Die Psalmen
Das biblische Buch der Psalmen (hebr. Tehillim, „Lobgesänge") versammelt 150 poetische Gebete und Lieder Israels — Klage, Lob, Dank und Weisheit; als Psalter bildet es seit der Antike das Herzstück jüdischer und christlicher Gebetsfrömmigkeit.
Definition
Die Psalmen (von griech. psalmós, „mit Saitenspiel begleitetes Lied", über psállein, „die Saiten zupfen") bilden das umfangreichste poetische Buch der hebräischen Bibel und des christlichen Alten Testaments. Im Hebräischen trägt das Buch den Titel Tehillim (תְּהִלִּים, „Lobgesänge, Preisungen") — eine Bezeichnung, die das Ganze unter das Vorzeichen des Gotteslobs stellt, obwohl die Sammlung in Wahrheit das gesamte Spektrum menschlicher Gottesrede umfasst: vom überschwänglichen Hymnus bis zum verzweifelten Schrei aus der Tiefe. Die Gesamtsammlung wird Psalter genannt (nach dem griechischen psaltḗrion, ursprünglich ein Saiteninstrument, dann der Name des Liederbuchs).
Der Psalter enthält in der hebräisch-masoretischen Zählung 150 Psalmen. Innerhalb des dreiteiligen jüdischen Kanons — der Tora (Weisung), der Nevi'im (Propheten) und der Ketuvim (Schriften) — gehört er zur dritten Sammlung, den Ketuvim, und eröffnet diese in den meisten Handschriften als deren bedeutendstes Buch. Im christlichen biblischen Kanon steht der Psalter zwischen den Geschichts- und den Prophetenbüchern im Zentrum des Alten Testaments. Im islamischen Verständnis entspricht der Psalter dem Zebûr (arab. az-Zabûr) — jenem Buch, das nach dem Koran (Sure 4,163; 17,55) dem Propheten David (Dâwûd) offenbart wurde; das arabische Wort bezeichnet allgemein eine „Schrift" und wird in der islamischen Tradition mit dem biblischen Psalter identifiziert (siehe unten, „Vergleichende Perspektive").
Die Psalmen sind weniger ein Buch zum Lesen als ein Buch zum Beten und Singen. Über zwei Jahrtausende haben sie die Liturgie der Synagoge wie der Kirche getragen, das mönchische Stundengebet strukturiert und der mystischen Frömmigkeit eine Sprache geliehen. Dietrich Bonhoeffer nannte den Psalter das „Gebetbuch der Bibel"; für Augustinus, Luther und Calvin war er die „Anatomie aller Teile der Seele" (Calvin) — ein Spiegel, in dem jeder menschliche Gemütszustand seine Worte vor Gott findet.
Name, Stellung im Kanon und Zählung
Der hebräische Titel Tehillim ist ein maskuliner Plural zu tehillah („Lobpreis") — auffällig, denn das eigentlich häufigere Genre der Sammlung ist die Klage, nicht der Lobpreis. Die rabbinische Tradition wählte den Titel programmatisch: Der Psalter mündet, so die Komposition, vom Klageschrei in das ungebrochene Lob (vgl. die fünf abschließenden „Halleluja"-Psalmen 146–150). Die Septuaginta, die griechische Übersetzung des 3.–2. Jahrhunderts v. Chr., überschrieb das Buch mit Psalmoí und fügte eine eigene Bezeichnung der Einzeltexte hinzu; daraus stammt das in den westlichen Sprachen verbreitete Wort „Psalm".
Eine bleibende Schwierigkeit ist die doppelte Zählung. Die hebräisch-masoretische Tradition und die nach ihr korrigierten protestantischen Bibeln zählen anders als die Septuaginta und die ihr folgende lateinische Vulgata (und damit die ältere katholische und die orthodoxe Tradition). Die Differenz entsteht, weil die Septuaginta die hebräischen Psalmen 9 und 10 sowie 114 und 115 jeweils zu einem zusammenzieht, dafür aber die Psalmen 116 und 147 jeweils teilt:
| Hebräisch (masoretisch) | Septuaginta / Vulgata |
|---|---|
| Ps 1–8 | Ps 1–8 (gleich) |
| Ps 9–10 | Ps 9 |
| Ps 11–113 | Ps 10–112 (jeweils −1) |
| Ps 114–115 | Ps 113 |
| Ps 116 | Ps 114–115 |
| Ps 117–146 | Ps 116–145 (jeweils −1) |
| Ps 147 | Ps 146–147 |
| Ps 148–150 | Ps 148–150 (gleich) |
Beide Traditionen kommen so auf die Gesamtzahl 150. In der wissenschaftlichen und in der jüdischen wie protestantischen Praxis hat sich die masoretische Zählung durchgesetzt; katholische und orthodoxe Liturgiebücher folgen häufig noch der griechisch-lateinischen. Der berühmte Bußpsalm „De profundis" trägt daher zwei Nummern — Ps 130 (hebr.) und Ps 129 (Vulgata). Eine separate Überlieferung kennt zudem den apokryphen Psalm 151, der in der Septuaginta und in einer hebräischen Fassung aus den Schriftrollen von Qumran (11QPsᵃ) bezeugt ist und in der orthodoxen Kirche als kanonisch gilt.
Die Textüberlieferung des Psalters ist außergewöhnlich reich. Die maßgebliche hebräische Gestalt bietet der masoretische Text (Codex Leningradensis, 1008 n. Chr.); doch die unter den Schriftrollen von Qumran gefundenen Psalmenhandschriften — über drei Dutzend, darunter die große Psalmenrolle aus Höhle 11 (11QPsᵃ, 1. Jh. n. Chr.) — zeigen, dass die Reihenfolge und der Umfang des Psalters im 1. Jahrhundert n. Chr. an seinem Ende noch nicht endgültig festlagen: 11QPsᵃ ordnet die letzten Psalmen abweichend an und fügt zusätzliche Lieder ein. Daraus folgert die Forschung, dass die ersten vier Bücher (Ps 1–89) bereits früh stabil waren, während Buch V noch im Werden begriffen war. Die Septuaginta wiederum bezeugt einen leicht anderen hebräischen Vorlagentext und liefert in den Psalmenüberschriften zusätzliche Angaben (etwa Tageszuweisungen und musikalische Vermerke), die im masoretischen Text fehlen.
Verfasserfrage und davidische Zuschreibung
Die Tradition verbindet den Psalter eng mit König David (regierte traditionell um 1010–970 v. Chr.). 73 Psalmen tragen in ihrer Überschrift die hebräische Formel le-David — eine Wendung, die freilich mehrdeutig ist: Sie kann „von David", „für David", „dem David gewidmet" oder „im Stil Davids" bedeuten. Die biblischen Geschichtsbücher zeichnen David als Musiker und Dichter (vgl. die Erzählung von David, der dem König Saul auf der Leier spielt, 1 Sam 16, und sein Klagelied auf Saul und Jonatan, 2 Sam 1). Aus dieser Überlieferung erwuchs die durchgängige davidische Zuschreibung, die im Neuen Testament und in der rabbinischen wie der islamischen Tradition fortlebt.
Die historisch-kritische Forschung seit dem 19. Jahrhundert hat diese Zuschreibung relativiert. Die Überschriften, so die heute überwiegende Auffassung, sind sekundäre redaktionelle Zusätze; sie ordnen die Psalmen Personen und Situationen zu, ohne historische Verfasserangaben im modernen Sinn zu sein. Weitere Überschriften nennen Asaf (Ps 50; 73–83), die Korachiter (Ps 42; 44–49 u. a.), Salomo (Ps 72; 127), Mose (Ps 90) und andere; viele Psalmen sind anonym. Sprachlich und theologisch reicht das Material von vorexilischen Königspsalmen über exilische Klagen (Ps 137, „An den Wassern Babylons") bis zu spät-nachexilischen, von der Tora-Frömmigkeit geprägten Texten. Die Psalmensammlung ist demnach das Ergebnis eines jahrhundertelangen Wachstumsprozesses, der wohl im 2. Jahrhundert v. Chr. zum Abschluss kam — ein Gebetbuch des Zweiten Tempels, in dem sich die Frömmigkeit vieler Generationen Israels niedergeschlagen hat. Die Zuschreibung an David bleibt theologisch bedeutsam: Sie macht den idealen Beter Israels zum Mund aller Beter.
Die Gattungen der Psalmen
Den entscheidenden Durchbruch zum Verständnis der Psalmen brachte die Gattungsforschung (Formgeschichte) des Alttestamentlers Hermann Gunkel (1862–1932), entfaltet vor allem in seiner mit Joachim Begrich vollendeten Einleitung in die Psalmen (1933). Gunkel ordnete die Einzeltexte nicht nach vermuteter Verfasserschaft, sondern nach Gattungen (typischen Sprach- und Situationsformen) und fragte nach ihrem ursprünglichen „Sitz im Leben" im Kult. Sein Schüler Sigmund Mowinckel verankerte viele Psalmen in einem hypothetischen herbstlichen Thronbesteigungsfest JHWHs. Die folgende Einteilung gilt im Kern bis heute:
Hymnen (Loblieder)
Der Hymnus preist Gott um seiner selbst willen. Typisch ist der dreiteilige Aufbau: Aufforderung zum Lob, Begründung („denn …"), erneuter Lobruf. Gegenstand des Lobes sind Gottes Schöpfungsmacht (Ps 8; 19; 104), sein geschichtliches Handeln an Israel (Ps 105; 136) und seine Königsherrschaft. Eine Untergruppe bilden die JHWH-Königs-Psalmen (Ps 47; 93; 95–99) mit dem Ruf „JHWH ist König geworden". Die abschließende Hallelujah-Gruppe (Ps 146–150) krönt den Psalter mit reinem Gotteslob; der allerletzte Vers (Ps 150,6) ruft „Alles, was Odem hat, lobe den HERRN".
Klagelieder
Die Klage ist die häufigste Gattung. Man unterscheidet:
- Klagelieder des Einzelnen (z. B. Ps 3; 6; 13; 22; 51; 88; 130) — der Beter klagt über Krankheit, Verfolgung, Schuld oder Gottesferne. Charakteristisch ist der oft abrupte „Stimmungsumschwung" von der Klage zur Gewissheit der Erhörung (außer im durchgängig düsteren Ps 88).
- Klagelieder des Volkes (z. B. Ps 44; 74; 79; 80; 137) — die Gemeinde klagt nach Niederlage, Zerstörung des Tempels oder Exil.
Die Klagepsalmen geben dem Leiden, dem Zweifel und sogar der Anklage Gottes eine legitime Sprache im Gebet (siehe „Gottesferne" unten). Sie sind die theologisch kühnsten Texte des Psalters.
Danklieder
Das Danklied (Toda) ist gleichsam die erfüllte Klage: Der Beter blickt auf eine erfahrene Rettung zurück und dankt — als Einzelner (Ps 30; 116; 138) oder als Gemeinde (Ps 124; 129). Häufig wird die durchlittene Not noch einmal erzählt, um die Größe der Errettung hervorzuheben.
Königspsalmen
Die Königspsalmen (Ps 2; 18; 20; 21; 45; 72; 89; 101; 110; 132) begleiteten ursprünglich das Leben des judäischen Königtums — Krönung, Hochzeit, Krieg. Nach dem Ende der Monarchie (587 v. Chr.) wurden sie messianisch umgedeutet und auf den künftigen Gesalbten (hebr. Maschiach) bezogen. Ps 2 („Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt") und Ps 110 („Setze dich zu meiner Rechten") wurden so zu den am häufigsten im Neuen Testament zitierten Psalmen.
Weisheitspsalmen
Die Weisheitspsalmen (Ps 1; 37; 49; 73; 112; 127; 128; 133) bringen die Sprache der israelitischen Weisheitsliteratur (Sprüche, Hiob, Kohelet) ins Gebet. Sie reflektieren über das Geschick des Gerechten und des Frevlers, über das Tun-Ergehen-Verhältnis und seine Krisen. Ps 1 stellt programmatisch dem Psalter den Gegensatz von Gerechtem und Frevler voran und macht die Freude an der Tora zum Tor des ganzen Buchs.
Tora- und Zionspsalmen
Eng verwandt sind die Tora-Psalmen (Ps 19; 119), die das göttliche Gesetz als Quelle der Freude und des Lebens besingen — Ps 119 ist mit 176 Versen der längste Psalm und ein kunstvolles akrostichisches Lob der Weisung. Die Zionspsalmen (Ps 46; 48; 76; 84; 87; 122) preisen Jerusalem und den Tempelberg als Ort der Gegenwart Gottes.
Wallfahrtspsalmen
Die fünfzehn Wallfahrtslieder oder „Stufenlieder" (Ps 120–134, hebr. Schir ha-Ma'alot) wurden traditionell von den nach Jerusalem hinaufziehenden Pilgern gesungen. Sie reichen von der Sehnsucht nach dem Heiligtum (Ps 122, „Ich freute mich, als man mir sagte: Wir gehen zum Hause des HERRN") bis zum priesterlichen Segen der Nacht (Ps 134).
Poetische Form
Die hebräische Psalmendichtung kennt weder Reim noch festes Versmaß im griechisch-lateinischen Sinn. Ihr tragendes Bauprinzip ist der Parallelismus membrorum (der „Gleichlauf der Glieder") — ein Gedankenreim, bei dem zwei (selten drei) kurze Verszeilen zueinander in Beziehung treten. Diese Struktur wurde 1753 von dem englischen Bischof Robert Lowth in seinen Vorlesungen De sacra poesi Hebraeorum systematisch beschrieben. Lowth unterschied drei Grundtypen:
- Synonymer Parallelismus — die zweite Zeile wiederholt den Gedanken der ersten mit anderen Worten: „Der Himmel erzählt die Ehre Gottes, / und das Firmament verkündigt seiner Hände Werk" (Ps 19,2).
- Antithetischer Parallelismus — die zweite Zeile setzt den Gegensatz: „Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, / aber der Gottlosen Weg vergeht" (Ps 1,6).
- Synthetischer (fortführender) Parallelismus — die zweite Zeile ergänzt und steigert die erste: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen — / woher kommt mir Hilfe?" (Ps 121,1).
Hinzu treten weitere Kunstmittel: das Akrostichon (alphabetische Anfangsbuchstaben der Verse, z. B. Ps 9/10; 25; 34; 37; 111; 112; 119; 145), der wiederkehrende Refrain (Ps 42/43; 46), die Inklusio (Rahmung durch wiederholte Wendungen) und eine dichte, sinnenhafte Bildsprache: Gott als Fels, Burg, Schild, Hirte (Ps 23), Licht; der Mensch als verschmachtende Hirschkuh (Ps 42), als zertretenes Gras. Rätselhaft bleibt das oft eingestreute Wort Sela (סֶלָה) — wohl ein musikalischer oder liturgischer Vermerk (Pause, Zwischenspiel, Verstärkung), dessen genaue Bedeutung verloren ist.
Fünf Bücher und Komposition
Der Psalter ist nicht eine ungeordnete Anthologie, sondern eine bewusst gestaltete Sammlung. Schon die alte Tradition gliederte ihn — in bewusster Analogie zu den fünf Büchern der Tora — in fünf Bücher, jeweils abgeschlossen durch eine Doxologie (Lobformel):
| Buch | Psalmen | Abschließende Doxologie |
|---|---|---|
| I | 1–41 | Ps 41,14 |
| II | 42–72 | Ps 72,18–19 |
| III | 73–89 | Ps 89,53 |
| IV | 90–106 | Ps 106,48 |
| V | 107–150 | Ps 146–150 (Schluss-Hallel) |
Der Midrasch zu den Psalmen formuliert: „Mose gab Israel die fünf Bücher der Tora, und David gab Israel die fünf Bücher der Psalmen." Die neuere Forschung (G. Wilson, F.-L. Hossfeld, E. Zenger) hat überdies eine durchdachte Komposition des Endtextes herausgearbeitet: Ps 1 (Tora) und Ps 2 (Königtum/Messias) bilden zusammen das Tor des Psalters; das Ende der davidischen Königsherrschaft wird an der Buchfuge von Buch III (Ps 89, Klage über den gescheiterten Davidsbund) markiert; Buch IV antwortet mit den JHWH-Königs-Psalmen, die Gott selbst als König proklamieren; und der ganze Psalter mündet in das fünffache „Halleluja" (Ps 146–150). So liest sich der Psalter als ein Weg von der Klage über den Zusammenbruch irdischer Macht zum reinen Lob der ewigen Königsherrschaft Gottes.
Theologische Themen
Vertrauen und Geborgenheit
Das Herzstück vieler Psalmen ist das Vertrauen (hebr. bittachon) auf Gott. Der Hirtenpsalm (Ps 23, „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln") ist der wohl bekannteste Ausdruck dieser Geborgenheit; Ps 91 („Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt") und Ps 121 („Der HERR behütet dich") gehören zu den meistgebeteten Texten der Tradition.
Gottesferne und Klage
Zugleich wagt der Psalter die radikale Erfahrung der Gottesferne. Ps 22 beginnt mit dem Schrei „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (hebr. Eli, Eli, lama asawtani) — einem Wort, das nach der Überlieferung der Evangelien (Mk 15,34; Mt 27,46) Jesus am Kreuz aufnahm. Ps 88 endet ohne jeden Trost: „Meine Freunde hast du mir entfremdet, / Finsternis ist mein nächster Freund." Diese Texte machen den Psalter zu einer Theologie, die das Leiden und den Zweifel nicht verdrängt, sondern vor Gott bringt — eine biblische Theodizee im Gebet, verwandt dem Ringen des Hiobbuches.
Schöpfungslob
Eine zweite Achse ist das Schöpfungslob: Ps 8 staunt über die Würde des Menschen im Kosmos, Ps 19 über das wortlose Zeugnis des Himmels, Ps 104 entfaltet einen großen Schöpfungshymnus, der auffällige Parallelen zum altägyptischen Sonnenhymnus des Pharao Echnaton aufweist.
Tora-Frömmigkeit
Mit Ps 1 und Ps 119 tritt die Tora-Frömmigkeit in den Vordergrund: Das Gesetz Gottes ist nicht Last, sondern „Wonne" und Quelle des Lebens — eine Haltung, die das spätere Judentum tief geprägt hat.
Das Messianische
Schließlich enthält der Psalter eine messianische Dimension. Die königlichen Psalmen 2, 72 und 110 wurden in Judentum und Christentum auf den künftigen Gesalbten gedeutet. Das Neue Testament zitiert den Psalter häufiger als jedes andere alttestamentliche Buch und liest ihn durchgängig als Prophetie auf Christus.
Liturgischer Gebrauch
Im Judentum
Im Judentum sind die Psalmen tief in das Gebetsleben eingewoben. Die Psalmen 113–118 bilden das Hallel („Lobpreis"), das an den Wallfahrtsfesten (Pessach, Schawuot, Sukkot) und an Chanukka gesungen wird; Ps 136 heißt wegen seines Refrains „denn seine Güte währt ewig" das Große Hallel. Die Pesukei de-Simra („Verse des Lobgesangs") des Morgengebets bestehen weithin aus Psalmen, und jeder Wochentag hat seinen festen Tagespsalm (Schir schel Jom). Das fromme Rezitieren des gesamten Psalters (Tehillim-Sagen) gilt bis heute als Werk der Andacht, besonders in Zeiten der Not.
Im Christentum
Im Christentum wurde der Psalter zum Grundbuch des Gottesdienstes. Schon die frühe Kirche betete die Psalmen täglich. Mit der Regula Benedicti (um 540) machte Benedikt von Nursia die durchlaufende Psalmodie zum Rückgrat des mönchischen Stundengebets: Die berühmte Vorschrift, den gesamten Psalter binnen einer Woche zu beten (Kap. 18), prägte das abendländische Mönchtum für anderthalb Jahrtausende. Das Stundengebet (lat. Officium divinum, Brevier) verteilt die 150 Psalmen über den Wochen- bzw. (heute) Vierwochenzyklus auf die kanonischen Gebetszeiten (Vigil/Matutin, Laudes, Vesper u. a.). Die Psalmodie — der schlichte, formelhafte Sprechgesang der Psalmen auf einen Psalmton — ist die Urgestalt des Gregorianischen Chorals; ihr rhythmischer Wechsel zwischen zwei Chören (Antiphonie) spiegelt im Gesang den Parallelismus der Psalmenverse. In der Eucharistie hat der Antwortpsalm (Graduale) seinen festen Ort. Die sieben Bußpsalmen (Ps 6; 32; 38; 51; 102; 130; 143) bilden eine eigene Gebetsgruppe; Ps 51 („Miserere") und Ps 130 („De profundis") gehören zu den am dichtesten vertonten Texten der abendländischen Musik.
Mystische Lektüre
Über den liturgischen Gebrauch hinaus wurden die Psalmen zu einer Schule der kontemplativen Frömmigkeit. Die wirkmächtigste mystische Auslegung sind die Enarrationes in Psalmos des Augustinus (354–430) — eine vollständige, über Jahrzehnte entstandene Auslegung aller 150 Psalmen, in der Augustinus den Psalter durchgängig als Stimme des „ganzen Christus" (totus Christus), des Hauptes mit seinem Leib, der Kirche, hört. Der Beter, lehrt Augustinus, leiht seine Stimme keinem Fremden: In den Psalmen betet Christus in den Gläubigen und die Gläubigen in Christus.
Im monastischen Lectio Divina wird der Psalmenvers wiederkäuend betrachtet (ruminatio), bis er ins Herz sinkt. Diese Praxis berührt sich eng mit dem ostkirchlichen Hesychasmus: Das Herzensgebet — die unablässige Wiederholung des Jesusgebets — entstand im Kreis von Mönchen, die zugleich die Psalmen als ununterbrochenen Gebetsstrom (Psalterion) in sich trugen; Gregorios Palamas verteidigte diese Gebetspraxis theologisch. Ps 119,11 („Ich behalte dein Wort in meinem Herzen") und der Bußpsalm 51 („Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz") wurden zu Schlüsseltexten dieser Herzensfrömmigkeit, die das Wort vom Mund in die Tiefe des Herzens absenkt.
Vergleichende Perspektive
Der Zebûr und die islamische Tradition
Im Koran gehört der Zebûr zu den geoffenbarten Schriften: „Wir haben dem David einen Zebûr gegeben" (Sure 17,55; vgl. 4,163; 21,105). Die islamische Tradition versteht darunter den biblischen Psalter, das David offenbarte Buch der Lobgesänge. Der einzige aus dem Zebûr im Koran zitierte Vers (21,105 — „die Erde werden meine rechtschaffenen Diener erben") entspricht Ps 37,29. Die islamische Frömmigkeit kennt überdies in der Munâdschât (arab. munājāt, „vertrauliche Zwiesprache, Flehgebet") eine Gattung, die der Psalmenklage strukturell nahesteht: das ungeschützte Ausschütten des Herzens vor Gott, wie es etwa in den dem Sufi Abdullah al-Ansârî zugeschriebenen Munâdschât begegnet. Die tägliche Wird-Ordnung des Sufismus und das achtsame Versenken bilden funktionale Parallelen zur monastischen Psalmodie.
Gottesklage über die Traditionen hinweg
Die Klage ist ein religionsübergreifendes Phänomen. Das biblische Klagelied, das Gott die eigene Not entgegenhält und sogar mit ihm rechtet (Ps 13; 44), berührt sich mit der altmesopotamischen Klage und mit dem Ringen Hiobs; in der islamischen Mystik kehrt es im Flehgebet (duʿâ) wieder, in der indischen Bhakti-Frömmigkeit im klagenden Liebeslied an den fernen Gott. Der vergleichende Blick zeigt, dass die religiöse Sprache überall einen Raum für den Schmerz und die Anklage offenhält — siehe dazu auch den Überblick Gebet und Meditation.
Hymnik und Gebetslyrik
Als gesungene Hymnik stehen die Psalmen in einem weiten Verwandtschaftsfeld. Die vedischen Hymnen des Rigveda — Lobpreisungen an die Götter in kunstvoller Sprache — sind ihr ältestes Gegenstück; die hingebende Kirtana- und Bhajan-Dichtung des indischen Mittelalters, etwa die Lieder Kabîrs oder der Gîtâgovinda-Tradition, teilt mit den Psalmen den Wechselgesang von Vorsänger und Gemeinde und die Verbindung von Klage und Lob. Die vergleichende Betrachtung sakraler Musik (Semâ, Kirtana, Liturgie) und die Reflexion über Klang, Musik und Geist ordnen die Psalmodie in diese universale Tradition des Gotteslobs durch das Wort ein. Auch das wiederholte heilige Wort — Zikir, Mantra, Jesusgebet — wurzelt in derselben Erfahrung wie das psalmodierende Beten: dass das Wort, ständig wiederholt, das Herz verwandelt.
Liebes- und Sehnsuchtssprache
Die Sehnsuchtspsalmen (Ps 42, „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser") sprechen die Sprache der mystischen Gottessehnsucht, die im Hohelied und seiner christlich-mystischen Brautdeutung, in der sufischen ʿischq-Mystik und in der Bhakti ihre Entsprechungen hat (vgl. die Liebe im Vergleich).
Moderne Rezeption und Wirkung
Die Wirkungsgeschichte des Psalters ist von kaum zu überschätzender Tiefe. Martin Luther übersetzte die Psalmen mit besonderer Sorgfalt und schuf aus ihnen Kirchenlieder; sein „Ein feste Burg ist unser Gott" ist eine freie Nachdichtung von Ps 46. Der Genfer Psalter (1562) der reformierten Tradition setzte alle 150 Psalmen in singbare Strophenlieder um und wurde europaweit verbreitet; im Luthertum entstand die reiche Tradition des Psalmlieds. In der Kunstmusik vertonten Komponisten von Josquin und Lassus über Heinrich Schütz (Psalmen Davids, 1619; Becker-Psalter) und Johann Sebastian Bach bis zu Felix Mendelssohn, Johannes Brahms (Ein deutsches Requiem greift Ps 39 und 84 auf) und Igor Strawinsky (Symphonie de psaumes, 1930) die Psalmentexte. Der „Miserere" des Gregorio Allegri und die zahllosen „De profundis"-Vertonungen prägten die abendländische geistliche Musik.
Im 20. Jahrhundert legte Hermann Gunkel mit der Gattungsforschung das Fundament der modernen Psalmenexegese; Sigmund Mowinckel rückte den kultischen Ort in den Mittelpunkt; Claus Westermann systematisierte die Polarität von Klage und Lob als Grundbewegung des Psalmengebets; und die Kompositionsforschung von Frank-Lothar Hossfeld und Erich Zenger las den Psalter als planvolles Buch. Dietrich Bonhoeffer verteidigte in seiner Schrift Das Gebetbuch der Bibel (1940) — eine seiner letzten legal erschienenen Veröffentlichungen — das fortdauernde Recht der Christen, mit den Psalmen Israels zu beten. In der jüdisch-christlichen Spiritualität der Gegenwart, vom monastischen Stundengebet bis zum Centering Prayer, bleiben die Psalmen die meistgebetete Dichtung der Menschheit.
Kritik und Kontroversen
Drei Diskussionsfelder begleiten die Psalmenauslegung. Erstens die Verfasserfrage: Während die fromme Tradition an der davidischen Verfasserschaft festhält, sieht die historisch-kritische Forschung in den Überschriften sekundäre Zuschreibungen und im Psalter ein über Jahrhunderte gewachsenes Buch. Zweitens die Fluch- und Rachepsalmen (Imprekationspsalmen, etwa Ps 58; 109; 137,9 mit dem Wunsch, die Kinder der Feinde zu zerschmettern): Sie stellen das Gebet vor die Frage, wie sich der Schrei nach Vergeltung zum Liebesgebot verhält. Manche neueren Liturgien lassen diese Verse aus; die kontemplative Tradition deutet sie als ungeschönte Übergabe auch des Hasses an Gott, der allein das Gericht hat. Drittens die kultische Verortung Mowinckels (Thronbesteigungsfest), die in ihrer Reichweite umstritten geblieben ist. Über alle Kontroversen hinweg gilt die Beobachtung Bonhoeffers, dass gerade die fremden, anstößigen Psalmen den Beter zwingen, nicht nur das eigene Herz, sondern das ganze Leiden der Menschheit vor Gott zu tragen.
Fazit
Das Buch der Psalmen ist mehr als eine antike Liedersammlung: Es ist das gemeinsame Gebetbuch zweier Weltreligionen und das im Koran als Zebûr geehrte Buch Davids. In 150 Texten von höchster poetischer Kunst — getragen vom Parallelismus membrorum und einer unerschöpflichen Bildsprache — durchmisst der Psalter die ganze Bandbreite der Gottesbeziehung: das Lob des Schöpfers, die Klage aus der Tiefe, den Dank des Geretteten, die Freude an der Weisung und die Hoffnung auf den Gesalbten. Als fünfgeteiltes, planvoll komponiertes Buch führt er vom Schrei der Klage zum fünffachen Halleluja. Liturgisch trägt er das Hallel der Synagoge und das Stundengebet des Klosters; mystisch wird er von Augustinus bis zum Herzensgebet zur Schule des Herzens; vergleichend reiht er sich in die universale Tradition der Gebetslyrik von den vedischen Hymnen über die Bhajan-Dichtung bis zur sufischen Munâdschât ein. Kaum ein Text hat die Frömmigkeit, die Dichtung und die Musik des Abendlandes und des Orients so tief geprägt — und kaum ein Buch leiht dem betenden Menschen bis heute so vollständig die Worte für alles, was die Seele vor Gott bewegt.