferte Maslow das begriffliche Gerüst, mit dem unzählige Ratgeber, Coaching-Programme und spirituelle Bewegungen das Streben nach „Selbstverwirklichung" und „Gipfelerlebnissen" zum Ziel des guten Lebens erklärten. Dass Maslow am Ende über die Selbstverwirklichung hinaus auf die Selbsttranszendenz gewiesen hatte, ist dabei meist verlorengegangen — eine Ironie, die die Spannung zwischen dem Denker und seiner populären Rezeption auf den Punkt bringt.

Fazit

Abraham Maslow nimmt in der Geschichte der Psychologie eine eigentümliche Doppelstellung ein. Als Begründer der humanistischen und Mitbegründer der transpersonalen Psychologie hat er die Disziplin um eine Dimension erweitert, die Behaviorismus und Psychoanalyse ausgeklammert hatten: um die Frage nach dem seelisch Gesunden, dem Gedeihenden, dem über sich selbst Hinausstrebenden. Mit der Bedürfnishierarchie schuf er eines der bekanntesten Modelle der Motivationspsychologie überhaupt — auch wenn die berühmte Pyramide nicht von ihm stammt und seine Theorie weit beweglicher war, als sie suggeriert. Mit dem Begriff der Selbstverwirklichung lenkte er den Blick auf die höchsten Entfaltungsmöglichkeiten des Menschen.

Sein bleibendster Beitrag zur vergleichenden Spiritualität aber liegt im Begriff des Gipfelerlebnisses und in dessen Demokratisierung: in der Behauptung, dass die mystische Erfahrung — Ehrfurcht, Einheit, Ich-Entgrenzung, Zeitlosigkeit — kein Privileg religiöser Virtuosen, sondern eine universale Möglichkeit der menschlichen Natur ist, die sich der wissenschaftlichen Beobachtung erschließt. Dass er die historischen Religionen als spätere Institutionalisierungen der ursprünglichen Gipfelerlebnisse ihrer Stifter deutete, brachte das mystische Erleben und die religiöse Institution in eine produktive Spannung, die bis heute nachwirkt. Und mit der späten Wendung von der Selbstverwirklichung zur Selbsttranszendenz hat Maslow noch über sein eigenes, scheinbar individualistisches System hinausgewiesen — auf jenen Punkt, an dem die Psychologie die Schwelle zur Spiritualität berührt.

Maslows Grenzen — die schmale empirische Basis, die subjektive und elitäre Auswahl seiner Vorbilder, die WEIRD-Schlagseite, die vorschnelle Gleichsetzung verschiedener Erfahrungen — sind real und von der Forschung mit Recht benannt worden. Doch sie heben seinen historischen Rang nicht auf. Maslow bleibt die Figur, die der akademischen Psychologie die Tür zur mystischen Erfahrung wieder geöffnet hat, ohne sie einer einzelnen Religion auszuliefern; und sein Werk markiert eine der wichtigsten Brücken zwischen der nüchternen Wissenschaft vom Menschen und der jahrtausendealten Erfahrung der Traditionen vom Überschreiten des Ich.