Anatolische Volksspiritualität

Ghul und Gulyabani: Die Unholde der Wildnis und der Gräber

Der Ghul (arabisch ġûl) und der anatolische Gulyabani sind die Unholde der Einöde — leichenfressende, gestaltwandelnde Wesen der Wüste, der Wildnis und der Gräber. Die Notiz erzählt ihre Mythen — den Ghul der altarabischen Dichtung und der „Tausendundeinen Nacht", die menschenfressende ġûla auf dem Friedhof, den riesigen behaarten Gulyabani der nächtlichen Reisenden und den Karakoncolos der Winternächte — und stellt sie vergleichend neben den hinduistischen Rakshasa, den Troll und Oger der germanischen Welt, den verwandten islamischen Dschinn und den europäischen Vampir.

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Definition

Als Ghul (arabisch ġûl, غول, weibliche Form ġûla; daraus deutsch Ghul, englisch ghoul) und als Gulyabani (türkisch gulyabani, auch gûlyabânî) bezeichnen die arabische und die anatolisch-türkische Überlieferung jene Unholde der Einöde, die am äußersten Rand der bewohnten Welt hausen — in der Wüste, im nächtlichen Wald, in Ruinen und vor allem auf den Friedhöfen. Es sind gestaltwandelnde, menschenfressende Wesen, die einsame Reisende von ihrem Weg locken, um sie zu verschlingen, und die nachts die Gräber aufbrechen, um sich an den Leichen zu nähren. Sie verkörpern die tödliche Gefahr aller Orte, an denen der Mensch schutzlos und allein ist: die Schwelle zwischen der geordneten Menschenwelt und der namenlosen Wildnis, zwischen den Lebenden und den Toten.

Der Ghul ist im islamischen Weltbild keine eigenständige Gattung, sondern eine besonders gefürchtete Art der Dschinn — und nach verbreiteter Vorstellung eine der bösartigsten. Wo der gewöhnliche Dschinn unsichtbar bleibt und sich auf das Einflüstern beschränkt, ist der Ghul leiblich, fleischlich, gefräßig; er tötet mit den Zähnen, nicht mit der Versuchung. Der Gulyabani wiederum ist die anatolische Verkörperung desselben Schreckens, doch in das raue Gebirgs- und Steppenland Kleinasiens versetzt: ein riesiger, über und über behaarter Unhold mit langem Bart und einem Stab oder einer Keule, der den nächtlichen Wanderer, den verspäteten Hirten und den einsamen Reiter überfällt, ihm die Sprache raubt und ihn in die Irre treibt.

Schon die Namen bergen das ganze Wesen dieser Geschöpfe. Das arabische ġûl leitet sich von der Wurzel ġ-w-l ab, die „packen, ergreifen, plötzlich hinwegraffen" bedeutet — derselbe Stamm, aus dem auch ġâ'ila („Unheil, jähes Verderben") gebildet wird; der Ghul ist also wörtlich „der Hinwegraffer", die Macht, die den Menschen unversehens aus dem Leben reißt. Der türkische Name gulyabani ist ein Zwilling aus zwei Sprachen: Das erste Glied, gul, ist eben jenes arabische ġûl; das zweite, yabani (aus dem persischen bîyâbânî, von bîyâbân, „Wüste, Steppe, Einöde"), bedeutet „wild, der Wildnis zugehörig, verwildert". Gulyabani heißt mithin „der Ghul der Wildnis", „der wilde, verwilderte Unhold" — eine Wortbildung, die exakt den Weg nachzeichnet, den die Gestalt selbst genommen hat: vom arabischen Wüstendämon über das persische Sprachgebiet bis in die anatolische Volkskultur.

Diese Notiz erzählt zuerst die Herkunft dieser Unholde aus dem altarabischen Wüstenglauben, entfaltet dann ausführlich ihre großen Mythen und Geschichten — den Ghul der vorislamischen Dichtung und der Tausendundeinen Nacht, den anatolischen Gulyabani und den winterlichen Karakoncolos — und beschreibt ihre Arten und Abwehrmittel, ehe sie sie vergleichend neben verwandte Wesen anderer Traditionen stellt: den hinduistischen Rakshasa, den Troll und Oger der germanischen und europäischen Welt, den verwandten islamischen Dschinn und den europäischen Vampir. Sie dokumentiert, sie wertet nicht; ob es Ghule „gibt", ist nicht ihre Frage, sondern wie verschiedene Kulturen die Erfahrung des Bedrohlichen, des Raubgierigen und des Unmenschlichen am Rande der bewohnten Welt erzählerisch gedeutet haben.

Herkunft und Quellen: Vom Wüstendämon zum Unhold des Gebirges

Der Ghul ist älter als der Islam. In der vorislamischen arabischen Religion (ǧâhiliyya) war er eine der lebendigsten Schreckgestalten der beduinischen Vorstellungswelt — ein Wesen der falât, der menschenleeren Wüste, in der der Wanderer dem Durst, der Hitze und dem Verirren ausgeliefert war. Der Ghul war die Personifikation eben dieser Gefahr: die unheimliche Macht, die den Reisenden in der Nacht von der Karawanenstraße fortlockte, ihm trügerische Feuer und vertraute Stimmen vorgaukelte und ihn, wenn er ihr folgte, in der Öde zerriss und verschlang. Die altarabische Dichtung kennt ihn als festen Topos der Wüstenfahrt; gegen ihn wie gegen die Dürre und die Feinde zu bestehen, gehörte zum Bild des heldischen ṣuʿlûk, des wegelagernden Außenseiters und Wüstenfahrers.

Aus dieser ältesten Schicht ragt die berühmteste Ghul-Geschichte der vorislamischen Zeit heraus: die des Dichter-Briganten Taʾabbaṭa Sharran (etwa 6. Jh.), dessen seltsamer Beiname „Der sich Unheil unter den Arm geklemmt hat" lautet. Eine ihm zugeschriebene Qaside erzählt, wie er in einer öden Nacht der ġûla begegnet, mit ihr ringt und sie schließlich mit dem Schwert erschlägt; am Morgen erblickt er ihre wahre, scheußliche Gestalt — „Beine wie eine missgebildete Leibesfrucht, der Rücken eines Hundes, ein Gewand aus rauem Haar und abgetragenen Häuten". Dass ein Mensch den Ghul besiegt und ihn am Tageslicht in seiner Hässlichkeit sieht, ist der archetypische Kern fast aller späteren Erzählungen.

Mit dem Islam wurde der frei umgehende Wüstendämon, wie alle Dschinn, in die monotheistische Schöpfungsordnung eingegliedert. Der Ghul gilt seither als eine Art der Dschinn — oft als deren bösartigste, in manchen Überlieferungen geradezu als Nachkomme des gefallenen Iblîs. Die klassischen arabischen Lexikographen und Kosmographen (etwa al-Qazwînî im 13. Jahrhundert in seinem „Wunder der Schöpfung") führen ihn in der Rangordnung der Dschinn unterhalb der mächtigen Ifrit und Marid, aber als besonders verschlagen und gefährlich. Zugleich blieb die theologische Haltung gespalten: Eine berühmte, dem Propheten zugeschriebene Überlieferung erklärt nüchtern „Es gibt keinen Ghul" (lâ ġûla) — was die einen als Leugnung seiner Existenz lasen, die anderen aber als Lehre verstanden, der Ghul könne dem gottvertrauenden Menschen nichts anhaben, wenn dieser den Gebetsruf (aḏân) spreche und Zuflucht bei Gott nehme.

Vom arabischen Kerngebiet wanderte die Gestalt über das persische Sprachgebiet — wo sich der Name mit dem Wort für die Wüste, bîyâbân, verband — bis nach Anatolien, wo aus dem ġûl-i bîyâbânî, dem „Wüsten-Ghul", der türkische Gulyabani wurde. Auf dem Weg verlor das Wesen die Sandwüste und gewann das anatolische Gebirge, den nächtlichen Wald, die einsame Bergstraße und die verschneite Hochebene. Die wichtigsten Quellen sind hier nicht mehr gelehrte Bücher, sondern der lebendige Volksglaube, das Märchen, die Schauergeschichte am Winterabend — und, an einer entscheidenden Stelle, die moderne türkische Literatur: Der Schriftsteller Hüseyin Rahmi Gürpınar machte den Gulyabani 1913 zum Titelhelden eines vielgelesenen Romans und prägte damit das moderne türkische Bild der Gestalt entscheidend mit.

Mythen, Legenden und Geschichten

Das Wesen dieser Unholde erschließt sich, wie bei allen Geistwesen, weniger über Definitionen als über die Geschichten, die man von ihnen erzählt. Vier große Erzählkreise ragen heraus: der Ghul der arabischen Wüste und der Tausendundeinen Nacht, die menschenfressende ġûla auf dem Friedhof, der anatolische Gulyabani der nächtlichen Reisenden und der Karakoncolos der Winternächte.

Der Ghul der Wüste: Trugbild und Gestaltwandel

Die älteste und reinste Gestalt des Ghul ist der Verführer der Einöde. In den Wüstenlegenden lauert er an den einsamen Wegen und Wasserstellen, und seine tödlichste Waffe ist nicht die Kraft, sondern die Täuschung. Er entzündet in der Ferne ein Feuer, sodass der erschöpfte, frierende Reisende glaubt, ein Lager oder eine bewohnte Stätte vor sich zu haben, und von der sicheren Straße abweicht; er ahmt die Stimme eines Gefährten nach, der den Verirrten beim Namen ruft; er nimmt die Gestalt eines harmlosen Wanderers, eines schönen Weibes oder eines Reittieres an. Wer der Lockung folgt, wird tiefer und tiefer in die Wildnis geführt, bis er, fern aller Hilfe, dem Ghul zum Fraß wird. Der Ghul ist damit die bildhafte Verdichtung einer realen Erfahrung: Die Wüste selbst tötet durch Verirren, und der Ghul ist ihr Gesicht.

Der Gestaltwandel hat dabei eine charakteristische Grenze. Nach verbreiteter Überlieferung kann der Ghul beinahe jede Form annehmen — am liebsten die der Hyäne oder eines hundeartigen Tieres —, doch verraten ihn stets seine Füße: Er behält die Hufe oder die Klauen eines Esels, eines Ziegenbocks oder eines Vogels, die er nicht zu verwandeln vermag. Wer dem fremden Begleiter auf die Füße schaut, kann den Ghul erkennen, ehe es zu spät ist — ein Motiv, das später über das ganze Verbreitungsgebiet hinweg wiederkehrt, vom arabischen Ghul über den anatolischen Gulyabani bis zu verwandten Dämoninnen wie der jüdischen Lilith.

Sîdî Nuʿmân und die Frau, die nur Reis aß: der Ghul in „Tausendundeiner Nacht"

Die eindrücklichste literarische Ghul-Geschichte steht in der Märchensammlung Tausendundeine Nacht (Alf laila wa-laila): die Erzählung des Sîdî Nuʿmân. Sie ist die klassische Geschichte vom Leichenfresser, der unerkannt unter den Menschen lebt.

Sîdî Nuʿmân, ein wohlhabender Mann, hat eine schöne Frau namens Amîna geheiratet. Bald aber befällt ihn ein quälendes Rätsel: Bei Tisch rührt seine Frau die Speisen kaum an; sie isst nichts als einige wenige Körner Reis, die sie umständlich mit einer eigens dafür gefertigten Nadel oder einem winzigen Löffelchen einzeln aufnimmt — so wenig, dass kein Mensch davon leben könnte. Sîdî Nuʿmân wundert sich, wie sie bei solcher Kost überhaupt am Leben bleibt, und beschließt, ihr heimlich nachzuspähen.

Eines Nachts stellt er sich schlafend, sieht seine Frau das Haus verlassen und folgt ihr ungesehen. Ihr Weg führt — zu seinem Entsetzen — geradewegs auf einen Friedhof. Dort trifft Amîna eine ġûla, eine grauenhafte Unholdin, und gemeinsam graben die beiden ein frisches Grab auf, ziehen den am selben Tag bestatteten Leichnam heraus und setzen sich an den Grabrand, um sich an dem toten Fleisch zu sättigen. Nun versteht Sîdî Nuʿmân, warum seine Frau bei Tag nur ein paar Körner Reis zu sich nimmt: Ihre wahre, nächtliche Nahrung ist die der Ghule.

Am folgenden Tag, beim Mahl, hält er es nicht länger aus und stellt sie zur Rede: ob ihr denn die Speisen redlicher Menschen nicht mundeten? Da packt Amîna der Zorn. Sie besprengt ihn mit Wasser und spricht den Fluch „Werde ein Hund!" — und augenblicklich verwandelt sich Sîdî Nuʿmân in einen Hund. Es folgt eine lange Irrfahrt durch die Tiergestalt, aus der ihn erst eine gütige Zauberin erlöst, die ihm überdies das Mittel an die Hand gibt, die Hexenfrau ihrerseits zu verwandeln: In Amîna selbst sitzt das Böse so tief, dass sie schließlich, von ihrem eigenen Zauber getroffen, als Stute endet. Die Geschichte, die Sîdî Nuʿmân dem Kalifen Hârûn ar-Raschîd erzählt, schließt mit einer förmlichen Definition aus seinem eigenen Munde: Ghule seien Dämonen, die über Land schweiften und in verfallenen Gebäuden hausten, wo sie Vorüberziehende töteten und verzehrten; fänden sie keine Reisenden, so gingen sie nachts auf die Friedhöfe und nährten sich vom Fleisch der Toten, die sie ausgrüben.

In dieser einen Erzählung sind alle klassischen Motive des Ghul versammelt: die Maske des Menschlichen über dem Unmenschlichen, die verräterische Speiseverweigerung (wer nicht isst wie die Menschen, isst auf andere, grauenhafte Weise), der Friedhof als wahrer Speisesaal, das Ausgraben und Fressen der Leichen und der jähe Umschlag der schönen Gattin in den mordenden Dämon.

Die ġûla, das schöne Weib und der Friedhof

Besonders gefürchtet ist die weibliche Form, die ġûla. Schon die altarabische Überlieferung kennt sie als die eigentlich verschlagene Gestalt: ein Wesen, das sich dem einsamen Reiter als betörend schöne Frau zeigt, ihn mit Worten und Gebärden an sich zieht, ihn vielleicht sogar in ihr Lager oder ihr scheinbares Haus führt — und ihn dann, wenn er sich sicher wähnt, zerfleischt. Manche Erzählungen lassen die ġûla einen Mann sogar heiraten und ihm Kinder gebären, ehe ihre wahre Natur durchbricht und sie verschwindet oder mordet; darin gleicht sie der verwandten Siʿlat, jener weiblichen Dschinn-Art, die in der arabischen Überlieferung oft mit der ġûla verschmilzt.

Diese Figur — die schöne, kinderraubende, blutgierige Dämonin der Nacht und der Gräber — ist über die Kulturen hinweg erstaunlich beständig. Sie kehrt wieder in der jüdischen Lilith, dem nächtlichen Geist, der Wöchnerinnen und Neugeborene bedroht; in der anatolischen Albastı, der „roten Frau", die das Kindbett heimsucht; und in zahllosen Verführerinnen-Dämoninnen anderer Traditionen. Die ġûla ist gleichsam die finstere Kehrseite jener nährenden, schützenden Weiblichkeit, die der türkische Volksglaube in der Schutzgöttin Umay Ana verehrt: hier die Hüterin der Wöchnerin und des Säuglings, dort die Räuberin, die ihnen nachstellt.

Der anatolische Gulyabani: der behaarte Riese der Nacht

In Anatolien tritt aus dem arabischen Ghul der Gulyabani hervor — und mit ihm verschiebt sich das ganze Bild. Aus dem listigen, gestaltwandelnden Trugbild der Wüste wird ein massiger, leiblicher Unhold des Gebirges: ein Riese, dessen ganzer Körper mit dichtem, struppigem Haar oder Fell bedeckt ist, mit langem, wallendem Bart, gewaltigen Füßen — die ihn, wie den arabischen Ghul, manchmal als Huftier verraten — und einem schweren Stab oder einer Keule in der Hand. Von ihm geht ein furchtbarer Gestank aus, und er ist gewaltig groß und übermenschlich stark. Wo der Ghul die Hitze der Wüste bewohnt, gehört der Gulyabani der Nacht, der Dämmerung, der Kälte und der menschenleeren Wildnis.

Sein Opfer ist der nächtliche Reisende: der verspätete Wanderer, der allein über einen Bergpass muss, der Hirte, den die Dunkelheit auf der Weide überrascht, der Reiter auf einsamer Straße. Der Gulyabani überfällt ihn aus dem Dunkel, erschreckt ihn zu Tode, springt ihm — in manchen Erzählungen — von hinten auf die Schultern und zwingt ihn, ihn weite Strecken zu tragen, oder treibt ihn durch unwegsames Gelände, bis der Erschöpfte zusammenbricht. Wer dem Gulyabani begegnet, dem erstarrt die Zunge: Er kann nicht um Hilfe rufen, verliert die Sprache und die Besinnung — ein Zug, der den Gulyabani eng mit dem cin çarpması, dem „Dschinn-Schlag" des anatolischen Volksglaubens, verbindet (siehe Dschinn).

Doch der Gulyabani trägt, wie viele Wildnisgeister, einen Doppelaspekt. In manchen Überlieferungen ist er nicht nur Mörder, sondern auch Hüter des Waldes und der Tiere, der nur jene angreift, die der Natur Schaden zufügen — und wer ihn zu bezwingen oder zu überlisten weiß, dem kann er sogar dienstbar werden. Eine verbreitete Erzählung berichtet, man könne den Gulyabani bändigen, indem man ihm heimlich eine Nadel in seinen Stab oder unter seine Kleidung steche; solange die Nadel verborgen bleibe, müsse er dem Menschen gehorchen und schwere Arbeit verrichten, ja Schätze herbeischaffen — bis er die Nadel findet und entkommt. In dieser List — der Mensch besiegt den überlegenen Unhold durch Klugheit statt Kraft — kehrt dasselbe Muster wieder, das schon den Fischer in der Dschinn-Geschichte über den Flaschengeist triumphieren ließ, und das die anatolische Erzählkultur in der Gestalt des Nasreddin Hodscha zum eigentlichen Heldentum erhebt: die Überlegenheit des Witzes über die rohe Gewalt.

Die anatolische Folklore kennt überdies einen alten, verwandten Riesenschrecken: den einäugigen Menschenfresser Tepegöz („Scheitelauge") aus dem Buch des Dede Korkut, dem großen Epenkranz der Oghusen-Türken — ein zyklopenhafter Unhold, gezeugt von einer Fee, unverwundbar bis auf das eine Auge, der von den Stämmen einen grässlichen Menschentribut fordert, bis der Held Basat ihn nach Art des Odysseus blendet und erschlägt. Tepegöz ist nicht derselbe wie der Gulyabani, doch er entstammt derselben anatolischen Furcht vor dem riesenhaften, menschenfressenden Unwesen der Wildnis und gehört in seinen Umkreis.

Der Karakoncolos: der Unhold der Winternächte

Eine eigene, jahreszeitlich gebundene Schreckgestalt ist der Karakoncolos (auch Karakoncolo, Koncolos), der Unhold der tiefsten Winternächte, besonders verbreitet im Nordosten Anatoliens und an der Schwarzmeerküste, aber auch auf dem Balkan. Sein Name ist mit dem griechischen Kallikantzaros verwandt — jenen koboldartigen Wintergeistern, die in der griechischen Überlieferung in den „Zwölf Nächten" zwischen Weihnachten und Epiphanias ihr Unwesen treiben —, und die beiden Gestalten haben sich im gemeinsamen anatolisch-balkanischen Raum gegenseitig durchdrungen.

Der Karakoncolos erscheint in den zehn strengsten Tagen des Hochwinters — der Volksmund nennt diese eisige Zeit zemheri, „die grausame Kälte". Er ist, wie der Gulyabani, ein behaartes, zottiges Wesen, oft als Kreuzung aus Teufel und wildem, affenartigem Waldmenschen beschrieben. Seine Tücke liegt in einem unheimlichen Frage-und-Antwort-Spiel: An dunklen Straßenecken und Wegkreuzungen tritt er dem nächtlichen Wanderer entgegen und stellt ihm scheinbar harmlose Fragen. Wer antwortet, ohne das rettende Wort zu treffen, fällt seiner Bosheit anheim; die Überlieferung lehrt, man müsse in jeder Antwort das Wort „kara" (türkisch „schwarz") unterbringen — denn der Name des Unholds selbst beginnt mit kara, und nur wer ihn so gleichsam beim eigenen Wesen nennt, entgeht dem Schaden. Eine zweite Gefahr ist seine Stimme: Der Karakoncolos ahmt die Stimmen geliebter Menschen nach, ruft den Schläfer aus dem warmen Haus in die Nacht hinaus und versetzt ihn in eine Art Bann oder Trance, sodass das Opfer ziellos durch die eisige Dunkelheit irrt und zu erfrieren droht, wenn es den Zauber nicht zu brechen vermag.

Im Karakoncolos verdichtet sich, ähnlich wie im germanischen Glauben an die jahreszeitlich gebundenen Geisterumzüge, die uralte Furcht vor der gefährlichen Schwellenzeit des tiefen Winters: jener Spanne, in der die Sonne am schwächsten steht, die Nächte am längsten sind und die Grenze zwischen der Menschenwelt und der Welt der Geister durchlässig wird.

Eigenschaften und Stellung in der Schöpfungsordnung

Fasst man die weit verstreute Überlieferung zusammen, ergibt sich ein erstaunlich kohärentes Bild von Ghul und Gulyabani — einer Gestalt, die überall dort auftritt, wo die geordnete Menschenwelt an die ungezähmte Wildnis und an das Reich der Toten grenzt.

Stofflichkeit und Gestaltwandel. Anders als der gewöhnliche, unsichtbar einflüsternde Dschinn ist der Ghul ein leibliches, fressendes Wesen. Der arabische Ghul ist der Meister des Gestaltwandels — Hyäne, Hund, schönes Weib, harmloser Wanderer —, doch verraten ihn oft seine unverwandelbaren Füße. Der anatolische Gulyabani dagegen ist von massiver, fester Riesengestalt: behaart, bärtig, stinkend, mit Stab und gewaltiger Kraft.

Lebensraum und Zeit. Ihr Reich ist die Schwelle: die Wüste, der nächtliche Wald, das Gebirge, die Ruine, die Wegkreuzung — und vor allem der Friedhof. Ihre Stunde ist die Nacht und die Dämmerung; der Karakoncolos ist überdies an die eisige Winterzeit gebunden. Sie sind die Wächter der Orte, an denen der Mensch nicht sein sollte.

Nahrung und Gefahr. Der Ghul ist vor allem Leichenfresser und Menschenfresser; er gräbt die Toten aus und überfällt die Lebenden. Der Gulyabani tötet, erschreckt zu Tode, raubt die Sprache und treibt den Reisenden in die Irre. Beide verkörpern den plötzlichen Tod in der Einöde — durch Verirren, Erfrieren, Überfall.

Moralität und Doppelnatur. Als Art der Dschinn teilen Ghul und Gulyabani deren grundsätzliche Willensfreiheit, doch erscheinen sie fast durchweg auf der bösen Seite. Bemerkenswert ist allein der Doppelaspekt des Gulyabani, der bisweilen als Hüter des Waldes und, einmal überlistet, als dienstbarer Helfer auftritt — eine Ambivalenz, die ihn von den eindeutig bösen Gestalten anderer Traditionen abhebt.

Die großen Vergleiche

Stellt man Ghul und Gulyabani neben die Unholde anderer Traditionen, so zeigt sich eine durchgehende Grundfigur: Fast jede Kultur kennt ein menschenfressendes, gestaltwandelndes Wesen der Wildnis und der Gräber — den Schrecken, der am Rand der bewohnten Welt lauert. Die Gemeinsamkeit ist real; ebenso real sind die Unterschiede, die meist an drei Bruchlinien liegen: am ontologischen Status (geschaffenes Geistwesen, untoter Mensch oder vorzeitliche Naturmacht?), an der moralischen Wertung (eindeutig böse oder ambivalent?) und an der Herkunft (lebender Dämon oder zurückkehrender Toter?).

Islam und anatolische Folklore — Ghul und Gulyabani

Ghul und Gulyabani sind, wie dargestellt, eine Art der geschaffenen Dschinn — leibliche, fressende, an die Einöde und die Gräber gebundene Unholde innerhalb eines streng monotheistischen Rahmens. Sie sind weder Götter noch zurückgekehrte Tote, sondern Geschöpfe wie der Mensch, nur aus feinerem Stoff und finsterer Gesinnung. Ihr Kennzeichen ist die Verbindung von Gestaltwandel (Ghul) beziehungsweise Riesenhaftigkeit (Gulyabani) mit der Gier nach Menschenfleisch und Leichen. Genau an dieser Verbindung — geschöpfliches Geistwesen, das leiblich tötet und frisst — lassen sich die folgenden Vergleiche messen.

Hinduismus — der Rakshasa

Die nächste und vollständigste Entsprechung bietet der hinduistische Rakshasa. Die Parallele ist so eng, dass die vergleichende Folkloristik beide regelmäßig nebeneinanderstellt: Auch der Rakshasa ist ein gestaltwandelnder, oft riesenhafter, menschenfressender Nachtdämon, der die Wälder, Schlachtfelder und Verbrennungsplätze heimsucht, das Opferfeuer der Weisen entweiht und Reisende von ihren Wegen lockt, um sie zu verschlingen. Wie der Ghul kann sich der Rakshasa als schönes Weib zeigen (die rākṣasī), wie der Gulyabani tritt er als gewaltiger Unhold auf, und beide nähren sich vom Fleisch der Lebenden wie der Toten.

Der Unterschied liegt im kosmischen Rahmen. Der Rakshasa agiert in einem vielgestaltigen Kosmos voller Götter und ist eingebettet in das Gesetz von Karma und Wiedergeburt: Man kann als Rakshasa geboren werden infolge früherer Taten und in einem künftigen Leben aufsteigen; die Dämonennatur ist eine Daseinsstufe im Kreislauf, nicht eine feste, parallele Gattung wie der Dschinn-Ghul. Zudem kennen die indischen Epen — anders als die arabische Überlieferung — auch fromme, gelehrte, asketische Rakshasa, die sich durch Bußübungen Macht erringen. Wo der islamische Ghul ein böses Geschöpf neben dem Menschen ist, ist der Rakshasa eine mögliche Wiedergeburtsform des Menschen selbst. (Verwandte indische Schreckgestalten sind die Yakṣas, die Nāgas und, als hungernde Totengeister, die Pretas.)

Germanische und europäische Welt — Troll, Oger und Menschenfresser

Eine zweite große Entsprechung bilden die Trolle und Riesen der germanisch-nordischen Welt und die Oger des europäischen Märchens. Der Troll der skandinavischen Überlieferung ist, wie der Gulyabani, ein massiger, oft riesenhafter, hässlicher und dummer Unhold der Wildnis — er haust in Bergen, Höhlen und tiefen Wäldern, meidet das Tageslicht (manche Trolle erstarren im Sonnenlicht zu Stein) und bedroht den einsamen Wanderer. Der Oger (französisch ogre) des Märchens — der menschenfressende Riese, der „Blut von einem Menschenkind" wittert, wie der Riese im englischen „Hans und die Bohnenranke" — entspricht in seiner Menschenfresserei fast vollständig dem Ghul und dem Gulyabani.

Der entscheidende Unterschied ist das Fehlen des religiösen Rahmens. Troll und Oger stehen außerhalb jeder Schöpfungs- oder Heilstheologie; sie sind weder von einem Schöpfergott geschaffen noch einem Gericht unterworfen noch zur Anbetung verpflichtet. Sie sind eine eigenständige, vorzeitliche Andersmenschheit, die alte, wilde Macht des Landes und der Berge selbst — verwandt den Riesen (jötnar) der nordischen Mythologie, den uralten Widersachern der Götter. Wo der Islam den Ghul theologisch in die eine Schöpfung einordnet und sein Wesen an die Dschinn-Natur bindet, bleibt der Troll die amoralische Urmacht der Wildnis. Geteilt aber ist über alle Grenzen hinweg das tröstliche Erzählmuster vom Sieg der List über die Kraft: Wie der Fischer den Marid überlistet und der Held den Gulyabani durch die Nadel bezwingt, so besiegt im Märchen der kleine, schwache, kluge Held den dummen Riesen.

Islam — der verwandte Dschinn

Innerhalb des Islam selbst ist der nächste Verwandte der Dschinn schlechthin — denn der Ghul ist eine Art Dschinn, und der Vergleich ist eher eine Unterscheidung innerhalb derselben Gattung. Der gewöhnliche Dschinn ist von Natur unsichtbar und wirkt vor allem durch das Einflüstern (waswasa), die Versuchung, die Besessenheit; das Böse unter den Dschinn ist nicht ihr Wesen, sondern ihre Wahl, und es gibt unter ihnen Gläubige wie Ungläubige, ja fromme muslimische Dschinn. Der Ghul dagegen ist der Dschinn in seiner leiblichsten, fleischlichsten, eindeutig bösartigen Ausprägung: nicht der unsichtbare Einflüsterer, sondern der sichtbare Fresser. Wo der Dschinn die ganze Spannweite von fromm bis frevlerisch umfasst, ist der Ghul auf das untere, raubgierige Ende dieses Spektrums festgelegt — gleichsam der Dschinn, an dem das Tierhafte über das Vernünftige siegt. Beide aber teilen die Geschöpflichkeit, die Feinstofflichkeit, die Bindung an Schwellenorte und die Abwehr durch Gottesnamen und Koranrezitation.

Europäischer Vampir — der zurückkehrende Tote

Eine besonders lehrreiche Abgrenzung bietet der Vampir (slawisch vampir, rumänisch strigoi, griechisch vrykolakas) der südost- und osteuropäischen Überlieferung. Oberflächlich scheint die Nähe groß: Auch der Vampir ist ein nächtliches Wesen der Gräber, das sich von menschlichem Leib — beim Vampir vom Blut — nährt und mit dem Tod und dem Friedhof verbunden ist. Beide gehören in das große Heer der „Wesen, die sich am Menschen nähren".

Doch der Bauplan ist grundverschieden, und der Unterschied liegt in der Herkunft. Der Ghul ist ein nie-menschliches Geistwesen — ein Dschinn, der die Toten frisst, aber selbst nie ein Mensch war und nie gestorben ist. Der Vampir dagegen ist ein zurückgekehrter Toter, ein einst lebendiger Mensch, der — durch unreines Sterben, Fluch, falsches Begräbnis oder eigene Bosheit zu Lebzeiten — nach dem Tod nicht zur Ruhe kommt, sondern als Untoter aus dem eigenen Grab steigt. Der Ghul bricht die Gräber von außen auf; der Vampir steigt aus dem eigenen Grab heraus. Beim Ghul nährt sich ein Fremdwesen am toten Menschen; beim Vampir nährt sich der tote Mensch an den lebenden — oft, in der balkanischen Überlieferung, an den eigenen Angehörigen zuerst. So markieren die beiden Gestalten die zwei großen Möglichkeiten, das Grauen des Grabes zu deuten: als Einbruch des Unmenschlichen von außen (Ghul) oder als Wiederkehr des Verstorbenen von innen (Vampir). Die islamische Vorstellung von der Zwischenwelt des Barzach, in der die Toten bis zur Auferstehung verweilen, kennt im Übrigen keinen aus dem Grab zurückkehrenden Untoten dieser Art — der Vampirglaube ist dem koranischen Jenseitsbild fremd.

Schamanismus und Naturglaube — die Geister der Wildnis

Am weitesten führt der Vergleich mit den Wildnis- und Ortsgeistern des Schamanismus und der alttürkisch-zentralasiatischen Naturreligion. In der unter dem Himmelsgott Tengri geordneten Geisterwelt ist die Natur durchwirkt von Berg-, Wald-, Wasser- und Ortsgeistern, und die Unterwelt steht unter der Herrschaft des finsteren Erlik. Auch hier gibt es bedrohliche, an einsame Orte gebundene Mächte, denen man mit Scheu begegnet — und im türkischen Volksglauben treten neben dem Gulyabani die Çöl Babaları auf, die „Wüsten-/Steppenväter", die Herren der Einöde, die man nicht reizen darf.

Der entscheidende Unterschied liegt in der erlaubten Beziehung. Der Schamane tritt mit den Geistern der Wildnis in bewusste, geregelte Beziehung — er ruft Hilfsgeister an, verhandelt, reist in ihre Sphären. Die Geister sind, bei aller Gefahr, mögliche Partner im rituellen Haushalt der Gemeinschaft. Gegenüber dem Ghul und dem Gulyabani dagegen kennt der Islam nur die Abwehr: Zuflucht zu Gott, Koranvers, Gottesname, Meidung ihrer Orte. Im türkischen Volksglauben treffen beide Haltungen aufeinander — die alte schamanische Geisterwelt und die islamische Dämonenabwehr haben sich in Anatolien überlagert, sodass der Gulyabani zugleich Erbe der alten Wildnisgeister und Vetter des arabischen Ghul ist.

Bilanz der Vergleiche

Quer durch die Traditionen kehrt dieselbe Grundfigur wieder: ein menschenfressendes, gestaltwandelndes Wesen der Wildnis und der Gräber, das den einsamen Reisenden bedroht — und überall begegnen ähnliche Erzähl- und Abwehrmotive: das Locken von der sicheren Straße, der verräterische Fuß oder die verräterische Speise, die Bindung an Friedhof, Ruine und Dämmerung, der Sieg der List über die Kraft. Ebenso beständig kehren die Unterschiede wieder. Erstens der ontologische Status: Ghul und Gulyabani sind geschaffene Geistwesen (Dschinn); der Vampir ist ein untoter Mensch; Troll und Oger sind vorzeitliche Naturmächte; der Rakshasa ist eine Wiedergeburtsform im Karma-Kreislauf. Zweitens die Herkunft des Grauens: beim Ghul der Einbruch des Unmenschlichen von außen, beim Vampir die Wiederkehr des Toten von innen. Drittens die erlaubte Beziehung: Abwehr im Islam, kultische Kooperation im Schamanismus. In dieser dritten Achse zeigt sich am schärfsten, wie sehr nicht das Wesen der Unholde, sondern die Ordnung, in die eine Kultur sie stellt, über ihre Bedeutung entscheidet.

Schutz und Abwehr

Gegen Ghul und Gulyabani kennt die Überlieferung ein abgestuftes Arsenal von Schutzmitteln, das von strenger Schriftfrömmigkeit bis zur volkstümlichen Magie reicht und sich vielfach mit der Abwehr der Dschinn und des bösen Blicks überschneidet.

Im Zentrum der schriftgemäßen Abwehr steht die Zuflucht zu Gott: die Rezitation von Koranversen (ruqya), vor allem des Thronverses (Âyat al-Kursî) und der beiden Schutzsuren al-Falaq und an-Nâs, sowie die Formel aʿûḏu billâh („Ich nehme Zuflucht bei Gott"). Eben hierauf zielt die Deutung des Prophetenwortes „Es gibt keinen Ghul": Dem Gottvertrauenden, der den Gebetsruf spricht, kann der Ghul nichts anhaben. Volkstümlicher ist das Tragen des Muska-Amuletts und der Gebrauch der klassischen Abwehrmittel gegen Geistwesen — Eisen (Dschinn und ihre Arten scheuen das Eisen), das Verräuchern von Steppenraute (üzerlik) und Knoblauch, die blaue Nazar-Perle. Gegen den Gulyabani gilt überdies die List der verborgenen Nadel als wirksam; gegen den Karakoncolos schützt das rettende Wort „kara" in jeder Antwort. Diese Praktiken stehen in enger Nachbarschaft zur anatolischen Volksmedizin, die körperliche und geistige Leiden, das jähe Erschrecken und die unerklärliche Lähmung in einem heilkundlichen Rahmen zu behandeln suchte.

Moderne Rezeption

Wie die Dschinn haben Ghul und Gulyabani den Sprung in die moderne Kultur geschafft — in zwei gegenläufigen Richtungen. In der westlichen Rezeption wurde der „ghoul" über die englischen Übersetzungen der Tausendundeinen Nacht (zuerst bei Antoine Galland und William Beckford im 18. Jahrhundert, dessen Schauerroman Vathek den Ghul in die europäische Literatur einführte) zur festen Figur des Horrors: der Grabschänder, der Leichenfresser, der untote Friedhofsdämon — eine Gestalt, die von der Gruselliteratur über H. P. Lovecraft bis zu unzähligen Filmen, Computerspielen (etwa als „ghoul" in den großen Endzeit- und Fantasy-Spielreihen) und Rollenspielen reicht und dort oft mit dem Zombie und dem Untoten verschmolzen ist — also gerade mit dem Vampir-Typus, von dem der ursprüngliche Ghul scharf zu trennen wäre.

In der türkischen Kultur lebt der Gulyabani in doppelter Gestalt fort: als ernstgenommene Schreckgestalt des ländlichen Volksglaubens und als Stoff der Unterhaltung. Hüseyin Rahmi Gürpınars Roman Gulyabani (1913) wurde mehrfach verfilmt; die berühmteste Verfilmung von 1976, eine Komödie, machte den Namen einem Massenpublikum vertraut und verband — wie schon der Roman — den uralten Aberglauben mit einer aufklärerischen Pointe: Der vermeintliche Gulyabani entpuppt sich am Ende als menschlicher Betrug. Das jüngere türkische Horrorkino wiederum (etwa im Umkreis der Dabbe-Filme) hat den Gulyabani und die cinler als ernste Schrecken neu belebt. Der Karakoncolos schließlich erfährt in jüngerer Zeit eine bemerkenswerte Wiederkehr als folkloristisches „türkisches Winterungeheuer", das in Reise- und Brauchtumsberichten gern neben den westlichen Weihnachts- und Wintergeistern genannt wird.

Auch die vergleichende und tiefenpsychologische Deutung hat sich dieser Gestalten angenommen. Wo eine ältere Religionswissenschaft in ihnen das Fortleben vorislamischer Wüsten- und Wildnisgeister sah, lesen tiefenpsychologisch geprägte Deutungen sie — wie verwandte Unholde — als Projektionen innerer und äußerer Schrecken: als Bilder für die reale Todesgefahr der Einöde, für die Angst vor dem Verirren, dem Erfrieren, dem einsamen Tod, und für das „Wilde", Triebhafte, Unzivilisierte am Rande des bewussten Ich. Der Friedhofs-Ghul gibt der Furcht vor dem Tod und dem Verwesenden eine Gestalt; der behaarte Gulyabani der Wildnis dem Schrecken vor der ungezähmten Natur. Ob man sie als reale unsichtbare Geschöpfe, als Personifikationen seelischer Kräfte oder als kulturelles Erbe der Wildnisfurcht versteht — sie bleiben eindrückliche Beispiele dafür, wie der Mensch die bedrohliche Hälfte seiner Welt, den Rand jenseits von Herd und Mauer, mit Gestalten bevölkert hat.

Fazit

Ghul und Gulyabani sind die Antwort der arabischen und der anatolischen Überlieferung auf eine Frage, die jede Kultur stellt: Was lauert dort, wo die bewohnte Welt aufhört — in der Wüste, im nächtlichen Wald, auf dem Friedhof? Aus dem altarabischen Wüstendämon, der den Reisenden durch Trug und Gestaltwandel ins Verderben lockt, machte der Islam eine besonders bösartige Art der geschaffenen Dschinn — leiblich, fressend, an die Gräber und die Einöde gebunden, doch dem gottvertrauenden Menschen nicht überlegen. Auf dem Weg nach Anatolien wurde aus dem listigen Wüsten-Ghul der massige, behaarte Gulyabani des Gebirges, dem sich der winterliche Karakoncolos und der einäugige Tepegöz der alten Epen zugesellten. In ihren Geschichten — der ġûla auf dem Friedhof, der Frau, die nur Reis aß, dem Riesen, den eine verborgene Nadel bändigt, dem Unhold, dem man mit dem Wort „kara" entgeht — verdichtet sich eine ganze Anthropologie der Furcht, der Klugheit und der Zuflucht.

Im Vergleich treten sie als eine eigene Lösung unter vielen hervor: geschöpflicher und stärker dem einen Gott unterworfen als die vorzeitlichen Trolle und Oger; ein nie-menschliches Fremdwesen, anders als der zurückkehrende Vampir und Untote; ein böses Geschöpf neben dem Menschen, anders als der Rakshasa als Wiedergeburtsform des Menschen; abzuwehren, nicht zu verehren, anders als die kooperativen Geister des Schamanismus. Sie nebeneinanderzustellen heißt nicht, sie gleichzusetzen, sondern zu sehen, worin die Traditionen einander berühren — im Bild des Unholds am Rand der Welt — und worin sie unwiderruflich verschieden bleiben: in der Ordnung, die jede von ihnen über das Grauen der Wildnis und der Gräber legt.