Esse (Thomas von Aquin)
Das Sein-Handeln (esse) in der Ontologie des Aquin und die Bestimmung Gottes als 'das von sich aus bestehende Sein' (ipsum esse subsistens); eine scholastische Lehre, die eine strukturelle Parallele zum Absoluten Sein (Wudschûd-i Mutlaq) des Sufismus zeigt.
Definition
Esse (lateinisch: sein, existieren) ist der zentrale Begriff in der Ontologie des Thomas von Aquin (1225–1274). Einerseits bedeutet es das Akt des Seins (actus essendi) in der Schöpfung — der Akt, der die Tatsache begründet, dass die Dinge existieren; andererseits ist es, wenn von Gott die Rede ist, Gott selbst: Mit Aquins berühmtem Ausdruck wird Gott als ipsum esse subsistens (das von sich aus bestehende Sein selbst) und actus purus (reiner Akt) bestimmt.
Dieser Begriff bildet als der tragende Pfeiler von Aquins Summa Theologiae (1265–1274) und als Hauptthese von De Ente et Essentia (Über das Seiende und das Wesen, 1252–1256) die philosophische Grundlage der christlichen Theologie. Étienne Gilsons Werke Being and Some Philosophers (1949) und The Christian Philosophy of St. Thomas Aquinas (1956) brachten die Esse-Lehre aus Sicht der modernen Philosophie wieder ans Licht; Brian Davies' The Thought of Thomas Aquinas (1992) hingegen begründete das thomistische Denken innerhalb der analytischen Philosophietradition neu.
Auf der vergleichenden Landkarte des WeisheitsTagebuchs ist das Esse ein zentraler ontologischer Begriff, der eine strukturelle Parallele zum Begriff des Absoluten Seins (Wudschûd-i Mutlaq) innerhalb der Lehre der Vahdet-i Vücud (Einheit des Seins) trägt (dem wâdschib al-wudschûd Avicennas und dem Wudschûd Ibn Arabîs); er ist offen für den Dialog mit dem Sat (reines Sein) der hinduistischen Vedanta und dem Einen (to Hen) Plotins.
Historischer und doktrinärer Hintergrund
Aquins Leben und Kontext
Thomas von Aquin wurde 1225 in der Grafschaft Aquino bei Roccasecca geboren. In jungen Jahren wurde er im Benediktinerkloster Monte Cassino erzogen; 1239 entdeckte er an der Universität Neapel zum ersten Mal die metaphysischen Werke des Aristoteles — besonders die neu aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzten. 1244 trat er (gegen den heftigen Widerstand seiner Familie) in den neu gegründeten Dominikanerorden ein und arbeitete im folgenden Jahrzehnt in Paris und Köln als Schüler des Albertus Magnus.
Aquins philosophisch-theologische Laufbahn vollzog sich inmitten der zwei großen intellektuellen Revolutionen der lateinisch-christlichen Welt des 13. Jahrhunderts:
- Die Wiederentdeckung des Aristoteles: Durch Übersetzungen aus der byzantinischen und der arabisch-islamischen Welt gelangte das Gesamtwerk des Aristoteles zum ersten Mal vollständig in den lateinischen Westen.
- Der Einfluss der arabisch-islamischen Philosophie: Die lateinischen Übersetzungen von Ibn Sînâ (Avicenna), Ibn Ruschd (Averroes) und al-Ghazâlî erschütterten die Universität Paris.
Wie David B. Burrells Werk Aquinas and the Arabs (2010) zeigt, hat sich Aquins Esse-Lehre in tiefem Dialog mit diesem arabisch-islamischen Erbe geformt.
Von Avicenna zu Aquin: Die Wesen-Sein-Unterscheidung
Wie Daniel D. De Haans Arbeit 'Avicenna and Aquinas: Essence, Existence, and the Esse of Christ' (2014) darlegt, ist Aquins zentrale metaphysische Bewegung — die reale Unterscheidung zwischen Wesen (essentia) und Sein (esse) — unmittelbar von Ibn Sînâ ererbt.
Ibn Sînâ unterscheidet im metaphysischen Teil (al-Ilâhiyyât) des Kitâb asch-Schifâʾ folgendermaßen:
- Mâhîya (Wesen, quidditas): Was ein Ding ist — die Definition "Mensch".
- Wudschûd (Sein, existentia): die Tatsache, dass ein Ding existiert.
Nach Ibn Sînâ sind in allem Erschaffenen Wesen und Sein real verschieden — das heißt, es besteht nicht bloß eine begriffliche, sondern eine ontologische Verschiedenheit. Das Wesen "Mensch" schließt für sich genommen das "Existieren" nicht ein; das Sein wird von außen hinzugefügt. Allein im wâdschib al-wudschûd (dem notwendig Existierenden, Gott) sind Wesen und Sein identisch: Das Wesen Gottes ist Sein.
Aquin übernahm diese grundlegende Einsicht im 4. und 5. Kapitel von De Ente et Essentia als Grundlage der christlichen Theologie. Mit seinen Worten: "In Gott sind Wesen und Existieren dasselbe; im Erschaffenen aber sind Wesen und Existieren verschieden." Diese Unterscheidung ist in Aquins Summa Theologiae Ia.q.3.a.4 die Grundlage des Beweises der Einfachheit Gottes (simplicitas).
Die drei Bedeutungen des Esse
In Gilsons systematischer Analyse lassen sich drei Ebenen des Esse bei Aquin unterscheiden:
(1) Esse commune — Sein im allgemeinen Sinne. Ein abstrakter Begriff, der auf jedes existierende Ding anwendbar ist.
(2) Esse essentiae — das Sein des Wesens; die Existenz dessen, was ein Ding ist.
(3) Actus essendi / Esse ut actus — Sein-als-Akt; die aktuale Dimension des Existierens. Dies ist Aquins eigentümlicher Beitrag: Das Sein ist kein Name oder eine Form, sondern der grundlegendste Akt.
Konzeptuelle Analyse
Ipsum Esse Subsistens
Aquins Formel der Gotteslehre, ipsum esse subsistens, trägt in all ihren drei Wörtern dichte Bedeutungen:
- Ipsum: Selbst; nicht von einem anderen empfangen, nicht entliehen.
- Esse: der Akt des Existierens.
- Subsistens: das aus sich selbst Bestehende, das nicht in einem anderen vorkommt.
Im Ganzen: "Der Akt des Existierens selbst, der als er selbst besteht." Diese Formel ist die philosophische Entfaltung der Übersetzung des Ausdrucks "Ich bin, der ich bin" (אֶהְיֶה אֲשֶׁר אֶהְיֶה, ehyeh asher ehyeh) in Exodus 3,14 als "ego sum qui sum" in der lateinischen Vulgata. Aquin glaubt, dass Exodus 3,14 sagt, das metaphysische Wesen Gottes sei das Sein selbst.
Actus Purus — Reiner Akt
Wenn Aquin die aristotelische Unterscheidung zwischen potentia (Vermögen, Möglichkeit) und actus (Akt, Wirklichkeit) auf Gott anwendet, so sagt er, dass Gott reiner Akt ist — das heißt, in Gott gibt es keine unverwirklichte Möglichkeit, alles ist ewig verwirklicht. Dies ist die Formel, die die absolute Einfachheit, Unveränderlichkeit, Ewigkeit und Unbegrenztheit mit einem Mal begründet.
Der actus purus trennt sich an einem entscheidenden Punkt von Plotins Bestimmung des Einen als Jenseits-des-Seins (epekeina tēs ousias): Für Plotin ist das Eine jenseits des Seins; für Aquin ist Gott das Sein selbst. Dieser Unterschied zeigt die Spannung zwischen der apophatischen Betonung der klassischen mystischen Theologie (Pseudo-Dionysius, Eckhart) und der kataphatischen Struktur der scholastischen Theologie.
Die Fünf Wege (Quinque Viae)
Die "Fünf Wege" (die Beweise für das Dasein Gottes), die Aquin in der Summa Theologiae Ia.q.2.a.3 darlegt, sind unmittelbare Anwendungen der Esse-Lehre:
- Ex motu (vom Bewegen aus): Alles, was sich bewegt, wird von einem anderen bewegt; der erste Beweger ist Gott.
- Ex causa efficienti (von der Wirkursache aus): das erste Glied der Ursachenkette.
- Ex contingentia (vom Möglichen zum Notwendigen): Die möglichen Wesen erfordern ein notwendiges Wesen — der avicennische Beweis.
- Ex gradibus (von den Stufen aus): Die Stufen von besser-schlechter erfordern eine höchste Vollkommenheit.
- Ex fine (vom Zweck aus): Die Zweckgerichtetheit in der Natur verweist auf einen vernünftigen Lenker.
Der dritte Weg ist besonders bemerkenswert: "Es muss ein notwendiges Wesen geben, dessen Sein aus ihm selbst stammt" — dies ist der modal-logische Beweis des ipsum esse subsistens und ist unmittelbar von Ibn Sînâs Argument des wâdschib al-wudschûd inspiriert.
Die Lehre von der Analogie
Die Ergänzung von Aquins Esse-Lehre ist die Lehre von der analogia entis (Seinsanalogie). Zwischen der Schöpfung und dem Schöpfer ist "Sein" nicht eindeutig (univocum) (gegen Scotus) — zwischen Gott und seiner Schöpfung besteht ein unendlicher Unterschied; aber es ist zugleich auch nicht gleichlautend (aequivocum) — wäre es so, so eröffnete sich von der Schöpfung zu Gott kein Erkenntnisweg. Die richtige Antwort ist die Analogie: Die Schöpfung ist eine verhältnismäßige Spiegelung des Schöpfers.
Die analogia entis wurde von Karl Barth als 'Erfindung des Antichrist' verworfen; von Hans Urs von Balthasar hingegen als das metaphysische Herz der christlichen Kultur verteidigt.
Vergleichende Perspektive
Esse ↔ Absolutes Sein (Wudschûd-i Mutlaq, Ibn Arabî)
Die strukturelle Ähnlichkeit zwischen Aquins ipsum esse subsistens und Ibn Arabîs Lehre vom Absoluten Sein (Wudschûd-i Mutlaq) ist so tief, dass sie zu einer der Hauptfragen der vergleichenden Philosophie geworden ist. Wie William C. Chitticks Arbeiten The Sufi Path of Knowledge (1989) und The Sufi Doctrine of the Unity of Being (1994) zeigen:
| Aquins Esse | Ibn Arabîs Wudschûd |
|---|---|
| Ipsum esse subsistens — das von sich aus bestehende Sein | al-Wudschûd al-Mutlaq — das absolute und unbegrenzte Sein |
| Actus purus — reiner Akt, der keine Möglichkeit enthält | al-Wâdschib al-Wudschûd — das notwendig Existierende |
| Zwischen ihm und seiner Schöpfung die analogia entis | Mit der Schöpfung das Verhältnis der Einheit (vahdet): "Es gibt nichts von Ihm Getrenntes" |
| Das Esse in jedem Geschöpf durch Teilhabe (participatio) | Alle Existierenden sind Selbstoffenbarungen (taʿayyunât) des Wudschûd |
Ein wichtiger theologischer Unterschied: Aquin bleibt innerhalb der christlichen Orthodoxie und bewahrt sorgfältig den ontologischen Unterschied zwischen Schöpfung und Schöpfer (analogia entis); Ibn Arabî hingegen legt eine radikalere Betonung auf die Einheit des Seins (Vahdet-i Vücud) und wird von seinen Kritikern des Pantheismus beschuldigt — wenngleich moderne Ausleger (besonders Chittick) vertreten, dass dies ein Missverständnis sei.
Die begriffliche Nähe zwischen den beiden Systemen verweist auf eine gemeinsame Wurzel: Beide schöpfen aus Ibn Sînâs Unterscheidung zwischen wâdschib al-wudschûd und mumkin al-wudschûd.
Esse ↔ Sat (Vedanta)
In der hinduistischen Vedanta-Philosophie ist Sat (sanskrit: sat — sein, wirklich sein) das erste Element der Dreiheit Sat-Chit-Ananda (Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit) und bestimmt das Wesen des Brahman. In Shankaras Advaita-Vedanta zeigt Sat eine strukturelle Parallele zum thomistischen Esse:
- Brahman: ist als Sat reines Sein.
- Die Schöpfung (jagat): erscheint auf der Erscheinungsebene der Maya als existierend, ist aber in letzter Analyse nicht vom Brahman verschieden (advaita = Nicht-Zweiheit).
Ein entscheidender Unterschied zwischen der thomistischen analogia entis und Shankaras advaita: Für Aquin existiert die Schöpfung als wirklich (durch Teilhabe am Esse); für Shankara hingegen ist die gewöhnliche Welt in der letzten Wirklichkeit gleichsam nicht-seiend (mithyā). Dennoch erkennen beide Systeme die absolute Prinzipialität des reinen Seins gemeinsam an.
Esse ↔ Plotins Eines
Für Plotin ist das Eine jenseits des Seins (epekeina tēs ousias); für Aquin ist Gott das Sein selbst. Dieser grundlegende Unterschied zeigt, wie die christliche Theologie den neuplatonischen Apophatismus modifiziert.
Aquins Strategie: Er radikalisiert den Terminus 'Sein' (esse), anders als die plotinische ousia (Substanz). Für Plotin ist die ousia eine begrenzte Substanz; das Eine ist jenseits ihrer. Für Aquin ist das esse reiner Akt und enthält keinerlei Begrenzung; deshalb ist Gott als ipsum esse nicht 'jenseits' des Seins, sondern dessen Vollkommenheit.
Moderne Reflexionen
Étienne Gilson und der existentiale Thomismus
Étienne Gilson (1884–1978) ist derjenige, der im 20. Jahrhundert Aquins Esse-Lehre wieder zum Leben erweckte. In seinem Werk Being and Some Philosophers (1949) liest Gilson Aquin als den Gipfelpunkt der gesamten abendländischen Philosophiegeschichte: Aquin erfasst das Sein nicht als eine Form oder einen Begriff, sondern als Akt — dies ist eine Leistung jenseits von Platon, Aristoteles, Ibn Sînâ und sogar Hegel. Gilsons Deutung ist als existentialer Thomismus bekannt.
Brian Davies und der analytische Thomismus
Brian Davies (1951–) hingegen ist derjenige, der Aquin innerhalb der angloamerikanischen analytischen Philosophietradition wieder diskutierbar macht. In seinen Werken The Thought of Thomas Aquinas (1992) und The Reality of God and the Problem of Evil (2006) stellt er Aquin als Dialogpartner von Denkern wie Wittgenstein, Anscombe und Geach vor. Davies' analytischer Ansatz unterscheidet sich von Gilsons existentialer Deutung: Für Davies ist Aquins Esse-Lehre keine metaphysische Dichtung, sondern eine logisch-sprachliche Analyse.
Karl Rahner und der transzendentale Thomismus
Der Jesuitentheologe Karl Rahner (1904–1984) entwickelte, indem er Aquins Esse mit Kant und Heidegger synthetisierte, den 'transzendentalen Thomismus'. Nach Rahner ist der Mensch in jedem Akt der Erkenntnis bereits zum Esse offen — dies ist die Modernisierung des thomistischen intellectus agens (tätige Vernunft).
Heidegger und die Kritik der Ontotheologie
Martin Heidegger (1889–1976) kritisierte in Sein und Zeit (1927) und späteren Werken Aquin als ontotheologisch: Den ontologischen Unterschied (ontologische Differenz) zwischen Sein und Seiendem zu vernachlässigen, Gott als eine Art Seiendes zu behandeln. Die thomistische Antwort auf diese Kritik Heideggers vertritt, dass das esse auf derselben Ebene wie Heideggers Sein liege — dass also Aquin selbst den ontologischen Unterschied ausdrücke (David Burrell, Cornelio Fabro, Gustav Siewerth).
Zeitgenössische Debatten
Im 21. Jahrhundert kommt die Esse-Lehre in verschiedenen Bereichen erneut zur Sprache:
- Analytische Metaphysik: Edward Feser formuliert in seinem Werk Scholastic Metaphysics (2014) das thomistische Esse mit den Begriffen der modernen analytischen Philosophie neu.
- Vergleichende Philosophie: David Burrells Werk Knowing the Unknowable God (1986) liest Aquin, Ibn Sînâ und Maimonides um eine gemeinsame Esse-Lehre herum.
- Dialog mit der Prozesstheologie: Bemühungen, eine Brücke zwischen Whiteheads Prozessphilosophie und dem thomistischen Esse zu schlagen (Norris Clarke).
Kritik
1. Die scotistische Kritik
Johannes Duns Scotus (1265–1308) verwarf Aquins Lehre von der analogia entis und vertrat die univocitas entis (Eindeutigkeit des Seins): "Sein" drückt sowohl für Gott als auch für das Geschöpf denselben Begriff aus — andernfalls ist keine Erkenntnis über Gott möglich. Dies ist einer der historischen Ursprünge von Heideggers Kritik der 'Ontotheologie'.
2. Die nominalistische Kritik
Wilhelm von Ockham (1287–1347) und die Nominalisten verwarfen Aquins Wesen-Sein-Unterscheidung: Es gibt nur einzelne existierende Dinge; "Sein" ist keine gesonderte Wirklichkeit, sondern ein Name. Diese Kritik ist der Beginn der Zersetzung der thomistischen Synthese durch das Spätmittelalter.
3. Die reformatorische Kritik
Martin Luther (1483–1546) und Karl Barth (1886–1968) sahen die thomistische natürliche Theologie (besonders die Fünf Wege) als eine philosophische Verkehrung, die die christliche Offenbarung gefährdet. Barth nannte in der Kirchlichen Dogmatik die analogia entis "die Erfindung des Antichrist" — jeder Weg über Gott, der vom Menschen ausgeht, ist Götzendienst.
4. Die postmoderne Kritik
Jacques Derrida (1930–2004) und andere Postmoderne kritisierten die thomistische 'Metaphysik der Präsenz' (metaphysics of presence): Das ipsum esse subsistens ist eine logozentrische Struktur, die die Spannung von Sein und Nichts zugunsten der reinen Präsenz unterdrückt.
5. Die islamische Kritik
Aus Sicht der islamischen Theologie verletzt das thomistische Esse zwar nicht die Tauhîd (Einheit Gottes), bleibt aber problematisch, insofern es die Lehre von der Dreieinigkeit philosophisch stützt: Wie kann das einfache und absolute Esse zugleich in drei Personen (Vater, Sohn, Heiliger Geist) erscheinen? Dieses Problem wird von Ibn Arabî auf andere Weise — über die Asmâʾ (Namen) und Sifât (Eigenschaften) — gelöst.
6. Die zeitgenössische atheistische Kritik
Bertrand Russell, Antony Flew (der später Theist wurde) und die modernen Neuatheisten kritisierten die thomistischen Fünf Wege. Doch wie Edward Feser zeigen wird, zielen die meisten dieser Kritiken weniger auf Aquins eigentliche Argumente als auf deren populäre Zerrbilder.
Mystische Reflexionen des Esse
Aquin selbst war nicht nur ein scholastischer Philosoph, sondern zugleich ein tiefer Mystiker. 1273 hörte er nach einer Vision Gottes auf zu schreiben und sagte: "Im Vergleich zu dem, was mir eröffnet wurde, ist alles, was ich geschrieben habe, wie Stroh." Diese mystische Erfahrung zeigt, dass die Lehre vom ipsum esse subsistens keine bloß akademische Theorie ist, sondern das Bemühen, eine gelebte Wirklichkeit zu begrifflichen.
Meister Eckhart (1260–1328) hat als unmittelbarer Nachfolger Aquins (Dominikaner, an derselben Schule in Köln) die Esse-Lehre zur Lehre von der Gottheit (das Über-Gott-Hafte) gewandelt; die thomistische esse-essentia-Unterscheidung verwandelte sich bei Eckhart in die Unterscheidung zwischen Gott und Gottheit (das Wesen der Gottheit). Eckharts kühne Ausdrücke wie "Ich bitte Gott, dass er mich Gottes ledig mache" sind die mystische Radikalisierung der thomistischen Esse-Lehre — und Eckhart wurde deshalb 1329 teilweise verurteilt.
Schluss: Scholastischer Gipfel, vergleichende Kreuzung
Aquins Esse-Lehre ist eines der vollständigsten systematischen Meisterwerke der abendländischen Philosophie- und Theologiegeschichte. Die Formel ipsum esse subsistens lässt sich einerseits im Dialog mit der klassischen griechischen Ontologie (Plotin), dem hellenistisch-jüdischen Denken (Philon) und der arabisch-islamischen Philosophie (Ibn Sînâ, Ibn Arabî), andererseits als das Bemühen lesen, die christliche Offenbarung philosophisch zu begründen.
Auf der vergleichenden Landkarte des WeisheitsTagebuchs knüpft das Esse eine strukturelle Verbindung zu den Begriffen Absolutes Sein (Sufismus), Sat (Vedanta), das Eine (Plotin) und Sein (Heidegger). Die Spannung zwischen dem Anspruch der perennialistischen Philosophie (Schuon, Guénon) auf eine gemeinsame Wurzel und dem Anspruch der christlichen Orthodoxie auf Einzigartigkeit zeigt sich im Kontext der Esse-Lehre am deutlichsten.
Mit Aquins eigenen Worten: "Die Erkenntnis Gottes ist die höchste Glückseligkeit; doch in dieser Welt kann diese Erkenntnis nur auf dem negativen Weg (via remotionis) voranschreiten." Das Esse ist somit ebenso sehr ein Begriff wie ein Geheimnis; eine Kreuzung, die an der Grenze der systematischen Philosophie steht, dort, wo das mystische Schweigen beginnt.
Anhang: Aquins historischer Kontext
Aquins Esse-Lehre steht im Zentrum der intellektuellen Revolution des lateinischen Christentums des 13. Jahrhunderts. Diese Epoche ist durch drei große Wellen bestimmt.
Die arabisch-lateinische Übersetzungsbewegung (12.–13. Jahrhundert)
Im Laufe des 12. Jahrhunderts vollzog sich in Spanien (besonders Toledo) und Italien rasch die Übersetzung arabischer Werke ins Lateinische. Die Metaphysik, Physik, De Anima, Ethik, Politik und andere große Werke des Aristoteles gelangten zum ersten Mal vollständig in den Westen; diese Übersetzungen wurden von Ibn Sînâs Schifâʾ, Ibn Ruschds Aristoteles-Kommentaren, al-Ghazâlîs Maqâsid und anderen islamischen philosophischen Texten begleitet.
Unter den Übersetzern sind besonders Gerhard von Cremona (1114–1187), Michael Scotus (1175–1232) und Wilhelm von Moerbeke (1215–1286) — der ein unmittelbarer Mitarbeiter Aquins war — zu nennen. Moerbeke entdeckte, indem er für Aquin unmittelbar aus dem Griechischen übersetzte, dass der Liber de Causis in Wahrheit ein Werk des Proklos war.
Debatten an der Universität Paris
Die Universität Paris war im 13. Jahrhundert das Herz der lateinischen intellektuellen Welt. 1255 nahm die Artistenfakultät offiziell alle Werke des Aristoteles in den Lehrplan auf. Darauf folgten die Pariser Verbote von 1270 und 1277: Der Pariser Bischof Étienne Tempier verbot 219 Lehrsätze der radikalen aristotelischen Positionen, die als lateinischer Averroismus bekannt sind. Auch einige Positionen Aquins gerieten mittelbar in diese Verbote (1277 war Aquin bereits seit drei Jahren tot).
Aquin führte in diesem umstrittenen Umfeld das Bemühen an, Aristoteles mit dem christlichen Dogma zu versöhnen — die Summa Theologiae, die Summa Contra Gentiles, De Ente et Essentia und zahllose quaestiones disputatae sind die Bausteine dieser Synthese.
Die dominikanische Mission
Der Dominikanerorden (der 1216 gegründete Ordo Praedicatorum) war für intellektuelle Apologetik und Mission konzipiert. Die zwei großen Theologen des Ordens — Albertus Magnus und sein Schüler Aquin — wurden zu den Hauptarchitekten des philosophisch-theologischen Denkens der lateinisch-christlichen Welt gegenüber muslimischen, jüdischen und heidnischen Philosophen. Die Summa Contra Gentiles wurde besonders in diesem polemisch-apologetischen Kontext verfasst.
Anhang: Die Esse-Lehre und die Schöpfung
Aquins Esse-Lehre ist die philosophische Grundlage der Lehre von der creatio ex nihilo (Schöpfung aus dem Nichts). Dieser Punkt ist ein entscheidender Unterschied, der Aquin von der plotinischen Emanationslehre trennt.
Der Unterschied zwischen Emanation und Schöpfung
Plotinische Emanation: Aus dem Wesen des Einen fließt notwendig der Nous über; aus dem Nous fließt die Psyche über; usw. Dies ist ein natürliches und notwendiges Überfließen; das Eine wählt es nicht, es fließt schlicht über.
Aquins Schöpfung: Gott erschafft in absoluter Freiheit aus dem Nichts. Die Schöpfung ist ein Akt des Willens Gottes; vernünftig, aber nicht notwendig. Auch wenn Gott nicht erschüfe, bliebe er Gott; Gott erschafft willentlich.
Dieser Unterschied ist theologisch entscheidend: Im plotinischen System ist der Kosmos eine notwendige Verlängerung des Einen, existiert folglich ewig zusammen mit dem Einen. Im christlich-islamischen System ist der Kosmos von Gott ontologisch getrennt; er hat einen Anfang (wenn nicht in der Zeit, so doch in der ontologischen Abhängigkeit).
Die Participatio-Lehre
Aquin bestimmt das Verhältnis zwischen Schöpfung und Schöpfer mit dem Begriff der participatio (Teilhabe): Alle Geschöpfe existieren, indem sie am Esse teilhaben; sie sind nicht das Esse selbst, sondern haben Anteil an ihm. Dieser Begriff ist die deutliche Bekundung von Aquins platonischem Erbe; doch liest Aquin die platonischen Formen (universalia) in gemäßigt-realistischer Deutung — moderate realism.
Die Participatio-Lehre ist für Aquin die Hauptdarstellung der metaphysischen Struktur der Schöpfung: Gott ist als ipsum esse subsistens die reine Fülle des Esse; jedes Geschöpf hingegen besitzt ein begrenztes esse, und dieses begrenzte Esse ist von Gott entliehen — das Sein wird beständig von Gott aufrechterhalten (creatio continua).
Anhang: Esse und mystische Vereinigung
Obwohl Aquins System als eine strenge scholastische Philosophie wahrgenommen wird, besitzt es eine tief mystische Betonung. Diese Betonung wurde besonders von Aquins Nachfolgern entwickelt.
Meister Eckhart
Meister Eckhart (1260–1328) ist der glänzendste Denker des Dominikanerordens in der Zeit unmittelbar nach Aquin. Er wurde in Köln am selben studium generale erzogen, an dem Aquin ausgebildet wurde. Eckhart verwandelte Aquins Esse-Lehre in die Unterscheidung zwischen Gottheit und Gott:
- Gott: der im Kontext von Schöpfung, Offenbarung und Beziehung erscheinende Gott (der thomistische Deus).
- Gottheit: das Wesen Gottes, jenseits jeglicher Beziehungshaftigkeit — absolute Einfachheit und Stille (das apophatische 'Über-Gott-Hafte').
Eckharts Ausdruck "Ich bitte Gott, daß er mich Gottes ledig mache" ist der mystisch-radikale Ausdruck dieser Unterscheidung. In Eckharts Predigten wird als das mystische Pendant der Lehre vom ipsum esse subsistens die Stille und Fülle des esse als eine unmittelbar erfahrbare Wirklichkeit dargeboten.
Interessanterweise ist diese mystische Radikalisierung Eckharts unmittelbar parallel zu Ibn Arabîs Lehre vom Dhât: Das Dhât (das absolute Wesen) ist jenseits der Asmâʾ (Namen) und Sifât (Eigenschaften); die Gottheit ist jenseits der mit Gott gleichgesetzten Eigenschaften. Diese Parallele haben Henry Corbin und Toshihiko Izutsu systematisch aufgezeigt.
Johannes Tauler und Heinrich Seuse
Eckharts dominikanische Nachfolger Tauler (1300–1361) und Seuse (1295–1366) übertrugen Eckharts spekulative Mystik in die pastorale Praxis. Taulers Predigten beeinflussten später Martin Luther tiefgehend; Tauler ist eine Brückengestalt: derjenige, der Aquins Esse-Lehre in die vorreformatorische deutsche Mystik übertrug.
Die spanischen Karmeliten
Teresa von Ávila (1515–1582) und Johannes vom Kreuz (1542–1591) — die spanischen karmelitischen Mystiker — nutzten den thomistischen Rahmen für die mystische Theologie. Johannes' vom Kreuz Die dunkle Nacht der Seele und Der Aufstieg auf den Berg Karmel sind eine mystische Erweiterung der thomistischen via negativa; die Annäherung an Gott erfordert das Aufgeben aller begrenzten Erkenntnis.
Anhang: Esse und jüdisch-sufische vergleichende Philosophie
Im 12.–13. Jahrhundert war der Dialog zwischen der jüdischen, islamischen und christlichen Philosophie überaus lebendig. Aquin studierte drei große muslimische Denker unmittelbar: Ibn Sînâ, al-Ghazâlî, Ibn Ruschd. Zugleich las er den jüdischen Philosophen Moses Maimonides (Mûsâ ibn Maimûn, 1138–1204) — besonders sein Werk Dalâlat al-Hâʾirîn (Der Führer der Unschlüssigen) — eingehend.
David Burrells Werk Knowing the Unknowable God: Ibn Sina, Maimonides, Aquinas (1986) entdeckt die gemeinsamen metaphysischen Grundlagen dieser drei Denker. Alle drei:
- anerkennen die Lehre von der Identität von essentia und esse in Gott.
- bewahren den strengen ontologischen Unterschied zwischen Schöpfung und Schöpfer.
- stellen ein harmonisches Verhältnis zwischen der natürlichen Theologie und der Offenbarungstheologie her.
- vertreten, dass die Sprache über Gott auf dem Weg der Analogie oder des Negativen wirkt.
Doch sind auch die Unterschiede zwischen ihnen entscheidend: Maimonides verwirft die positiven Eigenschaften über Gott vollständig (absoluter Apophatismus); Ibn Sînâ wählt den mittleren Weg; Aquin entwickelt die reichste positive Theologie (analogia entis).
Anhang: Esse und zeitgenössische Philosophie
Die thomistische Esse-Lehre hat in der Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts verschiedene Wiederbelebungen erfahren.
Die neuthomistische Bewegung
Die Enzyklika Aeterni Patris (1879) von Papst Leo XIII. erklärte die thomistische Philosophie zur offiziellen Philosophie der katholischen Kirche. Dies war der Beginn der neuthomistischen Bewegung. Jacques Maritain (1882–1973) und Étienne Gilson (1884–1978) sind die zwei großen Gestalten dieser Bewegung. Maritains Werk Existence and the Existent (1948) bringt das thomistische Esse in den Dialog mit dem sartreschen Existentialismus — indem es vertritt, dass Aquin der 'wahre Existentialist' sei.
Cornelio Fabro und Gustav Siewerth
Der dominikanische Theologe Cornelio Fabro (1911–1995) und der deutsche katholische Philosoph Gustav Siewerth (1903–1963) entwickelten eine thomistische Antwort auf Heideggers Kritik der Ontotheologie. Fabros Werk Participation et Causalité (1961) stellt die thomistische participatio-Lehre als die wahre Antwort auf Heideggers Frage nach dem Sein dar.
Karl Rahner und der transzendentale Thomismus
Der Jesuitentheologe Karl Rahner (1904–1984) entwickelte in seinen Werken Geist in Welt (1939) und Hörer des Wortes (1941), indem er das thomistische Esse mit Kant und Heidegger synthetisierte, den 'transzendentalen Thomismus'. Nach Rahner ist der Mensch in jedem Akt der Erkenntnis bereits zum transzendenten Esse offen (Vorgriff auf das Sein). Dies wurde zu einem der einflussreichsten philosophischen Rahmen der modernen katholischen Theologie (ein großer Beitrag zum Zweiten Vatikanischen Konzil).
Die neupatristische Synthese
Hans Urs von Balthasar (1905–1988) verwandelte in den sieben Bänden von Herrlichkeit (Glory of the Lord, 1961–1969) die thomistische Esse-Lehre in eine ästhetische Theologie: Die Schönheit Gottes (pulchrum) ist der Glanz eines transzendenten Liebes-Ausdrucks; das ipsum esse subsistens ist zugleich ipsum amare subsistens (die von sich aus bestehende Liebe). Dies ist die schöpferische Synthese der ostchristlichen Theologie und der lateinischen Scholastik.
Der analytische Thomismus (21. Jahrhundert)
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts behandelten Denker wie Edward Feser, Eleonore Stump (besonders Aquinas, 2003), Robert Pasnau und John Haldane die thomistische Esse-Lehre mit den Werkzeugen der analytischen Philosophie neu. Diese Bewegung eröffnet Aquin dem Zugriff des modernen Lesers, ohne ihn aus seinem historischen Kontext zu reißen.
Anhang: Esse und ostorthodoxe Theologie
Die ostorthodoxe theologische Tradition grenzt sich von der thomistischen Esse-Lehre ab, indem sie vertritt, dass diese dem Westen eigentümlich sei. Vladimir Lossky (1903–1958) zeigt in seinem Werk Die mystische Theologie der Ostkirche (1944), dass die östliche Theologie auf Gregor Palamas' Unterscheidung von ousia/energeiai beruht.
Doch moderne orthodoxe Theologen wie John Meyendorff, Christos Yannaras und David Bentley Hart vertreten, dass dieser Gegensatz übertrieben wird: Auch Aquins Esse-Lehre trägt eine tief apophatische Struktur; die analogia entis ist keine eindeutige Ontotheologie.
David Bentley Hart vertritt in seinem Werk The Experience of God (2013), dass die thomistische, die vedantische und die sufische Metaphysik (Absolutes Sein, Sat-Chit-Ananda, ipsum esse subsistens) strukturell auf dieselbe Wirklichkeit verweisen. Dies ist die perennialistische Position der modernen vergleichenden Theologie.
Anhang: Aquins mystisches Schweigen
Jener legendäre Augenblick am Ende von Aquins Leben — am 6. Dezember 1273 erlebte Aquin während der Messe in der Kirche des Nikolaus-Klosters eine mystische Vision und hörte auf zu schreiben. Als die Schreiber ihn baten, den Sakramententeil der Summa Theologiae fortzusetzen, antwortete Aquin: "Reginald, ich kann nicht, denn im Vergleich zu dem, was mir eröffnet wurde, ist alles, was ich geschrieben habe, wie Stroh (mihi videtur ut palea)."
Dieses Ereignis verweist auf das strukturelle Ende der Esse-Lehre: dass sich die systematischste Philosophie-Theologie zuletzt zum mystischen Schweigen öffnet. Aquin starb drei Monate später (am 7. März 1274) im Kloster Fossanova, unterwegs zum Konzil von Lyon.
Dieser Augenblick des Schweigens trägt eine unmittelbare strukturelle Parallele zu Ibn Arabîs folgendem Wort am Ende der Futûhât: "Ich habe nur das Sagbare gesagt; doch das Unsagbare ist unendlich mehr als das Sagbare." Und mit Plotins Ausdruck in Ennead V.3.13: "Nichts von alledem ist Es ... Die Worte versagen; nur die Schau bleibt."
Das Esse ist somit die letzte Station der begrifflichen Philosophie; und zugleich die begriffliche Schwelle der mystischen Wirklichkeit. Auf der vergleichenden Landkarte des WeisheitsTagebuchs ist das Esse eine originale christlich-scholastische Formulierung, die mit allen Begriffen wie Absolutes Sein (Wudschûd-i Mutlaq), Brahman/Sat, das plotinische Eine und dem modernen heideggerschen Sein im Dialog steht, sich aber auf keinen von ihnen reduzieren lässt.