Mystische Traditionen

Das keltische Christentum

Das Christentum der inselkeltischen Welt (5.-8. Jh.) mit seinem monastischen Schwerpunkt, der Wandermission (peregrinatio) und der Bußpraxis - kritisch gegen den modernen Mythos einer naturnahen, eigenständigen "keltischen Kirche" abgegrenzt.

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Definition

Der Ausdruck keltisches Christentum bezeichnet jene Formen des Christentums, die sich vom 5. bis ins 8. Jahrhundert in den keltischsprachigen Regionen der Britischen Inseln - vor allem in Irland, im Westen und Norden Britanniens (Wales, Cornwall, das piktische Schottland) sowie in der Bretagne - herausbildeten und von dort durch die Wandermönche auf das europäische Festland ausstrahlten. Im Mittelpunkt stehen das irisch-schottische (iroschottische) Mönchtum, die Gründungen von Columba auf Iona und Columban (Columbanus) auf dem Kontinent, die Askeseform der peregrinatio pro Christo (Pilgerschaft um Christi willen), die monumentalen Hochkreuze, die strengen Bußbücher und der sogenannte Osterstreit, der 664 auf der Synode von Whitby beigelegt wurde.

Sogleich ist jedoch eine quellenkritische Vorbemerkung nötig, die diese gesamte Notiz durchzieht. Das populäre, seit dem 19. Jahrhundert und besonders im späten 20. Jahrhundert verbreitete Bild eines einheitlichen, naturverbundenen, frauenfreundlichen, romfernen und gleichsam "ökologisch" gestimmten keltischen Christentums ist nach dem heutigen Stand der Forschung größtenteils eine moderne Konstruktion - eine Mischung aus protestantischer Antithese gegen Rom, romantischer Keltennostalgie und spätmoderner New-Age-Sehnsucht. Die führenden Mediävisten dieses Feldes (Kathleen Hughes, Wendy Davies, Donald Meek, Ian Bradley in seiner selbstkritischen Spätphase, Caitlin Corning) betonen übereinstimmend, dass es keine einheitliche "keltische Kirche" als institutionelle Größe gab, die einer "römischen Kirche" gegenübergestanden hätte. Die Christen Irlands, Britanniens, Galliens und Roms verstanden sich allesamt als Teil der einen, katholischen, apostolischen Kirche; sie unterschieden sich nicht in Dogma oder Sakramentenlehre, sondern in einzelnen Bräuchen (Osterberechnung, Tonsurform, Bußdisziplin) und in der kirchlichen Organisationsform. Wer also von "keltischem Christentum" spricht, sollte darunter ein Bündel regionaler Besonderheiten verstehen, nicht eine eigenständige Konfession. Diese Notiz schildert die historisch greifbaren Eigenheiten und trennt sie konsequent von ihrer modernen Überformung.

Eingebettet ist das Thema in die größere Geschichte der christlichen Mystik und Spiritualität, insbesondere in die monastische Tradition, die von den Wüstenvätern über das benediktinische Mönchtum bis in den europäischen Westen reicht. Zugleich berührt es die vorchristliche keltisch-druidische Spiritualität, deren Erbe das junge Christentum teils aufnahm, teils verdrängte.

Historischer Hintergrund: Die Christianisierung der Inseln

Britannien und die römische Grundlage

Das Christentum erreichte die Britischen Inseln zuerst über das römische Britannien. Schon im 3. und 4. Jahrhundert gab es christliche Gemeinden; auf der Synode von Arles (314) sind britische Bischöfe (aus York, London und vermutlich Lincoln) bezeugt. Der erste namentlich bekannte britische Märtyrer ist Alban von Verulamium (heute St Albans), dessen Verehrung sich früh ausbreitete. Bemerkenswert ist, dass Britannien auch eine der folgenreichsten theologischen Kontroversen der Spätantike hervorbrachte: Der Mönch Pelagius (um 354 - um 420), gegen den Augustinus seine Gnadenlehre schärfte, stammte wahrscheinlich von den Inseln. Mit dem Rückzug der römischen Legionen (um 410) und dem Vordringen der heidnischen Angelsachsen wurde das britannische Christentum in den keltischen Westen (Wales, Cornwall) und Norden zurückgedrängt - eine Verschiebung, die für die spätere Eigenständigkeit der inselkeltischen Kirche entscheidend war, da sie nun von den Entwicklungen auf dem Kontinent halb abgeschnitten war.

Patrick und die Bekehrung Irlands

Irland, das nie zum Römischen Reich gehört hatte, wurde im 5. Jahrhundert christianisiert. Die Überlieferung verbindet diesen Vorgang vor allem mit Patrick (Patricius), dem späteren Nationalheiligen Irlands. Die historisch sichere Quellenlage ist schmal, aber wertvoll: Patrick hat selbst zwei lateinische Texte hinterlassen, die Confessio (eine geistliche Rechenschaft) und die Epistola ad Coroticum (ein Brief gegen einen britischen Kriegsherrn). Aus ihnen geht hervor, dass Patrick ein römischer Brite war, als Jugendlicher von irischen Sklavenräubern verschleppt wurde, in der Gefangenschaft zu einer tiefen Frömmigkeit fand, entkam und später als Bischof nach Irland zurückkehrte, um das Evangelium zu verkünden. Seine Wirkungszeit wird meist auf die Mitte des 5. Jahrhunderts datiert (das traditionelle Todesjahr 461 ist unsicher). Die spätere Patrickslegende - die Vertreibung der Schlangen, die Erklärung der Dreieinigkeit am Kleeblatt (shamrock), das Feuer auf dem Hügel von Slane - ist hagiographische Ausschmückung des 7. Jahrhunderts (Muirchú, Tírechán) und historisch nicht belastbar; das Kleeblatt-Motiv ist sogar erst neuzeitlich bezeugt.

Wichtig ist die Einsicht, dass Patrick nicht der einzige und vielleicht nicht einmal der erste Missionar war. Die Chronik des Prosper von Aquitanien berichtet, dass Papst Coelestin I. im Jahr 431 Palladius "zu den an Christus glaubenden Iren" als ersten Bischof sandte - es gab also bereits vor Patrick irische Christen. Die Bekehrung Irlands war ein längerer, vielschichtiger Prozess, in dem sich das Christentum mit der bestehenden Stammesgesellschaft, ihrem Rechtswesen und ihrer Gelehrtenschicht (den Filid, den Nachfolgern der Druiden) verschränkte, ohne dass es zu nennenswertem Blutvergießen kam - ein bemerkenswert friedlicher Übergang, der die kulturelle Kontinuität begünstigte. Die heidnische Göttin Brigid etwa verschmolz mit der christlichen Brigida von Kildare, einer Klostergründerin, deren historische Gestalt hinter der Legende kaum noch fassbar ist; ihr Kloster in Kildare wurde zu einem der bedeutendsten geistlichen Zentren Irlands. (Vergleiche zur vorchristlichen Schicht die Notiz zur Tuatha Dé Danann und zur keltischen Anderswelt.)

Columba und Iona: die Mission Schottlands

Die zweite große Welle der Christianisierung erfasste das von den Pikten und den eingewanderten irischen Skoten bewohnte Schottland. Ihre Schlüsselgestalt ist Columba (irisch Colum Cille, "Taube der Kirche", um 521-597), ein Spross des nordirischen Hochadels (der Uí Néill). Der Überlieferung nach verließ Columba 563 Irland - nach einer Deutung als selbstauferlegte Buße infolge eines Streits, der zur Schlacht von Cúl Dreimhne geführt haben soll - und gründete auf der kleinen Hebrideninsel Iona ein Kloster, das zum Mutterhaus eines weitverzweigten monastischen Familienverbandes (der paruchia Columbas) wurde. Von Iona aus wurden die Pikten missioniert und zahlreiche Tochterklöster gegründet. Unsere Hauptquelle ist die Vita Columbae des Adomnán von Iona (um 624-704), eines der wichtigsten Werke der frühmittelalterlichen Hagiographie. Iona entwickelte sich zu einem Zentrum der Gelehrsamkeit und der Buchproduktion und blieb auch nach Columbas Tod jahrhundertelang ein geistlicher Mittelpunkt der gaelischen Welt - bis es ab 795 wiederholt von Wikingern überfallen wurde.

Aidan und Lindisfarne: die Mission Northumbriens

Von Iona ging schließlich auch die Christianisierung des angelsächsischen Nordens aus. Der northumbrische König Oswald, der im iroschottischen Exil getauft worden war, rief 635 Mönche von Iona zu sich; Aidan (gest. 651) gründete daraufhin das Inselkloster Lindisfarne ("Holy Island") vor der Küste Northumbriens. Aidan, ein Mann von sprichwörtlicher Sanftmut und Armut, prägte zusammen mit dem späteren Cuthbert von Lindisfarne (um 634-687) eine eindrückliche Form gelebter Heiligkeit, die der northumbrische Geschichtsschreiber Beda Venerabilis (672/73-735) in seiner Historia ecclesiastica gentis Anglorum (731) - der wichtigsten Quelle der ganzen Epoche - mit hoher Wertschätzung schildert. In Lindisfarne entstanden später auch die berühmten Lindisfarne Gospels. So traf in Northumbrien die von Iona ausgehende iroschottische Mission mit der von Augustinus von Canterbury (gest. um 604) geführten römischen Mission zusammen, die Papst Gregor der Große 596 nach Kent entsandt hatte - eine Begegnung, die zwangsläufig zum Konflikt über die abweichenden Bräuche führte.

Columban und die kontinentale Mission

Während Columba nach Norden ging, trug die peregrinatio andere iroschottische Mönche tief auf den europäischen Kontinent. Die ragende Gestalt ist Columban der Jüngere (Columbanus, um 543-615), der um 590 mit zwölf Gefährten Irland verließ und im merowingischen Gallien sowie in Oberitalien eine Reihe einflussreicher Klöster gründete: Luxeuil und Annegray in den Vogesen, schließlich Bobbio in den Apenninen, wo er 615 starb; sein Schüler Gallus gab dem späteren Kloster St. Gallen seinen Namen. Columban hinterließ eigene Schriften - Briefe (darunter mutige Mahnschreiben an die Päpste), Predigten, eine strenge Mönchsregel (Regula monachorum und Regula coenobialis) und Bußvorschriften. Seine Klöster wurden zu Keimzellen einer monastischen Erneuerung Galliens; vielfach verschmolz die strenge iroschottische Regel später mit der milderen Benediktregel zur sogenannten Regula mixta. An Columban zeigt sich besonders klar, dass die "keltische" Eigenheit gerade nicht in Romferne bestand: Er stritt zwar heftig mit den gallischen Bischöfen über die Osterberechnung, berief sich dabei aber ausdrücklich auf seine Treue zur römischen Petrustradition.

Besonderheiten der inselkeltischen Kirche

Worin bestanden nun die tatsächlichen Eigenheiten? Sie betreffen Struktur, Askese und Disziplin, nicht den Glauben.

Monastische statt diözesane Struktur

Der wohl markanteste Zug, besonders in Irland, ist die Vorherrschaft des Klosters über die Bischofskirche. Auf dem Kontinent und im romanisierten Britannien war die Kirche territorial-diözesan organisiert: Ein Bischof leitete von einer Stadt (civitas) aus seine Diözese. Irland aber kannte keine Städte römischen Typs; seine Gesellschaft war stammes- und sippengebunden. Entsprechend wurde nicht die Diözese, sondern das Kloster zur grundlegenden kirchlichen Einheit. Mächtige Klosterverbände (paruchiae), die über Stiftungen und Verwandtschaftsbande eines Gründerheiligen zusammenhingen, überspannten das Land. An ihrer Spitze stand nicht der Bischof, sondern der Abt (abbas), häufig ein Verwandter des Gründers aus demselben Adelsgeschlecht. Bischöfe gab es weiterhin - sie waren für die sakramentalen Weihehandlungen unentbehrlich (nur ein Bischof kann ordinieren) -, doch in der Leitungsgewalt waren sie dem Abt nachgeordnet; mancherorts lebten sie als Mönche unter dessen Jurisdiktion. Diese Vorrangstellung des Abts ist die wichtigste organisatorische Besonderheit. Die ältere Forschung hat sie überzeichnet (so als hätte die Episkopalverfassung gänzlich gefehlt), doch die neuere Forschung (Richard Sharpe) zeigt ein differenzierteres Nebeneinander von monastischer und bischöflicher Struktur.

Anbindung an die Wüstenväter

Das iroschottische Mönchtum verstand sich bewusst als Erbe der ägyptischen und syrischen Wüstenväter. Über Vermittler wie Johannes Cassian (dessen Institutiones und Collationes das gesamte abendländische Mönchtum prägten) gelangten die Ideale der Wüste - radikale Askese, beständiges Gebet, Einsamkeit, Kampf gegen die Gedanken (logismoi) - in den äußersten Westen. Die irischen Mönche suchten die "Wüste" in ihrer eigenen Landschaft: in abgelegenen Tälern, vor allem aber auf einsamen Inseln und Felsen im Atlantik. Das spektakulärste Zeugnis ist Skellig Michael, ein steiler Felsen vor der Südwestküste Irlands, auf dem Mönche in Bienenkorbhütten (clochán) aus Trockenstein ein Eremitenleben unter äußerster Entbehrung führten. Diese Suche nach dem dísert (vom lateinischen desertum, "Wüste"; daher viele irische Ortsnamen mit "Disert-") ist eine direkte Übertragung des Wüstenideals. Vergleichbar ist die Praxis im Fasten und in der monastischen Strenge anderer Traditionen, etwa der koptisch-syrischen.

Peregrinatio pro Christo

Aus dieser Wüstensehnsucht erwuchs die charakteristischste Askeseform: die peregrinatio pro Christo (Pilgerschaft, Heimatlosigkeit um Christi willen). Anders als die spätere Wallfahrt zu einem bestimmten Heiligtum (Rom, Jerusalem, Santiago) war die irische peregrinatio ein Exil ohne Rückkehr: Der Mönch verließ Heimat, Sippe und Vaterland - in einer durch und durch verwandtschaftlich strukturierten Gesellschaft das denkbar schwerste Opfer - und überließ sich der Fremde als einer lebenslangen Buße und Selbstentäußerung. In Anlehnung an Gottes Wort an Abraham ("Geh aus deinem Land", Gen 12,1) wurde die Heimatlosigkeit selbst zur Aszese. Die radikalste Form war die navigatio, das Sich-Aussetzen in einem Boot ohne Ruder, das die Strömung (und damit Gottes Vorsehung) treiben ließ; legendarisch verklärt in der Navigatio Sancti Brendani, der Seefahrtslegende des heiligen Brendan. Aus dieser peregrinatio speiste sich die ungeheure Missionsleistung der iroschottischen Mönche von Island bis Oberitalien. Sie zeigt eine Verwandtschaft zur Kenosis (Selbstentäußerung) und lädt zum Vergleich mit den Heimatlosigkeits- und Reise-Symboliken anderer Traditionen ein, etwa der Reise der Vögel bei Attâr.

Harte Bußpraxis, Privatbeichte und Bußbücher

Eine folgenreiche Innovation des iroschottischen Christentums war die wiederholbare Privatbeichte mit fest tarifierter Buße. In der altchristlichen Disziplin war die Buße ein einmaliger, öffentlicher und feierlicher Akt für schwere Sünden. Die irischen Mönche entwickelten demgegenüber - aus der monastischen Praxis der regelmäßigen Selbstanklage vor dem geistlichen Vater - die Praxis der häufigen, privaten Ohrenbeichte, in der jede Sünde einzeln bekannt und durch eine bemessene Buße abgegolten wurde. Als Hilfsmittel dienten die Bußbücher (Paenitentialia, "Pönitentialien"), Handbücher, die jeder Sünde einen genauen "Tarif" an Bußleistungen (Fasten, Gebete, Geißelung, zeitweiliges Exil) zuordneten - oft mit fein abgestufter Kasuistik. Die ältesten erhaltenen stammen aus dem 6. Jahrhundert (das Paenitentiale des Finnian, später jene Columbans, Cummeans und des Theodor von Tarsus). Über die iroschottischen Missionsklöster verbreiteten sich Bußbücher und Privatbeichte auf dem Kontinent und gehören zu den dauerhaftesten Beiträgen der inselkeltischen Kirche zur Gesamtkirche - sie stehen am Beginn der Entwicklung, die zur mittelalterlichen Ohrenbeichte und zum Bußsakrament führte. Mit dieser Bußkultur eng verbunden ist die Lehre vom Seelenfreund: Der anam cara (gaelisch "Seelenfreund") war der geistliche Begleiter und Beichtvater, ohne den - nach einem Brigida zugeschriebenen Wort - "ein Mensch wie ein Körper ohne Kopf" sei.

Das dreifache Martyrium

Die irische Spiritualität systematisierte die schon bei den Wüstenvätern angelegte Idee, dass nach dem Ende der blutigen Christenverfolgungen die Askese selbst zum "Martyrium" werde. Eine berühmte altirische Homilie (das Cambrai Homily, um 700) unterscheidet drei Arten des Martyriums durch eine Farbsymbolik:

Diese Triade ist ein authentisches, historisch belegtes Element der inselkeltischen Spiritualität und ein anschauliches Beispiel für ihre asketische Intensität.

Spirituelle Eigenheiten

Schöpfungsnähe - mit Vorbehalt

Die irische geistliche Dichtung enthält tatsächlich eindrucksvolle Naturschilderungen: Verse über Vögel, Wälder, das Meer, die Einsiedelei im Grünen. Daraus hat die moderne Rezeption eine besondere "keltische Schöpfungsspiritualität" gemacht. Hier ist Vorsicht geboten. Eine liebevolle Wahrnehmung der Schöpfung als Werk und Spur Gottes ist dem gesamten christlichen Mönchtum eigen - man denke an Franz von Assisi und seinen Sonnengesang oder an die Theologie der "Spuren Gottes" (vestigia Dei) bei Bonaventura. Die irische Naturfrömmigkeit ist eine schöne regionale Ausprägung dieses gemeinchristlichen Erbes, nicht ein präökologisches Sonderprogramm oder ein verkapptes Naturheidentum. Die moderne Lesart, die hier eine quasi-pantheistische "Erdverbundenheit" findet, projiziert spätere Empfindungen in die Texte hinein. Zur sachgemäßen Einordnung dient der Vergleich mit der Notiz zur spirituellen Ökologie, die solche Rückprojektionen kritisch behandelt.

Trinität und die Lorica-Gebete

Eine kennzeichnende Gattung der irischen Frömmigkeit ist die Lorica (lateinisch "Brustpanzer", "Rüstung") - ein Schutzgebet, das Gott, die Trinität, die Engel und Heiligen wie eine geistliche Rüstung um den Beter legt, gegen sichtbare und unsichtbare Gefahren. Das berühmteste Beispiel ist der sogenannte "Lorica des heiligen Patrick" oder "St. Patricks Brustpanzer" (Faeth Fiada, oft mit den Worten "Ich erhebe mich heute" beginnend). Die Zuschreibung an Patrick selbst ist allerdings legendarisch; sprachlich gehört der Text wohl ins 8. Jahrhundert. Eng verwandt ist die caim-Geste (von gaelisch caim, "Kreis", "Umfriedung"): das Ziehen eines gedachten Schutzkreises um sich beim Gebet, indem man sich mit ausgestrecktem Finger umdreht. Auffällig ist in alldem die starke Trinitätsbetonung und das Vertrauen in himmlischen Schutz. Die populäre Verbindung der Dreieinigkeit mit dem dreiteiligen Kleeblatt (shamrock) ist hingegen, wie erwähnt, eine späte Legende. Vergleichbare Schutz- und Anrufungsgebete kennt auch das Herzensgebet des Ostens und, in anderer Form, das heilige Wort mehrerer Traditionen.

Tonsur und Osterberechnung

Die beiden konkreten Bräuche, die den Streit mit Rom auslösten, waren die Tonsur (die Mönchsschur) und die Osterberechnung (computus). Die iroschottischen Mönche trugen eine andere Tonsur als die kontinentale: Statt der runden Scheitelplatte ("Petrustonsur") schoren sie offenbar das Haar von Ohr zu Ohr nach vorn (die Gegner verspotteten dies als "Simonstonsur", nach Simon Magus). Schwerwiegender war der Osterstreit: Die Inselkirche hielt an einem älteren 84-jährigen Berechnungszyklus für das Osterdatum fest, während Rom und der größte Teil der Christenheit inzwischen den genaueren alexandrinischen 19-jährigen Zyklus (in der Fassung des Dionysius Exiguus) übernommen hatten. So konnten in einem Land das Osterfest und die vorangehende Fastenzeit zu verschiedenen Terminen begangen werden - in Northumbrien feierte der König (nach iroschottischem Brauch) Ostern, während die Königin (nach römischem) noch fastete. Es ging dabei nicht um Glaubensfragen, sondern um die sichtbare Einheit der Kirche im wichtigsten Fest.

Synode von Whitby (664)

Die Synode von Whitby (im northumbrischen Doppelkloster Streanaeshalch, geleitet von der Äbtissin Hilda von Whitby) im Jahr 664 ist das symbolische Schlüsselereignis. König Oswiu von Northumbrien berief sie ein, um den unhaltbaren Zustand zweier Ostertermine in seinem Reich zu beenden. Die iroschottische Seite (vertreten durch Bischof Colmán von Lindisfarne) berief sich auf die Autorität Columbas und des Apostels Johannes; die römische Seite (vertreten durch Wilfrid von York) auf Petrus, dem Christus die "Schlüssel des Himmelreichs" anvertraut hatte. Beda berichtet, Oswiu habe entschieden, lieber dem Türhüter Petrus zu folgen, damit ihm dieser nicht einst das Himmelstor verschließe - eine in ihrer Schlichtheit oft zitierte Begründung. Die Synode entschied sich für die römische Berechnung und Tonsur; Colmán zog sich mit den Unbeugsamen nach Iona und schließlich nach Irland zurück.

Die historische Bedeutung von Whitby wird in der populären Darstellung oft überzeichnet - als "Sieg Roms über die keltische Kirche", als das Ende einer freien, ursprünglichen inselkeltischen Christentumsform. Tatsächlich war Whitby eine Regionalsynode eines einzelnen angelsächsischen Königreichs, die lediglich eine Brauchfrage klärte. Die Angleichung der Osterberechnung vollzog sich ohnehin schon andernorts: Der Süden Irlands hatte den römischen Modus bereits um 630 übernommen, der Norden folgte bis 704, Iona selbst erst 716 (unter dem Einfluss des angelsächsischen Mönchs Ecgberht). Whitby beschleunigte und symbolisierte einen Vereinheitlichungsprozess, der die Inselkirchen organisch in die gesamtwestliche Entwicklung einband - es war keine feindliche Unterwerfung einer Gegenkirche.

Illuminierte Handschriften und Hochkreuze

Die künstlerische und intellektuelle Blüte der inselkeltischen Klöster gehört zu den großen Leistungen des europäischen Frühmittelalters. In den Skriptorien entstand der unverwechselbare insulare Stil - eine Verbindung aus mediterranen christlichen Vorlagen, germanischer Tierornamentik und keltischer Spiral- und Flechtwerkkunst. Die Gipfelwerke sind die illuminierten Evangelienhandschriften: das Book of Durrow (um 680), die Lindisfarne Gospels (um 700, in Northumbrien) und vor allem das Book of Kells (um 800), dessen Teppichseiten, Initialen und figürliche Darstellungen von schwindelerregender Dichte und Meisterschaft sind; es wird heute im Trinity College in Dublin aufbewahrt. Diese Handschriften belegen, wie irrig das Bild einer schlichten, "natürlichen", romfernen Inselkirche ist: Hier wirkte eine hochgelehrte, lateinkundige, kunstvolle Klosterkultur, die das antike Erbe bewahrte und weitergab.

Ebenso charakteristisch sind die steinernen Hochkreuze (High Crosses) - freistehende, oft mehrere Meter hohe Monumentalkreuze, deren Querbalken von einem Steinring umfasst wird (das berühmte "keltische Kreuz" oder Ringkreuz). Bedeutende Beispiele stehen in Monasterboice (Muiredach-Kreuz), in Clonmacnoise und auf Iona. Sie sind reich mit biblischen Szenen und ornamentalen Flechtbändern bedeckt und dienten der Predigt, der Markierung heiliger Bezirke und der Meditation. Über die mögliche vorchristliche Symbolik des Rings (Sonne, Kosmos) ist viel spekuliert worden; sicher ist, dass das Kreuz hier zum Mittelpunkt einer reichen Bild- und Andachtskultur wurde (siehe die Notiz zum Kreuz-Symbol). Hinzu treten Metallarbeiten von höchstem Rang wie der Ardagh-Kelch und die Tara-Brosche. Auch die altirische Schriftkultur - vom Ogham-Alphabet bis zur reichen lateinischen und volkssprachlichen Literatur - gehört in dieses Bild einer keineswegs "primitiven" Klosterzivilisation.

Vergleichende Perspektive

Im Rahmen einer vergleichenden Spiritualität lässt sich das inselkeltische Christentum in mehrere größere Zusammenhänge stellen.

Monastische Askese und das Wüstenerbe. Die iroschottische Askese ist eine westliche Tochter der Wüste. Die Suche nach dem dísert, das Eremitentum auf den Atlantikfelsen, der Kampf gegen die Gedanken, die Tränengabe - all dies hat seine Wurzeln bei den koptischen und syrischen Wüstenvätern und gelangte über Johannes Cassian auf die Inseln. Die peregrinatio radikalisiert das Wüstenideal der anachoresis (des Rückzugs) zur Heimatlosigkeit. Diese Verwandtschaft mit der christlichen Mystik des Ostens, insbesondere mit dem Herzensgebet und seiner beständigen Gottesgegenwart, ist enger als die populäre, romantisierende Darstellung wahrhaben will.

Naturfrömmigkeit und Schöpfungsspiritualität. Der naheliegendste Vergleich ist der mit Franz von Assisi, dessen Sonnengesang die Geschöpfe als "Bruder Sonne" und "Schwester Mond" preist. Beide Frömmigkeitsformen feiern die Schöpfung als Spur Gottes; beide bleiben aber streng theozentrisch und sind weit entfernt von einer pantheistischen oder "ökologischen" Naturreligion im modernen Sinn. Auch die Schöpfungstheologie der Genesis und Hildegards von Bingen viriditas (die "Grünkraft" alles Lebendigen) gehören in dieses Feld. Der nüchterne Vergleich entlarvt gerade die übertriebene Sonderstellung, die man dem "keltischen" Naturgefühl zuschreibt.

Institutionelle Vielfalt der Frühkirche. Die Vorrangstellung des Klosters und des Abts gegenüber dem Bischof zeigt, wie variabel die kirchliche Organisation in der Frühzeit war, ehe sich das einheitlichere lateinische Modell durchsetzte. Ein struktureller Vergleich mit anderen klösterlichen Welten - dem benediktinischen Mönchtum des Westens, der Mönchsrepublik des Berges Athos oder der taoistischen Klostertradition Quanzhen - macht deutlich, dass das Verhältnis von charismatischer Klostergemeinschaft und Amtshierarchie überall neu austariert werden musste.

Das Erbe der vorchristlichen Kelten. Schließlich steht das keltische Christentum in einem Spannungsverhältnis zur älteren druidischen Naturweisheit, zur Anderswelt und zu den keltischen Jahresfesten. Manches wurde aufgenommen (Heilige übernahmen Funktionen früherer Gottheiten wie Brigid; Quellen- und Brunnenkult wurden christlich umgedeutet), vieles verdrängt. Die spätere Gralsdichtung (siehe Arthur und der Gral) verschmilzt keltischen Mythos und christliche Mystik zu einem neuen Ganzen.

Moderne Rezeption: die Konstruktion des "keltischen Christentums"

Die wirkmächtigste und zugleich problematischste Schicht des Themas ist die moderne Rezeption. Schon die protestantische Polemik der Reformationszeit entdeckte in der inselkeltischen Kirche gern eine "ursprüngliche", romunabhängige, gleichsam vorprotestantische Christenheit - ein nützliches Argument gegen die päpstliche Ansprüche. Die Romantik des 19. Jahrhunderts fügte die Begeisterung für das "Keltische" als das Naturhafte, Gefühlvolle, Mystische hinzu (Ernest Renan, Matthew Arnold). Im 20. Jahrhundert schließlich formte sich daraus die regelrechte "Celtic-Christianity"-Bewegung.

Ein Brennpunkt ist die Iona Community, 1938 von dem schottischen Pfarrer George MacLeod gegründet, die das halbverfallene Kloster auf Iona wiederaufbaute und ein sozial engagiertes, liturgisch erneuertes Christentum mit "keltischem" Akzent pflegt. Literarisch besonders einflussreich wurde der irische Priester und Dichter John O'Donohue mit seinem Bestseller Anam Ċara (1997), der den "Seelenfreund" und eine poetisch-mystische keltische Weisheit einem weltweiten Publikum nahebrachte. In ihrem weiteren Umkreis bedient sich auch die New-Age-Bewegung großzügig keltischer Motive - Naturverehrung, weibliche Spiritualität, Schwellenorte ("thin places", Orte, an denen die Trennwand zur anderen Welt dünn sei) -, oft unter Vermischung mit dem Neodruidentum und ohne historische Grundlage.

Die akademische Kritik an dieser Bewegung ist scharf und im Kern berechtigt. Der schottische Gelehrte Donald E. Meek hat in The Quest for Celtic Christianity (2000) gezeigt, wie sehr das gängige Bild eine Projektion moderner Bedürfnisse ist: Das "keltische Christentum" der Ratgeberliteratur ist romfern, demokratisch, frauenfreundlich, naturmystisch, tolerant - kurz: es trägt die Züge der spätmodernen liberalen Spiritualität, die es sucht, und gerade nicht die der historischen Inselkirche, die in Wahrheit asketisch streng, hierarchisch (abtszentriert), bußbetont, gelehrt-lateinisch und rechtgläubig-katholisch war. Auch Ian Bradley, der mit The Celtic Way (1993) zunächst selbst zur Popularisierung beigetragen hatte, hat sich in Celtic Christianity: Making Myths and Chasing Dreams (1999) deutlich von der allzu romantischen Konstruktion distanziert.

Damit ist nicht gesagt, dass die moderne Rezeption wertlos sei - sie hat echtes geistliches und ökumenisches Leben hervorgebracht. Sehr wohl aber gilt: Wer das historische keltische Christentum verstehen will, muss den modernen Konstruktcharakter des populären Bildes durchschauen und beiseitelassen. Eine vergleichbare Mahnung gilt, wie die Einführung in die vergleichende Spiritualität betont, generell beim Umgang mit "wiederentdeckten" alten Spiritualitäten - und sie verbindet das Thema mit der allgemeinen Kritik am Perennialismus und an der Verklärung des "Ursprünglichen".

Fazit

Das keltische Christentum war keine eigene Kirche und keine Gegenkirche, sondern die regionale Gestalt der einen katholischen Christenheit in der keltischsprachigen Welt vom 5. bis 8. Jahrhundert. Seine historisch fassbaren Eigenheiten sind eindrucksvoll genug, ohne der Romantisierung zu bedürfen: ein durch und durch monastisch geprägtes Christentum mit der Vorherrschaft mächtiger Klosterverbände und ihrer Äbte; eine ans Wüstenerbe angebundene radikale Askese, die in der peregrinatio pro Christo die Heimatlosigkeit selbst zum Gebet machte; eine strenge, aber innovative Bußkultur mit Privatbeichte, Bußbüchern und dem anam cara; das Bild des dreifachen (roten, weißen, grünen) Martyriums; die Schutzgebete der Lorica; und eine glanzvolle Klosterkultur, die im Book of Kells und den Hochkreuzen Weltkunst schuf und die Christianisierung von Schottland (Columba, Aidan) bis Oberitalien (Columban) trug. Der Osterstreit und die Synode von Whitby (664) markieren nicht den gewaltsamen Untergang einer freien Inselkirche, sondern ihre organische Eingliederung in die gesamtwestliche Kirchenentwicklung.

Demgegenüber steht das moderne "keltische Christentum" als ein weithin konstruiertes Bild - geboren aus reformatorischer Polemik, romantischer Keltenbegeisterung und spätmoderner Sinnsuche. Die seriöse Würdigung des Themas besteht gerade darin, die echte, sperrige, asketisch-katholische Frömmigkeit der Inselheiligen von ihrer nachträglichen Verklärung zu unterscheiden - und in dieser Unterscheidung selbst eine Lektion vergleichender Religionsgeschichte zu erkennen.