Die rheinische Mystik
Sammelbegriff für die volkssprachliche, dominikanisch geprägte Mystik des Rheinlands im 13.-14. Jahrhundert um Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse: Seelengrund, Gottesgeburt, Gelassenheit und negative Theologie.
Definition
Die rheinische Mystik (auch deutsche Mystik oder, im Blick auf ihren Trägerorden, Dominikanermystik) ist ein moderner Sammelbegriff der Forschung für eine geistliche und literarische Bewegung, die im 13. und 14. Jahrhundert im Sprach- und Kulturraum des Rheinlands und der angrenzenden oberdeutschen Gebiete erblühte. Ihr geografischer Kern reicht von Köln und den niederrheinischen Frauenklöstern über Straßburg und Basel bis nach Konstanz; ihr personelles Zentrum bildet die sogenannte Trias Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse, drei Dominikaner derselben Ordensprovinz Teutonia, die im akademischen Latein wie in der Volkssprache schrieben. Als Teil der großen Strömung der christlichen Mystik markiert die rheinische Mystik einen Höhepunkt jener von Bernard McGinn als vernacular theology (Volkssprachen-Theologie) bezeichneten Wende, in der die spekulative Gotteserkenntnis aus dem lateinischen Hörsaal in die deutsche Predigt und in das Beginenhaus übertritt.
Der Begriff selbst ist eine historiografische Konstruktion des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Weder Eckhart noch Tauler noch Seuse hätten sich als Angehörige einer Schule namens "rheinische Mystik" verstanden; sie waren Lesemeister, Prediger und Seelsorger ihres Ordens. Erst die Romantik und die nachfolgende Germanistik (Franz Pfeiffer, Wilhelm Preger) entdeckten in ihnen die Ahnherren einer eigenständigen deutschen Geistesgeschichte. Diese nachträgliche Bündelung hat ihre Berechtigung, weil die drei Hauptzeugen tatsächlich eine gemeinsame Lehrtradition, ein gemeinsames Begriffsfeld (Seelengrund, Gottesgeburt, Gelassenheit, Abgeschiedenheit) und einen gemeinsamen institutionellen Rahmen teilen; sie birgt aber die Gefahr, die Bewegung künstlich von ihren niederländischen, flämischen und französischen Verzweigungen zu trennen und nationale Kategorien rückwirkend in ein europäisches Phänomen hineinzulesen.
Inhaltlich lässt sich die rheinische Mystik durch ein Bündel wiederkehrender Motive bestimmen: die Lehre vom Seelengrund (scintilla animae, das "Fünklein der Seele"), die Geburt Gottes in der Seele (generatio), die Gelassenheit als Loslassen des eigenen Willens, die Abgeschiedenheit (abegescheidenheit) als Freisein von allem Geschaffenen, die Sprache der negativen Theologie und eine paradoxe Rhetorik, die Gott im Bild des "Nichts", der "Wüste" und der "stillen Wüste der Gottheit" beschreibt. Diese Motive verschmelzen scholastische Präzision mit affektiver Frauenmystik und neuplatonischer Spekulation zu einer der intellektuell anspruchsvollsten Strömungen des europäischen Mittelalters.
Geistesgeschichtlicher Rahmen
Albertus Magnus und das Kölner studium generale
Der Boden, auf dem die rheinische Mystik wuchs, war eine Schule philosophischer Theologie, die ein einziger Mann geprägt hatte: Albertus Magnus (um 1200-1280). Albert, der "Doctor universalis", gründete 1248 in Köln das studium generale des Dominikanerordens, die erste höhere Ordensschule auf deutschem Boden. Anders als sein berühmtester Schüler Thomas von Aquin, der den Aristotelismus zur Synthese führte, behielt Albert eine starke neuplatonische Komponente bei. Er kommentierte die Schriften des Pseudo-Dionysius Areopagita und die Elementatio theologica des Proklos und vermittelte so der späteren Kölner Tradition ein Erbe, in dem die apophatische, vom Einen ausstrahlende Metaphysik des Neuplatonismus dominierte.
Aus diesem "Kölner Albertismus" ging eine eigene Lehrlinie hervor, an deren Spitze Dietrich von Freiberg (um 1250-1320) und Berthold von Moosburg standen. Dietrich entwickelte eine Lehre vom intellectus agens (tätiger Verstand) als einem stets aktiven, göttlichen Grund in der Seele; Berthold verfasste den umfangreichsten mittelalterlichen Kommentar zum Proklos. In dieser Schultradition steht auch Meister Eckhart, der zweimal an der Pariser Universität als Magister lehrte, aber geistig im Kölner Neuplatonismus verwurzelt war. Die Lehre vom Seelengrund, vom "Fünklein" und von der Gottesgeburt ist ohne diese philosophische Vorgeschichte nicht zu verstehen: Sie ist mystische Theologie auf dem Fundament eines christianisierten Neuplatonismus, in dem der Nous (göttliche Intellekt) zum Ort der Gegenwart Gottes in der Seele wird.
Der neuplatonische Hintergrund
Das philosophische Rückgrat der Bewegung bildet die neuplatonische Metaphysik des Hervorgangs (emanatio) und der Rückkehr (reditus). Wie bei Plotin das Viele aus dem Einen ausströmt und zu ihm zurückstrebt, so denkt die rheinische Mystik das Verhältnis von Gott und Seele als ein Ausfließen und ein Wiedereinfließen. Eckharts berühmte Unterscheidung zwischen "Gott" (deus, der dreieinige, auf die Schöpfung bezogene Gott) und "Gottheit" (deitas, der namenlose, in sich ruhende Abgrund) ist eine Radikalisierung der plotinischen Differenz zwischen dem Einen und dem Nous. Vermittelt wurde dieses Erbe nicht nur durch Albert, sondern auch durch die anonyme arabische Schrift Liber de causis (ein Auszug aus Proklos) und durch Dionysius, dessen Mystische Theologie die Methode der Via Negativa (apophatischer Weg) lieferte. Die rheinische Sprache vom göttlichen "Nichts" speist sich unmittelbar aus dieser dionysischen Quelle, in der Gott alle Begriffe und Bilder übersteigt.
Beginen und Frauenmystik
Eine zweite, ebenso wichtige Wurzel ist die Frauenmystik des 13. Jahrhunderts. In den Städten am Rhein und in den südlichen Niederlanden entstand mit der Beginenbewegung eine neue Form religiösen Lebens: Frauen lebten in losen Gemeinschaften ohne strenge Ordensgelübde, in Armut, Handarbeit und Gebet. Aus diesem Milieu erwuchs eine intensive, in der Volkssprache verfasste Liebes- und Brautmystik. Mechthild von Magdeburg schrieb mit Das fließende Licht der Gottheit (um 1250-1280) das erste große mystische Werk in deutscher Prosa und Lyrik; sie verbrachte ihre letzten Jahre im sächsischen Zisterzienserinnenkloster Helfta. Die flämische Begine Hadewijch von Antwerpen formte die Sprache der minne (der hohen Gottesliebe). Diese Frauen schrieben, was sie erfuhren, lange bevor die Dominikaner es spekulativ durchdrangen.
Der Zusammenhang ist institutionell gesichert: Den Dominikanern war 1267 die cura monialium, die seelsorgliche Betreuung der Frauenklöster und Beginen, übertragen worden. Eckhart, Tauler und Seuse predigten regelmäßig vor Dominikanerinnen und Beginen. Die volkssprachliche, theologisch hochfliegende Predigt der rheinischen Mystik ist also kein Zufall, sondern Antwort auf ein konkretes Publikum geistlich gebildeter, des Lateins meist unkundiger Frauen, die nach einer Sprache für ihre Erfahrung verlangten. So flossen die affektive Glut der Frauenmystik und die spekulative Strenge der Dominikanertheologie in einem gemeinsamen Strom zusammen.
Die Trias: Eckhart, Tauler, Seuse
Meister Eckhart
Eckhart von Hochheim (um 1260-1328), genannt Meister Eckhart, ist der spekulative Kopf der Bewegung. Geboren in Thüringen, trat er früh in den Dominikanerorden ein, studierte und lehrte in Paris, war Prior in Erfurt, Provinzial von Sachsen und schließlich Lehrer am Kölner studium generale. Sein lateinisches Hauptwerk, das unvollendete Opus tripartitum, entwirft eine umfassende Metaphysik des Seins, in der Gott das reine esse (Sein) selbst ist (vgl. esse bei Aquin). Bekannter wurde er jedoch durch seine deutschen Predigten, in denen er mit kühnen paradoxen Formulierungen die Einheit von Gott und Seelengrund verkündete: "Das Auge, in dem ich Gott sehe, ist dasselbe Auge, in dem Gott mich sieht."
Im Zentrum seiner Lehre steht die Geburt Gottes in der Seele: In ihrem innersten Grund, dem "Fünklein" oder "Bürgelein", ist die Seele ungeschaffen und mit Gott eins; dort gebiert der Vater seinen Sohn ewig auch in der Seele. Wer durch Eckharts göttliches Nichts und durch radikale Abgeschiedenheit hindurchgegangen ist, in dem wird diese Geburt wirklich. Eckharts Ethik des "Lebens ohne Warum" (sunder warumbe) und sein Aufruf, selbst Gott um Gottes willen zu lassen ("ich bitte Gott, dass er mich Gottes ledig mache"), zählen zu den radikalsten Aussagen der abendländischen Theologiegeschichte. Eckhart wird ausführlich in der eigenen Notiz Meister Eckhart behandelt.
Johannes Tauler
Johannes Tauler (um 1300-1361), Dominikaner in Straßburg, ist der Prediger und Seelsorger der Bewegung. Er hatte vermutlich Eckhart in Köln gehört und übernahm dessen Grundbegriffe, entschärfte aber ihre provozierende Schärfe und übersetzte die Spekulation in eine Sprache der inneren Erfahrung und des praktischen Lebens. Im Zentrum seiner rund achtzig erhaltenen Predigten steht der "Grund" (grunt) der Seele, in den der Mensch sich versenken soll, und die Praxis der Gelassenheit als geduldiges Ertragen von Leid und Anfechtung. Tauler verband die hohe Mystik mit einer nüchternen Tugendlehre; er forderte, dass die Erfahrung der Einheit sich in Demut, Nächstenliebe und treuer Pflichterfüllung bewähre. Seine Wirkung war enorm: Johannes Tauler wurde von der späteren Devotio moderna ebenso geschätzt wie von Martin Luther, der sich auf ihn berief, ohne in den Verdacht der Häresie zu geraten.
Heinrich Seuse
Heinrich Seuse (latinisiert Suso, um 1295-1366), Dominikaner aus Konstanz, ist der dichterische und affektive Pol der Trias. Auch er war Schüler Eckharts; als dieser unter Häresieverdacht geriet, verteidigte Seuse seinen Lehrer im Büchlein der Wahrheit, suchte aber zugleich die orthodoxe Eingrenzung. Sein Hauptwerk, das Büchlein der ewigen Weisheit (um 1328), wurde zu einem der meistgelesenen Erbauungsbücher des späten Mittelalters; in lateinischer Bearbeitung als Horologium Sapientiae verbreitete es sich in ganz Europa. Seuse verbindet die spekulative Lehre vom Seelengrund mit einer glutvollen Christus- und Leidensmystik, mit Bildern der Brautwerbung um die "ewige Weisheit" und mit teils drastischer Selbstaskese, die er in seiner Vita (einer der ersten geistlichen Autobiografien in deutscher Sprache) schildert. Seine Notiz ist Heinrich Seuse (Suso).
| Person | Lebensdaten | Wirkort | Profil | Hauptwerk |
|---|---|---|---|---|
| Meister Eckhart | um 1260-1328 | Paris, Straßburg, Köln | Spekulativer Lehrer | Opus tripartitum, Deutsche Predigten |
| Johannes Tauler | um 1300-1361 | Straßburg, Basel | Prediger, Seelsorger | Predigten |
| Heinrich Seuse | um 1295-1366 | Konstanz, Ulm | Dichter, Asket | Büchlein der ewigen Weisheit, Vita |
Kernmotive der Lehre
Seelengrund und Fünklein
Das tragende Theologumenon der rheinischen Mystik ist die Lehre vom Seelengrund. In Anknüpfung an Augustinus' Lehre vom abditum mentis (dem Verborgenen des Geistes), an den dionysischen Neuplatonismus und an die synteresis-Lehre der Scholastik nehmen die rheinischen Mystiker im Innersten der Seele einen Punkt an, der über alle Seelenkräfte (Gedächtnis, Verstand, Wille) hinausreicht. Eckhart nennt ihn das "Fünklein" (scintilla animae), das "Bürgelein", den "Grund" oder gar das "Etwas in der Seele, das ungeschaffen und unerschaffbar ist". In diesem Grund berühren sich Gott und Seele unmittelbar, "ohne Mittel" (unio sine medio) - eine der kühnsten Aussagen, weil sie die übliche Vermittlung durch Gnade und Sakrament zu übersteigen scheint. Tauler spricht eher zurückhaltend vom "Grund", in den Gott mit seinem Grund "einsinkt"; Seuse von der "Gottheit" als dem stillen Abgrund hinter aller Form.
Die Gottesgeburt
Aus der Lehre vom Seelengrund folgt das Motiv der Geburt Gottes in der Seele (Gottesgeburt, generatio). Die innertrinitarische Zeugung des Sohnes durch den Vater geschieht nach Eckhart nicht nur in der Ewigkeit, sondern ereignet sich wirklich im Grund der entäußerten Seele. "Hier wird Gottes Grund mein Grund und mein Grund Gottes Grund." Diese Lehre verschiebt den Akzent von der mittelalterlichen Brautmystik (Vereinigung als Begegnung zweier Liebender) zu einer ontologischen Einheit, in der die Seele am göttlichen Hervorgang selbst teilhat. Tauler praktiziert dies durch die Aufforderung, in den Grund "einzukehren" und still zu werden, damit Gott geboren werde; Seuse dichtet es in Bildern der Vermählung mit der ewigen Weisheit.
Gelassenheit und Abgeschiedenheit
Den praktischen Weg zur Gottesgeburt bezeichnen zwei deutsche Schlüsselworte, die Eckhart der Sprache geschenkt hat: Gelassenheit und Abgeschiedenheit (abegescheidenheit). Gelassenheit meint das vollkommene Loslassen des Eigenwillens, ja des Verlangens nach Gott selbst; sie ist ein "Sich-Lassen", in dem der Mensch nichts mehr will, weiß oder hat. Abgeschiedenheit, das Thema von Eckharts Traktat Von Abgeschiedenheit, ist das Freisein und Gelöstsein von allem Geschaffenen; sie ist nach Eckhart höher als Liebe und Demut, weil sie Gott geradezu zwingt, sich in die leere Seele zu ergießen. Diese aktive Leere - "Nichtwollen, Nichtwissen, Nichthaben" - ist das rheinische Gegenstück zur Lehre vom reinen Gebet der Wüstenväter und zeigt strukturelle Nähe zur islamischen Lehre der Fanâ (Auslöschung).
Negative Theologie und die Sprache des Nichts
Die rheinische Mystik treibt die apophatische (verneinende) Theologie zu sprachlicher Höchstform. Gott wird als "Nichts" beschrieben - nicht als Mangel an Sein, sondern als Überfülle, die jeden Begriff sprengt: als "stille Wüste der Gottheit", als "Abgrund ohne Grund" (grunt ane grunt), als das "weiselos Eine". Eckharts Unterscheidung zwischen deus und deitas hält fest, dass selbst der personale, dreieinige Gott noch eine "Weise" hat, hinter der die namenlose Gottheit liegt. Diese Rhetorik der Negation, gepaart mit dem Paradox ("je mehr du Gott begreifst, desto weniger ist es Gott"), bildet das stilistische Markenzeichen der Bewegung und verbindet sie über die Jahrhunderte mit der Tradition der Unio mystica.
Bildhaftigkeit und Entbildung
Trotz dieser apophatischen Strenge ist die rheinische Mystik reich an Bildern - und reflektiert diesen Widerspruch ausdrücklich. Der Mensch soll sich "entbilden", "überbilden" und schließlich "einbilden": von den Bildern der Geschöpfe frei werden, sich in das Bild Christi formen und in den bildlosen Grund eingehen. Seuse bedient sich kühner Allegorien (die "ewige Weisheit" als Braut, die Pilgerschaft der Seele), Eckhart der negativen Bilder (Wüste, Nichts, Stille), Tauler des nüchternen Bildes vom "Grund". Diese Dialektik von Bild und Bildlosigkeit ist ein zentrales ästhetisches und theologisches Problem der Bewegung.
Volkssprachliche Predigt und Häresieverdacht
Die Erfindung einer geistlichen Sprache
Die welthistorische Bedeutung der rheinischen Mystik liegt nicht zuletzt in der Sprache. Indem Eckhart, Tauler und Seuse die höchste spekulative Theologie auf Mittelhochdeutsch predigten, schufen sie einen deutschen philosophisch-mystischen Wortschatz, der bis heute nachwirkt. Worte wie Gelassenheit, Abgeschiedenheit, Eigenschaft, Einfluss, bildlich, wesentlich, Wirklichkeit gehen ganz oder teilweise auf ihre Prägungen zurück. Diese Leistung ist Teil jener "Volkssprachen-Theologie", die seit dem 13. Jahrhundert neben dem lateinischen Universitätsdiskurs ein zweites theologisches Idiom ausbildete - eine Entwicklung, in der die rheinische Mystik ihren Gipfel erreicht.
Der Eckhart-Prozess
Die Kühnheit dieser Predigt hatte einen Preis. Eckharts Sätze von der Einheit des Seelengrundes mit Gott, von der ungeschaffenen Seele und vom Lassen Gottes ließen sich leicht missverstehen - oder bewusst gegen ihn wenden. 1326 leitete der Kölner Erzbischof Heinrich von Virneburg ein Inquisitionsverfahren ein. Eckhart verteidigte sich, bestritt jede Häresie und appellierte an den Papst. Er starb 1328, bevor das Verfahren abgeschlossen war. Die Bulle In agro dominico vom 27. März 1329 verurteilte achtundzwanzig seiner Sätze, davon siebzehn als häretisch und elf als verdächtig, hielt aber zugleich fest, dass Eckhart vor seinem Tod widerrufen hatte, was die Kirche an seinen Sätzen beanstandete. Diese Verurteilung warf einen langen Schatten: Eckharts deutsche Werke kursierten fortan oft anonym oder unter fremden Namen, was ihre Überlieferung erschwerte und die spätere editorische Rekonstruktion zu einer eigenen Wissenschaft machte.
Der Streit um den "Freien Geist"
Ein Teil des Häresieverdachts speiste sich aus der Nähe mancher Formulierungen zur Häresie des "Freien Geistes". Auf dem Konzil von Vienne (1311-1312) hatte die Kirche eine Bewegung verurteilt, der man lehrte, die vollkommene Seele könne in diesem Leben einen Zustand der Sündlosigkeit erreichen, in dem sie weder Gnade noch Tugend, weder Kirche noch Sakrament mehr bedürfe. Als Kronzeugin galt die Begine Marguerite Porete, deren Buch Der Spiegel der einfachen Seelen die völlig "vernichtete" (im Wahren aufgelöste) Seele beschrieb; sie wurde 1310 in Paris als rückfällige Häretikerin verbrannt. Die rheinische Mystik bewegte sich begrifflich gefährlich nahe an dieser Sprache der Selbstvernichtung und der Überbietung der Tugenden - und gerade Tauler und Seuse bemühten sich darum, die Lehre vom Seelengrund gegen diese antinomistische (gesetzesfeindliche) Deutung abzusichern, indem sie auf Demut, Tugend und kirchliche Bindung pochten.
Die Gottesfreunde und die Theologia Deutsch
Die rheinische Mystik blieb nicht bei drei großen Namen stehen, sondern bildete ein Netzwerk geistlicher Gemeinschaft. Im 14. Jahrhundert sammelte sich um Tauler und um Laien wie den Straßburger Bankier Rulman Merswin eine Bewegung, die sich nach einem johanneischen Wort (Johannes 15,15) die Gottesfreunde nannte. Diese lockere, überregionale Gemeinschaft von Klerikern, Ordensleuten und frommen Laien pflegte den Briefwechsel, das gemeinsame Gebet und die Verbreitung erbaulicher Schriften - oft in einer Zeit schwerer Krisen: Der Pesteinbruch ("Schwarzer Tod") von 1347-1351 raffte ein Drittel der Bevölkerung dahin und verstärkte das Verlangen nach unmittelbarer Gottesnähe abseits einer von Schisma und Interdikt zerrütteten Amtskirche.
Aus diesem Milieu ging die anonyme Theologia Deutsch hervor (auch Der Frankfurter, spätes 14. Jahrhundert), eine schlichte, von Eckhart und Tauler gespeiste Anleitung zur Gelassenheit und zur Überwindung des Eigenwillens. Ihre eigentliche Wirkung entfaltete sie erst zweihundert Jahre später: Martin Luther gab sie 1516 (in Auszügen) und 1518 (vollständig) heraus und erklärte, außer Bibel und Augustinus habe er aus keinem Buch mehr gelernt. So wurde ein Text der rheinischen Mystik zu einem Bindeglied zwischen mittelalterlicher Innerlichkeit und reformatorischer Frömmigkeit.
Vergleichende Perspektive
Die rheinische Mystik ist ein bevorzugter Gegenstand vergleichender Mystikforschung, weil ihre Kernmotive auffallende strukturelle Parallelen in anderen Traditionen finden - bei aller theologischen Verschiedenheit. Vier Vergleichsfelder sind besonders ergiebig.
Sufismus. Die Lehre von der Gelassenheit und vom Lassen des eigenen Selbst berührt sich eng mit dem islamischen Begriff der Fanâ (Auslöschung des Ich) und ihrer Ergänzung im Fanâ und Baqâ (Erlöschen und Fortbestehen). Eckharts Unterscheidung von "Gott" und "Gottheit" hat Forscher wieder und wieder an die Unterscheidung von Allâh und der namenlosen Gottesessenz (dhât) bei Ibn Arabî erinnert; Toshihiko Izutsu hat solche Strukturvergleiche methodisch entfaltet. Auch die paradoxe Rede vom göttlichen Nichts findet im Sufismus ein Echo. Zugleich bleibt der Unterschied: Die christliche Einheit ruht stets auf der Inkarnation und der Trinität, der Grund ist christologisch gefasst.
Advaita-Vedânta. Eckharts Aussagen über die ungeschaffene, mit Gott eine Seele werden seit Rudolf Otto gern mit der indischen Advaita-Vedânta verglichen, besonders mit der Identität von Âtman und Brahman bei Shankara. Otto hat in West-östliche Mystik (1926) Eckhart und Shankara systematisch nebeneinandergestellt. Hier ist die Nähe begrifflich am größten - und zugleich die Gefahr der Nivellierung: Die nondualistische Einheitserfahrung dreier Traditionen zeigt, dass die rheinische "Einheit ohne Mittel" trotz aller Ähnlichkeit innerhalb eines schöpfungstheologischen und personalen Rahmens bleibt, den der Advaita gerade überschreitet.
Buddhismus. Die Sprache der Leere und des Nichts, das "Nichtwollen, Nichtwissen, Nichthaben", die bildlose Versenkung in den Grund haben Vergleiche mit der buddhistischen Shûnyatâ (Leerheit) und mit dem Zen angeregt - nicht zufällig war D. T. Suzuki ein aufmerksamer Eckhart-Leser. Die paradoxe Predigtsprache Eckharts erinnert manche an das Mu-Kôan. Doch das christliche "Nichts" ist Überfülle göttlichen Seins, das buddhistische die Abwesenheit von Eigennatur - eine fundamentale ontologische Differenz.
Hesychasmus. Innerhalb des Christentums selbst bildet der ostkirchliche Hesychasmus das nächste Gegenstück: Beide Traditionen erblühen im selben 14. Jahrhundert, beide suchen die unmittelbare Gottesgegenwart im Innersten. Doch während Gregorios Palamas mit der Unterscheidung von Wesen und Energien die Teilhabe an Gott sorgfältig vom pantheistischen Missverständnis trennt, drängt die rheinische Spekulation kühner auf die Einheit von Grund und Gottheit zu - was gerade den Eckhart-Prozess provozierte.
| Tradition | Verwandtes Motiv | Entscheidender Unterschied |
|---|---|---|
| Sufismus | Fanâ, Gott/Gottheit ~ dhât | Inkarnation, Trinität als Rahmen |
| Advaita-Vedânta | Âtman-Brahman ~ ungeschaffener Grund | Schöpfungstheologie, Personalität |
| Zen-Buddhismus | Shûnyatâ, Leere, Paradox | Nichts als Überfülle vs. Abwesenheit |
| Hesychasmus | Innere Gottesgegenwart, Stille | Wesen/Energien-Distinktion |
Wirkungsgeschichte
Die Nachwirkung der rheinischen Mystik reicht weit über das Mittelalter hinaus und gehört zu den erstaunlichsten Rezeptionsverläufen der europäischen Geistesgeschichte.
Spätmittelalter. Tauler und Seuse wirkten unmittelbar auf die niederländische Devotio moderna und ihre Frömmigkeit der inneren Sammlung; deren berühmtestes Buch, die Imitatio Christi des Thomas von Kempen, atmet denselben Geist. Nikolaus von Kues (Cusanus, 1401-1464) verteidigte Eckhart gegen die Verurteilung, besaß eine Handschrift seiner Werke und entwickelte mit der Lehre von der docta ignorantia (gelehrte Unwissenheit) und der coincidentia oppositorum (Zusammenfall der Gegensätze) Gedanken, die der rheinischen Negationssprache nahestehen.
Reformation. Wie erwähnt, schätzte Luther die Theologia Deutsch und Tauler hoch; über sie floss ein Strom mittelalterlicher Innerlichkeit in die Kreuzestheologie Luthers ein. Radikaler griffen die Spiritualisten der Reformation - Sebastian Franck, Valentin Weigel - auf die rheinische Sprache vom inneren Wort und vom Seelengrund zurück.
Barock und Mystik. Der schlesische Dichter Angelus Silesius goss in seinem Cherubinischen Wandersmann (1657) eckhartsche Paradoxe in epigrammatische Verse ("Ich weiß, dass ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben"). Jakob Böhme verband die Lehre vom göttlichen Grund und Ungrund mit theosophischer Spekulation und wurde zum Bindeglied zur Neuzeit.
Idealismus und Romantik. Erst die Romantik entdeckte Eckhart als Klassiker wieder; Franz Pfeiffer gab 1857 die erste große Sammlung der deutschen Werke heraus. Der Deutsche Idealismus - Hegels Lehre vom absoluten Geist, Schellings Spätphilosophie - nahm Motive der rheinischen Mystik auf, der Theosoph Franz von Baader vermittelte Böhme und Eckhart an Schelling. Auch Novalis und die romantische Mystik zehren von diesem Erbe.
20. Jahrhundert. Martin Heidegger entlehnte Eckhart den Begriff der Gelassenheit und machte ihn (in seiner Schrift Gelassenheit, 1959) zu einem Schlüsselwort seines späten Denkens vom "Sein-lassen"; die Verbindung zu seinem Hauptwerk Sein und Zeit und zur Frage nach dem Sein ist vielfach untersucht worden. Die kritische Gesamtausgabe der Werke Eckharts (seit 1936, weitergeführt von Josef Quint und Loris Sturlese) schuf erst die philologische Grundlage seriöser Forschung. Im interreligiösen Dialog wurde Eckhart, von D. T. Suzuki bis zu zeitgenössischen Vertretern, zur Brücke zwischen christlicher und buddhistischer Spiritualität.
Kritik und Kontroversen
Die rheinische Mystik war von Anfang an umstritten und ist es in der Forschung geblieben. Drei Streitpunkte ragen heraus.
Erstens die Orthodoxiefrage. War Eckhart ein Häretiker oder ein missverstandener Orthodoxer? Die ältere konfessionelle Polemik (katholisch wie protestantisch) hat hier oft mehr über die Deutenden als über Eckhart verraten. Die neuere Forschung, gestützt auf die kritische Edition, betont, dass Eckhart als akademischer Lehrer in einer Tradition des spekulativen Paradoxes stand und seine Sätze rhetorisch-pointiert, nicht systematisch-doktrinär gemeint waren. 1992 erklärte die Ordensleitung der Dominikaner, eine Rehabilitierung Eckharts sei unnötig, da er nie persönlich verurteilt worden sei.
Zweitens der Begriff selbst. Die jüngere Mediävistik (Kurt Ruh, Bernard McGinn, Loris Sturlese) hat den nationalen Begriff "deutsche Mystik" zunehmend durch "volkssprachliche Theologie" oder "Mystik der Niederlande und des Rheinlands" ersetzt, um die künstliche Trennung von der flämischen Mystik (Jan van Ruusbroec) und von der Frauenmystik zu vermeiden. Ob "rheinische Mystik" mehr ist als ein praktisches Etikett, bleibt diskutiert.
Drittens die Frage der Erfahrung. Ältere Forscher (William James, Evelyn Underhill) lasen die Texte als Berichte außerordentlicher Erlebnisse. Die heutige Forschung, geschult an McGinns Konzept des "Bewusstseins der Gegenwart Gottes" und an der Einsicht, dass mystische Texte hochgradig literarisch und rhetorisch gestaltet sind, warnt davor, hinter jedem Predigtsatz ein privates Erlebnis zu vermuten. Die rheinische Mystik ist ebenso sehr eine Sprachschöpfung wie eine Erfahrungstradition.
Fazit
Die rheinische Mystik ist mehr als eine regionale Episode der Frömmigkeitsgeschichte: Sie ist der Ort, an dem das höchste spekulative Denken des Mittelalters in die Volkssprache übertrat und dabei einen deutschen philosophisch-mystischen Wortschatz erschuf, der bis zu Hegel und Heidegger nachwirkt. In der Trias Eckhart-Tauler-Seuse verschmelzen der Kölner Neuplatonismus Alberts des Großen, die affektive Frauen- und Beginenmystik und die dominikanische Seelsorge zu einer unverwechselbaren Synthese, deren Kernmotive - Seelengrund, Gottesgeburt, Gelassenheit, Abgeschiedenheit, das göttliche Nichts - die abendländische Mystik auf ihren spekulativen Höhepunkt führen. Der Eckhart-Prozess und die Nähe zum "Freien Geist" zeigen, wie gefährlich diese Sprache der radikalen Einheit war; die Gottesfreunde und die Theologia Deutsch zeigen, wie sie zugleich Gemeinschaft stiftete und über die Reformation hinaus fortwirkte. Im Vergleich mit Sufismus, Advaita, Zen und Hesychasmus erweist sich die rheinische Mystik als ein zentraler Knotenpunkt der vergleichenden Mystikforschung - ein Erbe, das nicht nur historisch, sondern bis in die Gegenwart geistig lebendig geblieben ist.