Mystische Traditionen

Die Herrnhuter Brüdergemeine

Die 1722 von böhmisch-mährischen Exulanten unter Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf gegründete Herrnhuter Brüdergemeine prägte als „Herzensreligion" mit Blut-und-Wunden-Frömmigkeit, Losungen und weltweiter Mission den radikalen Pietismus.

30 Verbindungen Mystische Traditionen Auf der Karte zeigen → ⌛ Sonstige

Definition

Die Herrnhuter Brüdergemeine (lateinisch Unitas Fratrum, englisch Moravian Church) ist eine im Jahr 1722 im sächsischen Dorf Herrnhut entstandene protestantische Glaubensgemeinschaft, die aus der Verbindung zweier Quellen hervorging: zum einen aus den Resten der altböhmisch-mährischen Unitas Fratrum (der „Böhmischen Brüder", die sich im 15. Jahrhundert auf Jan Hus beriefen), zum anderen aus dem geistlichen Schoß des deutschen Pietismus. Ihr Gründer und prägender Geist war Nikolaus Ludwig Reichsgraf von Zinzendorf und Pottendorf (1700–1760), ein sächsischer Adliger, der den auf seinem Gut Zuflucht suchenden Glaubensflüchtlingen Land überließ und sie binnen weniger Jahre zu einer eigenständigen, ekklesiologisch und liturgisch erneuerten Kirche formte.

Das Eigentümliche der Brüdergemeine liegt in einer Verschmelzung von Elementen, die andernorts getrennt blieben: einer betont gefühlsbetonten, christozentrischen „Herzensreligion", die das Heil nicht in der Lehre, sondern im erfahrenen Bezug zur Person Jesu sucht; einer drastischen Blut-und-Wunden-Theologie, die die Leiden des Gekreuzigten zum Mittelpunkt der Andacht macht; einer ausgeprägten Gemeinschaftsfrömmigkeit mit fein gegliederten Lebensformen (den sogenannten „Chören"); und einer für ihre Zeit beispiellosen weltweiten Missionstätigkeit, die schon 1732 – Jahrzehnte vor den großen protestantischen Missionsgesellschaften – Boten nach Grönland und in die Karibik aussandte. In der vergleichenden Religionswissenschaft gilt die Brüdergemeine als ein Paradebeispiel jener „affektiven" Frömmigkeitsform, die das Christliche von der dogmatischen Vergewisserung weg auf die unmittelbare Herzenserfahrung verlagert – eine Bewegung, die innerhalb der christlichen Mystik und des Protestantismus eine eigentümliche Mittelstellung einnimmt: weder klösterlich-kontemplativ noch rein rechtgläubig-konfessionell, sondern „brüderlich", missionarisch und liedhaft.

Die Selbstbezeichnung schwankt: Die Gemeinschaft nennt sich auf Lateinisch Unitas Fratrum („Einheit der Brüder"), auf Deutsch „Evangelische Brüder-Unität" oder schlicht „Brüdergemeine" (mit der altertümlichen Schreibung -gemeine statt -gemeinde, um die geistliche von der politischen Gemeinde zu unterscheiden), während sie im englischsprachigen Raum als Moravian Church (Mährische Kirche) firmiert. Der populäre Name „Herrnhuter" verweist auf den Gründungsort, dessen Name selbst doppeldeutig gedeutet wurde: als „Hut des Herrn" (unter der Obhut Gottes) und als „auf des Herrn Hut" (wachend für den Herrn).

Historischer Hintergrund: Zinzendorf und die Gründung Herrnhuts

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700–1760)

Zinzendorf wurde am 26. Mai 1700 in Dresden in eine pietistisch gesinnte österreichisch-sächsische Adelsfamilie geboren. Sein Vater starb früh; der Knabe wuchs auf dem Gut seiner Großmutter Henriette Catharina von Gersdorff auf, einer gebildeten, dichterisch begabten Frau, die mit Philipp Jacob Spener – dem Vater des deutschen Pietismus – in Verbindung stand. Von 1710 bis 1716 besuchte Zinzendorf das Pädagogium August Hermann Franckes in Halle, dem institutionellen Herzen des Halleschen Pietismus. Diese Prägung war lebenslang bestimmend: Schon als Kind, so die Überlieferung, schrieb er kleine Briefe an den Heiland und warf sie aus dem Fenster, in der Erwartung, Jesus werde sie finden. Diese frühe, kindlich-vertrauliche Christusbeziehung wurde zum Kern seiner gesamten Theologie.

Nach einem Jurastudium in Wittenberg (1716–1719) und einer adelsüblichen Kavalierstour durch die Niederlande und Frankreich, auf der er auch katholische Geistliche und Jansenisten kennenlernte, trat Zinzendorf zunächst pflichtgemäß in den sächsischen Staatsdienst ein. Doch sein eigentliches Interesse galt der „Sache des Heilands". Ein Schlüsselerlebnis war die Betrachtung des Gemäldes Ecce Homo von Domenico Feti in der Düsseldorfer Galerie, dessen Unterschrift „Ego pro te haec passus sum; tu vero quid fecisti pro me?" („Dies habe ich für dich gelitten; was aber hast du für mich getan?") ihn tief erschütterte und seine Hingabe an den leidenden Christus besiegelte. 1722 erwarb er das Rittergut Berthelsdorf in der Oberlausitz – und damit begann die eigentliche Geschichte Herrnhuts.

Die böhmisch-mährischen Exulanten und die Gründung 1722

Im frühen 18. Jahrhundert lebten in Mähren und Böhmen heimliche Nachfahren der alten Unitas Fratrum, jener Kirche, die 1457 in Kunwald aus der hussitischen Bewegung entstanden war und Lehrer wie Lukas von Prag und – im 17. Jahrhundert – den großen Pädagogen und letzten Bischof Johann Amos Comenius (Komenský) hervorgebracht hatte. Nach der Schlacht am Weißen Berg (1620) und der Rekatholisierung der habsburgischen Länder war diese Kirche zerschlagen worden; ihre Anhänger praktizierten ihren Glauben im Verborgenen. Angeregt durch den wandernden Erweckungsprediger und Zimmermann Christian David, brachen ab 1722 Gruppen dieser Exulanten – vor allem aus dem mährischen Dorf Senftleben (Suchdol) – auf und fanden auf Zinzendorfs Gut Zuflucht. Am 17. Juni 1722 fällte Christian David den ersten Baum für das neue Dorf, das den Namen Herrnhut erhielt.

In den folgenden Jahren strömten weitere religiöse Sucher hinzu: nicht nur mährische Brüder, sondern auch schlesische Schwärmer, separatistische Pietisten, Wiedertäufer-Erben und Spiritualisten. Diese Heterogenität führte rasch zu schweren inneren Zerwürfnissen und Sektiererstreitigkeiten. Zinzendorf griff entschlossen ein: Er gab der Gemeinde 1727 eine umfassende Ordnung, die Brüderlichen Verträge und „Herrschaftlichen Gebote und Verbote". Den geistlichen Höhepunkt und das eigentliche Gründungsdatum der erneuerten Brüdergemeine bildete der 13. August 1727, ein Abendmahlsgottesdienst in der Kirche zu Berthelsdorf, der von der Gemeinde als außerordentliche Ausgießung des Heiligen Geistes erlebt wurde – die Herrnhuter sprechen bis heute vom „Pfingstfest der Brüdergemeine". Aus zerstrittenen Flüchtlingen war eine geistliche Gemeinschaft geworden.

Bemerkenswert ist das Selbstverständnis dieser Erneuerung als Wiederbelebung einer alten Kirche, nicht als Neugründung. Die böhmisch-mährische Unitas Fratrum hatte eine eigene Bischofssukzession besessen, die über die Schlacht am Weißen Berg hinaus durch wenige Amtsträger im Exil – darunter den Enkel des Comenius, Daniel Ernst Jablonski, der als Hofprediger in Berlin wirkte – bewahrt worden war. Über Jablonski und einen weiteren überlebenden Bischof empfing David Nitschmann 1735 die bischöfliche Weihe; damit verstand sich die erneuerte Brüdergemeine als rechtmäßige Fortsetzerin der alten Kirche und trat zugleich in ein geordnetes Verhältnis zum Luthertum. Diese Konstruktion einer bewahrten Sukzession verlieh der jungen Gemeinschaft kirchenrechtliche Legitimität und ermöglichte später ihre Anerkennung – etwa durch das britische Parlament 1749, das die Brüder als „eine alte protestantische bischöfliche Kirche" anerkannte. Comenius selbst, der letzte Bischof der alten Brüder, hatte 1660 in seinem Werk Das Vermächtnis der sterbenden Mutter, der Brüderunität die Hoffnung ausgesprochen, der „verborgene Same" der Brüderkirche werde dereinst wieder aufgehen – ein Wort, das die Herrnhuter auf sich bezogen.

Lehre und Kernideen

Die „Herzensreligion" und der Christozentrismus

Das Zentrum von Zinzendorfs Theologie ist nicht ein Lehrsystem, sondern eine Person: der gekreuzigte Erlöser. Zinzendorf prägte den Begriff der „Herzensreligion" (auch „Religion des Herzens"), die er ausdrücklich der bloßen „Kopfreligion" der lutherischen Schulorthodoxie und dem moralisierenden Asketismus mancher Pietisten entgegenstellte. Wahre Religion ist nach Zinzendorf nicht Sache des Verstandes oder des Willens, sondern des Gefühls und des Herzens: Glaube ist die affektive, vertraute, ja zärtliche Bindung an Jesus, die er gern in der Sprache der Liebe, der Brautschaft und der Kindschaft ausdrückte. Diese Verlagerung der Religion vom Dogma in das innere Erleben verbindet die Brüdergemeine mit der älteren Brautmystik des Hohenliedes und mit der affektiven Spiritualität eines Bernhard von Clairvaux, dessen Christusliebe-Mystik Zinzendorf protestantisch erneuerte.

Bekannt ist Zinzendorfs Formel, der Heiland müsse einem so vertraut werden „wie ein guter Freund dem andern". Diese affektive, beziehungshafte Frömmigkeit unterscheidet die Herrnhuter scharf vom kontemplativ-apophatischen Strang der christlichen Mystik: Während ein Pseudo-Dionysius oder ein Meister Eckhart auf die bildlose Vereinigung mit dem unergründlichen göttlichen Nichts zielten, blieb Zinzendorf demonstrativ bei der konkreten, sichtbaren, blutenden Menschheit Jesu stehen. Er misstraute der „mystischen" Auflösung der Person und der spekulativen Gotteslehre zutiefst – darin ist er Lutheraner geblieben. Seine Frömmigkeit ist mystisch im Sinne eines unmittelbaren Erlebens, aber gerade nicht im Sinne der Unio mit dem unbestimmten Absoluten.

Die Blut-und-Wunden-Theologie

Die berühmteste und umstrittenste Eigenart der Herrnhuter Frömmigkeit ist die Blut-und-Wunden-Theologie (auch „Blut- und Wundenkultus"). Im Gefolge der mittelalterlichen Passions- und Wundenfrömmigkeit, wie sie etwa in der Herz-Jesu-Verehrung lebendig war, machte Zinzendorf die fünf Wunden Christi, sein vergossenes Blut und vor allem die Seitenwunde zum Mittelpunkt der Andacht. Die Gläubigen verstanden sich als „Wundennarren", die in der durchbohrten Seite Christi – dem „Seitenhöhlchen" – ihre geistliche Heimat und Geborgenheit fanden. Diese Bildsprache griff alte Motive auf: Schon Mystikerinnen wie Mechthild von Magdeburg oder Katharina von Siena hatten die Seitenwunde als Zufluchtsort und als Quelle des lebendigen Wassers gedeutet.

Diese Frömmigkeit kulminierte in der sogenannten „Sichtungszeit" (etwa 1743–1750), einer Phase, in der die Wunden- und Blutsprache, gefördert besonders durch Zinzendorfs Sohn Christian Renatus und die Gemeinde in Herrnhaag (Wetterau), in eine überschwängliche, teils sentimentale und erotisierte Bildlichkeit umschlug. Man redete von den Wunden in verkleinernder Koseform, dichtete und sang in einer verspielten, mitunter geschmacklosen Sprache. Zinzendorf selbst erkannte schließlich die Entgleisung, distanzierte sich nach 1750 entschieden von den Auswüchsen und führte die Gemeinde zu nüchterneren Formen zurück. Die „Sichtungszeit" blieb der Brüdergemeine als warnendes Erbe und als Angriffsfläche der Kritik. Dennoch ist die theologische Pointe ernst zu nehmen: Im Blut und in den Wunden des Gekreuzigten verdichtet sich für Zinzendorf das ganze Heil – die Selbstentäußerung Gottes (Kenōsis) wird hier nicht spekulativ bedacht, sondern sinnlich erfahren und besungen.

Die Losungen

Eine bis heute weltweit wirksame Schöpfung Zinzendorfs sind die Losungen (englisch Daily Texts). Am 3. Mai 1728 gab Zinzendorf der Gemeinde erstmals einen „Spruch für den Tag" als geistliche Wegzehrung mit. Aus dieser Gewohnheit entstand ab 1731 ein jährlich erscheinendes Andachtsbuch: Für jeden Tag des Jahres wird durch das Los ein alttestamentlicher Vers (die eigentliche „Losung") aus einer Sammlung von Bibelversen gezogen und ihm ein neutestamentlicher „Lehrtext" sowie ein Liedvers beigegeben. Die Psalmen und die prophetischen Bücher liefern dabei einen Großteil des Materials. Die Losungen erscheinen seit 1731 ununterbrochen – das älteste kontinuierlich publizierte Andachtsbuch der Welt – und werden heute in über fünfzig Sprachen mit Millionenauflage verbreitet, weit über die Brüdergemeine hinaus in ökumenischer Nutzung.

Ekklesiologie: Chöre, Banden und die Idee der „Tropen"

Die Brüdergemeine organisierte das gemeinsame Leben in einer fein abgestuften Sozialordnung. Die Gemeinde war in „Chöre" gegliedert – Lebensgruppen nach Geschlecht, Alter und Familienstand: ledige Brüder, ledige Schwestern, Ehepaare, Witwer, Witwen, Knaben, Mädchen, Kinder. Jeder Chor hatte eigene Andachten, Wohn- und Arbeitsformen (etwa die „Chorhäuser" der ledigen Schwestern und Brüder). Daneben standen die kleinen „Banden", intime Gesprächskreise zur gegenseitigen seelsorgerlichen Aussprache – ein Element, das später, vermittelt über John Wesley, in die Klassen- und Bandenstruktur des Methodismus einging.

Theologisch bemerkenswert ist Zinzendorfs „Tropenlehre" (von griechisch tropos paideias, „Art der Erziehung"). Zinzendorf verstand die großen Konfessionen – die lutherische, die reformierte und die mährische – nicht als einander ausschließende „wahre Kirchen", sondern als verschiedene „Tropen", also pädagogische Erziehungsweisen, durch die der eine Heiland verschiedene Menschen zu sich führt. Die Brüdergemeine wollte ursprünglich keine neue Konfession gründen, sondern als überkonfessionelle „Gemeine in der Gemeine" eine erweckliche Sauerteig-Bewegung innerhalb der bestehenden Kirchen sein. Dieser ökumenische, ja proto-ökumenische Grundzug macht Zinzendorf zu einem frühen Vordenker der Einheit der Christen.

Die Frage der Heilsgewissheit und das Verhältnis zu Halle

Theologisch unterschied sich Zinzendorf in einem entscheidenden Punkt vom Halleschen Pietismus August Hermann Franckes. Halle lehrte den „Bußkampf": einen oft langwierigen, schmerzhaften inneren Ringen des Sünders, an dessen Ende der „Durchbruch" zur Gnade und ein datierbares Bekehrungserlebnis stehen. Zinzendorf hingegen betonte die unmittelbare, geschenkte Heilsgewissheit: Wer im Glauben auf den blutenden Heiland blickt, ist sofort und ohne quälenden Bußkampf der Gnade gewiss. Diese Differenz – Halle: methodischer Bußkampf und tätige Heiligung; Herrnhut: kindliche, freudige Heilsgewissheit im Blick auf die Wunden – führte zu einer bleibenden Entfremdung zwischen beiden Zentren des Pietismus, obwohl Zinzendorf selbst aus der Halleschen Schule kam. Während der schwäbische Pietismus eher biblizistisch-eschatologisch ausgerichtet war, vertrat Herrnhut den affektiv-christozentrischen Typus.

Praxis und Frömmigkeitsformen

Das Herrnhuter Gemeindeleben war von einer dichten liturgischen Praxis geprägt, die das ganze Jahr und den ganzen Tag durchdrang:

Form Beschreibung
Singstunde Gottesdienst, der fast ausschließlich aus aneinandergereihten Liedstrophen besteht; das gesungene Bekenntnis tritt an die Stelle der Predigt.
Liebesmahl (Agape) Gemeinschaftliches Mahl mit Gebäck und Getränk nach urchristlichem Vorbild, verbunden mit Gesang und Berichten – kein Sakrament, sondern Ausdruck der Bruderliebe.
Losung Täglicher Bibelvers samt Lehrtext und Liedstrophe als geistliche Tageslosung.
Chorandachten Eigene Versammlungen der Lebensgruppen (Chöre).
Gemeintag / Bittstunde Regelmäßige Gebetszeiten; aus Herrnhut ging 1727 eine „stündliche Fürbitte" hervor, ein über Jahrzehnte aufrechterhaltenes ununterbrochenes Gebet.
Osternacht-Liturgie Berühmter Gottesdienst im Morgengrauen auf dem „Gottesacker" (Friedhof), an dem die Gemeinde die Auferstehung im Angesicht ihrer Toten feiert.

Eine besondere Rolle spielte die Musik. Die Brüdergemeine war eine singende und musizierende Kirche; Zinzendorf selbst dichtete über zweitausend Lieder, von denen einige (etwa „Herz und Herz vereint zusammen") in die ökumenischen Gesangbücher eingingen. Die Bedeutung des gesungenen Wortes als Vehikel der Herzensfrömmigkeit verbindet Herrnhut mit der allgemeinen Tradition geistlicher Musik, wie sie auch in Klang, Musik und Geist und im Vergleich religiöser Musik behandelt wird. Über die Gestalt der Banden und der gegenseitigen brüderlichen Aussprache verwirklichte die Brüdergemeine zudem eine Form der gemeinschaftlichen Seelsorge, die strukturell dem wiederholenden geistlichen Wort und der Praxis ständiger geistlicher Vergegenwärtigung nahesteht.

Weltweite Mission und Ökumene

Die wohl folgenreichste Leistung der Brüdergemeine ist ihre Pioniertätigkeit in der protestantischen Weltmission. Während die großen Kirchen die Heidenmission noch weitgehend vernachlässigten, sandte die zahlenmäßig winzige Gemeinde von Herrnhut bereits 1732 die ersten Boten aus. Den Anstoß gab eine Begegnung Zinzendorfs in Kopenhagen 1731, wo er bei der Krönung des dänischen Königs Christian VI. einen getauften westindischen Sklaven, Anton Ulrich, kennenlernte, der von der Not der Versklavten in der Karibik berichtete.

Jahr Ziel Bemerkung
1732 St. Thomas (Dänisch-Westindien) Leonhard Dober und David Nitschmann beginnen die Mission unter versklavten Afrikanern.
1733 Grönland Mission unter den Inuit, in Anknüpfung an Hans Egede.
1734 Lappland, Georgia (Nordamerika) Mission unter Samen und Indigenen.
1735–1740 Surinam, Südafrika, Goldküste Ausgreifen nach Südamerika und Afrika.
1740er Pennsylvania Bethlehem wird Zentrum der nordamerikanischen Mission unter Delaware und anderen.

Charakteristisch war das Prinzip der Selbstaussendung einfacher Handwerker: Nicht studierte Theologen, sondern Töpfer, Zimmerleute und Weber gingen als Missionare, lebten von ihrer Hände Arbeit und teilten das Leben der Einheimischen. Diese „Laienmission" war für ihre Zeit revolutionär. Mit ihr verband sich ein bestimmtes theologisches Programm: Die Missionare sollten nicht europäische Zivilisation oder dogmatische Belehrung bringen, sondern allein die „Botschaft vom Lamm", die schlichte Verkündigung des am Kreuz gestorbenen Heilands. Zinzendorf prägte dafür die Maxime, man solle nicht ganze Völker, sondern zunächst einzelne „Erstlinge" gewinnen, in denen der Heiland selber das Werk beginne. Diese Konzentration auf die affektive Christusbindung statt auf Lehrunterweisung machte die Herrnhuter Mission eigentümlich anschlussfähig und zugleich kulturell weniger übergriffig als manche spätere Mission, ohne dass sie die kolonialen Rahmenbedingungen je grundsätzlich infrage gestellt hätte.

Bis zum Tod Zinzendorfs (1760) hatte die Brüdergemeine etwa 226 Missionare in alle Erdteile entsandt – ein Vielfaches dessen, was die etablierten Kirchen geleistet hatten, und das aus einer Gemeinde von nur wenigen Hundert Seelen. Der Begründer der protestantischen Missionswissenschaft, Gustav Warneck (1834–1910), würdigte die Herrnhuter später als die eigentlichen Pioniere der neueren protestantischen Mission, die der ein Jahrhundert jüngeren großen Erweckungsmission den Weg bahnten. Mit dem ökumenischen Grundzug der Tropenlehre verbunden, machte diese Mission die Brüdergemeine zu einer früh international vernetzten, übernationalen Kirche, deren Gemeinden in Pennsylvania (Bethlehem), in England (Fulneck), in den Niederlanden (Zeist) und in der Karibik untereinander rege Verbindung hielten.

Vergleichende Perspektive

Einfluss auf John Wesley und den Methodismus

Der historisch wirkmächtigste Einfluss der Herrnhuter reicht weit über die eigene Gemeinde hinaus: Sie wurden zum geistlichen Katalysator für die Entstehung des Methodismus. Auf seiner Atlantiküberfahrt nach Georgia (1735–1736) erlebte der junge anglikanische Geistliche John Wesley während eines schweren Seesturms die Gelassenheit und Heilsgewissheit einer Gruppe mährischer Auswanderer – ihre Furchtlosigkeit angesichts des Todes beschämte und beeindruckte ihn tief. Zurück in London geriet er unter den Einfluss des Herrnhuters Peter Böhler. In einer Versammlung der Brüder in der Aldersgate Street erlebte Wesley am 24. Mai 1738 jenes berühmte Bekehrungserlebnis, bei dem sich sein Herz „seltsam erwärmt" fühlte (strangely warmed) und er die unmittelbare Heilsgewissheit empfing, die Zinzendorf gelehrt hatte. 1738 reiste Wesley nach Herrnhut und sprach mit Zinzendorf selbst.

Obwohl sich Wesley später in Lehrfragen – besonders über die Heiligung, die „stille" Passivität (den Stillstand) und die Heilsgewissheit – von den Herrnhutern trennte, blieb die Prägung tief: Die methodistische Betonung der erfahrenen Bekehrung, der Heilsgewissheit und der kleinen Gemeinschaftsgruppen (classes und bands) trägt unverkennbar Herrnhuter Erbe. Auch das Liedgut: Charles Wesley übersetzte und bearbeitete zahlreiche Herrnhuter Lieder ins Englische. Über den Methodismus und die angelsächsische Erweckungsbewegung wirkte der Herrnhuter Impuls bis in den globalen Evangelikalismus hinein.

Verhältnis zur protestantischen Mystik und zu Böhme

Innerhalb des deutschen Protestantismus steht Zinzendorf in einer Linie der „Herzens"- und Erbauungsfrömmigkeit, die von Johann Arndts Wahrem Christentum (1605/10) über die spätmittelalterliche Mystik zurückreicht. Anders als der spekulative Theosoph Jakob Böhme, dessen kosmische Visionen die Spiritualisten der Reformation und später die Romantik beeinflussten, blieb Zinzendorf nüchtern auf die Person des Heilands konzentriert und mied jede naturphilosophische Spekulation. Auch von der hochmittelalterlichen Frauenmystik einer Hildegard von Bingen oder der karmelitischen Innerlichkeit einer Teresa von Ávila trennt ihn die protestantische Ablehnung der eingegossenen Kontemplation und der mystischen Stufenleiter. Dennoch teilt die Brüdergemeine mit diesen Traditionen die Grundüberzeugung, dass Religion im erfahrenen, fühlenden Herzen ihren Sitz hat – ein Motiv, das die deutsche Mystik von Johannes Tauler und Heinrich Seuse bis zum Pietismus durchzieht.

In der Typologie der Religionspsychologie – etwa bei William James – verkörpern die Herrnhuter den Typus der „einmal geborenen", in der Heilsgewissheit ruhenden, freudigen Frömmigkeit im Gegensatz zur „zerrissenen Seele", die den Bußkampf durchleidet. Die affektive, beziehungshafte Christusbindung Zinzendorfs lässt sich auch mit dem inneren Licht der Quäker und mit anderen Formen unmittelbarer religiöser Erfahrung vergleichen, wenngleich Zinzendorf, anders als die Quäker, die Heilsmitte streng auf das stellvertretende Leiden Christi und nicht auf ein „inneres Licht" in jedem Menschen legte.

Friedrich Schleiermacher: ein Herrnhuter „höherer Ordnung"

Die folgenreichste Wirkung Herrnhuts auf die neuere Theologie und Religionsphilosophie verläuft über Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768–1834). Schleiermacher wurde in Herrnhuter Erziehungsanstalten (in Niesky und Barby) ausgebildet und durchlief eine intensive brüderische Frömmigkeit. Obwohl er sich als junger Mann von der Lehre der Brüder löste und der Aufklärung zuwandte, bekannte er rückblickend in einem berühmten Brief an seinen Freund Georg Reimer (1802), er sei „nach allem wieder ein Herrnhuter geworden, nur von einer höheren Ordnung". Diese Selbstdeutung ist von größter Bedeutung: Schleiermachers epochale Bestimmung der Religion als „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit" – als ein dem Denken und Handeln vorgängiges, unmittelbares fromm-affektives Bewusstsein – trägt unverkennbar die Signatur der Herrnhuter „Herzensreligion". Indem Schleiermacher in seinen Reden über die Religion (1799) die Religion gegen ihre aufgeklärten „Verächter" verteidigte und sie im Gefühl und in der Anschauung des Universums verankerte, übersetzte er den brüderischen Affekt-Begriff in die Sprache der modernen Theologie. So wurde aus der frommen Empfindsamkeit Zinzendorfs ein Grundbegriff der gesamten neuzeitlichen liberalen Theologie – ein bemerkenswerter Brückenschlag von der barocken Wundenfrömmigkeit zur klassischen Moderne, der auch die romantische Religiosität eines Novalis mit speiste.

Stellung im Pietismus und in der Frömmigkeitsgeschichte

Innerhalb der pietistischen Bewegung markiert Herrnhut den „radikalen" und gemeinschaftsbildenden Flügel. Während der kirchliche Hallesche Pietismus Spener-Franckescher Prägung sich als Reform innerhalb der Landeskirchen verstand und der schwäbische Pietismus (Bengel, Oetinger) durch biblische Gelehrsamkeit, Heilsgeschichte und theosophische Spekulation gekennzeichnet war, schuf Zinzendorf eine eigene kirchliche Gemeinschaftsform mit eigener Liturgie, Ordnung und weltweiter Sendung. Die folgende Übersicht stellt die drei Hauptströme gegenüber:

Merkmal Hallescher Pietismus Schwäbischer Pietismus Herrnhuter Brüdergemeine
Leitfiguren Spener, A. H. Francke Bengel, Oetinger Zinzendorf
Heilsweg Bußkampf, Durchbruch Heilsgeschichte, Schriftstudium unmittelbare Heilsgewissheit
Schwerpunkt tätige Heiligung, Anstalten Bibel, Eschatologie Herzensreligion, Wundenfrömmigkeit
Sozialform Konventikel in der Kirche Stunden, Gemeinschaften eigene Kirche, Chöre, Banden
Außenwirkung Sozial- und Bildungswerke Theologie, Bibelfrömmigkeit Weltmission, Ökumene

Moderne Rezeption und Kritik

Die Brüdergemeine besteht bis heute als kleine, aber weltweit verbreitete Kirche fort: Die Moravian Church zählt – stark angewachsen durch die Frucht der alten Missionsfelder – inzwischen über eine Million Mitglieder, von denen die große Mehrheit in Afrika (besonders Tansania) und in der Karibik lebt, während die deutschen und europäischen Gemeinden klein blieben. Herrnhut ist nach wie vor ein geistliches Zentrum; die Losungen erreichen jährlich Millionen Christen aller Konfessionen und sind das vielleicht sichtbarste bleibende Erbe Zinzendorfs.

Die historische und theologische Bewertung Zinzendorfs hat im Lauf der Jahrhunderte stark geschwankt. Die Aufklärung und die lutherische Orthodoxie kritisierten die Wunden- und Blutsprache als geschmacklos, schwärmerisch und gefühlsselig; die „Sichtungszeit" galt lange als peinliche Verirrung. Im 19. Jahrhundert würdigte ihn vor allem die Erweckungsbewegung; im 20. Jahrhundert haben Theologen wie Karl Barth (kritisch, aber respektvoll), vor allem aber die historische Pietismusforschung Zinzendorf neu als bedeutenden, eigenständigen Theologen entdeckt. Heute gilt er als der originellste Kopf des Pietismus, als Pionier von Ökumene und Mission und – nicht zuletzt durch die Schleiermacher-Verbindung – als unterirdischer Quellgrund der modernen Theologie des religiösen Gefühls.

Kritisch bleibt mehreres zu vermerken. Erstens die Gefahr der Gefühlsüberhitzung: Die „Sichtungszeit" zeigt, wie die Verabsolutierung des religiösen Affekts in sentimentale und entgleisende Formen kippen kann. Zweitens die Spannung zwischen Mission und Kolonialismus: So bahnbrechend die Herrnhuter Mission war, so sehr blieb sie in die kolonialen und sklavereibasierten Strukturen ihrer Zeit verflochten – die Mission unter versklavten Menschen geschah teils mit, teils trotz der Sklavenhalter, und die Frage nach der Komplizenschaft der Mission mit dem Kolonialsystem wird in der jüngeren Forschung intensiv diskutiert. Drittens der autoritäre Zug: Zinzendorfs patriarchalische, durch das Los geleitete Gemeindeführung (selbst Eheschließungen wurden teils per Los entschieden) steht in Spannung zur Freiheit des Einzelnen.

Fazit

Die Herrnhuter Brüdergemeine ist eine der originellsten Schöpfungen des deutschen Protestantismus: hervorgegangen aus der Begegnung böhmisch-mährischer Glaubensflüchtlinge mit dem Genius eines pietistischen Adligen, verband sie eine drastisch christozentrische Herzens- und Wundenfrömmigkeit mit einer beispiellosen weltweiten Sendung und einem frühen ökumenischen Geist. Zinzendorfs Verlagerung der Religion vom Dogma in das fühlende Herz steht innerhalb der christlichen Mystik und des Pietismus für einen eigenen, affektiv-beziehungshaften Typus, der weder in die kontemplative noch in die orthodox-konfessionelle Schublade passt.

Ihre historische Bedeutung übersteigt ihre geringe Größe bei weitem: Über John Wesley wurde sie zur Wiege des Methodismus und damit der angelsächsischen Erweckungsbewegung; über die Mission wurde sie zur Mutter der neueren protestantischen Weltmission; und über Schleiermacher – jenen „Herrnhuter höherer Ordnung" – speiste sie eine der einflussreichsten Strömungen der modernen Theologie, die Bestimmung der Religion aus dem Gefühl. So bildet die kleine Gemeinde von Herrnhut einen unscheinbaren, aber tief wirksamen Knotenpunkt in der Geschichte der neuzeitlichen Frömmigkeit – ein Ort, an dem barocke Wundenmystik, weltumspannende Mission und moderne Gefühlstheologie auf eigentümliche Weise zusammenfließen.