Das Buch des Dede Korkut (Kitâb-i Dedem Korkud)
Das im 15.–16. Jahrhundert verschriftlichte epische Gesamtwerk der Oghusen-Türken; in zwölf Erzählungen vollzieht sich eine Synthese aus vorislamischer türkischer Mythologie und Sufismus.
Vorstellung des Werks
Das Buch des Dede Korkut, mit vollem Namen Kitâb-i Dedem Korkud alâ Lisân-i Tâife-i Oghuzân („Das Buch meines Dede Korkud in der Sprache der Oghusenstämme"), ist das epische Gesamtwerk der Oghusen-Türken, von dem man annimmt, dass es im 15.–16. Jahrhundert verschriftlicht wurde. Das Werk besteht aus einer einleitenden Vorrede (mukaddime) und zwölf Erzählungen (boy). Es gehört zu den ältesten epischen Prosa-Erzählungen der türkischen Literatur und ist zugleich eines der eigenständigsten Werke der Weltepenliteratur.
Das Werk hat zwei wichtige Handschriften:
- Die Dresdner Handschrift (Sächsische Landesbibliothek, Mscr. Dresd. Ea. 86): Sie enthält 12 Erzählungen; die Entdeckung durch H. F. von Diez 1815 führte das Werk in die westliche Gelehrtenwelt ein
- Die Vatikanische Handschrift (Vat. turc. 102): Sie enthält 6 Erzählungen und wurde 1950 von Ettore Rossi herausgegeben
2018 wurde in der Stadt Aschgabat in Turkmenistan unter dem Namen Günbed-Handschrift (Turkestan-Handschrift) eine neue Handschrift entdeckt; in dieser Handschrift findet sich eine Erzählung, die in den vorherigen Handschriften nicht enthalten war.
Die Zeit der Abfassung und die Zeit der Verschriftlichung des Werks sind getrennt zu betrachten. Die Kernmotive der Erzählungen reichen in das 9.–11. Jahrhundert der Region Zentralasien/Kaspisch-Kaukasien zurück, ja sogar bis in die vorislamische Oghusenzeit. Die schriftliche Redaktion hingegen wird auf das Ende des 15. bis den Anfang des 16. Jahrhunderts datiert, im Umkreis der Aq Qoyunlu (1378–1508) oder der frühen Osmanen.
Wie Geoffrey Lewis im Vorwort seines Werks The Book of Dede Korkut darlegt, lässt sich das Buch des Dede Korkut als eine türkische Odyssee lesen; doch anders als die homerischen Epen ist es in Prosa abgefasst, mit mündlich-schamanischen Melodien durchwirkt und spiegelt die Anfangsphase der islamischen Synthese wider.
Die UNESCO nahm 2018 das Erbe des Dede Korkut (Türkei, Aserbaidschan, Kasachstan) in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf.
Inhaltsstruktur
Vorrede: Wer ist Dede Korkut?
Die Vorrede erklärt, wer Dede Korkut, die geistliche Mittelachse des Werks, ist. Mit den Worten des Werks: „Nahe der Zeit des Gesandten — Friede sei mit ihm — erstand aus dem Bayât-Stamm ein Mann, den man Korkut Ata nannte. Jener Mann war der vollkommene Wissende der Oghusen." Dede Korkut ist ein Archetyp des Schamanen-Heiligen (velî): ein Weiser, der unmittelbar nach der Prophetenzeit kam, der die Kopuz (Langhalslaute) spielt, der die Gabe des Wunders (kerâmet) besitzt, der aus der Zukunft kündet, Namen gibt und die Eheschließung billigt.
Die Vorrede bietet zugleich eine Typologie von Frau und Mann:
- Solduran soy (die Frau, die Unheil ins Haus bringt)
- Dolduran toy (die Frau, die Fülle ins Haus bringt)
- Yün egiren (die dienende Frau)
- Cinsi yetkin (die den Geheimnissen teilhaftige, wahre Gefährtin)
Diese Einteilung zeigt die zugleich epische und praktische Dimension des Frauenbildes in der türkisch-oghusischen Gesellschaft.
Die zwölf Erzählungen (boy)
Die Reihenfolge in der Dresdner Handschrift:
- Die Erzählung von Boghaç Han, dem Sohn des Dirse Han — Kinderlosigkeit, Gebet, wunderhafte Geburt, Sohn-Vater-Konflikt
- Die Erzählung, wie das Haus des Salur Kazan geplündert wurde — Feindeseinfall, die Gefangenschaft des Sohnes Uruz
- Die Erzählung von Bamsi Beyrek, dem Sohn des Kam Püre — Liebe, Gefangenschaft, falsche Hochzeit; der türkische Odysseus
- Die Erzählung, wie Uruz Bey, der Sohn des Kazan Bey, gefangen wurde — Die Rettung des Sohnes durch den Vater
- Die Erzählung von Deli Dumrul, dem Sohn des Duha Koca — Der Handel mit dem Todesengel (Azrail), die Aufopferung des Lebens durch die Gattin
- Die Erzählung von Kan Turali, dem Sohn des Kanli Koca — Die Bezwingung dreier wilder Tiere, Heirat
- Die Erzählung von Yegenek, dem Sohn des Kazilik Koca — Die Suche nach dem gefangenen Vater
- Die Erzählung, wie Basat den Tepegöz tötete — Der einäugige Riese (Polyphem-Parallele)
- Die Erzählung von Emren, dem Sohn des Begil — Feindesangriff während der Jagd
- Die Erzählung von Segrek, dem Sohn des Uschun Koca — Die Rettung des gefangenen Bruders
- Die Erzählung, wie Salur Kazan gefangen wurde — Die treue Suche der Gattin nach Kazan
- Die Erzählung, wie die Tasch-Oghusen sich gegen die Iç-Oghusen erhoben — Konflikt innerhalb des Stammes, das Martyrium Beyreks
Jede Erzählung hat eine episch-formelhafte Struktur: Ereignis → Krise → schamanisch-gebetliche Intervention → Lösung → das boylama des Dede Korkut (das Mahngedicht).
Grundlehren
Die geistlich-weisheitlichen Schichten im Buch des Dede Korkut lassen sich unter fünf Überschriften untersuchen:
1. Die Synthese des Übergangs vom Tengri-Glauben zum Islam
Das Werk ist der lebendige Zeuge der Synthese zwischen dem alten Tengri-Glauben und dem neuen Islam. In den Erzählungen kommen sowohl „Hak Taâlâ" als auch „Tanri" (Tengri) als auch „Allah" vor; das rituelle Gebet, die rituelle Waschung, der Segensgruß auf den Propheten Muhammad werden erwähnt; doch zugleich finden sich die Kopuz, das Schwören von Eiden, die Versammlung unter dem Baum, die Kriegerin (Banu Çiçek), die Figur des schamanischen Stellvertreters Korkut und Dialoge mit den Erde-Wasser-Geistern (Yer-Su). Dies ist kein Synkretismus, sondern eine organische Synthese: Der neu hinzukommende Islam fügt sich in den alten Kosmos ein; der alte Kosmos findet den Weg, im islamischen Diskurs fortzubestehen.
2. Kut und Heldentum
Der Begriff Kut ist ein zentraler Begriff der türkischen Spiritualität: göttlich verliehene Macht, Segen, Herrschaftsbefugnis. In den Dede-Korkut-Erzählungen wird man zum Alp-Typus (Heldentypus), indem man kut-begabt ist; dies ist eine halb-schamanische, halb-sufische Befugniserteilung.
3. Wort, Eid und geistliches Band
Die boylama-Szenen (das gereimte Mahnwort) des Dede Korkut spiegeln einen Kosmos wider, in dem das Wort eine geistliche Wirklichkeit trägt. Einen Namen geben, einen Eid schwören, einen Fluch aussprechen, einen Segen erbitten — dies sind metaphysische Ereignisse. Dies ist sowohl im Schamanismus als auch im Sufismus ein gemeinsames Prinzip: Das Wort wird schöpferisch, wenn es an die Wahrheit gebunden ist.
4. Die Konfrontation mit dem Tod: Deli Dumrul
Die Erzählung von Deli Dumrul ist besonders wichtig: Dumrul handelt mit dem Todesengel Azrail, die Treue der Gattin, die das Angebot ablehnt, das Leben der Eltern zu nehmen, rührt Gott; beide bleiben am Leben. Diese Erzählung bildet eine epische Pforte, an der die Gattenliebe und die Wirklichkeit des Todes konfrontiert werden. Ihre philosophische Verwandtschaft mit der Lehre Ibn Arabîs vom Vergänglichen und Bleibenden (fânî–bâkî) ist beachtenswert.
5. Tepegöz und die vergleichende Struktur des Bösen
Die Erzählung, wie Basat den Tepegöz tötete trägt erstaunliche Ähnlichkeiten mit der Polyphem-Episode aus Homers Odyssee. Die Vergleicher deuten diese Parallele entweder als direkte Übertragung (ein im Schwarzmeerbecken früh verbreitetes Motiv) oder als ein Jung'sches Archetyp des kollektiven Unbewussten. Wie Mustafa S. Kaçalin in seinem TDV-Artikel darlegt, macht diese Parallele das Buch des Dede Korkut zu einem Teil eines eurasischen epischen Gesamtwerks.
Tiefenanalyse ausgewählter Erzählungen
Boghaç Han: Wunderhafte Geburt und Namensverleihung
Die Erzählung von Boghaç Han, dem Sohn des Dirse Han, ist die erste Erzählung des Werks und erfüllt eine Paradigma-Funktion. Dirse Han hat kein Kind. Nachdem er Hungrige gesättigt, Dürstende zum Wasser gebracht und Wohltaten an Sieben und Dreißig, an Hungrige und Satte (eine Art Volksabgabe/almosenhafte Gabe) vollbracht hat, gibt Gott ihm einen Sohn. Dies zeigt, dass das Gute als Gegengabe für das kut geistlich-praktisch fließt.
Das Kind wächst heran und bezwingt mit fünfzehn Jahren den roten Stier des Bayindir Han. Dede Korkut kommt und gibt dem Kind einen Namen: „Sagt es dem Han von Buchara, der Name des Knaben sei Boghaç!" Die Bedeutung der Namensverleihungsszene ist groß: einer Person einen Namen zu geben heißt, ihr kut zu binden, ihr eine geistliche Identität zu verleihen. Dies ist die epische Vorgestalt sowohl des Schamanismus als auch des Ritus der Namensänderung (der Verleihung eines Namens oder Dichternamens) im Sufismus.
Dann wendet sich die Erzählung dem Vater-Sohn-Konflikt zu: Die neidischen Krieger des Dirse Han verleumden seinen Sohn, der Vater verwundet seinen Sohn. Die Mutter rettet den Sohn. Am Ende bereut der Vater und bestraft seine Gehilfen. Dies ist eine archetypische Darstellung des Kreislaufs von Neid–Verleumdung–Wunde–Heilung.
Deli Dumrul: Der Handel mit Azrail und die Aufopferung der Gattin
Die Erzählung von Deli Dumrul, dem Sohn des Duha Koca, gehört zu den philosophisch-tiefen Erzählungen des Werks. Dumrul, der über einen trockenen Bach eine Brücke gebaut hat und vom Hinübergehenden 33, vom Nicht-Hinübergehenden 40 Akçe nimmt, sieht eines Tages neben der Brücke eine Leiche. Azrail hat die Seele des Jünglings aus dem Dorf genommen. Dumrul wird zornig: „Wer ist dieser Azrail, von dem ihr sprecht? Ich will ihn sehen, ich will mit ihm ringen!"
Gott ist nicht einverstanden und schickt Azrail. Dumrul leistet Widerstand; am Ende wird er besiegt. Azrail kommt, um die Seele zu nehmen. Dumrul: „Gib mir Aufschub, lass mich zu meinen Eltern gehen; wenn einer von ihnen sein Leben gibt, lass mich frei." Seine Eltern lehnen ab: „Wir würden zwar sagen, das dir gegebene Leben zurückzunehmen, aber.." Als Dumrul zu seiner Frau kommt, sagt sie, ohne auch nur einen Augenblick nachzudenken: „Mein Leben sei dir geopfert!" Gott ist mit dieser Treue zufrieden, verschont das Leben beider und schenkt ihnen 140 Jahre Lebenszeit.
Die geistlichen Schichten dieser Erzählung sind reich:
- Die Sünde, Gott herauszufordern (Parallele zum Turmbau zu Babel / Prometheus)
- Die Grenze des Altruismus der älteren Generation
- Gattenliebe = Opfer (parallel zur Mevlevî-Lehre der Lebenshingabe, can-fedâ)
- Glück = nicht, den Tod zu übersteigen, sondern den Tod bereitwillig anzunehmen
Das Verhältnis Ibn Arabîs vom Vergänglichen und Bleibenden (fânî–bâkî) wird hier in epischer Form ausgedrückt: Die wahre Liebe ist die Fähigkeit, sich selbst aufzuopfern; sobald diese Fähigkeit hervortritt, wird ein Leben über dem Tod möglich.
Bamsi Beyrek: Der türkische Odysseus
Die Erzählung von Bamsi Beyrek, dem Sohn des Kam Püre, ist die beliebteste und dramatischste Erzählung des Werks. Beyrek ist Banu Çiçek seit der Kindheit durch ein Wiegengelöbnis versprochen. Als Beyrek zum Jüngling herangewachsen ist, geht er, um Banu Çiçek zu sehen, in verkleideter Gestalt zu ihr, besiegt sie im Bogenschießen, im Ringen und im Wettreiten, und das Eheversprechen wird besiegelt. Bei den Hochzeitsvorbereitungen jedoch kommt ein Feindeseinfall, und Beyrek bleibt 16 Jahre in Gefangenschaft.
In dieser Zeit will man Banu Çiçek mit einem anderen verheiraten. Am Vorabend der Hochzeit entkommt Beyrek aus dem Gefangenenlager, verkleidet sich und kehrt als Hirte in sein Dorf zurück. Auf der Hochzeit spielt er die Kopuz, singt Lieder und gibt dem Verlobten Banu Çiçeks Gelegenheit, seine Gaben zur Schau zu stellen. Am Ende gibt er seine Identität preis. Banu Çiçek erkennt ihn am Klang seiner Kopuz, an der Narbe an seinem Fuß, an den Erinnerungen in seinen Worten.
Die strukturelle Parallele zur Heimkehr des Odysseus zu Penelope ist so bemerkenswert, dass Geoffrey Lewis diese Erzählung als „the Turkish Odyssey episode" bezeichnet. In beiden Erzählungen finden sich:
- Lange Gefangenschaft/Verbannung
- Vorbereitung einer falschen Hochzeit
- Die Rückkehr des Helden in Verkleidung
- Die heimliche Prüfung der Treue der Gattin
- Die Herstellung der Identität durch ein Zeichen — eine Narbe/Spur
Dies ist entweder eine frühe Übertragung zwischen zwei Traditionen (höchstwahrscheinlich im Dreieck Anatolien–Iran–Griechenland im 1. Jahrtausend v. Chr.) oder zwei gesonderte Erscheinungen des Jung'schen Archetyps des kollektiven Unbewussten.
Die schamanisch-sufische Synthese: Dede Korkut selbst
Die Frage, wer Dede Korkut ist, ist der geistliche Schlüssel des Werks. Er ist ein Schamane: Er spielt die Kopuz, kündet aus der Zukunft, besitzt die Gabe des Wunders. Doch zugleich ist er ein Heiliger (velî): nach der Prophetenzeit gekommen, mit Gottes Erlaubnis sprechend, Namen gebend, die Eheschließung billigend. Diese Doppelnatur ist die vollkommene Verlebendigung der organischen Wegkreuzung zwischen dem Tengrismus und dem Sufismus.
Die Kopuz ist nicht bloß ein Musikinstrument: Sie ist die türkisierte Gestalt der schamanischen Trommel. Wenn Dede Korkut die Kopuz spielt, lässt er den Schleier zwischen der Wirklichkeit und dem Wirklichkeitsjenseitigen erzittern; er stellt eine geistliche Frequenz her. Dies steht in derselben Kategorie wie die spätere Funktion der Ney im Mevlevî-semâ und der Saz im bektaschitischen cem.
Das boylama des Dede Korkut (das gereimte Mahnwort, das er am Ende jeder Erzählung spricht) ist eine episch-frühe Form des sufischen hatm-i hâcegân oder des Hymnus Yunus Emres. Folgendes Beispiel ist typisch:
„Welt des Kommens und Gehens, Welt, deren Ende der Tod ist... Wie sehr sie auch Bey und Han sein mögen, Stets ist die Erde schwarz, der Himmel fern."
Hätte Yunus Emre diese Verse gesprochen, wären sie Sufismus, hätte Mevlânâ sie gesprochen, Mevlevî-Dichtung — Dede Korkut sprach sie: Epos-Sufismus.
Vergleichende Perspektive
Innerhalb des türkischen Epen-Gesamtwerks
Dede Korkut bildet mit den epischen Gesamtwerken Manas (kirgisisch), Alpamisch (usbekisch) und Köroglu (türkisch-aserbaidschanisch-turkmenisch) eine Familie. Die gemeinsamen Merkmale dieses Gesamtwerks:
- Mündlich-melodische Struktur (in Begleitung von Kopuz/Dombra/Saz)
- Held des Alp-Typus
- Die Trias Ross–Waffe–Frau
- Schamanische Motive (Vogelgewand, Seelenreise, Reise in die Unterwelt)
Doch ist Dede Korkut innerhalb dieses Gesamtwerks das reichste hinsichtlich der islamischen Synthese, das höchststehende hinsichtlich der literarischen Reife und das einzige hinsichtlich der Prosaform.
Vergleich mit dem Mesnevî
Zwischen dem Mesnevî Mevlânâ Celâleddîn-i Rûmîs und Dede Korkut besteht ein interessanter Gegensatz und eine Verwandtschaft:
| Dimension | Mesnevî | Dede Korkut |
|---|---|---|
| Sprache | Persisch | Türkisch |
| Geographie | Konya | Bayburt-Trabzon-Kaukasien |
| Form | Vers | Prosa |
| Typus | Hoher Sufismus | Volksepos |
| Publikum | Medrese-Tekke | Stamm-Zelt-Festmahl |
| Schamanische Spur | Wenig | Viel |
| Islamische Synthese | Reif | Früh |
Beide sind Erzeugnisse des Anatoliens des 13.–15. Jahrhunderts und ergänzen einander: Das Mesnevî ist der Klassiker des hohen Sufismus, Dede Korkut der Klassiker der Volksspiritualität.
Mit den Weltepen
- Ilias / Odyssee (Homer): Die Parallelen Tepegöz–Polyphem, Beyrek–Odysseus
- Beowulf (angelsächsisch): Zweikampf, Meeresungeheuer
- Mahabharata / Ramayana (indisch): Weitläufige Geschlechter-Kriegs-Erzählung
- Schâhnâme (Firdausî): Der iranisch-turanische epische Kampf; interessanterweise bietet es ein vom Dede Korkut verschiedenes Türkenbild
- Kalevala (finnisch): Die schamanische Lied-Wissens-Tradition
Geoffrey Lewis beschreibt Dede Korkut als den türkischen Beowulf; bei tieferer Lektüre ist das Werk eine Mischung aus Beowulf + Odyssee + vorislamischen sufischen Vorläufern.
Einfluss und Rezeption
Historische Rezeption
Die osmanische Hochliteratur hat dem Buch des Dede Korkut nicht viel Gunst erwiesen. Das Werk lebte innerhalb der Volks- und Saz-Dichter und der Gedächtnistradition der Stämme und Sippen fort. Dies ist eine Widerspiegelung des Bruchs zwischen der schriftlichen Hofliteratur und der mündlichen Volksliteratur.
Moderne Wiederentdeckung
- 1815: H. F. von Diez stellte die Dresdner Handschrift dem Westen vor
- 1916: Kilisli Rifat Bilge fertigte das erste osmanische Faksimile an
- 1938: Die wissenschaftliche Ausgabe von Orhan Saik Gökyay
- 1950: Ettore Rossi gab die Vatikanische Handschrift heraus
- 1958: Die vergleichend-wissenschaftliche Edition von Muharrem Ergin (akademischer Standard)
- 1974: Die englische Übersetzung von Geoffrey Lewis (Penguin Classics)
- 2018: Die Entdeckung der Günbed-Handschrift (Turkestan-Handschrift) in Turkmenistan
Moderner literarischer Einfluss
Von Nâzim Hikmet bis Yasar Kemal, von Tarik Bugra bis Ahmet Hamdi Tanpinar hat sich die moderne türkische Literatur aus Dede Korkut gespeist. In Yasar Kemals Reihe Ince Memed lassen sich Dede-Korkut-Motive (der Alp-Typus, das Jagd-Kriegs-Ritual, die Treue der Frau) herauslesen.
In Aserbaidschan und Turkmenistan ist Dede Korkut ein Symbol der national-kulturellen Identität: Die UNESCO-Bewerbung von 2018 war ein gemeinsamer Vorschlag dreier Länder (Türkei–Aserbaidschan–Kasachstan).
Geistlich-mystische Rezeption
In den zeitgenössischen sufischen Kreisen wird Dede Korkut als eine Quelle eines vor-anatolischen Sufismus gelesen. Es ist der epische Zeuge dafür, dass die eigenständigen historischen Wurzeln der türkischen Spiritualität sich nicht allein aus dem arabisch-persischen Sufismus, sondern auch aus dem Tengrismus und Schamanismus speisen. Diese Lektüre hat im modernen türkischen geistlichen Denken eine wichtige Welle der Neubewertung ausgelöst: Denker wie Erol Güngör, Ibrahim Kafesoglu und Bahaeddin Ögel haben auf dieser Linie wichtige Beiträge geleistet.
Sprachwissenschaftliche und literarische Merkmale
Die Sprache des Buches des Dede Korkut ist der karamanisch-aqqoyunluische Dialekt des Altanatolischen Türkisch. Es ist ein zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert gesprochenes Türkisch, das sowohl oghusisch fundiert ist als auch noch nicht zu einer schriftlich-literarischen Sprache geworden war. Mit diesem Merkmal bildet das Werk eine unschätzbare Quelle für sprachwissenschaftliche Forschungen.
Stilmerkmale:
- Mündlicher Klang: Obwohl das Werk schriftlich ist, ist die Stimme des mündlich-melodischen Erzählers klar zu hören. Wiederholungen, Parallelismen, wohlklingende Verspartien in freiem Maß.
- Übergänge zwischen Prosa und Vers: Die boylama-Partien, die aus der Prosaerzählung plötzlich ins Versmaß übergehen. Dies ist die klassische türkische Epentechnik.
- Formelhafte Epitheta: Feste Charakterisierungsformeln wie „der wie ein schwarzer Berg Daliegende", „in seinem rot-grünen Gewand", „der weißmähnige, tausendwertige schwarze Hengst". Dies ist der homerischen poiētēs-Technik parallel.
- Dialogschwere: Die Ereignisse schreiten weitgehend durch Dialog voran; dies stützt die laut-lebendige Darbietung des Erzählers.
- Natur und Mensch ineinander verwoben: Die Helden sprechen mit der Natur, die Natur antwortet den Helden. Dies ist die lebendige Spur des Begriffs der Naturgeister im Schamanismus.
Lexikalische Merkmale:
- Sehr viele archaische türkische Wörter (Gegenstand großer Forschungen)
- Begrenzte arabisch-persische Elemente (meist religiöse Termini: Tanri, ahir und dergleichen)
- Schamanische Terminologie (kam, ulu, kut, töre)
Die kritisch-vergleichenden Editionen von Muharrem Ergin und später von Semih Tezcan haben die Landkarte des sprachwissenschaftlichen Reichtums des Werks zutage gefördert.
Charaktertypen: Eine Epen-Anthropologie
Dede Korkut ist nicht bloß ein Bündel von Erzählungen; es ist eine Epen-Anthropologie. Die darin enthaltenen Charaktere fungieren typenhaft:
Alp-Typus (Held): Kazan Bey, Boghaç Han, Beyrek, Basat. Die Merkmale dieses Typus: aufs Ross steigen, den Bogen schießen, im Ringen siegen, es verdienen, mit dem eigenen Namen genannt zu werden. Ein wichtiger Punkt: Der Alp muss die Benennung verdienen. Boghaç Han kann nicht einmal einen Namen erhalten, ohne den roten Stier zu bezwingen. Dies ist ein epischer Ausdruck der Lehre vom Namen aus der Tat.
Wissend-Altmeister-Typus (Dede Korkut): alt, die Kopuz spielend, aus der Zukunft kündend, Namen gebend, die Eheschließung billigend, betend. Dieser Typus wird sich später in der türkisch-islamischen Welt zum Heiligen (velî) und Scheich wandeln.
Hatun-Typus (Banu Çiçek, Selcan Hatun, Burla Hatun): stark, kriegerisch, treu, tüchtig. Banu Çiçek wetteifert im Bogenschießen und im Ringen mit ihren Gegnern. Dies ist das epische Zeugnis jenes Kriegerinnentums, das in der späteren muslimischen Gesellschaft zurückgehen wird.
Feind-Typus (der Nicht-Türke): der ungläubige Herrscher (Sökli Melik), der einäugige Riese (Tepegöz), dämonische Figuren. Die Feindschaft ist nicht ethnisch, sondern eine geistlich-kosmische Gegnerschaft: Das Böse greift von außen an.
Typus des Familienältesten (Mutter, Vater): die Treue der Mutter, die ihr Kind rettet, die Tragik des Vaters, der seinen Sohn verwundet, aber bereut.
Moderner sozioanthropologischer Wert
Dede Korkut bietet dem modernen Leser die Landkarte einer verlorenen Welt:
- Soziale Struktur innerhalb des Stammes: Iç-Oghusen und Tasch-Oghusen als zwei Flügel. Jeder Stamm hat seinen Bey, die Beys ihren Han (Bayindir Han). Es gibt demokratisch-beratende Elemente (toy = Beratungsversammlung).
- Wirtschaft: Halbnomadische Viehhaltung (Schaf, Pferd, Kamel), die Pferdezucht steht im Zentrum. Ackerbau begrenzt.
- Behausung: schwarzes Zelt (otag), weißes Zelt (Han-Zelt), hölzernes Zelt
- Geschlechterrollen: Die Frau ist sowohl im Haus als auch auf dem Schlachtfeld. Pubertät, Heirat und Geburt sind mit deutlichen Zeremonien geprägt.
- Tod und Trauer: Trauer halten, Klagelieder singen, Zeremonien am Grab. Islamische Elemente (das Sprechen des Einheitsbekenntnisses) wurden der alten türkischen Trauertradition eingegliedert.
Dieser Reichtum macht das Werk für Anthropologie, Geschichte, Kulturwissenschaften, ja sogar postkoloniale Studien zu einer lebendigen Quelle.
Diskussion über Geschlecht und Gesellschaftsstruktur
Die Frauengestalt in Dede Korkut ist für die moderne Lektüre besonders bemerkenswert. Banu Çiçek wetteifert im Bogenschießen und im Ringen mit Beyrek; Burla Hatun zieht aufs Schlachtfeld, um ihren Sohn zu retten; Selcan Hatun verfolgt die Spur ihres gefangenen Gatten; die Frau des Deli Dumrul ist bereit, ihr Leben hinzugeben. Diese starke Frauentypologie ist gleichsam das epische Dokument der türkischen Nomadenfrau, die in der späteren klassischen osmanischen Literatur nahezu getilgt sein wird.
In der modernen Türkei entdeckt die feministische Literaturkritik diese Seite des Dede Korkut neu. Die These, dass die Gleichheit von Frau und Mann in der alten türkischen Gesellschaft (zumindest auf der Ebene von Krieg und gesellschaftlicher Befugnis) höher war, erhält von Dede Korkut wichtige Unterstützung. Dies fungiert in den Diskussionen um die kulturelle Identität als zweischneidige Waffe: Sowohl der traditionell-nationalistische Flügel als auch der feministische Flügel eignen sich das Werk an.
Philosophische Lektüre: Ein Heideggerscher Zugang
Einige Themen aus Martin Heideggers Werk Sein und Zeit auf Dede Korkut anzuwenden, ergibt interessante Resultate:
- Geworfenheit: Der Held in Dede Korkut ist in einen Kosmos geworfen, den er nicht selbst gewählt hat — sein Stamm, sein Bey, sein Feind sind im Voraus gegeben.
- Sein-zum-Tode: Die Deli-Dumrul-Erzählung schildert den Augenblick, in dem die Konfrontation mit dem Tod sich zur wirklichen Existenz öffnet. Eine epische Vorgestalt von Heideggers Begriff der eigentlichen Existenz.
- Mitsein: Die oghusische Stammesstruktur spiegelt ein nicht atomisiert-individualisiertes Seinsverständnis wider; die Person ist stets zusammen mit ihrem Stamm da.
Diese Lektüre mag anachronistisch sein, zeigt aber, wie die tiefen philosophischen Schichten in Dede Korkut durch eine moderne Lektüre zutage gefördert werden können.
Das Buch des Dede Korkut ist der stärkste epische Zeuge dafür, dass die geistliche Identität Anatoliens nicht einquellig, sondern vielschichtig ist: Tengri und Allah, Kopuz und Gebetsruf, Alp und velî, kut und kerâmet — all dies verwandelt sich innerhalb der Erzählung des Dede Korkut in einen einzigen geistlichen Atem.