Die Quäker (Religiöse Gesellschaft der Freunde)
Die von George Fox im England des 17. Jahrhunderts gegründete Gesellschaft der Freunde (Quäker) lehrt das „Innere Licht", die Gotteserfahrung in der Schweigeversammlung und die Zeugnisse Frieden, Gleichheit, Einfachheit und Wahrhaftigkeit.
Definition
Die Quäker – mit ihrem Eigennamen die Religiöse Gesellschaft der Freunde (englisch Religious Society of Friends, auch kurz Society of Friends oder Friends) – sind eine im England der Bürgerkriegszeit (um 1647–1652) entstandene christliche Erneuerungsbewegung, die zu einer eigenständigen, weltweit verbreiteten Glaubensgemeinschaft wurde. Ihr theologisches Herzstück ist die Überzeugung, dass „das von Gott in jedem Menschen" (englisch that of God in everyone) wohnt und dass jeder Mensch das „Innere Licht" (Inner Light, the Light of Christ within) in sich trägt – eine unmittelbare, unvermittelte Gegenwart Gottes, die ohne Priester, Sakramente, Liturgie oder festes Dogma erfahren und befolgt werden kann. Aus dieser Grundeinsicht ergibt sich die charakteristische Form der quäkerischen Frömmigkeit: das stille Andachtstreffen (englisch meeting for worship), in dem die Versammelten schweigend warten und nur dann sprechen, wenn sie sich vom Geist dazu „bewegt" fühlen (moved by the Spirit).
Der Name „Quäker" (englisch Quakers, „Zitterer", „Bebende") war ursprünglich ein Spottname. Nach der traditionellen Überlieferung soll George Fox 1650 vor dem Richter Gervase Bennet in Derby diesen aufgefordert haben, „vor dem Wort des Herrn zu zittern" (to tremble at the word of the Lord); Bennet habe ihn daraufhin höhnisch einen „Quaker" genannt. Die Bewegung nahm den Spottnamen mit der Zeit an, bevorzugt aber bis heute die Selbstbezeichnung „Freunde" – nach dem Wort Jesu „Ihr seid meine Freunde" (Johannes 15,14-15).
Anders als die meisten Strömungen der christlichen Mystik entwickelten die Quäker keine ausgearbeitete Stufenlehre des inneren Aufstiegs und keine klösterliche Institution; ihr „Mystizismus" ist ein praktischer, gemeinschaftlicher und ethisch wirksamer – ein „Mystizismus der Gruppe", wie der Quäker-Philosoph Rufus Jones es nannte. Zugleich verbinden sie die spiritualistische Innerlichkeit, die das äußere Wort dem inneren unterordnet, mit einem radikalen sozialen Engagement: Aus der Lehre vom Licht in jedem Menschen folgen die berühmten Zeugnisse (englisch testimonies) – Frieden und Gewaltlosigkeit, Gleichheit aller Menschen, Einfachheit der Lebensführung und Wahrhaftigkeit –, die die Quäker über Jahrhunderte zu Vorreitern des Abolitionismus, der Gefängnis- und Sozialreform und der internationalen Friedensarbeit machten und 1947 mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurden.
Historischer Hintergrund: George Fox und das England der Bürgerkriegszeit
Der Boden: religiöse Gärung im revolutionären England
Die Quäkerbewegung ist ohne den Ausnahmezustand des englischen Bürgerkriegs (1642–1651) und des darauffolgenden Interregnums (1649–1660) nicht zu verstehen. Mit dem Zusammenbruch der bischöflichen Kirchenordnung, dem Sturz und der Hinrichtung Karls I. (1649) und der Lockerung der Zensur entstand ein Klima beispielloser religiöser Experimentierfreude. Zahllose radikale Gruppen traten hervor – Täufer (Baptists), Sucher (Seekers), Ranters, Diggers, Fünfte-Monarchie-Leute –, die gemeinsam die institutionelle Kirche, die bezahlte Priesterschaft („Pfaffen", englisch hireling priests) und den Zehnten ablehnten und eine unmittelbare, „innere" Religion forderten. Aus diesem gärenden Milieu, besonders aus den Kreisen der heimatlosen „Sucher", die auf eine neue, vom Geist gewirkte Kirche warteten, ging die Quäkerbewegung hervor. Sie steht damit in einer Linie mit den Spiritualisten der Reformation, die schon ein Jahrhundert zuvor das „innere Wort" über den toten Buchstaben gestellt hatten.
Leben und Berufung des George Fox (1624–1691)
George Fox wurde 1624 in Fenny Drayton (Leicestershire) als Sohn eines Webers geboren. Schon als junger Mann von ungewöhnlicher sittlicher Ernsthaftigkeit verließ er um 1643 sein Zuhause und durchwanderte rastlos England auf der Suche nach geistlicher Gewissheit, fand aber bei den Geistlichen und „Professoren" (bloßen Bekennern) keine Antwort. Den Wendepunkt schildert er in seinem berühmten Journal (postum 1694): „Und als alle meine Hoffnungen … dahin waren, sodass mir äußerlich nichts mehr helfen konnte … da hörte ich eine Stimme, die sprach: ‚Es ist einer da, ja Christus Jesus, der zu deinem Zustand reden kann.'" Diese unmittelbare Erfahrung wurde zum Kern seiner Botschaft: Christus ist gegenwärtig und lehrt sein Volk selbst, ohne Vermittlung durch Schrift, Priester oder Universität.
Um 1647 begann Fox öffentlich zu predigen. Seine Verkündigung war zugleich erweckend und konfrontativ: Er unterbrach Predigten in den „Steinhäusern" (so nannte er die Kirchengebäude, die er nicht „Kirche" nennen wollte, da die Kirche das Volk Gottes sei), verweigerte aus Gewissensgründen den Hut-Gruß und die Anrede in der Höflichkeitsform und kündigte den nahen „Tag des Herrn" an. 1652 erlebte er auf dem Pendle Hill in Lancashire eine Vision: Er sah „ein großes Volk in weißen Gewändern", das gesammelt werden sollte. Kurz darauf gewann er in der Gegend um den Pendle Hill und am Herrensitz Swarthmoor Hall eine entscheidende Anhängerschaft. Das Jahr 1652 gilt daher als Geburtsjahr der organisierten Bewegung.
Fox' Erleuchtungserlebnis und seine Lehre vom inwendigen Lehrer weisen Strukturähnlichkeiten zu anderen Traditionen der unmittelbaren Erkenntnis auf – etwa zur Vorstellung des „inneren Wissens" beim rheinischen Mystiker Meister Eckhart oder, in ganz anderem Gewand, zum inneren Lichterlebnis vieler Traditionen.
Margaret Fell und der „Valiant Sixty"
Eine Schlüsselgestalt der Frühzeit war Margaret Fell (1614–1702), die Herrin von Swarthmoor Hall. Sie stellte ihren Landsitz als organisatorisches Zentrum, als Zufluchtsort und als Nachrichtenknoten der Bewegung zur Verfügung und wird oft die „Mutter des Quäkertums" (Mother of Quakerism) genannt. Ihr Pamphlet Women's Speaking Justified (1666) ist eine frühe biblisch begründete Verteidigung des Predigtrechts der Frauen. Nach dem Tod ihres ersten Mannes heiratete sie 1669 George Fox.
Von Swarthmoor aus zogen die ersten Wanderprediger aus – die spätere Überlieferung nennt sie den „Valiant Sixty" („die tapferen Sechzig", auch First Publishers of Truth), eine Gruppe von etwa sechzig meist nordenglischen Missionaren, die ab 1654 die Botschaft durch England, Irland, auf den Kontinent, in die Karibik und nach Nordamerika trugen. Diese explosive Ausbreitung machte aus einer regionalen Erweckung binnen weniger Jahre eine transatlantische Bewegung.
Verfolgung und Konsolidierung
Die Quäker wurden im England der Restauration (nach 1660) heftig verfolgt. Ihre Weigerung, Eide zu schwören (gestützt auf Matthäus 5,34: „Schwört überhaupt nicht"), den Zehnten zu zahlen, den Hut vor Obrigkeiten abzunehmen oder an der Staatskirche teilzunehmen, brachte Tausende ins Gefängnis. Repressionsgesetze wie der Quaker Act (1662) und der Conventicle Act (1664) zielten direkt auf sie. Man schätzt, dass in den ersten Jahrzehnten mehrere hundert Freunde in der Haft starben. In den nordamerikanischen Kolonien wurden zwischen 1659 und 1661 vier Quäker – darunter Mary Dyer – in Boston gehängt. Erst die Glorious Revolution und der Toleration Act von 1689 brachten in England eine gesetzliche Duldung.
Auf den Verfolgungsdruck und auf innere Krisen (etwa die Nayler-Affäre von 1656, als der prominente Prediger James Nayler in einer messianisch gedeuteten Geste in Bristol einzog und vom Parlament grausam bestraft wurde) reagierte Fox mit dem Aufbau einer dauerhaften, dezentralen Organisationsstruktur: ein System ineinandergreifender Monats-, Vierteljahres- und Jahresversammlungen (englisch monthly, quarterly, yearly meetings) für die Regelung der gemeinschaftlichen Angelegenheiten. Diese Struktur bewahrte die Bewegung nach dem Abklingen der ersten erweckten Begeisterung vor dem Zerfall.
Lehre und Kernideen
Das Innere Licht und „das von Gott in jedem Menschen"
Die zentrale theologische Idee ist das Innere Licht (Inner Light) bzw. das „Licht Christi" (the Light of Christ within). Seine Schriftgrundlage findet die Bewegung im Johannesprolog: „Das war das wahre Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen" (Johannes 1,9). Die Quäker verstanden dieses Licht nicht bloß als ein metaphorisches Bild, sondern als eine wirksame innere Gegenwart Gottes, die jeden Menschen – unabhängig von Konfession, Stand oder Geschlecht – erleuchtet, überführt (von Sünde) und leitet. Daraus folgt der für die Quäker so prägende Satz vom „that of God in everyone" – „dem von Gott in jedem Menschen", den man ansprechen, achten und nicht verletzen darf.
Dieses Licht hat eine doppelte Funktion: Es ist zugleich richtend (es deckt die Sünde auf, überführt das Gewissen) und rettend (es führt zur Wiedergeburt und in den Gehorsam). Die Frühquäker verstanden ihre Erfahrung eschatologisch und realistisch zugleich: Christus sei „gekommen, um sein Volk selbst zu lehren" – nicht nur historisch in Palästina, sondern gegenwärtig im Inneren jedes Gläubigen. Diese Betonung der unmittelbaren, inwendigen Gegenwart verbindet die Quäker mit der breiteren spiritualistischen Strömung und unterscheidet sie scharf vom reformatorischen Schriftprinzip (sola scriptura): Für die Quäker steht der lebendige Geist, der die Schrift einst eingab, über dem geschriebenen Buchstaben.
Schrift, Geist und die Ablehnung von „Formen"
Die Quäker schätzten die Bibel hoch, lehrten aber, dass sie nur durch denselben Geist recht verstanden werden könne, der sie inspiriert habe. Robert Barclay formulierte das in der Maxime, die Schrift sei „nicht die Hauptquelle aller Wahrheit … sondern eine zweitrangige Regel, untergeordnet dem Geist". Aus dieser Geist-Vorrangstellung folgt die radikale Ablehnung der äußeren „Formen": Die Frühquäker verwarfen die Wassertaufe und das Abendmahl als äußere Riten (die wahre Taufe sei die innere Taufe mit dem Geist; das wahre Abendmahl die innere Gemeinschaft mit Christus), die berufsmäßige, bezahlte Priesterschaft, vorformulierte Gebete, liturgische Kalender, Kirchengebäude als „heilige" Orte, ja sogar die kirchliche Musik. Diese Entkleidung der Religion von allem Äußeren ist die radikalste Form des reformatorischen Bilderverbots, getrieben von der Überzeugung, dass nichts zwischen die Seele und den unmittelbar gegenwärtigen Gott treten dürfe.
Robert Barclay: der Theologe der Bewegung
Während Fox der charismatische Begründer war, gab Robert Barclay (1648–1690), ein schottischer Adliger und gelehrter Konvertit, der Bewegung ihre systematische theologische Gestalt. Sein Hauptwerk Apology for the True Christian Divinity (lateinisch 1676, englisch 1678) – meist kurz „Barclays Apologie" – wurde für über zwei Jahrhunderte das maßgebliche Lehrbuch des Quäkertums. In fünfzehn Thesen (propositions) entfaltet Barclay die Lehre: Die wahre Gotteserkenntnis komme nicht aus der Tradition oder aus dem Buchstaben, sondern aus der „inneren und unmittelbaren Offenbarung" (inward and immediate revelation); allen Menschen sei ein „Same des Lichts" (seed, vehiculum Dei) eingepflanzt; die Anbetung müsse „im Geist und in der Wahrheit" und damit im Schweigen, im Warten auf den Geist geschehen. Barclays Werk machte die quäkerische Innenschau auch für gebildete Zeitgenossen diskutierbar und sicherte ihr einen Platz in der Geschichte der protestantischen Theologie.
William Penn und das „Heilige Experiment" Pennsylvania
William Penn (1644–1718), der gebildete Sohn eines englischen Admirals, wurde zum berühmtesten Quäker seiner Zeit. Als Apologet (etwa in No Cross, No Crown, 1669, geschrieben im Tower) verteidigte er die Bewegung; als Staatsmann verwirklichte er ihre Ideale politisch. 1681 erhielt er von der Krone (zur Tilgung einer Schuld an seinen Vater) eine ausgedehnte nordamerikanische Kolonie, die er Pennsylvania nannte. Penn konzipierte sie als ein „Heiliges Experiment" (Holy Experiment): ein Gemeinwesen religiöser Toleranz, das auch Andersgläubige aufnahm, mit einem milden Strafrecht und – zumindest in der Frühzeit – mit fairen, durch Verträge geregelten Beziehungen zu den indigenen Lenape. Die Stadt Philadelphia („Bruderliebe") wurde zum Sinnbild dieses Entwurfs. Pennsylvania zeigte, dass die quäkerischen Zeugnisse nicht nur eine private Frömmigkeit, sondern ein politisch gestaltendes Programm sein konnten.
Praxis: das stille Andachtstreffen
Die kennzeichnende Praxis der Quäker ist das stille Andachtstreffen (englisch meeting for worship), oft schlicht „die Schweigeversammlung" genannt. In der ungeprogrammierten (englisch unprogrammed) Form, die der ursprünglichen und in Europa bis heute vorherrschenden entspricht, versammeln sich die Freunde ohne Liturgie, ohne Pfarrer, ohne Predigtordnung und ohne Musik in einem schlichten Raum und warten gemeinsam im Schweigen auf Gott. Dieses Schweigen ist kein leeres Verstummen, sondern ein aktives, erwartungsvolles „Warten auf den Herrn" (waiting upon the Lord), ein Stillwerden der eigenen Gedanken, damit das Innere Licht vernehmbar wird.
Spricht jemand, so geschieht das nur, wenn er sich vom Geist „bewegt" fühlt (moved by the Spirit) – dies nennt man das „vokale Dienstamt" (vocal ministry): ein kurzer, unvorbereiteter Beitrag, ein Gebet, ein Bibelwort, ein Lied, der aus der Stille aufsteigt und in sie zurücksinkt. Im Idealfall trägt die Versammlung gemeinsam eine „gesammelte" oder „bedeckte" Stille (gathered meeting, covered meeting) – einen Zustand spürbarer gemeinsamer Gegenwart, den Thomas Kelly eindrücklich beschrieben hat. Am Ende geben sich die Anwesenden die Hand; das Treffen ist beendet.
Es muss betont werden, dass nicht alle Quäker so anbeten: Vor allem im evangelikalen Quäkertum Nordamerikas und in den großen, durch Mission entstandenen Gemeinschaften in Afrika (besonders Kenia) und Lateinamerika herrscht heute die programmierte (programmed) Andacht mit angestelltem Pastor, Predigt, Liedern und festem Ablauf vor; weltweit gehört sogar die Mehrheit der Quäker dieser Form an. Das klassische Schweigetreffen bleibt jedoch das spirituelle Markenzeichen der Tradition.
Neben dem Andachtstreffen kennen die Quäker die „Versammlung zur Regelung der Angelegenheiten" (meeting for worship for business): Entscheidungen werden nicht durch Mehrheitsabstimmung getroffen, sondern im gemeinsamen geistlichen Unterscheiden nach dem „Sinn der Versammlung" (sense of the meeting) – einem Konsens, der aus dem Warten auf gemeinsame Klarheit erwächst. Diese eigentümliche, aus der Anbetung geborene Form der Beschlussfassung ist ein praktisches Korrelat der Lehre, dass das Licht in jedem spricht.
Die Zeugnisse (Testimonies) und ihre soziale Wirkung
Die ethischen Grundhaltungen der Quäker werden traditionell Zeugnisse (englisch testimonies) genannt – keine abstrakten Gebote, sondern bezeugte Lebensweisen, die aus der Erfahrung des Lichts folgen. Eine verbreitete (moderne) Merkformel fasst sie unter dem Akronym SPICES zusammen: Simplicity, Peace, Integrity, Community, Equality, Stewardship. Die historisch wirksamsten sind:
| Zeugnis | Kerngehalt | Geschichtliche Wirkung |
|---|---|---|
| Frieden (Peace) | Ablehnung von Krieg und Gewalt; die „Friedensbotschaft" an Karl II. (1660/61) | Kriegsdienstverweigerung; Friedensarbeit; Friedensnobelpreis 1947 |
| Gleichheit (Equality) | das Licht in jedem Menschen → gleiche Würde aller | Abolitionismus; frühe Predigtgleichheit der Frauen; Bildung |
| Einfachheit (Simplicity) | schlichte Kleidung, Sprache, Lebensführung; „plain speech" | Verzicht auf Luxus und Statusformen |
| Wahrhaftigkeit / Integrität (Integrity / Truth) | striktes Wahrheitsgebot, Eidverweigerung, yea/nay | Vertrauenswürdigkeit (auch im Handel: feste Preise) |
Frieden und Gewaltlosigkeit
Das Friedenszeugnis ist die berühmteste Haltung der Quäker. Seine klassische Urkunde ist die an Karl II. gerichtete „Declaration" von 1660/61, in der Fox und andere erklärten: „Wir lehnen alle äußeren Kriege und Streite und Kämpfe mit äußeren Waffen ab, zu welchem Zweck und unter welchem Vorwand auch immer; und dies ist unser Zeugnis vor der ganzen Welt." Aus dem Friedenszeugnis erwuchs die jahrhundertelange Tradition der Kriegsdienstverweigerung und der praktischen Friedens- und Hilfsarbeit. Diese Haltung lädt zum Vergleich mit anderen Traditionen der Gewaltlosigkeit ein – etwa mit dem Ahimsa (Nichtverletzen) im Jainismus.
Gleichheit, Abolitionismus und Sozialreform
Aus der Überzeugung, das Licht wohne in jedem Menschen, folgte ein Egalitarismus, der für das 17. Jahrhundert revolutionär war: Frauen durften von Anfang an im Andachtstreffen sprechen und predigen; Standesunterschiede wurden in der Anrede (kein Hutgruß, das egalitäre „du/thee" statt der Höflichkeitsform) bewusst ignoriert. Die folgenreichste Frucht war jedoch der quäkerische Beitrag zur Abschaffung der Sklaverei. Schon 1688 verfassten Quäker in Germantown (Pennsylvania) – darunter Einwanderer mit mennonitischem Hintergrund – die Germantown Quaker Petition Against Slavery, eine der frühesten Protestschriften überhaupt. Der reisende Prediger John Woolman (1720–1772) machte mit seinem Journal und der Schrift Some Considerations on the Keeping of Negroes die Sklavereifrage zum Gewissensthema der Gemeinschaft; 1776 untersagte das Philadelphia Yearly Meeting seinen Mitgliedern den Sklavenbesitz. Quäker wie Anthony Benezet standen am Anfang der organisierten Abolitionsbewegung diesseits und jenseits des Atlantiks.
Parallel wirkten Quäker als Pioniere der Gefängnis- und Sozialreform: Elizabeth Fry (1780–1845) reformierte die Haftbedingungen für Frauen im Londoner Newgate-Gefängnis; andere engagierten sich für die humane Behandlung psychisch Kranker (die York Retreat), für die Bildung und gegen die Todesstrafe. Quäkerische Unternehmerfamilien (Cadbury, Rowntree, Fry; im Bankwesen Barclays und Lloyds) verbanden geschäftlichen Erfolg mit sozialem Verantwortungsbewusstsein.
Der Friedensnobelpreis 1947
Die internationale Krönung der quäkerischen Friedensarbeit kam 1947, als der Friedensnobelpreis gemeinsam an das American Friends Service Committee (AFSC, gegr. 1917) und den Friends Service Council (Großbritannien) verliehen wurde – stellvertretend für das gesamte Quäkertum und in Anerkennung seiner „stillen Hilfe für die Schwachen" und der humanitären Arbeit in beiden Weltkriegen.
Vergleichende Perspektive: Schweigen und inneres Licht in den Traditionen
Die quäkerische Verbindung von Schweigen und innerem Licht macht die Bewegung zu einem dankbaren Gegenstand der vergleichenden Spiritualität. Mehrere Parallelen sind besonders erhellend.
Schweigen als Andachtsform. Das quäkerische waiting upon the Lord hat in fast jeder kontemplativen Tradition ein Gegenstück. Im byzantinischen Hesychasmus zielt die hesychia (Stille) auf die innere Sammlung; das im Westen wiederbelebte Centering Prayer kultiviert ein wortloses Verweilen in Gottes Gegenwart. Im Zen ist das Zazen – besonders das Shikantaza („nur Sitzen") – eine reine Praxis des stillen Gewahrseins ohne Objekt; im Sufismus übt die Murâqaba das achtsame Innehalten vor Gott. Der grundlegende Unterschied liegt in der Hermeneutik des Schweigens: Bei den Quäkern ist das Schweigen ein erwartungsvolles Hören auf eine personale, sprechende Gegenwart, die sich auch im vokalen Dienst Bahn brechen kann – es ist kommunikativ und gemeinschaftlich, während das Zen-Schweigen eher auf das Loslassen jeder begrifflichen Vermittlung zielt. Der weite Bogen dieser Praktiken wird in der Notiz Gebet und Meditation im Vergleich entfaltet.
Das innere Licht / der innere Lenker. Das quäkerische „that of God in everyone" hat strukturelle Verwandte in mehreren Traditionen. Im Sufismus benennen die Begriffe Sirr (das „Geheimnis", der innerste, gottfähige Kern des Herzens) und Nûr (das göttliche Licht) eine in den Menschen gelegte göttliche Dimension; das innere Lichterlebnis ist über die Kulturen hinweg verbreitet. Im Hinduismus spricht die Tradition vom Antaryâmin (Sanskrit antaryāmin, „der innere Lenker" oder „der innere Führer") – dem in jedem Wesen wohnenden göttlichen Prinzip, das von innen leitet (Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad) –, eine Vorstellung, die dem quäkerischen Bild eines inwendig führenden Lichts auffallend nahekommt; verwandt ist auch das jyoti (inneres Licht) der Yoga-Tradition. In all diesen Fällen wird ein göttlicher Funke im Menschen angenommen, der Erkenntnis und Führung von innen ermöglicht. Eine systematische Gegenüberstellung bietet die Notiz Inneres Licht im Vergleich: Nûr, Jyoti, Phos, Inner Light.
Die theologischen Unterschiede sind freilich erheblich: Das quäkerische Licht ist ausdrücklich das Licht Christi und bleibt – jedenfalls bei Fox und Barclay – in einen christlichen, heilsgeschichtlichen Rahmen eingebunden; das hinduistische antaryâmin steht in einer nicht-personalen oder pantheistischen Metaphysik, das sufische Sirr in einer streng monotheistischen. Solche Differenzen mahnen zur Vorsicht gegenüber einer allzu glatten perennialistischen Gleichsetzung – ein Problem, das im Übergang zwischen Gebet und Meditation und in den Vergleichsnotizen zum spirituellen Weg eigens reflektiert wird.
Verhältnis zu Böhme, zum Spiritualismus und zur kontinentalen Mystik
Die Quäker stehen geistesgeschichtlich in der Tradition des protestantischen Spiritualismus des 16. und 17. Jahrhunderts. Schon die Spiritualisten der Reformation – Sebastian Franck, Caspar Schwenckfeld, Valentin Weigel – hatten das „innere Wort" (verbum internum) über den äußeren Buchstaben gestellt, die institutionelle Kirche relativiert und eine unsichtbare, vom Geist gewirkte Gemeinschaft der Wahrhaftigen gelehrt. Dieselbe Grundfigur – Innerlichkeit gegen Form, Geist gegen Buchstabe – kehrt bei den Quäkern wieder.
Besonders diskutiert wird das Verhältnis zur Theosophie Jakob Böhmes (1575–1624), des Görlitzer Schusters und Visionärs. Böhmes Schriften waren in den 1640er und 1650er Jahren in englischer Übersetzung weit verbreitet und gehörten zur Lektüre vieler religiöser Radikaler; seine Begriffe vom „inneren Grund", vom göttlichen „Funken" in der Seele und vom „inneren Licht" klingen vordergründig quäkerisch. Die ältere Forschung hat daraus mitunter eine direkte Abhängigkeit konstruiert. Die heutige Quäker-Historiographie ist zurückhaltender: Eine gemeinsame spiritualistische Atmosphäre und überschneidende Sprachformen sind unbestreitbar, doch George Fox berief sich nicht auf Böhme, und seine Lehre ist eher aus der englischen radikalen Frömmigkeit (den „Suchern") und der unmittelbaren Bibelerfahrung erwachsen als aus Böhmes komplexer alchemistisch-theosophischer Spekulation. Man spricht daher besser von einer Wahlverwandtschaft als von einer Filiation.
Auch zur älteren christlichen Mystik bestehen Bezüge: Die rheinische Mystik – Eckhart, Tauler – mit ihrer Lehre vom „Seelengrund" und vom „Fünklein" (scintilla animae), in dem Gott geboren wird, bildet ein fernes Echo; und die paradoxe Sprache eines Angelus Silesius berührt sich mit der quäkerischen Innerlichkeit. Anders als die deutsche Hochmystik aber entwickelten die Quäker keine spekulative Metaphysik, sondern eine schlichte, praktische und gemeinschaftliche Frömmigkeit. In ihrer Zeit standen sie neben den verwandten Erneuerungsbewegungen des deutschen Pietismus und der Herrnhuter Brüdergemeine, die ebenfalls Herzensreligion und gelebte Heiligung über die orthodoxe Lehre stellten, sowie neben dem Quietismus, dessen passives „Stillsein vor Gott" eine entfernte Analogie zur Schweigeandacht darstellt.
Innere Entwicklung: Spaltungen und Strömungen
Im 19. Jahrhundert zerbrach die anfängliche Einheit der Bewegung, vor allem in Nordamerika. Die Hicksite–Orthodox-Spaltung von 1827/28 trennte die eher rationalistisch-innerlich orientierten Anhänger des Predigers Elias Hicks von den stärker schriftgebundenen, evangelikal beeinflussten „orthodoxen" Freunden. Spätere Spaltungen (etwa die Gurneyite–Wilburite-Trennung) und der Einfluss der angloamerikanischen Erweckungsbewegung führten dazu, dass ein großer Teil der amerikanischen Quäker pastorengeführte, programmierte Gemeinden mit ausdrücklich evangelikalem Bekenntnis bildete. Heute reicht das Spektrum von den schriftzentrierten evangelikalen Quäkern (organisiert u. a. in Evangelical Friends Church International) über die im Friends United Meeting zusammengeschlossenen pastoralen Gemeinden bis zu den liberalen, ungeprogrammierten Versammlungen (etwa Britain Yearly Meeting und das Friends General Conference in den USA).
Moderne Rezeption: liberales, universalistisches und nichttheistisches Quäkertum
Im liberalen Zweig vollzog sich im 20. Jahrhundert eine bemerkenswerte Öffnung. Rufus Jones (1863–1948), Philosoph und Mitbegründer des American Friends Service Committee, deutete das Quäkertum neu als eine Spielart des praktischen Mystizismus und ordnete es in eine breite Geschichte der christlichen Mystik ein – ein „affirmative mysticism", das die Gottesgegenwart nicht in der Weltflucht, sondern im tätigen Dienst sucht. Thomas R. Kelly (1893–1941) gab mit seinem schmalen, postum erschienenen A Testament of Devotion (1941) der Tradition ein spirituelles Klassikerwerk: Seine Beschreibung des „gathered meeting" und des Lebens aus einem inneren „Zentrum" (Holy Obedience, the Light Within) prägt die quäkerische Frömmigkeit bis heute. Diese Strömung berührt sich mit der modernen Mystik einer Simone Weil oder eines Thomas Merton und mit der religionspsychologischen Würdigung der unmittelbaren Erfahrung bei William James.
Aus der Betonung der Erfahrung gegenüber dem Bekenntnis erwuchsen im liberalen Quäkertum zwei weitere Tendenzen. Der universalistische Flügel versteht das Innere Licht als eine universale, allen Religionen zugängliche Wirklichkeit und führt einen offenen interreligiösen Dialog; manche Freunde verbinden quäkerische Praxis mit buddhistischer Meditation oder anderen Traditionen. Noch weiter geht das seit den 1970er Jahren erstarkte nichttheistische Quäkertum (englisch nontheist Friends): Hier wird die Schweigeandacht und die ethische Praxis beibehalten, der Gottesbegriff jedoch agnostisch, symbolisch oder humanistisch umgedeutet. Dass eine ursprünglich christozentrische Erweckungsbewegung Raum für nichttheistische Mitglieder bietet, ist eine der bemerkenswertesten Entwicklungen ihrer Geschichte – und zugleich Gegenstand innerquäkerischer Debatten über die Grenzen der Tradition.
Kritik und Kontroversen
Mehrere Spannungen begleiten das Quäkertum von Beginn an. Erstens das Verhältnis von innerem Licht und Schrift: Schon Zeitgenossen warfen den Frühquäkern vor, die individuelle „Leitung" (leading) über die objektive Offenbarung zu stellen und damit der subjektiven Willkür („Schwärmerei") Tür und Tor zu öffnen – die Nayler-Affäre von 1656 schien dies zu bestätigen. Zweitens die Frage der christlichen Identität: Der universalistische und nichttheistische Liberalismus wirft die Frage auf, ob das Quäkertum noch eine christliche Konfession oder bereits eine eigenständige, pluralistische Spiritualität ist – eine Frage, in der sich evangelikale und liberale Freunde bis heute uneins sind. Drittens das Spannungsverhältnis von Zeugnis und Reinheit: Die strikte Friedenshaltung führte wiederholt in Gewissenskonflikte (etwa als Quäker im Pennsylvania des 18. Jahrhunderts angesichts der Indianerkriege ihre Regierungsämter niederlegten). Viertens schließlich zeigt die historische Forschung, dass die Praxis hinter dem Ideal zurückblieb: Auch unter Quäkern gab es lange Sklavenhalter, bevor die Bewegung sich – als eine der ersten überhaupt – kollektiv von der Sklaverei lossagte.
Fazit
Die Quäker sind eine der originellsten Hervorbringungen der christlichen Geistesgeschichte: eine Bewegung, die aus der radikalen Reduktion der Religion auf ihre Mitte – die unmittelbare, inwendige Gegenwart Gottes – eine eigene Form der Anbetung (das Schweigen), eine eigene Form der Gemeinschaft (die Versammlung der Gleichen) und eine eigene Form der Weltgestaltung (die Zeugnisse) gewann. Ihre Lehre vom „Inneren Licht" und vom „von Gott in jedem Menschen" gehört in das große, traditionsübergreifende Gespräch über den göttlichen Funken im Inneren, das vom sufischen Sirr über das hinduistische Antaryâmin bis zum Hesychasmus reicht – und doch behält sie ihr unverwechselbares Gepräge: nicht spekulativ, sondern praktisch; nicht weltflüchtig, sondern weltverändernd. Dass aus einer kleinen, verfolgten englischen Sekte des 17. Jahrhunderts Pioniere des Abolitionismus, der Gefängnisreform und der internationalen Friedensarbeit wurden – gewürdigt mit dem Friedensnobelpreis –, ist das bleibhaftige Zeugnis ihrer Grundüberzeugung: dass das Licht, das jeden Menschen erleuchtet, ein Licht ist, nach dem man auch handeln muss.